MK4 Berlin - Im Auge des Killers - Ben Bauhaus - E-Book

MK4 Berlin - Im Auge des Killers E-Book

Ben Bauhaus

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Beschreibung

Er sieht dich. Und er wird dich töten ...

Berlin, Hasenheide: Ein junges Paar wurde grausam getötet und enthauptet. Aber von den Köpfen fehlt jede Spur. Unweit des Tatorts findet sich eine zerstörte Drohne - hat der Killer seine Opfer damit ausgespäht? Bald tauchen unheimliche Drohnenvideos im Netz auf, der Täter scheint sich über die Polizei lustig zu machen. Schon wird die nächste Leiche gefunden ...

Der erste Fall der neuen Berliner Mordkommission 4 unter der Leitung von Hauptkommissar Craig Bishop wird zur Bewährungsprobe. Im Team kriselt es gewaltig, doch die Ermittler müssen schnell und entschlossen handeln, um weitere Tragödien zu verhindern. Denn der Mörder verstrickt sie in ein perfides Spiel ... und ist ihnen immer einen Schritt voraus.

MK4 Berlin - Im Auge des Killers: der Auftakt der spannenden neuen Thriller-Reihe von Ben Bauhaus! Band 2 in Vorbereitung.

Ebenfalls von Ben Bauhaus bei beTHRILLED:

Blutschach (Johnny Thiebeck 1)

Killerverse (Johnny Thiebeck 2)

Puppenruhe (Johnny Thiebeck 3)

eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.

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Seitenzahl: 444

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Cover

Grußwort des Verlags

Über dieses Buch

Titel

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Danksagung

Über den Autor

Weitere Titel des Autors

Impressum

Leseprobe

 

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Über dieses Buch

Er sieht dich. Und er wird dich töten …

Berlin, Hasenheide: Ein junges Paar wurde grausam getötet und enthauptet. Aber von den Köpfen fehlt jede Spur. Unweit des Tatorts findet sich eine zerstörte Drohne – hat der Killer seine Opfer damit ausgespäht? Bald tauchen unheimliche Drohnenvideos im Netz auf, der Täter scheint sich über die Polizei lustig zu machen. Schon wird die nächste Leiche gefunden …

Der erste Fall der neuen Berliner Mordkommission 4 unter der Leitung von Hauptkommissar Craig Bishop wird zur Bewährungsprobe, denn im Team kriselt es gewaltig. Doch die Ermittler müssen schnell und entschlossen handeln, um weitere Tragödien zu verhindern. Denn der Mörder verstrickt sie in ein perfides Spiel … und ist ihnen immer einen Schritt voraus.

IM AUGE DES KILLERS

1

Während Denise und Sascha in den Schatten der Bäume traten, umwehte sie bereits der Geruch von Marihuana und Harz. Vor ihnen konnten sie die Schemen der Dealer ausmachen, die sich im schwindenden Licht am Eingang der Hasenheide die Zeit vertrieben und jedem, der vorbeikam, offen Drogen anboten. Die regelmäßigen Razzien der Berliner Polizei, bei denen sie mit mehreren Mannschaftswagen in den Park einfuhren und die Dealer jagten, halfen wenig, das Problem einzudämmen.

Denise drückte Sascha fester an sich. Sie mochte die Hasenheide nicht besonders, aber sie hatte sich von ihm überreden lassen, den kurzen Weg von der Tempelhofer Freiheit nach Kreuzberg zu nehmen, wo sie etwas essen wollten.

Denise hatte Sascha vom Training abgeholt, und als sie bei Erwähnung der Hasenheide protestiert hatte, hatte er mit einem Grinsen seine Tasche angehoben und auf den Boden fallen lassen. Der Louisville Slugger darin, der Baseballschläger aus Aluminium, hatte ein lautes Geräusch auf dem Asphalt gemacht.

Sascha reagierte auf den Druck ihrer Hand an seiner Hüfte und zog sie ebenfalls dichter an sich heran. Küsste im Gehen ihren Scheitel. In der Linken hielt er die Tasche, über die Schulter geworfen. Der Griff des Schlägers schaute wie eine Waffe daraus hervor.

Tatsächlich machte er sich keine Sorgen. Er verstand, warum Denise sich nicht gerne hier aufhielt, aber er mochte den Park. Er war in der Nähe aufgewachsen, am Fraenkelufer, und hatte bereits viele Nächte mit seinen Kumpels in der riesigen Hasenheide verbracht. Die Dealer pushten ihr Zeug offensiv, aber wenn man kein Interesse hatte, ließen sie schnell von einem ab, und Sascha hatte noch nie erlebt, dass einer von ihnen aufdringlich oder handgreiflich geworden wäre. Vermutlich reiner Geschäftssinn, immerhin war Angst schlecht fürs Business.

Sie liefen den breiten geteerten Weg Richtung Norden, bis sie an einer der großen Wiesen vorbeikamen, die so typisch für den Park waren. Ein paar Meter zu ihrer Rechten stand ein bärtiger Mann und steuerte per Fernsteuerung ein Auto mit riesigen Reifen. Ein Hund verfolgte den Wagen aufgeregt bellend und mit fliegenden Lefzen. Ab und an überschlug sich das Fahrzeug, konnte aber offenbar durch die Bauweise und die großen Räder auf dem Kopf genauso gut fahren. In der Abendluft wurde der Geruch der Drogen durch den von Benzin ersetzt, und der trockene Rasen war bereits so geschunden, dass immer wieder kleine Staubwolken aufstiegen.

Als sie an dem Tier vorübergingen, hielt der Hund kurz in seiner Jagd inne, schaute sie einen Moment interessiert an, bellte einmal und setzte dann dem fliehenden Auto hinterher. Der Mann würdigte sie keines Blickes.

Sie kamen an einer der vielen Kreuzungen an. Denise wollte weiter Richtung Kreuzberg laufen, aber Sascha hielt sie zurück.

»Was ist?«

Er lächelte. »Bald ist Sonnenuntergang.«

»Ich habe Hunger.«

»Komm schon. Es dauert nicht lange. Und es sieht bestimmt grandios aus.« Er deutete mit dem Arm nach rechts. »Ich kenne eine coole Stelle. Da hocken wir uns hin, sehen zu, wie sie verschwindet, und dann gehen wir essen. Und du bekommst deinen Burger.«

Denise verzog das Gesicht. Er ebenfalls, in der Imitation eines Bettelblicks. »Bitte?«

Sie musste lachen. Ließ sich von ihm einen kleineren Weg entlang Richtung Osten ziehen. »Aber wenn ich verhungere, darfst du dich nicht beschweren, wenn ich mir etwas anderes suche«, sagte sie und biss ihm verspielt in den Oberarm.

»Ey, das tut weh!«, rief er und packte sie fest mit beiden Armen, um sie von weiteren Attacken abzuhalten. Lachend stürzten beide fast der Länge nach hin.

»Da vorne ist es«, sagte er und stieg über einen der knöchelhohen Zäune aus Eisen. Er hielt Denise die Hand hin, als könnte sie bei der Übersteigung Hilfe brauchen.

Während sie über die Wiese gingen, sah er sich plötzlich um.

»Alles okay?«, wollte sie wissen.

Sascha nickte, drehte sich wieder nach vorne. Seit einer Weile hatte er das Gefühl, verfolgt zu werden, wollte Denise aber nicht beunruhigen. Diesen Gedanken hatte er bereits auf dem Tempelhofer Feld gehabt, das Ganze allerdings als absurd beiseitegeschoben.

»Treffen wir uns morgen mit Lars und Sabi zum Frühstück?«, fragte Denise, während sie auf einen kleinen Hügel zusteuerten.

»Warum nicht«, antwortete er abwesend und sah sich nach der Sonne um. »Wir sind fast zu spät gekommen«, stellte er fest.

Während Denise ihren Sweater von den Hüften zog und ins Gras legte, nutzte er die Gelegenheit, um sich ein weiteres Mal umzusehen. Konnte aber niemanden entdecken. Vermutlich hatte er sich bloß von ihrer dämlichen Ängstlichkeit anstecken lassen, wies er sich selbst zurecht. Ließ sich dann mit einem Stöhnen neben sie ins trockene Gras fallen. In der Hasenheide wurde, anders als in anderen, kleineren und vor allem in reicheren Stadtteilen verorteten Parks im Sommer nicht gesprengt. Und jetzt, im Juli, hatte sie der Trockenheit bereits ihren Tribut gezollt. Noch ein paar Wochen hohe Temperatur und Sonne, und von dem Gras würde nichts mehr übrig bleiben.

Eine schwache Brise kam auf und trug eine Note von Hundekot zu ihnen herüber. »Der Duft von Kreuzkölln«, lachte Sascha, als Denise die Nase rümpfte.

»Sehr romantisch!«

Statt noch etwas zu sagen, lehnte er sich zu ihr hinüber und küsste sie. Erst sanft, als müsste er sich vergewissern, dass sie ihm das Ambiente nicht übel nahm. Dann fester, fordernder. Seine Hand suchte sich den Weg durch ihre langen Haare, Fingerspitzen strichen an der Kopfhaut entlang, und als sie ihn heftiger küsste, griff er zu.

Währenddessen strichen ihre Finger über seinen nackten Unterarm, wanderten die hervorstehenden Adern entlang bis zu seiner Hand. »Bassisten-Unterarm«, nannte sie das, auch wenn Sascha jedes Mal protestierte, dass Baseball-Spieler mindestens so definierte Unterarme wie die meisten Musiker hatten.

Ihr Zeigefinger kam an dem Pflaster an seinem linken Daumen an und zupfte daran herum.

»Tut es noch weh?«, fragte sie, als sie sich zögernd voneinander lösten und einander in die Augen sahen. Er schüttelte den Kopf. Wollte die Wunde ignorieren, warf dann doch einen Blick darauf.

Vor ein paar Tagen hatte er sich geschnitten, weil er versucht hatte, mit einem Messer einen Baseball aufzuschneiden und an den Kern aus hartem Kork zu kommen. Er war sich unglaublich clever und kreativ vorgekommen, weil er vorgehabt hatte, in dem Ball seinen zweiten Wohnungsschlüssel zu verstecken und ihr zu überreichen. Wie einen Verlobungsring, den uneingeschränkten Zugang zu seinem Leben. Sie waren jetzt fast vier Monate zusammen, und er war sich sicher, dass er noch viel, viel mehr von Denise wollte.

Aber er war abgerutscht, hatte sich tief in den Daumen geschnitten. Und seine Dummheit verflucht, während er das Blut aus der Wunde gelutscht hatte. Jetzt saß der angeschnittene Baseball mit dem getrockneten Blut wie ein böserPac-Man auf seinem Schreibtisch und schien ihn zu verspotten. Deswegen hatte er das »Projekt Wohnungsschlüssel« für den Moment auf Eis gelegt.

Wieder überkam ihn das merkwürdige Gefühl, beobachtet zu werden. Er sah sich um.

»Was ist los?«, wollte sie wissen.

Diesmal konnte er es nicht abschütteln. »Weiß nicht. Da ist was.« Langsam erhob er sich, machte ein paar Schritte den Hang hinunter.

»Wie meinst du das? Wo ist was?«

Er schüttelte den Kopf, hatte konzentriert die Brauen zusammengezogen. »Hörst du das? So ein Brummen.« Vielleicht war es der Bärtige, der sein RC-Car durch den Park nach Hause fuhr wie ein Haustier an der unsichtbaren Leine.

Denise lauschte einen Augenblick, schüttelte den Kopf. »Du machst mir Angst. Ist das ein Witz?«

Plötzlich fiel ihm ein Licht auf, winzig klein, rot leuchtend. Mehrere Meter über dem Boden. Er bildete sich ein, dass das Geräusch ebenfalls aus der Richtung kam. Er ging weiter nach vorne, blieb kurz stehen, um einen Stein aufzuheben.

»Was machst du?«, rief Denise. Die Beklommenheit in ihrer Stimme war deutlich zu hören, aber Sascha konnte nicht zurück. Seit fast einer Stunde nagte dieses Gefühl an ihm, die Vermutung, dass da jemand oder etwas ihnen folgte. Langsam näherte er sich, den Stein so fest gepackt, dass die raue Oberfläche sich schmerzhaft in seine Handfläche bohrte.

Dort vorne war definitiv etwas, er konnte das Licht erkennen! Und es bewegte sich, wenn auch kaum wahrnehmbar.

»Sascha!«

Er ignorierte sie und atmete ein und aus. Konzentrierte sich, wie er es auf dem Pitcher’s Mound tun würde, kurz vor einem wichtigen Wurf. Dann riss er explosionsartig den Arm erst nach hinten, dann nach vorne und warf. Das Geräusch eines Aufpralls und das augenblickliche Verschwinden des roten Lichtes belohnten ihn für seinen Wurf.

Er riss die Arme in die Luft und jubelte. »Ich habe das Scheißding erwischt! Hast du den Wurf gesehen?« Er drehte sich um, versuchte, Denise im Zwielicht zu erkennen. »Das war ein verdammter Homerun, davon kannst du mal ausgehen.« Als keine Reaktion kam, legte er den Kopf schief, machte ein paar Schritte nach vorne. »Denise?« Er konnte sie nirgendwo entdecken. Ging die Anhöhe hinauf, bis er ein gedämpftes Stöhnen und ein pfeifendes Geräusch hören konnte. Wie ein Schlauch, aus dem Luft entwich. Er beschleunigte seine Schritte. »Denise? Alles in Ordnung?«

Er lief an ihren Sachen vorbei, stolperte fast über seine Tasche. Im Gebüsch vor sich glaubte er Bewegung in den Blättern zu sehen. Machte einen Satz dorthin, riss die Zweige zur Seite. Ein Stoß traf ihn, ließ ihn zurücktaumeln.

Auf einmal hatte er Schwierigkeiten zu atmen und drohte das Gleichgewicht zu verlieren.

»Denise?«, stieß er ein weiteres Mal hervor, diesmal kaum mehr als ein Keuchen. Noch zwei Schläge erwischten ihn, aber diesmal zuckten Lanzen aus Feuer durch seinen Bauch und Unterleib. Er stolperte zurück, fiel. Fing sich mit einer Hand ab, versuchte, sich aufzurichten. Das Atmen fiel ihm schwer, und er musste den Reflex unterdrücken, sich zusammenzurollen. Alles tat so weh!

Er musste zu ihr.

Sascha ließ sich auf die Knie fallen, die Finger gegen den schmerzenden Unterleib gepresst. Das T-Shirt fühlte sich feucht an. Sein Mund füllte sich mit einem metallischen Geschmack. Benommen hob er die Hand, hielt sie sich vor Augen. Im Zwielicht sah sie fast schwarz aus, schimmerte feucht.

Plötzlich bemerkte er etwas vor sich im fahlen Licht. Es sah aus wie eine Messerklinge. Daran glitzerte es ebenfalls dunkel.

Eine Hand fuhr ihm in die Haare, packte zu. Es war wie das Echo seiner Geste vorhin mit Denise, nur lag diesmal keine Zärtlichkeit darin. Sascha konnte fühlen, wie einzelne Haare sich aus der Kopfhaut lösten, aber der dumpfe Schmerz hatte keine Chance gegen das Inferno, das sich längst im Unterkörper ausgebreitet hatte. Er nahm eine silberne Bewegung wahr, und dann erfasste brutaler Schmerz seine Kehle, als würden sich alle Halsschmerzen, die er jemals gehabt hatte, auf einen Schlag im Körper wiedervereinigen.

»Denise«, wollte er sagen, aber das Wort erreichte die Lippen nicht. Stattdessen blubberte es feucht aus dem Hals.

2

»Was meinst du damit, du weißt nicht, ob Zoé von mir ist?« David Brenner starrte seine Frau Maren entgeistert an. Sie stand mit dem Rücken zur Anrichte und hielt sich an ihrer Kaffeetasse fest. Ohne ihn anzusehen, pustete sie auf das Getränk. Weißer Dampf stieg auf.

»Von Hoffmann, dem Arsch? Das ist nicht dein Ernst, oder?«

Sie antwortete nicht, sah ihn immer noch nicht an.

»Spinnst du?« Davids Stimme war lauter geworden, er machte einen drohenden Schritt auf sie zu. Erst dann fiel ihm auf, dass er immer noch die Frühstücksteller mit den ganzen Krümeln darauf in der Hand hielt.

»Nicht so laut. Ich glaube nicht, dass wir das vor ihr diskutieren sollten.« Sie machte eine Bewegung mit dem Kopf Richtung Kinderzimmer.

David Brenner hielt inne, starrte Maren an. Ihre vierjährige Tochter packte gerade ihre Tasche mit Schnuffeltuch und Kuscheltier für den Kindergarten. Oder »Kindi«, wie Maren und Zoé gerne sagten. David hasste diese Abkürzungen, genau wie »Spieli« oder »Schlafi«. Die beiden mussten immer lachen, wenn er sich darüber aufregte.

Erneut machte er einen Versuch, etwas zu sagen, aber es kam ihm nichts über die Lippen.

Maren sah ihn an, als wüsste sie genau, wie hilflos er sich gerade fühlte. Wie ein Fisch auf dem Trockenen, dessen Kiemen verzweifelt pumpten.

»Es tut mir leid«, sagte sie, aber irgendwie schaffte sie es, den Satz nicht wie eine Entschuldigung klingen zu lassen. Eher so, als sollte er es bloß wagen, sich darüber aufzuregen.

Er musste sich zusammenreißen, nicht zu ihr zu springen und ihr eine Ohrfeige zu verpassen.

Bevor er den Gedanken zu Ende denken konnte, kam Zoé in die Küche. In der Hand hielt sie ihren kleinen Rucksack in Rosa und Rot und hob ihn wie eine Trophäe in die Höhe. »Fertig!«, verkündete sie. David starrte sie an. Seine Tochter.

Seine Tochter?

Sie sah zu ihm auf, das Gesicht erschrocken.

»Was ist los?«, fragte er. Ging in die Knie, wie er es fast immer tat, wenn er mit ihr sprach. Maren machte sich darüber oft lustig.

»Ich weiß nicht, wo Hasi ist«, stellte Zoé fest, und sie sah so besorgt und bekümmert aus, dass er fast lachen musste.

»Hast du ihn nicht eingepackt?«

Stumm schüttelte sie den Kopf.

»Weißt du, wo er ist?«

Erneut verneinte sie.

»Komm, wir gehen ihn suchen.« Mit einem Lächeln packte er sie, hob sie hoch. Aber statt sie auf dem Arm zu tragen, warf er sie sich wie einen Sack über die Schultern. Zoé kreischte vor Vergnügen.

»Bevor wir den Hasen suchen, muss ich allerdings kurz die Kartoffeln zu Bauer Ernie bringen«, rief er und marschierte unter Zoés lautstarkem Protest ins Kinderzimmer. Das war ein Spiel, das sie oft spielten.

Dort warf er sie scheinbar unbekümmert auf das Bett und fing an, nach dem Hasen zu suchen. Zoé, das Gesicht in die Bettdecke gedrückt, lachte laut und rief, sie sei doch Zoé und kein Sack Kartoffeln!

Als David sich mit aufgerissenen Augen umsah und sie verwundert anstarrte, fiel sie vor Lachen fast vom Bett. In der Hand hielt er den Hasen.

Während seine Tochter das Kuscheltier in ihrem Rucksack verstaute, fragte sie: »Bringst du mich heute, Papa?«

»Tut mir leid. Ich habe einen Termin auf der Arbeit. Mama fährt dich.«

Sie zog eine Schnute, und er fügte hinzu: »Morgen?« Sofort hellte sich ihr Gesicht auf. Sie flitzte unter seinem Arm hindurch, der die Tür aufhielt, und rief ihrer Mutter zu: »Wer Erster im Flur ist!«

David sah seine Frau an. Sie hatte ihn beobachtet, aber er konnte den Blick nicht deuten. Als sie ansetzte, um etwas zu sagen, drehte er sich abrupt weg. Ohne ein Wort riss er seine Jacke vom Stuhl und lief aus der Küche. Ließ die Tür ins Schloss fallen, stieg in den Wagen und feuerte die Jacke auf den Beifahrersitz. Bereits jetzt, früh am Morgen, war die Wärme zu spüren, aber seit Tagen kündigte sich ein Sommergewitter an. Der Himmel war zugezogen.

Er ließ den Motor mit zu viel Gas aufheulen, rauschte rückwärts aus der Auffahrt und fuhr mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit durch die Siedlung Richtung Innenstadt.

Auf der Fahrt fiel sein Blick auf seine Knöchel, die sich weiß verfärbt hatten, so fest umklammerte er das Lenkrad. Auch seine Kiefermuskeln fühlten sich verkrampft an.

Als er an einer Ampel auf der Heerstraße anhalten musste, hämmerte er frustriert auf das Lenkrad. Dann noch einmal. Unvermittelt brüllte er los, laut, mit offenem Mund, und etwas Spucke flog gegen die Windschutzscheibe. Er nahm etwas zu seiner Linken wahr. Als er hinübersah, konnte er zwei Frauen im Auto neben ihm sehen, die offen über ihn lachten.

Als hätte die Glut Sauerstoff bekommen, verspürte er den Wunsch, auszusteigen und ihre Tür aufzureißen. Sie ebenfalls anzubrüllen, bis ihnen das Lachen im Halse stecken blieb.

Stattdessen drosch er ein weiteres Mal mit beiden Fäusten auf das Lenkrad, schrie erneut gegen den Lärm des Radios an, und als die beiden erneut lachten, hämmerte er mit der Faust gegen die Scheibe.

Die Ampel sprang auf Grün. David fuhr zu schnell an, sodass er abrupt abbremsen musste, um nicht seinem Vordermann aufzufahren. Ob das die beiden Weiber noch mehr amüsierte, überprüfte er nicht mehr, hielt den Blick starr geradeaus gerichtet.

Während er die endlos lange Heerstraße weiter hinauffuhr, musste er mehrmals heftig schlucken. Die Wut im Bauch hatte sich von einem Augenblick auf den anderen verflüchtigt. Und auf einmal überkam ihn ein Gefühl, das ihn zu zerreißen drohte. Er brauchte einen Moment, um es zu einzuordnen: Es war die Angst, Zoé zu verlieren. Als wäre sie jetzt schon dabei, sich von ihm zu entfernen. Tränen stiegen ihm in die Augen. Der Gedanke, sie könnte auf einmal nicht mehr seine Tochter sein, machte ihn schwindelig, drohte ihn zu überwältigen.

Damals, als Maren ihm gesagt hatte, dass sie schwanger sei, hatte er sich wie ein absoluter Klischee-Mann verhalten. Unsicherheit und Sorge hatten sein Denken dominiert, er war sich nicht sicher gewesen, ob er bereit dazu war, Vater zu werden.

Nur die berühmt-berüchtigte Frage »Ist es von mir?«, die hatte er nicht gestellt. Hätte er das mal getan.

Kurz versuchte er zu ergründen, was dieser Schuss vor den Bug mit seinen Gefühlen für Maren machte. Sie hatten sich in den letzten Jahren auseinandergelebt. Eigentlich seit Zoé auf der Welt war, aber jeder hatte ihnen erzählt, dass das normal sei. Kinder sind toll, aber anstrengend, hatte man ihm bei mehr als einer Gelegenheit gesagt. Er hatte sich keine Sorgen gemacht, dass Maren und er das überstehen würden. Sie kannten sich seit der Schule, alle hatten immer davon geredet, sie seien wie füreinander geschaffen. Und dann kam der große Schock, Marens Affäre mit Erik Hoffmann, einem Arbeitskollegen.

Damals hatten sie sich sogar für eine Weile getrennt, dann aber wieder zueinandergefunden. Zoé war das Produkt ihrer Versöhnung gewesen. Hatte David jahrelang gedacht. Neuer Zorn auf Hoffmann und Maren übermannte ihn. Er fühlte, wie Röte sein Gesicht überzog. Sollte er sich krankmelden, um in dem Zustand nicht auf der Arbeit zu erscheinen? Aber der Dezernatsleiter Frams wollte ihn einem neuen Team zuteilen. Kein guter Tag, um blauzumachen, entschied er.

3

»Setzen Sie sich.« Mit einer Handbewegung bot Harro Frams David den Sitzplatz gegenüber seinem Schreibtisch an. Danach wandte er sich wieder seinem Monitor zu. »Ich bin gleich bei Ihnen.«

David nickte, räusperte sich und ließ sich in den Bürostuhl sinken. Er nutzte die Gelegenheit, um Frams zu mustern. In Frams’ schwarzen Haaren war noch keine einzige graue Strähne zu sehen. Seine Frisur machte einen unbändigen, aber gleichzeitig gestylten Eindruck. David überlegte, wie lange Frams wohl jeden Morgen damit zubrachte, die Mähne in genau diese scheinbar achtlose Form zu bringen.

Der Mann war groß, mit einer athletischen Figur und einem kantigen Gesicht. Eine Art Bilderbuch-Kerl, hatte eine der Kolleginnen befunden. David misstraute solchen Typen, die zu gut aussahen, zu schnell befördert wurden und dabei auch noch sympathisch rüberkamen. Aber er musste sich eingestehen, dass das möglicherweise bloß die Missgunst war, die aus ihm sprach.

Der Kriminalrat war aus dem Süden Deutschlands nach Berlin gekommen, vor knapp zwei oder drei Jahren, und hatte die Karriereleiter in Hochgeschwindigkeit erklommen. Er war jung für den Posten und nach Davids Meinung Balsam für die Abteilung 11 des LKAs, die vorher von einem sturen alten Bock geleitet worden war, den man in die Pension hatte prügeln müssen. Frams hatte den Posten jetzt seit gut einem halben Jahr inne, aber bisher gefiel David, was er von ihm gesehen hatte.

Er ließ den Blick durch das Büro streifen. Es war ein kleines Büro im rückwärtigen Teil des Gebäudes. Frams hatte auf die riesige Halle verzichtet, die sein Vorgänger für sich beansprucht und mit einer Glaswand geteilt hatte, um seine Assistentin im anderen Teil unterzubringen. Eine der Mordkommissionen hatte sie seitdem bezogen. Das hatte Frams wichtige Bonuspunkte bei der Truppe eingebracht.

»So«, unterbrach Frams seine Überlegungen, rückte die Tastatur zur Seite und schaute David über seine Brille hinweg an. Er knöpfte sich die Hemdsärmel auf und begann sie nach oben zu falten. Anzugjacke und Krawatte hingen auf einem anderen Stuhl. Ihr alter Chef hatte tagein, tagaus im Anzug gesteckt. David konnte sich an keine Situation erinnern, in der die Krawatte auch nur gelockert worden wäre. Nicht mal auf der Weihnachtsfeier.

»Sie haben um Versetzung aus der achten Mordkommission gebeten«, stellte Frams fest.

David nickte. Er hatte das Gesuch bereits vor zwei Wochen eingereicht, aber warten müssen, bis eine aktuelle Ermittlung der Achten abgeschlossen war, bevor Frams ihm stattgegeben hatte. Aber Frams hatte ihm schon vor der offiziellen Antwort im Gang zu verstehen gegeben, dass er ihm seinen Wunsch erfüllen würde.

»Warum wollten Sie aus der Achten weg?«, fragte er ihn unvermittelt.

»Das steht alles in meinem Antrag.« David klang defensiver, als er es beabsichtigt hatte.

Frams lächelte. »Ich weiß. Den habe ich gelesen.« Er zog sich die Brille von der Nase, warf sie achtlos auf den Schreibtisch. Rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die rote Stelle links und rechts am Nasenrücken. Dann deutete er mit dem Finger auf David. »Das ist die eine Seite der Medaille. Was auf dem Papier steht. Jetzt will ich von Ihnen wissen, warum Sie das Gesuch eingereicht haben.«

Weil Ruhland ein engstirniger Ignorant ist. Ein engstirniger Wichser, korrigierte sich David in Gedanken.

»Hauptkommissar Ruhland und ich haben sehr unterschiedliche Arbeitsweisen. Und noch verschiedenere Persönlichkeiten.«

Frams nickte. »Das ist auch gut so. Wenn alle meine Mitarbeiter in den MKs auf der gleichen Wellenlänge arbeiten würden, bezweifle ich, dass wir ähnlich gute Ergebnisse erzielen würden. Aber die Art der Arbeit erfordert ein Mindestmaß an Kompromissbereitschaft.«

David wollte sich bei dem Vorwurf gerade aufplustern, als ihn Frams mit einer Handbewegung zurückhielt. »Damit meine ich gar nicht nur Sie.« Er seufzte, sah aus dem Fenster. »Mann, Brenner, Sie wissen doch selbst, wie das ist. Diesen Boulevard der Eitelkeiten beisammenzuhalten …«

David hatte den Ausdruck noch nie gehört, aber er nickte zustimmend. »Wohin komme ich?« Es war ihm unangenehm, hier mit dem Chef zu philosophieren.

»In die Vierte«, antwortete Frams.

David runzelte die Stirn. »Die Vierte gibt’s doch gar nicht mehr.«

»Ab heute wieder.«

»Wer bekommt die Leitung?«

Frams setzte sich seine Brille wieder auf. »Craig Bishop.«

David versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Bishop war schottischer Abstammung und deutlich jünger als Ruhland, aber die beiden waren trotzdem best buddies. Ihm wäre jemand anders lieber gewesen, jemand, der nichts mit Helge Ruhland zu tun hatte.

»Wer ist noch im Team?«

»Kriminalkommissarin Kleebaum.«

»Die Lesbe?«, rutschte es David raus. »Entschuldigung«, schob er sofort hinterher.

Erneut sah ihn Frams über den Brillenrand hinweg an wie ein Oberlehrer. So zugetan David ihm war, aber die Geste fing an, ihm gehörig auf die Nerven zu gehen.

»Sie wissen genau wie ich, dass Frau Kleebaums sexuelle Präferenzen absolut nichts mit ihrer Arbeit zu tun haben. Sie ist eine hervorragende Ermittlerin, und Bishop hat explizit um ihre Versetzung in die vierte Mordkommission gebeten.«

Während er mich bloß bekommen hat, weil es keinen anderen Platz für mich gab, dachte David verbittert. Sein Streit mit Ruhland hatte große Wellen geschlagen im LKA. Obwohl manche der Jüngeren durchaus auf seiner Seite standen, waren die meisten Vorgesetzten eher von Ruhlands Schlag. Ähnlich wie er nur ein paar Jahre von der Rente entfernt. Es hatte David das Leben nicht gerade leichter gemacht.

Er verzog das Gesicht. »Es tut mir leid. Ist mir so rausgerutscht. Ist bloß …« Er zögerte. »Manche von den Kollegen sagen, sie sei etwas schwierig.«

Frams lachte. David glaubte, darin Herablassung zu erkennen, war sich aber nicht sicher.

»Männliche Kollegen, nehme ich an? Brenner, wissen Sie, was man über Sie unter der Hand sagt?« Er schüttelte den Kopf. »Also reißen Sie sich zusammen, und freuen Sie sich über die neue Chance. Probieren Sie es aus. Falls es mit der Vierten, aus welchen Gründen auch immer, nicht klappt, sehen wir weiter.«

David nickte. Ihm blieb ohnehin nichts anderes übrig, als sich zu fügen.

Frams verabschiedete ihn.

Die Klinke bereits in der Hand, sprach ihn Frams noch einmal an. Wieder dieser Blick über die Brille! »Ruhland hat mir gesagt, dass, wenn Sie nicht um Ihren Transfer gebeten hätten, er es getan hätte. Versuchen Sie, im Team zu spielen. Ich kann gerade wirklich nicht noch mehr Befindlichkeiten brauchen. Schönen Tag noch, Brenner!«

Kurz darauf stand David draußen auf dem Gang. Er hatte darauf gehofft, in Berningers Team oder zu Haupt zu kommen, aber ihm war klar gewesen, dass die Teams bereits auf Sollstärke waren. Jetzt hatten sie ihn also zu Bishop gesteckt. Sein neues Team, der Dicke und die Lesbe. Er kam sich vor wie beim Sport in der Schule, wo manche Kinder immer zuletzt in die schlechtesten Teams gewählt worden waren. Nur dass er da immer als einer der Ersten genommen wurde. Die Zeiten hatten sich geändert, dachte er grimmig.

Seine Schritte hallten laut von den Wänden wider. Er hasste das alte Gebäude. Die Steintreppen, den Geruch. Der erinnerte ihn an Turnhallen und Sportunterricht, an Verfall.

4

David hatte gerade den Bereich mit den Getränkeautomaten hinter sich gelassen und wollte in den Gang einbiegen, der zu seinem neuen Büro führte, als er direkt geradeaus zwei Gestalten bemerkte. Die eine, mit Schmerbauch und weißem Bart, nickte ihm unterkühlt zu.

David erwiderte den Gruß von Helge Ruhland, obwohl er am liebsten eine Grimasse geschnitten hätte. Der andere Mann, gut einen Kopf kleiner als Ruhland, aber von ähnlicher Körpermasse, kam direkt auf ihn zu, nachdem er Ruhland zum Abschied auf die Schulter geklopft hatte. »Kommissar Brenner«, rief er ihm zu. David blieb stehen und wartete.

Sie schüttelten sich die Hand. »Willkommen in der vierten Mordkommission«, begrüßte ihn der deutlich kleinere Mann. Craig Bishop war irgendwas um die eins sechzig irgendwas, mochte knapp vierzig sein und trug das Haar kurz geschoren, vermutlich, weil es bereits sehr licht zu werden begann. Spitznamen für Bishop in der Abteilung waren unter anderem »Cannon Ball« und »Kugelblitz«, und in der Tat besaß er eine absurd runde Körperform. Das eine Ohr stand etwas schräg vom Kopf ab, und beide Muscheln sahen aus, als wären sie früher ordentlich durch die Mangel gedreht worden. Auch die knubbelige Nase machte den Eindruck, als könnte sie in der Vergangenheit gebrochen worden sein. Er trug einfache Lederschuhe, eine helle Hose und ein enges schwarzes Hemd, das den beeindruckenden Bauch noch betonte.

David hatte noch nie mit Bishop zusammengearbeitet und wusste nicht viel über ihn. Außer dass er eng mit Ruhland befreundet war.

»Danke. Frams hat mich gerade darüber informiert. Ich wollte mir eben das neue Büro ansehen.«

»Später«, unterbrach ihn Bishop. »Kommen Sie, wir haben einen Fall.« Er ging den Gang hinunter, überraschend flink für seine kurzen Beine. David blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Er versuchte, die wenigen Worte, die sie gewechselt hatten, zu analysieren. Las er eine gewisse Zurückhaltung oder gar Feindseligkeit aus Bishops Verhalten? Wundern würde es ihn nicht. Vermutlich hatte sich Ruhland bereits mehrfach bei ihm über David ausgekotzt.

»Worum geht’s?«, fragte er, als er Bishop an den Aufzügen endlich eingeholt hatte.

»Zwei Leichen. In der Hasenheide. Der Große ED ist schon draußen, komplettes Gedeck.«

Die Aufzugtüren öffneten sich, und sie stiegen ein.

»Wissen wir schon was über den Tathergang?«

Bishop schüttelte den Kopf. »Petersen meinte bloß, wir sollen auf das Frühstück verzichten.« Er besaß eine tiefe Stimme, sprach wohlmoduliert und in einer angenehmen Geschwindigkeit. David musste an die Hörbücher denken, die Maren immer auf ihr Handy herunterlud, und an deren Sprecher.

»Wir nehmen meinen Wagen«, entschied Bishop, als sie das Erdgeschoss erreicht hatten und auf die Tür zum Parkplatz zugingen.

»Scheiße«, entfuhr es David, als er den heftigen Regen bemerkte, der auf den Innenhof niederging. Die seit Tagen andauernde Anspannung des drohenden Gewitters hatte sich endlich entladen. Er musste an seine Jacke denken, die noch in seinem Auto lag, wollte sich aber Bishop gegenüber keine Blöße geben. Außerdem würde ihm der Sturzbach bloß das Leder ruinieren.

Die beiden rannten zu einem mitternachtsblauen Kombi. Der kurze Lauf reichte aus, um ihre Hemden komplett zu durchnässen.

»Ich habe Regenzeug hinten drin«, sagte Bishop, während er sich anschnallte. David brauchte einen Augenblick, bis er es geschafft hatte, den Sitz weit genug nach hinten zu fahren, sodass er die Beine ins Auto falten konnte. Er zog die Tür zu und wischte sich das Wasser aus den Haaren.

Innen beschlugen die Scheiben sofort. Bishop musste das Gebläse voll aufdrehen und einen Moment warten, bevor er überhaupt daran denken konnte loszufahren.

Schließlich fuhren sie schweigend in Richtung Hermannplatz. David dachte währenddessen über Bishop nach. Seine Meinung hatte er bereits nach wenigen Minuten korrigieren müssen. Bishop mochte kugelrund sein, aber anders als bei Ruhland handelte es sich dabei nicht ausschließlich um Fett. Seine Hände waren groß, und die Handgelenke und Unterarme verrieten jede Menge Kraft. Auch die Art, wie sich Bishop bewegte, ließ auf eine gewisse körperliche Gewandtheit schließen, die David ihm auf den ersten Blick nicht zugetraut hatte.

»Frams meinte, die Kleebaum sei auf Ihren Wunsch in die Vierte geholt worden«, unterbrach David schließlich das Schweigen, als er es nicht mehr aushielt.

Bishop nickte bloß.

»Warum?«

»Weil sie gut ist.«

David starrte Bishop einen Moment an, aber als der nichts hinzufügte, schaute er aus dem Fenster. Mit dem Arm wischte er über die Scheibe, um nach draußen sehen zu können. Der Regen prasselte immer noch gegen Glas und Blech.

Endlich erreichten sie den Südstern und fuhren die Hasenheide entlang auf den Hermannplatz zu. »Da vorne ist es«, bemerkte Bishop unnötigerweise.

David nickte.

Bishop steuerte den Wagen zu einer der Parkeinfahrten. Ein Streifenwagen war davor zu sehen. Ein Polizist in Jacke und Kapuze hütete ein Absperrband.

Bishop ließ die Scheibe herunter und zeigte seinen Dienstausweis vor. »Können wir vor?«

Statt einer Antwort hob der Polizist das Absperrband. Bishop steuerte das Auto darunter hindurch.

Die Hauptwege in der Hasenheide waren breit und asphaltiert, sodass sie tief in den Park hineinfahren konnten, bis sie zu einem weiteren Streifenwagen und den weißen Transportern der Spurensicherung kamen.

Sie stiegen aus, und Bishop holte zwei Jacken aus dem Kofferraum. Die Dinger waren groß und unförmig. Obwohl Bishops Jacke um die Schultern und um den Brustkorb etwas klein aussah, hing sie lächerlich tief, fast bis auf den Boden. Kopfschüttelnd ging David durch den heftigen Regen hinter seinem neuen Boss her, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Das feuchte Hemd klebte ihm am Rücken, und ihn fröstelte trotz der sommerlichen Temperaturen.

Sie stiegen über einen der extrem niedrigen Zäune und liefen über das, was einmal Rasen gewesen war. Die Trockenheit hatte dem Gras derart zugesetzt, dass sich durch den heftigen Regen der Boden stellenweise bereits in Schlamm verwandelt hatte. David fluchte, als er die erste Nässe durch die Sneaker spürte.

»Wird kein Spaß, hier nach Spuren zu suchen«, stellte Bishop fest, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme wurde gedämpft durch das Geräusch des feinen Regens auf Davids Kapuze. Er zog sie ein wenig zur Seite, um besser hören zu hören, aber Bishop fügte nichts mehr hinzu.

Wenig später erreichten sie die Stelle, wo erneut ein Bereich großflächig mit Absperrband gesichert worden war. Ein Polizist und eine Polizistin, ebenfalls in Regenjacken, begrüßten sie und ließen sie durch die Absperrung.

Bishop zeigte nach vorne. »Ist Petersen da?« Die Frau nickte in ihrer zu großen Kapuze.

Er bedankte sich, und einen Augenblick später wurden sie von Petersen in einem Schutzanzug begrüßt. Falls Petersen überrascht war, Bishop und David gemeinsam zu sehen, verriet er das mit keiner Miene. Anzunehmen war, dass die News über den Transfer schon längst die Runde gemacht, bevor David selbst davon erfahren hatte.

Mike Petersen war Mitte vierzig, aber er hatte etwas Jungenhaftes an sich, das es den meisten Menschen schwer machte, sein Alter korrekt zu schätzen. Er trug einen blonden Schnurrbart, der ihm zusätzlich etwas Spitzbübisches verlieh. Ansonsten war er glatt rasiert. Die schlaksige Gestalt sah in dem Anzug noch ungelenker aus als sonst.

Sie verzichteten darauf, ihm die Hand in seinen Latexhandschuhen zu geben.

»Morgen, Bishop! Brenner.« Er nickte ihnen zu.

»Was habt ihr?« Im Hintergrund konnte man andere weiße Gestalten im Regen sehen, die ihrer Arbeit nachgingen.

Als sie ihm eine kleine Anhöhe hinauffolgten, warf Petersen ihnen einen Blick über die Schulter zu. »Hast du dich an meinen Rat gehalten, Bishop? Kein Frühstück?« Bishop antwortete nicht.

»Das dort sind ihre Sachen.« Petersen zeigte auf einige Dinge, die sich im Gras befanden, durch eine Plane vor dem Regen geschützt. Ein dunkelblaues Sweatshirt lag auf dem Boden ausgebreitet, als hätte jemand darauf gesessen. Daneben stand eine mittelgroße Jeanstasche, David hielt es für eine Art sportliche Handtasche. Etwas weiter abseits lag halb umgekippt eine große Sporttasche, aus deren Reißverschluss der Griff eines Baseballschlägers aus Metall ragte. Mehrere Plastikaufsteller mit Zahlen wiesen auf ihre Wichtigkeit hin.

»Hat’s da ein paar Skins erwischt, oder was? Mit’m Basi im Park …«, bemerkte David, aber keiner der anderen beiden ging auf seinen Witz ein.

»Ihre Leichen liegen dort drüben.« Bei seinen Worten begrüßten zwei Mitarbeiter seines Teams Bishop und David, traten aus dem Weg und gaben so den Blick auf zwei Körper frei, beide ebenfalls durch Aufsteller vor dem Regen geschützt. Der eine, offensichtlich der eines Mannes, lag im Freien vor einer Gruppe aus Büschen und Bäumen. Sein ursprünglich grünes T-Shirt hatte an Brust und Bauch durch das Blut eine komplett schwarze Farbe angenommen. David konnte die Risse im Stoff und darunter das verletzte Fleisch sehen, wo die Stiche in den Körper eingedrungen waren.

Und dann wurde ihm klar, warum Petersen seine Warnung ausgesprochen hatte. Die Stichverletzungen selbst waren kein schöner Anblick, aber nichts, was einen gestandenen Kriminaler aus der Fassung bringen konnte. Aber statt eines Kopfes besaß die Leiche nur noch den Hals. Geronnenes schwarzes Blut, das hellere Rot von Fleisch und dazwischen das weiße Aufblitzen von Knochen präsentierten einen Anblick, bei dem sich Davids Magen zusammenzog.

Mit flacher Stimme fragte Bishop: »Das andere ist eine Frau? Ist sie auch enthauptet worden?«

»Ja und ja«, antwortete Petersen. »Sie liegt hier.« Er machte einen Schritt nach vorne. Die Spurensicherung hatte mit Gurten mehrere der Büsche zurückgebunden, um direkten Zugang zum zweiten Fundort der Leiche zu erhalten. Die Sandalen und Beine einer auf dem Boden liegenden Frau waren zu erkennen. Bishop trat um eine Gestalt im Schutzanzug herum, um einen besseren Blick auf die Tote werfen zu können. Zögernd folgte ihm David.

Die Frau lag mit den Füßen zu ihnen, sodass man von der Wunde am Hals nicht viel erkennen konnte, aber deutlich waren auch bei ihr die vielen Stiche in den Torso zu erkennen, genau wie bei dem Mann.

»Ungefähres Alter?«, wollte Bishop wissen.

»Mitte zwanzig würde ich aus dem Bauch heraus sagen«, antwortete Petersen.

»Identifizierung?«

»Brieftaschen sind noch da. Es scheint auf den ersten Blick nichts gestohlen worden zu sein. Wir haben zwei Ausweise, können also davon ausgehen, dass wir wissen, wer die beiden sind. Hundertprozentig ist das natürlich nicht, ohne die Köpfe …«

Bishop nickte. »Wie heißen sie?«

Einen Arm gegen den Regen anhebend, sah Petersen auf ein Clipboard. »Sascha Eschenbach und Denise Brink. Wenn das wirklich die beiden sind, dann ist er vierundzwanzig, sie sechsundzwanzig.«

»Wer hat die beiden gefunden?«

»Eine Anwohnerin. Wird bereits psychologisch betreut.«

»Was ist mit den Köpfen?«

Petersen verneinte. »Wir haben uns in der direkten Umgebung umgesehen, da ist nichts. Für den ganzen Park kann ich natürlich nicht sprechen.«

Bishop wandte sich an David: »Die sollen uns eine Freigabe für die Bereitschaftspolizei geben. Ich will, dass so viele BePos wie möglich den Park durchkämmen. Und wir brauchen Leichenspürhunde! Falls die Köpfe hier noch irgendwo rumliegen, will ich, dass wir die finden, bevor es irgendein Hipster oder Junkie tut.«

»Alles klar.« Unschlüssig blieb David stehen. Da er noch nicht mit Bishop zusammengearbeitet hatte, konnte er ihn nicht gut einschätzen. Sollte er sich sofort darum kümmern? Oder erwartete Bishop bloß, dass er eine mentale Notiz machen, sich weiter um den Tatort kümmern und das Ganze später anstoßen würde?

Petersen neigte den Kopf. »Das wird bei dem Regen nicht einfach. Überhaupt wird die Spurensuche hier kein Spaß, aber das muss ich dir ja nicht erzählen.«

Da sich Bishop wieder Petersen zugewandt hatte, entschied sich David für einen Mittelweg. Er blieb bei den beiden stehen, nahm aber sein Handy heraus, um im LKA anzurufen. Deckte es dabei mit dem Arm ab, um es vor der Feuchtigkeit zu schützen. Bishop berührte ihn am Arm, gab ihm mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass der Anruf warten konnte.

»Habt ihr eine Ahnung, von wo der Täter gekommen ist?«

Petersen deutete auf die Büsche. »Wahrscheinlich von dort. Im Moment ist meine Arbeitshypothese, dass er sich zuerst das Mädchen geschnappt hat. Dann, als der Typ dazugekommen ist, hat er sich den vorgenommen. Ich weiß aber nicht, ob das Mädel da bereits tot war.«

»Haben wir eine Chance auf Fußabdrücke?«

»Möglich. Wie gesagt, der Regen macht es nicht einfach, und durch die Trockenheit vorher war der Boden knallhart. Aber dort drüben, im Bewuchs …« Er zuckte mit den Schultern. »Kann schon sein, dass der Boden dort feucht und damit weich genug geblieben ist. Kann ich dir heute Nachmittag sagen.«

Bishop legte ihm die Hand auf die Schulter und erzeugte damit ein patschendes Geräusch auf dem nassen Stoff. »Wir hauen ab. Sag mir Bescheid, wenn du wieder im Büro bist, dann setzen wir uns zusammen.«

Petersen ging grußlos zurück zu seiner Crew.

»Also los«, kommandierte Bishop.

David folgte seinem Chef durch die grauen Schleier Richtung Auto. Auf der Wiese, über die sie gerade liefen, kam ihnen ein hagerer Flaschensammler mit zwei Plastiktüten in der Hand entgegen. Unter der Kapuze seiner Jacke kaum zu erkennen, reagierte er nur mit einem Zucken, als ihn Bishop grüßte.

David musste an Berliner Sommertage denken, wo einem die Trupps von Flaschensammlern die leere Pulle manchmal direkt von den Lippen wegnahmen, wenn man nicht aufpasste. Die universelle Währung des einundzwanzigsten Jahrhunderts, Plastikflaschen.

»Immerhin hat er bei dem Wetter keine Konkurrenz«, sagte er, während er um den Wagen herumging. Mit einem Kopfschütteln stieg er ein.

Bishop hatte seine Bemerkung entweder nicht gehört oder sie ignoriert, jedenfalls warf er David einen schnellen Blick zu, als der ihn musterte. »Was?«, fragte er, ließ den Motor an und fuhr rückwärts, bis er wenden konnte.

David schüttelte bloß den Kopf, wischte über die Scheibe, die sofort wieder beschlug. Er wurde nicht richtig schlau aus Bishop. Er hätte versuchen sollen, mehr über ihn von Frams zu erfahren. Aber es war unwahrscheinlich, dass sich jemand, der sich sozial derart geschickt bewegte wie der Dezernatsleiter, dazu geäußert hätte.

Während er über das Meeting mit Frams nachdachte, rutschte er gedanklich noch weiter zurück. In seine Küche heute Morgen, und wieder drohte ihn Schwindel zu erfassen, wenn er an Zoé dachte. Sein Magen zog sich zu einem festen Ball zusammen, als er sich den Abend vorstellte. Wenn er Maren gegenübertreten würde. Sich ausmalte, wie er sich verhalten sollte. Ihr eine Szene machen? Und heftige Vorwürfe? Weil sie eine gottverdammte Schlampe war, die nicht einmal wusste, von wem ihr Kind stammte? Heulend zusammenbrechen, hilflos, weil er sich nicht vorstellen konnte, was das bedeutete? Dass Zoé eine Hoffmann und keine Brenner war? Oder aber gönnerhaft »Schwamm drüber« sagen? Er hatte keine Ahnung, ob er das wollte. Ob er das konnte.

Unbewusst stieß David einen Seufzer aus.

»Alles in Ordnung?«

»Könnte nicht besser sein.« Er klang wenig überzeugend, aber Bishop sagte nichts.

Den Rest der Fahrt verbrachten sie schweigend.

5

Heftiger Wind hatte die Wolkendecke aufgerissen. Der Regen ließ bereits nach, als sie auf dem Parkplatz des LKA hielten. Sie betraten das Gebäude, nachdem Brenner ihm die Tür aufgehalten hatte.

Craig Bishop merkte, wie seine Gedanken abdrifteten, während sie die Flure entlangliefen. Er liebte das alte Gebäude. Die abgegriffenen Geländer, genau wie die Stufen der breiten Treppen aus Stein, abgenutzt und glatt geschmirgelt. »Handschmeichler«, hatte ein Kollege mal liebevoll dazu gesagt. Er mochte es, dass der Gebäudekomplex eine Art eigenes Leben zu entwickeln schien, wie ein uraltes Lebewesen, das die Menschen in seinem Inneren beobachtete. An ihrem Treiben Anteil nahm.

Brenner wuchtete eine der widerspenstigen Türen mit einem leisen Fluch auf, ließ Bishop erneut den Vortritt.

Helge Ruhland hatte ihn gewarnt, dass Brenner schwierig sei, und Frams ihn gefragt, ob er sich zutraue, den manchmal etwas ruppigen Mann in sein Team zu integrieren. Bishop wusste, dass Frams ihm keine echten Führungsqualitäten zutraute. Von den Leitern der Mordkommissionen erwartete man Seniorität, graues Haar und die Fähigkeit, das Maul aufzumachen, wie man hier sagte.

Genügend Dienstjahre besaß Bishop, aber sowohl an vollem Haupthaar als auch an großen Tönen mangelte es ihm. Trotzdem zweifelte er nicht daran, dass er die neu gebildete vierte Mordkommission zu einer funktionierenden Einheit zusammenschweißen würde.

»Du bist nicht nur ein Teamplayer, Craig, du bist ein verdammter Teambuilder«, hatte mal ein Vorgesetzter anerkennend zu ihm gesagt. Das war ein Gedanke, der Bishop tatsächlich stolz machte.

Schweigend fuhren sie in dem ächzenden Fahrstuhl nach oben und betraten kurz darauf ihr neues Büro.

»Das dort ist mein Schreibtisch. Hier steht Ihrer, dort drüben sitzt Marika.« Bishop deutete auf die beiden Tische, die sich direkt gegenüberstanden. Brenners Platz war mit dem Rücken zum Raum, Marikas dagegen zur Wand.

Brenner verzog das Gesicht. Er sah sich um, drehte eine langsame Pirouette. Bishops Tisch stand vor der großen Fensterfront, ansonsten befand sich noch eine Art Caféhaustisch mit zwei Stühlen direkt neben der Tür. Und Regale an den Wänden, von denen die meisten noch auf Ordner warteten. Brenner war mittelgroß, mit blonden, halblangen Haaren. Ein etwas kantiges Gesicht, sportlicher Typ. So einer, wie ihn Bishop auch vom Rugby kannte. Kernig, ohne große Sorgen, irgendwo anzuecken, obwohl er es dauernd tat.

Brenners Blick wanderte von seinem Schreibtisch zum Eingang. »Ich stell den lieber dahin.« Er beugte sich vor, fasste den runden Beistelltisch an, als wollte er ihn gleich verrücken. »Das Ding brauchen wir hier drinnen ja nicht«, befand er und richtete sich wieder auf, offenbar zufrieden mit seinem Plan.

Bishop betrachtete die Ecke und stellte fest, dass Brenners Schreibtisch entweder in die Tür ragen würde oder aber in den Übergang zum nächsten Büro, wo Mitglieder der Sechsten saßen. Manche von ihnen beobachteten die neuen Nachbarn unauffällig durch die Glaswand.

Bishop schüttelte den Kopf. »Das funktioniert nicht. Nicht genug Platz. Außerdem hätte ich gerne, dass Sie und Marika schnell Rücksprache halten können. Kurze Kommunikationswege.«

Brenner wollte gerade widersprechen, als es hinter ihnen an den Türrahmen klopfte.

»Bin ich hier richtig bei der vierten Mordkommission?«, fragte Marika Kleebaum gut gelaunt und strahlte Bishop an.

»Willkommen an Bord«, sagte er, während sie sich umarmten. Sie klopfte ihm auf den Rücken, wie es sonst vor allem Männer taten.

Bishop schaute zu Brenner, der etwas unglücklich an der Seite stand. Sich offensichtlich wie ein Eindringling fühlte.

»Marika, das ist unser neuer Kollege David Brenner.« Er deutete mit der Hand auf den jüngeren Mann.

»Wir kennen uns«, entgegnete Marika kühl und schüttelte Brenner die Hand. Brenner nickte bloß.

Marika Kleebaum war Mitte dreißig, mit halblangem lockigem Haar in Kastanienbraun. Sie trug eine tief sitzende Jeans, ausgetretene Turnschuhe und ein unauffälliges Top.

Bishop wusste, dass sie jede Menge Sport trieb. Ihr Körper gab ein deutliches Zeugnis davon ab. Durchtrainiert und schlank und von ähnlicher Größe wie Brenner, zog Marika häufig die Blicke auf sich. Die Erfahrung hatte Bishop schon oft genug gemacht.

Auch Brenners austrainierten Körper konnte man durch das nasse und fast durchsichtige Hemd gut erkennen. Die schwarzen Cargopants schienen nicht ganz zu dem eher formell aussehenden Hemd zu passen, als hätte sich Brenner heute Morgen nicht ganz entscheiden können, wie casual sein erster Tag im neuen Team sein sollte.

Bishop betrachtete die definierten Muskeln an Oberarm und Schultern seines Kollegen und fragte sich, was für einen Sport er wohl betrieb.

»Das dort ist dein Tisch«, sagte er, den Gedanken abschüttelnd, und wies Marika den Weg. Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, dass Brenner noch zu einer Bemerkung ansetzen wollte, den Mund aber wieder schloss.

Sie sah sich um. »Schönes Büro. Wer hockt da drüben?«

»Die Sechste. Einige von ihnen. Es mangelt an großen Büros.«

Marika wandte sich Bishop zu, lächelte. »Jeder fängt mal klein an. Irgendwann sind wir auch wieder so viele. Immerhin gibt es jetzt wieder eine Vierte.«

Bishop nickte. Er hatte keine Eile damit, mehr Leute ins Team zu bekommen. Oft wurde die Teamgröße der Mordkommissionen als ein Maßstab dafür gesehen, wie viel Prestige jede von ihnen besaß. »Wer hatte die Größte?« Daran lag ihm nichts. Kleine Teams waren oft effektiver, und für die Arbeitsbelastung machte es kaum einen Unterschied. Mehr Leute, mehr Fälle.

Marika setzte sich auf Brenners Schreibtisch. »Was habt ihr bisher?«

Brenner machte einen Schritt nach vorne, zog seinen Bürostuhl an ihren Knien vorbei und bedeutete ihr, Platz zu machen. Offenbar hatte er eben entschieden, sich das erste Mal an seinen Arbeitsplatz zu setzen.

»Echt jetzt?« Marikas Augenbrauen wanderten nach oben. »Soll das so ablaufen?«

»Ja, das soll so ablaufen«, äffte Brenner sie nach. »Darf ich mich jetzt auf meinen Stuhl setzen?«

Marika rollte mit den Augen, erhob sich und ging auf die andere Seite des Raumes, sodass sich Brenner einmal komplett drehen musste, wenn er dem Gespräch folgen wollte. Sie setzte sich auf einen der Stühle am Tisch. »Also, was habt ihr in der Hasenheide gefunden?«

Bishop überlegte kurz, was er tun sollte. Der neutralste Platz wäre an seinem Schreibtisch gewesen, aber dann hätten sie sich quer durch den Raum unterhalten. Zu Marika an den Tisch wollte er sich nicht setzen. Zum einen hätte sein Bauch kaum dahintergepasst, zum anderen wollte er die Front gegen Brenner nicht verhärten. Teambuilder, zuckte es ihm durch den Kopf. Also blieb er, wo er war, lehnte sich bloß unbequem gegen seinen Schreibtisch.

Kurz beschrieb er, was Brenner und er am Tatort vorgefunden hatten und was ihnen Petersen erzählt hatte.

»Sind die Angehörigen bereits benachrichtigt?«, wollte sie wissen, nachdem Bishop seine Schilderung beendet hatte. Er schüttelte den Kopf.

»Wer macht das?«

»Ich nicht!«, sagte Brenner sofort. Als die anderen beiden ihn ansahen, hob er abwehrend die Hände. »’tschuldigung, aber das ist nun absolut nicht meine Spezialität. Da braucht es Leute mit mehr Taktgefühl als mich.« Er lachte, als hätte er einen Witz gemacht. Als die anderen beiden nicht reagierten, schüttelte er den Kopf. »Wirklich nicht.«

»Du bist so ein Lappen«, rief Marika verächtlich. »Ich hab’s nicht geglaubt, als sie das behauptet haben. Aber es stimmt. Voll das Weichei.«

Brenner federte aus seinem Stuhl hoch, sodass der gegen den Tisch prallte. Ganz dicht kam er an Marika heran.

»Du kleine Schlange!«

Ihre Gesichter berührten sich fast. Bishop konnte die Adern an seinem Hals pochen sehen.

»Und jetzt?«, zischte Marika. »Was wird das? Gibst du mir jetzt eine Kopfnuss? Oder einen Kuss? Na? Mach schon, du Penner!«

Eine feine Röte überzog Brenners Gesicht. Bishop konnte sehen, wie er die Fäuste ballte.

»Genug!«, brüllte er. Die beiden zuckten zusammen, offenbar erschrocken über die Lautstärke seiner Stimme. Manchmal überraschte sie Bishop selbst. Er wurde nicht oft laut. Marika legte Brenner die Hände auf die Brust und schob ihn langsam zurück. »Back off, bitch!«

Brenner verspannte sich, als hätte jemand sein Uhrwerk erneut aufgezogen.

»Ich habe gesagt, es reicht.« Bishop deutete auf den Bürostuhl, der sich immer noch leicht drehte. »Setzen Sie sich, Brenner.« Er wartete, bis der jüngere Mann wieder an seinem Platz saß. Mit verschränkten Armen stellte er sich in die Mitte des Raumes, baute sich vor ihnen auf. Musterte sie jeweils einen Moment, bis sie nicht anders konnten, als zur Seite zu sehen.

»Frahms hat mich gewarnt. Ruhland hat mich gewarnt. Sie alle haben mir davon abgeraten. Haben gesagt, das wird so nichts. Die Vierte wird ganz schnell wieder zugemacht, flüstern sie unter der Hand. Weil der Bishop sich richtig Ärger ins Team geholt hat. Das geht nicht gut.« Sein Blick wurde noch düsterer. »Ist das so? Haben sie recht?«

Er sah erst Marika an, dann Brenner. Sie antwortete zuerst. Kleinlaut, ohne ihn anzusehen. »Tut mir leid, Chef.«

»Sag ihm das.« Er nickte in Brenners Richtung.

Marikas Blick zuckte zu Bishop hoch, sah ihn mit großen Augen an. Dann schaute sie auf Brenner.

»Na los.«

»Tut mir leid, Brenner. Das war … Mist.«

Brenner nickte. Schien zufrieden mit sich, bis er Bishops Aufmerksamkeit auf sich spürte. Er räusperte sich. »Entschuldigung! Das mit der Schl…« Bishops erhobene Hand stoppte ihn, die Beleidigung erneut auszusprechen. »Also, es tut mir leid.«

Bishop musterte die beiden misstrauisch. Als traute er dem Frieden noch nicht.

Schließlich sagte er: »Ich glaube, dass die da draußen keine Ahnung haben. Und dass wir die Chance haben, zusammenzuwachsen. Gute Arbeit zu machen. Aber das müssen wir erst noch beweisen. Denen. Und uns.« Kaum ausgesprochen, klangen die Worte in seinen eigenen Ohren dämlich. Voll von Pathos. Als wäre er ein Coach, der sein Team für die zweite Halbzeit zu motivieren versucht, nach dem es nach Punkten hinten liegt. Er kam sich albern vor, schüttelte den Kopf und ging zum Schreibtisch. Marika wollte etwas sagen, aber er unterbrach sie. »Marika, wir beide informieren die Angehörigen. Brenner, mobilisieren Sie die BePos und die Hundestaffel, um den Park abzusuchen. Sie begleiten die Truppe und sorgen dafür, dass die wissen, worauf es uns ankommt. Und danach kümmern Sie sich um das Team. Der Eschenbach kam offenbar vom Baseball-Training. Finden Sie heraus, für welches Team er spielt. Wo die trainieren. Erstellen Sie eine Liste mit Eschenbachs Teamkollegen, und schauen Sie, ob Sie mit denen reden können. Ich will wissen, ob da schon irgendwas vorgefallen ist. Ob sich einer von denen an etwas erinnern kann. Und ob sie gesehen haben, wann Eschenbach und die Brink von da weg sind. Versuchen Sie nachzuvollziehen, welchen Weg die vom Training bis zum Tatort genommen haben.«

Brenner nickte, offenbar froh, dass der Sturm vorerst vorüber zu sein schien und dass er darum herumkam, den Angehörigen die schlechte Nachricht zu überbringen. Auch wenn er von Bishop ordentlich auf den Teller gehäuft bekommen hatte.

»Wir melden uns, wenn wir mit den Familien durch sind.« Bishop nickte Marika zu, und sie verließen das Büro.

6

Im Auto dauerte es eine ganze Weile, bis Marika überhaupt etwas sagte. Sie hatte die Füße gegen die Armatur gestützt und die Arme auf den Knien abgelegt. Bishop schien sie unauffällig aus dem Augenwinkel zu beobachten, wartete aber offenbar ab.

»Brenner ist ein Wichser! War der immer schon«, platzte es irgendwann aus ihr heraus. Sie wandte sich ihm zu. »Wieso hast du den ins Team geholt? War der nicht bei Ruhland in der Achten? Der Kerl ist doch ein absoluter Problemfall.«

»Dasselbe hat Brenner auch über dich gesagt«, erwiderte Bishop mit einem Lächeln, ohne sie anzusehen.

Als sie nicht antwortete, fuhr er fort: »Es gab jede Menge Ärger. Helge ist ein guter Freund von mir, aber auch nicht gerade einfach. Es war klar, dass Brenner von dort wegwill. Wegmuss. Er hatte schon ein Versetzungsgesuch gestellt.«

Marika blies die Backen auf. »Aber doch nicht gerade zu uns.« Ihr Ton wurde fast flehentlich. »Ich hatte mich so über die Chance gefreut. Und du hast die Möglichkeit, ein echt cooles Team aufzubauen. Aber mit Brenner …« Sie ließ den Rest unvollendet.

Bishop antwortete nicht, sondern steuerte den Wagen konzentriert durch den Verkehr. Er hatte vorhin entschieden, dass sie zuerst zu der Mutter des Mädchens fahren würden.

Ihr kam eine neue Idee. »Du willst ihm helfen, oder?« Sie hatte sich im Sitz gedreht, den ganzen Körper Bishop zugewandt, um deutlich machen, dass sie sich diesmal nicht mit Schweigen abspeisen lassen würde. »Ist das so eine Art Helfersyndrom, wo der gute Kerl den armen Streuner aufnimmt und ihm warme Milch gibt?«

Bishop räusperte sich. Zögerte einen Augenblick, bevor er schließlich antwortete. »Ich habe mir seine Akten angesehen. David Brenner ist ein guter Ermittler. Er hat eine feine Nase, und sogar in Helges Team, wo die beiden wirklich nicht gut harmoniert haben, hatte er ein paar beeindruckende Ergebnisse aufzuweisen.« Er machte eine Pause, um in den Rückspiegel zu schauen, den Blinker zu setzen und die Spur zu wechseln.

Marika machte keine Anstalten, ihn vom Haken zu lassen.

»Ich glaube, dass er sich selbst im Weg steht«, bot Bishop als Versuch einer Erklärung an.

»Mit seiner beschissenen Machoart? Mit seinen Sprüchen über Lesben, Schwarze und Schwule? Mit seiner Dummheit insgesamt? So was meinst du?«