Mit Gott neu beginnen - Michael Schüßler - E-Book

Mit Gott neu beginnen E-Book

Michael Schüßler

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Beschreibung

Zeit ist kein stabiler, überzeitlicher Faktor mehr, sondern selbst dem zeitlichen Wandel unterworfen: Unübersichtlichkeit, Beschleunigung und Flexibilität sind die temporalen Stichworte der Gegenwart. Beschleunigte und verflüssigte Zeitstrukturen bedeuten aber keineswegs das Ende von Kirche und Theologie, sondern fordern dazu auf, in jedem Ereignis mit Gott neu zu beginnen. Die Zeitdimension der Pastoral und der Theologie ist daher neu zu entdecken. Wenn jedes Ereignis im Leben die Möglichkeit von Veränderung und Neuanfang enthält, wird aus "befristeter Zeit" "von Gott eröffnete Zeit". Christliche Zeitpraktiken werden geprägt durch die schöpferische Gabe des Neubeginns.

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Seitenzahl: 718

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Zeit ist kein stabiler, überzeitlicher Faktor mehr, sondern selbst dem zeitlichen Wandel unterworfen: Unübersichtlichkeit, Beschleunigung und Flexibilität sind die temporalen Stichworte der Gegenwart. Beschleunigte und verflüssigte Zeitstrukturen bedeuten aber keineswegs das Ende von Kirche und Theologie, sondern fordern dazu auf, in jedem Ereignis mit Gott neu zu beginnen. Die Zeitdimension der Pastoral und der Theologie ist daher neu zu entdecken. Wenn jedes Ereignis im Leben die Möglichkeit von Veränderung und Neuanfang enthält, wird aus 'befristeter Zeit' 'von Gott eröffnete Zeit'. Christliche Zeitpraktiken werden geprägt durch die schöpferische Gabe des Neubeginns.

PD Dr. Michael Schüßler ist wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen.

Michael Schüßler

Mit Gott neu beginnen

Praktische Theologie heute

Herausgegeben von Gottfried Bitter Kristian Fechtner Ottmar Fuchs Albert Gerhards Thomas Klie Helga Kohler-Spiegel Isabelle Noth Ulrike Wagner-Rau
Band 134

Michael Schüßler

Mit Gott neu beginnen

Die Zeitdimension von Theologie und Kirche in ereignisbasierter Gesellschaft

Gedruckt mit Unterstützung des Styria-Fonds der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Graz, der Erzdiözese Bamberg, der Diözese Graz-Seckau und der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Alle Rechte vorbehalten © 2013 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Reproduktionsvorlage: Andrea Siebert, Neuendettelsau Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany

Print: 978-3-17-023410-9

E-Book-Formate

pdf:

epub:

978-3-17-027212-5

mobi:

978-3-17-027213-2

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Einleitung

1. Zeit als Problemhorizont der Praktischen Theologie

2. Zeit und Raum

3. Der Bezugshorizont Zeit: Ein rhizomatisches Tableau

3.1 Naturwissenschaftliche Zeitkonstruktionen

3.2 Philosophische Zeitdiskurse

3.3 Geschichtstheoretische Zeitkonzepte

3.4 Sozial- und kulturwissenschaftliche Zeitanalysen

4. Stand der Forschung: Zur Formatierung des theologischen Zeitdiskurses

4.1 Zeitdifferenzen: Über die temporalen Unterscheidungen der Theologie

4.2 Zeitlinien: Grundtendenzen des theologischen Zeit-Denkens

4.3 Zeitenwende: Praktische Wende des theologischen Zeit-Diskurses?

5. Methodiken

5.1 Zeitpraktiken als Basis einer Praktischen Theologie der Zeit

5.2 Praktisch-theologische Dispositivanalyse der Zeit

5.3 „Crossing“: Theologie als Kreuzen der Grenze

II. Vom Dispositiv der Ewigkeit zum Dispositiv der Geschichte: Die moderne Umstellung christlicher Zeitkonstellationen als Dynamisierung der Dauer

1. Die vormoderne Zeitkonstellation als Dispositiv ewiger Dauer

2. Die Zeit der Moderne als Kränkung des christlichen Ewigkeitsdispositivs

2.1 Zeitstrukturen und Zeitdiskurse der Moderne

2.2 Das Dispositiv ewiger Dauer als temporale Defensivreaktion

2.3 Das Dispositiv der Geschichte als verspätetes Update im kirchlichen Zeitbezug

2.3.1 Die Zeitsignatur moderner Theologie

2.3.2 Gaudium et spes: Das kirchliche Lehramt in modernen Zeiten

2.3.3 Moderne Zeitstrukturen in der pastoralen Praxis

2.4 Zwischenresümee: Vom Ewigkeitsdispositiv zum Geschichtsdispositiv

III. Paradoxale Dynamik: Die ereignisbasierte Verzeitlichung von Leben und Welt in der Gegenwart

1. Zeitpraktiken und Temporalstrukturen der Gegenwart

1.1 Beschleunigung und Verzögerung im rasenden Stillstand

1.1.1 Technik, sozialer Wandel und Lebenstempo im Beschleunigungzirkel

1.1.2 Geld, Macht und Glaube als Beschleunigungsmedien

1.1.3 Paradoxien der Entschleunigung: Kleine Topographie der Verlangsamung

1.2 Verzeitlichung der Zeit: Eine Revolution des Raum-Zeit-Dispositivs

1.2.1 Vom uniformen Diktat der Uhr zur Pluralität konkurrierender Eigenzeiten

1.2.2 Vom linearen Zeitpfeil zur Entkopplung der Zeithorizonte

1.2.3 Von stabilen Zeitsequenzen zu situativer Gleichzeitigkeit

1.3 Zeit im Ereignis: Zur Dekonstruktion von Identität und Geschichte

1.4 Temporale Biomacht und Exklusion im flexiblen Netzwerkkapitalismus

1.4.1 Flexibler Kapitalismus in Zeiten der Netzwerkgesellschaft

1.4.2 Temporale Biomacht im Inklusionsbereich

1.4.3 Temporale Konflikt- und Exklusionsdynamiken

2. Das Ereignis denken: Zeitstrukturelle Konvergenz diskursiver Leittheorien

2.1 Die Öffnung der Zeit zum Ereignis beim späten Heidegger

2.2 Michel Foucault: Die Rückkehr des Ereignisses in den Diskurs

2.3 Niklas Luhmann: Ereignisbasierte Beobachtung der Gegenwart

2.4 Jacques Derrida: Die Verzeitlichung der Metaphysik durch Ereignisdenken

3. Materialität der Zeit: Im Ereignisdispositiv wohnen und leben

4. Resümee: Das Ereignisdispositiv der nächsten Gesellschaft

4.1 Vom Geschichts- zum Ereignisdispositiv

4.2 Postsäkulare Permanenz der Ewigkeit

IV. Zwischen Geschichte und Ereignis: Analysen zur prekären Lage von Theologie und Pastoral im Zeitdispositiv paradoxaler Dynamik

1. Zur Krise der temporalen Formatierung des theologischen Diskurses

1.1 Ausgangspunkt: Eschatologie als Temporalisierungsprogramm des Christentums

1.1.1 Erster Strang: Eschatologie als existenzialer Augenblick des Subjekts

1.1.2 Zweiter Strang: Eschatologie als Geschichte Gottes mit den Menschen

1.1.3 Rhizom: Öffnung des theologischen Zeitdenkens

1.2 Exemplarische zeittheologische Positionen

1.2.1 Diskursiver Fixpunkt: Temporale Dramatisierung bei Johann B. Metz

1.2.1.1 Zeittheologische Genealogie des Metzschen Diskurses

1.2.1.2 Temporal-theologische Thesen: Mit Metz über Metz hinaus

1.2.2 Eschatologische Zeitpastoral (Ottmar Fuchs)

1.2.3 Kinethik als Re-Embedding der Zeit in das Projekt der Moderne (Hans-Joachim Höhn)

1.2.4 Seelsorge als Orthopraxie der Hoffnung (Stefan Gärtner)

1.2.5 Diachrone Eschato-Praxis in der Spur von Levinas

2. Temporale Praktiken als Problem des kirchlichen Organisationssystems

3. Zwischenbilanz: Der schwere Abschied aus dem Zeitdispositiv der Moderne

3.1 Die Zeit der Gegenwart als Kränkung moderner Theologie und Pastoral

3.2 Die Kluft zwischen zeitpastoralen Diskursen und Praktiken

3.3 Zeittheologische Spuren ins Ereignis-Dispositiv

V. Exemplarische Studien zur Transformation von Pastoral und Theologie im Ereignis-Dispositiv

1. Zeittheologische Vergewisserungen

1.1 Gott als Ereignis

1.2 Tableau zeittheologischer Wegmarken

2. Kinder: Religiöse Bildung als Eröffnung von Gegenwart

2.1 Zur Entdramatisierung der Gegenwart in der Kinderpastoral

2.1.1 Die zeitliche Dramatisierung der Kindheit in Pädagogik und Pastoral

2.1.2 Spuren ereignisbasierter Erziehung und Pastoral

2.2 Weltbeheimatung und Horizonteröffnung: Gott als Ereignis im Leben der Kinder

2.2.1 Ein neues Bildungskonzept in der frühen Kindheit

2.2.2 Frühkindliche Religionspädagogik am Ende des Geschichtsdispositivs

2.2.3 Ereignisbasierte christliche Bildung: Perspektiven einer Neuformatierung

3. Leben: Christliche Existenz in den temporalen Dilemmata der Gegenwart

3.1 Angeknackstes Leben: Zeitpraktiken jenseits von Bruch und Kontinuität

3.1.1 Vom Knacks in der Zeit

3.1.2 Die schwachen Spuren angeknackster Theologie

3.2 Entschleunigen und vereinfachen? Zur Dekonstruktion pastoraler Uchronien

3.2.1 Drei zeitpastorale Sehnsüchte

3.2.2 Postheroische Zeitpraktiken

3.3 Heterochrone Kairotope – Die wirkliche Möglichkeit anderer Zeiten

4. Welt: Theologische Perspektiven mikropolitischer Pastoral

4.1 Das Wagnis einer Politischen Theologie nach dem Ereignis „9/11“

4.2 Grenzen des ideologiekritischen Protests gegen die Paradoxien der Zeit

4.3 Vom Erlebnis der Betroffenheit zur affektiven Politik pastoraler Ereignisse

4.4 Temporäre Aktionen des Dringlichen: Spielräume mikropolitischer Pastoral

5. Kirche: Liquid Church als ereignisbasierte Formation von Kirche

5.1 Liquid Church: Ein Leitbegriff für kirchliche Sozialstrukturen in der Gegenwart

5.2 Konkretionen verflüssigter Pastoral

5.2.1 Die Ereignisbasiertheit pastoraler Vollzüge: Predigt, Sakrament, Berufung

5.2.2 Die Ereignisbasiertheit heutiger Kirchenbindung

5.2.3 Verflüssigte Kirchenstrukturen am Beispiel Taizé und Citykirchen

5.3 Reflexionen: Berichte aus dem aktuellen Flow pastoraler Theologie

5.3.1 Paradoxale Fundierung kirchlicher Sozialformen: Stabilität durch Verflüssigung

5.3.2 Vom flächendeckenden Territorialprinzip zur sakramentalen Ereignis-Logik

5.3.3 Spuren situativer Pastoraltheologie

5.3.4 Provisorisch, aber existenziell: Perspektiven ereignisbasierter Pastoral

6. Theologischer Diskurs: Gott als Ereignis des Neubeginns

6.1 Biblische Verwurzelung des Ereignisdenkens

6.1.1 Jahwe als Ereignis seiner entzogenen Gegenwart

6.1.2 Jesus Christus als Ereignis der Gottesherrschaft

6.1.3 Situativität in Jesu Reden und Handeln

6.2 Theologie in temporaler Dekonstruktion

6.2.1 Gott als Ereignis im Kommen (Jacques Derrida)

6.2.2 Reich Gottes als Ereignis einer heiligen Anarchie (John Caputo)

6.3 Rekonstruktionen: Auf dem Weg zu einer ereignisbasierten Verzeitlichung der Theologie

6.3.1 Antiapokalyptikum: Das schöpferische Ereignis des Neubeginns

6.3.2 Antianamnetikum: Nicht die Erinnerung rettet uns, sondern Gott

6.3.3 Antikontinuum: Messianische Zeit als Ereignis-Zeit

6.4 Ereignisbasierte Zeittheologie als Theologie nach Auschwitz

6.5 Alles andere als harmlos: In jedem Ereignis mit Gott neu beginnen

6.5.1 Christliche Praxis als situative Treue zum Christusereignis

6.5.2 Die radikale Forderung ereignisbasierter Glaubenspraxis (Knud E. Løgstrup)

VI. Literaturverzeichnis

Vorwort

Irgendwann kam der Knacks. Für sich genommen machte alles viel Spaß und doch wurde es zu viel: Familienalltag mit zwei aufgeweckten kleinen Jungs, die Arbeit in der Erlanger ErzieherInnen-Ausbildung und nebenher, in den ‚freien‘ Stunden, lesen und schreiben für die Habilitation. Ein Tropfen, das Fass läuft über: Ich höre auf … zumindest vorläufig! Also alles was mit Zeitstrukturen und Theologie zu tun hat in zwei Kisten verpackt und ab in den Keller damit.

Dass nach drei Monaten zuerst mal nur ein Buch und dann nach und nach das ganze Material wieder im Arbeitszimmer gelandet ist, das verdanke ich vor allem meiner Frau Carmen Schüßler und Rainer Bucher, an dessen Grazer Institut diese Arbeit verortet ist. Beide haben mir im Moment der Krise von ganz unterschiedlichen Seiten her zwei wesentliche Dinge gegeben. Sie haben mir unbedrängt Zeit gelassen und mir zugleich persönliche Wertschätzung und ein großes Vertrauen als akademisch arbeitender Theologe vermittelt. Die Gabe von Zeit und Vertrauen kann zu einem Ereignis werden, das unsere rationalen Absichten übersteigt und Horizonte öffnet, und zwar gerade wenn es nichts erzwingt: ich hätte auch aufhören können und gerade deshalb musste ich es vielleicht nicht.

Die vorliegende Untersuchung ist in einem außeruniversitären Kontext entstanden. Die punktuellen ‚links‘ in akademische Zusammenhänge waren deshalb besonders wichtig. Allen voran das Grazer Privatissimum um Rainer Bucher als Solidargemeinschaft jener, die mit inspirierend viel Herz und Verstand an einer pastoraltheologischen Qualifikationsarbeit arbeiten. Dann die sommerlich-theologischen Werkstätten im fränkischen Vierzehnheiligen mit ihrem erdig-anarchischen Setting. Und die herrlich theorielastigen Theologie-Abende mit Christian Bauer im Nürnberger Salon Regina. Ich danke allen aus diesen und anderen Kontexten, die ich mit theologischem Ereignisdenken konfrontiert habe und deren Rückmeldungen mir sehr wichtig wurden. Zu ihnen gehört auch Ottmar Fuchs, der mich wieder an die Universität nach Tübingen geholt hat und mir so die Möglichkeit gab, die Spuren einer ereignisbasierten Pastoral mit Studierenden und KollegInnen weiterzuentwickeln. Ein besonderer Dank geht an Frau Profin Hildegard Wustmanns und Herrn Prof. Reinhard Feiter für die mühevolle Erstellung der externen Gutachten. Ich habe sie mit Gewinn lesen dürfen.

Für großzügige Druckkostenzuschüsse danke ich dem Styria-Fonds der Universität Graz, der Erzdiözese Bamberg, der Diözese Graz-Seckau und der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Die vorliegende Arbeit wurde im Januar 2012 von der Theologischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz als Habilitation angenommen. Der Text wurde für die Veröffentlichung gestrafft und in den Fußnoten um einige neuere Literatur ergänzt.

Juli 2013

Michael Schüßler

I. Einleitung

1. Zeit als Problemhorizont der Praktischen Theologie

Die Frage nach der Zeit ist abstrakt und existenziell zugleich. Es sind unüberschaubar viele philosophische Meditationen und naturwissenschaftliche Grundlagenforschungen zur Frage entstanden, was Zeit eigentlich ist. Doch im eigenen biographischen Erleben ist Zeit keineswegs abstrakt, sondern „der Stoff aus dem das Leben ist“1. Wenn Zeit als Thema ins Spiel kommt, steht immer auch tatsächlich ein Stück Leben auf dem Spiel. Es geht um künftige Lebenschancen, um verlorene Träume und die Konflikte der Gegenwart.

Während einer Feier kam ich mit einem Künstler ins Gespräch. Wir waren uns nicht unsympathisch und so ergab sich ein anregendes Gespräch. Ich wurde gefragt, was ich denn als Theologe erforsche und so erzählte ich von dem Projekt, die gegenwärtigen Zeitstrukturen im Hinblick auf Gott und Kirche zu untersuchen. Da begann der Künstler wissend zu lächeln und erwiderte leicht ironisch, ich schreibe also über den dramatischen Werteverfall. Es dauerte etwas, bis ich erklärt hatte, dass ich eher das Gegenteil beabsichtige, nämlich die Zeit nicht nur als Feind der Kirche und des Lebens zu sehen, sondern als einen Entdeckungs- und Bewährungsort des Evangeliums.

Diese kleine Begebenheit dokumentiert eine erste Ausgangsintuition, dass nämlich Theologie und Kirche in dem, wie ihr tatsächliches Tun beobachtet wird, mit der Haltung eines zeitkritischen, abwertenden Kulturpessimismus verbunden sind. Sollte diese Zustandsbeschreibung zutreffen, wäre das zugleich eine pastoral-theologische Problemformulierung ersten Ranges: Wie verhält sich das zur Selbstbeschreibung von Kirche seit dem II. Vatikanum als Zeitgenossenschaft mit den Menschen von heute?

Für die Kirchen und ihre Theologie ist die Zeit wohl nicht mehr nur ein abstrakt-philosophisches, sondern zu einem ganz praktischen Problem geworden. Wenn die Gegenwart mit Rainer Bucher die Zeit ist, in der sich Revolutionen „unter der Benutzeroberfläche unseres Alltags“ ereignen und dann „vorbei sind, wenn wir sie bemerken“, dann sind die Veränderungen in den Zeithorizonten und -praktiken die in diesem Sinne Revolutionärsten.

Nahezu alle Veränderungen in den Zeitstrukturen spiegeln sich auch in Kirche wider. Im Leben gläubiger wie zweifelnder Menschen von heute, weil sie alltäglich in dieser Zeit leben müssen. Und in der Arbeit der hauptamtlichen MitarbeiterInnen, weil es ihnen jenseits von Weihe und Stand oft so ergeht, wie es Andreas Heller beschreibt. „Es gehört zu den bedrückendsten Erfahrungen auf den Leitungsebenen der Kirchen, dass keine gemeinsamen Termine der Verantwortlichen für das Nachdenken über die Situation und die Zukunft gefunden werden können. Man ist zu beschäftigt. Aber womit? Die gemeinsame Terminsuche gleicht einem Spiel, in dem die Spielregeln nicht klar sind. Das ‚Spielchen‘ besteht darin, dass individuelle Prioritäten die Priorisierung des Gesamtsystems bestimmen. Und das funktioniert deshalb, weil die übergeordneten Prioritäten und Zielsetzungen fehlen, nicht vereinbart, diskutiert und gesetzt werden.“ Wer hier bestehen will, braucht weder nur effektives Zeitmanagement noch rein theologischen Überbau, sondern eine „zeitpastorale Klugheit“, die beides verbindet. Die Praxis der Zeitgestaltung und die sich darin situierenden Glaubenspraktiken fordern also die Theologie heraus, ihre Begriffe und Konzepte mit dem post- bzw. spätmodernen temporalen Erleben und Handeln im Volk Gottes zu konfrontieren. Wie weit tragen die heute gängigen zeittheologischen Konzepte? Und wie sehen sie überhaupt aus?

Das führt zu der zweiten Ausgangsintuition, dass in den letzten Jahrzehnten der Zeitdimension in Pastoral und Praktischer Theologie vor allem katholischerseits womöglich keine adäquate Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die entsprechenden Diskurse formierten sich entweder um Sozialformen, wie die Strukturveränderungen von Gemeinde, kirchliche Organisationsentwicklung etc., oder um problembezogene Themenstellungen wie Globalisierung, Interreligiöser Dialog, Familie, etc. Die Frage nach der Bedeutung von Zeit2 schien dabei meist sekundär.3 Diese darf offenbar, wenn überhaupt, nur durch die Hintertür in die Räume von Pastoral und Theologie eintreten.

Für diese temporale Unterbelichtung spricht, dass man im neu aufgelegten katholischen ‚Lexikon für Theologie und Kirche‘ (LThK) beim Stichwort „Zeit, Zeitlichkeit“4 vergebens nach einem pastoraltheologischen Zugang sucht5. Auch im Register des neuesten, fachspezifischen „Handbuch Praktische Theologie“ fehlt der Eintrag „Zeit“ in beiden Bänden völlig.6 Was sich im Handbuch finden lässt sind allerdings die temporal relevanten Begriffe Reich Gottes, Geschichte und (gefährliche) Erinnerung. Aber sie entstammen fast ausschließlich dem Diskursuniversum in der Spur von Habermas, Johann B. Metz oder Helmut Peukert, und werden in der Praktischen Theologie auch in genau dieser „Frankfurter“ Konstellationen rezipiert. In diesem Horizont stellen die Zeitpraktiken der Menschen von heute aber offenbar eine massive Bedrohung der christlichen Botschaft dar. Schon in „Glaube in Geschichte und Gesellschaft“ deutete Metz ein modernes, evolutives Zeitverständnis als einen „Bann der Zeitlosigkeit“7, für das Gott „schlechthin undenkbar“8 sei. Auch Ottmar Fuchs knüpfte in seiner Tübinger Antrittsvorlesung über „Neue Wege einer eschatologischen Pastoral“ an den Diskurs von Metz an, und konnte in der Gegenwart überwiegend nur eine Art temporalen Verfalls entdecken, in der „sich größere Zukunftsvorstellungen zu banalisierenden Klischees gegenwärtig wohlfeiler Erfüllungsangebote“ verflüchtigen. Liest man also entsprechende Titel und Darstellungen der temporalen Landschaft in theologischen Abhandlungen entsteht nicht selten tatsächlich der Eindruck, es handle sich bei den Zeitstrukturen weniger um eine Schöpfung Gottes, sondern um die Vorhölle: Die Zeit macht als Beschleunigung unsere Kinder krank, zerstört als flüchtiger Zeitgeist die tradierten Werte und ist als sinnentleerte Unendlichkeit verantwortlich für die Kirchen- und Gotteskrise. Diese harsche Kritik lässt den Verdacht aufkommen, dass mit allzu pauschalen Schlagworten der Blick auf die vielfältigen Zeiterfahrungen der Menschen von heute eher verstellt denn erhellt wird. Sie suggerieren ein Erfahrungsdefizit vor der biblischen Norm, wo doch pastoraltheologisch vielmehr zu fragen wäre, ob die Zeiterfahrungen im Volk Gottes vielleicht zu einem verschütteten, neu in Sprache zu bringenden, christlichen Zeitverständnis führen könnten. Denn jenseits der angesprochenen Kritik haben sich die Zeitpraktiken der Menschen von heute entscheidend verändert – und pluralisiert.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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