Mit Verstand glauben? - Wolf Ollrog - E-Book

Mit Verstand glauben? E-Book

Wolf Ollrog

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Beschreibung

Was wir über uns und die uns umgebende Welt wissen, beruht auf den Erkenntnissen der Wissenschaft, wie sie heute an jeder Hochschule und Schule gelehrt wird. Unser gesamtes Denken und Handeln, unser gesamter Alltag ist davon bestimmt. Andererseits glaubt jüngsten Umfragen zufolge etwa die Hälfte aller Deutschen an Gott oder eine Hoehere Macht. Weltweit glauben ueber 80 % aller Menschen an Gott. Wie passt das zusammen? Wie vertragen sich Gottesglaube und wissenschaftliches Denken miteinander? Kann man als aufgeklärter Mensch an Gott glauben? Kann man "mit Verstand glauben"? Der Autor ist evangelischer Pfarrer. Im Sinne einer Selbstklärung macht er es sich zur Aufgabe, den Glauben an Gott, vor allem in seiner christlichen Variante, mit den Methoden der kritischen Wissenschaft zu beschreiben und zu beurteilen. Die von der Aufklärung aufgescheuchte Theologie hat sich in vielen Variationen bemüht, den Widerspruch zwischen Glaube und Verstand zu überwinden. Mit Erfolg? Welche Vorstellungen verbinden sich mit der Aussage: "Ich glaube an Gott"? Welche Bedürfnisse aeussern sich darin? Welchen Sinn kann die Metapher "Gott" für den aufgeklärten Verstand haben? Mit seiner schonungslosen Analyse bewegt sich der Autor auf hochemotionalem, kontroversem Terrain. In seinem Verständnis vom "Grossen Ganzen" findet er einen empirisch nachvollziehbaren Zugang zum religioesen Bedürfnis nach Sinn und Halt. Andererseits sieht er darin eine Grundlegung einer "Ethik des Lebens". Trotz der schwierigen Materie ist das Buch flott geschrieben und jederzeit auch für Laien gut verständlich.

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Seitenzahl: 271

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Werdet nicht Kinder im Denken, sondern in der Bosheit seid unmündig. Im Denken aber werdet vollkommen.

1.Kor 14,20

Für meinen Sohn Jonas

INHALT

Vorbemerkungen

1. Teil: Glaube und Vernunft

1 Glaube und Glaube „an“

2 Die Begriffe „Vernunft“ und „Verstand“

3 Glaube und Vernunft – ein belastetes Verhältnis

4 Die Antworten der sogenannten „liberalen Theologie“

5 Die Antworten der sog. „existentialen Interpretation“

6 Glaube als religiöses Bedürfnis

7 Die Antworten der sogenannten „Erfahrungstheologie“

8 Kurzes Zwischenfazit

2. Teil: Die Frage nach Gott

9 „Gott“ – eine erklärungsbedürftige Metapher Die sogenannten „Gottesbeweise“

Externe „Gottes“-Argumente

Interne „Gottes“-Argumente

Pragmatische „Gottes“-Argumente

11 „Gottesglaube“ und Religiosität – psychologisch betrachtet

12 Die Behauptung einer anderen Wirklichkeit

Die Frage nach der Wahrheit

Die Frage nach persönlichen Transzendenzerfahrungen

Die Frage nach sogenannten Wundern

Die Frage nach der Erkennbarkeit „Gottes“

13 Die religiöse Sehnsucht nach „Gott“

3. Teil: Das Große Ganze

14 Das Große Ganze

15 Der Pantheismus und die „Gottesfrage“

16 Die Vorstellung von „Gott“ als Person

17 Die Vorstellung von „Gott“ dem Allmächtigen

18 Die Vorstellung vom strafenden und lieben „Gott“

19 Die Vorstellung von „Gott“, der Gebete erhört

20 Fazit: Der christliche Glaube und das Große Ganze

Vorbemerkungen

Mit Verstand glauben – geht das? An „Gott“ zu glauben - was soll damit in einer der Wissenschaft verpflichteten Welt gemeint sein? Viele Menschen erklären, sie glaubten an „Gott“, an eine überweltliche Macht. Wie passt das zusammen? Für nicht wenige ist der „Gottesglaube“ ein Synonym für Unsinn. Kann man mit Verstand glauben?

Dieses Buch dient meiner persönlichen Selbstklärung. Es ist kein Versuch, den christlichen Glauben gegen kritische Anfragen zu verteidigen. Ich habe nicht die Absicht, etwas hinzubiegen, umzuinterpretieren und verständlich zu machen, was der Glaube, speziell der christliche, speziell aufgeklärten, speziell heutigen Menschen zumutet. Es geht mir ausschließlich darum, mein eigenes Denken ernst zu nehmen und mir selbst Rechenschaft abzulegen.

Ich habe den Glauben nicht mit der Muttermilch eingesogen. Eine emotionale Bindung zum Christentum bekam ich nicht mit. Das erleichterte es mir später, mich mit ihm kritisch auseinanderzusetzen.

Ich wuchs auf in einem religiös indifferenten, von der Nazi-Ideologie durchtränkten Elternhaus. Angezündet von einem charismatischen Jugendleiter fing ich als Jugendlicher Feuer für den christlichen Glauben. Das Christentum - in pietistischer Prägung - wurde für mich zum Fluchtweg aus der angstmachenden Strenge meines Elternhauses. Es war für mich eine innere Befreiung. Ich ergriff den – so sah ich es damals – besten aller Berufe und wurde Pfarrer. Es ist ein zwiespältiger Beruf.

Einerseits ist er ein Gesinnungsberuf wie kaum ein anderer und ermöglicht mir, Arbeit und Leben, äußere Anforderungen und innere Überzeugungen weitgehend zur Deckung zu bringen. Andererseits ist er wie kaum ein anderer bestimmt von dem, was mein Anstellungsträger Kirche, die Gemeinde, die Öffentlichkeit oder einzelne Menschen von mir erwarten oder auf mich projizieren. In konfliktvermeidendem, vorauseilendem Anpassungszwang entwickele ich, bei aller Individualität, als Repräsentant dieser Kirche und des von ihr vertretenen Glaubens die Neigung, das zu tun und zu sagen, was man von mir erwartet. Das führt zu einer Klerikalisierung nicht nur meines Verhaltens, sondern auch meines Denkens – im Sinne der Einsicht, dass das Sein das Bewusstsein prägt. Zunehmend stellte sich mir die Frage: Bin ich in dem, was ich tue und sage, authentisch?

Darüber hinaus begann schon früh ein anderer, grundsätzlicher Zweifel an mir zu nagen. Mein Denken ist bestimmt durch die wissenschaftlichen Rahmenbedingungen, wie sie in Schule und Hochschule gelehrt werden. Für das Denken ist die Auseinandersetzung zwischen Naturwissenschaft und Theologie unvermeidlich. Sie enthält ein hohes Konfliktpotential. Es war mir mit der Zeit immer weniger möglich, meinen kritischen Verstand vor der Kirchentür abzulegen. Mir war klar: Mein Glaube muss sich meinem Denken stellen – andernfalls verliert er seine Glaubwürdigkeit.

Was ich im Folgenden aufschreibe, ist ein Ausfluss meiner langjährigen Auseinandersetzung mit den Inhalten und der Lebenspraxis des christlichen Glaubens. Immer dringender stellte sich mir die Aufgabe, den Glauben unter konsequenter Anwendung des gelernten wissenschaftlichen Instrumentariums zu verstehen und zu beschreiben. Darin bestärkten mich namhafte Vorbilder1. Konkret heißt das, die Inhalte und Praxis des christlichen Glaubens in ihrer empirischen Escheinung oder, im theologischen Jargon ausgedrückt, ausschließlich diesseitig zu betrachten, also unter Verzicht auf metaphysische, transzendentale Begrifflichkeiten. Dieser Prämisse unterliegt alles, was ich im Folgenden schreibe.

Dieses Bemühen, eine von Vernunft und Verstand bestimmte, konsequent diesseitige Betrachtung, Interpretation und Praxis des christlichen Glaubens zu formulieren, werden viele als völlig unmöglich ansehen, als Widerspruch in sich selbst. Sie fragen: Nimmt man dem Glauben damit nicht sein Eigentliches? Ist Glauben nicht per Definition etwas Übernatürliches, im Jenseits Verankertes, etwas, das der Wissenschaft und der Vernunft gerade nicht zugänglich ist? Was sollte vom Glauben bleiben, wenn man ihm die transzendentale Wurzel zöge?

Dieser Einwand ist ein Totschlagargument. Aber da ich nun einmal mein Denken nicht abspalten und in den Keller schicken kann, wenn ich glaube, komme ich persönlich um einen Abgleich beider nicht herum.

Das Christentum stellt an den kritischen Verstand erhebliche Anforderungen. Für kirchenfernere Menschen ist Kritik an der Kirche oder gar ihren theologischen Aussagen kein Thema. Nur noch eine Minderheit der Bevölkerung hat Berührung mit den Kirchen, ihre Sprache ist ihnen fremd geworden, ihre Geschichten, Begriffe, Bilder erscheinen vielen als abwegig. Für kritische Gläubige sind sie ein Ärgernis. Als Pfarrer komme ich um die Kritik nicht herum.

Die christliche Tradition ist über und über durchsetzt mit sperrigen Vorstellungen, über die der kritische Verstand den Kopf schüttelt und die der Kirchenferne oder religiös nicht Gebundene als „Quatsch“ abtut. Das betrifft das sonntäglich rezitierte Glaubensbekenntnis; das betrifft etwa die an jedem Weihnachtsfest erzählte Geschichte von der Jungfrauengeburt; es betrifft die zahlreichen Wundergeschichten über Jesus, zum Beispiel, dass er Tote auferweckt habe oder auf dem Wasser gelaufen sei oder Wasser in Wein verwandelt habe und vieles andere. Es betrifft vor allem seine Auferstehung, seine Himmelfahrt, seine Vergottung; weiter die Behauptung eines „Jüngsten Gerichts“ und einer allgemeinen Auferstehung und vom ewigen Leben, auch die Sätze, die in der Abendmahlsliturgie gesprochen werden: Das ist mein Leib, mein Blut. Hinzu kommen zahllose mirakelhafte oder befremdliche Vorstellungen aus der Welt des Alten Testaments, etwa die Erschaffung der Welt in 7 Tagen, von Adam und Eva und viele andere, die Bestandteil des christlichen Glaubens sind.

Überall begegnen dem Leser der Bibel „überhöhte“ Begrifflichkeiten, die nicht gläubigen Menschen schwer zugänglich sind. Wer sie täglich im Munde führt, sei es als Pfarrer, als Kirchenvertreter oder akademischer Lehrer, sei es als frommes Gemeindeglied und regelmäßiger Kirchgänger, wird sich der Fremdheit und Realitätsferne solcher Vorstellungen und Begriffe vielleicht nicht immer bewusst. Über Jahrhunderte und Jahrtausende sind sie vielen Menschen in unserem Kulturkreis vertraut geworden. Sie werden nicht mehr hinterfragt, kaum mehr auf ihren Sinngehalt untersucht. Wer die Welt mit den Augen wissenschaftlicher Erkenntnis betrachtet, wird sie als unzugängliche oder unerträgliche Zumutungen an seinen Verstand wahrnehmen.

Als Pfarrer und Theologe habe ich gelernt, die uns in Bibel, Bekenntnis und Tradition überlieferten Vorstellungen des Glaubens in heutige Sprache und Lebenswelt zu übertragen und dabei verständlich und lebensnah zu reden. Im Umgang mit nicht theologisch gebildeten Menschen, also den üblichen Gemeindegliedern, geht es darum, das zeitgeschichtliche Kolorit einer Vorstellung abzukratzen oder besonders anstößige Vorstellungen wegzulassen, sie auch durch andere Aussagen zu korrigieren, sie manchmal zu relativieren und umzudeuten und jedenfalls irgendwie verständlich zu machen. Das ist eine aufwendige und komplizierte Arbeit! Alle haben sich an diesen allsonntäglich in den Predigten geleisteten Entmythisierungs-, Umdeutungs- und Selektions-Prozess überkommener Vorstellungen gewöhnt. Ohne solche Erklärungsarbeit sind viele religiöse Aussagen schwer vermittelbar. Pfarrerinnen und Pfarrer sind Interpretationsakrobaten.

Der Spreizschritt zwischen traditionellen Vorgaben und modernem Verstehen fordert allen Beteiligten viel ab, nicht selten zu viel. Die meisten Kolleginnen und Kollegen gebrauchen deshalb zwar im Kontext der gottesdienstlichen Ritualsprache, der Liturgie, weiterhin unkommentiert die hergebrachten, vorgeschriebenen Glaubens-Formeln; in ihren Predigten bemühen sie sich dann aber um eine zeitgemäße Interpretation, und im privaten Gespräch kommen ihnen die theologischen Formulierungen überhaupt nicht mehr über die Lippen. Umso mehr gilt das für viele Gemeindeglieder. Was für eine skurrile Situation!

Was ich nun im Folgenden aufschreibe, ist eine Zusammensicht meiner über viele Jahre gewonnenen Einsichten und Erfahrungen als evangelischer Pfarrer. Mit meinen kritischen Ansichten und Einsichten über den Glauben stehe ich nicht allein. Kritik am Christentum und der Kirche kam natürlich immer von außen2. Kritik kommt aber auch von innen,3 Nicht wenige Kollegen, und jedenfalls viele Gemeindeglieder, denken ähnlich, wenn vielleicht auch nicht in jedem Fall so pointiert. Das Unbehagen an den traditionellen Vorstellungen ist weit verbreitet; besonders hörbar natürlich unter den sogenannten gebildeten Laien. Viele leiden darunter und bleiben deshalb einfach weg.

Die offizielle Kirche tut sich schwer, sich von überkommenen Vorstellungen zu verabschieden. Sie werden umgedeutet. Zwar halten die meisten Kirchenvertreter eine einzelne Kritik an dieser oder jener dogmatischen Kirchenmeinung für akzeptabel. Kaum eine der im Folgenden vorgetragenen Einsichten ist neu. Fast alle wurden in ähnlicher Form schon irgendwo im Rahmen der theologischen Literatur diskutiert. Geballt zusammengestellt können sie aber wie eine Verabschiedung vom christlichen Glauben oder jedenfalls wie eine Verneinung der Bekenntnisgrundlagen der Kirche wirken. Wenn einer so redet, wirkt er auf manche wie ein Gegner in den eigenen Reihen.

Die Kirche tut sich schwer, sich zu verändern; besonders die katholische. In der evangelischen ist etwa Kritik an der Tatsächlichkeit der Jungfrauengeburt selbstverständlich: in der katholischen nicht4. Dog-matische Kritik ist, wenn sie ein bestimmtes Maß überschreitet, nicht folgenlos. Als Wächter über die reine Lehre und Verfolgung von sogenannten Ketzern entwickelte die katholische Kirche dazu schon in im Mittelalter die Inquisition, die nicht selten Todesurteile verhängte. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts verlor sie ihre zivilrechtliche, juristische Macht, wurde abgeschafft und in eine innerkirchliche Überprüfungs-Behörde umgewandelt, aus der 1965 die sog. Glaubens-Kon-gregation wurde.

Auch in der evangelischen Kirche, die dem Glauben ihrer Mitglieder weitaus mehr Spielraum gibt als die katholische, wurden disziplinarische Regelungen für zu weit abführende theologische Ansichten aufgebaut: die sogenannten „Lehrzuchtverfahren“, die auch durch einige spektakuläre Prozesse allgemein bekannt wurden5.

Deshalb wird mancher vielleicht fragen: Darf man denn in der Kirche so sprechen? Darf man vom Glauben so diesseitig reden, ihn so diesseitig interpretieren, wie ich es im Folgenden versuche? Ich kann es nur für mich beantworten: Will ich mit mir identisch sein, kann ich nicht anders. Will ich für das einstehen, was ich sage und tue, kann ich es nur so ausdrücken, wie meine Sinne es erlauben. Nur so bleibe ich ehrlich. Es ist aber nicht meine Absicht, jemandem seinen Glauben madig zu machen. Solange jemand davon einen persönlichen Gewinn hat, wird er die Nebenwirkungen in Kauf nehmen. Ich formuliere hier meine eigenen, für mich notwendigen Klärungsprozesse. Vielleicht sind sie auch für andere anregend oder hilfreich. Ich suche nach einem für mich möglichen, intellektuell redlichen Weg, mein Denken und mein „Glauben“ miteinander abzugleichen.

Manch einem, der mit der Kirche noch ein persönliches Hühnchen zu rupfen hat, werden meine Gedanken vielleicht wie eine überfällige Abrechnung vorkommen. Aber mir geht es nicht um einen Verriss des kirchlichen Glaubens oder des Christentums. Was ich hier formuliere, gilt für mich in gleicher Weise für jede Spielart von Vorstellungen, die sich bei der Transzendenz bedienen, die auch unter kirchenfernen und womöglich sehr kritischen Menschen sehr beliebt sind, etwa die Vorstellung von Schutzengeln, vom Glauben an astrologische Sternzeichen-Zuschreibungen und Horoskopen, von irgendwelchen kosmischen Einflüssen und sogenannten feinstofflichen Wahrnehmungen, wie sie in esoterischen Kreisen selbstverständliche Überzeugung sind, von bestimmten Praktiken von Heilpraktikern oder Anbietern auf dem Gesundheitsund Ratgeber-Markt.

Mein Fokus liegt auf der Auseinandersetzung mit den transzendenten Vorstellungen des Christentums. Ich habe die theologisch nötige Debatte lange Jahre nur implizit geführt. Erst spät habe ich mir die Zeit genommen, meine Gedanken aufzuschreiben – auch wenn ich immer wieder das Bedürfnis spürte, mein Denken mit dem gelernten wissenschaftlichen Handwerkszeug abzugleichen. Immer hatte ich das Gefühl, es mir selbst schuldig zu sein. Im Bewusstsein der darin steckenden Brisanz brauchte ich für die Selbstklärung beruflichen Abstand. Ich wollte die Auseinandersetzung mit den theologischen Vorstellungen nicht zum Hauptthema meines Lebens machen. Mein Hauptinteresse während meiner Pfarrertätigkeit war die Seelsorge und psychotherapeutische Begleitung, nicht, die Wahrheit zu verkünden. Erst nach dem Ende meiner aktiven Tätigkeit habe ich mir Zeit genommen, meine Gedanken systematisch zu ordnen.

Die erste Fassung dieses Buchs stammt aus dem Jahr 2006. Mehrmals habe ich es überarbeitet, aber es dauerte dann noch fast 20 Jahre, bis ich mich entschloss, es auch für andere zugänglich zu machen.

1 Das fordert zum Beispiel auch der Theologe DIETRICH BONHOEFFER. Vgl. dazu unten S. 44.

2 Die Literatur ist immens. Zur generellen Glaubens- und Kirchenkritik vgl. das Standartwerk von KARLHEINZ DESCHNER, „Abermals krähte der Hahn: Eine kritische Kirchengeschichte“. 4. Aufl. München 1996; DERS., Kriminalgeschichte des Christentums, 10 Bde., 1986ff; bisher 9 Bde. erschienen; vgl. außerdem in jüngerer Zeit: FRANZ BUGGLE: „Denn sie wissen nicht, was sie glauben“. Reinbek 1992; NORBERT ROHDE: „Abschied von der Bibel“. Norderstedt 2004; WALTER-JÖRG LANGBEIN: „Lexikon der biblischen Irrtümer. Von A wie Auferstehung Christi bis Z wie Zeugen Jehovas“. München 2003; DERS.: „Lexikon der Irrtümer des Neuen Testaments", München 2004; HEINZ-WERNER KUBITZA: „Der Jesuswahn“, Tectum-Verlag 2011.

3 Vgl. aus jüngster Zeit (ich nenne nur einige Autoren, die besonderes Aufsehen erregten): KLAUS PETER JÖRNS, „Notwendige Abschiede. Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum“, Gütersloh 2004, 4. Aufl. 2008; DERS., „Glaubwürdig von Gott reden“, Stuttgart 2009; DERS., “Was die Menschen wirklich glauben” (gem. hrsg. mit C. GROSSEHOLZ), Gütersloh 1998; DERS., „Die neuen Gesichter Gottes”, München 1997, 2. Aufl. 1999; GERHARD LÜDEMANN, „Was mit Jesus wirklich geschah. Auferstehung historisch betrachtet“ (zusammen mit ALF ÖZEN), Stuttgart 1995; DERS., „Paulus, der Gründer des Christentums“, Lüneburg 2001; DERS., „Die Auferweckung Jesu von den Toten, Ursprung und Geschichte einer Selbsttäuschung“, Lüneburg 2002; DERS., „Jungfrauengeburt? - Die Geschichte von Maria und ihrem Sohn Jesus“, Springe 2008; DERS., „Jesus der Christus. Christlicher Auferstehungsglaube – ein Auslaufmodell?“, in: ANDREA KAISER / THOMAS O. H. KAISER (Hrsg.): „Gott und Mensch. Theologische Gespräche mit Wolfgang Huber, Dorothee Sölle, Jürgen Gohde, Jacques Gaillot, Gerd Lüdemann, Norbert Greinacher, Rolf Koppe, Heinz Zahrnt“, Stuttgart 2001, S.65-8; DERS., „Der große Betrug. Und was Jesus wirklich sagte und tat“, Lüneburg 1998. WERNER ZAGER, „Jesus aus Nazareth – Lehrer und Prophet. Auf dem Weg zu einer neuen liberalen Christologie“, Neukirchen-Vluyn 2007, XII + 125 S.; 2. Aufl. 2008. HUBERTUS HALBFAS: Glaubensverlust. Warum sich das Christentum neu erfinden muss. Ostfildern 2011.

4 Der katholische Priester und Theologe EUGEN DREWERNANN verlor deswegen 1991 seine kirchliche Lehrerlaubnis an der Hochschule in Paderborn.

5 Das Wortungetüm „Lehrzuchtverfahren“ (oder in anderen Landeskirchen „Lehrbeanstandungs-Verfahren“) bezeichnet in der evangelischen Kirche ein kirchenrechtlich geregeltes Verfahren gegen ordinierte Geistliche, deren Lehre aus der Sicht der kirchenleitenden Organe im Widerspruch zu den Bekenntnissen der evangelischen Kirche steht. Es kann zur Aberkennung der Ordinationsrechte und zur Entlassung aus dem Dienst führen. Es handelt sich nicht um ein Disziplinarverfahren. Vgl. ECKEHARD KAUFMANN, „Glaube, Irrtum, Recht. Zum Lehrzuchtverfahren in der evangelischen Kirche“, Stuttgart 1961. In dem genannten Buch wird der Fall RICHARD BAUMANN aufgearbeitet. Es war das erste Lehrzuchtverfahren innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland nach 1945 (zu älteren Verfahren s. u. Anm. 8). 1953 wurde BAUMANN aus dem Pfarramt entlassen. Bekanntgeworden sind z.B. aus jüngerer Zeit die Verfahren gegen Pastor PAUL SCHULZ, Hamburg, der Gott als „mathematische Formel“ verstehen wollte und dem nach einem längeren Prozess 1979 die Ausübung des evangelischen Pfarramts aberkannt wurde, sowie gegen die Pfarrerin JUTTA VOSS, Stuttgart, die eine „weibliche Mythenwahrheit“ gegen eine „kirchliche Dogmenwahrheit“ forderte. Ihr zwischen 1990-93 geführtes Verfahren führte zur zwangsweisen Exordination und zum Pensionsverlust. Insbesondere von evangelikaler Seite wurden immer wieder Forderungen nach einem Lehrzuchtverfahren gegen den Pastor und Alttestamentler CLAUS PETERSEN, Nürnberg, vorgetragen, der in seinem Buch „Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes“ (Stuttgart 2005) nur 21 seiner Meinung nach als historisch echt erwiesene Aussprüche Jesu als Grundlage des Glaubens und damit als verbindlich gelten lassen möchte. Er lehnt es ab, in Jesu Tod ein Heilshandeln Gottes zu sehen, widerspricht den Vorstellungen vom Jenseits und einem zukünftigen Reich Gottes und feiert das Abendmahl nicht mehr mit den traditionellen Einsetzungsworten. Es gehe nicht darum, an Jesus zu glauben, sondern wie Jesus. PETERSEN ist Sprecher der ökumenischen Initiative „Reich Gottes – jetzt“. Nach einer jüngeren öffentlichen Stellungnahme der bayerischen Landeskirche vom 1.11.2009 wurde die Einleitung eines förmlichen Lehrverfahrens gegen ihn erwogen, inzwischen ist er aus der Kirche ausgetreten und bei der Nürnberger Stadtmission angestellt. Im Rahmen eines „Erprobungsprojekts“ feiert er mit anderen zusammen in Nürnberg Reich-Gottes-Gottesdienste.

Anzuführen ist hier natürlich auch der Entzug des kirchlichen Lehrstuhls für den Göttinger Neutestamentler GERHARD LÜDEMANN im Jahre 1998, den Lüdemann in seinem Buch „Im Würgegriff der Kirche“ (1998) detailliert dokumentiert hat.

1. Teil: Glaube und Vernunft

„Wer nichts weiß, muss alles glauben“, sagt MARIE VON EBNER-ESCHENBACH.6 Wer seinen Verstand nutzt, beginnt zu fragen. Wer begonnen hat, seinen Verstand zu gebrauchen, kann ihn nicht beim Gang in die Kirche wieder ablegen. Wer in der Schule die Entwicklung des Lebens mithilfe der DARWINschen Evolutionstheorie zu verstehen gelernt hat, kann nicht glauben, dass die Menschheitsgeschichte mit Adam und Eva begann, wie es die biblische Schöpfungsgeschichte lehrt. Deswegen haben die Theologen und hat irgendwann auch die Kirche, wenn auch erst nach erbittertem Widerstand, akzeptieren müssen, dass das hinter der Schöpfungserzählung stehende Weltbild vergangen ist. Um seine Bilder und Metaphern zu verstehen, bedürfen sie der Interpretation. Denn es gibt keinen Weg, der hinter die Erkenntnisse der Wissenschaft zurückfiele.

Oder gibt es ihn doch? Zahllos sind die Versuche, den Glauben vor den Krallen des Verstandes zu retten. Aber wie passen beide zusammen? Wie vereinbart sich „Glauben“ mit naturwissenschaftlichem Denken? Ist Glauben nicht a priori der Wissenschaft entzogen?

Umgekehrt stellen manche auch die Erkenntniswege der Wissenschaft in Frage: Ist Wissenschaft der einzige Weg, die Realität zu erfassen? Sagt uns die Wissenschaft, was „wahr“ ist? Ist Wissenschaft wertfrei? Ist sie nicht auch interessengeleitet? Gibt es nicht auch so etwas wie Wissenschaftsgläubigkeit?

In den folgenden Kapiteln beschreibe ich zunächst, was ich meine, wenn ich von „glauben“ und von „denken“ spreche. Die Fragen, die ich mir dabei zu beantworten habe, sind keineswegs neu. Generationen von Theologen oder religiös interessierten Menschen, und nicht erst seit der Aufklärung, haben sich mit dieser Thematik herumgeschlagen. Auf sehr unterschiedliche Weise haben sie den Widerspruch zwischen Vernunft und religiöser Überzeugung zu überwinden versucht und sind dabei nicht selten an den Rand der Kirche geraten.

So lange aber die Auseinandersetzung um diese Fragen auch schon tobt: Sie sind keineswegs vergangen. Es sind keine Themen von gestern. Auch ohne dass sich jeder dessen bewusst ist, ist das Denken vieler Menschen, und nicht selten auch das eigene, wenn es um religiöse Vorstellungen geht, in alten Bildern und Mustern verfangen, die bei Näherem besehen in sich widersprüchlich sind und der denkenden Nachfrage nicht standhalten. Theologie und Kirche andererseits sind bekanntlich beharrlich. Sie haben die Neigung, widerspenstige Meinungen auszusitzen. Aber sie kommen wieder.

Der Frage, wie sich sein naturwissenschaftliches Schulwissen zu seinem Glauben verhält, muss sich natürlich jeder Theologe stellen; aber auch jeder Mensch, der sich die Gretchenfrage beantworten will: Wie hast du’s mit der Religion?

Für Pfarrer stellt sich die Frage sozusagen rund um die Uhr. Er ist dauernd vorzeigepflichtig. Das kann lästig sein. Nicht selten verschanzt er sich hinter fertigen Antworten, religiösen Formeln und eingeübten Floskeln, wie sie sich im Lauf der Zeit bewährt haben. Andererseits muss er für jede Ansprache und Predigt einen Auslegungsprozess bewältigen, der ihn in das Konfliktfeld zwischen Glaube und Verstand schickt. Das ist beschwerlich.

Das gleiche gilt, allerdings in abgeschwächtem Maße, auch für den Laien. Jeder Gottesdienstbesuch konfrontiert ihn damit. Aber dabei kann er passiv bleiben. Er kann sich sein Teil denken, er muss sich nicht erklären. Das ist nach außen hin komfortabel, aber innerlich unter Umständen unbefriedigend. Das Thema ist komplex und anstrengend. Die meisten meiden es. Es schmort in der persönlichen Kellerküche vor sich hin.

Sich auf die vielmals geführte Auseinandersetzung um das Verhältnis von Glaube und Vernunft einzulassen, ist mühsam. Dieses Buch macht sich daran. Auf Nichttheologen mögen die in den nächsten Kapiteln angesprochenen Themen in Teilen vielleicht kompliziert, möglicherweise sogar abwegig wirken. Wer sich hindurchwagt, wird erkennen, dass sie spannend sind. Als Alltagsüberzeugungen und Alltagserfahrungen durchwabern religiöse Vorstellungen auch die aufgeklärte moderne Welt in breitem Umfang. Sich damit auseinanderzusetzen, ist keine Marginalie. Ich bemühe mich, die Frage nach Glaube und Vernunft und die dahinter stehende Frage nach „Gott“ verständlich aufzuschnüren.

In Teil 1 definiere ich, was ich meine, wenn ich von Glauben und Vernunft rede. Ich erläutere, wie sich die wichtigsten theologischen Entwürfe seit der Aufklärung das Verhältnis von Glaube und Vernunft zurechtlegen. Ich untersuche Zugänge zum „Gottes-“Glauben, die nicht bei den vorgegebenen Glaubensinhalten, sondern den Erfahrungen und religiösen Bedürfnissen von Menschen ansetzen.

In Teil 2 entfalte ich das grundsätzliche Problem eines Glaubens an „Gott“. Ich setze mich mit der hinter jeder Gottesvorstellung stehenden Behauptung einer zweiten Wirklichkeit auseinander und zeige, wie sie in zahlreichen Spielarten von Transzendenzvorstellungen bis in unsere Zeit verbreitet ist und auch von kritischen Menschen vertreten wird. Ich gehe der Frage nach, welche religiösen Bedürfnisse die Sehnsucht nach „Gott“ befriedigt.

In Teil 3 geht es mir mit der Beschreibung des „Großen Ganzen“ um die Darstellung meines eigenen, nicht transzendentalen Zugangs zur „Gottes“-Frage sowie um seine Einordnung in den philosophischtheologischen Kontext. Vor diesem Hintergrund unternehme ich eine kritische Analyse des „Gottes“- Glaubens, wie er das Christentum kennzeichnet und allenthalben praktiziert wird. Im Schlusskapitel geht es mir um die daraus folgenden Konsequenzen und einen Abgleich meiner Gedanken mit dem christlichen Glauben.

6 MARIE VON EBNER-ESCHENBACH, österr. Erzählerin, (1830-1916): „Aphorismen“. In: Schriften. Bd. 1, Berlin 1893, 21

1 Glaube und Glaube „an“

„Ich glaube“ – das ist die kürzeste Bekenntnis-Formel für den religiösen Menschen. „Der Glaube“ ist sozusagen die Summe religiöser Erfahrung und Überzeugung. Der religiöse Mensch „glaubt“. Kirchenzugehörige sind „Gläubige“. Aber was ist gemeint, wenn jemand sagt: Ich glaube? Was verstehe ich selbst unter „glauben“?

Wenn ich, was immer mal wieder vorkam, etwa von einem Schüler, gefragt wurde: „Glauben Sie eigentlich an Gott?“ oder suggestiver: „Sie glauben doch (als Pfarrer!) an Gott?!“, dann verspürte ich meist ein Unbehagen. Wie sollte ich antworten? Sollte ich sagen: „Selbst-verständlich doch!“ und denken: „aber bestimmt nicht so, wie du es dir vorstellst“. Oder verwirrend: „Das kommt darauf an, was du damit meinst!“ Oder ausweichend: „Das ist eine Frage, die man nicht so schnell beantworten kann; darüber müssen wir ein andermal genauer reden!“ Oder provokativ: „jedenfalls, nicht an einen „Gott“, der im Himmel thront“. Sollte ich, lehrertypisch, die Frage einfach zurückgeben: „Was bedeutet denn für dich an Gott zu glauben?“ Das Thema ist kompliziert. Es ist mit vielerlei Vorstellungen und Erfahrungen besetzt. Es erfordert längere Erklärungen.

Die Tücke beginnt für mich schon bei der Formulierung der Frage. Glaubst du „an“? Ich glaube nicht „an“. Dieses Glauben „an“ meint immer ein Fürwahrhalten von etwas Vorgegebenen; es verlangt von mir, etwas als Tatsache anzunehmen, das eigentlich unglaublich ist. Es verlangt gegen meinen Zweifel anzuglauben.

Dieses Verständnis von glauben hat eine lange Tradition. Nach Paulus wird zum Beispiel der Christ gerettet, wenn er „mit seinem Munde Jesus als seinen Kyrios (Herrn) bekennt und mit dem Herzen glaubt, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat“7. Das ist zwar eigentlich unglaublich, man kann es nur gegen Verstand und Erfah-rung glauben. Aber gerade das hat eben der Glaube zu leisten. „Das Wort vom Kreuz“, sagt Paulus andernorts, „ist für Juden ein Ärgernis, für Griechen (das heißt: die Nichtgläubigen) blanker Unsinn“8 . Aber für die, „die gerettet werden, ist es eine Kraft Gottes“9. Wer glaubt, wird gerettet. Für den Glaubenden ist das schlüssig. Von außen betrachtet sind Zweifel angebracht.

Der jüdische Religionsphilosoph MARTIN BUBER nennt das einen Dass-Glauben10. Der Dass-Glauben verlangt Unterwerfung und Gehorsam. Das hat viel für sich. Auf diese Weise entzieht sich der Glaubensinhalt jedem fremden Zugriff, so etwa auch der politischen Macht. Immer haben sich Menschen gegen obrigkeitlichen Zugriff auf diesen ihnen vorgegebenen, unantastbaren Glauben berufen. In der Nazi-Zeit war das für den kirchlichen Widerstand ein zentraler Gedanke. Denn, so formulierte es KARL BARTH, der Hauptvertreter dieser theologischen Position im vergangenen Jahrhundert, Gottes Wahrheit trifft uns „senkrecht von oben11. Der Dass-Glaube setzt sich über alle menschlichen Einflussnahmen hinweg. Er wehrt jede Form von menschlicher Instrumentalisierung ab. Im Glauben jedes Einzelnen ereignet sich ein Einbruch der Transzendenz in die Immanenz. Niemand kann dem Glauben was anhaben. Dieser Gedanke hat vielen Menschen Kraft gegeben.

Ein solches Verständnis von „Glauben“ besitzt eine entscheidende Prämisse: dass der Glaubensinhalt, seine „Botschaft“ oder die dem Glaubenden „offenbarten Geheimnisse“, den Menschen sozusagen unverfälscht und unmittelbar treffen. Dass das, was ein Mensch da „senkrecht von oben“ erfährt und glaubt, die reine „Gottes-Botschaft“ ist. Ist sie das?

Das darf und muss bezweifelt werden. Was den Glaubenden als Glaubensinhalt erreicht, stammt keineswegs „senkrecht von oben“, sondern ist, wie uns die Forschung lehrt und jeder an der Hochschule ausgebildete Theologe inzwischen weiß, immer von Menschen formuliert, interpretiert und in seinem Sinne weitergesagt. Es ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Menschen haben in ihrer Sprache und ihrem Lebenshorizont beschrieben, was sie als Glaubensbotschaft angesehen und verstanden haben. Es ist subjektiv aufgeladen, beschreibt keine objektive Wahrheit. Deshalb sind Nachfragen und Zweifel angebracht. Was uns überliefert wurde, bedarf der Überprüfung. Jeder Glaubende muss sich darüber Rechenschaft ablegen, was ihm als Glaubensinhalt mitgegeben wird und wem er sich anver-trauen kann.

Glauben „an“ oder Dass-Glauben trennt zwischen dem glaubenden Verhalten und dem Glaubensinhalt. Der Inhalt ist mir vorgegeben. Er beschreibt nicht meine eigene, von mir persönlich zu vertretende Erfahrung. Sondern er erreicht mich als fremde, von anderen formulierte Botschaft, die von anderen zur Wahrheit erhoben wurde. Ich stehe nicht für sie gerade. Ich sage sie nur weiter. Wenn das, was ich von anderen bekomme, sich nicht mit meinen Erfahrungen deckt, oder wenn mein Verstand sich dagegen sträubt, führt das zu einem Dilemma.

Der Zweifel an dem eigentlich Unglaublichen begleitet von Anfang an auch den christlichen Glauben. Jesu Anhänger wollten den Bericht von der Auferstehung anfangs nicht glauben12. Später machte die glaubende Gemeinde sie zu Vorbildern des Glaubens. Verstehe ich Glauben als Dass-Glauben, als Fürwahrhalten des Unglaublichen, erscheint das Überwinden des Zweifels als besonderes Verdienst und geradezu als Kennzeichen der glaubenden Gemeinde – damals wie heute13. Im Zweifel fordert der Glaube von den Gläubigen, die Realität zu leugnen. Das ist im Lauf der Kirchengeschichte des Öfteren geschehen. Es stürzt den denkenden Menschen in einen Konflikt. Es fordert von ihm, wie die Theologen es formulieren, das „sacrificium intellectus“, das „Opfer des Verstandes“.

So glaubensstark sich ein Dass-Glaube gibt, steht er deshalb zweifach auf tönernen Füßen. Zum einen kann es sein, dass ein Mensch darin eine Vergewaltigung seines Verstandes erlebt. Zum andern erlaubt dieser Glaube, Macht über die Glaubenden auszuüben. Das hat die kirchliche und weltliche Obrigkeit weidlich genutzt.

Gegen diese doppelte Vergewaltigung hat sich immer wieder Widerstand geregt; sei es mit stillem inneren Zweifel, sei es mit äuße-rem Protest. Das ist im Lauf der Geschichte viele Male geschehen. Der intellektuelle Widerstand gegen die GlaubensInhalte beschränkte sich allerdings auf einige theologisch Gelehrte in den Studierstuben. Sichtbarer wurde er, wo er sich gegen die mit dem Glauben postulierte Macht des Klerus und der Obrigkeit wandte. Die Gläubigen zweifelten weniger an den Inhalten des Glaubens als an denen, die ihn für ihre machtgierigen Zwecke ausnutzten.

Für den modernen Menschen hat sich die Lage verändert. Die Wissenschaft durchdringt inzwischen alle Lebensbereiche und ist uns durch die Medien immer leichter zugänglich. Heute muss der Glaube sich mit dem Verstand auseinandersetzen. Aber inzwischen ist die äußere Macht der Kirche weitgehend vergangen. Heute muss niemand mehr wie GALILEO GALILEI widerrufen, heute landet niemand mehr wie JOHANNES HUS oder GIORDANO BRUNO als Ketzer auf dem Scheiterhaufen. Heute können die Menschen hinterfragen, was sie glauben sollen. Die Kirche hat Machtanspruch und Gewissensmonopol eingebüßt. Allerdings hat sie ihren moralischen Anspruch nicht aufgegeben, die alleingültige Wahrheit zu vertreten. Sie fordert weiter den Dass-Glauben ein.

Wenn ich für mich selbst heute von „glauben“ spreche, verstehe ich darunter nicht das Fürwahrhalten vorgegebener Inhalte der christlichen Tradition. „Glaube“ nenne ich die Gesamtheit meiner inneren Überzeugungen und Einstellungen, die mein Fühlen, mein Denken und mein Handeln bestimmen. Genauer gesagt verstehe ich unter „glauben“ bestimmte, durch das Leben, vor allem der frühen Kindheit, manchmal auch später durch besondere Ereignisse sich bildende Überzeugungen über mich selbst, über die anderen und über die Welt, an denen ich unhinterfragt festhalte und die mein Leben prägen. Ich kann sie daran erkennen, wohin meine Aufmerksamkeit geht. Deswegen kann ich auch sagen: Glaube ist für mich das, woran mein Herz hängt14.

„Glauben“ in diesem Sinne ist also nicht zuerst eine in einem bewussten Willensakt erworbene oder gewonnene Überzeugung, sondern zunächst einmal eine Resonanz auf die Bedingungen meiner Herkunft. Später können sich daran weitere Einsichten und Überzeugungen angliedern und darüberlegen, darunter auch das bewusste Bekenntnis zu bestimmten religiösen Inhalten. Ein Nachsprechen bestimmter religiöser Formeln erreicht allerdings selten die Kraft einer inneren Überzeugung und verdient die Bezeichnung „Glauben“ nicht.

Unsere Überzeugungen bilden sich als kindliche Antwort auf die Bedingungen, unter denen wir ins Leben kommen und aufwachsen. In diesem Sinn wird jeder Mensch von Anfang an mit bestimmten, je anderen Grundüberzeugungen ausgestattet. Es gibt niemanden, der ohne „Glauben“ wäre. Meine Überzeugungen sind ein Ausdruck des Angewiesenseins auf die, von denen ich herkomme, von denen ich abhängig bin und denen ich mich verbunden weiß. Dabei ist es unerheblich, ob mir die daraus resultierenden Überzeugungen gut tun oder nicht, ob sie mich fördern oder mir schaden. Entscheidend ist: Sie sichern mir die Zugehörigkeit.

Zum Beispiel glaube ich, dass ich ein geliebtes Kind bin. Dass ich, was auch passiert, aufgefangen werde. Oder ich glaube das Gegenteil: dass ich unerwünscht bin oder so, wie ich bin, nicht richtig oder gut genug bin und nur dann (von meinen Eltern) geliebt werde, wenn ich lieb, brav und nett bin oder wenn ich mich besonders anstrenge und besondere Leistungen bringe. Zum Beispiel glaube ich, dass ich ein Junge hätte sein sollen. Oder ich bin überzeugt, dass ich in einer feindlichen Welt aufwachse und mich immer schützen und einigeln und verteidigen muss; oder dass man mich nur beachtet, wenn ich negativ auffalle, oder dass ich niemals einen Partner finden kann, der gut genug ist; oder dass ich, wenn ich ein Junge bin, nicht weinen darf, oder dass ich meine Gefühle besser nicht zeigen darf, weil ich sonst verletzt werde; und so weiter.

Das alles sind Überzeugungen, die mein Leben nachhaltig prägen können – manchmal bis in pathologische Muster hinein. Sie stammen aus meiner frühen Lebenszeit und setzen sich tief im Unbewussten fest. Ich folge ihnen nicht selten wider besseres Wissen. Sie bleiben weitgehend unhinterfragt. Sie entziehen sich meinem Willen. Doch sie sind höchst wirksam.

Den Lebens-Kontext der Anfangsjahre kann ich mir nicht aussuchen. Er ist mir vorgegeben. Meine Überzeugungen wachsen sozusagen von innen nach außen. Das erste Umfeld sind in der Regel die Eltern und die Familie; dann erweitert sich mein Einflussbereich durch Freundschaften, durch Lebens-, Sympathie- und Interessengemeinschaften, schließlich auch durch allgemeine Menschheits-Erfahrungen und Einsichten, die mir als Teil des Kosmos und des Großen Ganzen zufließen. Welchen Überzeugungen ich mich im Lauf meines Lebens aber auch anschließe: Die Basis und Grundausrüstung bleibt immer der Kontext meiner frühkindlichen Einstellungen, auch für eventuell später dazukommende Glaubens-Überzeugungen. Diese Basis lässt sich nicht einfach abwerfen. Das zeigt sich in der therapeutischen Arbeit immer wieder.

Jeder Mensch hat solche Glaubensüberzeugungen, auch der Agnostiker, der sich nicht festlegen möchte, ob es „Gott“ gibt, der Atheist, der nicht an „Gott“ glaubt, und der Nihilist, der an gar nichts glaubt. Sie beziehen sich bei ihm wie auch bei denen, die fromm den Glaubensinhalten der Kirche folgen, nur zum kleinsten Teil auf angeeignete Lehrsätze, sei es der Kirche oder irgendeiner Religionsgemeinschaft oder einer philosophischen Theorie. Sie sind immer zuerst eine Mitgift derer, von denen er herkommt, denen er sich verdankt oder zu denen er gehören möchte.

Daraus folgen zwei Erkenntnisse: Die erste betrifft das Verhältnis von „Glaube“ und Vernunft. Glaube als Summe meiner Überzeugungen hat zwar einen unbewussten Anteil; aber er ist nicht prinzipiell meiner Vernunft und kritischen Nachforschung entzogen. Wie wir unsere frühkindlichen Einstellungen entwickelten, ist zwar oft schwer zu rekonstruieren, aber ihre Entstehung kann plausibel gemacht werden. Mit psychotherapeutischen Methoden können sie ans Licht gebracht werden. Ein Gegensatz zwischen Glaube und Vernunft tut sich dabei nicht auf.

Die zweite Erkenntnis betrifft das Verhältnis von „Glaube“ und Macht. Glaube als Summe meiner Überzeugungen ist immer individuell. Er ist subjektiv und besitzt keine Allgemeingültigkeit. Ich bin ihm zwar in gewissem Umfang ausgeliefert, aber er ist ein Produkt der Bedingungen, unter denen ich aufwuchs. Er erreicht mich nicht aus irgendeinem Jenseits, „senkrecht von oben“. Deshalb kann ich meinen Glauben auch nur als persönliche Erfahrung beschreiben und allein für das einstehen, was ich erlebt habe; woran mein Herz hängt15. Mehr habe ich nicht.

7 Rö 10,9

8 1Kor 1,23

9 1Kor 1,18

10 BUBER, Zwei Glaubensweisen, 1950, kritisiert das paulinische Glaubensverständnis und setzt es in Gegensatz zum jüdisch-jesuanischen, wo glauben vertrauen meine. Der „Dass-Glauben“ verlange die Akzeptation der Tatsächlichkeit eines Vorgangs, speziell der Auferstehung (1K 15,17; Rö 10,9).

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