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Auch Matilda träumt manchmal von einem Prinzen. Leider bekommt das Gänseküken immer wieder zu spüren, dass es anders ist. Die Mutter schimpft ständig und ihre Schwestern lachen Matilda häufig aus. Erst als ihr das Ferkel Otto begegnet, beginnt sich ihr Leben grundlegend zu verändern. Sie findet ungewöhnliche Freunde, die ihr Mut machen, ihren Traum von einem Prinzen nicht vorschnell aufzugeben.
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Seitenzahl: 65
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Henning Marx
Matilda und der Prinz
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Matilda träumt von einem Prinzen
Eine unerwartete Begegnung
Matilda leistet Erste Hilfe
Eine große Enttäuschung
Eine unverhoffte Aufmunterung
Gefahr erkannt, Gefahr gebannt
Eine waghalsige Rettungsaktion
Matilda muss sich entscheiden
Ein Sturzflug in größter Not
Die Brautschau des Prinzen
Impressum neobooks
Die Welt war einfach fantastisch – im wahrsten Sinne des Wortes. Matilda saß am Rand einer Pfütze bis zum Bauch im Wasser. Immer wieder tauchte sie ihre Flügel in einer runden, gleichmäßigen Bewegung in ihr Meer ein und zog diese kräftig nach vorne, bevor sie sie wieder anhob, um von Neuem zu beginnen. Ihr bräunlich gefärbter, riesiger Ozean war warm, weil die Sonne seit dem großen Gewitter ununterbrochen kräftig schien. Lediglich zahlreiche Pfützen erinnerten noch daran, wie heftig es geregnet hatte. Aber in diesem Augenblick ruderte Matilda zu einer nahezu unbekannten Insel, auf der bestimmt ein Prinz auf sie wartete.
»Matilda«, rief plötzlich eine genervte Stimme hinter ihr, »was machst du denn da?« Die kleine Gans zuckte ertappt zusammen. Mit einem krebsroten Gesicht stand ihre Mutter unerwartet hinter ihr.
»Ich rudere«, antwortete sie strahlend, obwohl sie wusste, an der üblichen Predigt nicht vorbeizukommen.
Ihre Mutter rollte entnervt mit den Augen. »Menschen rudern, aber Gänse tun das einfach nicht. Und wie oft muss ich dich noch daran erinnern, dass du nicht ständig im Dreck sitzen sollst. Du hast schon wieder ein ganz schlammiges Gefieder, Küken. Ab in den See und komm ja nicht ungeputzt zum Füttern. Avanti, in einer Viertelstunde will ich dich im Nest sehen.«
Ihre Schwestern gackerten hinter vorgehaltenen Flügeln, als Matilda mit schlammtropfendem Hintern zum großen See abmarschierte. Sie hörte ihre Mutter noch missbilligen: »Was gibt es da zu lachen? Es ist eine Schande, so herumzulaufen. Wie sieht das nur aus? Gänse sind sehr reinliche und elegante Tiere. Wir kommen in der Hierarchie gleich nach den Schwänen und sollten uns darum bemühen, von diesen weiterhin anerkannt zu werden. Anerkennung und Respekt sind in dieser Welt sehr wichtig, falls ihr es zu etwas bringen wollt.«
Matildas Schwestern nickten artig.
Lauter fügte ihre Mutter hinzu, damit sie sich sicher sein konnte, von Matilda gehört zu werden: »Ich möchte bloß wissen, wie dieses Küken in mein Nest gekommen ist. Auf, Matilda, etwas schneller, wir werden nicht auf dich warten!«
So war es immer. Matilda ließ den Kopf hängen und wischte sich mit dem Flügel eine Träne von der Wange. Warum verstand nur keiner, wie glücklich sie war, wenn sie ihre Fantasie ausleben konnte. Außerdem hatte sie einfach Interesse an dem Verhalten anderer Spezies. Aber sie war ohnehin nicht wie ihre Geschwister. Sie hatte drei Brüder und drei Schwestern, die alle ein ganz weißes Gefieder entwickelten, so wie sich das für eine heranwachsende Gans eben gehörte. Nur sie hatte auf den Flügeln mehrere gelbe Federn und auch am Kopf eine gelbliche Färbung. Bereits durch ihr Aussehen fiel sie auf – und aus dem Rahmen. Zu verschiedenen Gelegenheiten hatte sie gehört, wie Freundinnen ihre Mutter bestürzt gefragt hatten, womit sie das verdient habe und ob es ihr gutginge mit diesem Balg. Ihre Mutter hatte wiederholt hilflos die Flügel gehoben. Wenigstens hatte sie jedes Mal geantwortet, dass alles gar nicht so schlimm wäre, wenn sie nicht andauernd im Dreck oder sonst wo säße. Die kleine Matilda war eben anders und manchmal machte sie das durchaus traurig. Aber sie blieb dabei: Rudern war eine feine Sache. Während sie sich zwischen dem Schilf am See wusch, erinnerte sie sich an einen Abend, an dem ein Menschenjunge ein nach menschlichen Maßstäben hübsches Mädchen über den See Fyresfjord gerudert hatte. Das Mädchen hatte gelacht und sich gefreut, was den Jungen sichtlich mit großem Stolz erfüllt hatte. Beide schienen sehr glücklich gewesen zu sein. Zum Abschied hatte das Mädchen den Jungen mit den Lippen berührt. Schlagartig hatte der seine Farbe im Gesicht gewechselt und noch lange dem Mädchen hinterhergeschaut. Erst viel später, nachdem das Mädchen schon lange aus seinem Blickfeld verschwunden war, hatte er sein Boot in das Bootshaus gezogen. Menschen schienen ebenfalls etwas für Romantik übrig zu haben, so wie sie. Matilda seufzte und watschelte eilig zum Nest.
Nach der Fütterung wollte sie sich unauffällig davonstehlen, um keine Fragen beantworten zu müssen. Doch ihre Mutter bemerkte es.
»Wo willst du hin, Matilda?«
»Äh, zum Teich, noch ein wenig schwimmen üben«, stotterte sie verlegen.
»Na, wenn das mal stimmt. Du hast scheinbar vergessen, dass du heute das Nest säubern musst. Danach kannst du gehen. Papa kommt erst am Abend mit euren Brüdern zurück. Ihr drei könnt machen, was ihr wollt, geht aber nicht zu weit vom Nest weg. Ich muss zu Vilma, die ein krankes Küken hat. Seid bitte artig.«
Alle nickten.
»Du auch, Matilda!«, fügte ihre Mutter mit Nachdruck hinzu.
Aber die war bereits bei der Arbeit, weil sie so schnell wie möglich auf eine Entdeckungsrunde gehen wollte.
»... sieht der nicht schrecklich süß aus«, vernahm sie die Stimme ihrer Schwester Emmi. Daraufhin hörte sie Lotta erzählen, dass das älteste Prinzküken wohl im nächsten Jahr auf Brautschau gehen würde. Matilda fragte sich, woher ihre Schwester das schon wieder wusste.
»Ein Prinz wäre doch eine tolle Partie, findest du nicht auch, Matilda?«, neckte Nelli sie.
Matilda sah kurz auf. Während sie nur nickte, dachte sie verträumt an die Insel, zu der sie hatte rudern wollen.
Emmi, Lotta und Nelli lachten sie prompt aus. Manchmal waren sie einfach gemein. »So, wie du aussiehst, mit gelber Haube und schlammtropfendem Hintern, wird das wohl nichts«, kam es unisono wie aus einem Schnabel.
Matilda watschelte aus dem Nest, obwohl sie noch längst nicht fertig war, weil ihr das Herz zu schwer wurde. Ihre Mutter würde später ärgerlich sein, aber das war ihr in diesem Moment egal. Sie wollte nur weg von diesen schnatternden, dummen Gänsen.
Schon bald hatte Matilda ihre Schwestern vergessen, als sie voller Freude durch die ersten bunten Blätter watschelte, die der nahende Herbst bereits von den Bäumen geweht hatte. Ohne es zu merken, kam sie wieder einmal an dem in der Nähe ihres Nestes liegenden Bauernhof vorbei. Fasziniert schaute sie den Schweinen zu, wie sie sich vergnügten. Sehnsüchtig seufzte sie, weil die Sau ihre Ferkel nicht im Geringsten daran hinderte, mit ihren Schnauzen in den größten Drecklöchern zu wühlen. Mit der Zeit traute sie sich aus ihrer Deckung und näherte sich zögerlich dem geschäftigen Treiben der Ferkel. Gerne hätte sie dort mitgemacht. Ein weiterer Seufzer kam aus ihrem tiefsten Inneren.
Plötzlich kam eines der Ferkel grunzend mit durch den Boden pflügender Schnauze auf sie zu, ohne sie zu bemerken. Sie konnte nicht mehr ausweichen, so dass sie mit der aufgewühlten Erde zur Seite geworfen wurde. Nur noch ihr Kopf schaute aus einem Haufen lehmiger Erde heraus.
»Aua«. Sie versuchte, einen Flügel frei zu bekommen, aber der Lehm war sehr schwer. »So ein Mist.«
Das Ferkel hob den Kopf und blickte sich neugierig um. Beide schauten sich erstaunt an.
»Ohrrg, ohrrg«, grunzte das Ferkel.
»So ein Mist«, quakte Matilda noch einmal. Während das Schwein weiterhin grunzte, begann sie etwas zu fühlen: »Das ist kein Mist, das ist lehmhaltige Erde.« Das Grunzen hörte auf. »Du kannst mich verstehen?«, quakte Matilda verwundert.
Als das Grunzen wieder begann, setzte erneut ein Gefühl in Matildas Bewusstsein ein: »Verstehen nicht direkt, aber ich kann mich auf die Schwingungen einstellen, die von deinem Quaken ausgehen. Glaube ich jedenfalls.«
Matilda war immer noch dabei, das »Gehörte« zu verarbeiten, als sie von einem neuerlichen Grunzen abgelenkt wurde.
»Du nimmst wahr, was ich dir mitteile, weil ich einen Seelenkontakt ermöglicht habe. Entschuldige übrigens, dass ich dich fast über den Haufen gerannt oder eher in den Haufen befördert habe.« Das Ferkel grunzte sichtlich vergnügt. »Ich heiße Otto und du?«
