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Von Adamsapfel bis zu den letzten Zügen: Rainer Metzner erschließt rund 280 Wörter der Bibel, die in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind. Er erklärt, welche Begriffe Luther in der Übersetzung neu geprägt hat und wie die Wörter und Wendungen in Sprichwörtern, Liedern und in der Literatur zu geflügelten Worten geworden sind. Ein kurzweiliges Kompendium für alle, die sich mit Herzenslust für die deutsche Sprache interessieren. Die deutsche Sprache ist voller Wörter und Redewendungen, die aus der Bibel stammen. Den meisten von ihnen wie Lockvogel oder Lückenbüßer sieht man die biblische Herkunft nicht mehr an. Bei anderen, etwa der Hiobsbotschaft, ist der Bezug klar, und sie sind auch ohne Bibelkenntnis verständlich. Wörter wie Feuereifer und Machtwort hat Luther für seine Übersetzung neu geprägt. Aber er hat auch «dem Volk aufs Maul geschaut» und so älteren Begriffen wie Denkzettel oder Jammertal einen festen Platz in der deutschen Sprache verschafft. Rainer Metzner hat rund 280 Wörter und Wendungen ausgewählt. Er erklärt, wo sie in der Bibel vorkommen und ob sie den originalsprachigen Begriff wörtlich wiedergeben oder davon abweichen, damit die Menschen "merken, dass man Deutsch mit ihnen redet", wie Luther meinte. Das kleine Lexikon lädt dazu ein, sich von der biblischen Herkunft vieler Wörter unserer Alltagssprache überraschen zu lassen und ihren ursprünglichen Sinn wiederzuentdecken.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Rainer Metzner
Mit Feuereifer und Engelszungen
Kleines Lexikon deutscher Wörter biblischer Herkunft
C.H.Beck
Cover
Inhalt
Textbeginn
Titel
Inhalt
Einleitung
Geflügelte Worte der Bibel
Dem Volk aufs Maul sehen: Die Lutherbibel
Sprachliche Formen
A–Z
A
A und O
Abendmahl
Abrahams Schoß
Abschaum der Menschheit
Adam (der alte Adam)
Adam (seit Adams Zeiten)
Adamsapfel
Adamskostüm
Allerheiligstes
Alles ist eitel
Alles zu seiner Zeit
Almosen
Alt und grau werden
Altweibergeschichten
Amen
Angesicht (von Angesicht zu Angesicht)
Angst und bange
Anker der Hoffnung
Antichrist
Apokalypse
Arche
Augapfel
Auge um Auge, Zahn um Zahn
Auge (ein Auge auf jemanden werfen)
Augen (einem gehen die Augen über)
Augendienerei
Ausposaunen
Axt (die Axt an die Wurzel legen)
B
Babel
Babylon
Sündenbabel
Baptist
Beelzebub
Berge versetzen
Beruf
Blasphemie
Blindenführer, blinder
Blinder (wie ein Blinder im Dunkeln tappen)
Blitz (wie der Blitz)
Blut schwitzen
Blutgeld
Bluthund
Bresche (in die Bresche treten, springen)
Brief, ein ellenlanger
Brot (sein Brot mit Tränen essen)
Buben, böse
Bubenstück
Buch (ein Buch mit sieben Siegeln)
Buchstabe, toter
Burg, ein feste
Buße
C
Charisma
D
Damaskus (sein Damaskus erleben)
Dämon
dämonisch
David und Goliath
Denkzettel
Diaspora
Dieb (wie ein Dieb in der Nacht)
Doppelt und dreifach
Dorn (ein Dorn im Auge)
E
Eckstein
Eden
Elfenbeinturm
Ende mit Schrecken
Engel, ein gefallener
Engelszungen
Erzbösewicht
Exodus
F
Fallstrick
Faust, Fäustchen
Feigenblatt
Feuereifer
Feuerprobe
Feuertaufe
Finger (keinen Finger rühren)
Finsternis, ägyptische
Fittich
Fleischtöpfe Ägyptens
In Frieden ruhen (Ruhe in Frieden)
Friedenstaube
Frucht, verbotene
Furcht und Zittern
Füße (mit Füßen treten)
Fußstapfe (in jemandes Fußstapfen treten)
G
Gang und gäbe
Geist (den Geist aufgeben)
Geister, dienstbare
Gericht (ins Gericht gehen)
Gericht (Jüngstes Gericht)
Gespött (zum Gespött der Leute werden)
Gestern (von gestern sein)
Gewissensbiss
Gewogen und zu leicht befunden
Gift und Galle
Goldene Regel
Goldwaage
Götze
Grube (in die Grube fahren)
Grube (jemandem eine Grube graben)
H
Haare (die Haare stehen zu Berge)
Halleluja
Hände (auf Händen tragen)
Hände (seine Hände in Unschuld waschen)
Haus (sein Haus bestellen)
Heidenlärm
Heller (bis zum letzten Heller)
Herz (auf Herz und Nieren prüfen)
Herz (das Herz auf der Zunge tragen)
Herz (das Herz zerreißen)
Herz (ein Herz und eine Seele)
Herz (einem das Herz stehlen)
Herz (sein Herz ausschütten)
Herz (sich etwas zu Herzen nehmen)
Herzenslust
Heulen und Zähneklappern
Hierher (bis hierher und nicht weiter)
Himmel (aus allen Himmeln fallen)
Himmel (im siebten Himmel)
Himmel und Erde
Himmelsleiter (Jakobsleiter)
Hiobsbotschaft (auch Hiobsnachricht)
hoch (jemandem zu hoch sein)
Hoffnung (guter Hoffnung
guter Dinge sein)
Hölle (zur Hölle fahren)
Holocaust
Hosianna (Hosanna)
Hund, ein stummer
J
Ja und Amen
Jahrmarkt des Lebens
Jammertal
Jeremiade
Jordan (über den Jordan gehen)
Josef (keusch wie Josef)
Jota (kein Jota abweichen)
Jubeljahr (alle Jubeljahre einmal)
Judas
Jugendsünden
K
Kainsmal
Kainszeichen
Kalb (das goldene Kalb; Tanz um das goldene Kalb)
Kamel (ein Kamel durch ein Nadelöhr)
Kind des Todes
Klerus
Koloss (ein Koloss auf tönernen Füßen)
Kopf (den Kopf hängen lassen)
Kopf (den Kopf über jemanden schütteln)
Kopf (über den Kopf wachsen)
Krämervolk
Krethi und Plethi
Kreuz (sein Kreuz tragen)
L
lammfromm
Land (das gelobte Land)
Land (das Land, darin Milch und Honig fließt)
Lästermaul
Leben (mit dem Leben davonkommen)
Leid (sein Leid in sich fressen)
Leviatan
Leviten (jemandem die Leviten lesen)
Licht (jemandem geht ein Licht auf)
Licht (sein Licht unter den Scheffel stellen)
Lilie (die Lilien auf dem Felde)
Links (etwas links liegen lassen)
Linsengericht
Lippenbekenntnis
Lockvogel
Löwe (wie ein Löwe brüllen)
Löwengrube (Daniel in der Löwengrube)
Lückenbüßer
Luzifer
M
Machtwort
Mammon, Mammonsdienst
Mark und Bein
Märtyrer
Martyrium
Matthäi am Letzten
Maul (das Maul halten, stopfen)
Menetekel
Menschenfischer
Methusalem
Mohrenwäsche
Moloch
Mördergrube
Morgenland
Morgenstern
N
Neues (Nichts Neues unter der Sonne)
Nimmersatt
Nimrod (ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn)
O
Onanie
P
Paradies
Pastor
Patriarch
Patriarchat
Perlen vor die Säue werfen
Pfahl im Fleisch
Pfund
Pharisäer
Philister
Pontius Pilatus (von Pontius zu Pilatus laufen)
Posaunenengel
Prediger (Rufer) in der Wüste
Prophet (ein Prophet gilt nichts im Vaterland)
R
Rat und Tat
Räuber (unter die Räuber fallen)
Recht (das Recht beugen, verdrehen)
Richtschnur
Rücken (den Rücken bläuen)
Rüstzeug
S
Sabbatjahr
Sack (in Sack und Asche)
Salz der Erde
Salzsäule (zur Salzsäule werden)
Samariter, barmherziger
Sand (auf Sand bauen)
Sand (wie Sand am Meer)
Sauer (das Leben sauer machen)
Saulus (aus Saulus ein Paulus werden)
Schaf (das schwarze Schaf)
Schandfleck
Scheitel (vom Scheitel bis zur Sohle)
Schelle, klingende
Scherflein
Schibbolet
Schiffbruch erleiden
Schlaf (der Schlaf des Gerechten)
Schnee (weiß wie Schnee)
Schulden (mehr Schulden als Haare auf dem Kopf)
Schuppen (wie Schuppen von den Augen fallen)
Schweiß (im Schweiße seines Angesichts)
Schwert, zweischneidiges
Schwerter zu Pflugscharen
Sintflut
Sündflut
vorsintflutlich
Nach mir die Sintflut
Sodom und Gomorra
Sodomie
Sohn, der verlorene
Sprachverwirrung, babylonische
Spreu (die Spreu vom Weizen trennen)
Stachel (wider den Stachel löcken)
Stein (den ersten Stein werfen)
Stein (ein Stein des Anstoßes)
Stein (kein Stein auf dem andern bleiben)
Steinwurf (einen Steinwurf weit)
Strom (gegen den Strom schwimmen)
Stückwerk
Sündenbock
T
Taufe
Tausendjähriges Reich
Teil (das bessere Teil erwählen)
Teufel (Der Teufel ist los)
Thomas, ein ungläubiger
Tod (zu Tode betrübt)
Tohuwabohu
Treu und Glauben halten
Tüpfelchen (das Tüpfelchen auf dem i)
U
Unbekannte, der große
Unkraut zwischen den Weizen säen
Unrecht (ein himmelschreiendes Unrecht)
Unschuldslamm
Urteil, salomonisches
W
Wasser (das Wasser geht bis zum Hals)
Wege, krumme
Wetterwendisch
Wind (in alle Winde zerstreut; vom Winde verweht)
Wind (in den Wind reden)
Wind säen, Sturm ernten
Wind (wissen, woher der Wind weht)
Wissen (weder aus noch ein wissen)
Wolf (ein Wolf im Schafskleid)
Wort (viele Worte machen)
Wortführer
Wüste (in die Wüste schicken)
Z
Zähne (die Zähne zusammenbeißen)
Zeichen (die Zeichen der Zeit verstehen)
Zeichen (Zeichen und Wunder)
Zeit (zur Zeit oder zur Unzeit)
Zug (in den letzten Zügen liegen)
Zunge (die Zunge im Zaum halten)
Zweig (auf keinen grünen Zweig kommen)
Anhang
Abkürzungen
Biblische Bücher
Außerbiblische Quellen
Lexika
Weitere Abkürzungen
Literatur
Personenregister
Zum Buch
Vita
Impressum
Die Bibel enthält große Textgattungen wie Erzählungen, Rechtssammlungen, prophetische Reden, Lieder (Psalmen), Spruchsammlungen, Evangelien, Briefe und Apokalypsen. Darin enthalten sind Kleinformen wie Anekdoten, Genealogien, Wundergeschichten, Gleichnisse, Sprüche, Gebete und Hymnen. Innerhalb dieser Textsorten finden sich kleinste sprachliche Einheiten mit fester Prägung. Zu ihnen gehören einzelne Wörter, Formeln und Redewendungen. Viele von ihnen sind in die Umgangssprache übergegangen, weil sie kurz, geschliffen, anschaulich, griffig, einprägsam sind. Das betrifft nicht nur die Mikroformen und -texte innerhalb der Bibel, die Gegenstand dieses Lexikons sind. Auch die Bibel selbst ist unter einem seit dem 18. Jahrhundert belegten formelhaften Ausdruck bekannt: das Buch der Bücher (2DWB 5, 932f). Er hat einen doppelten Sinn: Erstens besteht die Bibel aus vielen einzelnen Büchern (66 Schriften in der Lutherbibel, 76 mit Apokryphen), die im Laufe der Zeit verbindlich zusammengestellt wurden. Der Name Bibel ist von biblia abgeleitet, dem griechischen Begriff für Bücher (Plural). Der Singular lautet biblion (Buch, Schrift, Dokument). Bereits einige Schriften der Bibel nennen sich selbst Buch (Mt 1,1; Offb 22,18f). Zweitens besagt die Formulierung das Buch der Bücher, dass die Bibel das wichtigste, das eigentliche Buch ist. Sie ist heute der in die meisten Sprachen übersetzte Text der Welt (Zahlen bei Göttert 18–25). Das eine sagt etwas über die Bibel als Sammelwerk, das andere über seine Bedeutung aus (vgl. Schmid/Schröter 19–22).
Das vorliegende Lexikon stellt eine Reihe von Wörtern, Ausdrücken und sprachlichen Verbindungen vor, die sich aus den textlichen Zusammenhängen der einzelnen biblischen Bücher gelöst haben und in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind. Dort sind sie zu geflügelten Worten geworden, das heißt zu Worten, die sich wie auf Flügeln verbreiten und allseits bekannt sind (nach Homer: epea pteroenta, «mit Flügeln versehene Wörter», vgl. Neuer Büchmann 299). Als der Berliner Gewerbeoberlehrer Georg Büchmann 1864 seine inzwischen in mehrfachen Auflagen erschienene und von Bearbeitern vermehrte Sammlung «Geflügelte Worte. Der Zitatenschatz des deutschen Volkes» veröffentlichte, setzte er die landläufigen Zitate der Bibel an den Anfang seiner Sammlung aus klassischer Literatur und Geschichte, weil kein Werk der Literatur unsere Sprache so nachhaltig beeinflusst hat wie die Bibel (Neuer Büchmann 1). Büchmann, dessen Buch sehr erfolgreich wurde, zählte zu den geflügelten Worten ohne Unterschied alle bekannten Ausdrücke, Namen, Wendungen, Redensarten, Aphorismen, Sentenzen, Sprichwörter und Zitate, die von nachweisbaren Verfassern oder Quellen ausgegangen sind. So reichte die Sammlung von einzelnen Wörtern über Wortgruppen bis hin zu vollständigen Sätzen.
Dieses Lexikon beschränkt sich auf die geprägten Wörter und Verbindungen der Bibel, die, losgelöst vom biblischen Kontext, in der Umgangssprache ein eigenes Leben entfaltet haben. «All die Ausdrücke wie Rüstzeug, Denkzettel, wetterwendisch, Feuertaufe, Machtwort, Schandfleck, Lückenbüßer, Gewissensbisse, Lästermaul, Lockvogel, all die zusammengebissenen Zähne, das Ausposaunen und das Tappen im Dunkeln haben Farbe in die Sprache gebracht und sind heute bereits zu Gemeinplätzen geworden» (Lange 132; weitere Beispiele bei Göttert 430–435). Sie begegnen nicht nur in den literarischen Werken der Dichter und Denker, sondern auch, mitunter parodiert und witzig verfremdet, in volkstümlichen Gebrauchstexten wie Zeitungsartikeln, Schlagern, Kalender- und Werbesprüchen, Karikaturen, Graffiti, Aufklebern, Plakaten und sozialen Medien, wo sie, oft ohne bewussten Rückgriff auf die Bibel, ihr eigenständiges Dasein in neuen Kontexten führen (Mieder 2014, 10f, 30f). Wer heute eine Hiobsbotschaft erhält, weiß, dass sie nichts Gutes bringt, selbst wenn die Hintergründe der biblischen Hiobsgeschichte nicht mehr bekannt sind. Die Bibel ist aber nicht nur in Ausdrücken präsent, deren Ursprung wie im Fall der Hiobsbotschaft oder religiöser Wendungen wie Amen, Halleluja oder Hosianna auf der Hand liegt. Oft sind es auch allgemeine, nichtreligiöse Ausdrücke wie etwas links liegen lassen, Gift und Galle spucken, den Kopf hängen lassen oder Schiffbruch erleiden, die durch die Lutherbibel in den Sprachgebrauch gelangt sind.
Bemerkenswert ist dabei, dass der Gebrauch der Bibelsprache nicht zwingend an eine religiöse Bindung gekoppelt ist. Zwar ist die kirchliche Sozialisierung oft ein prägender Faktor für Bibelkenntnisse, doch diese können auch dann noch eine bestimmende Rolle im Denken spielen, wenn die christliche Werteordnung abgelehnt wird. Das ist zum Beispiel bei dem Pfarrerssohn und Atheisten Friedrich Nietzsche der Fall, der die Lutherbibel sprachlich als das bisher «beste deutsche Buch» schätzte (Jenseits von Gut und Böse, Achtes Hauptstück, Nr. 247) und sich die Freiheit nahm, biblische Redensarten und Sprichwörter zu verfremden, um überlieferte christliche Moral- und Wertvorstellungen zu kritisieren. Für das biblische Sprichwort «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein» findet sich bei ihm eine Parodie seines Helden Zarathustra: «Nur gerade Brot haben Einsiedler nicht. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch vom Fleische guter Lämmer, deren ich zwei habe» (Also sprach Zarathustra, 4. Teil: Das Abendmahl).
Zu denken ist auch an Bertolt Brecht, der die Kirche als Instrument der (kapitalistisch) Herrschenden kritisierte, in jungen Jahren aber durch seine Großmutter mit der Bibel vertraut wurde, Gottesdienste besuchte und zeitlebens die Bibel gründlich studierte. Er schätzte ihre Sprachkraft und ihre Bedeutung als Geschichtenbuch über das Menschenschicksal: «Meine Lieblingslektüre? Sie werden lachen: die Bibel» (Die Dame, Ullstein Verlag, Beilage: Die losen Blätter, Heft 1, 1.10.1928, 16). Brecht zieht die Bibel in seinen Werken gerade deshalb heran, weil er anhand von Entstellungen biblischer Ausdrücke und Sprichwörter zeigen kann, wie das Leben gerade nicht nach den Vorschriften der Bibel verläuft (Mieder 2014, 10). Für das bekannte Sprichwort «Der Mensch denkt, Gott lenkt» findet sich bei ihm die Parodie «Der Mensch denkt: Gott lenkt. Keine Red davon!» (Mutter Courage und ihre Kinder: «Lied von der Großen Kapitulation»).
Das Besondere biblischer Wörter, Redewendungen und Sprichwörter ist, dass sie auch und gerade in ihrer entfremdeten Form wirksam geworden sind. Gelegentlich, so meine Beobachtung, werden sie heute auch von Menschen im Munde geführt, die überhaupt keine kirchliche Sozialisation oder literarische Bildung aufweisen. Ihnen ist nicht bewusst, dass sie in Bibelworten sprechen. Den meisten biblischen Redewendungen ergeht es so wie verbreiteten Redensarten allgemein: Das Wissen um ihren Ursprung geht verloren. Der Gebrauch biblischer Redewendungen «ist längst kein Zeichen der Bibelfestigkeit mehr, sondern Merkmal der Redensart ist gerade das Nicht-mehr-Wissen um die Quelle, im Unterschied zum Bibelzitat» (Röhrich 29).
Die oben genannten Beispiele von Nietzsche und Brecht sind ein Beleg dafür, dass die eigentümlichen Wörter und Wendungen der Bibel in den literarischen Werken der Dichter und Denker eine eigenständige Wirkung erzielt haben. Dort treten sie nicht isoliert auf wie in Sammelwerken und Lexika, sondern nach ihrem eigentlichen Sinn und Zweck in konkreten Zusammenhängen. So bleiben sie der Nachwelt lebendig erhalten. Die Artikel dieses Lexikons enthalten daher auch Beispiele für die Verwendung von biblischen Begriffen und Redensarten in Literatur, Philosophie, Lieddichtung und Geschichtsschreibung. Sie zeigen, wie sehr die Lutherbibel die deutsche Sprache beeinflusst hat. «Kein anderer Text hat mit seiner Sprache so intensiv auf die Literatur eingewirkt wie Luthers Bibeldeutsch. Dies bezeugen Dichter und Denker unserer Geistesgeschichte in vielen Äußerungen. Das ist das große Erbe bis heute» (Besch 2000, 1740).
Martin Luther (1483–1546) hat für die Verbreitung der neuhochdeutschen Schriftsprache eine bestimmende Rolle gespielt. Der wichtigste Faktor dafür wurde die Bibel. Zwar gab es bereits vor Luther deutschsprachige Bibeln – man hat insgesamt 72 (Teil-)Übersetzungen seit dem 8. Jahrhundert gezählt –, doch waren diese oft nur Übersetzungen von Übersetzungen mit zum Teil schwer verständlichen Texten. Luther schuf mit seiner Übersetzung in klarem Deutsch ein volkssprachliches Buch, das bis heute eine von keinem anderen deutschen Buch eingeholte Wirkung erzielt hat (Wolf 1980; Arndt/Brandt; Käßmann/Rösel; Wolf 2017; Günther). Auf Anregung seines Kollegen und Freundes Philipp Melanchthon übersetzte er 1522 das Neue Testament in nur elf Wochen. Die Übersetzung des Alten Testaments brauchte länger. An der Ausarbeitung der vollständigen Bibel waren mit den Ausgaben von 1534 und 1545 (letzte Hand) neben dem Gräzisten Melanchthon noch weitere Wittenberger Kollegen wie der Hebraist Matthäus Aurogallus, die Theologen Caspar Cruciger, Justus Jonas und andere beteiligt. Die Übersetzung der Bibel war also ein Teamwork, das Luther leitete (vgl. Risch 40–48; Göttert 296–306; Michel). Für ihn war die Rücksicht auf die deutsche Volkssprache als Zielsprache ein wesentliches Kriterium der Übersetzung. Die Übersetzung sollte von den Originalsprachen (Hebräisch, Griechisch) ausgehen, nicht von der in der mittelalterlichen Kirche über Jahrhunderte üblichen lateinischen Bibel, der sogenannten Vulgata («die Allgemeine»), die vielfach nur eine Überarbeitung vorhandener lateinischer Versionen war. In seinem «Sendbrief vom Dolmetschen» (1530) schreibt Luther:
Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man Deutsch reden soll, wie diese Esel (die Papisten, Anm.) tun, sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markte darüber befragen und ihnen auf das Maul sehen, wie sie reden, und danach dolmetschen. So verstehen sie es dann und merken, dass man Deutsch mit ihnen redet. (Weimarer Ausgabe 30/2, 637)
Dem Volk aufs Maul sehen bzw. Deutsch mit ihnen reden heißt jedoch nicht, dem Pöbel nach dem Munde zu reden, sondern die biblische Herkunftssprache in eine flüssige Syntax nahe der Sprechsprache des Volkes zu formen (Jakob 20; Günther 110; Mieder 2018, 13–29). Die lebendige Alltagssprache wird somit zum Kriterium des Dolmetschens zwischen biblischer Originalsprache und muttersprachlicher Wortgestalt. Sofern das Wortwörtliche des Textes nicht mehr verständlich ist, sollte nach Luther frei übersetzt werden, um dessen Sinn zu verdeutlichen: So wörtlich wie möglich, so frei wie nötig (vgl. Wolf 1980, 101–111; Besch 2014, 41–48; Spehr; Göttert 288–296; Günther 28–33).
Um die Sprechsprache des Volkes besser zu verstehen und in die Übersetzung der Bibel einfließen zu lassen, bat Luther 1522 seinen Freund Spalatin, «ihm mit einfachen, volkstümlichen Redensarten auszuhelfen, nicht aber mit Hof- und Schlosswörtern, denn Einfachheit müsse der Schmuck der Bibel sein» (Weimarer Ausgabe, Briefwechsel 2, 489f). Um 1530 stellte er sich eine eigene Sammlung von 489 volkstümlichen Redensarten und Sprichwörtern zusammen, die ihm bei seiner Übersetzung Hilfe leistete (vgl. Thiele; Moser 66–70; Cornette 16–22; Câmpian). Er und seine die Bibel übersetzenden Mitarbeiter sind also nicht immer die Erfinder der Ausdrücke, Redensarten und Sprichwörter. Vielfach reichen sie in die vorliterarische Zeit zurück, so dass der oder die eigentlichen Urheber unbekannt sind. Sie können durch wandernde Kleriker an Klosterschulen, durch Spielleute, Handwerker, Händler, Seeleute, Soldaten in den deutschsprachigen Regionen verbreitet worden sein, auch wenn die genauen Wanderwege nicht mehr festzustellen sind. Solche älteren Verbindungen sind zum Beispiel Denkzettel, Jammertal oder sich ins Fäustchen lachen, die bereits vor Luther belegt sind. Andere Ausdrücke verdanken sich der Sprachmächtigkeit Luthers. Zu ihnen gehören Neubildungen (Neologismen), die im Zuge seiner Bibelübersetzung entstanden sind. Luther bevorzugt Komposita wie Augendienerei, Feuereifer, Feuertaufe, Herzenslust, Lästermaul, Lockvogel, Lückenbüßer, Machtwort, Mördergrube, Morgenland, Schandfleck und wetterwendisch. Die Lutherbibel hat wesentlich zur volkstümlichen Verbreitung der älteren sowie der von Luther geschaffenen biblischen Idiome beigetragen. (Zur Verbreitung der biblischen Idiome in Europa und darüber hinaus vgl. Piirainen 2012, 171–254; dies. 2016b, 590–610.)
Weil Luther und seine Kollegen bei der Übersetzung der Bibel zwar eine wortgetreue, nicht aber eine wortwörtliche, sondern eine volksnahe Übersetzung anstrebten, sind die hier zu behandelnden Wörter und Wendungen auch nicht alle wortwörtliche Übersetzungen der hebräischen oder griechischen Originalsprache. Es finden sich auch Übertragungen oder Anspielungen auf biblische Texte. Für die drei zu unterscheidenden Fälle (wortwörtlich, übertragen, Anspielung) hier einige Beispiele:
Eine wortwörtliche Übersetzung liegt dann vor, wenn biblische Originalsprache und deutsche Zielsprache wörtlich übereinstimmen. Die Redewendung alt und grau werden steht so wortwörtlich im hebräischen Text von 1. Samuel 12,2. Hier gab es für Luther und seine Kollegen keinen Anlass, neu zu formulieren. Die Paarformel alt und grau ist sowohl verständlich als auch «volkstümlich».
Der zweite Fall einer (freien) Übertragung liegt dann vor, wenn die originalsprachliche Wendung weniger verständlich ist und in der Zielsprache einer Neuformulierung bedarf, die den Sinn der ursprachlichen Verbindung trifft. Zum Beispiel ist in Genesis 23,16 und 2. Könige 12,5f in der Lutherbibel von Geldzahlungen die Rede, wie sie gang und gäbe sind. Die Paarformel gang und gäbe (Alliteration) ersetzt das etwas sperrige hebräische Original, das vom Geld spricht, «wie es bei Händlern umläuft».
Der dritte Fall einer Anspielung liegt vor, wenn die Wendungen zwar von biblischen Texten, Gestalten und Geschichten veranlasst sind, als solche aber im Text nicht vorkommen. So ist die Redensart von Pontius zu Pilatus laufen ein scherzhaftes, vermutlich auf mittelalterliche Passionsspiele zurückgehendes Wortspiel, das auf das ergebnislose Verhör Jesu vor Pilatus anspielt (Lukasevangelium 23,6–12). Auch als Redensart bekannt gewordene Überschriften zu biblischen Texten, die sowohl in den Bibelhandschriften als auch in der letzten von Luther selbst verantworteten Bibel von 1545 noch fehlen und erst in den kirchenamtlichen Revisionen der Lutherbibel als Lese- und Verstehenshilfen beigefügt wurden, gehören hierher, etwa David und Goliath (1. Samuel 17), Ein feste Burg (Psalm 46) oder Daniel in der Löwengrube (Daniel 6). Nur in wenigen Fällen der Anspielungen wie bei Nach mir die Sintflut sind die Urheber der Formulierungen bekannt, in diesem Fall die Marquise de Pompadour.
Oft ist die sprachliche Form der Verbindungen, die sich in der Lutherbibel finden, vertrauter als in anderen deutschen Bibeln. So etwa im Fall der Wendung Alles ist eitel (Prediger 1,2; 12,8), die die katholische Einheitsübersetzung (2016) mit Alles ist Windhauch und die Zürcher Bibel (2007) mit Alles ist nichtig wiedergeben. Berühmt geworden sind Luthers Weisen aus dem Morgenland (Matthäusevangelium 2,1), die in der Einheitsübersetzung als Sterndeuter aus dem Osten vorgestellt werden. Luthers Formulierung unter die Räuber fallen (Lukasevangelium 10,30) lautet in anderen Bibelübersetzungen Räubern in die Hände fallen (Menge-Bibel) oder von Wegelagerern überfallen werden (Neue Genfer Übersetzung). Viele Menschen, die mit der Lutherbibel groß geworden sind, werden nur ungern auf ihre poetischen Übersetzungen verzichten wollen. Zu ihnen gehören etwa «Der Herr ist mein Hirte» (Psalm 23) und der Beginn der Weihnachtsgeschichte: «Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde» (Lukasevangelium 2,1).
Aufgrund ihrer Verbreitung im deutschen Sprachraum war die Lutherbibel weniger an regionale Grenzen gebunden. Lange Zeit blieb sie das einzige Buch in vielen deutschen Häusern. Dort und in den Kirchen wurde sie laut gelesen, viele Texte wurden mit dem Hören gelernt. Gemeinsam mit Katechismus, Predigten und Kirchenliedern Luthers ist seine Bibel für lange Zeit ein Sprachvorbild geworden, das normierend gewirkt hat. Über dreihundert Jahre lang im Wortlaut nahezu unverändert, war sie maßgebliche Schullektüre, prägte als Wiedergebrauchsrede das Sprachempfinden von Generationen von Menschen. «Hier dürfte der Schlüssel für die vielen idiomatischen und stereotypen Wendungen liegen, die das moderne Deutsch Luther verdankt» (Wolf 1980, 70; vgl. Risch 30–40; Besch 2000, 1713–1745; ders. 2014; Holznagel 170–192; Hundt 39–67).
