Mitternachtsmädchen - Jonas Moström - E-Book

Mitternachtsmädchen E-Book

Jonas Moström

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Beschreibung

»Es geht auch fast ohne Blut … und ist trotzdem wahnsinnig spannend.« Oliver Steuck, WDR 2 Lesen

Uppsala im Frühling: Die Studenten der Universitätsstadt feiern die Walpurgisnacht, als im Hörsaal der Anatomie die Leiche einer blonden Studentin gefunden wird, die eindeutige Würgemale aufweist. Schon zuvor wurden mehrere blonde Frauen überfallen und gewürgt. Genau wie bei der toten Studentin, fehlte allen Opfern der linke Schuh.
Die Polizei will ein Täterprofil erstellen und ruft Psychiaterin Nathalie Svensson zu Hilfe. Zermürbt vom Scheidungskrieg mit ihrem Ex-Mann stürzt Nathalie sich in die Ermittlungen. Denn das Opfer ist die Tochter einer guten Freundin, und ihr ist klar: solange der Täter nicht gefasst wird, ist keine junge Frau in Uppsala sicher.

 

»Jonas Moström schreibt mit einer nie nachlassenden Intensität, die den Leser durch die Nacht treibt.« Arne Dahl

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Mitternachtsmädchen

Der Autor

Jonas Moström wurde 1973 geboren. Er lebt und arbeitet als Arzt in Stockholm. Während seiner Elternzeit begann er damit, an seinem ersten Roman zu arbeiten, der 2004 erschien. Mitternachtsmädchen ist der dritte Teil der erfolgreichen Krimiserie aus Schweden um Psychiaterin Nathalie Svensson. Von Jonas Moström sind in unserem Hause erschienen:

Aus der Nathalie-Svensson-Reihe: So tödlich nah · Dominotod · Mitternachtsmädchen

Das Buch

Psychiaterin Nathalie Svensson steckt mitten im Scheidungskrieg, als ein Anruf der Polizei sie erreicht: Auf dem Universitätsgelände in Uppsala wurde eine junge Frau erwürgt. Der Täter ließ sein Opfer auf dem Tisch des anatomischen Theaters zurück, nur ihren linken Schuh nahm er mit. Ein ähnliches Tatmuster zeigte sich bereits bei zwei früheren Überfällen auf blonde Frauen, die sich ebenfalls um Mitternacht ereigneten. Da es sich um einen Serientäter zu handeln scheint, soll Nathalie mit den Kollegen der Spezialeinheit ein Täterprofil erstellen. Sie zögert keine Sekunde, denn die Tote ist Hanna, die Tochter ihrer Freundin Cecilia, und die Zeit drängt. Schnell geraten mehrere Verdächtige ins Visier der Polizei. Doch wer hat es wirklich auf die jungen Frauen abgesehen? Und was hat es mit den Schuhen der Opfer auf sich, die der Täter jedes Mal entwendet, wenn er zuschlägt?

Jonas Moström

Mitternachtsmädchen

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Nora Pröfrock und Dagmar Mißfeldt

Ullstein

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Deutsche Erstausgabe im Ullstein Taschenbuch1. Auflage Februar 2019© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019© Jonas Moström, 2016 Titel der schwedischen Originalausgabe: Midnattsflickor(First published by Lind & Co, Stockholm, Sweden)Umschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®, München (Struktur und Ast);Getty Images/ © Kentaroo Truman (Landschaft)Autorenfoto: © Eva LindbladE-Book-Konvertierung powered by pepyrus.comAlle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-8437-1852-3

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Inhalt

Der Autor / Das Buch

Titelseite

Impressum

PROLOG

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Cover

Titelseite

Inhalt

PROLOG

PERSONEN

Nathalie Svensson, 45 Jahre. Psychiatrische Oberärztin an der Uniklinik Uppsala, führende Expertin für Psychopathen in den nordischen Ländern und Mitglied der Einheit für operative Fallanalyse (OFA) des schwedischen Zentralkriminalamts, mit der sie die örtliche Kriminalpolizei im ganzen Land bei der Aufklärung schwerer Gewaltverbrechen unterstützt. Nathalie hat sich kürzlich von dem Anwalt Håkan Svensson scheiden lassen, mit dem sie zwei Kinder hat: Gabriel, 8 Jahre, und Tea, 6 Jahre.

Sonja Nilson, 67 Jahre. Nathalies Mutter, die eine Vorliebe für Martini hat und sich abwechselnd der Fotografie und diversen Wohltätigkeitsprojekten mit ihren Freundinnen vom Lions Club widmet.

Victor Nilson. Nathalies Vater, der in So tödlich nah, dem ersten Teil der Serie,ums Leben gekommen ist.

Estelle Ekman, 43 Jahre. Nathalies jüngere Schwester, die vor neun Jahren als frisch ausgebildete Krankenschwester nach Sundsvall gezogen ist.

Ingemar Granstam, 62 Jahre. Ein behäbiger Nordschwede, der die OFA-Einheit leitet und aufgrund seines Körperbaus, eines beeindruckenden Schnäuzers und seiner unerschütterlichen Gerechtigkeitsliebe den Spitznamen »Walross« trägt.

Tim Walter, 22 Jahre. Kriminaltechniker und jüngstes Mitglied der OFA-Einheit, dem Tabellen und Verhörprotokolle weitaus weniger zu schaffen machen als der Umgang mit Menschen.

Angelica Hübinette, 55 Jahre. Die knallharte und kompetente Gerichtsmedizinerin der Einheit. Lässt sich eher von Kostümfilmen rühren als von Obduktionen.

Louise af Croneborg. Nathalies beste Freundin aus dem Medizinstudium in Uppsala, die eine Praxis für plastische Chirurgie im Stockholmer Strandvägen betreibt. Ehemals verheiratet mit dem Kriminalhauptkommissar Frank Hammar.

Josefine »Josi« Lundström und Cecilia Eriksson. Nathalies engste Freundinnen in Uppsala. Josefine ist Frisörin und fünffache Mutter, Cecilie ist Lehrerin, geschieden und war früher Nathalies Nachbarin. Alle drei singen im Ekeby-Chor nach dem Motto »Lieber schlecht als gar nicht«.

Kriminalhauptkommissar Johan Axberg, 40 Jahre. Leiter der verdeckten Ermittlung und Lebensgefährte der Fernsehreporterin Carolina Lind, 37 Jahre. Die beiden haben einen anderthalbjährigen Sohn namens Alfred.

Oberarzt Erik Jensen, 40 Jahre. Johans einziger enger Freund, der sich gerade von Sara Jensen getrennt hat. Die ehemalige Hausfrau ist mittlerweile Erfolgsautorin und hat ein Verhältnis mit ihrem Literaturagenten José Rodriguez. Erik und Sara haben zwei Töchter: Sanna und Erika, 8 und 10 Jahre alt.

Rosine Axberg, 88 Jahre. Johans Großmutter, die auf der Insel Frösön lebt und ihn ab dem zwölften Lebensjahr großgezogen hat, nachdem seine Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren.

PROLOG

UPPSALA, DIENSTAG, 6. MAI

Irgendwas stimmt mit dem Schloss nicht. Das merkt er sofort, als er den Schlüssel hineinsteckt. So einen Widerstand hat er während seiner ganzen dreiundvierzig Jahre als Hausmeister noch nicht erlebt. Wurde hier etwa eingebrochen? Wusste jemand, dass der Alarm defekt ist? Aber wieso hätte ein Einbrecher wohl hinter sich abgeschlossen?

Mit einiger Mühe dreht er den Schlüssel. Hört das Klicken im Schloss und zögert einen Moment. Ob er die Polizei rufen sollte? Nein, die Tür war immerhin abgeschlossen, und niemand soll Hausmeister Rådstam vorwerfen können, er würde unnötig Alarm schlagen. Erst recht nicht an seinem letzten Arbeitstag vor der Rente. Wahrscheinlich ist das nur wieder so ein Lausbubenstreich. Irgendwelche ungezogenen Halbstarken, die an dem Schloss rumgefummelt haben, um sich vor ihren ebenso ungezogenen Kumpanen aufzuspielen. Erst vor drei Wochen hat eine Stadt-Gang die Tür mit Graffiti beschmiert. Wie kommt man bloß auf die Idee, das Gustavianum – das älteste und schönste Gebäude der Universität – so zu verschandeln?

Hinter ihm setzen die acht Schläge der Domuhr ein. Pünktlich wie immer, denkt er und öffnet die Tür. In den Angeln quietscht es, und er nimmt sich vor, sie als letzte Amtshandlung noch einmal zu ölen, bevor er heute nach Hause geht.

Im Eingangsbereich schaltet er die Tagesbeleuchtung ein. Alles sieht aus wie immer. Die Glastüren zum Büro und zum Museumsladen sind fest verriegelt, und die Alarmlämpchen des Innensystems leuchten. Da drinnen war jedenfalls niemand. Die Treppen zu beiden Seiten der großen kugelförmigen Elektrode, die der Museumsleiter genau dort platzieren wollte, sind leer. Die Morgensonne wirft gelbe Rechtecke auf die weiß gekalkten Wände. Es wird ein schöner Tag.

Nachdem er die Schließfächer und die Toiletten kontrolliert hat, kehrt er zurück in den Eingangsbereich, wo ihm sein verzerrtes Spiegelbild in der großen Kupferkugel begegnet. Er geht die linke Treppe hinauf.

Schon nach der Hälfte der Stufen machen sich seine Knie bemerkbar. Arthrose, hat der Arzt gesagt. Der Rat lautete, dass er ein paar Kilo abnehmen, Krankengymnastik machen und sich Einlagen für die Schuhe besorgen sollte. Na dann, denkt er. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Morgen wird er mit dem Schwimmen anfangen, auch wenn er sich nur äußerst ungern in Badehose zeigt. Aber Not kennt nun mal kein Gebot, und bis zur Elchjagd im Herbst muss er schließlich in Form sein. Außerdem will der Schrebergarten in Schuss gehalten werden. Diesen Sommer kann er zum ersten Mal jeden Tag dort sein.

Im ersten Stock wirft er einen Blick auf die Alarmzentrale. Der Außenalarm, der die Eingangstür und die Fensterscheiben sichert, ist deaktiviert. Am Vorabend, als er ihn einschalten wollte, gab es einen Kurzschluss, und da das Fachgeschäft das nötige Ersatzteil gerade nicht vorrätig hatte, musste die Reparatur auf heute verschoben werden. Beim Gedanken an das Auswechseln des defekten Teils erinnert er sich daran, was ihm der Arzt über die Knieprothesenoperation erzählt hat. Aber vielleicht muss es in seinem Fall ja nicht unbedingt so weit kommen?

Das übrige Alarmsystem funktioniert einwandfrei, und er ist beruhigt. Das kaputte Schloss ist der einzige Schaden, den ein eventueller Einbrecher verursacht hat. Alles von Wert befindet sich im Büro, im Laden und in den Vitrinen. Er dreht eine Runde durch den Saal mit den beiden Mumien und schaltet das Licht ein. Erinnert sich daran, dass heute drei Schulklassen kommen. Da­rauf freut er sich schon. Nichts geht über die Begeisterung, mit der Kinder vor den Mumien und dem Augsburger Kunstschrank stehen.

Mit einem Lächeln auf den Lippen geht er in den zweiten Stock. Dreht dort die gleiche Kontrollrunde durch die alte Bibliothek und den Saal mit der Kunstsammlung. Jeder Gegenstand, jeder Schatten, jede einzelne knarrende Diele ist ihm so vertraut, als wäre es ein Teil von ihm.

Zum letzten Mal wecke ich jetzt das Museum, denkt er mit einem seltenen Anflug von Sentimentalität.

Im Saal mit der Ausstellung von Valsgärde geht er wie gewohnt über die Erhöhung mit den dicken Glasscheiben, unter denen sich die archäologischen Funde aus den Bootsgräbern befinden. Er mag es, seine Füße über diese Gegenstände dahinwandeln zu sehen, die Tausende von Jahren älter sind als er. Fünfundsechzig ist nichts dagegen. Er ist nur ein Kind, wie seine Mutter bis zu ihrem Tod vor drei Jahren stets zu sagen pflegte.

Nun fehlt nur noch das anatomische Theater. Danach wird er nach unten gehen und Kaffee aufsetzen. Er weiß, dass der Chef heute Kuchen und Kaffeegebäck mitbringt. So viel Aufmerksamkeit ist ihm eigentlich unangenehm, aber irgendwie freut er sich auch, dass man heute an ihn denkt.

Es gibt eben doch noch mehr Gutes, denkt er mit einem Schmunzeln.

Die Hand an die Wand gestützt, steigt er die schmale Wendeltreppe hinauf, die wie immer unter seinem Gewicht knarrt. Vierundzwanzig Stufen. Um sich von den Knieschmerzen abzulenken, zählt er. Mit routinierten Handgriffen zieht er den Schlüsselbund hervor und schließt die gemaserte Holztür auf.

Sowie er sie aufschiebt, sieht er, dass etwas nicht stimmt.

Eine schwarze Schuhsohle und ein nackter Fuß. Auf dem Seziertisch liegt jemand.

Will mir hier irgendjemand einen Streich spielen, weil heute mein letzter Tag ist?

Er sucht mit dem Blick die achteckige Zuschauertribüne ab. Niemand zu sehen. Überzeugt davon, dass es sich um einen Scherz handelt, geht er näher heran.

Auf dem Tisch liegt eine junge Frau. Sie rührt sich nicht, starrt nur mit leerem Blick zur Decke. Ihr blondes Haar umgibt ihren Kopf wie eine Glorie. Hose und Unterhose sind bis zu den Knien heruntergezogen, ihre Haut ist weiß wie Schnee.

Er bekommt weiche Knie. Er wankt, greift nach der Brüstung um den Seziertisch. Kann keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Ganz unten an ihrer nackten Ferse sieht er einen blauen Streifen.

Alles dreht sich. Er versucht zu atmen, doch sein Hals ist wie zugeschnürt.

Er dreht sich um und erbricht geradewegs auf den Boden.

1

UPPSALA, MITTWOCH, 7. Mai

Nathalie Svensson schlug die Augen auf und war sofort hellwach. In ihren Schläfen hämmerte der Puls, und das Nachthemd klebte auf ihrer Haut. Gleichzeitig war ihr kalt. Die Bilder und Stimmen eines Traumes lösten sich langsam auf und zogen davon.

Wovon der Albtraum gehandelt hatte, lag auf der Hand, in den letzten Wochen war so viel Schreckliches passiert wie nie zuvor in ihrem Leben. Die Wahrheit über den zehn Jahre zurückliegenden Mord an Adam, der Liebe ihres Lebens. Der brutale Tod ihres Vaters Victor. Der wiederaufgenommene Kontakt mit ihrer jüngeren Schwester Estelle und die Frage, ob sie etwas mit den Morden in Sundsvall zu tun hatte. Zu allem Überfluss fand heute auch noch die Abschlussverhandlung im Sorgerechtsstreit statt, die ihr wie ein Kloß im Magen lag. Und als wäre das alles nicht genug, sollte sie nun zusätzlich mit der OFA, der Einheit für operative Fall­analyse des Zentralkriminalamts, nach einem Serienvergewaltiger suchen, der seit Montag auch ein Mörder war.

An den Seiten des dunkelblauen Rollos stahl sich Sonnenlicht ins Zimmer. Die Vögel zwitscherten vor dem Fenster wie am ersten Tag der Schöpfung. Der Kontrast zu Nathalies Gefühlswelt hätte nicht größer sein können. Sie setzte sich auf und sah auf ihr Handy auf dem Nachttisch.

05:59 Uhr.

Der Wecker war auf sechs gestellt. Dass sie eine Minute vorher aufwachte, zeigte nur, wie aufgewühlt sie war. Normalerweise war sie morgens müde und stellte den Wecker gern ein- bis dreimal weiter, vor allem wenn sie – wie jetzt – eigentlich früher aufstehen wollte, um noch Zeit für die lange Laufrunde zu haben.

Sie stand auf, reckte sich und warf einen Blick in den Spiegel am Kleiderschrank. Ihre dunkelbraunen Locken hingen ihr schlaff über die Schultern, die Spitzen waren zerfranst. Zeit für einen Haarschnitt, dachte sie. Im bläulichen Halbdunkel sahen ihre Oberarme, der Bauch und die Hüften richtig gut aus, obwohl sie in den vergangenen Tagen eher nachlässig gewesen war, was Ernährung und Sport anging. Sie musste an John Axbergs Kommentar denken, dass sie der Fernsehköchin Leila ähnlich sehe. Nathalie wandte sich von ihrem Spiegelbild ab und dachte, der Ansicht wäre er bestimmt nicht, wenn er sie jetzt sehen könnte – ungeschminkt und blass, mit glänzender Haut und geschwollenen Augen.

Vorsichtig schlich sie sich zu Gabriel ins Zimmer. Wie immer hatte ihr Sohn sich im Schlaf freigestrampelt. Arme und Beine lagen kreuz und quer wie bei einem Hampelmann. Oft dachte sie, dass ihm sein ADHS bis in die Träume folgte, doch jetzt schlief er zu ihrer Erleichterung tief und fest. Sie deckte ihn zu und ging dann zu Tea. Ihre sechsjährige Prinzessin, die viel zu klug für ihr Alter war, lag auf dem Rücken, die Arme gerade neben dem Körper. Decke und Kissen sahen noch genauso ordentlich aus wie beim Einschlafen. Ihr dunkler Zopf ruhte friedlich auf der linken Schulter. Teas Atem ging so still, dass Nathalie die Hand auf den Brustkorb des Mädchens legen musste, um sich zu vergewissern, dass er sich auch wirklich hob und senkte.

Sie sah nach, ob die Handys der Kinder aufgeladen waren, und ging dann hinunter ins Erdgeschoss. Normalerweise wachten die beiden nicht auf, bevor sie zurück war, und sie wussten, dass ihre Mutter nie länger als zwanzig Minuten aus dem Haus ging.

Sie wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, band ihr Haar zu einem Zopf zusammen und putzte sich die Nacht aus dem Mund. Im Flur schlüpfte sie in den neongrünen Trainingsanzug, befestigte den Schrittzähler am Bein und schnürte ihre Schuhe. Das Unbehagen, das der Traum hinterlassen hatte, saß ihr immer noch in den Knochen, doch nun wurde es von einem anderen, konkreteren verdrängt, und das rührte von der Wirklichkeit her, aus der es leider kein Erwachen gab.

Als sie vor die Haustür trat, verstand sie plötzlich, warum die Vögel so ein lebhaftes Konzert gaben. Der Himmel war wolkenlos, und sie musste kurz die Augen zusammenkneifen, um sich an das kräftige Sonnenlicht zu gewöhnen. Der Mälarsee lag spiegelglatt da und glänzte wie ein Silbertablett zwischen den Ufern des Ekoln. Die Masten der Boote am Skarholmen standen still wie auf einem Gemälde. Das Einzige, was sich bewegte, waren die Blaumeisen und Grünfinken, die zwischen dem Vogelhäuschen und der knospenden Birke hin und her flatterten, dort an den Zweigen hatte sie mit den Kindern Meisenknödel aufgehängt. Sie beschloss, weder die Playlist mit den englischen Boygroups zu hören noch die Lieder, die sie im Ekeby-Chor probten. Heute wollte sie allein dem Frühling und ihrem eigenen Herzschlag lauschen, während sie sich die Unruhe aus dem Körper lief.

Sie schloss die Haustür ab. Obwohl sie hörte, wie der Kolben ins Schloss glitt, musste sie zur Sicherheit noch einmal die Klinke hinunterdrücken. Als sie am Briefkasten vorbeiging, startete sie die Stoppuhr und nahm sich vor, ihre persönliche Bestzeit zu unterbieten. Das dachte sie jedes Mal beim Joggen – sowohl hier auf ihrer heimischen Runde in Kungshamn südlich von Uppsala als auch beim Laufen durch den Kungliga Djurgården nach ihren Ausgehnächten in Stockholm –, doch heute war der Gedanke eher Gewohnheit als ein Ausdruck von Willenskraft.

Wie immer waren die ersten Schritte am anstrengendsten. Sobald sie hundert Meter vom Haus entfernt das erste Waldstück erreichte, waren die Gelenke nicht mehr ganz so steif und die Muskeln besser durchblutet.

Ihre Gedanken wanderten zu dem Fall, dessentwegen Hauptkommissar Ingemar Granstam gestern Abend angerufen hatte. Im Zentrum von Uppsala waren innerhalb von achtundvierzig Stunden zwei Studentinnen brutal vergewaltigt worden. Der erste Überfall hatte sich in der Walpurgisnacht vor Schloss Uppsala ereignet, der zweite hinter der Bibliothek Carolina Rediviva. Beide Angriffe hatten um Mitternacht stattgefunden, die Mädchen waren beide blond und blauäugig. Der Täter war von hinten auf sie losgegangen und hatte versucht, sie während der Vergewaltigung zu erdrosseln, anschließend war er mit dem Fahrrad vom Ort des Verbrechens geflohen. Eigentlich war das kein Fall für die OFA-Einheit. Als aber auf dem Seziertisch des anatomischen Theaters im Gustavianum eine weitere blonde Studentin gefunden wurde, die nicht nur vergewaltigt, sondern zudem erwürgt worden war, hatte man die Fallanalytiker hinzugezogen.

Als Granstam Nathalie um Hilfe bat, hatte sie zuerst gezögert. Der Sorgerechtsstreit und die Auseinandersetzung mit ihrer Mutter Sonja wegen der Beerdigung ihres Vaters machten ihr eigentlich schon genug zu schaffen. Außerdem sollte sie morgen eine große Vorlesung in der Universitätsaula halten, und am Freitag wollte Estelle mit den Kindern vorbeikommen. Nathalie hatte geplant, in ihrer freien Woche Zeit mit Gabriel und Tea zu verbringen, ein paar Reparaturen im Haus zu erledigen und wenn möglich noch ein bisschen liegen gebliebene Forschungsarbeit aufzuholen.

Aber Granstam hatte sie eindringlich gebeten. Und als Nathalie erfuhr, dass es sich bei dem dritten Opfer um Hanna, die Tochter ihrer Freundin Cecilia, handelte, hatte sie zugesagt. Nathalie war die führende Expertin für Serienvergewaltiger in den nordischen Ländern, und wenn sie sich vor dieser Aufgabe drückte, würde sie Cecilia nicht mehr in die Augen sehen können.

Um halb neun war der Termin beim Sozialamt, und für zehn war eine Besprechung der OFA-Einheit im Polizeipräsidium angesetzt. Nathalie steigerte das Tempo. Die Milchsäure stieg in ihren Beinen, als sie die kleine Anhöhe am Ende des Waldstücks hi­nauflief, wo das Gelände in einen bewirtschafteten Acker überging. Sie folgte dem Pfad, der zwischen dem Feld und dem Ufer des Ekoln entlangführte, und sah ihr Spiegelbild auf der glatten Wasseroberfläche. Mit jedem Schritt erschienen mehr Bilder von Hanna vor ihrem inneren Auge.

Die junge und hübsche Hanna, genauso ausgelassen und fröhlich wie der Frühling an diesem Morgen. Als Granstam erzählte, dass sie die erdrosselte junge Frau im Gustavianum war, hatte Nathalie gespürt, wie etwas in ihr zerbrach.

Cecilia und Hanna. Sie waren sich zum Verwechseln ähnlich, sowohl äußerlich als auch vom Wesen her, und ihr Verhältnis war so innig, wie Nathalie es sich für die Zeit, wenn ihre eigenen Kinder mal ins Teenageralter kamen, nur wünschen konnte. Nathalie hatte Cecilia im Ekeby-Chor kennengelernt. Cecilia wohnte drei Blöcke von dem Haus in Kåbo entfernt, das Håkon seit der Scheidung nun alleine bewohnte, und früher waren sie oft gemeinsam zu den Chorproben gefahren.

Nachdem Cecilia die furchtbare Nachricht übermittelt worden war, hatte Nathalie versucht, so gut es ging für sie da zu sein. Sie hatte mit ihr geredet, zugehört und sich die tröstenden Worte verkniffen. Heute Abend würde sie ihr Essen vorbeibringen und über Nacht bei ihr bleiben. Cecilia war geschieden und seither alleinstehend, und Hanna war ihre einzige Tochter gewesen.

Aus dem burschikosen Schulkind, das Hanna einmal gewesen war, hatte sich eine hübsche junge Frau entwickelt. Sie hatte den Chor bei den Proben oft am Klavier begleitet, und im ersten Semester ihres Medizinstudiums hatte sie Nathalies Vorlesungen besucht. Erst in den Weihnachtsferien noch hatte sie auf Tea und Gabriel aufgepasst, als Nathalie einen Babysitter brauchte.

Es war einfach unbegreiflich, dass Hanna nun nicht mehr da war. Die Tränen brannten unter ihren Lidern, und während sie das Tempo weiter erhöhte, ließ sie ihnen freien Lauf.

Als sie die Kurve an Gustavssons Scheune erreichte, vibrierte das Handy in ihrer Tasche. Ihr erster Gedanke war, dass Gabriel und Tea aufgewacht waren. Während sie noch mit dem Reißverschluss kämpfte, hörte sie einen Hund kläffen, dreimal kurz hintereinander, dann war es still. Das Geräusch kam aus der Richtung ihres Hauses, schien ihr, und sie hob den Blick über den Acker hinüber zum Wald und zum Wasser.

Keine Seele war zu sehen. In der unmittelbaren Nachbarschaft gab es keine Hunde. Sie fragte sich, wie er wohl hierhergekommen war.

Oder hatte sie sich verhört?

2

FRÜHER

Er setzt sich auf. Hier geht irgendetwas Unheimliches vor. Er spürt es ganz deutlich. Wovon ist er aufgewacht? Das Geräusch hallt noch in dem dunklen Zimmer nach. Er zittert am ganzen Körper. Tastet mit den Fingern das Bett und seine Hose ab. Alles trocken, aber ruhiger ist er deshalb nicht.

Das Herz in seiner Brust ist das Einzige, was er hört. Ein blauweißes Licht fällt durchs Fenster. Schneeflocken so groß wie Wattebausche rieseln schnurgerade vom Himmel, als wären sie aufgefädelt. Er sagt einen der Kinderreime auf, mit denen seine Mutter ihn immer beruhigt. Sie hat noch kein neues Rollo besorgt, und Adventslichter wird es dieses Jahr wohl auch nicht geben.

Noch einmal murmelt er den Kinderreim vor sich hin. Allmählich treten die Konturen des Schreibtischs und seiner Spielsachen hervor. Alles sieht aus wie immer, aber er hat nach wie vor Angst.

Kam der Schrei von Mama? Er klammert sich an die Bettdecke, hofft, dass alles nur Einbildung war.

Der Sandmännchen-Schlafanzug ist nass geschwitzt und hat einen Schokomilchfleck am linken Ärmel. Nach dem Abendbrot ist Mama gegangen und hat gesagt, er müsse jetzt ein großer Junge sein und alleine ins Bett gehen. Wenn er das tun würde, bekäme er vielleicht ein Paar neue Schlittschuhe zu Weihnachten.

Er muss hinüber zu Mama, auch wenn er eigentlich nicht zu ihr ins Zimmer darf. Was, wenn sie wieder wütend wird?

Als er die Füße auf den kühlen Kunststoffboden setzt, hört er sie stöhnen. Auf wackligen Beinen geht er in den Flur. Das Licht einzuschalten, wagt er nicht. Draußen vor den Fenstern liegt der Schnee zu Wehen aufgetürmt, die das Licht der Straßenlaternen reflektieren.

Als er sich ihrem Schlafzimmer nähert, wird es dunkler im Flur. Drei Schritte vor der Tür hört er erneut ein deutliches Wimmern. Er bleibt stehen und hält sich die Ohren zu. Das dämpft ihre Stimme ein wenig, aber nicht ganz.

Er beißt sich auf die Lippe und geht zur Tür. Legt die Hand auf die Klinke. Sie ist kalt wie Eis.

»Mama, Mama, hallo?«

Seine Stimme ist schwach und dünn. Noch immer klingt es, als würde ihr jemand wehtun. Die Tür ist abgeschlossen.

Er holt Luft, um zu schreien, bringt aber nur ein Schluchzen hervor. Die unheimlichen Geräusche werden lauter und lauter.

Mit einem Kloß im Hals läuft er zurück in sein Zimmer. Sagt wieder und wieder den Kinderreim auf.

Als er sich die Bettdecke über den Kopf zieht, fasst er einen Entschluss.

Eines Tages wird er diese Tür öffnen.

3

Das Handy vibrierte unerbittlich an ihrem Oberarm, und die Unruhe in ihr stieg, auch wenn sie wusste, dass es vermutlich keinen Grund dafür gab. Hin und wieder überkam sie noch einmal die Angst aus der Zeit, als sie von diesem Stalker verfolgt wurde, und ihre Abwehrtechniken funktionierten leider nicht immer.

Plötzlich fiel ihr ein, dass sie gar nicht genau wusste, ob die Terrassentür abgeschlossen war. Am Abend zuvor war Gabriel in den Garten gestürmt und wollte Fußball spielen, als es Zeit fürs Bett war. Sie musste hinter ihm her und ihn ins Haus holen, und danach hatte sie vielleicht vergessen, wieder abzuschließen?

Nein, jetzt reiß dich mal zusammen, ermahnte sie sich. Mit einem Ruck bekam sie endlich den Reißverschluss auf und sah auf dem Handydisplay, dass der Anruf von ihrer Mutter Sonja kam. Bestimmt wollte sie Nathalie nur wieder damit in den Ohren liegen, dass sie doch bitte mit zur Beerdigung ihres Vaters kommen sollte. Aber was Victor getan hatte, war unverzeihlich, und sie hatte nicht vor, ihm mit ihrer Anwesenheit Ehre zu erweisen. Entschlossen drückte sie den Anruf weg.

Als sie zurück in das Waldstück kam, liefen ihre Beine wie von selbst. Das Haus sah genauso aus, wie sie es verlassen hatte, und weit und breit war kein Hund zu sehen. Trotzdem ließ sie das Gefühl nicht los, von irgendwem beobachtet zu werden.

Sie kam am Briefkasten ins Ziel, blieb auf dem Schotterweg stehen und hielt die Stoppuhr an. Als sie sah, dass sie ihre Bestzeit genau um eine Sekunde verfehlt hatte, fluchte sie laut.

Keuchend wartete sie, bis sich der hämmernde Herzschlag in ihrer Brust ein wenig beruhigt hatte. Sie sah sich um, ließ den Blick über das Wasser, die Wiesen und den umliegenden Wald schweifen. Nichts. Dann holte sie die Uppsala Nya Tidning aus dem Briefkasten und sah, dass die oberste Schlagzeile von der bisher ergebnislosen Fahndung nach dem SERIENVERGEWALTIGER IM HISTORISCHEN UPPSALA handelte.

Unter dem Foto des Ermittlungsleiters Vincent Schytt waren drei Studentinnen abgebildet, die sich abends nicht mehr allein auf die Straße trauten. Zuunterst auf der Seite gab es einen Artikel über eine Berufssoldatin, die Selbstverteidigungskurse anbot.

Als Nathalie die Tür aufschloss, sah sie noch einmal Hanna vor sich. Hörte Granstams besorgte Stimme: »Dieser Täter wird nicht aufhören, bis wir ihn fassen.«

4

Maria überlegte, was sie an diesem Abend anziehen sollte. Er hatte gerade geschrieben und ein Treffen um acht vor der Markthalle vorgeschlagen. Von da aus könnten sie zu einer der Studentennationen spazieren und etwas trinken. Klingt super, hatte sie mit einem Lächeln auf den Lippen geantwortet. In zwölf Stunden würden sie sich sehen. Genug Zeit, um sich vorzubereiten.

Die Morgensonne fiel durch die bunten Fenster und tanzte über Bänke und Fußboden des Doms. Der Frühling war da, und sie fühlte sich so lebendig wie nie. Vielleicht würden sie ja später unter freiem Himmel sitzen, in einem der Lokale mit Außenbereich, die sich gerade genauso schnell vermehrten wie all die schönen Blumen im Universitätspark.

Sie musste sich zwischen dem weißen Hemd und dem grünen Top mit V-Ausschnitt entscheiden. Dass sie die neue schwarze Dieseljeans anziehen würde und dazu die Lederjacke, die sie zum zwanzigsten Geburtstag von ihrem Vater bekommen hatte, stand schon fest. Sie spürte ein Kribbeln im Bauch. Das war ihr erstes richtiges Date. Wie auch immer es verlaufen würde, in ihrem bisher so zurückgezogenen und isolierten Leben war es auf jeden Fall ein Fortschritt.

Sie ging zum Regal mit den Gesangsbüchern und begann, die Bücher ordentlich nebeneinanderzustellen. Die Kirchturmuhr schlug achtmal. Im Kirchenschiff, das, wie sie gelesen hatte, genauso lang wie der Turm hoch war, hallte der Glockenklang unter den gotischen Bögen nach. Dann wurde es still. Für den Nebenjob, mit dem sie an den freien Tagen ihres Theologiestudiums ihr Studiengeld aufstockte, würde sie heute noch drei Stunden arbeiten müssen, bevor sie Feierabend hatte. Anschließend wollte sie zuerst im Park ihr Butterbrot essen und danach wie jeden Mittwoch ihre Großmutter im Seniorenheim besuchen. Dann noch ein paar Stunden Büffelei, und sie konnte sich endlich für den Abend fertig machen.

Allein der Gedanke daran, dass sie, die Jungs gegenüber immer so schüchtern gewesen war, jetzt ein Profil auf einer Dating-Seite hatte, beflügelte sie und ließ die Arbeit zu einem Tanz werden. Die Aufgaben erledigten sich wie von selbst, während sie sich allerlei Gedanken darüber machte, wer er wohl war, wie er aussah und wie seine Stimme klang. Er wirkte reifer als die Jungs, mit denen sie bisher gechattet hatte. Auf der Seite war sie nun schon seit einem halben Jahr registriert, aber erst jetzt fühlte es sich zum ersten Mal so gut an, dass sie ein Date wagen wollte.

Sein Foto war im Profil aufgenommen, sodass sie nicht genau wusste, wie er eigentlich aussah. Aber auf Äußerlichkeiten, wie eine Kamera sie festhalten konnte, hatte sie noch nie Wert gelegt  – auf die Ausstrahlung kam es an. Sie wusste auch nicht, wie alt er war, tippte aber auf Mitte zwanzig. Er studierte, wirkte erfahren und trotzdem jugendlich. In einer ihrer ersten Nachrichten hatte sie ihm geschrieben, dass sie bald zwanzig würde, doch als sie sich nach seinem Alter erkundigte, hatte er nur geantwortet, er trage »jedes Alter« in sich. Um nicht zu nerven, hatte sie nicht noch einmal nachgehakt.

Die Verabredung vor der Markthalle passte ihr gut. Falls er sich wider Erwarten als komisch oder unangenehm erweisen würde, konnte sie einfach Kopfschmerzen vortäuschen und sich schnell wieder verabschieden.

Sie hatte niemandem von dem Date erzählt, nicht einmal ihrem Vater. Das hätte nur den Nervenkitzel gemindert. Und wenn das Ganze ein Flopp würde, wäre es anschließend umso unangenehmer.

»Ich treffe mich mit einer Kommilitonin auf einen Kaffee«, hatte sie gesagt und versprochen, auf sich aufzupassen. Ihr Vater war besorgt, weil sich ihr Arbeitsplatz in unmittelbarer Nähe zum Schloss, zur Carolina Rediviva und zum Gustavianum befand.

Doch seine Sorge war unbegründet. Sie war ein vorsichtiger Mensch, und um acht Uhr wäre es immer noch hell draußen.

Leichtfüßig ging sie zum Taufbecken und entfernte ein Kaugummi, das dort am Beckenrand klebte. In der Putzkammer entsorgte sie die Tüte mit den Abfällen, die sie auf ihrer Runde eingesammelt hatte. Dann wusch sie sich und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Die blonden Locken und die blauen Augen hatte sie von ihrer Mutter geerbt, die schmalen Lippen mit dem markanten Amorbogen von ihrem Vater. Nase und Augenbrauen waren eine Mischung von beiden.

Mama. Es war einfach unbegreiflich, dass sie nicht mehr da war. Ihr Lachen und ihre sanften, aber herzlichen Umarmungen. Der Geruch nach Baumwolle und Äpfeln. Nicht selten hatte ihre Mutter ihr gut zugesprochen, dass sie sich mehr zutrauen, auch mal auf Fremde zugehen sollte. Aber die Schüchternheit und der selbstkritische Blick waren ihr ebenso in die Wiege gelegt wie Haut und Herz. Erst nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie sich auf eine Psychotherapie eingelassen. Schritt für Schritt hatte sie sich mit unangenehmen Situationen konfrontiert, vom Small Talk mit der Supermarktkassiererin über Klassenfeste bis hin zu Vorträgen vor Publikum.

Im Laufe dieser Reise hatte sie auch den Entschluss gefasst, Pastorin zu werden. Das war immer der größte Traum ihrer Mutter gewesen, und indem Maria ihn nun verfolgte, war es, als würde ein Teil ihrer Mutter weiterleben.

Sie ging zurück ins Kirchenschiff. Einer der rumänischen Bettler, die mehr oder weniger vor der Kirche wohnten, stand auf Linnés Grabplatte und wiegte sich vor und zurück, den Blick zur Decke gerichtet. Sie ging auf ihn zu und fragte, ob sie ihm irgendwie helfen könne. Der Mann deutete auf seinen zahnlosen Mund und dann auf den Bauch.

»Are you hungry?«

Er nickte eifrig. Sie kannte ihn und hatte den Eindruck, dass er an diesem Tag mitgenommener aussah als sonst. Eigentlich durfte das Personal Bettlern in der Kirche nichts zu essen oder zu trinken geben, doch nun holte sie trotzdem ein Butterbrot aus dem Personalzimmer und reichte es ihm zusammen mit einem Plastikbecher Saft.

Er schenkte ihr ein breites Lächeln, ehe er sich umdrehte und in Richtung Ausgang davonschlurfte. Sowie er die Tür aufdrückte, wurde er zu einer schwarzen Silhouette im hellen Sonnenlicht. Das Bild blieb noch eine ganze Weile auf ihrer Netzhaut haften.

Als sie am Altar stand, um die Gesangsnummern auf der Anschlagtafel zu kontrollieren, vibrierte ihr Handy. Sie nahm es hervor und sah, dass eine Nachricht über die Dating-App eingegangen war. Von ihm, wie sie mit klopfendem Herzen feststellte.

Hallo, Maria! Hoffe, du bist schon wach und es geht dir gut! Können wir uns vielleicht doch erst um halb zehn treffen? Es tut mir leid, aber mir ist noch was dazwischengekommen.

Das wird ein bisschen spät, dachte sie. Aber sie konnte jetzt keinen Rückzieher machen, und die erste Vorlesung am nächsten Tag war erst um elf.

Klar, kein Problem. Dann bis später!

Zufrieden mit ihrer Antwort wandte sie sich wieder den Gesangsnummern zu. Ihr war schon lange nicht mehr so leicht ums Herz gewesen.

5

Nachdem Nathalie sich vergewissert hatte, dass die Terrassentür abgeschlossen war, ging sie hinauf in die obere Etage und sah nach Gabriel und Tea. Beide schliefen noch genauso fest wie vor ihrem Aufbruch. Sie schüttelte den Kopf über ihre übertriebene Nervosität. Als sie geduscht und geschminkt war, ging sie in die Küche, um Frühstück zu machen. Die Beschäftigung hielt die Gedanken an Hanna einigermaßen auf Abstand, doch ihre Trauer und Frustration drückten ihr nach wie vor aufs Gemüt.

Als alles so weit fertig war, schaute sie auf die Wanduhr. Zwanzig vor sieben. Genau im Zeitplan, stellte sie zufrieden fest und ging hinauf ins Schlafzimmer, um sich etwas zum Anziehen he­rauszusuchen. Ihre Wahl fiel auf eine hellgraue Jeans, ein schwarzes Top und den Filippa-K-Blazer, den sie letzten Winter vor ihrem Date in der Operabar mit einem italienischen Geschäftsmann gekauft hatte. Zum Schluss schlüpfte sie in die hohen Louboutin-Schuhe mit der roten Sohle und ging dann hinüber, um Gabriel und Tea zu wecken.

Gabriel sprang sofort auf, hockte sich im Schlafanzug auf den Fußboden und begann mit seinen Star-Wars-Figuren zu spielen.

»Zieh dich bitte an«, bat Nathalie ihn.

Tea setzte sich ruhig auf und griff nach ihrer runden Brille auf dem Nachttisch. »Mama, du weißt, dass wir heute ins Museum gehen, oder?«

»Ist das nicht nächste Woche?«

Tea verbarg ein Gähnen hinter der Hand und schüttelte entschieden den Kopf.

»Das steht auf der Elternplattform, Mama! Wir gehen ins Gustavianum, weißt du das etwa nicht mehr?«

»Doch, aber ich dachte, das wäre erst nächste Woche«, log Nathalie. In Wirklichkeit wusste sie nichts von einem Klassenausflug, aber es war nicht das erste Mal, dass ihr Informationen von der Schule entgangen waren. In Anbetracht der jüngsten Ereignisse im Gustavianum nahm sie an, dass der Museumsbesuch wohl verschoben würde, aber sie wollte Tea nicht enttäuschen und sagte deshalb nichts.

»Ich packe dir etwas zu essen ein, wenn du schon mal mit dem Frühstück anfängst«, sagte sie und ging in den Flur. Rief Gabriel zu, dass er sich anziehen sollte, und musste sich selbst daran erinnern, dass sie genau um diese alltäglichen Scherereien gerade mit Zähnen und Klauen kämpfte.

Allein der Gedanke daran, dass Håkan das alleinige Sorgerecht für sich beanspruchte, weil sie angeblich »verantwortungslos, selbstgezogen und überarbeitet« war, ließ sie auf dem Rückweg in die Küche fester als sonst mit den Füßen auftreten. Zum Glück waren im Kühlschrank noch Saft und eine Packung gebackene Pfannkuchen.

Als sie aus der oberen Etage die Geräusche eines Videospiels hörte, ermahnte sie ihren Sohn ein weiteres Mal. Schließlich kam auch Gabriel in die Küche, und während Nathalie den Wünschen ihrer Kinder nachging, versuchte sie zwischendurch Zeit für das Ei zu finden, das sie sich zum Frühstück gekocht hatte.

»Am Freitag kommen Estelle und die Kinder«, sagte sie.

»Dann müssen wir unbedingt zusammen ins Schwimmbad«, sagte Gabriel mit leuchtenden Augen.

»Lieber ins Naturkundemuseum«, sagte Tea und schob sich die Brille hoch. »Gehen sie zu Opas Beerdigung?«

Die Frage überraschte Nathalie. Die Kinder wussten eigentlich nur, was in der Presse berichtet worden war, nämlich dass Victor durch einen Sturz ums Leben gekommen war.

»Nein, sie fahren Sonntag wieder nach Hause, die Beerdigung ist am Montag«, antwortete Nathalie, während sie einen Pfannkuchen zusammenrollte und ihn in die Lunch-Box legte.

»Schade«, sagte Tea.

»Ich war noch nie auf einer Beerdigung!«, rief Gabriel.

»Ihr werdet auch nicht hingehen, am Montag ist schließlich Schule«, sagte Nathalie und bestreute einen Pfannkuchen mit Zucker.

»Wie ist Opa eigentlich aus dem Fenster gefallen?«

Nathalie sah noch einmal den Sturz vor sich und fragte sich, woher Tea davon wusste.

»Das war einfach Pech«, antwortete sie und trank einen Schluck Tee, um das Verhör zu beenden.

»Ich bin fertig.« Gabriel stand so schnell auf, dass sein halb volles Glas Milch umfiel. »Guckt mal! Die Vögel lieben unsere Meisenknödel!«, rief er und zeigte aufgeregt aus dem Fenster.

»Ja, das ist schön, oder?«, sagte Nathalie und holte die Ritalin-Tablette. »Die musst du auch noch nehmen, Schätzchen.«

Widerwillig löste er den Blick von den Vögeln und sah sie aus seinen großen blauen Augen trotzig an.

»Im Sportunterricht läuft’s besser, wenn du sie nimmst, das weißt du doch.«

Eine halbe Sekunde des Zögerns, dann schluckte er das Medikament ebenso schnell, wie die Vögel vor dem Fenster auf die Meisenknödel losgingen.

Auf dem Schotterweg vor dem Haus fuhr ein blaues Auto vor. Erstaunt sah Nathalie hinaus. Sie wohnten in einer einsam gelegenen Sackgasse, und es kam nur äußerst selten vor, dass sich jemand hierher verfuhr.

Der Wagen hielt vor dem Briefkasten. Es war ein Saab älteren Baujahrs.

»Wer ist das?« fragte Gabriel.

»Keine Ahnung, das Auto habe ich noch nie gesehen.«

Der Motor verstummte, und auf der Fahrerseite wurde das Fenster heruntergelassen, doch in dem grellen Morgenlicht konnte Nathalie den Fahrer nicht erkennen.

»Wartet hier«, sagte sie und ging hinaus.

Ein großer Mann in Jagdkleidung stieg aus dem Wagen.

Mit dem Smartphone in der Hand blieb er auf halbem Weg zum Briefkasten stehen.

»Hallo«, sagte der Mann. »Entschuldigen Sie, dass ich hier einfach so auftauche, aber mein Hund ist verschwunden. Ich habe unten an der Bucht mit ihm Apportieren geübt, und da ist er mir ausgebüxt. Das hat er noch nie gemacht, er war plötzlich wie besessen und ist in diese Richtung hier gelaufen.«

»Vor einer Stunde habe ich beim Joggen einen Hund bellen hören«, sagte Nathalie.

»Das kann hinkommen«, sagte der Mann und kam noch drei Schritte näher. »Es ist ein schwarzer Jagdlabrador, sein Name ist Jack.«

Nathalie beschrieb ihm das Bellen, das sie gehört hatte. Der Mann wirkte besorgt.

»Rufen Sie mich doch bitte an, wenn Sie etwas sehen oder hören«, bat er und reichte ihr eine Visitenkarte mit seinem Namen und seiner Telefonnummer. »Nur für den Fall, dass er Ihnen über den Weg läuft. Jack ist erst acht Monate alt und hat gerade mit dem Geländetraining angefangen.«

»Natürlich, das mache ich.«

Der Mann bedankte sich, drehte auf der Einfahrt und fuhr davon. Nathalie sah die Kinder am Küchenfenster und ging schnell wieder hinein. »Heute holt Oma euch ab, das wisst ihr, oder?«, sagte sie und erzählte den beiden, was der Mann wollte.

»Japp, und wir schlafen auch bei ihr«, sagte Gabriel.

»Genau. Ich fahre ja zu Cecilia und hole euch dann morgen von der Schule ab.«

»Um wie viel Uhr?«, wollte Tea wissen und begann den Tisch abzuräumen.

»Um halb fünf.«

»Von Tilde werden wir früher abgeholt«, sagte Gabriel, der sich immer noch die Nase an der Fensterscheibe platt drückte.

Abrupt blieb Nathalie stehen, ihr Griff um die Teller wurde fester.

»Von wem?«

Tea sah besorgt zu ihrem Bruder, als der sich umdrehte und antwortete: »Tilde, Papas Neue.«

»Seine Neue«, wiederholte Nathalie, die Teller fühlten sich auf einmal doppelt so schwer an. »Wie lange trifft er sie denn schon?«

»Seit ein paar Wochen, sie ist echt cool«, sagte Gabriel und lief in den Flur.

Tea stand da und warf ihrer Mutter einen mitfühlenden Blick zu.

»Und sie holt euch also von der Schule ab, ja?«

»Das ist erst einmal vorgekommen, Mama.«

»Ist sie denn nett?«

»Sie ist superlieb.«

Tausend Fragen schossen ihr durch den Kopf. Warum erfuhr sie ausgerechnet jetzt davon – knapp zwei Stunden vor dem Abschlusstermin beim Sozialamt?

»Okay, wir reden später weiter«, sagte sie und räumte die Küche fertig auf, während ihr immer wieder der Name Tilde durch den Kopf ging.

6

Um zehn vor acht hielt Nathalie in ihrem roten Volvo V70 vor der Bergaskolan in Kåbo. Die Knospen der Linden am Straßenrand leuchteten vor dem blauen Himmel, als würden sie jeden Moment zu Blättern oder Blüten aufbrechen. Nathalie wandte sich zu Tea und Gabriel um.

»Macht’s gut, meine Süßen, ihr seid die Besten, vergesst das nicht!«

»See you«, sagte Gabriel und drückte die Tür auf.

»Bist du aber auch, Mama«, sagte Tea.

»Ich melde mich heute Abend, seid lieb zu Oma«, sagte Nathalie, doch diese Worte hörte nur noch Tea. Gabriel rannte bereits über den Schulhof, die Träger seines Rucksacks schleiften über den Asphalt.

»Ich bin immer lieb«, entgegnete Tea und stieg aus dem Auto.

Manchmal vielleicht etwas zu lieb, dachte Nathalie. Ihre Tochter zog sich den Zopf zurecht und reihte sich dann in den Strom von Kindern und Eltern ein, die sich wie von einem Magneten angezogen auf den Eingang zubewegten.

Nathalie hatte die Melodie des ABBA-Songs Slipping Through My Fingers im Ohrund verspürte einen Anflug von Traurigkeit. Schon jetzt sah sie ihre Kinder zu selten. Vielleicht würde Håkan sich demnächst mit ihnen auf und davon machen.

Sie warf einen Blick in den Rückspiegel, fuhr sich mit der Hand durchs Haar, ohne dass es dadurch luftiger wirkte. Dann startete sie den Motor und machte sich auf den Weg zum Jugendamt in der Väderkvarnsgatan.

Eine Mitarbeiterin des Sozialamts führte Nathalie und ihre Anwältin Mariette Brandt in einen klaustrophobisch engen Kellerraum, der den Frühling in weite Ferne rücken ließ. Der Mann und die Frau vom Jugendamt, die für den Fall zuständig waren, saßen vor dem Kopf eines langen Tisches, Håkan und sein Anwalt Nicholas Schultz am anderen Ende. Die Stimmung war gedrückt und die Luft so stickig, als säßen sie schon seit vierundzwanzig Stunden dort.

Håkan war tadellos gekleidet, in grauem Anzug mit weißem Hemd, und hatte seine schwarze Aktentasche wichtigtuerisch auf dem Tisch geöffnet. Nathalie schloss den obersten Knopf ihres Blazers und drückte den Rücken durch.

Die Anwälte fuhren ihre Laptops hoch und öffneten die Sitzungsprotokolle wie zwei Soldaten vor der Schlacht.

»Dann kann die Abschlussverhandlung jetzt beginnen«, sagte die Sachbearbeiterin.

Während die Formalitäten mit einer Monotonie abgehandelt wurden, die zu der Atmosphäre im Raum nur allzu gut passte, hatte Nathalie den Blick starr auf Håkan gerichtet. Er sah aus wie immer: steif und langweilig, mit kalten blauen Augen hinter seinen goldumrandeten Brillengläsern.

»Sie sind heute hier, um Ihre abschließenden Kommentare in der Sache vorzubringen«, sagte der Sachbearbeiter. »Das Amtsgericht wird am Freitag einen Beschluss fassen.«

Nathalie durfte beginnen. Mit festerer Stimme als bei vorhergegangenen Verhandlungen wiederholte sie ihre Argumente für ein gemeinsames Sorgerecht. Beinahe hätte sie auch erwähnt, dass Håkan sich mit dem Prozess nur an ihr rächen wollte, doch Mariette hielt sie mit einem mahnenden Blick noch einmal davon ab. Stattdessen schloss Nathalie ihre Rede mit einer inständigen Bitte an Håkan, auch wenn es ihr widerstrebte.

»Können wir das Kriegsbeil nicht endlich begraben und eine Einigung finden? Tief im Inneren bist du doch eigentlich auch dafür, dass Tea und Gabriel weiter im wöchentlichen Wechsel bei uns wohnen.«

Håkan schüttelte den Kopf und trommelte mit seinen schmalen Fingern auf die Aktentasche. Dann erging er sich in einer Tirade darüber, wie unzuverlässig und egozentrisch sie sei. Nathalie empfand mehr Scham als Wut angesichts seines Gebarens.

»Darüber hinaus«, fuhr Håkan fort, und an dem Zucken in seinem Gesicht sah sie, dass er zu einem Schlag unter die Gürtellinie ausholte, »habe ich Kenntnis von einer Wochenendwohnung in Stockholm, in der du dich offenbar am laufenden Band mit diversen Männerbekanntschaften triffst …«

Nicholas flüsterte Håkan etwas ins Ohr und bat das Gericht, über die Aussage hinwegzusehen. Nathalie schüttelte den Kopf. Sie musste daran denken, dass sie Håkan vor nicht allzu langer Zeit mit den Kindern auf dem Rücksitz vor ihrer Wohnung in der Artillerigatan gesehen zu haben glaubte. Er hatte es abgestritten, aber nun war ihr klar, dass sie recht gehabt hatte.

Nach der Sitzung gingen sie ohne ein Wort auseinander. Håkan und Nicholas verließen eiligen Schrittes mit ihren Aktentaschen am ausgestreckten Arm das Gebäude.

»Jetzt müssen Sie nur noch zwei Tage aushalten«, sagte Mariette.

Nathalie bedankte sich, und als sie den Raum verließ, stieg ihr ein Hauch von Håkans Rasierwasser in die Nase. Ihr war übel.

Draußen vor dem Eingang sog sie die frische Frühlingsluft ein. Ihre Schultern sanken ein paar Zentimeter. Endlich war es überstanden. Es war undenkbar, dass das Amtsgericht etwas anderes als das gemeinsame Sorgerecht beschloss. Und dann müsste Håkan sich am Riemen reißen. Nie hätte sie sich träumen lassen, dass er sich so lächerlich und niederträchtig aufführen würde.

Ihr Handy klingelte.

»Hallo, ich bin’s«, meldete Cecilia sich mit zitternder Stimme. »Ich wollte nur Bescheid sagen, dass Mats herkommt. Er bleibt bis morgen … lass uns vielleicht ein anderes Mal …«

»Aber klar doch, natürlich.«

»Mir ist jetzt nicht nach Reden, aber … viel …leicht …«

Ihre Stimme versagte.

»Gut, dass er kommt«, sagte Nathalie. »Ihr müsst jetzt fürei­nander da sein, so gut es eben geht.«

Cecilia und Mats hatten nach ihrer Trennung nicht mehr viel Kontakt gehabt, aber von der ehemals glücklichen dreiköpfigen Familie waren jetzt nur noch sie beide übrig.

Cecilias Schluchzen klang, als hätte sie keine Tränen mehr.

»Ich denke die ganze Zeit an dich«, sagte Nathalie. »Ich komme später bei dir vorbei, dann können wir reden.«

»Danke«, antwortete die Freundin kaum hörbar.

»Du kannst mich anrufen, wann immer du willst, das weißt du«, sagte Nathalie, bevor sie das Gespräch beendete.

Auf dem Weg zum Auto rief sie ihre Mutter an.

»Na endlich!«, waren Sonjas erste Worte. »Warum gehst du nie ans Telefon?«

Aus alter Gewohnheit registrierte Nathalie, dass ihre Mutter nüchtern klang. Es war zwar früh am Morgen, doch das war in den vergangenen Jahren keine Garantie gewesen. Nun aber hatte Sonja – nach einem Tag auf der Intensivstation – Vernunft angenommen und versprochen, keinen Tropfen mehr zu trinken. Nathalie hatte ihr eine Kollegin in der Suchtambulanz vermittelt, und »sobald wieder etwas Zeit« wäre, wollte ihre Mutter zu den Anonymen Alkoholikern gehen.

»Aber natürlich wirst du gewinnen«, sagte Sonja, als Nathalie ihr von dem Termin beim Sozialamt erzählt hatte. »Übrigens sitze ich gerade an Victors Todesanzeige. Ich werde dich, Estelle und die Kinder unter meinen Namen schreiben.«

»Ich weiß nicht, ob ich damit einverstanden bin«, wandte Nathalie ein.

»Es sieht doch komisch aus, wenn da nur mein Name steht«, beharrte Sonja. »Die Leute wissen genau, dass Viktor Familie hatte, davon hat er immer wieder gesprochen, sowohl als Geschäftsführer als auch während seiner Arbeit fürs Gleichstellungsministerium.«

Nathalie erinnerte sich an Victors Sturz auf den Asphalt. Sein augenblicklicher Tod hatte nicht annähernd so viel Schmerz in ihr ausgelöst wie die Einsicht, wer ihr Vater in Wirklichkeit gewesen war.

»Das ist das Mindeste, wenn ihr schon nicht mit zur Beerdigung kommen wollt.«

»Wir sprechen heute Abend darüber. Schick die Anzeige auf keinen Fall los, bevor ich sie abgesegnet habe. Übrigens brauche ich heute Abend doch niemanden für die Kinder. Mats ist auf dem Weg zu Cecilia.«

»Das kannst du nicht machen! Ich habe mich so auf den Abend mit den beiden gefreut. Habe stundenlang alles vorbereitet, Essen gekocht, Betten bezogen und so weiter! Ich hole sie ab wie geplant.«

Nathalie hielt es für das Beste, dem Wunsch ihrer Mutter nachzugeben. Zum einen tat Gabriel sich immer schwer mit Planänderungen, zum anderen waren die Kinder die beste nur denkbare Versicherung, dass Sonja die Finger vom Alkohol lassen würde.

»Okay, abgemacht«, sagte sie und beendete das Gespräch.

Als sie um die Ecke zum Parkplatz bog, schien ihr die Sonne mitten ins Gesicht. Und im selben Moment, als die Welt ein paar Nuancen gelber wurde, erblickte sie sie: Håkan und eine junge Frau, die hinter seinem silbergrauen BMW beisammenstanden und sich anlächelten.

Nathalie hielt unvermittelt inne, sah mit an, wie Håkan lachte und die Frau auf den Mund küsste.

Das musste sie sein. Tilde. »Papas Neue«, die die Kinder früh von der Schule abholte und »superlieb« und »echt cool« war.

Meine Güte, wie alt ist die denn? Fünfundzwanzig?

Bronzefarbene Haut, braune Augen und blondiertes Haar mit Föhnwelle, das locker über den Kragen eines schwarzen Trenchcoats fiel. Hatte ein bisschen Ähnlichkeit mit Shakira, wenn sie lächelnd ihre weißen Zähne entblößte und leise mit ihm sprach.

Nathalie zögerte. Sollte sie hingehen und Hallo sagen? Wie konnte er es wagen, sich hier mit ihr zu treffen, nachdem er sich vorhin noch über ihre Männerbekanntschaften ereifert hatte?

Was, wenn die Kinder sie lieber haben als mich?

Håkan und Tilde setzten sich ins Auto. Nathalie hatte das Gefühl, dass Håkan sie sehr wohl registriert hatte und nur so tat, als würde er sie nicht wahrnehmen. Als er den BMW startete, ging Nathalie zum Volvo, als hätte sie nichts gesehen.

Sie fühlte sich einsam und verwirrt. Regungslos saß sie am Steuer, bis die beiden außer Sichtweite waren.

Es war 08:58 Uhr. Noch eine Stunde bis zur Besprechung mit der OFA-Einheit. Was sollte sie tun? Ins Büro fahren und schon mal den Vortrag für morgen vorbereiten? Nein, das konnte sie jetzt nicht. Nach der Nachricht von Hannas Tod hatte sie die anstehende Vorlesung hundertmal verflucht. Über Impulskontrolle bei Sexualstraftätern zu reden, war im Moment das Letzte, was sie wollte.

Plötzlich hatte sie das Bedürfnis, Johan Axberg anzurufen, und griff schon zum Handy. Wie schön es jetzt wäre, seine Stimme zu hören, die wenigen, aber richtigen Worte, die er stets zu finden pflegte.

Aber nein, sie sahen sich ja bald, ein Anruf wäre nur albern und unangebracht. Die Leere in ihr wuchs. Reflexartig loggte sie sich auf der Dating-Seite ein, die sie für schnelle Kontakte nutzte. Klickte sich durch die Profile und sah, dass ein siebenundzwanzigjähriger Architekturstudent fragte, ob sie an einem »unverbindlichen, leidenschaftlichen Treffen« interessiert sei. Er hatte die Nachricht gerade erst geschickt und war noch online. Sie antwortete:

Gerne. An der Bar im Riche um 20 Uhr? Habe eine Wohnung in der Nähe. Keine Garantie./N

In den Wochen, in denen sie die Kinder hatte, verabredete sie sich eigentlich nicht, doch an diesem Abend war sie allein, und der Gedanke gefiel ihr gar nicht. Sie steckte das Handy weg und fuhr los, auch wenn sie nicht wusste, wohin.

Tilde. Wie hatte Håkan sich die bloß geangelt? Wo doch Flirten und Charme regelrechte Fremdwörter für ihn waren.

Sie selbst hatte in erster Linie Sicherheit gesucht, als sie sich in Håkan verliebte. Er hatte Verlässlichkeit und Ruhe ausgestrahlt, und genau das hatte sie nach Adams Tod gebraucht.

Aber was Tilde wohl in ihm sah? Waren es nur die maßgeschneiderten Anzüge, der BMW und die schicken Partys in der Kanzlei? Nathalie musste über ihren Sarkasmus lächeln, sie wusste, dass sie unfair war.

Als sie am Vaksala Torg vor einer roten Ampel stand, warf sie einen Blick in den Spiegel. Ihr Haar sah genauso trist und kraftlos aus, wie sie sich fühlte. Ihr fiel Josis Angebot ein, dass sie »jederzeit« im Salon vorbeikommen und sich einen kostenlosen Haarschnitt abholen könne.

Warum eigentlich nicht?, dachte Nathalie und wählte Josis Nummer, als die Ampel gerade umsprang und sie wieder aufs Gaspedal drückte. Josefine und sie kannten sich schon seit der Oberstufe. Obwohl sie so unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen hatten (in den zwölf Jahren, die Nathalie bis zu ihrem Facharzt in Psychiatrie gebraucht hatte, war Josi fünfmal Mutter geworden und hatte einen Großteil ihrer Zeit zu Hause bei den Kindern verbracht) und sich inzwischen nur noch bei den Chorproben sahen, waren sie immer genau auf einer Wellenlänge.

»Du kannst gleich herkommen, ich bin hier und mache sauber. Mein erster Kunde kommt um zehn«, sagte Josi. Ein paar Minuten später saß Nathalie im Salon in der Dragarbrunnsgatan auf dem Frisörstuhl. Eine Weile sprachen sie über Hanna. Josi hatte gerade mit Cecilia telefoniert, Mats war schon bei ihr.

»Gut«, sagte Nathalie. »Cilia wollte ihn zwar eigentlich nicht mehr treffen, aber er kann ihr jetzt sicher Halt geben.«

»Ja«, stimmte Josi zu. »Und wenn er wieder weg ist, können wir sie ja besuchen. Wie willst du die Haare denn haben?«

»Einfach etwas jugendlicher. Langsam sehe ich echt alt aus. Du hast freie Hand.« Josis betrübte Miene hellte sich augenblicklich auf, und sie bekam diesen exaltierten Ausdruck, den ihr Gesicht hin und wieder beim Singen der höchsten Stimme in einem der sakralen Chorstücke annahm, die sie so liebte, auch wenn sie überhaupt nicht religiös war.

»Ich weiß genau, was ich mache«, sagte sie und wuschelte Nathalie durchs Haar, das dadurch noch unansehnlicher wurde, als es ohnehin schon war. Eine Sekunde bereute Nathalie es, Josi ihr ganzes Vertrauen geschenkt zu haben, doch nun gab es kein Zurück mehr.

Das Ergebnis wurde richtig schön. Zwanzig Minuten und zwölf Gesprächsthemen später hatte sie einen Pagenschnitt, der ihre Ohren zur Hälfte bedeckte und so geföhnt war, dass ihr welliges Haar dichter und glatter wirkte. Sie fühlte sich gleich mehrere Jahre jünger und nahm Josi fest in den Arm.

»Wir sprechen uns bald wieder«, sagte sie zum Abschied und hielt Josis erstem Kunden die Tür auf.

»Ruf mich an, sobald du mehr weißt«, rief Josi ihr hinterher.

Nathalie winkte und schaute dann auf die Uhr. Noch fünfzehn Minuten bis zur Besprechung im Präsidium.

7

Als Johan Axberg die beiden Türme des Doms erblickte, die aus der Uppsala-Ebene emporragten, spürte er, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Wenn er helfen konnte, den schlimmsten Serienvergewaltiger in der Geschichte des Landes zu fassen, dann war es seine Pflicht.

Aus der Anlage erklang Bob Dylans Stimme: »How does it feel to be on your own, with no direction home, like a complete un­known, like a rolling stone?«

Gut fühlte es sich an, erschreckend gut, wenn er bedachte, dass er nun erst einmal von Carolina und Alfred getrennt war. Das Zusammenleben in ihrer Wohnung in der Bankgatan hatte durch die vielen schlaflosen Nächte, in denen Alfred Koliken hatte, und die ständigen Kindergartenkrankheiten zunehmend an seinen Kräften gezehrt. Und nachdem Carolina ihm am Vorabend eröffnet hatte, dass sie ein Angebot für das Einfamilienhaus in Haga abgegeben hatte, war ihm die Abreise leichtgefallen. Klar, er hatte ihr signalisiert, dass er sich durchaus vorstellen könne, in ein Haus umzuziehen, er war auch brav mit zur Bank gegangen, um den Kreditrahmen zu erweitern, und ja, er hatte zustimmend gebrummt, als sie ihm den Prospekt gezeigt und gesagt hatte, das Haus sei ein Traum. Doch nun, da plötzlich alles so konkret wurde, kamen ihm Zweifel. Er war einfach kein häuslicher Typ, und Carolinas unaufhörliches Gerede von einer »richtigen Familie« ging ihm auf die Nerven.

Das Schlimmste aber war, dass sie diesen Monat nur die Hälfte ihrer Verhütungspillen eingenommen hatte, wie er heute Morgen durch Zufall entdeckt hatte. Vielleicht war sie bereits mit Alfreds Geschwisterchen schwanger, das ihren Traum von der Kernfamilie mit Haus und »einem großzügigen Garten, Garagenplatz für zwei Autos sowie Schule und Lebensmittelgeschäften in unmittelbarer Nähe« erfüllen würde. Er war so baff und enttäuscht gewesen, dass er sie nicht einmal geweckt hatte, um sich von ihr zu verabschieden.

Konnte er Carolina vertrauen? Nie würde er vergessen, wie sie ihm zwei Monate lang vorenthalten hatte, dass er Alfreds Vater war.

Er überholte einen Holztransporter, während Dylans dissonantes Mundharmonikasolo aus den Boxen ertönte. Zu Beginn der Fahrt hatte er Gas gegeben, um es rechtzeitig zur Besprechung zu schaffen – nun gab er Gas, weil es sich einfach gut anfühlte. Er war unterwegs.

Erneut blickte er hinauf zu den Kirchtürmen, die sich deutlich vom hellblauen Himmel abhoben. Zur Linken thronte Schloss Uppsala auf dem Kasåsen.

Irgendwo dort finden wir dich, dachte Johan und sah die Fotos von der erwürgten Studentin vor sich, die Granstam ihm gemailt hatte. Hauptsache, er musste nicht zu viele Besprechungen über sich ergehen lassen, bei denen alle möglichen denkbaren Theorien bis ins Unendliche gegeneinander abgewogen wurden. Johan war ein Pragmatiker und fühlte sich im Außendienst am wohlsten. Im Laufe der vielen Ermittlungen, die er in den vergangenen Jahren geleitet hatte, war ihm eins klar geworden: Erstaunlich oft war es das Beste, erst einmal zu handeln und dann zu denken.