Mitgefühl kann tödlich sein - Henning Marx - E-Book

Mitgefühl kann tödlich sein E-Book

Henning Marx

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Beschreibung

Entspannt genießen Thomas Sprengel und Lene Huscher ihre Flitterwochen auf Barbados. Als sie einen weiteren herrlichen Tag am Strand verbringen, explodiert vor ihren Augen das Heck einer vorübergleitenden Segelyacht. Obwohl die beiden Kommissare sofort eingreifen, kommt für Professor Himmelreich jede Hilfe zu spät. Erst nach ihrer Rückkehr ins nasskalte Heidelberg stößt Thomas Sprengel zufällig auf einen Hinweis, der das Unglück in einem anderen Licht erscheinen lässt. Im Zuge ihrer Ermittlungen geraten sie unvermittelt in einen Strudel aufreibender Ereignisse, die Lene Huscher auch eine harte persönliche Prüfung auferlegen.

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Seitenzahl: 612

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Henning Marx

Mitgefühl kann tödlich sein

Der 2. Fall von Thomas Sprengel und Lene Huscher

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Ein Gedanke vorweg ...

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Epilog

Ein klärendes Wort ...

Mein Dank ...

Und wie es weitergeht ...

Impressum neobooks

Ein Gedanke vorweg ...

»A human being is a part of the whole called by us ›Universe‹, a part limited in time and space. He experiences himself, his thoughts and feelings as something separated from the rest, a kind of optical delusion of his consciousness. This delusion is a kind of prison for us, restricting us to our personal desires and to affection for a few persons nearest to us. Our task must be to free ourselves from this prison by widening our circle of compassion to embrace all living creatures and the whole nature in its beauty. Nobody can achieve this completely, but the striving for such achievement is, in itself, a part of the liberation and a foundation for inner security« (Albert Einstein; aus einem persönlichen Brief von 1950, zitiert in der New York Times, 1972).

Prolog

Die lange Fensterfront gab einen weiten Blick über Heidelberg frei, der in der unmittelbaren Umgebung durch nichts verstellt wurde und sozusagen unverbaubar bleiben würde. Nicht weit entfernt lag der Bahnhof, dessen belebtes Treiben die Blicke des Besuchers immer wieder anzog, während er auf seinen Drink wartete, den sein Gastgeber an einer gut ausgestatteten Bar für ihn vorbereitete. Das Laub der Bäume glänzte goldfarben im Abendlicht. Doch er war nicht in der Stimmung, sich an derlei »Kitsch« zu erfreuen. Sobald die Szenerie keine hinreichend neuen Reize lieferte, stellten sich seine missmutigen Gedanken jeweils umgehend aufs Neue ein.

»Hier, bitte.« Sein alter Freund aus Studientagen war zu ihm an die Couch getreten, um ihm sein Glas mit Eiswürfeln in einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit zu reichen, die einfach dazu geschaffen sein musste, ihn von seiner trüben Stimmung abzulenken.

»Danke«. Er nippte an seinem Getränk. Tatsächlich gelang es diesem guten Tropfen, eine Welle des Wohlbefindens hervorzurufen, wenn auch bedauerlicherweise zu kurz.

»Du scheinst mir heute nicht gerade bester Laune zu sein, mein Lieber«, stellte sein Gastgeber treffend fest. »Dabei dachte ich, wir könnten noch eine kleine Sause machen. Du warst schon länger nicht mehr da.«

»Ja. Tut mir leid. Aber es gibt ein Problem, von dem du bisher nicht einmal ahnen würdest, dass es das jemals geben könnte. Und das Schlimme ist: Ich ... nein, wir können nichts dagegen unternehmen!«

»Und zwar?« Die Augen des schlanken, hochgewachsenen Mannes, dessen Alter kaum zu schätzen war, begannen interessiert zu funkeln. Für ihn gab es keine Probleme, sondern nur Menschen, die zu inkompetent waren, Lösungen zu finden. Das brachte er gegenüber seinen Mitarbeitern immer wieder deutlich zum Ausdruck. Bei seinen Freunden verkniff er sich hingegen in den meisten Fällen einen entsprechenden Hinweis.

»Du arbeitest in deiner Firma in erster Linie wofür?«

Der Angesprochene runzelte kurz die Stirn. »In erster Linie? Ist die Frage ernst gemeint?«

»Natürlich.« Erwartungsvoll schaute der etwas dickliche Besucher seinen Freund an.

Bei dem provozierte diese Antwort zunächst nur ein belustigtes Lachen, das durchaus attraktive Fältchen an den Augenwinkeln offenbarte, die wohl auf ein Überschreiten der Vierzig hindeuten dürften. »Na, damit mein Konto mehr Nullen bekommt. Warum sonst?« So amüsant er die Frage fand, so überflüssig schien sie ihm im gleichen Maße zu sein.

Sein Besucher reagierte auf die sichtbare Erheiterung mit einem noch mürrischeren Blick. »Mit dieser Haltung wirst du bald keinen Pfifferling mehr verdienen«, orakelte sein Besucher, bevor er sich mit einem weiteren Schluck des guten Tropfens eine Auffrischung seiner Gemütslage verschaffte.

»Welchen Sirup hat man dir denn ins Hirn gefüllt?« Langsam verließ den Wohnungsinhaber die Geduld mit seinem jammernden Freund.

Der erklärte ihm schließlich ausführlicher, was es mit seiner Stimmung auf sich hatte. »Erst letzte Woche habe ich mich auf einer Tagung mit anderen Unternehmern über dieses Problem unterhalten. Wir waren uns alle einig, auf eine absolute Katastrophe zuzulaufen, falls es uns nicht gelingt, das Ding zu stoppen, bevor es überhaupt losgeht.«

Sein sonst so schnell denkender Freund drehte sich zur Fensterfront und schaute über die Stadt, um das Gehörte zu verarbeiten. Er fragte sich, ob ihn das selbst betreffen könnte, war sich dann aber sicher, dass das zu seinen Lebzeiten nicht mehr der Fall sein würde. Danach überlegte er unwillkürlich, ob er daraus Kapital schlagen könnte. Ein paar Nullen mehr in kürzerer Zeit und mit weniger Risiko wären durchaus attraktiv. Schließlich wandte er sich wieder seinem Freund zu, dessen hoffnungsvollen Blick er immer deutlicher in seinem Rücken gefühlt hatte. »Und was erwartest du jetzt von mir?«

»Erwarten?«, sein Besucher lachte irritiert. Schaute aber durchaus ertappt auf sein Whiskeyglas, als suche er dort nach einer Antwort. »Ich dachte, ... du könntest da vielleicht wegen deiner Kontakte ... Du weißt schon ...«

»Verleumdungen aus der Presse, wenn ich mal darauf hinweisen dürfte«, erwiderte der Gastgeber knapp.

»Schon gut, schon gut. Jetzt lass mich nicht länger zappeln«, haderte sein Gesprächspartner.

»Wie weit wärt ihr denn grundsätzlich bereit zu gehen?«

»Bis in die Hölle, falls sich dort eine dauerhafte Lösung fände.« Er hielt dem Blick seines Gegenübers ohne mit der Wimper zu zucken stand.

»Dann hätte ich unter Umständen eine Idee, die für alle Beteiligten von Vorteil sein dürfte.« Es hätte auch die Schlange sein können, die dem Kaninchen in die Augen schaut, während er seinem sichtlich besorgten Freund einen Vorschlag skizzierte.

»Und was hast du davon?«

»Ich bekomme Quartalszahlen und Meldungen der Beteiligten etwas früher als andere«, stellte er ganz beiläufig mit unbewegtem Gesichtsausdruck seine Forderung.

Sein Gast schnaufte. »Das muss ich mit den anderen besprechen.«

»Tu das. Und wie kann ich dich derweil ein wenig aufmuntern?«

»Keine Ahnung.«

»Na, ich glaube, ein gutes Essen reicht bei dir nicht mehr aus«, diagnostizierte sein gut aussehender Freund. »Aber ich habe dafür wohl das Richtige – besser gesagt: die Richtige.« Er grinste vielsagend, während er sein Smartphone aus der Tasche zog und eine Nummer wählen ließ.

»Ekaterina, Häschen, ich bin´s. Bist du heute Nacht zufällig noch frei? ... Bring noch eine Kollegin für mich mit. ... Etwas Asiatisches vielleicht?«

Kapitel 1

Lene Huscher lag sehr bequem in einem Liegestuhl und konnte durch ihre schicke Sonnenbrille das Meer betrachten, auf dessen blauen und in Strandnähe türkisfarbenen Wellen die Sonne glitzerte. Es war kaum ein Wölkchen am Himmel, die Temperatur lag fast zwanzig Grad über der in Deutschland. An diesem Ort konnte sie es sehr gut aushalten.

Nach gut einem Jahr hatte sie Thomas Sprengel einen Antrag gemacht, den dieser offensichtlich nicht hatte ablehnen können. So hatten sie am Samstag vor dem ersten Advent standesamtlich geheiratet und waren anschließend in die Flitterwochen geflogen. Manchmal musste sie noch daran denken, wie Thomas sie bei ihrer ersten Begegnung in einer Weise beleidigt hatte, nach der wohl kaum einer der an diesem Abend Anwesenden jemals damit gerechnet hätte, dass sie ein Paar werden würden. Im Laufe ihrer ersten gemeinsamen Ermittlungen hatte sich Thomas dann doch noch von seiner besseren Seite gezeigt und sie davon überzeugen können, ein Mann mit Potenzial zu sein. Nur gut, dass sie beide damals, wenn auch nur knapp, den Kopf noch aus der Schlinge hatten ziehen können. Lene lachte kurz auf. Erstens waren es ihre Füße gewesen und zweitens durfte sie die Hilfe durch ihren jungen Kollegen Horst nicht unterschlagen.

»Mir wurde gesagt, dass eine hinreißende Dame auf ihren Cocktail wartet«, wurde sie von einer charmanten Männerstimme aus ihren Gedanken wieder in die Gegenwart geholt. Lene Huscher schaute amüsiert auf und erwischte zwei braune Augen, deren warmer Blick ungeniert über ihren Körper wanderte. »Suchen Sie gerade einen Platz zum Abstellen?«, fragte sie knapp, während sie über den Rand ihrer Sonnenbrille linste. Sie hatte bereits eine leicht gebräunte Haut. Der Schnitt ihres dunkelgrünen Bikinis betonte ihre schlanke Figur und dessen Farbe passte perfekt zu ihren rot leuchtenden Haaren.

Ihr Mann lächelte sie an: »Wenn wir hier nicht am Strand wären, würde ich dieses verführerische Geschenk auf der Stelle auspacken.«

»Soso, dann wollen wir dem Herrn doch noch ein wenig Vorfreude gönnen. Wo ist nun mein Cocktail?« Elegant streckte sie einen Arm nach ihm aus und ergriff das Glas. »Danke.«

Thomas Sprengel legte sich ebenfalls wieder in seinen Liegestuhl, während seine Frau an ihrem Getränk nippte, das angenehm erfrischend wirkte.

»Du solltest aber nicht zu lange in der Sonne bleiben«, gab er sich noch nicht geschlagen.

»Ich weiß es durchaus zu schätzen, dass du mich anziehend findest, mein Lieber«, schmunzelte sie, während sie seine Haare kraulte.

»Schau mal, wie der Segler dahinten schön am Wind liegt«, machte Lene Thomas auf ein großes Segelboot aufmerksam, dessen eleganter Rumpf und Segel in der Sonne schneeweiß leuchteten. Die Yacht glitt bei halbem Wind nur etwa eine halbe Meile lautlos vor ihrem Strand entlang.

»Sieht schon schick aus«, musste er ihr zustimmen. »Vielleicht sollten wir das auch mal ausprobieren?«

»Ja, wenn ich mir das so überlege, warum nicht? Segeln ist bestimmt nett«, nahm Lene den Gedanken gerne auf.

»Ich werde mal nach einer Segelschule suchen, wenn wir wieder zu Hause sind. Wäre das eine Idee?«, wollte Thomas sich über die Sinnhaftigkeit seines Tuns versichern.

»Super«. Lene nippte erneut an ihrem Cocktail, während sie die Yacht fasziniert beobachtete. Auf Deck konnte sie zwei Personen ausmachen – und eine ihr bestens bekannte Flagge am Heck. »Schau mal, der segelt unter deutscher Flagge. Meinst du, der ist über den Atlantik gekommen?«

Thomas wandte den Blick wieder dem Segler zu. »Kann schon sein. Da hätten die aber eine ordentliche Strecke hinter sich. Ich weiß nicht, ob das etwas für mich wäre – so lange auf hoher See.«

»Naja, wir müssen ja nicht als Erstes eine Weltumsegelung starten. Ich dachte zunächst eher an einen schönen See oder eine romantische Bucht«, präzisierte Lene ihre Vorstellungen.

Sie konnten sehen, wie eine der Personen auf dem Boot eine Kiste öffnete, aus der sie einen großen Ballon hervorholte.

»Ja, wir sollten klein anfangen«, stimmte Thomas ihr mit einem lausbübischen Grinsen zu.

Auch ihm schien die Wärme der Karibik sehr gut zu tun, befand Lene. Thomas hatte ständig nur Unsinn im Kopf. »Was?«, spielte sie auf sein Unfug verratendes Lächeln an.

»Wenn wir selbst segeln, dann haben wir kein so schönes Leuchtfeuer, das uns auf Untiefen aufmerksam macht«, erklärte er mit einem verliebten Blick.

Seine Frau musste lachen. Seit ihrer ersten Nacht hatte er sie wegen ihrer Haarfarbe sein »Leuchtfeuer« genannt. Lene zog ihn zu sich herüber, um ihm einen zärtlichen Kuss zu geben. »Ich liebe dich.« Und besonders mochte sie auch, wenn er Komplimente in einem subtileren Humor verpackte.

»Ich liebe dich, mein Leuchtfeuer«, flüsterte Thomas ihr ins Ohr. »Aber meinst du nicht, dass ich dich noch mal eincremen sollte, damit du keinen Sonnenbrand bekommst?«, schaute Thomas sie nun wieder gänzlich unschuldig an.

»Du kannst es nicht lassen, oder? Vielleicht hast du sogar recht.«

Thomas beugte sich zu ihrer Tasche und holte die Sonnenmilch heraus. Während er die Flasche öffnete, wies Lene erneut auf den Segler. »Schau mal, die haben die Gummiballons an die Reling gehängt. Ich glaube, die wollen hier in den nächsten Hafen einlaufen.«

»Stimmt.« Thomas verteilte etwas Sonnenmilch auf Lenes Bauch und begann diese sanft einzureiben. Dabei näherte sich seine Hand stetig weiter Lenes Bikinihöschen, bis seine Fingerspitzen immer wieder vorwitzig unter dessen Rand verschwanden.

»Du hast doch nicht etwa Hintergedanken, mein Lieber?«, fragte Lene mit hochgezogenen Augenbrauen und sich keineswegs anmerken lassend, wie angenehm ihr seine sanften Bewegungen waren. Vielleicht lag sie doch bereits zu lange in der Sonne?

»Wie kommst du denn ...«

Thomas Sprengel wurde von dem lauten Knall einer Explosion unterbrochen, der von der See zu ihnen herüberschallte. Erschrocken schauten beide – wie alle anderen am Strand und im Wasser um sie herum – aufs Meer. Mit Entsetzen mussten sie feststellen, dass es einen Teil des Bootshecks weggerissen hatte und sich Feuer auf der Segelyacht auszubreiten begann.

»Ich sehe keinen an Bord«, stellte Thomas fest. »Du?«

»Nein.«

Die Flammen fraßen sich langsam nach vorne. Auch unter Deck glaubten sie es hinter dem Fenster achtern lodern zu sehen. Die anderen Strandbesucher schienen noch wie paralysiert auf das Inferno zu starren, als Thomas und Lene gleichzeitig aufsprangen.

»Ich laufe zur Rezeption«, rief sie ihm zu, während sie bereits die ersten Meter zurückgelegt hatte.

»Ist gut.« Thomas sprintete ans Wasser, requirierte kurzerhand ein Schlauchboot inklusive eines verdutzt dreinblickenden Jungen, nahm dem die Paddel ab und war schon mehrere Meter in Richtung offene See gerudert, bevor der Vater des Knaben überhaupt im Ansatz hatte protestieren können. Die Explosion und unmittelbar darauf folgend die Kaperung des Schlauchbootes samt Sohn war wohl zu viel für die Verarbeitungskapazität seines Gehirns. Der Junge schien das eher spannend zu finden.

Kapitel 2

Etwa zur gleichen Zeit saßen Horst Jung, Heiner Janetzky und Franz Hilpertsauer an der Theke in der »Pepper Bar«. Weil sie nach dem Dienst zusammen direkt dort hingegangen waren, würde es noch eine Weile dauern, bis weitere Kollegen zum wöchentlichen Stammtisch eintrafen. Jedenfalls waren die drei derzeit sehr entspannt. Das lag nicht daran, dass ihr Chef Thomas Sprengel im Urlaub weilte, sondern weil sich passend zu der vorweihnachtlichen Zeit alle Menschen zu vertragen schienen und im Heidelberger Morddezernat hauptsächlich Routineaufgaben auf dem Programm standen. Außerdem war es ihnen möglich, hin und wieder Überstunden abzubauen, oder wie heute einfach pünktlich zu gehen, um in aller Ruhe ein kühles Pils zu genießen. Ein kleiner Snack sollte das Ganze dann noch abrunden.

»So gut müsste man das jetzt haben«, seufzte Heiner wehmütig, als er an seinen Chef dachte. »Die liegen bestimmt gerade unter Palmen am Strand und lassen sich von vorne bis hinten bedienen.«

»Höre ich da etwa Neid aus deiner Stimme?«, witzelte Horst arglos, weil er ausgesprochen guter Stimmung war. Der Stammtisch hatte ihn davor bewahrt, mit Heike nach einem neuen Kleid Ausschau halten zu müssen. Er konnte nicht wissen, dass sie rücksichtsvollerweise genau diesen Abend dafür ausgewählt hatte, weil sie seine Abneigung diesbezüglich kannte. Noch bevor seine Frau ihn gefragt hatte, ob er mitkommen wollte, hatte sie sich bereits »fürsorglich« mit ihrer Freundin Lisa verabredet, die ohnehin die bessere Beraterin in derlei Fragen abgab. Wie erwartet hatte Horst tatsächlich den Stammtisch – leider, leider – vorgeschoben. Nur die Frage danach hatte sie ihm selbstverständlich nicht ersparen wollen, weil ein latent schlechtes Gewissen nie schaden konnte.

»Du gönnst den beiden das nicht. Gib es zu!«, setzte Horst sogar noch nach.

»Wo denkst du hin? Natürlich!«, zeigte sich Heiner irritiert, der den Schalk in Horsts Augen nicht sehen konnte. »Ich wäre nur auch gerne mit meiner geliebten Frau ...« Etwas resigniert brach er den Satz ab, um lieber noch einen kräftigen Schluck von seinem Pils zu nehmen.

Sofort bereute Horst seine unbedachte Bemerkung, weil er hätte wissen können, was seine als Scherz gedachte Provokation prompt angerichtet hatte. Heiner war erst vor wenigen Wochen von seiner Frau verlassen worden. Ihn hatte das Schicksal so manches Kollegen ereilt, dessen Ehefrau ab einem gewissen Punkt einfach kein Verständnis mehr für das immer wieder ohne Vorankündigung auftretende Ausbleiben ihres Ehemannes nach Dienstschluss aufbrachte. Horst wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Er selbst hatte riesiges Glück mit seiner Heike, die in dieser Hinsicht eine endlose Geduld zu haben schien. Vielleicht lohnte sich aber auch einfach das Warten so sehr? Und bei Heiner hatte es sich nicht gelohnt? Mann, wie war er denn heute drauf. »Es tut mir leid«, brachte Horst etwas hilflos hervor.

Heiner trank sein Bier aus. »Schon in Ordnung. Ist ja meine Schuld, dass ich dein Späßchen nicht verstehen wollte.«

Franz fasste den Trübseligen teilnahmsvoll an der Schulter.

»Noch´n Bier, Heiner?«, kam Beatrice, die Barfrau, sofort, als sie sein leeres Glas bemerkte, stutzte aber, als sie die plötzliche Gemütsveränderung an Heiner wahrnahm. Es gab wohl selten etwas, das Barkeeper von Stammgästen nicht wissen. Sie rieb ihm aufmunternd seinen Unterarm, der matt auf dem Tresen lag. »Na, nun lass mal den Kopf nicht so hängen, Süßer. Das wird schon wieder«, versuchte sie ihn mit einer glockenklaren Stimme aufzumuntern. Diese Stimme passte perfekt zu ihrer elfenartigen Erscheinung mit blondem Haar, heller Haut und grazilem Körperbau – aber die Anrede »Süßer«? Auch wenn Barfrauen öfter gewohnt waren, Klartext zu reden, ging das mit ihrem sonstigen Typ so gar nicht zusammen, ging es Horst für einen Augenblick durch den Kopf.

»Ein Melancholiker sollte eigentlich keinen Alkohol trinken«, wehrte Heiner ein weiteres Pils ab. »Und statt süß bin ich wohl eher ziemlich bitter.« Immerhin zeigte sich der Ansatz eines müden Lächelns auf seinem Gesicht, als er sich selbst auf den Arm nahm. »Hast du nicht etwas ohne Alkohol, das trotzdem die Stimmung hebt?«

Beatrice blickte ihn aus ihren großen, grünen Augen einen Augenblick mitfühlend an, schien sich auf seine Stimmung einzulassen und nickte anschließend nur kurz. »Kommt sofort, Herr Kommissar.«

»Ist halt nicht leicht mit den Frauen«, versuchte auch Franz neben einem festen Griff der Schulter mit ein wenig Männerweisheit die Laune seines Kollegen wieder zu heben.

Heiner schaute Franz etwas genervt an. »Und das weißt gerade du so genau?«

Oh, oh. Was hatte er da bloß mit seinem nicht sehr weitsichtigen Späßchen angerichtet. Die Unterhaltung drohte in eine Abwärtsspirale zu geraten. Bestürzt wollte der junge Kommissar vom Thema ablenken. Franz hatte zumindest keine Partnerin mehr gehabt, seit Horst in der Abteilung arbeitete. Das waren inzwischen vier oder fünf Jahre? Für ihn wäre das unvorstellbar. Doch bevor er reagieren konnte, antwortete Franz ganz die Ruhe selbst: »Du hast es erfasst. Deshalb lebe ich ja schon so lange alleine, obwohl ich bereits auf die fünfzig zugehe. Nur weil ich nicht immer am Jammern bin, heißt das nicht, dass mich das nicht auch hin und wieder niederdrückt. Aber auf diese Weise bin ich immerhin frei, wenn die Richtige kommen sollte. Das ist mir allemal lieber, als Kompromisse einzugehen und den entscheidenden Moment am Ende zu verpassen.« Er klopfte Heiner noch einmal auf die Schulter, bevor sich seine Hand wieder um sein Bierglas bemühte.

»Entschuldige, Franz, ich wollte dir nicht auf den Fuß treten«, reagierte Heiner etwas betreten auf das offene Wort seines Kollegen zu dessen eigener Gemütsverfassung.

»Tata! Hier habe ich einen alkoholfreien Cocktail für dich.« Sie stellte ein Glas mit einem fliederfarbenen Getränk vor ihrem schwermütigen Gast auf die Theke und beendete damit ungewollt den stürmischeren Teil des Gesprächs.

Heiner zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen. »Ist das nicht ein bisschen zu feminin, so farbmäßig?«, drückte er zunächst seine Zweifel aus.

Beatrice rollte die Augen. »Männer haben schon komische Prioritäten. Mach halt die Augen zu und trink erst einmal«, blieb sie von ihrer Wahl überzeugt.

Auch Horst und Franz waren gespannt, was Heiner dazu sagen würde. Der schloss tatsächlich die Augen und nahm einen vorsichtigen Schluck ... und noch einen. Als er die Augen wieder öffnete, sah er Beatrice dankbar an: »Passt wunderbar. Was trinke ich da eigentlich?«

»Eine ›Abendsonne‹ ... Ja, ich komme.« Beatrice wandte sich einem anderen Gast zu, bevor Heiner noch etwas erwidern konnte.

»Genial«, Horst grinste breit.

»Was?«, wollten die anderen beiden wissen.

»Na«, Horst holte groß aus, »mit einem weiblich anmutenden Cocktail gegen das von einer Frau verursachte Leiden. Das ist doch eine geradezu homöopathische Vorgehensweise.« Ihr junger Kollege schien an diesem Abend zu Hochform aufzulaufen.

Franz schmunzelte in sich hinein, während Heiner den Kopf auf die Theke sinken ließ und vernehmbar stöhnte. Dennoch musste er über Horsts Unsinn in einer Art Galgenhumor lachen. »Du gehst jetzt mal besser rüber an den Tisch. Da sind inzwischen ein paar Kollegen gekommen, die sich bestimmt noch viel mehr über deine geistreichen Späße freuen.«

Horst wechselte nicht ungern die Gesellschaft, weil er dort keinen weiteren Schaden anrichten konnte. Manchmal hatten Fettnäpfe einfach eine geradezu magische Anziehungskraft auf ihn.

Nach einem vergnüglichen Abend brach Horst schließlich mit den Letzten vom Tisch auf. Franz war bereits frühzeitiger gegangen. Nur Heiner saß immer noch an der Theke und unterhielt sich mit Beatrice, die dabei war, Gläser zu spülen, nachdem sich kaum noch Gäste in der Bar befanden. Die Bardame hatte immer für alle ein offenes Ohr und ein passendes Wort. Obwohl sie überhaupt nicht Horsts Typ war, nahm er an ihr eine reife Ausstrahlung wahr, die ihn auf eine unbestimmte Weise ansprach. So ausgeprägt hätte er diese an einem Menschen nicht erwartet, den er für höchstens Mitte dreißig hielt. Vielleicht lag das auch nur daran, dass für ihn die Dreißig noch in weiter Ferne lagen.

»Ciao, Bea. Einen schönen Feierabend«, wünschte er ihr zum Abschied.

»Ciao, ciao. Bis nächste Woche, oder nicht?«, kam es wie immer gut gelaunt und zur Kundenbindung zurück.

»Ich denke schon.« Und an Heiner gewandt setzte er fort: »Kommst du mit oder bleibst du noch?«

»Ich bleibe noch ein wenig. Es ist gerade so nett hier«, machte er Beatrice mit seiner Antwort nebenbei ein Kompliment, die auch prompt von ihren Gläsern kurz aufschaute und Heiner freundlich zulächelte.

»Aber versack hier nicht«, witzelte Horst im Gehen noch.

»Dann stelle ich rechtzeitig von ›Abendsonne‹ auf ›Morgendämmerung‹ um«, parierte Heiner Janetzky, scheinbar wieder besserer Stimmung. »Bis morgen.«

»Ja, leider«, seufzte er noch theatralisch, bevor sich die Tür hinter ihm schloss.

Kapitel 3

Thomas Sprengel ruderte, als ob es um sein eigenes Leben ginge. Der Junge kniete am vorderen Luftschlauch des Bootes und schaute gebannt auf das brennende Segelboot. Glücklicherweise gab es nur wenig Seegang, so dass sie recht flott vorankamen. Die Yacht war trotz des aufgerissenen Hecks und der dort lodernden Flammen noch ein Stück gesegelt, bevor die Schoten durchgeschmort waren. Inzwischen killten die Segel in der leichten Brise und der Bug hatte sich in den Wind gedreht. Zu Thomas´ Erleichterung hatte das Boot aufgrund des auflandigen Windes sogar begonnen, langsam auf die beiden in ihrem Schlauchboot zuzutreiben.

Bisher hatte keine Notwendigkeit bestanden, mit dem Jungen zu reden, den er auf vielleicht zehn Jahre schätzte. Der Knirps hatte auch so verstanden, was Thomas Sprengel im Sinn hatte. Er selbst saß beim Rudern ebenfalls zur Yacht gewandt, um das Schlauchboot mehr oder weniger auf dem direktesten Weg auf ihr Ziel zusteuern zu können. Leider brachten ihn selbst die kleinen Wellen immer wieder vom Kurs ab, so dass er befürchtete, wertvolle Zeit zu verlieren.

»Allí, allí«, rief sein kleiner Begleiter im Bug plötzlich laut und zeigte von dem Segelboot weg, während er sich zu Thomas Sprengel umschaute. »Una persona está en el mar. Yo la he visto.«

Irritiert hielt der Kommissar für einen Moment mit dem Rudern inne. »Wie bitte? Ich verstehe dich nicht.« Zur Unterstützung seiner Aussage hob er Hände, Schultern und Augenbrauen, während er leicht den Kopf schüttelte. Wenn er nicht zu sehr mit der Rettung etwaiger Opfer beschäftigt gewesen wäre, hätte er sich wie üblich geärgert. Immer wieder hatte er seine Sprachkenntnisse aufbessern wollen, aber nie Zeit und Ausdauer dafür gefunden – vor allem an der Ausdauer hatte es ihm jedes Mal gefehlt. Sollte hier deshalb jemand sterben? Mühsam unterdrückte er einen Fluch. Insoweit hatte die Aufforderung seiner Frau, noch bevor sie ein Paar geworden waren, sich in ihrer Gegenwart einer gemäßigten Ausdrucksweise zu bedienen, selbst in dieser kritischen Situation seine Wirkung entfaltet. Darauf würde er sie später gebührend hinweisen.

Der Junge stand inzwischen im Boot und zeigte weiterhin von der Yacht weg. »Allí, señor, una persona, una persona«, wiederholte der mit enormem Nachdruck in der Stimme.

Immerhin hatte er jetzt »Person« verstanden. Er blickte in die Richtung, die der Arm des Jungen vorgab, konnte aber niemanden im Wasser ausmachen. Wie sollte er das dem aufgeregten, aber wohl sehr aufgeweckten Kerlchen nur am schnellsten vermitteln? Er zeigte auf seine Augen und schüttelte abermals den Kopf.

»Sí, sí, una persona«, beharrte der Junge jedoch felsenfest auf seiner Beobachtung. »Levántese, levántese!«

Thomas Sprengel verstand die letzten Worte zwar nicht, deutete aber dessen Armbewegung, als wolle er ihn hochheben, richtig. Vorsichtig richtete er sich in dem Boot auf und blickte in die Richtung, die ihm sein Begleiter zunehmend ungenauer anzeigte. Zuerst sah er weiterhin nichts, was auf eine im Wasser befindliche Person hingedeutet hätte. Vielleicht hatte der Junge auch nur eine Schildkröte oder einen Felsen unter Wasser für einen Menschen gehalten. Doch als er seinen Blick etwas weiter nach rechts richtete, als der Junge ihm signalisierte, hatte er den Eindruck, als treibe dort zumindest ein Kleidungsstück. Vermutlich waren sie inzwischen ein wenig abgetrieben. Bei genauerem Hinsehen erkannte er zu seinem Entsetzen dann auch einen Kopf und Arme, die schlaff unter die Meeresoberfläche hingen. Er musste eine Entscheidung treffen – und das sehr schnell. Sollten sie zu der Person im Wasser oder zur Yacht rudern? Unschlüssig schaute er den Jungen an und hoffte vielleicht, in dessen Gesicht eine Antwort auf diese schwierige Frage zu finden. Konnten sie den im Meer Treibenden noch retten? Wenn sie dorthin zuerst ruderten, war es gleichzeitig möglich, dass erst in dieser Zeit jemand auf der Yacht Opfer der Flammen werden würde. Gerade als er sich entscheiden wollte, als Erstes die Person im Wasser zu bergen, sah er, wie sich um diese herum ein dunkler Fleck ausbreitete. Konnte das Blut sein?, schoss es ihm durch den Kopf. Während er immer noch zögerte, schaute er sich gehetzt um.

Von rechts zog ein Windsurfer immer schneller werdend heran, der offensichtlich ebenfalls Hilfe leisten wollte. Das war die Lösung. Er schwenkte sein Paddel weit über dem Kopf und hoffte, den Windsurfer damit auf sich aufmerksam zu machen und sein Vorgehen mit diesem abstimmen zu können. Zunächst zeigte der Wassersportler jedoch keinerlei Reaktion. Gerade als er aufgeben wollte, sah er im Abwenden doch noch, dass der Andere einen Arm mit nach oben gerecktem Daumen in seine Richtung ausgestreckt hatte. Sofort deutete Thomas Sprengel mit dem Paddel auf die im Meer treibende, offenbar blutende Person. Als der Windsurfer seinen Kurs entsprechend änderte, ruderte Thomas Sprengel mit dem Jungen die letzten hundert Meter auf die Yacht zu – so schnell, dass ihm die Muskulatur seiner Arme bereits nach der Hälfte der Strecke brannte.

»Gut gemacht, mein Junge«, murmelte er noch. Doch das kleine Kerlchen war vollauf damit beschäftigt, die Yacht und den Windsurfer im Auge zu behalten. Seinen Rudergast schien er nicht einmal mehr wahrzunehmen.

Sie hielten schräg von achtern kommend auf das brennende Boot zu. Wegen des Qualms konnten sie zunächst nichts Genaueres an Bord ausmachen. Thomas Sprengel achtete darauf, sich vom Heck freizuhalten. Nach wenigen Metern querab konnten sie dann sehen, dass sich das Feuer inzwischen im ganzen Cockpit ausgebreitet hatte und gerade begann, auch den Niedergang in Mitleidenschaft zu ziehen. Als eine kleine Böe den Rauch verwirbelte, packte Thomas Sprengel beim Anblick einer Frau Entsetzen, deren Oberkörper an der Reling lehnte. An dem schlaff über den Relingsdraht hängenden Kopf konnte er sofort erkennen, dass die Seglerin im besten Fall nur bewusstlos war. Die Flammen im Cockpit loderten bereits um ihre Unterschenkel herum. Von seiner Position konnte er aber nicht ausmachen, ob die Hose der Frau bereits brannte. Sollten sie am Ende doch zu spät kommen?

Weil er nicht abschätzen konnte, wie schnell sich das Feuer weiter ausbreiten würde, mussten sie zum Bug der Yacht, auch wenn dort das Freibord höher als mittschiffs war. Mittels Handzeichen bedeutete er dem Jungen, im Schlauchboot zu bleiben und sich an dem Schiff festzuhalten. Der nickte mit weit aufgerissenen Augen, aber entschlossenem Gesichtsausdruck. Folgsam hielt er sich mit seinen kleinen Händen an einer Relingsstütze fest, die er gerade so eben erreichen konnte. Zum Glück war das Schlauchboot leicht, so dass die dünnen Ärmchen ausreichen würden, ihn in seiner Position zu halten.

Mit einiger Mühe zog und hebelte Thomas Sprengel sich auf das Deck. Ein kurzer Blick zu dem Surfer zeigte ihm, dass dieser sein Ziel erreicht hatte und gerade dabei war, einen leblosen Körper auf das auf dem Wasser liegende Surfsegel zu ziehen. Weitere Boote näherten sich inzwischen ebenfalls dem Unglücksort.

Leider hatte er nichts außer seiner Badehose an und sah sich dem Rauch aus dem Cockpit ungeschützt ausgesetzt. Wegen der nur leichten Windbewegung stellten die auswehenden Segel und deren Schoten keine Bedrohung für ihn dar. Zügig konnte er sich zu der Bewusstlosen nach achtern begeben. Ein letztes Mal atmete er tief ein, bevor er die verbleibenden Meter zurücklegte. Die Flammen beschränkten sich hier zum Glück immer noch auf das Cockpit, nur das gesamte noch vorhandene Heck brannte lichterloh. Ohne auf Weiteres zu achten, griff er der Frau unter die Achseln und zog sie, so schnell das bei dem Gewicht einer Bewusstlosen möglich war, zum Bug. Als sich der Rauch mittschiffs lichtete, sah er erst, dass die Hose tatsächlich Feuer gefangen hatte. Schwer schnaufend und kräftig einatmend ließ er ihren Körper auf das Deck gleiten. Nur wie sollte er die Flammen löschen? Er selbst trug lediglich seine Badehose. Suchend blickte er sich um, musste aber verzweifelt feststellen, sich auf einem tadellos klarierten Boot zu befinden. Dort fand sich nichts, womit er die Sauerstoffzufuhr der brennenden Hosenbeine hätte unterbrechen können. Sollte er sie einfach über Bord werfen? Das Risiko wollte er nicht eingehen. Die Sekunden rannen immer schneller dahin, während die Flammen sich an den Beinen der Frau stetig weiter hinauffraßen. Aber da war es doch vor seinen Augen. Innerlich entschuldigte er sich bei der Frau, bevor er ihr das Polo-Shirt aufriss. Mit einer schnellen Bewegung zog er es eilig unter ihrem Rücken und über die Arme weg, um damit schließlich die Flammen erfolgreich zu ersticken. Auch wenn er schon so manche Leiche gesehen hatte, ließ ihn der Anblick der verkohlten Hose und stellenweise zu sehender schwarzer Haut nicht kalt. In der jetzigen Situation war es vielleicht sogar besser, dass die Frau nicht bei Bewusstsein war. Während er kurz überlegte, wie er sie am besten in das Schlauchboot bekam, drängte sich trotz der Umstände ein Gefühl peinlichen Bedauerns in sein Bewusstsein. Dieses musste wohl unbewusst durch den Anblick des nun nackten Oberkörpers entstanden sein: Die junge Frau trug keinen BH. Nur für einen Augenblick konsterniert, besann er sich jedoch gleich wieder, richtete sie auf und griff mit einem Arm hinter ihren Rücken, während er den andern unter ihre Knie schob. Mit einem tiefen Schnaufen richtete er sich mit der Bewusstlosen auf, wobei ihr Kopf sofort wieder nach hinten fiel. An seinen Füßen verspürte er dabei eine unangenehme Hitze, die er zunächst auf das höhere Gewicht schob, bevor er registrierte, wie die Flammen inzwischen auch unter Deck hinter einer Fensterluke um sich griffen. Die Hitze stammte folglich vom Feuer. Sie mussten schnellstens von dieser Yacht. Gab es da nicht auch Gaskocher? Saßen sie am Ende auf einem Pulverfass?, heizten seine sich schnell jagenden Gedanken nun seine Nervosität an und führten für einen Augenblick zu einem schmerzhaften Zusammenziehen seines Magens. Schnell, aber durchaus vorsichtig hob er die Beine der Frau über die Reling. Eigentlich hatte er sie kopfüber in das Schlauchboot herunterlassen wollen, dann war ihm aber eingefallen, dass das für die Verbrennungen an den Beinen beim Herablassen sicherlich nicht so vorteilhaft wäre. Also musste es auch andersherum gehen. Eine kleine Explosion unter Deck erschreckte ihn so sehr, dass er um ein Haar den Griff um die Taille der jungen Frau gelöst hätte. Sein Herz klopfte wie wild und er schwitzte nicht nur wegen des Feuers. Während der kleine Junge das Schlauchboot mit unbändigem Willen in Position hielt, ließ Thomas Sprengel den Körper der bewusstlosen Frau langsam nach unten gleiten, bis er deren Rippenbogen spürte. Er versuchte den Griff zu ändern, um zu verhindern, mit Händen und Armen über ihre Brüste gleiten zu müssen, spürte jedoch, nicht über ausreichend Kraft zu verfügen. Als irgendetwas im Boot gewaltig ächzte, gab er das Denken endgültig auf und ließ die Frau sofort weiter ab. So weit wie es ihm möglich war, hielt er ihren Körper noch an den Armen und Händen aufrecht. Aber das letzte Stück musste der Oberkörper ins Boot fallen. Das ließ sich leider nicht ändern, weil der Kleine das Boot in seiner Lage stabilisieren musste. Anderenfalls wäre er wohl auch zu schwach gewesen, das enorme Gewicht einer bewusstlosen, sich im Fallen befindenden Frau überhaupt zu halten.

Mit einer Geste signalisierte Thomas Sprengel dem Jungen, sich von der Yacht abzustoßen. Ein kurzer Blick zeigte ihm, dass andere Boote inzwischen in der Nähe waren und ihnen helfen konnten. Leider sah er keine Möglichkeit mehr, unter Deck nachzusehen, ob sich dort noch jemand befand. Hinter allen Luken wüteten Flammen oder waberte Rauch. Weiter im Süden sichtete er ein Schnellboot, das mit hoher Geschwindigkeit ebenfalls auf sie zuzuhalten schien. Ob das aufgrund von Lenes Benachrichtigung im Hotel aus Bridgetown herüberkam? Endlich sprang er selbst über die Reling und schwamm zum Schlauchboot des Jungen, der erst wenige Meter zurückgelegt hatte. Das Rudern war inzwischen erheblich schwieriger, weil die Frau viel Raum in dem kleinen Boot einnahm. In seiner Not benutzte der kleine Kerl nur eines der Ruder wie ein Paddel.

Thomas Sprengel hielt der Bewusstlosen kurz seine nasse Hand dicht unter die Nase, auf der er zu seiner großen Erleichterung einen ganz leichten Lufthauch spürte. Immerhin.

Eine Person auf einem Jet-Ski verlangsamte ihre Fahrt erst auf den letzten Metern und drehte neben dem Gummiboot bei. Große Freude breitete sich auf Thomas´ Gesicht aus, als er Lene erkannte.

Die wiederum sah mehr als besorgt zu ihm herunter: »Alles in Ordnung, Schatz?«

»Bei mir schon. Die Frau im Boot muss schnellstens in ein Krankenhaus.«

Lene nickte. »Ich weiß auch wie! Nimm die Leine da vom Boot und knote sie hier an den Jet-Ski. Ich ziehe das Boot an den Strand. Das geht schneller.«

»Meinst du, das klappt?«, war sich Thomas nicht sicher, ob der Einfall so einfach umzusetzen war.

»Ich werde vorsichtig fahren«, versprach Lene ihm, sich der Problematik bewusst.

Thomas befestigte die Leine so gut, wie er das eben als Nicht-Segler konnte. »Fertig.«

»Willst du noch aufsteigen?«, wollte Lene eigentlich nur wissen, ob sie ihn alleine im Wasser zurücklassen konnte.

»Fahr! Das hält nur unnötig auf. Die Frau atmet übrigens«, gab er ihr noch mit.

»Okay. Bis gleich.« Vorsichtig beschleunigte sie bis zu einem Punkt, an dem das Schlauchboot leicht zu schlingern begann.

Thomas Sprengel war gerührt, als er sah, wie der kleine Junge den Kopf der verunglückten Seglerin achtsam auf seine Beine bettete. Dem Surfer waren inzwischen zwei Boote zu Hilfe gekommen. Hoffentlich hatte auch diese Person Glück gehabt. Langsam schwamm er zurück zum Strand, wobei er seinen Gedanken nachhing. Eine Woge der Dankbarkeit erfasste ihn angesichts seiner eigenen Situation. Wie schön war sein Leben doch, seitdem er es mit Lene teilen durfte.

Lene Huscher war inzwischen am Strand angekommen, wo Thomas Sprengel sie mitsamt dem Jungen und der Bewusstlosen in einer Menge Helfender verschwinden sah.

Kapitel 4

»Gefällt es dir so, mein Lieber?«, hauchte Ekaterina, während sie ihrem Besucher tief in die Augen schaute. Nur ganz sanft stützte sie sich mit beiden Händen auf dessen Brust ab. Der Angesprochene antwortete ihr wie meistens nicht. Selbst seinem Gesichtsausdruck konnte sie nicht entnehmen, wie es ihm gefiel. Lediglich seine Hände streichelten die Innenseiten ihrer Oberschenkel. Nachdem er allerdings über die letzten Jahre immer wieder für ganze Nächte große Summen gezahlt hatte, konnte sie wohl auch an diesem Abend davon ausgehen, dass er keinen Grund zur Klage haben dürfte. Insgesamt gefiel ihr dieser Mensch einigermaßen: Er war gebildet und hatte kultivierte Umgangsformen. In der Regel behandelte er sie, als sei sie eine Dame des gesellschaftlichen Lebens. Sie hätte sich allzu gerne eingebildet, aus seinem Verhalten auf eine gewisse Wertschätzung schließen zu können. Wenn sie ehrlich war, traf das jedoch nicht zu. Es waren immer wieder Situationen aufgetreten, in denen er ihr gegenüber unmissverständlich ausgedrückt hatte, was er tatsächlich über sie dachte. Manchmal waren es nur kleine Nebensätze, in denen er betonte, dass sie zu gehorchen habe. Ganz selten hatte er sich rücksichtslos gezeigt und Dinge getan, die ihr Schmerzen bereitet hatten. Das eine oder andere Mal, wenn ihrem Gesicht diese Schmerzen anzusehen gewesen waren, hatte er das nur abfällig grinsend mit »das Arbeitsleben ist nicht immer ein Zuckerschlecken, mein Häschen« kommentiert und sie zur Professionalität ermahnt. Aber im Großen und Ganzen wollte sie sich nicht beklagen. Ihr ging es immer noch bedeutend besser als Kolleginnen, die in billigen Bordellen oder auf dem Straßenstrich arbeiten mussten. Auch hielt sich bei ihr bisher die Zahl der Herren in Grenzen, die aufgrund der Höhe ihres Honorars der Ansicht waren, alles ausleben zu können, was ansonsten keine Frau erdulden würde. Zum Glück hatte ihr – anders als bei ihrer Freundin May Lin – bisher noch nie jemand ernsthafte Verletzungen zugefügt.

Die Melodie eines Mobiltelefons holte sie aus ihren Gedanken zurück. Die gehörte allerdings nicht zu ihrem. Ihr Besucher machte Anstalten, sich zu erheben, doch sie schob ihn sanft, aber bestimmt wieder auf das Bettlaken zurück.

»Nicht aufstehen! Du hast gesagt, ich soll den Ton angeben«, klang ihre Stimme etwas barsch, um dann einschmeichelnd fortzufahren. »Du fühlst dich gerade so gut an, Liebster.«

In dem Moment, in dem sie den Satz ausgesprochen hatte, war ihr klar geworden, einen Fehler begangen zu haben. »... gotta be fresh from the fight. I need a hero. I´m holding out for a hero ´til the end of the ...«, spielte das Telefon, während sie das Funkeln in seinen Augen zu spät registriert hatte. Natürlich war immer er der Held.

Fast brutal zog er ihre Hände an den Handgelenken von seiner Brust und stieß sie grob zur Seite. Erschrocken leistete sie keine Gegenwehr gegen diese unsanfte Behandlung und schaute ihn mit Angst in den Augen an, während er sich vor dem Aufstehen kurz ganz nah über sie beugte. »Du hast hier nur so lange etwas zu sagen, wie ich dir das erlaube. Vergiss das besser nie«, zischte er sie mit einem kühlen Blick aus seinen stahlblauen Augen an.

Nachdem sie eingeschüchtert nur leicht genickt hatte, stand er auf, wickelte sich eine Decke um die untere Hälfte seines gut trainierten Körpers und fingerte das Telefon aus seiner Jackentasche, das immer noch musizierte: »... And he´s gotta be larger than life!«

Das denkst du wohl von dir, ging es Ekaterina auf dem Boden der Tatsachen angekommen unwillkürlich durch den Kopf, während sie leicht am ganzen Körper zitterte. Diesen schnellen Stimmungsumschwung hatte sie nicht erwartet. Manchmal hasste sie sich und ihren Beruf.

»Was gibt es Mausefänger?«, knurrte ihr Besucher noch ein wenig ungehalten ins Telefon. Offensichtlich war der Anrufer in seinem persönlichen Telefonbuch verzeichnet.

Eigentlich war das immer ihr Traum gewesen: ein gut aussehender Mann mit Manieren und Geld, der ihr jeden Wunsch von den Augen ablas. Davon war sie wohl Lichtjahre entfernt. Sie drehte sich auf die Seite, um ihr enttäuschtes Gesicht zu verbergen, obwohl der Besucher ihr ohnehin gerade den Rücken zuwandte.

»Ja, du hast mich bei einer sehr anregenden Tätigkeit gestört. Also komm zur Sache«, bat er inzwischen wieder freundlich. »Ich muss hier dringend weitermachen, bevor alles kalt wird.«

Sein Lachen ließ Ekaterina erschauern. Eigentlich hatte sie überhaupt keine Lust mehr. Lust war ohnehin der falsche Ausdruck. Am liebsten hätte sie auf das Geld verzichtet. Aber das konnte sie nicht, wenn sie ihren sehr guten Kunden nicht verprellen wollte.

»Alles paletti, die Maus hat sich gestern die Pfoten verbrannt. Morgen oder übermorgen sollte das auch hier in der Zeitung ankommen«, gab er sich so zufrieden wie lässig.

Ekaterina runzelte die Stirn. Was für eine Maus hatte sich die Pfoten verbrannt?

»Gut. Wir hören uns. Ich muss jetzt, ciao.«

Kurz darauf spürte sie, wie er sich mit einem Knie auf das Bett stützte. »Dreh dich gefälligst zu mir«, herrschte er sie wenig zimperlich an, keinen Widerspruch duldend. Seine schneidende Stimme ließ sie einen Augenblick zögern. Ihr Herz klopfte. Sie hatte gehofft, dass er wieder besserer Laune wäre, nachdem er am Ende des Telefonats normal geklungen hatte. Mit einem flauen Gefühl im Magen drehte sie sich auf den Rücken und zauberte ein verführerisches Lächeln auf ihr Gesicht. Noch bevor sie etwas sagen konnte, kniete er sich zwischen ihre Beine, ergriff ihre Handgelenke, die er seitlich von ihrem Kopf grob auf das Laken drückte, und nahm sich ohne jede Rücksicht, was er bezahlt hatte. Ekaterina drehte den Kopf zur Seite, damit ihre langen, leicht gewellten Haare ihr Gesicht weitgehend verdeckten. Sie konnte nichts tun, um sich diesem Sturm zu entziehen, ohne dass er dies gemerkt hätte. Innerlich leer biss sie sich immer wieder auf die Lippe.

Kommentarlos war ihr Besucher schließlich gegangen, ohne noch ein Wort mit ihr zu wechseln. Er wusste also, was er getan hatte. In seinem Ärger hatte er sie auch demütigen wollen. Sie hatte sich zuerst wieder auf die Seite gerollt und lange geweint. Schließlich hatte sie das Bett abgezogen, bevor sie viel Zeit apathisch unter der Dusche verbracht hatte. Ein Handtuch um den Kopf, das andere um den Körper gewickelt, stand sie nun mit leerem Blick vor dem Spiegel. Sie war doch auch wer! Aber wer wollte sie eigentlich sein? Das Spiegelbild verweigerte ihr jedoch beharrlich jegliche Antwort.

Kapitel 5

Der Sonnenschirm spendete ihnen angenehmen Schatten. Sonniger konnte es kaum sein, abermals verzierten Schönwetterwolken den Blick zum Horizont mit ein paar strahlendweißen Farbtupfen. Thomas Sprengel und Lene Huscher saßen auf der Terrasse ihres Hotels »Blue Skyline Lodge« nur ein paar Meter von der Sandy Lane Bay entfernt beim Frühstück.

»Hättest du Lust, die junge Frau im Krankenhaus zu besuchen?«, erkundigte er sich bei Lene, bevor er sich genussvoll eine Gabel Rührei mit knusprigem Speck in den Mund schob. Göttlich. Nachdem sich seine sportlichen Bemühungen über den Sommer immerhin um die Hüfte bereits bemerkbar gemacht hatten, erlag er gerade zunehmend den Verführungen des Frühstücksbüfetts. Ganz im Gegensatz zu seiner Frau, die auch hier ihrer Vorliebe entsprechend morgens hauptsächlich Müsli aß und so gertenschlank blieb wie eh und je.

Sie schaute auf und runzelte kurz die Stirn. »Das ist eine gute Idee. Wir könnten das mit einem kleinen Ausflug verbinden, wenn du Lust hättest.«

Er nickte nur, weil er den Mund schon wieder voll hatte.

Lenes Gesicht bekam einen traurigen Zug, als sie an die junge Frau dachte. Sicher hatte diese Glück gehabt, weil Thomas sie noch rechtzeitig von dem Boot geholt hatte. Aber für ihren Begleiter, dem Alter nach hätte sie auf den Vater getippt, war jede Hilfe zu spät gekommen. »Ich möchte nicht wissen, wie es ihr geht, wenn sie von dem Tod ihres Vaters erfährt«, drückte Lene ihr Mitgefühl aus.

»Ich auch nicht. Meinst du, das war der Vater?«, fragte Thomas zu interessiert, um zuerst zu Ende zu kauen.

Lene schaute ihn ausdruckslos an, wobei sie keinerlei Ambitionen zeigte, ihm zu antworten.

Thomas verstand sie ohnehin. Eilig schlang er den guten Speck hinunter. »Mir ist durchaus bewusst, dass du damals ›in jeder Hinsicht kultiviert‹ gesagt hast.« Mit einem lausbübischen Grinsen fügte er jedoch an: »Es ist nur so: Du bringst mich ganz um den Verstand. Da bin ich gar nicht mehr Herr meiner Sinne.« Treuherziger konnte kein Mann schauen.

»Jaja«, antwortete sie trocken. Aber dieses Mal kostete es sie sogar ein wenig Anstrengung, sich ihre Belustigung nicht anmerken zu lassen.

»Und?«, wollte er immer noch wissen, nachdem er sicher war, sich hinreichend aus der Affäre gezogen zu haben. Das Ausbleiben eines bissigen Kommentars zeigte ihm an, dass Lene heute gewillt war, nachsichtig mit ihm zu sein. Mit der Zeit hatte er gelernt, an der Art ihrer Antworten hinter ihre meist undurchdringliche Miene zu schauen, die sie immer dann aufsetzte, wenn ihr etwas missfiel – oder wenn sie ganz Kommissarin war.

»Du glaubst eher an einen Mann, der sich im zweiten Frühling ein junges Häschen in den Stall geholt hat?«, versuchte sie zu ergründen, warum er anderer Ansicht sein könnte.

»Keine Ahnung. Mich interessiert nur, was du denkst«, zuckte er mit den Schultern, weil er sich nicht festlegen wollte.

»Es ist nur ein Gefühl. Die junge Frau machte mir nicht diesen Eindruck. Aber bevor ich dir jetzt Klischees aufzähle, sollten wir die Spekulation ...«, zeigte sich Lene wenig gestimmt, Unbewiesenes auszuwalzen, wurde dabei aber von einer älteren Frau höflich unterbrochen.

»Entschuldigen Sie bitte. Wir haben Sie deutsch sprechen hören. Dürften wir uns vielleicht zu Ihnen an den Tisch setzen? Sonst ist gerade keiner mehr frei«, bat die Dame mit einem sympathischen Lächeln.

Mit einem unauffälligen Blick zu Lene versicherte sich Thomas, sie nicht zu überfahren, bevor er sich charmant an die Fragende wandte: »Nette Menschen sind uns jederzeit willkommen.« Dabei stand er auf, gab der Dame, die er auf über sechzig schätzte, die Hand und stellte sich ihr auch gleich vor. »Es freut mich. Sprengel, Thomas Sprengel.«

»Sehr angenehm. Viktoria Dunkerbeek«, strahlte sie ihn aus ihren irgendwie leuchtenden Augen an, während sie seinen Händedruck fest erwiderte.

»Ohne Sie beleidigen zu wollen: Darf ich Ihnen die bezauberndste Frau vorstellen, nebenbei bemerkt seit zehn Tagen meine Gattin: Lene Huscher«, platzte er fast vor mit Stolz gemischter Freude, wie Lene gerne, aber auch amüsiert zur Kenntnis nahm, bevor sie sich ihrerseits Frau Dunkerbeek zuwandte.

»Philipp Dunkerbeek«, hörte sie den älteren Mann zu Thomas sagen, bevor er ihr mit einem gewinnenden Lächeln ebenfalls die Hand reichte. »Ich kann Ihren Mann in seinem Glück sehr gut verstehen.« Dabei sah er Lene mit einem Wohlwollen an, dass es ihrem Herz einen Stich versetzte. »Sie scheinen aber mit Ihrem Mann auch keine schlechte Wahl getroffen zu haben.«

Warum sah er sie auf einmal so aufmerksam an? Hatte er die winzige Regung in ihrem Gesicht tatsächlich wahrgenommen? Das konnte sie sich nicht vorstellen, war sofort wieder bei ihm und lachte dankbar: »Er hat mir nachhaltig bewiesen, welch toller Mensch er ist.« Sie schaute zu Thomas und strich ihm zärtlich über die Wange, bevor sie sich wieder setzten und Philipp Dunkerbeek ganz Gentleman seiner Frau den Stuhl zurechtrückte. Wenn sie in zwanzig Jahren auch noch so liebevoll miteinander umgingen, hätten sie wirklich Glück gehabt, ging es Lene Huscher kurz durch den Kopf. Zweifel daran hegte sie keine.

Wenig überraschend kamen sie während der Unterhaltung wie von selbst auf das alle beschäftigende Ereignis des Vortages zu sprechen. Dunkerbeeks brachten ihre Bewunderung für das schnelle und umsichtige Handeln der beiden angesichts der brennenden Segelyacht zum Ausdruck, das ihnen durchaus aufgefallen war. Thomas und Lene wollten das hingegen lediglich als Folge ihrer beruflichen Tätigkeit betrachten.

»Da könnten Sie doch gleich ermitteln, ob es sich überhaupt um einen Unfall gehandelt hat«, überlegte Philipp Dunkerbeek, lachte umgehend und schüttelte den Kopf. »Aber nein, Sie sind ja hier im Urlaub. Entschuldigen Sie meinen gedankenlosen Einfall.«

»Wir wären hier wohl auch nicht zuständig«, wies Thomas Sprengel jeden Gedanken an Arbeit zurück, bevor er sich seinen Teller schnappte, um noch ein wenig von diesem leckeren Speck zu organisieren.

»Die Yacht ist unter deutscher Flagge gesegelt. Insofern ist sie deutsches Hoheitsgebiet, Herr Sprengel. Weckt das nicht ein wenig Ihre berufliche Neugier?«, setzte der ältere Herr schmunzelnd nach.

Thomas Sprengel hielt kurz inne und überlegte. Bisher war er automatisch von einem Unfall ausgegangen. »Sie meinen, das könnte kein Unfall gewesen sein?«

»Das weiß ich wirklich nicht«, ruderte Herr Dunkerbeek eiligst zurück, bevor seine Frau ihn unterbrach.

»Philipp, du musst immer schneller reden, als du denkst. Jetzt lass doch den Kommissar in seinem Urlaub sein Frühstück genießen.« Um das Thema zu wechseln, wandte sie sich Lene Huscher zu. Thomas Sprengel hörte die Frage noch im Weggehen. »Wie haben Sie sich denn kennengelernt?«

Er zuckte innerlich zusammen und hoffte inständig, dass seine Frau seinen katastrophalen ersten Auftritt verschweigen würde. Leider konnte er nicht stehen bleiben, um die Antwort abzuwarten, weil Lene das sofort gemerkt hätte.

Mit einem gut gefüllten Teller kehrte Thomas Sprengel etwas unsicher an den Tisch zurück. Alle schauten ihn weiterhin vorbehaltlos freundlich an. Lene schien im gnädig gewesen zu sein. Ihre Blicke wanderten weiter zu seinem Teller, auf dem sich ein Spiegelei befand, das allerdings unter einem ganzen Berg Speck kaum mehr auszumachen war.

»Sie scheinen einen guten Appetit zu haben«, stellte Frau Dunkerbeek fest, ohne dass er der Bemerkung eine Wertung hätte entnehmen können.

»Mein Schatz, bei dir herrschen bald Münchener Verhältnisse vor«, kam es von rechts, noch bevor er der älteren Dame hatte antworten können.

Wieder einmal verstand er nicht sofort, worauf seine Frau anspielte. Die ältere Dame hingegen hatte offensichtlich begriffen, was seine Gattin ihm sagen wollte. Auch wenn sie keine Miene verzog, konnte er ein gewisses Amüsement in ihren Augen erahnen. Münchener Verhältnisse? Matte auf dem Kopf? »Aber ich war doch erst vor dem Urlaub beim Friseur«, war er ratlos.

Frau Dunkerbeek lachte klar wie ein junges Mädchen und tätschelte daraufhin liebevoll den Bauch ihres Mannes: »Nein, Herr Sprengel, Ihre Frau meint den Münchener Speckgürtel.« Zu Lene gewandt setzte sie fort: »Mein Gatte hat auch zeit seines Lebens die guten Dinge sehr zu schätzen gewusst.«

Thomas schaute zu Lene und spürte, wie sein Ärger anschwoll, wollte aber auch nicht vor dem netten Paar mit einer harschen Bemerkung retournieren. Wenn er ehrlich war, hatte sie völlig recht. Außerdem war sie mehrfach von ihm aufgefordert worden, ihn darauf hinzuweisen, falls er sich mal wieder vergaß. Nichts anderes hatte sie gerade getan. Er schielte zu dem gleichermaßen Gescholtenen, der aber nur schmunzelnd in seinem Stuhl saß und über allem zu stehen schien. Und jetzt? »Möchte noch jemand von diesem vorzüglichen Speck? Ich habe genügend für alle mitgebracht«, bot er mit gönnerhafter Miene an.

»Für mich nicht, danke«, antwortete Lene, sich ein Grinsen verkneifend.

»Oh, selbstverständlich helfe ich Ihnen«, erklärte sich Herr Dunkerbeek bereit. »Wir Männer sollten immer zusammenhalten.« Entspannt zwinkerte er Thomas Sprengel zu.

»Wie ich bereits sagte«, konstatierte seine Frau lakonisch und zuckte nur mit den Schultern.

Ihr Mann legte ihr eine Hand auf den Arm und lächelte sie voller Wärme an. »Ich weiß es durchaus zu schätzen, dass du so um meine Gesundheit besorgt bist, meine Liebe. Morgen halte ich mich wieder daran.«

Ein Seufzen war die einzige Antwort, die er darauf erhielt.

Sie hatten sich noch ein ganzes Weilchen angeregt unterhalten, bis sich die anderen Tische zunehmend gelehrt und der Strand gefüllt hatte. Das Ehepaar Dunkerbeek hatte sich schließlich verabschiedet, nachdem Lene Huscher und Thomas Sprengel eine Einladung zu einem Abendessen gerne angenommen hatten.

»Ein sehr sympathisches älteres Paar. Findest du nicht?«, stellte Lene erfreut fest.

»Sehr«, stimmte Thomas zu, bevor er stöhnte: »Nur werde ich noch mehr leiden. Frau Dunkerbeek hat sofort gewusst, was du vorhin gemeint hast.«

»Hast du mir das übel genommen?« Bei Lene regte sich ausnahmsweise doch Reue. »Es war mir so herausgerutscht.« Sie schaute ihn unschuldiger als jedes Lamm an.

Thomas gab ihr einen Kuss. »Mein Ego hat schon ein bisschen den Aufstand geprobt. Aber ich liebe dich halt auch, wenn du mir große Niederlagen beibringst.« Er rieb kurz seine Nase an ihrer.

»Und ich liebe dich auch mit Wampe, wenn es sein muss«, klimperte sie mit ihren grünen Augen und streichelte über sein dezentes Polster.

»So schlimm ist es wohl noch nicht.« Er wackelte unwillig mit dem Kopf. »Sollen wir uns mal an der Rezeption erkundigen, ob die wissen, in welches Krankenhaus sie die junge Frau gebracht haben?«, wechselte er das für ihn derzeit unvorteilhafte Thema.

»Dann los.«

Sie standen auf und machten sich auf den Weg zur Rezeption, wobei sie zärtlich nach seiner Hand griff. In ihrem lilafarbenen Strandkleid hätte sie problemlos als glücklicher Teenager durchgehen können.

Kapitel 6

Ariane und Kai blieb der Mund offen stehen, als sie die Küche von Susanne und Heiko betraten. Es roch himmlisch und der Tisch war bis ins Detail perfekt gedeckt. Hier stimmte wieder einmal alles. Selbst ihre dunkelgrüne Bluse hatte Susanne zur vanillefarbenen Tischdecke abgestimmt, auf der sich dunkelgrüne Stoffservietten befanden.

»Meine Güte«, entfuhr es Ariane beeindruckt, »ihr hättet uns darauf hinweisen können, dass wir in Abendgarderobe erscheinen sollen. Ich komme mir mit meiner Jeans gerade etwas unpassend gekleidet vor.« Sie drückte ihre beste Freundin herzlich an sich. »Gut siehst du aus, Süße.«

»Danke, mir geht es auch gut, aber dazu später«, wollte sie die Neugier von Ariane zwar anstacheln, aber noch nicht darauf eingehen.

Die wandte sich in bekannter Art theatralisch schmollend an Heiko. »Hallo, Meisterkoch, was gibt es heute Leckeres?«, zeigte sie hier ebenfalls größeres Interesse.

Heiko drückte sie und lachte: »Das wirst du schon rechtzeitig mitbekommen.«

»Hey, habt ihr euch gegen mich verbündet?«, protestierte sie nun lautstark nach der zweiten Abfuhr.

Kai gab ihr einen Kuss. »Soll ich dir ein Geheimnis verraten?«

»Das ist schon viel besser. Ich höre?«, strahlte Ariane ihn an.

»Ich liebe dich«, löste Kai sein »Geheimnis« auf.

»Blödmann«, kommentierte sie seinen Scherz frustriert, setzte aber zu den anderen beiden gewandt fort: »Ist er nicht ein edler Prinz!«

Susanne und Heiko grinsten in sich hinein. Kai hatte inzwischen diverse Versuche unternommen, Ariane davon abzubringen, ihn ihren »Prinz« zu nennen. Ihm war das in Abhängigkeit von den anwesenden Personen immer noch mehr oder weniger peinlich. Aber sie hatte ihm jedes Mal nur lapidar beschieden, dass das nun mal der Wahrheit entspreche und sie nicht vorhabe, ihre wahren Gefühle in ganz niedlichen Kosenamen zu verleugnen. Zu seinem eigenen Leidwesen war ihm bisher gegen diese Begründung kein überzeugender Einwand eingefallen. Es war schließlich der ganz persönliche Ausdruck ihrer Liebe zu ihm.

»Heiko, dein Süßkartoffelcurry ist himmlisch«, lobte Kai zwischen zwei Bissen das scharfe, aber auch fruchtige Essen.

»Du hättest vielleicht doch Koch bleiben sollen«, unterstützte Ariane das Lob.

»Nee, nee.« Heiko schaute zufrieden über den Tisch. »Möchtest du noch von dem Wein, Kai?«, ging er nicht weiter auf die Komplimente ein, die ihn aber wie üblich sehr freuten.

»Ja, bitte.«

Nach dem Essen waren sie in das kleine Wohnzimmer der beiden umgezogen, das auf die Schröderstraße hinausging. Sie konnten das Leben auf der Straße hören. Immer wieder kamen Gruppen vorbei, die eine der kleinen, gemütlichen Bars und Bistros um den Marktplatz ansteuerten. Susanne und Heiko hatten das Glück gehabt, in Neuenheim eine bezahlbare Wohnung zu finden, zweieinhalb Zimmer. Der Schönheitsfehler lag darin, dass es eigentlich drei Zimmer waren. Nur einer der Räume, der an das Wohnzimmer anschloss, lag parallel zu einem kleinen Flur, der zum rückwärtigen, am ruhigen Innenhof gelegenen Teil der Wohnung führte. Auch zum hinteren Ende des Flurs gab es eine Tür, aber eben kein Fenster. Ihnen war nichts anderes übrig geblieben, als darin ihr Schlafzimmer einzurichten.

»Wie schläft es sich denn nun nach mehr als einem Sommer ohne Fenster?«, fragte Kai nach. »Ich könnte mir das wegen der Frischluft nicht so richtig vorstellen.«

»Ach, das geht eigentlich ganz gut«, gab Susanne ehrlich Auskunft. »Wir lassen die Tür nach hinten auf. Es kommt recht selten vor, dass sich die Hitze wirklich unangenehm staut.«

»Ja, da möchte ich doch gleich noch wissen, wann sich die Hitze dermaßen staut«, schaute Ariane ihre Freundin unschuldig an.

Die rollte nur mit den Augen. »Woran du nur schon wieder denkst.«

»Willst du mir etwa widersprechen?«, forderte Ariane sie heraus.

»Könntest du vielleicht etwas dazu sagen!«, versuchte Susanne, sich bei ihrem Liebsten Hilfe zu holen.

»Ich?«, zeigte Heiko mit dem Finger auf sich, während er eine Miene aufsetzte, als sei dieses Ansinnen vollkommen abwegig.

Bevor er weiterreden musste, half ihm Kai aus der Klemme. »Wolltest du nicht noch wissen, warum wir heute so herrlich bewirtet worden sind!«, lenkte er Ariane mit ihrer eigenen Neugier ab.

»Oh ja, das hätte ich fast vergessen. Raus mit der Sprache!«, blickte Ariane von Susanne zu Heiko und wieder zurück.

»Ich kann meine Promotion hier am ISSW schreiben«, platzte Susanne einfach vor Freude heraus.

»Und das teilst du uns erst jetzt mit?« Ariane war aufgesprungen und drückte ihre Freundin an sich, als hätten sie sich das ganze Jahr nicht gesehen.

»Hey, du erdrückst mich noch, wenn du so weitermachst«, protestierte Susanne lachend.

»Ich freue mich halt riesig für dich, Süße«, entschuldigte sie sich nur halbherzig.

Kai war gleichermaßen begeistert, formulierte das nur nüchterner. »Etwas Besseres hätte euch doch gar nicht passieren können. Ihr arbeitet beide am selben Institut. Falls Susanne ihre Arbeitszeit ein wenig deiner anpasst, könnt ihr euer Zusammensein weitgehend synchronisieren. Perfekt.«

»Ja«, war alles, was Heiko mit tiefer Zufriedenheit dazu herausbrachte.

Susanne erzählte von Professor Weiler, der sich ihren Themenvorschlag für eine Doktorarbeit angesehen und die Idee durchaus spannend gefunden hatte. In den letzten Wochen hatte sie an einer Struktur gearbeitet, die dem Professor aufzeigen sollte, wie sie ihren theoretischen Ansatz empirisch überprüfen wollte. Zufällig hatte sie in einem Buch gelesen, dass ein Yogi von einem kanadischen Olympiaschwimmteam zur Vorbereitung hinzugezogen worden war. Darauf hatte sie dessen Namen im Netz gesucht, sich weitergehend schlaugemacht und schließlich diverse Übungen selbst ausprobiert. Durch die eigenen, wenn auch rudimentären Erfahrungen war sie zu dem Schluss gekommen, hier vielleicht Potenzial für die sportpsychologische Betreuung von Leistungssportlern gefunden zu haben.

»Und wie sieht es jetzt bei euch beiden aus?«, wollte Susanne schließlich wissen, weil Ariane und Kai sich in einer ähnlichen Situation befanden. Kai hatte sein Medizinstudium absolviert und überlegte, ob er am Kinderherzzentrum der Uni Miami eine Spezialisierung zum Herzchirurgen anschließen sollte. Es war eines der führenden Zentren für Operationen kongenitaler Herzfehler.

»Wir werden im Januar einen Urlaub in Miami verbringen und schauen, ob wir uns vorstellen können, dort ein paar Jahre zu leben«, erklärte Ariane ihren Freunden die neuesten Entwicklungen.

»Du kannst mitten im Semester einen ganzen Monat fehlen?«, wunderte sich Susanne.

»Ich nehme mir was mit. Ich habe erst sehr spät im Februar noch eine Prüfung. Das passt schon. Sonst wiederhole ich die eben. Aber wir müssen Klarheit bekommen«, erklärte Ariane, die sichtbar auch ein wenig aufgeregt bei dem Gedanken war, einen ganzen Monat Urlaub zu machen.

»Mein Doktorvater hat den Kontakt dorthin bereits hergestellt«, setzte Kai fort. »Ich kann mit einer Zu- oder Absage nicht allzu lange warten. Aber ich möchte nicht ohne Ariane entscheiden. Sie müsste schon mitkommen wollen. Daher drängt die Zeit etwas.«

»Auch nicht schlecht, im Januar in der Wärme zu sein. Da habt ihr es fast so gut wie Lene und Thomas«, stellte Heiko pragmatisch fest. »Wie warm ist es dort im Januar?«

»Ungefähr fünfundzwanzig Grad«, hatte Kai nachgesehen.

Nachdem sie noch einige Zeit über die Zukunft geplaudert und spekuliert hatten, verabschiedeten sich Ariane und Kai von ihren Gastgebern. Die räumten anschließend die Küche auf, bevor sie müde ins Bett fielen.

»Weißt du, was Ariane jetzt Kai fragt?«, lachte Susanne, als sie sich in ihre bevorzugte Position gebracht hatte: Sie schmiegte sich seitlich an Heiko und legte ihren Kopf auf und einen Arm über seine Brust. Es passte perfekt.

»Ob sich die Hitze wieder staut?«

»Du hast es erfasst«, stellte Susanne beeindruckt fest. »Wer soll bloß auf Ariane aufpassen, wenn die beiden in Miami leben?«, fragte sie ein wenig traurig mehr zu sich selbst.

»Die schafft das schon«, beruhigte Heiko Susanne und streichelte ihr sanft über den Rücken, bis sie eingeschlafen war.

Kapitel 7

Die Herren befanden sich in kleiner Runde. Zigarrenrauch lag in der Luft. Des Öfteren war in diversen Gläsern das Klackern von sich bewegenden Eiswürfeln zu hören. Die Stimmung war entspannter als vor ein paar Wochen, als bekannt geworden war, dass Professor Himmelreich ein Unternehmen erfolgreich an die Börse bringen wollte und dafür das passende Produkt gefunden hatte. Bis dahin hatte dessen wissenschaftlich inspirierte Klitsche im Bereich der Beratungsunternehmen keine Bedeutung gehabt. Aber dann hatte Himmelreich angekündigt, »compassion4u.com« in eine Holding zu überführen und insbesondere nach und nach Geschäftsfelder im Bereich der Konsumgüterindustrie zu erschließen. Nachdem zusätzlich durchgesickert war, dass der Professor mit einem vielversprechenden Produkt auf dem Telekommunikationsmarkt reüssieren wollte, waren einige der Anwesenden langsam nervös geworden.

»Ich habe mal im ›Barbados Advocate‹ gestöbert«, eröffnete ein graumelierter Herr in gesetztem Ton. »Dort findet sich tatsächlich in den Lokalnachrichten ein Hinweis auf einen Bootsunfall. Sollte das mit unserer Angelegenheit zusammenhängen?«

»Ich denke schon«, antwortete ihm ein übergewichtiger Herr, der deutlich jünger war. »Ich habe mich vorgestern rückversichert. Wir müssten eigentlich in den nächsten Tagen das gewünschte Ergebnis auch bei uns in der Zeitung finden.«

»Schön, aber sind wir sicher, das Problem endgültig vom Hals zu haben?«, warf ein wiederum älterer Herr in Nadelstreifen ein, während er sein Glas nachdenklich in der Hand schwenkte. »Wer sagt uns, dass nicht Mitarbeiter von Himmelreichs Lehrstuhl oder selbst seine Frau dessen Vision weiterverfolgen?«

»Niemand. Aber es fehlt inzwischen der charismatische Kopf, dem die notwendigen Finanzmittel für eine Expansion zur Verfügung gestellt würden«, war der Übergewichtige überzeugt.