Miteinander als Chance - Fritz Blanz - E-Book

Miteinander als Chance E-Book

Fritz Blanz

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Beschreibung

Welche Rolle spielt Diakonie in Kirchengemeinden? Wie kann ein Zusammenleben von Kirche und Gesellschaft in Zukunft funktionieren? Bereits Bonhoeffer sprach davon, "Kirche für andere" zu sein, helfend und dienend. Das Modell der Konvivenzgemeinschaften will Kirchengemeinden und Gemeinwesendiakonie mit gesellschaftlichen Akteuren zusammenbringen. Darin sieht der Autor die Zukunft der Kirche.

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Seitenzahl: 407

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

© 2022 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Jens Vogelsang, unter Verwendung

eines Bildes © Barks (shutterstock.com)

Lektorat: Hauke Burgarth, Pohlheim

DTP: Burkhard Lieverkus

Verwendete Schrift: Chaparral, Myriad

eBook: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG, Köln, www.ppp.eu

Printed in Czech Republic

ISBN 978-3-7615-6878-1 Print

ISBN 978-3-7615-6879-8 E-Book

 

www.neukirchener-verlage.de

Inhalt

Vorbemerkungen 7

Das neue Europa 7

Die konviviale Solidaritätsgruppe – ein zehnjähriger Prozess 10

Impulse für Gemeinde- und Gemeinwesendiakonie 12

Der kirchliche Kontext ist nur eine(!) Sichtweise 13

Teil I Grundlagen 16

Das Menschenbild 17

Der Mensch mit seiner Geschichte – der historische Kontext 18

Der Mensch mit seiner Sprachfähigkeit ist dialogisch angelegt 20

Der Mensch mit seinen Grundbedürfnissen hat verbriefte Rechte und kann mit seinen Kompetenzen zur Erfüllung der Bedürfnisse beitragen 24

Der Mensch als Schöpfung Gottes – eine unantastbare Würde 50

Konvivenz schaffen – die konviviale Gemeinschaft 57

Der Begriff der Konvivenz und der innere Diskurs „Konvivialität“ 57

Konviviale Ansätze in den Urchristengemeinden 58

Die spanische Epoche al Andalus (Abd ar-Rahmān III., Mosche ben Maimon) 64

Reformatorische Konvivenzgedanken (Luther, Bugenhagen) 68

Konviviales Wirtschaften (Ivan Illich) 71

Konviviale Bildung (Paulo Freire) 75

Konviviales Verständnis in der Mission (Sundermeier) 79

Konvivialistisches Manifest (Adloff, Leggewie) 84

Kunst und Praxis des Zusammenlebens 96

Zwölf Leitgedanken – eine Zusammenfassung 105

TEIL II Themen 106

Einleitung 107

„Was ihr meinen Schwestern und Brüdern getan habt …“ 107

Das konziliare Prinzip: Sehen – Urteilen und Visionen – Handeln 109

Die Werke der Barmherzigkeit – Versuch eines Verstehens 112

Die Würde ist unantastbar – Nackte bekleiden 112

Die Verwundbarkeit des Menschen – Kranke besuchen 125

Durstige tränken, Hungrige speisen – eine Vorbemerkung 139

Heute den Menschen Gerechtigkeit – Durstige tränken 140

Dauerhaft ein sozio-kulturelles Existenzminimum – Hungrige speisen 152

Offen für eine starke Gesellschaft – Fremde beherbergen 166

Frei von Zwängen – Gefangene besuchen 195

Versöhnt mit dem Leben – Tote bestatten 214

TEIL III Perspektiven 226

Erfahrungen aus der konvivialen Praxis 227

Merkmale konvivialer Gemeinschaften 227

Ein methodisches Modell 251

Grundlegendes 251

Die konzentrischen Kreise 255

Die Methodik – das Wandern durch die Kreise 259

Die Rolle der Kirchen 264

Kirche für andere (Bonhoeffer) 265

Kirche mit anderen – die Kirche im sozialen Raum 276

Die ökumenische Kirche 286

Drei Sätze zum Schluss 292

Literatur 293

Vorbemerkungen

Das neue Europa

Mit der Osterweiterung der Europäischen Union im Jahr 2004 kamen neben den Balkanstaaten Estland, Lettland und Litauen, Polen, die Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und die Inselstaaten Zypern und Malta hinzu. Im Erweiterungsvertrag vom Januar 2007 fanden Bulgarien und Rumänien Aufnahme. Die Osterweiterung hatte weitreichende Veränderungen in Europa zur Folge. Die große Herausforderung bestand und besteht darin, die traditionell zusammengewachsenen Staaten des westeuropäischen Bündnisses mit den postsozialistischen Staaten des Ostens zusammenzuführen und die damit verbundenen Veränderungen zu bewältigen. Die Europäische Union legte drei Hauptkriterien für das Zusammenwachsen fest, die sogenannten Kopenhagener Kriterien. Dazu gehören:

Stabile Institutionen als Garantie für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sowie Menschenrechte und der Schutz von Minderheiten,eine funktionierende Marktwirtschaft und die Fähigkeit, dem Wettbewerb innerhalb der Europäischen Union standzuhalten unddie Staaten müssen in der Lage sein, alle Pflichten der Mitgliedschaft, also das gesamte EU-Recht, zu übernehmen und sich mit den Zielen der politischen Union sowie der Wirtschafts- und Währungsunion einverstanden zu erklären.

Europa stand vor gewaltigen Herausforderungen. Zum einen mussten die historisch gewachsenen gesellschaftlichen Strukturen angepasst werden. Während in den westlichen Staaten Systeme der freien und sozialen Marktwirtschaft existierten, bemühten sich die osteuropäischen Staaten um ein neues Staatsgefüge, weg von der früheren sozialistischen Staatsdoktrin. Sie standen vor der Frage, welche guten Errungenschaften aus dem Sozialismus übernommen werden und wie weit sie ein anscheinend freies westliches Wirtschaftssystem kritiklos übernehmen sollten. Diese Herausforderungen zeigten erhebliche Auswirkungen auf die Bürger*innen in den einzelnen Ländern. Die Arbeitnehmerfreizügigkeit führte zu einer Ost-West-Wanderung der Arbeitnehmer*innen. Westliche Unternehmen verlagerten Teilbetriebe und Zulieferer nach Osten und übertrugen ihre Rahmenbedingungen auf die neuen Beitrittsländer. Während Industrie und Wirtschaft mit hohem Kapital in die osteuropäischen Länder investierten, waren Sozialunternehmen nicht in der Lage, mit dieser rasanten Entwicklung Schritt zu halten. In der Konsequenz stellte man in der sozialen Versorgung der Bevölkerung, verbunden mit den entsprechenden sozialen Sicherungssystemen, und in der Finanzierung sozialer Arbeit gravierende Unterschiede fest. Während zum Beispiel in Deutschland die Altenpflege mit ausgehandelten Pflegesätzen finanziert ist, bekommen ungarische Altenhilfeeinrichtungen sogenannte Kopfpauschalen. Diese sind bis heute so gering angesetzt, dass Altenhilfeträger Eigenleistung einbringen müssen. Viele Beratungsdienste in Westeuropa wie zum Beispiel Schuldnerberatung, allgemeine Sozialberatung, Flüchtlingshilfe werden vorrangig vom Staat im Sinne des Subsidiaritätsprinzips finanziert. Die Finanzierung ist Aushandlungssache zwischen der öffentlichen Hand und den Verbänden der freien Wohlfahrt. Die östlichen Länder betraten mit solchen Aushandlungsprozessen Neuland und sehen die Aufgaben nur teilweise, weil die soziale Sicherung in den postsozialistischen Ländern alleinige Aufgabe des Staates war, bzw. bestimmte Angebote gar nicht existierten. Ausnahmen bilden lediglich die Alten- und die Behindertenhilfe. Das Subsidiaritätsprinzip muss in den osteuropäischen Ländern neu gestaltet werden, was bis heute zu Unsicherheiten führt. Deshalb ist unklar, wer soziale Herausforderungen wie wahrnimmt, sie bearbeitet und welche Aufgaben mit öffentlichen Mitteln hinterlegt sind. Häufig erkennen die Sozialhilfeorganisationen im Osten soziale Probleme, aber der Staat verweigert die entsprechende Finanzierung. Deshalb kann man in der sozialen Versorgung der Bevölkerung von einem starken Ost-West-Gefälle sprechen, und es wird wohl noch Jahrzehnte dauern, bis Europa eine ausgewogene Sozialpolitik in allen Mitgliedsstaaten vorweist. Erschwerend kommt hinzu, dass Störfaktoren in der wirtschaftlichen Entwicklung, wie zum Beispiel die Finanzkrise 2008, die Corona-Pandemie 2020 oder ­Ukraine-Krieg 2022, sozialpolitische Entwicklungen ausbremsen.

Die wirtschaftliche Entwicklung verzeichnete nach dem Beitritt der östlichen Staaten deutliche Fortschritte. Die neuen EU-Länder verbuchten innerhalb von vier Jahren ein Wirtschaftswachstum von 23 Prozent, während in den westlichen Ländern im gleichen Zeitraum rund acht Prozent Wachstum erreicht wurden. Dagegen wurde bei der sozialen Versorgung vorwiegend der Erhalt bisheriger Strukturen angestrebt. Auch große Anstrengungen, die Rahmenbedingungen erkennbar zu verbessern (EU-Strategie zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung) scheiterten an den Finanzen. Fördermittel der Europäischen Union ermöglichten zwar Best-Practice-Projekte, aber flächendeckende Veränderungen blieben aus. In der Regel müssen die osteuropäischen Länder erhebliche Eigenmittel und ein großes Maß an ehrenamtlichem Engagement aufbringen, um soziale Projekte zu initiieren. Nur punktuell kommt es zu einer staatlichen Mitfinanzierung. Häufig fließen Fremdmittel in die Projekte wie Projektmittel der Europäischen Union oder Spenden und Sponsorengelder. Es fehlt an Nachhaltigkeit.

Insofern ergibt sich die Frage, wie künftig ein vergleichbares Niveau in Gesamteuropa hergestellt werden kann. Welche Rolle spielt für die Mitgliedsstaaten die soziale Verantwortung in einem solidarischen Europa? Wer beteiligt sich an den Herausforderungen, und wer setzt sich für die Lösung vorhandener Probleme ein? Wie sind die Träger der freien Wohlfahrtspflege, die Kirchen, die Gewerkschaften und Nicht-Regierungsorganisationen beteiligt?

Die Kernfrage lautet: Welches soziale Europa der Zukunft stellen wir uns vor? Dieser Frage hat sich der Lutherische Weltbund in Genf bzw. dessen Europa-Abteilung gestellt. Der große Vorteil der Kirchen liegt in dem bereits vor der EU-Erweiterung bestehenden europaweiten Netzwerk, das eine Grundlage für Kooperationen bilden kann.

Die konviviale Solidaritätsgruppe – ein zehnjähriger Prozess

Seit 2011 befinden sich die europäischen Kirchen des Lutherischen Weltbundes in einem kritischen Reflexionsprozess zu Fragen der Gemeinwesendiakonie, zur Reform ihrer Gemeinden und zur sozialen Verantwortung der Kirchen in Europa. Dem war ein Diskurs über die Rolle der Diakonie im sozialen Kontext vorausgegangen. Im Dezember 2011 lud das Europabüro des Lutherischen Weltbundes unter Leitung von Dr. Eva-Sibylle Vogel zu einer ersten Tagung nach Järvenpää ein. Gastgeberin war die Kirche in Finnland, die ihr Diakonisches Institut in Järvenpää als Tagungsort zur Verfügung stellte. Dort trafen sich 25 Delegierte von Kirche und Diakonie aus 14 europäischen Staaten, in der Regel Expert*innen zusammen mit Mitarbeiter*innen aus der Gemeindearbeit vor Ort. Inhaltlich verantwortete Pfarrer Tony Addy die Tagung. Der aus Manchester stammende Theologe und Sozialarbeiter, der die massiven sozialen Missstände des Manchester-Kapitalismus hautnah erlebte und später als Dozent im Diakonischen Institut in Järvenpää arbeitete, ist heute als Bildungsreferent bei der Internationalen Akademie für Diakonie und soziales Handeln in Mittel- und Osteuropa, kurz „interdiac“ angestellt. Unter der Leitung von Janka Adameova nahm das Institut die Ergebnisse und Inhalte des konvivialen Prozesses in ihre Bildungsstrategie auf und berät Gemeinden, vorwiegend in Osteuropa, aber auch außerhalb der Europäischen Union.

Es folgte ein Treffen in Odessa (Januar 2013), das die Grundaussagen von Järvenpää noch einmal prüfte und im Detail ausarbeitete. Die Gruppe der Teilnehmenden gab sich jetzt den Namen „Solidaritätsgruppe“. Ein Jahr später fand die dritte Konferenz in Rummelsberg bei Nürnberg (2014) statt, die das Dokument „Konvivenz schaffen – zur Gestaltung von Gemeinwesendiakonie in Europa“ verabschiedete und Strategien zur Verbreitung der Inhalte innerhalb der europäischen Kirchen diskutierte. Danach flossen erste Ergebnisse in die nationalen Kirchen ein.

Mit der Tagung in Manchester (März 2015) begann ein neues Schwerpunktthema: konviviales Wirtschaften. Unter den fünf Schlüsselthemen „Arbeit und Soziales“, „Verschuldung“, „Migration“, „Korruption und Transparenz“, „Schöpfung und Umwelt“ beschäftigten sich die Teilnehmenden mit Aussagen zu Gerechtigkeit und Menschenwürde. In Manchester wurden Kriterien für ein faires Wirtschaften benannt. Es folgte 2016 die Tagung in Tallinn, welche die bisherige Arbeit kritisch reflektierte und einen Abschlussbericht für die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Namibia vorlegte. Der Bericht liegt in deutscher Sprache vor.

Die dritte Phase stand unter dem Titel „People on the Move“ (Migrationsbewegungen). Sie erstreckte sich von 2017 mit der ersten Tagung in Balatonszarszo, Ungarn über Sibiu, Rumänien (2018), Amsterdam, Niederlande (2019) bis Reykjavík, Island (2020). Die letzte Tagung wurde aufgrund der Corona-Pandemie als Videokonferenz durchgeführt (Herbst 2020). Das Abschlussdokument liegt in der englischen Fassung vor. Es besteht aus dem Abschlussbericht und sogenannten Story-Books, in denen Migrationserfahrungen aus den unterschiedlichen Ländern gesammelt wurden.

Die Solidaritätsgruppe, bestehend aus einer Kerngruppe von ca. 15 Teilnehmenden und einer fluktuierenden Gruppe von ca. zehn Personen, entwickelte das Konvivenz-Konzept. Sie arbeitet inzwischen seit zehn Jahren zusammen. So bemüht sich die Kirchengemeinschaft bis heute um den Fortbestand des Prozesses. Im Frühjahr 2022 folgt die vierte Phase.

Während des 500-jährigen Jubiläums zur Reformation in Windhoek, Namibia (2017) konnte die Arbeitsgruppe ihre Impulse einfließen lassen. Sie verknüpfte die Themen mit dem Motto: „Befreit durch Gottes Gnade“. In den Unterthemen „Erlösung, Menschen, Schöpfung – für Geld nicht zu haben“ erinnerte der bayerische Delegierte Oberkirchenrat Michael Martin daran, dass es Gaben aus Gottes Hand gibt, die man käuflich nicht erwerben kann – eine Anspielung auf den Ablasshandel von damals bis zur wirtschaftlichen Bewertung der Menschen und zum Ausverkauf der Schöpfung in der heutigen Zeit. Die Themen ergeben einen tieferen Sinn, verknüpft man sie mit den Gedanken der Konvivenz.

Impulse für Gemeinde- und Gemeinwesendiakonie

Wie verstehen wir unsere Kirchengemeinden? Welche Rolle spielt darin die Diakonie? Ist Diakonie überhaupt Teil des kirchengemeindlichen Bewusstseins oder ist sie nur eine Institution? Wie oft taucht das Thema in Kirchenvorstandssitzungen auf? Sehen wir Diakonie als unverzichtbares Wesensmerkmal kirchlichen Lebens und damit des Gemeindeaufbaus? Sind wir von Visionen getragen, die in eine gerechtere und fairere Welt blicken? Gibt es unveräußerliche Werte als Leitmotive? Entwickelt sich das Evangelium mit einer Wirkkraft, die sich nicht nur auf die individuelle Seligkeit beschränkt, sondern das Gemeinwohl und damit die Nächsten als Gottes Geschöpfe in das Blickfeld rückt?

Die Solidaritätsgruppe selbst sieht sich als Impulsgeberin. Sicherlich sind in den zurückliegenden zehn Jahren eine Reihe von Impulsen entstanden. Aber es sind keine fertigen Ideen, sondern sie laden zum Weiterdenken ein. Idealerweise ergibt sich aus den bisherigen Ergebnissen ein europaweiter Prozess für die Entwicklung des Gemeinwesens, mit der Suche nach einer zukunftsfähigen und nachhaltigen Gesellschaft und der Frage nach unserem Beitrag in der Mitgestaltung. Dazu sind alle aufgerufen: Gemeindeglieder und Mitarbeiter*innen der Diakonie, Initiativgruppen im Gemeinwesen, kirchen- und gemeindeleitende Organe ebenso wie diakonische Verantwortungsträger, Träger der freien Wohlfahrt, Gewerkschaften und politische Mandatsträger. Kirche darf nicht Selbstzweck werden, denn damit hat sie ihren Vertrauensvorschuss in der Gesellschaft verspielt. Das Konvivenz-Konzept ist ein dynamischer und dialogischer Ansatz, der den Gemeinden und dem Gemeinwesen in Europa Impulse vermitteln möchte. Im englischen Text wird auch von „Re-forming Community in Europe“ gesprochen, ein Hinweis auf die ständige Erneuerung in Gemeinde und Gemeinwesen. So sollen die folgenden Kapitel Impulse für die Überprüfung der Rahmenbedingungen in der eigenen Gemeinde geben, zugleich Haltungen hinterfragen und zu einen Reformprozess ermutigen. Gemeinde und Gemeinwesen bleiben dabei durchlässig.

Das Buch ist entsprechend aufgebaut. Zuerst beschäftigt es sich mit den Grundlagen eines Menschenbildes aus Sicht der konvivialen Gemeinschaft und klärt im zweiten Schritt den Begriff „Konvivenz“ mit dem Versuch eines historischen Rückblicks. Der zweite Teil bietet anhand verschiedener Themen mögliche Ausgestaltung konvivialer Gemeinschaften an. Grundlage hierfür ist der Text aus Matthäus 25 (vom Weltgericht). Die Themen sind nach dem konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung aufgebaut:

Beschreibung der Situation (Sehen, was ist)Bewertung der Lage und Visionen (Urteilen, was sein sollte)Gelungene Beispiele aus der Praxis (Handeln, das Mögliche suchen)

Im dritten Teil sollen die Merkmale konvivialer Gemeinschaften, ein methodischer Zugang und die Rolle der Kirchen beschrieben werden.

Ziel des Buches ist es, Anschauungsmaterial zu liefern. Es geht darum, Ideen und Gedanken in das eigene Gemeinwesen bzw. die Heimatgemeinde mitzunehmen und die Ausgestaltung des sozialen Raumes anzuregen. Es wird neben der bereits erwähnten Methode des konziliaren Prozesses eine Vorgehensweise angeboten, die sich vom Menschen mit seinen Bedürfnissen und Kompetenzen zur Gesellschaft bewegt. Idealerweise führt das Buch zum Dialog. Dann wäre es seinem Auftrag gerecht geworden.

Der kirchliche Kontext ist nur eine(!) Sichtweise

Das Buch arbeitet mit den Begriffen „Konvivenz“, „Konvivenzgemeinschaften“ und „konviviale Gemeinschaften“. In der kirchlichen Struktur wird eher das Wort „Konvivenzgemeinden“ verwendet. Damit soll eine christliche Sichtweise einfließen, die einen offenen Dialog mit Menschen in der sozialen Arbeit allgemein und im Gemeinwesen ermöglicht. Das Adjektiv „konvivial“ beschreibt Charakterzüge von Kirchengemeinden sowie eine bestimmte Denkweise. Es ist den diakonischen Handlungsmaximen nahe, die Brücken zwischen Kirche und offener Gesellschaft bauen und mit dem einen Bein ganz in der Kirche verwurzelt und mit dem anderen ganz in der Gesellschaft verankert sind. Diese diakonische Spannung im konvivialen Miteinander ist gewollt.

Die christlich-diakonische Positionierung soll weder exklusiv noch integrativ verstanden werden, sondern dialogisch. Der konvivialen Solidaritätsgruppe ist es ein besonderes Anliegen, mit allen Menschen in Europa die Kunst eines gelungenen Zusammenlebens zu gestalten. Sie ist allerdings der festen Überzeugung, dass Christen dazu ihren Beitrag leisten können. Insofern gehört ein Dialog dazu, der eigene Grenzen überschreitet, der offen ist für Andersdenkende, der zuhören und suchen kann, der aber auch eigene Überlegungen einbringt. Das Buch lebt von der Überzeugung, dass Christen etwas zu sagen haben, trotz aller Fehler und Schwächen, die zum Menschsein dazugehören. Das Mandat liegt in der Sehnsucht nach einer zukunftsfähigen Gemeinschaft unter den Menschen mit unterschiedlichen Einstellungen, Haltungen, religiösen Überzeugungen und Visionen. Als Kirche müssen wir uns verabschieden von einem Verständnis, das exklusiv aufgebaut ist und davon ausgeht, dass Menschen auf uns zugehen. Das zentripetale Bild geht von einer Kirche aus, die ihre Erkenntnisse gewonnen hat und an andere weitergibt. Es ist statisch und geprägt von einer Komm-Struktur wie übrigens die meisten Gemeindemodelle. Dem gegenüber gibt es ein anderes Verstehen, das sich mit dem wandernden Gottesvolk befasst. Es ist charakterisiert durch Unsicherheiten, eine Suchbewegung und eine anhaltende Spannung zwischen Orientierungslosigkeit und Gottes Weisungen, die allerdings eine Vielzahl entscheidender und überraschender ­Gottesbegegnungen zulassen. Das Verständnis lebt von der Erfahrung, dass wir alle Gäste auf Erden sind und uns für eine ­begrenzte Zeit auf diesem Planet bewegen. Es beinhaltet die Zusage an Abraham: „Gehe in das Land, das ich dir zeigen werde“1, „in das Land, wo Milch und Honig fließt“2, wie es später bei Mose präzisiert wird. Dazu bietet das Buch Impulse an.

1 Genesis 12, 1

2 Exodus 3, 8

Teil IGrundlagen

Das Menschenbild

Im ersten Teil der Grundlagen wird auf ein Menschenbild eingegangen, das zur Förderung konvivialer Gemeinschaften dient. Die Sichtweisen des Menschen haben starken Einfluss darauf, wie wir mit unseren Nächsten umgehen, was wir ihnen zugestehen, womit wir bei ihnen rechnen und mit welcher Haltung wir ihnen gegenübertreten.

Immer wieder steuern feindselige Haltungen die Kommunikation, denken wir nur an Hate-Speeches im Internet, Falschmeldungen und Verleumdungen, Mobbing, Diffamierung oder gar rechte Propaganda. In solchen Dialogen erleben wir die Abwertung des Menschen, die einseitige Verhaftung in Problemlagen oder die Stigmatisierung von Personen und Personengruppen. Nicht selten verursachen unreflektierte Meinungen Aggression und Gewalt gegenüber Mitmenschen, die wir nicht einmal kennen. So kann man gutes Zusammenleben nicht gestalten.

Insofern ist es von großer Bedeutung, mit welchen Einstellungen wir anderen gegenübertreten. Es ist ein ständiger Auftrag, unser eigenes Menschenbild zu überprüfen. Denn auch wir sind nicht davor geschützt, in destruktive Sichtweisen abzugleiten, selbst wenn es nur kurze Momente dauert. In diesen Situationen eigene Irrtümer nicht zu verdrängen, verlangt ein gesundes Selbst-Bewusstsein. Denn beide Gedanken sind im Menschsein, das Gute wollen und das Böse tun. Umso wichtiger ist es, im Laufe des Lebens die eigenen Bilder stetig zu verbessern, sofern sie uns nicht schon mit der Erziehung mitgegeben wurden. Außerdem werden die folgenden Abschnitte mit persönlichen Erfahrungen angereichert.

Der Mensch mit seiner Geschichte – der historische Kontext

Der Mensch ist kein Wesen, das seine Existenz allein aus dem Hier und Jetzt begründet. Er besitzt eine persönliche Geschichte; er hat Eltern, welche durch Erziehung Einfluss auf ihn nehmen. Und deren Erziehung ist wieder durch die Großeltern geprägt. So gehört zu unserer Prägung stets der historische Kontext, aus dem wir kommen, einschließlich der eigene Familiengeschichte. Es macht eben einen Unterschied, ob jemand aus einer Handwerkerfamilie stammt, die seit Generationen durch einen bestimmten Beruf geprägt wurde, so wie meine Familie, die seit über 400 Jahren aus Landwirten und Zimmerleuten besteht. Es macht auch einen Unterschied, ob jemand aus einem gehobenen Milieu kommt, dem es nicht vergönnt war, die Realitäten einer ungerechten Welt hautnah zu erleben. Es macht einen Unterschied, ob jemand eine glückliche Kindheit verbrachte, oder einen Elternteil durch ein Unglück schon früh verlor.

Menschen, denen wir begegnen, bringen ihre eigene Geschichte mit. Und die Geschichte prägt sie in ihren Werten und Einstellungen, in ihren Haltungen, in dem, was sie im Leben vorhaben, welche Berufe sie ergreifen und mit wem sie die Begegnung suchen. Schlüsselerfahrungen können Menschen neu prägen, Vertrauen wecken und optimistische Grundhaltungen verstärken.

Als Diakon und Sozialarbeiter in Nürnberg gehört die Obdachlosenzeitung „Der Straßenkreuzer“ zu meiner regelmäßigen Lektüre. Man kann die Zeitschrift nicht abonnieren. So muss ich mich auf den Weg machen, jeden Monat aufs Neue, und die Verkäufer*innen suchen. Selbstverständlich sind mir in kürzester Zeit ihre Verkaufsstellen bekannt. Einem von ihnen, den ich regelmäßig an der Museumsbrücke treffe, kam ich im Laufe der Zeit besonders nahe. Am Anfang lud mich sein Lächeln ein, wenn ich vor seinem Verkaufsstand Halt machte und um den „Straßenkreuzer“ bat. Später begrüßte er mich schon von Weitem und wir lächelten uns gegenseitig freundlich zu. Es war sein Lächeln, das mich ermutigte, mit ihm ins Gespräch zu kommen, und so erfuhr ich seinen Namen und von Zeit zu Zeit immer mehr aus seinem Leben. Später vermisste ich ihn, wenn er nicht an der Verkaufsstelle erschien. Einmal zeigte er sich längere Zeit nicht und ich wurde schon nervös: Hoffentlich war ihm nichts passiert?! Doch dann stand er plötzlich wieder an seinem Platz und erzählte über seine Sehnsucht und den Ausflug nach seiner Heimat in Italien. Aber er entschied sich doch wieder für Nürnberg. Lorenzo ist für mich nicht nur ein Zeitungsverkäufer. Er ist ein Mensch mit einer eigenen Geschichte und Vergangenheit, mit Bildern aus seinem Leben und damit mit einer unverwechselbaren Originalität. Sein Bild und sein Lächeln bleiben, auch wenn es zu keiner Begegnung kommt.

Das, was mit Lorenzo passierte, geschieht täglich millionenfach auf dieser Welt. In den Begegnungen spiegelt sich die Philosophie der Obdachlosenzeitung wider. Dort finde ich Geschichten von Menschen, ihren Schicksalsschlägen, ihren Einstellungen und ihren Visionen vom Leben. Plötzlich bekommen Menschen Gesichter. Ich kann sie verstehen, ich kann ihnen vertrauen. Die wertvolle Arbeit des „Straßenkreuzers“ weckt das Interesse an Menschen und belässt ihnen damit die Würde, die den Betroffenen oft genommen wird. Der „Straßenkreuzer“ misst den Menschen Bedeutung zu. Sie sind Teil des Nürnberger Lebens und sind inzwischen für viele Bürger und Pendler Weggefährten während ihrer Einkäufe, Spaziergänge durch die Stadt oder einfach auf dem Weg zur Arbeit. Heute würde es mich nervös machen, wenn sie aus dem Stadtbild verschwänden. Deshalb ist es in der Begegnung mit anderen Menschen ein wesentlicher Kerngedanke, welche Geschichte sie mitbringen. Vielleicht ist einem die Erfahrung vertraut: Im Gespräch mit einem Freund, einer Nachbarin oder am Tresen verändert sich plötzlich die Einstellung zum Gegenüber, nur weil man dessen Lebensgeschichte hört. Vielleicht wurde im Gespräch manches klarer. Zum Beispiel wo er verletzlich ist oder was sie bewegt, in einer bestimmten Weise zu handeln. Vielleicht versteht man jetzt leichter, in welchen Situationen das Gegenüber wütend wird, und vielleicht erkennt man aus der Geschichte Sehnsüchte und Motive für bestimmtes Verhalten.

Die Geschichte eines Menschen erklärt vieles, was möglicherweise beim anderen Unverständnis auslösen könnte. Sie hindert auch daran, mit schnellen Vorurteilen oder gar mit einer verkürzten Sichtweise auf andere zuzugehen.

Vielleicht entdeckt man im Hören auf andere einen Teil der eigenen Geschichte. In jedem Fall verhindert es ein allzu schnelles und unfertiges Urteil. Und letztlich ermöglicht uns die Erzählung Beziehungen mit neuer Qualität zu pflegen. Man sollte sich nicht beirren lassen und sich die nötige Zeit für ein gutes Gespräch nehmen. Denn im urteilsfreien Zuhören wird Vertrauen aufgebaut. Und wenn wir es schaffen, die Geschichte des anderen im Zwischenmenschlichen zu lassen und nicht für andere Interessen zu nutzen, dann beginnt konviviales Zusammenleben.

Der Mensch mit seiner Sprachfähigkeit ist dialogisch angelegt

Ich erinnere mich gerne zurück an meine Jugendzeit. In der evangelischen Jugend führten wir oft nächtelange Gespräche, entweder in der Teestube, während einer Geburtstagsfete, auf einer Wanderung oder abends am Lagerfeuer. Die Gespräche waren wesentlicher Bestandteil unserer Reifung und entsprechend wichtig. Damals entschied ich mich für die Friedensfrage und verweigerte mit Überzeugung den Wehrdienst – Ergebnis eines Teestubengesprächs mit mehr als einer Flasche Wein!

In Gesprächen reift langsam, aber stetig die Sprachfähigkeit im eigenen Glauben. Zweifeln, Suchen und Entdecken haben ihre Wurzeln in den Gesprächen von damals bis heute. An den Abenden sprachen wir über unser Verhältnis zu Eltern, Lehrern und fragwürdigen Autoritäten, das bei vielen von uns konfliktbeladen war. Sicherlich auch eine Folge der 68er-Prägung. Wir hinterfragten die Werte einer damals fadenscheinigen Umwelt, kritisieren verkrustete Strukturen in Gesellschaft und Kirche, und diskutierten Modelle, wie wir uns ideales Zusammenleben vorstellten. Wir drückten die Sehnsucht nach einem tragfähigen Glauben aus. Es war kein schlichter Smalltalk. Uns ging es um Lebenskonzepte, Werte und Haltungen. Was den Reifungsprozess ausmachte, war der Dialog miteinander.

Martin Buber (1878–1965) beschreibt in seinem Buch „Ich und Du“ (Buber, 1983) die Notwendigkeit des Dialogs. Menschen, die sich auf einen Dialog einlassen, erfahren eine Entwicklung. Jeder Mensch, der im Gespräch mit einem anderen ist, geht aus dem Dialog verändert hervor. Das ist eine zentrale Botschaft von Martin Buber.

Menschen kennen sich aufgrund der Gemeinschaft und durch viele Begegnungen und Beobachtungen. Sie können ihre Mitmenschen beschreiben, die Welt in ihren Details erfassen und wie ein Mosaik zusammensetzen. Und nicht selten fällen sie aufgrund der Erkenntnisse ein Urteil über andere. Wenn Menschen voneinander berichten, dann sind es in der Regel Beschreibungen, eine Sammlung von Fakten und Daten und somit eine begrenzte Sicht. Martin Buber benennt diese Erfahrungen mit dem Grundwort „Ich-Es“.

Aber Martin Buber geht auf ein zweites Grundwort ein, das „Ich-Du“. Während die Ich-Es-Welt über „etwas“ berichtet und Menschen in ihrer Begrenztheit wahrnimmt, ist die Ich-Du-Welt frei von Beschreibungen und Grenzen. Man könnte auch vom Ganzen sprechen, das immer mehr ist als die Summe der Teile. „Ich-Du begründet zwischenmenschliche Beziehungen“, so Martin Buber. In solchen Beziehungen sehe ich das ganze Wesen Mensch, sein Leben, seine Würde, seine Ebenbildlichkeit Gottes. „Ich-Du“ löst Grenzen auf und ist getragen von einem Ja zum anderen.

Ich erinnere mich gerne an meine Schwiegermutter. Sie lebte bei uns im Haus und war ein fester Anker für unsere Kinder. Wenn ich mit unserem Sohn schimpfte, weil er wieder etwas „angestellt“ hatte, dann intervenierte sie: „Der Junge“, so betonte sie aus unerschüt­terlicher innerer Überzeugung, „ist ein herzensgutes Kind. Er hat das so nicht gemeint.“ Mir blieb nur ein kleinlautes aber ebenso unsach­liches: „Na ja, da halten sie wieder zusammen, die Oma und der Enkel.“ Was meine Schwiegermutter da lebte, war eine Ich-Du-­Beziehung. Sie sah nicht auf das „Etwas“, nämlich auf Fehler und Verfehlungen, nein sie zielte auf den Menschen an sich, sein Wesen, seine Existenz. Und da konnte das Urteil nur lauten: Der Mensch an sich ist gut, weil auch der sechste Tag im Schöpfungsbericht mit den Worten endet: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe es war sehr gut.“3

Im Leben von Jesus erleben wir das vorbildlich in unzähligen Situationen. Denken wir an die Geschichte der Ehebrecherin, in der Jesus die Argumente der Pharisäer im Raum stehen lässt – beziehungslos, der Ich-Es-Welt gleich. Und er leitet über zur Ich-Du-Beziehung: „Wer unter euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.“4 Wie entwaffnend! Christliche Kernbotschaft spitzt sich in der Aussage zu: Im Nächsten begegnet uns Gott selbst. Sein Gesicht erkennen wir in der wahren Begegnung mit unseren Mitmenschen, nach Martin Buber in der Ich-Du-Beziehung.

Die Ich-Du-Beziehung, eingebettet in den offenen Dialog, ist Vertrauen gegenüber Menschen und passiert nach dem Verständnis des Religionsphilosophen im Zwischenmenschlichen. Zwischen mir und dem Du istrûah elohim, der Hauch Gottes, sein Geist, so wie Atemluft zwischen zwei Menschen.

Auch Paolo Freire (1921–97) verwendete den Dialog als Prinzip, wenn er in seinen Basisgemeinden die Situation analysierte, bewertete und daraus Folgerungen für eine bessere Entwicklung zog. Ähnlich wie Buber unterschied Freire die Qualität der Gespräche. Er beschrieb in seinem Buch „Pädagogik der Unterdrückten“ das Wesen des Dialogs. Er erwartete, dass Dialog nicht im leeren Raum stattfindet, sondern immer in Bezug auf die Realitäten passiert, die uns um­geben:

„Dialog ist die Begegnung zwischen den Menschen, vermittelt durch die Welt, um die Welt zu benennen (…) Da nun der Dialog jene Begegnung ist, in der die im Dialog Stehenden ihre gemeinsame Aktion und Reflexion auf die Welt richten, die es zu verwandeln und zu vermenschlichen gilt, kann dieser Dialog nicht auf den Akt reduziert werden, dass eine Person Ideen in andere Personen einlagert.“ (Freire, 1970).

 

So werden mit Buber und Freire wesentliche Kriterien für einen qualifizierten Dialog benannt:

„Nicht über, sondern mit dem anderen“, „nicht abstrakt, sondern auf die Realität bezogen“ und „in der Gegenseitigkeit (Dialog) statt Einseitigkeit (Monolog)“.

 

Und schließlich ist der Dialog bereits wesentlicher Bestandteil der Anthropologie, denn der Mensch ist als soziales Wesen angelegt. Der Mensch kann ohne den anderen nicht leben. Das zeigt uns die Kaspar-Hauser-Erzählung. Er braucht den anderen und seine Sprache, um in seiner Entwicklung weiterzukommen. Eine Verweigerung des Gesprächs würde nicht nur zur Stagnation der Entwicklung, sondern sie würde zu einer Degeneration und letztlich zum Verlust der Menschlichkeit führen. Um beim Beispiel Kaspar Hauser zu bleiben: Im schlimmsten Fall zur Unfähigkeit, sich als Mensch unter Menschen zu behaupten.

Immer wieder erlebe ich – insbesondere in politischen Diskursen –, wie das Gespräch verweigert wird. Solche Gesprächsverweigerung ist einer der schlimmsten Fehler, die man in der Gestaltung des Zusammenlebens begehen kann. Egal mit welcher Haltung mir der Mitmensch gegenübertritt, ich kann ihn oder sie nur verstehen, wenn ich das Gespräch suche. Dabei bin ich mir schwieriger, komplizierter und nervender Gespräche bewusst und ich weiß auch von meiner begrenzten Energie. Doch es hilft nichts, ich brauche das Gespräch, um nicht mit einem verzerrten Bild dem anderen Menschen gegenüberzutreten und damit Fehlentwicklungen zuzulassen. Um Martin Buber noch einmal zu bemühen: Ich brauche das Gespräch, um von der Beziehungslosigkeit in die Beziehung zu kommen.

Der Mensch mit seinen Grundbedürfnissen hat verbriefte Rechte und kann mit seinen Kompetenzen zur Erfüllung der Bedürfnisse beitragen

Grundbedürfnisse sind Archetypen menschlichen Seins. Sie begründen das Recht des Menschen auf Existenzsicherheit ebenso, wie das Selbstbestimmungsrecht, die Unversehrtheit, der Schutz des Lebens und anderes mehr. Schon immer sind die menschlichen Grundbedürfnisse existent. Wir debattieren nicht das „Ob“ von Grundbedürfnissen, sondern setzen uns lediglich über die Erfüllung der Bedürfnisse im täglichen Leben auseinander. Und da gibt es im Lauf der Jahrtausende bis heute erhebliche Unterschiede, Verletzungen und Missbrauch. Umso wichtiger ist es, die Grundbedürfnisse des Menschen regelmäßig ins Bewusstsein zurückzuholen. Und noch etwas: Es sind heute Menschenrechte, zu denen wir uns bekennen und denen wir unsere Verantwortung schulden!

Remo Hans Largo (1943–2020), Facharzt für Pädiatrie und Autor von Fachbüchern zur Erziehung lebte in Zürich, Schweiz. In seinen letzten Jahren beschäftigte er sich mit der Frage, welches Konzept eine Gesellschaft benötigt, um gelingendes Leben zu ermöglichen. In seinem vorletzten Werk „Das passende Leben“ (Largo, 2019) beschrieb er das, was den Menschen ausmacht, und unter welchen Rahmenbedingungen in der heutigen Welt Leben gelingen kann. Da dies auch entscheidend für die Beschreibung eines konvivialen Gemeinwesens sein kann, will ich in diesem Abschnitt („Grundbedürfnisse“ und „Kompetenzen“) auf seine grundsätzlichen Überlegungen eingehen. Die Grundbedürfnisse werden nur stichpunktartig wiedergegeben; die Kompetenzen schließen sich gleich an jedes Grundbedürfnis als eine mögliche Antwort an.

 

Der Begriff Kompetenz ist nicht leicht zu fassen und wird in unterschiedlichen Disziplinen verkürzt bzw. im Sinne fachspezifischer Zieldefinitionen verwendet (vgl. Bildungskompetenz, Methodenkompetenz, linguistische Kompetenz u. ä.). In den nächsten Abschnitten werden weniger Kompetenzzuweisungen im juristischen, organisatorischen Sinne oder in der Gestaltung der Bildungs- und Berufskarriere sowie darauf bezogene Schlüsselqualifikationen erläutert. Vielmehr sollen Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten im Fokus stehen, mit denen der Mensch sein Leben autonom gestaltet und Antworten auf seine Bedürfnisse findet. Entgegen der verbreiteten Meinung, dass Kompetenzen erst im Lauf des Lebens erworben werden, soll die Annahme gelten, dass bestimmte Kompetenzen bereits im Individuum angelegt sind und im Entwicklungsprozess entfaltet. Dass sich alle Menschen nahezu alle Kompetenzen bei guter Didaktik in gleicher Weise aneignen können, sollte kritisch betrachtet werden. Die OECD Bildungsminister betonen:

„Nachhaltige Entwicklung und sozialer Zusammenhalt hängen entscheidend von den Kompetenzen der gesamten Bevölkerung ab – wobei der Begriff ‚Kompetenzen‘ Wissen, Fertigkeiten, Einstellungen und Wertvorstellungen umfasst.“ (Weinert, 1999)

 

Zu Beginn der Jahrtausendwende initiierte die OECD das Projekt „DeSeCo“ (Definition and Selection of Competences). Ziel war es, unter den Mitgliedsstaaten Kompetenzen zu definieren, welche für die persönliche und soziale Entwicklung der Menschen in modernen und komplexen Gesellschaften von Bedeutung sind. Hierzu fand im Februar 2002 in Genf ein spannendes DeSeCo-Symposium statt. Verschiedene Staaten stellten ihre nationalen Konzepte vor, die miteinander verglichen wurden. Es kristallisierten sich acht Schlüsselkompetenzen heraus, von denen sechs in allen Berichten erwähnt wurden. Hinzu kamen sieben weitere Kompetenzen, die nicht in allen Berichten berücksichtigt wurden, die aber im Blick auf die Gestaltung eines qualitativen Gemeinwesens durchaus von Bedeutung sind. Zur Übersichtlichkeit sollen die in den beiden Kategorien erwähnten Kompetenzen aufgelistet werden (Rychen, 2003).

 

In allen Berichten werden erwähnt:

Lernen/lebenslanges Lernen,muttersprachliche Kompetenz,soziale Kompetenzen/Zusammenarbeit/Teamwork,kommunikative Kompetenzen,Informations-, Problemlösungs- und Medienkompetenz,Rechnen und mathematisches Wissen.

 

Für das Gemeinwesen darüber hinaus bedeutende Kompetenzen:

Kreativität/Ausdruck/ästhetische Kompetenz,Fremdsprachen/internationale Erfahrung,kulturelle Kompetenzen und Traditionen/interkulturelle Kompetenzen,Religion und Spiritualität,politische Kompetenzen/Demokratiebewusstsein,ökologisches Bewusstsein/Wertschätzung der Natur,körperliche Leistungsfähigkeit/Gesundheit.

 

Im nachfolgenden Text werden die sechs Kompetenzen nach Largo den Bedürfnissen direkt zugeordnet und kurz erläutert. Damit verbunden ist die Frage, wie diese Kompetenzen für den konvivialen Prozess genutzt werden können.

 

Die zwei Schaubilder zeigen sechs Grundbedürfnisse nach Largo in etwas veränderter Form und ihnen zugeordnet sechs Kompetenzen.

 

Bedürfnisse nach Remo H. Largo.

 

Kompetenzen zum konvivialen Prozess.

 

Hierzu noch zwei Anmerkungen: Der verfolgte Ansatz geht grundsätzlich von einer positiven Beschreibung des Menschenbildes aus. Deutlich wird das insbesondere in der Ressourcenbeschreibung. So richtet sich das konviviale Menschenbild an ressourcen- und resilienz­orientierten Ansätzen aus.

Es muss zweitens betont werden, dass zwar alle Grundbedürfnisse und Ressourcen für alle Menschen vorhanden sind, die Individualität jedoch durch die unterschiedlichen Gewichtungen und Ausprägungen der Bedürfnisse und Kompetenzen entsteht.

Existenzielle Sicherheit und das Leben ohne Not

Vor meinen Augen erscheint immer wieder das Bild eines älteren Herrn, der jeden Morgen am Hauptbahnhof stand und die vorbei­eilenden Berufspendler um eine milde Gabe bat. Er war sehr erfolgreich. War dieser Mann in seiner Existenz bedroht? Solange er an dem gleichen Platz täglich das Notwendige bekam und nicht hungern musste, könnte man sagen: Nein. Aber sehr schnell taucht die Frage auf: Was bedeutet eigentlich Existenz? Und wann ist sie gesichert? Doch gehen wir zuerst einmal in die alttestamentliche Geschichte zurück.

Sucht man bei den Übersetzungen von Martin Buber und Stefan Rosenzweig den von Luther übersetzten Begriff „arm“, so eröffnen sich mehrere Deutungen: arm als „gebeugt“ (unterdrückt, entwürdigt) – in Zusammenhang mit Verfolgung und Ungerechtigkeit, als „besitzlos“ in Zusammenhang mit „Bruder“ oder „Verwandter“ (Deuteronomium 15), als „geschwächt“ oder „verarmt“ in Zusammenhang mit Verlassenheit (Psalmen 40; 70; 86; 109) oder Verlassen-Werden (Sprüche 19). So kann man nach alttestamentlichem Zeugnis in drei Kategorien vom armen Menschen sprechen:

arm als Schicksal(-sschlag) – Deuteronomium,arm als Ausgrenzung aus der Gemeinschaft bzw. dem Volk – Psalmenund infolge ungerechten Handelns am Mitmenschen – sozialkritische Propheten Amos, Hosea, Micha und Jesaja.

 

Historisch sind die Texte von der Landnahme und der damit verbundenen Staatenbildung inklusive deren Gesetzgebungen (ca. 1200 v. Chr.) bis zur Sozialkritik der Propheten vor den babylonischen Exilen (ca. 500. v. Chr.) einzuordnen. In vielen Teilen geht die historische Gesetzgebung weit über das hinaus, was heute gilt, wie zum Beispiel Sabbat- und Erlassjahre und Beherbergung von Fremdlingen.

Es gab nahezu keine Epoche der Geschichte, in der die Verantwortung für die Armen und deren Existenzsicherung mit Recht thematisiert wurde. Darin drückt sich die noch immer bestehende Unbeholfenheit aus, das Thema einer nachhaltigen Lösung zuzuführen.

Die ersten Ansätze einer europäischen Armutspolitik gehen zurück auf die Siebzigerjahre, als die Europäische Kommission die Armutspolitik in den Mittelpunkt eines Aktionsprogramms stellte und begann, die Armutslagen in den Mitgliedsstaaten zu untersuchen. Bis in die Neunzigerjahre folgten drei weitere Programme mit bescheidener Wirkung . Durch die Verwendung des Begriffs der sozialen Ausgrenzung (Exklusion) bekam Armut ein neues Gesicht: neben den unerfüllten Primärbedürfnissen (Essen, Trinken, Wohnung, Kleidung, Gesundheit) schenkte die EU den sozialen Bedürfnissen wie mangelnde Integration und Teilhabemöglichkeiten mehr Aufmerksamkeit. Das schlägt sich in der Lissabonner Strategie nieder, die bis heute die Definition von Armut der Europäischen Union liefert und Kriterien und Ziele festlegt (Damaschke-Deitrick, 2020).

 

Mit der Einführung der Hartz-IV-Gesetze (2005) beteiligte sich die Bundesrepublik an der europaweiten Vergleichsstatistik zu Armut und sozialer Ausgrenzung. Unter dem Titel „Leben in Europa“ erfasst seither die deutsche Regierung jährliche Armutsstatistiken. Wesentliche Kriterien sind:

die Armutsrisikogrenze bei 60 Prozent des mittleren Einkommens,das Maß an sozialer Teilhabe,Beteiligung am Arbeitsmarkt.

 

Die Kriterien beantworten die zentralen Fragen existenzieller Sicherheit:

Habe ich genügend finanzielle Mittel, um meinen Lebensunterhalt zu sichern?Ist es mir möglich, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und kulturelle Angebote zu nutzen, Beziehungen zu pflegen und die nötige Mobilität für das Zusammenleben aufzubringen? Kann ich mir meinen Lebensunterhalt selbst verdienen und reicht das Einkommen, um meine Existenz sicherzustellen?

 

Die Bundesregierung hat in einem Berechnungsmodell festgelegt, welche Dinge des alltäglichen Lebens notwendig sind, um ein Leben zu führen, das dem Existenzminimum entspricht. Bei aller berechtigten Kritik (zum Beispiel in der Vergleichsgröße beim ärmsten Teil der Bevölkerung anzusetzen oder nicht nachvollziehbaren Kürzungen im Warenkorb) bildet das Modell einen Orientierungsrahmen, mit dem die Existenzsicherung beschrieben wird. Dieses soziokulturelle Existenzminimum ist für jeden Bürger sicherzustellen.

Die europäische Definition ist für die weltweite Armutsdefinition unzureichend. So hat die UNO die absolute Armutsgrenze bei einem Einkommen von 1,90 Euro pro Tag festgelegt. Damit kann die einfache Ernährung sichergestellt werden, mehr nicht. Weltweit leben 235 Millionen Menschen unterhalb dieser Grenze, das sind mehr als die Hälfte der Bevölkerung in der Europäischen Union. Offen bleiben Fragen nach angemessener Kleidung, Gesundheitsversorgung, Wohnraum und Bildung. Insofern muss man zwischen einem soziokulturellen Existenzminimum und einer absoluten Armutsgrenze unterscheiden, wie sie die UNO definiert. In jedem Fall bleibt es das Ziel, eine möglichst weitgehende Existenzsicherung zu gewährleisten, die orientiert am Lebensstandard der Länder, sowohl die primären als auch die sozialen Bedürfnisse sicherstellt. Erst dann können wir von einer fairen Weltgemeinschaft sprechen.

Ich kann mir selbst helfen, wenn der Rahmen passt

Trotz aller Schwächen konnte der Mensch über Hunderttausende von Jahren seine Existenz eigenständig sichern. Er fand die Samen in den Ähren, verstand es, die Früchte im Wald und auf den Fluren zu erkennen und wusste, wie Fische und Tiere seinen Speiseplan bereichern. Er konnte sich Schutz in Höhlen und Behausungen suchen und seinen Körper durch ergänzende Kleidung warmhalten. Im Verbund mit anderen Artgenossen konnte er Strategien der Überlebenssicherung entwickeln. Diese ursprünglichen Kompetenzen der Existenzsicherung, ergänzt durch eine höchst differenzierte Strategie der Selbstfürsorge, finden sich heute noch fragmentarisch wieder.

Erst in den letzten Jahrtausenden und vor allem durch die Ansiedlung, später durch Strukturen der Feudalherrschaft und in den letzten 150 Jahren durch arbeitsteilige Industrie entstanden Rahmenbedinungen, welche die Existenz großer Bevölkerungsschichten gefährdeten. Die Behinderung im Zugang zu Ressourcen (Acker, Wald und Flur) und zu Produktionsmitteln schufen eine neue Qualität von Armut. Auch wenn der Mensch arbeiten will, ist nicht sichergestellt, dass er arbeiten darf und somit seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Dennoch sind in ihm Kompetenzen angelegt, die eine Existenzsicherung möglich machen. Aber er stößt vermehrt auf Barrieren in der Entfaltung seiner Kompetenzen. Er kann nicht einfach Acker, Wald und Flur für sich nutzen, denn dafür gibt es Eigentümer. Er kann nicht einfach in der Produktion arbeiten und Geld verdienen, denn die Eigentürmer der Produktionsmittel bestimmen, wer, wo, wie viel Arbeit und damit Einkommen bekommt.

Auch wenn die ursprünglichen Kompetenzen bis heute bewahrt bleiben, gelten für den modernen Menschen andere Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse. Der Mensch ist so angelegt, so die OECD-Studie (Weinert, 1999), dass er eigenständig handeln kann. Er findet sich in einem größeren Kontext zurecht, kann seinen Lebensraum gestalten oder Lebenspläne und persönliche Projekte realisieren und ist auch in der Lage, eigene Interessen zu verteidigen. Er erkennt seine Grenzen, weiß aber auch um die Erfordernisse zum Aufbau einer eigenen Existenz. Wie stark diese Kompetenzen allerdings ausgeprägt sind, hängt von den Lernerfahrungen im Laufe seines Lebens und der Persönlichkeit ab. Auch wenn das Kleinkind noch nicht in der Lage ist, allein zu überleben, so entdeckt es doch in der Kindheit und Jugendzeit eine Reihe von Kompetenzen, die ein selbstständiges ­Leben vorbereiten. Hinzu kommen zeitlich planerische Kompetenzen, wie es Largo in seinem Buch anspricht. Somit ist der Mensch auf der nördlichen Halbkugel in der Lage, seine Existenz im Rahmen der jahreszeitlichen Rhythmen von Saat und Ernte, direkter Versorgung und Vorratshaltung zu regeln.

Wenngleich im größten Teil der Menschheitsgeschichte eine Existenzsicherung auf niedrigem Niveau möglich war, wuchs mit zunehmender Chancenungleichheit die Armut. Deshalb müssen neben der Kompetenz zur Existenzsicherung auch Störfaktoren berücksichtigt werden. Diese sind gegeben durch ungleichen Zugang zu den Ressourcen wie Ackerland, Wasser, Viehzucht, Jagd im Wald und auf den Fluren.

In der heutigen arbeitsteiligen Industriegesellschaft hat der Mensch weitgehend keine eigenständigen Zugänge mehr zur elementaren Grundversorgung. Er muss sich diese verdienen, indem er seine Arbeitskraft zur Verfügung stellt. Wird für ihn der Zugang zur Arbeit gestört bzw. verwehrt, so folgt die unmittelbare Gefährdung der eigenen Existenz. Er/sie kann die eigenen Kompetenzen kaum noch anwenden, obwohl sie vorhanden sind.

Zu den ungleichen Voraussetzungen gehört auch die ungleiche Ausprägung der Kompetenzen in den unterschiedlichen Persönlichkeiten. Psychische und körperliche Behinderungen können sie erheblich beeinträchtigen. Während vermutlich in den Urgesellschaften nur schwach ausgeprägte Hilfssysteme existierten und der Mensch aller Wahrscheinlichkeit nach seinem Schicksal, das heißt seinem Tod überlassen war, können die heutigen Gesellschaften problemlos Rahmenbedingungen für schwächere Glieder schaffen, die ein Zusammenleben ermöglichen. Auch das ist eine soziale Kompetenz der Existenzsicherung. Über 80 Prozent der Bevölkerung in Deutschland produzieren weit über das Maß der Existenzsicherung hinaus und sind somit in der Lage, Sorge für andere zu tragen. Es bleibt der Spannungsbogen zwischen einer Existenzsicherung für alle auf niedrigerem Niveau und einer ungesicherten Existenz für einen Teil der Bevölkerung auf hohem Niveau.

Körperliche Integrität – Gesundheit und Selbstfürsorge

„Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen. (…) Der Besitz des bestmöglichen Gesundheitszustandes bildet eines der Grundrechte jedes menschlichen Wesens, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Anschauung und der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung.“ (WHO, 1946)

 

Nach den Statuten der Weltgesundheitsorganisation WHO wird das Grundbedürfnis nach körperlicher Integrität wie oben formuliert. Bemerkenswert ist, dass Gesundheit nicht nur von einer „Freiheit von Krankheit“ ausgeht, sondern von einem allgemeinen körperlichen geistigen und sozialen Wohlergehen. Die Weltgesundheitsorganisation spricht jede*m Bürger*in den Anspruch auf dieses Grundrecht zu. Lago geht in seinem Buch „Das passende Leben“ noch einen Schritt weiter. Er bezieht sich auf die Nahrung und die Form der Zubereitung als kulturelles Eigentum und auch auf das Recht einer würdigen Sexualität. Zu einer gut gelebten Sexualität gehören Begriffe wie Selbstbestimmung, Intimität, Freiheit und Achtsamkeit. Lago schließt in die körperliche Integrität zudem einen ausgewogenen Schlaf mit ein, das heißt frei von Schlafstörungen unter anderem durch Stress oder andere Einflussfaktoren.

Die Auseinandersetzung mit Epidemien und Pandemien wie der Schweinegrippe, dem Ebola-Virus oder aktuell COVID-19 zeigen, wie wichtig präventive Maßnahmen zur Sicherung des Grundbedürfnisses nach Gesundheit und körperlicher Integrität sind. Entsprechend gehören Schutzmaßnahmen zur Erfüllung des Grundbedürfnisses. Jeder kann den Anspruch auf dieses Recht einfordern.

Alles in allem sind extreme Unterschiede in der Gesundheitsversorgung kaum zu leugnen. Während die Länder des Nordens ein verhältnismäßig gutes System vorweisen können, gibt es für die südlichen Länder vielerorts nicht einmal die einfachsten Versorgungssysteme. So muss mit Blick auf die weltweite Lage von extremer Gesundheits-Ungerechtigkeit gesprochen werden.

Ich kann auf mich aufpassen – das körperliche, geistige und soziale Wohlergehen

Der Mensch kann körperliche Beeinträchtigungen bereits im Frühstadium erkennen. Er kann Schmerzen beschreiben, in der Regel auch lokalisieren und in den meisten Fällen die Bedeutung einschätzen. Er weiß, wann sein Körper voller Energie ist. Er kann aber auch einschätzen, wenn ihn Müdigkeit und Leistungsschwäche bremsen. Diese Kompetenzen helfen ihm, seine Leistungsfähigkeit maßvoll einzusetzen und seine Kräfte über den Arbeitsalltag oder gar ein ganzes Arbeitsleben gut dosiert einzuteilen. Das gelingt mal besser, mal weniger gut – je nach Menschentyp.

Menschen wissen um ihre geistige Leistungsfähigkeit. Sie können beschreiben, wo ihre Stärken liegen, aber auch ihre Schwächen. Sie wissen, wie sie sich mit ihren Talenten bzw. intellektuellen Fähigkeiten einbringen können und finden ihren Platz im Gefüge der Gesellschaft. Sie definieren, wann sie Erholung brauchen und wann sie sich besonders stark fühlen. Sie haben ebenso ein untrügliches Gespür für Glück wie für Sorgen und Nöte, die sie an sich selbst oder in ihrer Umwelt entdecken. Sie sind in der Lage, auf der Metaebene zu kommunizieren, zu philosophieren und sich auf spirituelle Prozesse einzulassen. Dazu braucht es keine intellektuelle Hochleistung: Das kann jede*r!

Der Mensch als soziales Wesen kann Beziehungen aufbauen und Verbindlichkeiten in sein Lebenskonzept integrieren. Sein soziales Wohlergehen hängt in großem Maße davon ab, ob er von anderen akzeptiert und integriert oder ob er abgelehnt und ausgestoßen wird. So sind die sozialen Kompetenzen ein starkes Grundmotiv für die Selbstfürsorge und damit für die körperlich Integrität.

Die Kompetenz der Selbstfürsorge benötigt einen ähnlichen Stellenwert wie die Sorge für den Nächsten. Nur wer innerlich stark und umfassend gesund ist, ist auch in der Lage, mit seinen eigenen Kräften für andere da zu sein. Die Fähigkeiten sind vorhanden und entwickeln sich schon in der frühen Kindheit. Dennoch bleibt das Thema Selbstfürsorge im gesamten Leben eine dauerhafte Herausforderung. Ständiges Beachten der Selbstfürsorge führt zu einem stabilen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefinden.

Aus meinen Erfahrungen in der sozialen Arbeit weiß ich nur zu gut, wie häufig die Sorge für andere die Selbstfürsorge verdrängt. Da wird über das zur Verfügung stehende Stundenmaß gearbeitet. Da vermischt man dienstliche Aufgaben mit dem Privatleben. Da verlernt man, Nein zu sagen und verliert die Abgrenzung. Das hat aber nichts mit mangelnder Kompetenz zu tun, sondern mit einer zu gering entwickelten Balance zwischen Engagement und Selbstfürsorge, hoher Wertschätzung des anderen und einer wenig ausgeprägten Selbstachtung. Bert Brecht schrieb in seinem Liebesgedicht „Der, den ich liebe“ folgende Zeilen:

„Der, den ich liebe, hat mir gesagt, daß er mich braucht.Darum gebe ich auf mich achtsehe auf meinen Weg und fürchte von jedem Regentropfen, daß er mich erschlagen könnte“.

(Bertolt Brecht, 1984)

 

„… und fürchte von jedem Regentropfen, dass er mich erschlagen könnte.“ Treffender kann man eine gesunde Selbstfürsorge nicht ausdrücken. Brecht empfahl sogar, das Gedicht jeden Morgen und jeden Abend zu lesen.

Selbstfürsorge wird gerne stiefmütterlich behandelt. Sie bewegt sich in einem weiten Spielraum zwischen Altruismus, also der Hingabe für den Nächsten, und Egoismus, der seine Grenzen nicht mehr kennt. Beides aber sind destruktive Extreme für ein gutes Zusammenleben. Altruismus führt zu Erschöpfung, Krankheit, Burnout bis hin zur Unfähigkeit, für andere da zu sein. Egoismus zerstört den Lebensraum anderer, verzerrt den Blick auf die Umwelt und macht einen dabei selbst unglücklich. Die Wurzel für beide Übel liegt in einer fehlenden Wertschätzung der eigenen Persönlichkeit. Deshalb ist die Selbstachtung das Grundelement für eine gute Selbstfürsorge und folglich ein gelingendes Miteinander.

Geborgenheit und eine Kultur der Heimat

Das körperliche, geistige und soziale Wohlergehen korrespondiert unmittelbar mit der Einbindung des Menschen in die soziale Gemeinschaft. Bereits im Kindesalter spielen Vertrauen und das Gefühl von Sicherheit eine entscheidende Rolle für eine gesunde Entwicklung. Geborgenheit als weiteres Grundbedürfnis des Menschen ist nur eine logische Konsequenz.

Wir wissen um die Erfahrung von Kindern, welche nach der Geburt die bedingungslose Hingabe der Mutter als existenziell wichtig erleben. Die Mutter stellt keine Bedingungen, wenn das Kind nach Nahrung schreit. Sie wird Nähe und Zuwendung zulassen, weil sie selbst erahnt, wie gut es dem Kind tut. Das Kind dagegen kann sich bedingungslos darauf verlassen, dass es mit dem Vater und vor allem der Mutter rechnen kann. Hier werden keine Fragen gestellt. Ihre Hingabe ist ohne Bedingungen.

Verfolgt man den germanischen Begriff von Armut, so findet man eine Wortbedeutung im Sinne von „vereinsamt, verlassen, verwaist“. Es sind Menschen, die ihre Geborgenheit verloren haben und wie hilflose Schafe ohne Hirten durch die Welt wandern.

Um das Grundbedürfnis nach Geborgenheit zu erfüllen, sind bestimmte Kriterien entscheidend:

Bildung von Vertrauen und Sicherheitsgefühl,das Ermöglichen von Zuwendung und Zärtlichkeit,bedingungslose Hingabe gegenüber Kleinkindern und extrem Hilfebedürftigen undVerbindlichkeit – mit dem anderen kann ich rechnen.

Damit ergibt sich eine Grundatmosphäre, die Geborgenheit ermöglicht und nach dem oben erwähnten Armutsbegriff Alternativen aufbaut.

Verwurzelt- und Geborgensein ist eine Kompetenz

Menschen, die Geborgenheit anstreben, müssen kommunizieren. Zwar ist die Muttersprache selbst nicht als Kompetenz von Anfang an ausgeprägt, aber Kommunikation findet von Anfang an statt, und die Fähigkeit zur Sprachbildung ist in die Wiege gelegt, erst als umfassende nonverbale Kommunikation, dann in Wortbildung und kleinen Sätzen und später im Gespräch. Durch ständige Kommunikation mit nahestehenden Personen lernt das Kind, sich mitzuteilen und sein Wissen zu erweitern. So ermöglicht die kommunikative Kompetenz eine Integration in den realen Kontext. Mit der Kommunikationsfähigkeit, aber auch der Fähigkeit, Wünsche und Bedürfnisse zu äußern, der Fähigkeit, sich abzugrenzen und eigene Interessen zu vertreten, kann der Mensch seinen Platz im sozialen Gefüge der Gesellschaft finden. Dies sind alles Kompetenzen, die ihn im Lebensumfeld verwurzeln und ihm dadurch innere Stabilität verleihen.

Die Kommunikation mit dem Umfeld, das Erkennen von Werten, die Dialogfähigkeit, verbunden mit der ständigen Auseinandersetzung über den eigenen Lebensraum, verleihen dem Menschen eine kulturelle Kompetenz. Für ihn bedeuten gelebte Traditionen Sicherheit und Halt. Sie können aber auch einengen, im schlimmsten Fall Entwicklungen blockieren und zur Handlungsunfähigkeit führen. Deshalb gehören zur kulturellen Kompetenz auch Kritikfähigkeit, die Fähigkeit sich selbst hinterfragen zu lassen und die Fähigkeit, notwendige Veränderungen anzusprechen und im Idealfall herbeizuführen.

Eine stark ausgeprägte kulturelle Kompetenz befähigt auch zur inter-kulturellen Kompetenz. Wer Heimat für sich gefunden hat, kann auch für andere offen sein. Ähnlich wie bei der kulturellen Kompetenz gehören zur interkulturellen Kompetenz das Erkennen von Werten, verbunden mit der kritischen Einschätzung eigener und fremder Werte, die Kommunikationsfähigkeit und das sich Einlassen auf Fremdes und Fremde. Xenophobie, Homophobie und andere irrationale Angstmotive haben nichts mit Kultur zu tun, ebenso wenig wie die kritiklose Übernahme fremder kultureller Traditionen. Sie können zur Fehlentwicklung und Verlust der eigenen Identität führen.

Heimat wird von Menschen unterschiedlich definiert. Die einen sagen, Heimat ist da, wo sie ihre Beziehungen pflegen. Andere definieren Heimat als einen Ort, wo sie zu Hause sind und sich wohl fühlen. Heimat kann da sein, wo ich mich mit Gleichgesinnten treffe. Es kann aber auch ein soziales Gefüge sein, in dem ich geprägt wurde und mich besonders positiv entwickeln konnte, wo ich in einem überschaubaren Raum und Beziehungsgeflecht mein Leben gestalte. So sind die in diesem Abschnitt beschriebenen konstruktiven Kompetenzen auch politische Kompetenzen, die mich zur Mitgestaltung der Gesellschaft befähigen. Das Gespür für Recht und Gerechtigkeit, für einen offenen Dialog in der Gesellschaft, für die Würde des anderen, generell für die Menschenrechte, ist die Grundvoraussetzung für die Gestaltung eines demokratischen Gemeinwesens. Insofern ist Heimat der Trainingsplatz zur Mitgestaltung einer gelingenden Gesellschaft. Heimat im nationalsozialistischen Sprachjargon, der andere Gruppen ausschließt und diffamiert, der das Ego über alles stellt, der den eigenen Kulturraum elitär in den Vordergrund rückt und damit Entwicklungen verhindert, der Werte und Haltungen verstümmelt, lässt gestalterische Grundkompetenzen verkümmern. Die konstruktiven Kompetenzen zu entdecken und zu fördern, bedeutet Leben in der Heimat.

Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung