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Ben Bauhaus

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Beschreibung

Die abgründige Seite Berlins ...

Der ehemalige Kommissar Johannes "Johnny" Thiebeck soll als verdeckter Ermittler in die Drogenszene von Berlin eintauchen. Zur gleichen Zeit geschehen bizarre Morde: Die Opfer werden gefoltert, verstümmelt und erst nach langem Leiden getötet. Alles deutet darauf hin, dass ein Bandenkrieg zwischen verfeindeten Drogenbossen eskaliert ist. Doch Johnny findet Hinweise darauf, dass die Drahtzieher möglicherweise ganz andere sind - und weitaus abscheulicher als der Sumpf des organisierten Verbrechens ...

Ein rasanter Thriller aus der Hauptstadt - Nervenkitzel garantiert!

eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.


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Seitenzahl: 575

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

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Über dieses Buch

Über den Autor

Titel

Impressum

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Weitere Titel des Autors

Johnny Thiebeck ermittelt:

Blutschach

Killerverse

Über dieses Buch

Die abgründige Seite Berlins …

Der ehemalige Kommissar Johannes »Johnny« Thiebeck soll als verdeckter Ermittler in die Drogenszene von Berlin eintauchen. Zur gleichen Zeit geschehen bizarre Morde: Die Opfer werden gefoltert, verstümmelt und erst nach langem Leiden getötet. Alles deutet darauf hin, dass ein Bandenkrieg zwischen verfeindeten Drogenbossen eskaliert ist. Doch Johnny findet Hinweise darauf, dass die Drahtzieher möglicherweise ganz andere sind – und weitaus abscheulicher als der Sumpf des organisierten Verbrechens …

Ein rasanter Thriller aus der Hauptstadt – Nervenkitzel garantiert!

eBooks von beTHRILLED – mörderisch gute Unterhaltung.

Über den Autor

Ben Bauhaus wurde 1973 in Berlin geboren und wuchs im östlichen Niedersachsen auf. Nach dem Abitur leistete er anderthalb Jahre Zivilersatzdienst in einem Sozialprojekt mit straffällig gewordenen Jugendlichen in Dublin, Irland. Ben Bauhaus hat Nordamerikanistik an der FU Berlin studiert und arbeitet als Game-Designer. Er wohnt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Berlin.

BEN BAUHAUS

Puppenruhe

Ein Johny Thiebeck Thriller

Digitale Neuausgabe

»be« – Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG

Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Kathleen Weise

Covergestaltung: © ZERO Werbeagentur, München unter Verwendung eines Motivs von © Anneka/shutterstock.com

eBook-Erstellung: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-7325-9533-4

www.be-ebooks.de

www.lesejury.de

1

»Mutter ist tot«, sagte die Gestalt, die im Dunkeln auf der Treppe zu meinem Hauseingang saß und rauchte.

Ich konnte nicht mehr als die Glut der Zigarette ausmachen, aber die Stimme erkannte ich sofort, auch wenn ich meinen Adoptivbruder seit fünfzehn Jahren nicht gesehen hatte.

Ich blieb in der Durchfahrt stehen. Das passte ganz gut zu unserer gemeinsamen Geschichte.

Jan war zwei Jahre vor meiner Geburt von meinen Eltern adoptiert worden, weil es so aussah, als könnten sie keine Kinder bekommen. Vier war er gewesen, als er zu uns gekommen war. Zwei Jahre, bevor ich geboren wurde, und damals hatte er bereits drei Pflegefamilien hinter sich gehabt.

So richtig hatte er nie seinen Weg in die Familie gefunden. Jan hatte uns allen irgendwie immer übel genommen, dass unser Leben nicht halb so verkorkst war wie seins.

Jahrelang hatte ich alles für ihn getan. Er war mein Bruder gewesen. Auf dem Schulhof hatte ich mich sogar für ihn geschlagen, weil er dauernd Ärger hatte. Wenn er Stress hatte, meistens weil er ihn verursacht hatte, und ihm drohte, von mehreren die Jacke vollzubekommen, dann war sein kleiner großer Bruder stets zur Stelle gewesen. Die Ermahnungen, die ich damals kassiert hatte, waren seinetwegen gewesen.

Er dagegen war nach der Schule aus mehreren Ausbildungsstellen geflogen, hatte Anzeigen wegen Körperverletzung, Diebstahl und Sachbeschädigung erhalten und war schließlich im Knast gelandet.

»Ja«, antwortete ich ins Dunkel. »Papa und ich haben sie beerdigt.« Der Satz kam mir dämlich vor, und es war kindisch, darin einen Vorwurf mitschwingen zu lassen, aber ich konnte nicht anders. Es hatte mich verletzt, als Jan schließlich entschieden hatte, nicht mehr Teil unserer Familie sein zu wollen, und einfach abgehauen war. Aber im Gegensatz zu meinen Eltern war ich darüber hinweggekommen.

Seine Zigarette glimmte heftig auf und flog kurz darauf in hohem Bogen durch die Tordurchfahrt und zerstob in einem kleinen Funkenregen an der in der Dunkelheit nicht sichtbaren Mauer.

»Hast du einen Schnaps für mich?«

Wortlos ging ich an ihm vorbei die Treppe hinauf, um aufzuschließen. Er lehnte sich bloß leicht zur Seite, sodass ich mich an ihm vorbeischieben musste. So war es immer gewesen. Wenn einer von uns beiden irgendwohin wollte, physisch oder psychisch, musste er meistens durch den anderen durch.

Ich verzichtete darauf, das Licht anzuschalten, und er stieg hinter mir im Dunkeln die Treppe hinauf.

Oben angekommen setzten wir uns in die Küche. Ich holte den Wodka aus dem Gefrierfach und stellte die kleinen Gläser auf den Tisch.

Jan hatte sich in den letzten Jahren verändert, natürlich. Sah nicht mehr so rund aus, hatte die Weichheit im Gesicht verloren. Früher hatten die Leute oft gesagt, er hätte ein Hamstergesicht. Heute würden sie ihn vermutlich eher eine Ratte nennen. Er trug seine kurzen Haare gescheitelt, sie glänzten dunkel vor Gel. Sein Gesicht zierten Schnurr- und Kinnbart. Das ließ ihn älter aussehen und verdeckte etwas die Narbe an der Lippe. Seine Haut wies eine tiefe Bräune auf, wie sie nur über einen langen Zeitraum entstand.

Auf eine schlitzohrige Art sah er sogar gut aus. Ich konnte mir vorstellen, dass Frauen, die keine Angst vor ihm hatten, ihn vermutlich attraktiv fanden.

Nachdenklich rollte Jan sein Glas zwischen den Händen. »Das sind die gleichen Stampfer, die wir zu Hause hatten.«

Die Papa immer noch hat, dachte ich, sagte aber nichts. Ich wartete ab, bis er das Glas endlich abstellte, und schenkte uns beiden bis zum Rand ein. Wir erhoben die Gläser, sahen uns einen Moment lang in die Augen und tranken dann auf ex. Verzogen beide das Gesicht.

Er holte ein Päckchen Zigaretten raus, klopfte eine davon nach draußen. Osteuropäische Marke.

»Tut mir leid«, sagte ich und schüttelte den Kopf, um ihm das Rauchen zu verbieten.

»Natürlich«, erwiderte er mit einem unverschämten Grinsen. »Als Nächstes erzählst du mir, dass du Veganer bist und auf Kaffee verzichtest.« Er deutete auf die Schnapsgläser. »Ich bin erstaunt, dass du das Zeug noch trinkst.«

»Wie hast du von Mutters Tod erfahren?«, fragte ich und ignorierte seine Bemerkungen.

»Ich war die letzten drei Jahre in Tschechien. Bin erst vor knapp einer Woche wieder zurückgekommen«, sagte er, ohne auf meine Frage zu antworten.

»Hast du mit Papa gesprochen?«

Jan schüttelte den Kopf, deutete mit dem Glas auf die Flasche. »Noch nicht.«

Ich schenkte ihm nach, mir dagegen nicht, weil ich nicht vorhatte, mich mit Jan zu besaufen. Dafür hatte ich zu viel Respekt vor unseren Differenzen. Er war immer schon ein wenig unberechenbar gewesen.

»Rufst du ihn an?«

»Denke schon.« Er kippte den nächsten Wodka herunter. »War es schön? Auf der Beerdigung, meine ich?«

Ich wollte mit den Schultern zucken, sagen: Wann ist eine Beerdigung wohl schön?, aber ich verstand, was er meinte. »Ja, es war nett. Sie hätte sich darüber gefreut. Ich glaube, wir haben es ganz gut gemacht.«

Er nickte heftig, als hätte er die Antwort erwartet, nahm sich die Flasche und füllte nach. Ich beäugte den Füllstand misstrauisch. Jan wurde gleichzeitig jähzornig und melancholisch, wenn er trank.

»Was hast du jetzt vor?«

Er hob den Kopf, sah mich mit leicht blutunterlaufenen Augen an und antwortete: »Paps besuchen.«

»Weiß er, dass du in der Stadt bist?«

Er schüttelte resigniert den Kopf, als würde ihm der Gedanke körperliche Schmerzen bereiten. »Bist du noch bei den Bullen?«

»Nein, die haben mich rausgeschmissen.«

Jan hob die Augenbrauen. »Echt? Den Mustersohn und Streber? Wieso das denn?«

»Du wirst es nicht glauben, aber bei der Polizei war ich jahrelang der Bad Cop.«

Er schnaubte. »Wer’s glaubt.«

Ich griff nach der Flasche, um mir doch noch einen einzuschenken.

»Kann ich vielleicht hierbleiben? Auf deiner Couch oder so?«

»Auf keinen Fall.«

Er schien nicht überrascht über die kategorische Ablehnung. Trotzdem verspürte ich das Bedürfnis, eine Erklärung hinterherzuschieben. »Du bist einfach weggegangen. Hast uns ausgeknipst, der Letzte macht das Licht aus, als hätte es uns nie gegeben.«

»Kein Problem, ich suche mir eine Pension.«

Vermutlich würde er Papa fragen, ob er bei ihm bleiben konnte. Kurz dachte ich darüber nach, es ihm zu verbieten, aber ich hielt die Klappe. Es würde ohnehin nichts nützen, eher im Gegenteil, vielleicht brachte es ihn erst auf die Idee. Und falls Papa ihn wirklich sehen wollte, ihn ertrug, wer war ich dann, eine Begegnung zu verbieten?

»Es tut mir leid, dass wir uns so weit voneinander entfernt haben.« Müde hob er den Blick und sah mich an. »Auch wenn du mir unsagbar auf die Nerven gegangen bist, habe ich dich trotzdem immer irgendwie vermisst. Also, nachdem ich weg bin.«

»Mir tut’s auch leid«, sagte ich, aber ich klang wenig überzeugend. Er war damals wirklich ein Arschloch gewesen. »Hast du eine Nummer, unter der ich dich erreichen kann?« Ich fragte nicht, weil ich wirklich vorhatte, ihn anzurufen, sondern mehr, weil man das in so einer Situation einfach tat.

Er nickte, schnappte sich einen Brief von meiner Kfz-Versicherung, der auf dem Tisch lag, und kritzelte eine Nummer darauf. »Ich denke, ich mach mal ’nen Schuh.«

Stumm nickte ich.

»Kann ich die mitnehmen?«, fragte er, die Hand bereits um den Hals der Wodkaflasche gelegt.

Ich nickte erneut, und wir hoben zum Abschied beide bloß matt die Hand. Hinter ihm schloss ich leise die Wohnungstür und rieb mir übers Gesicht. Ich hatte noch nichts gegessen, der Wodka zeigte bereits Wirkung. Ich ging ans Fenster und riss es auf, um den Geruch von kaltem Rauch rauszulassen, den Jan hereingeschleppt hatte.

In der Nacht schlief ich schlecht. Ich träumte von meiner Mutter und Jan. Düstere, beunruhigende Träume, in denen Mutter immer wieder Partei für ihn ergriff.

Daraufhin verbrachte ich quasi den kompletten Tag im Gym. Trainierte, boxte mit den Jungs und coachte ein paar von den Neulingen.

Zwischendrin spielte ich einige Partien Schach mit Schmolli, der mich zur Abwechslung mehrfach besiegte.

»Abgelenkt?«

Ich nickte und nahm meinen Turm vom Feld.

Am frühen Abend war ich wieder zu Hause und hatte gerade angefangen, mich um die Hausarbeit zu kümmern, als mein Handy vibrierte.

Ich wischte mir die nassen Finger an einem Handtuch ab und schaute nach. Eine Nachricht von Jana: Bist du zu hause oder beim training?

Jana Kleidermann war meine ehemalige Kollegin vom LKA. Wir hatten damals zusammen bei der Mordkommission gearbeitet, bis man mich suspendiert und mir den Prozess gemacht hatte.

Ich textete zurück: Zu hause. Warum?

Keine fünf Minuten später klingelte es an der Tür. Ich musste kein Hellseher sein, um zu wissen, dass das Jana war. Ich öffnete ihr und ging zurück in die Küche, um mich weiter um den Abwasch zu kümmern. Ich hörte sie in den Flur kommen und rief: »Bin in der Küche.«

»Bei der Hausarbeit, wie ich sehe.«

Ich schaute über die Schulter zu ihr, die Hände noch im schaumigen Wasser. Jana war nicht allein gekommen, und meine Miene verdüsterte sich. Ich hatte nicht gern unangekündigten Besuch.

Im Türrahmen stand eine kleine Frau, sie kratzte knapp die eins sechzig. Türkin oder Kurdin, vermutete ich. Sie mochte vielleicht Ende zwanzig, Anfang dreißig sein, aber ihr Alter war schwer zu bestimmen. Ihr Gesichtsausdruck jedenfalls war genauso grimmig wie meiner.

Jana trat zu mir und umarmte mich unbeholfen, da ich immer noch am Waschbecken stand. Ich trocknete die Hände erneut an einem Handtuch ab und drehte mich zu den beiden um.

»Johannes, das hier ist Tulay Tassin. Von der Drogenfahndung.«

»Tough Tassin. Ich habe schon von Ihnen gehört.« Die Kleine hatte sich einen Namen gemacht, weil sie ziemlich Straße geblieben war, wie die Jungs sagen würden. Keine, die sich verkauft hatte, bloß, weil sie zu den Bullen gegangen war.

Sie nickte. Ich nahm an, dass sie auch wusste, wer ich war. Zu meiner aktiven Zeit hatte ich mich nie an Spielregeln gehalten und galt als ungenügend domestiziert. Möglicherweise war sie ähnlich drauf wie ich damals.

»Kann ich euch irgendwas anbieten? Tee, Kaffee, Wein, Bier? Einen Schnaps?« Ich deutete auf die Stampfer, die ich gerade abgewaschen hatte. »Soll ich was kochen? Ich habe noch nicht gegessen.«

»Danke, nein.« Jana setzte sich, bot Tassin ebenfalls einen Stuhl an.

Ich blieb stehen.

Die beiden Frauen saßen sich an meinem kleinen Tisch gegenüber und konnten unterschiedlicher kaum sein. Jana war groß für eine Frau und blond. Tassin dagegen hatte einen dunklen Teint und schwarze Haare. Während Janas Gesicht offen und ebenmäßig war, ein bisschen wie das hübsche Pferdemädchen von nebenan, war Tassins kantiger, mit einer dominanten Nase und hohen Wangenknochen. Jana war praktisch ungeschminkt, Tassin trug jede Menge Make-up um die großen Augen herum und knallroten Lippenstift.

»Es geht um einen Job«, sagte Jana unvermittelt und sah mich an.

Das war ein sensibles Thema zwischen uns. Nachdem ich den Fall um den Serienkiller Pieter Gorlaff für sie und ihren Chef, Mirko Densch, gelöst hatte, war mir angeboten worden, wieder in den aktiven Dienst zurückzukehren. Aber es war vollkommen unklar, in welchem Dezernat und in welchem Team das sein würde. Stellen für Kriminalhauptkommissare ließen sich nicht so einfach aus dem Hut zaubern.

Es war nicht einmal sicher, dass es sich um eine Stelle in Berlin handeln würde. Natürlich hatte ich abgelehnt. Ich wollte keine Kleinkriminellen in Paderborn jagen oder bei der Sitte Huren auf die nackten Ärsche starren. Ich wollte zur Mordkommission, und ich wollte vor allem wieder mit Jana zusammenarbeiten. Wir waren ein tolles Team gewesen. Jetzt war sie die rechte Hand von diesem Bürokratenpenner Densch, der alles immer genau nach Vorschrift machte.

»Ich glaube nicht, dass ich diesen Job möchte.«

Jana sah zu Tassin, die daraufhin übernahm.

»Wir brauchen einen V-Mann. In der Drogenszene.«

Ich schnaubte. »Und aus irgendeinem Grund habt ihr zwei Hübschen das Gefühl gehabt, der alte Thiebeck würde doch einen hippen V-Mann abgeben. Was mache ich da, auf Raves gehen? Nachts in der Hasenheide Shit kaufen?« Ich schüttelte den Kopf. »Ihr spinnt.«

Tassin zuckte mit den Schultern. »Man erzählt sich über dich, dass du dein eigenes Ding machst und unkonventionell bist. Und dass du Wege und Lösungen findest, wo es keine zu geben scheint.«

Es störte mich, dass sie unvermittelt zum Du übergegangen war, ohne mich zu fragen, und es störte mich noch mehr, dass ich mich dabei wie ein verdammter Spießer fühlte.

»Warum ich?«

»Wir haben keine Zeit, einen V-Mann aus der Szene zu rekrutieren. Ohnehin ist es schwierig, unsere Zielperson umgibt sich mit einem dicht gewebten Netz aus persönlichen Freunden. Wir brauchen jemanden, den wir von außen einschleusen können.«

»Jemanden, der auf sich aufpassen kann«, sagte Jana.

Tassin nickte. »Der Job ist nicht ungefährlich. Von dir wissen wir, dass wir uns keine Sorgen um deine Sicherheit machen müssen. Du bist ungeschliffen genug, dass sie an dir nicht sofort den Bullen riechen, und du kennst dich in der Szene aus.«

»Was geht dich das an?«, wollte ich von Jana wissen.

Tassin grinste und antwortete an ihrer Stelle: »Die Schwester schuldet mir noch einen Gefallen.«

»Und ich soll dich jetzt auslösen, oder was?«

»Johannes, du bist genau der Richtige dafür«, warf Jana ein.

Ich sagte einen Augenblick lang nichts und schaute Tassin an. »Warum muss das so schnell gehen?«

»Wir haben eine neue Droge auf dem Markt. Synthetische Partydroge, die über die üblichen Koks-Kanäle verbreitet wird. Das Zeug sieht auf den ersten Blick harmlos aus, aber Studien aus Australien haben gezeigt, dass für Langzeitnutzer verheerende Aussichten entstehen. Üble Nervenschäden können die Folge sein, mit Wirkungen ähnlich wie Parkinson.«

»Wie heißt das Zeug?«

»Straßennamen sind Brom, Broom oder Boom. Wir glauben, dass es aus den Laboren in Tschechien stammt, die auch für das meiste Crystal Meth verantwortlich sind.«

»Und ihr habt jemanden im Auge, der das Zeug vertickt?«

Tassin nickte.

Ich drehte mich um und zog den Stöpsel aus dem Waschbecken. Gurgelnd lief das Wasser ab.

»Das klingt für mich immer noch nach einem Scheißplan. Ich wüsste nicht, warum ich dafür meinen Kopf hinhalten sollte.«

»V-Männer werden nicht schlecht bezahlt«, gab Tassin zu bedenken.

Ich verzog das Gesicht und wandte mich an Jana. »Du hast ihr nicht viel über mich erzählt, oder?« Zu Tassin sagte ich: »Lady, auf die Kohle scheiße ich. Wenn ich Bock auf den Job hätte, würde ich den umsonst machen. Das war noch nie ein Maßstab für mich. Aber das schmeckt mir alles nicht. Ihr müsst euch einen anderen dafür suchen.« Ich ging in den Flur und öffnete die Wohnungstür.

Jana und Tassin tauschten Blicke aus. Schließlich standen sie auf und gingen an mir vorbei ins Treppenhaus.

»Ich komme gleich«, sagte Jana, und wir schauten beide zu, wie Tassin nach unten stieg.

»Es tut mir leid, dass ich nicht etwas anderes für dich habe«, sagte sie leise. Sie stand direkt vor mir und schaute mir erst auf die Brust, dann hoch ins Gesicht.

Jana war nicht gerade klein für eine Frau, aber ich überragte sie trotzdem um anderthalb Köpfe. Thiebeck, das Tier hatten sie mich damals getauft. Zuerst wegen meiner Körpergröße, später wegen meiner Umgangsformen und der Dienstaufsichtsbeschwerden.

»Ist schon okay. Nicht deine Schuld.« Wir hatten uns schon öfter darüber gestritten. Sie wollte, dass ich wieder in den Polizeidienst eintrat, weil sie fand, dass ich ansonsten noch mehr verwilderte. Ich dagegen wollte nicht weniger als das, was ich einmal gehabt hatte. Immerhin hatte ich damals im Fall Gorlaff und bei den Serienmorden des Gluecifers, eines Killers, der seinen Opfern Nase, Mund und Augen mit Kleber verschloss, mit ihr zusammengearbeitet.

Ich umarmte sie, und für einen Moment lang standen wir eng umschlungen da. Wer sich mehr am anderen festhielt, hätte ich nicht sagen können.

2

Eine knappe Stunde später stand ich im Gym und zog mich um. An diesen Ort kam ich immer, um mich abzureagieren. Und der Besuch von Jana und Tassin hatte mich aufgeregt. Mich ärgerte, dass ich mich immer noch in einer kompletten Sackgasse befand und es nicht schaffte, diese verdammte Bullensache hinter mir zu lassen. Ich war einfach kein Kommissar mehr!

Ich bandagierte mir die Fäuste, um mit Schmolli eine Runde in den Ring zu steigen. Schmolli war die rechte Hand vom Coach, fast genauso groß wie ich, und ihm machte es nichts aus, sich von mir durch den Ring prügeln zu lassen.

Draußen erwartete er mich bereits, mit Kopfschutz und Polstern an den Fäusten ausgerüstet.

Er sprach undeutlich mit seinem Mundschutz. »Alles klar?«

Ich nickte, zog mich hoch, um über die Seile zu steigen, und ging ihn an. Die Mitts oder Bratzen, die er an den Händen trug, waren dick gepolsterte Schützer, auf die ich ungehemmt eindreschen konnte, ohne Angst zu haben, ihn zu verletzen. Anstrengend war es für ihn trotzdem, immerhin musste er sein nicht unbeträchtliches Körpergewicht permanent dagegenstemmen, um durch die Wucht meiner Schläge nicht von den Füßen geholt zu werden.

Innerhalb kürzester Zeit lief mir der Schweiß über Gesicht, Hals und Brust, aber ich verlangsamte mein Tempo nicht.

Durch die Verletzungen, die ich mir beim Kampf gegen Pieter Gorlaff zugezogen hatte, war ich mehrere Monate im Training zurückgeworfen worden, und der Coach hatte einen Kampf von mir gegen einen Litauer absagen müssen. Erstaunt hatte mich vor allem, wie lange ich psychisch gebraucht hatte, um meinem Körper wieder zu vertrauen und keine Angst mehr vor weiteren Verletzungen zu haben. Jetzt war ich so weit, und der Kampf gegen Tauras Bussas, genannt Buzzsaw, war bereits in ein paar Wochen angesetzt.

»Hey, wir haben Besuch«, rief jemand von der Ringseite. »Ladybesuch!«, bekräftigte jemand anderes.

Schmolli und ich unterbrachen das Training, um zum Eingang zu sehen. Als ich Tassin erkannte, verzog ich das Gesicht.

»Was soll das?«, fauchte ich, während ich an die Seile trat und mich mit den Handschuhen dort abstützte. Offensichtlich hatte die Kleine beschlossen, mir zu folgen und mich weiter zu bearbeiten, damit ich den Job annahm.

Tassin ignorierte mich, hob eine kleine schwarze Sporttasche, die sie in der Rechten hielt, und fragte in die Runde: »Ich will ein Probetraining machen. Kann ich mich irgendwo umziehen?«

Die Jungs brachten ihre Zustimmung lautstark zum Ausdruck.

»Vergiss es«, rief ich.

Kizzo, Marty und Hannes, die uns beim Sparring zugesehen hatten, begriffen, dass ich diese Lady auf keinen Fall im Gym haben wollte. Und taten deswegen alles dafür, damit genau das passierte. Kizzo und Hannes zeigten ihr die Umkleide, während Marty sich mir in den Weg stellte, falls ich Tassin daran hindern wollte, sich umzuziehen. Er feixte mich vergnügt von unten an.

»Das ist doch Kinderkacke«, brummte ich und wandte mich wieder Schmolli zu, gab ihm mit einem Nicken zu verstehen, sich bereit zu machen, und drosch weiter auf die Mitts ein.

Irgendwann bemerkte ich mit einem Seitenblick, dass Kizzo sich wie ein zweitklassiger Türsteher mit verschränkten Armen vor dem Durchgang zur Umkleide aufgebaut hatte. Es gab bei uns nur eine Kabine, weil wir im Club keine weiblichen Mitglieder hatten, und offenbar machten sich die Jungs Sorgen um Tassins Tugend.

»Augen geradeaus«, befahl Schmolli, und ich ließ meine Wut an den Polstern aus.

Als ich mich gerade aufrichtete und mir mit den Bandagen den brennenden Schweiß aus den Augen wischte, sah ich, wie Tassin hoch in den Ring hüpfte.

»Darf ich auch mal eine Runde?«, fragte sie an Schmolli gewandt. Sie trug knöchelhohe Boxstiefel, eine Hose, die ähnlich wie an den meisten Boxern grotesk groß an ihr aussah, Handschuhe und einen Kopfschutz. Sie machte einen durchtrainierten Eindruck, und ich konnte ihr Sixpack unter der dunklen Haut erkennen. Titten hatte sie keine.

»Lass den Scheiß, Tassin«, sagte ich und wollte mich abwenden.

»Also, ich würde das gerne sehen«, rief Marty, der oben in den Seilen hing, als könnte er es kaum erwarten.

Schmolli schien meine Meinung zu teilen, denn er betrachtete Tassin zweifelnd. Nahm sich den Schutz aus dem Mund und fragte: »Haben Sie schon mal geboxt?«

»Neun Jahre Kickboxerfahrung«, antwortete sie trocken.

»Das ist nicht ganz dasselbe.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Ich lass einfach die Füße weg. An seine Schultern würde ich ohnehin nur schwer kommen.«

Die Jungs lachten.

»Sehr witzig.« Ich hatte die Faxen dicke und trat auf sie zu. »Was wiegst du? Fünfzig?«

»An guten Tagen.« Sie lächelte zu mir hoch, aber der harte Ausdruck in ihren Augen veränderte sich nicht.

Kurz glaubte ich, dass sie es wirklich ernst meinte. »Ich bringe knappe hundertzehn auf die Waage. Wir können nicht kämpfen.«

»Wir kämpfen nicht, wir sparren«, stellte sie fest.

»Hast du Angst vor ihr, Johnny? Komm schon, sei kein Frosch«, rief Marty.

In dem Moment wurde mir alles zu viel. Dass Tassin mich bis hierher verfolgt hatte, dass ich mich in einer Situation befand, aus der ich bloß als humorloser Mistkäfer herauskommen konnte, und dass Jana überhaupt zugestimmt hatte, Tassin zu mir zu bringen. Das Neongelb ihrer Hose und des Sport-BHs nervte mich am meisten. »Also gut, eine Runde. Wenn’s klingelt, bist du selbst schuld, Nervensäge.«

Sie grinste mich mit ihrem Mundschutz raubtierhaft an.

Schmolli verzog sich aus dem Ring, und wir näherten uns vorsichtig. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Bei meiner Größe kämpfte ich häufig gegen kleinere Gegner. Es war nicht ungewöhnlich, dass ein Kämpfer bis zu zwei Köpfe kleiner war –, aber so bodennah wie Tassin waren sie selten. Und wenn, waren sie meist dreimal so breit. Um gegen mich im Schwergewicht kämpfen zu dürfen, mussten sie mindestens neunzig Kilo mitbringen, das war bei einer derart kleinen Körpergröße schon jede Menge Masse. Gegen Tassin zu kämpfen war, wie gegen einen von Schmollis Jungs anzutreten. Der Älteste war vierzehn. Aber schlagen wollen würde ich die auch nicht. Ich wusste nicht einmal, wo ich meine Fäuste für die Deckung halten sollte.

Tassin hatte offenbar mit unserem Größenunterschied kein Problem. Sie kam furchtlos auf mich zu, deckte den Kopf vorbildlich und fing an, mich mit Schlägen zu traktieren. Gegen die Brust, die Oberarme und sogar gegen die Rippen. Sie war schnell und bewegte die Fäuste in einem atemberaubenden Stakkato. Dass sie boxen konnte, musste ich ihr bereits innerhalb der ersten zwanzig Sekunden zugestehen. Ich hatte keine Chance, mich gegen die Treffer zu wehren. Aber das musste ich auch gar nicht. Die Schläge waren spürbar, aber keine Wirkungstreffer. Ich hätte mich eine halbe Stunde mit ausgestreckten Armen hinstellen können, ohne einen Effekt zu merken.

Von der Seite kamen jede Menge Ermunterungen und Anfeuerungsrufe für Tassin. »Mach den Gorilla fertig!«, »David gegen Goliath!« und: »Tanz wie ein Schmetterling, Johnny, flieg ihr einfach davon.«

Frustriert wich ich einfach bloß zurück, schützte mich ungenügend und lauschte dem Grunzen und Stöhnen, mit dem Tassin jeden ihrer Schläge begleitete. Sie arbeitete sich an mir ab, wie ich es vorher an den Polstern getan hatte.

Irgendwann stieß sie sich von mir weg, wie man es machte, um aus dem Infight zu kommen, und stand strahlend, glänzend und schweißüberströmt vor mir. Atmete aus dem Zentrum, bewegte diesen wunderbar trainierten Bauch auf und ab. Sie schien zufrieden, die Jungs auch.

»Fertig?«, fragte ich wütend.

Sie funkelte mich bloß an, nahm die Fäuste wieder hoch, erwartete mich mit rollenden Schultern. Eigentlich wollte ich bloß irgendwie aktiv werden und nicht mehr wie ein Sandsack behandelt werden. Aber irgendwas klickte in meinem Kopf, und die Reflexe übernahmen, bevor ich es verhindern konnte.

Ich machte einen Schritt nach vorn, stieß einen Jab mit der Führhand gegen ihre Deckung, noch einen, machte einen halben Schritt zur Seite und drosch ihr einen rechten Haken von unten an der Deckung vorbei. Ich erwischte sie am Ohr und fetzte sie einfach von den Füßen. Tassin klatschte auf den Ringboden, rutschte ein Stück und blieb benommen liegen.

»Johnny!«, schrie jemand, mindestens ein lautes »Scheiße!« durchschnitt die vom beißenden Schweißgeruch geschwängerte Luft, und von allen Seiten sprangen die Jungs in den Ring, um nach Tassin zu sehen und mich zu packen. Als könnte ich mich jede Sekunde ein weiteres Mal auf sie stürzen. Thiebeck, das Tier.

»Alter, bist du malle in der Birne?«, herrschte mich Schmolli an. »Du hast die Kleine umgekloppt wie nichts.«

Ich wollte etwas sagen, verschluckte mich fast daran, hielt aber die Klappe. Was hätte ich auch sagen sollen? Sie hat angefangen? Ihr habt mich provoziert? Es gab keine Entschuldigung dafür, die Beherrschung verloren zu haben, und das wusste ich. Ich fühlte mich müde und ausgelutscht. Ohne ein Wort und ohne mich noch einmal umzudrehen, ging ich in die Umkleide.

Gut zwanzig Minuten später kam ich mit feuchten Haaren aus der Dusche. Tassin saß auf einer der Bänke, gegen die Spindtüren aus Metall gelehnt, in der immer noch bandagierten Faust ein Iso-Getränk. Von den anderen war nichts zu sehen.

»Hab ich rausgeschickt«, erklärte sie, als sie meinen Blick bemerkte. Sie trug immer noch ihre feuchten Sportklamotten, ich bloß ein Handtuch um die Hüften.

Ich entschied mich gegen falsche Scham und ging zu meinem Schrank, um mich anzuziehen. Ließ das Handtuch fallen.

»Es tut mir leid«, sagte sie unvermittelt.

Ich drehte mich um und schaute sie überrascht an.

Sie streifte meine Nacktheit kurz mit einem Blick, lächelte fast scheu und wandte den Kopf zur Seite. »Ich hätte nicht herkommen und dir auf den Sack gehen sollen. Das war eine unnötige Provokation.«

Ich nickte, um ihr zuzustimmen. »Mir tut es auch leid. Ich hätte dir keine derartige Klatsche verpassen sollen. Normalerweise lege ich mich nur mit Gleichgroßen an.«

Sie lachte, trank einen Schluck und verzog das Gesicht. »Gleichgroße? Das dürfte dir schwerfallen.« Sie bewegte mit der Hand den Kiefer, als ob er ihr Schmerzen bereitete. »Das war ein ganz schöner Kracher.«

»Ein Zweihundertfünfzigpfünder, wie sie im Englischen sagen würden. Nach imperialer Rechnung.«

»Mein Vater hat so etwas immer einen Kaventsmann genannt«, stimmte sie zu.

Ich schlang mir das Handtuch erneut um die Hüften und trat an Schmollis Schrank, zog die Tür auf und holte einen Sixpack heraus. Eiserne Reserve nannte Schmolli das. Ich fand, die Situation rechtfertigte das Anbrechen der Ration. Ich nahm zwei Flaschen, schnippte den Deckel der einen mithilfe der anderen quer über den Fußboden und reichte sie Tassin.

Die sah kurz auf ihr Iso-Getränk und fragte lächelnd: »Lauwarm?«

»Knallt besser.«

Als sei das Erklärung genug, nahm sie die Flasche, wartete, bis ich mir ebenfalls eine geöffnet hatte, und stieß dann mit mir an. Mit dem Flaschenboden, wie es sich gehörte. »Frauen und Bier stößt man unten an«, hatte mir Schmolli an meinem ersten Tag im Gym erklärt.

Wohlwollend nahm ich zur Kenntnis, dass Tassin sich offenbar auskannte.

Immer noch im Handtuch setzte ich mich auf die Bank ihr gegenüber und musterte sie, während wir tranken. Sie strich sich eine Strähne hinters Ohr, als sei ihr meine Musterung unangenehm.

»Was sollte das? Im Ring?«

Sie ließ sich Zeit mit der Antwort. »Mir sagen sie nach, ich sei ein Beißer.« Ihr Blick traf meinen. »Ich höre nicht auf, weiß nicht, wann es Zeit ist, loszulassen.«

Ich nickte, trank von dem wirklich beschissen warmen Bier. Dasselbe hatten sie mir in der Vergangenheit beim LKA auch schon nachgesagt. Von einem Terrierblick hatte mal jemand gesprochen.

»Ich schätze, ich bin hergekommen, um das zu beweisen. Um klarzustellen, dass es kein Hindernis gibt, durch das ich nicht mit dem Kopf durchgehe. Auch wenn es zwei Meter groß ist, zweihundertfünfzig imperiale Pfund wiegt und im gesamten Polizeibetrieb als ausgemachter Hornochse gilt.«

»Und das soll mich jetzt so sehr beeindrucken, dass ich mitmachen will?«

Sie schüttelte den Kopf. »Quatsch. Nein, es geht um das Vertrauen und die Zuverlässigkeit als V-Mann-Führer.«

»Als was?«

»Das bin ich. V-Mann-Führer. Ich bin das Bindeglied und die Schnittstelle, und genauso wie du beim Bergsteigen deinem Sicherungsseil komplett vertrauen können musst, ist das bei V-Leuten nicht anders.«

»Du hast noch mehr?«

»Im Moment zwei, ja.«

»Jetzt weiß ich jedenfalls, was für Scheiße du gebaut hast, um deinen Spitznamen zu bekommen«, sagte ich, schüttelte den Kopf und trank mein Bier leer. »Tough Tassin.«

Sie grinste. »Du hast keine Ahnung. Jedenfalls müssen meine V-Leute keinen Schiss haben, enttarnt zu werden.«

»Ich habe keine Angst.«

»Schon klar, großer Mann. Das wäre für dich natürlich ein Spaziergang im Park. Aber du hast vermutlich gerade Wichtigeres zu tun …«

»Geh mir nicht wieder auf die Eier, Tassin. Ich habe gerade angefangen, dich zu mögen.« Ich hob warnend den Zeigefinger.

Ihre Züge verhärteten sich, und sie lehnte sich nach vorn. »Aber mir ist scheißegal, ob du mich magst oder nicht, Thiebeck. Ich brauche dich, um dieses verschissene Drogennest auszuheben. Ansonsten könntest du mir mit deinen Allüren glatt mal gestohlen bleiben.«

Ich sagte nichts, starrte sie bloß an. Stimmte das? Ging es hier um meine persönlichen Befindlichkeiten? Wollte ich bei der Sache bloß nicht mitmachen, weil mein Stolz verletzt war?

»Also gut. Wir besorgen uns noch ein paar Bier und setzen uns an den Hafen. Du erzählst mir mehr, und ich entscheide dann. Deal?«

»Geht klar.«

»Aber geh vorher duschen. Wir fahren mit meinem Wagen, und in dem Zustand steigst du da nicht ein.«

3

Ich steuerte den Ford Richtung Kanal, während Tassin entspannt im Sitz neben mir saß, die Füße gegen die Armatur gestützt. Wir hatten ihren Wagen, einen kleinen, schnittigen Mazda, auf dem Parkplatz des Gyms stehen lassen.

»Fette Karre«, sagte sie und warf einen Blick in den Rückspiegel.

Ich hatte gerade an der Ampel eine C-Klasse versägt. »Ford Granada. Umgebauter V-Acht-Motor. Du willst gar nicht wissen, wie viele hundert Stunden Arbeit in der Restaurierung von dem Teil stecken.«

Tassin nickte anerkennend. »Passt zu dir.« Mit einem Zwinkern fügte sie hinzu: »V-Motor für einen V-Mann.«

»Witzig.«

Ich parkte den Wagen auf einer Tanke in der Nähe der Beusselbrücke, wir bewaffneten uns mit einem weiteren Sechserpack Bier und liefen dann im Dunkeln einen schmalen Weg am Ufer hinunter, bis wir uns auf einen Abhang zwischen magere Büsche setzen konnten. In unregelmäßigen Abständen funzelten Gaslichtlaternen matt vor sich hin, und wir mussten aufpassen, wo wir unsere Füße hinsetzten.

»Was für ein romantisches Date«, witzelte Tassin und rutschte mit dem Hintern hin und her, um es sich bequem zu machen.

Im Gym hatte sie mich beeindruckt, da sie sich nach meiner kleinen Ansprache einfach die Klamotten vom Leib gezogen hatte und in die Dusche gestiegen war. Ich hätte gern einen Blick auf den Rest ihres athletischen Körpers geworfen, wollte unser Verhältnis aber nicht weiter verkomplizieren. Als sie vom Duschen zurückgekommen war, hatte ich mich längst aus der Umkleide verzogen.

Vor uns lag der Westhafenkanal, im Hintergrund die Stadtkulisse, durchbrochen von Verlade- und Baukränen. Orangenes Halblicht der Stadt. Wieder öffnete ich die Pullen.

»Ich kannte mal einen, der hat die mit den Zähnen aufgemacht.«

Ich nickte. »Geht auch mit der Augenhöhle. Hat ein Kumpel aus dem Club früher immer getan. Wär aber nichts für mich.«

»Mit dem Auge ist ein bisschen eklig.«

Wir stießen an, tranken.

Unvermittelt fragte sie: »Was hat es mit den Schachbrettern überall im Gym auf sich?«

»Das ist das, was wir da trainieren.«

Sie lachte, schüttelte den Kopf. »Für mich sah das nicht wie ein Schachklub aus.«

»Schachboxen«, entgegnete ich knapp und trank.

»Schachboxen«, wiederholte sie.

Ich nickte.

Sie schlug mir gegen den Arm. »Okay, wir stellen fest, ich habe keine Ahnung. Jetzt lass dir nicht alles aus der Nase ziehen.«

»Du boxt eine Runde im Ring, danach spielst du eine Runde Blitzschach. Und danach wird wieder geboxt. Bis einer k.#8#o. oder schachmatt geht.«

»Krass«, stieß sie hervor. »Das muss doch voll irre sein. Ich meine, du bist vom Adrenalin aufgepumpt und willst dem anderen die Fresse polieren, und dann musst du dich hinsetzen und Schach spielen?« Sie klang beeindruckt.

»Genau das ist die Herausforderung. Dieses schnelle Umschalten, Runterkommen.«

»Habt ihr eure Handschuhe noch an am Brett?«

Ich sah zur Seite und konnte ihre Zähne in einem Grinsen aufblitzen sehen. »Die Bandagen«, antwortete ich ernsthaft.

»Wie bist du darauf gekommen? Nichts für ungut, aber irgendwie hätte ich etwas Straighteres als Schachboxen bei dir erwartet.«

Ich zuckte mit den Schultern. »War’n Zufall. Ich hab’s ausprobiert, fand’s cool und bin dabei geblieben.« Nach einem Moment fügte ich hinzu: »Ich habe immerhin schon Schach gespielt, Blitzschach. Mit meinem Vater, meinem Bruder, mit Kollegen. Geboxt habe ich im Job, da lag es nicht so fern, das zu kombinieren.«

Sie antwortete nicht, sondern starrte raus aufs Wasser. Ich hatte keine Ahnung, ob sie verstand, was ich ihr sagte. Also wechselte ich das Thema.

»Okay, dann schieß mal los. Was ist mit der Sache?«

Sie starrte auf das dunkle Glitzern der Wasseroberfläche und sammelte sich kurz. »Boom ist scheißgefährlich. Es handelt sich um ein Derivat des Halluzinogens Phenethylamin. Das Problem ist die Dosierung. Für eine Wirkung braucht es nicht besonders viel von dem Wirkstoff. Wir reden hier vom Mikrogrammbereich, teilweise reicht ein millionstel Gramm. Kannst dir ja vorstellen, zu welchen Überdosierungen das führen kann.«

»Wer nimmt so was?«

»Momentan sieht es so aus, als ob das über unser Kokainnetzwerk läuft, da etabliert sich das gerade als neue Hausdroge. Wir haben auch einen gewissen Verdrängungsfaktor bei den Partygängern, aber da ist eher der versehentliche Konsum das Problem. Die Leute verwechseln Boom mit LSD und sind dann überrascht, wenn sie der Trip vollkommen aus der Bahn schmeißt.«

»Was ist mit Nebenwirkungen?«

»Teilweise vollkommene Orientierungslosigkeit und Wahnvorstellungen. Aggressionen und Krämpfe sind auch nicht ungewöhnlich. Aber am schlimmsten sind die Nervenschäden. Wir haben Berichte aus Australien bekommen, wo das Zeug schon länger zirkuliert, die besagen, dass Langzeit-User unter ziemlich heftigen Störungen leiden, die Parkinson nicht unähnlich sind. Oft lässt sich das von einem natürlichen Krankheitsverlauf nur schwer unterscheiden.«

»Das heißt, euch fehlen die abschreckenden Bilder von Crystal Meth und Co?« Seit Jahren kursierten Bilder vom rapiden körperlichen Verfall von Meth-Usern im Netz, die vermutlich aber genauso gut oder schlecht funktionierten wie die dicken, schwarzen Todeswarnungen auf Zigarettenpackungen.

Tassin nickte. »Jedenfalls gehen wir davon aus, dass der Hauptvertriebsweg im Moment das Koksnetz von einem unserer besten Bekannten ist.«

»Also Drogen per Hauslieferung?«

»Ja. Schwer zu knacken. Schwieriger jedenfalls als Straßendeals.«

»Über wessen Netz läuft das?«

»Victoire Bassemane. Sagt dir das was?«

»Nope. Schätze, dafür bin ich zu lange raus aus eurem Verein.« Selbst in der Mordkommission hatten wir ab und an Schnittmengen mit den Kollegen vom LKA 4 gehabt, die für organisierte Kriminalität zuständig waren.

»Sie nennen ihn den Baseman. Ein großer Schwarzer von der Elfenbeinküste. Seine Mutter ist Französin.«

»Und an den wollt ihr ran?«

»Bassemane steht schon seit einiger Zeit ganz oben auf unserer Abschussliste. Das Boom macht es bloß ein wenig dringender, ihn jetzt aus dem Verkehr zu ziehen.«

»Und das soll ich machen?«

»Nein, das soll ich machen. Du sollst mir bloß dabei helfen.« Sie warf mir einen bedeutungsschwangeren Seitenblick zu, als müsste sie prüfen, ob ich es wirklich geschnallt hatte.

»Aha.« Ich trank von meinem Bier.

»Keine Heldentaten. Ich brauche keinen Last Action Hero, der Bassemane im Alleingang fertigmacht. Sobald du irgendwas in der Richtung abziehst, bist du raus. Klar?«

»Ich habe noch nicht mal gesagt, dass ich es mache, Lady.«

Sie machte eine Handbewegung, als hätte mein Einwand keine Bedeutung. »Ich habe einen Informanten, einen kleinen Kurier, der für Bassemanes Organisation arbeitet. Bei dem würdest du in der WG unterkommen. Wir besorgen dir eine Coverstory als Ex-Knacki, der gerade gesessen hat.«

»Wegen häuslicher Gewalt? Mord? Oder Bankraub?«

Sie lachte. »Das hättest du wohl gerne. Nein, wegen Drogendelikten natürlich. Irgendwelchen kleineren Deals. Nichts Großes, sonst hätten die Jungs längst von dir gehört.«

»Ich habe Probleme mit Autorität, hat Jana davon nichts erzählt?«

Im Dunkeln konnte ich ihre weißen Zähne leuchten sehen. »Ich habe kein Problem mit Männern, die Probleme mit Autorität haben. Bislang habe ich die noch alle handzahm bekommen.«

»Ach so.«

»Ohne Scheiß, Thiebeck, ich weiß doch, wie das läuft. Wie gesagt, ich bin selbst nicht die Stubenreinste. Mein Chef hat mich auch lieber auf der Straße als im Dezernat.«

»Wer ist dein Chef?«

»Herford. Sascha Herford.«

»Kenne ich.« Wobei das übertrieben war. Ich war Herford zwei-, dreimal in meiner aktiven Zeit begegnet. Ruhiger, kompetenter Typ, Familienmensch. Etwas farblos. Aber farblos war gut, wenn man Karriere machen und nicht nach ein paar Jahren durchgekaut und ausgespuckt werden wollte, dachte ich bitter. So wie ich. Mir hätte ein bisschen Farblos auch gut gestanden, damals bei der Affäre Lammert.

»Dein Informant, wie heißt der?«

»Sage ich dir nicht. Noch nicht. Erst, wenn du mir dein Wort gegeben hast, dass du mit an Bord bist.«

Ich antwortete nicht, sondern trank weiter Bier. »Irgendwie habe ich nicht das Gefühl, dass ich mit deinen Spielregeln besser klarkommen würde als mit denen des Polizeipräsidenten von Berlin. Du hast jede Menge Regeln, oder?« Meinen Blick von der Seite her beachtete sie nicht, sondern starrte geradeaus und nippte an ihrem Bier. Im Profil des schwachen Lichtscheins erschien ihre Nase noch dominanter als ohnehin schon, und trotzdem kam sie mir in diesem Moment unglaublich attraktiv vor. Ich erinnerte mich daran, wie sie im Ring ausgesehen hatte. Bevor ich sie von den Füßen geholt hatte. Kurz dachte ich darüber nach, wie es wäre, wenn wir wirklich einfach bloß für ein Date hier am Ufer sitzen und gleich knutschend übereinander herfallen würden.

»Du müsstest komplett untertauchen, das ist dir klar, oder? Keine Freunde mehr sehen, nicht ins Gym zum Training. Keine Familie, keine Lover. Packst du das?«

»Bin nicht so der anhängliche Typ. Jana hat mich früher einen Einsiedlerkrebs genannt. Und eine Auster.« Ich musste an Tamina denken und daran, was sie von meiner großspurigen Aussage wohl halten würde. Und davon, dass ich gerade noch daran gedacht hatte, wie es wohl wäre, mit Tough Tassin rumzumachen.

Tamina und ich waren nicht richtig zusammen, aber vor allem waren wir auch nicht nicht zusammen.

»Ich glaube ja, dass du dabei bist«, sagte Tassin schließlich.

Ich wartete ab, ließ sie reden.

»Jede Wette, du hängst schon längst am Haken und würdest am liebsten gleich heute Abend in dieser WG aufschlagen.« Sie schaute mich wieder an.

Ich konnte die Wärme ihres Körpers an meinem Arm spüren. Musste an ihren Bauch denken.

Tamina war sportlich, verdiente ihren Lebensunterhalt mit Yoga. Sie besaß jede Menge Körperspannung, aber sie war kein Athlet. Ich konnte mir vorstellen, dass Sex mit Tassin eine komplett andere Erfahrung wäre. Vielleicht ein bisschen wie auf einer Fünfzehnhunderter Ducati voll aufgedreht die Landstraße runterbrettern.

»Du bist so ein Adrenalinjunkie. So einer, auf den dieses Klischee zutrifft, dass man Berge besteigt, bloß weil man kann.«

Mit einem Schnauben antwortete ich: »Ich besteige dich gleich.« Ich hatte keine Lust, dass sie so tat, als würde sie in mir wie in einem Buch lesen. Ich sah mich eher als eine Art vielschichtige Graphic Novel, die man nicht beim ersten Mal verstand.

»Das wiederum kannst du nicht«, antwortete sie.

»Ach ja?«

Sie hielt meinem Blick stand. Während ich rüber aufs Wasser und auf die Lichter der Kräne schaute, bekam ich das Gefühl, sie hatte mich korrekt eingeschätzt. Ich hatte in der Tat Bock auf die Geschichte, und wenn es bloß war, um zu sehen, ob die Penner um Bassemane wirklich nicht sofort den Bullen an mir riechen würden.

Ich atmete tief durch, leerte die Pulle. »Gibt da bloß noch ein Problem.«

»Und das wäre?«

»Ich muss es meiner Freundin erklären.«

»Die ist vielleicht ganz froh, wenn sie mal Pause von dir hat.« Sie stand auf. »Wollen wir?«

Ich grinste, sah zu ihr hoch. »Wir gehen zu Fuß.« Fassungslos starrte sie mich an. »Warum?« Sie hatte erwartet, dass ich sie zurück zum Gym bringen würde.

»Ganz einfach: Betrunken Auto fahren ist eine beschissene Idee.«

»Was ist mit deinem Auto?«

»Den Wagen hole ich morgen früh.« Ich warf ihr einen Blick zu. »Kannst du noch fahren?«

»Nach anderthalb Bier? Klar.« Sie schnaubte und feuerte ihre halb leere Flasche ins Gebüsch.

Ich zuckte mit den Schultern. »Bei deiner Körpergröße? Reicht vielleicht auch ein Fingerhut voll.« Ich stemmte mich hoch und machte mir das nächste Bier auf. Proviant genug für den Weg nach Hause hatte ich.

»Ich fahr dich und deine Protzkarre zurück zum Gym«, bot sie an.

»Keine Chance. Im Leben lass ich dich nicht an mein Auto. Komm schon, es ist nicht weit, und man kann den ganzen Weg die Autobahn hören. Total romantisch«, sagte ich, während wir Richtung Osten am Ufer entlanggingen. In der Hand trug ich den Rest des Sixpacks.

4

Pünktlich um elf Uhr morgens klingelte Tamina. Ich hatte sie am Tag zuvor angerufen und gefragt, ob sie zum Frühstück vorbeikommen wollte. Abends hatten wir uns nicht gesehen, weil sie einen Kurs gegeben hatte, und jetzt war sie direkt nach ihrer Yogastunde zu mir gekommen.

Ich erwartete sie oben an der Haustür und schaute ihr zu, wie sie die Stufen hochstieg. Das Licht, das durch die schmutzigen Fenster auf den Absatz flutete, ließ ihr lockiges Haar in gefährlichem Rot auflodern.

Als sie meinen Blick bemerkte, blieb sie stehen und lächelte zu mir hoch. »Soll ich einen Moment hier stehen bleiben, damit du dich sattsehen kannst?«

»Du sollst hier hochkommen, damit ich mich insgesamt an dir sättigen kann!«

Ihr Lächeln wurde noch breiter, und mit schnellen Sätzen flog sie mir in die Arme. Ich riss sie hoch, vergrub mein Gesicht in ihren Haaren und sog ihren Duft ein.

»Hey, Kleiner«, sagte sie, nachdem wir uns lange und ausgiebig geküsst hatten.

»Hey, Kleine.« Ich trug sie in die Wohnung und kickte die Tür hinter uns zu. Ein weiterer Kuss folgte. Und danach gingen wir direkt ins Bett.

Eine gute Stunde später saßen wir endlich in der Küche beim Frühstück.

»Das war ganz schön dringend, oder?«, grinste sie.

Ich zuckte mit den Schultern. Tatsächlich wäre ich genauso zufrieden gewesen, einfach nur so mit ihr ins Bett zu gehen, ohne Sex. Mich in ihr zu vergraben und sie in mich aufzusaugen. Unsere Beziehung war das, was manche Menschen kompliziert nennen würden. Zu Beginn hatte ich Bindungsängste gehabt, hatte ihr sehr wehgetan, und als ich endlich begriffen hatte, wie sehr ich sie wirklich wollte, hatte ich sie bereits so verletzt, dass mit uns irgendwie alles schwierig war. In den letzten Monaten hatten wir uns jedoch wieder angenähert und mehr Zeit miteinander verbracht. Deswegen hatte ich Sorge, ihr von Tassins Plan zu erzählen.

»Warum schaust du mich so an?«

»Ich habe einen Job angeboten bekommen.«

»Und?« Ihre Reaktion blieb verhalten.

In der Welt unserer Beziehung gab es zwei Arten von Jobs: die, die mit der Polizei zu tun hatten und von denen Tamina nicht wollte, dass ich sie annahm. Und dann alle anderen. Bis sie nicht wusste, um welche Art es sich handelte, hielt sie sich offenbar bedeckt. Sie fand, dass mich die Arbeit als Polizist verrohen ließ, und wollte nicht, dass ich wieder dahin zurückgezogen wurde. Sie mochte Jana, aber die Tatsache, dass die mich als Bullen wollte, sorgte immer wieder für Reibungen zwischen uns. Dass Tamina selbst bereits zur Zielscheibe für einen Killer geworden war, half bei der ganzen Sache nicht gerade. Am liebsten wäre es ihr gewesen, ich würde das alles komplett hinter mir lassen.

»Sie haben mir einen Job als V-Mann angeboten. In der Drogenszene.«

»Was bedeutet das?«

»Eine Vertrauensperson. Ein Zivilist, der mit der Polizei zusammenarbeitet.«

»Du wärst also kein Polizist?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich soll undercover in eine WG ziehen und helfen, einen Drogenring auseinanderzunehmen.«

»Ob das gefährlich ist, muss ich nicht fragen, oder?«

Ich antwortete nicht.

»Willst du es machen?«

»Ich weiß nicht.« Das entsprach der Wahrheit. »Es reizt mich, und die Beamtin, mit der ich zu tun hätte, macht einen guten Eindruck.«

»Bekommst du Geld dafür? Viel Geld?«

»Keine Ahnung.« Tatsächlich wusste ich nicht, was man mir dafür geben würde, aber ich hatte noch im Kopf, dass zu meiner Zeit V-Leute teilweise durchaus gut bezahlt wurden.

»Das ist dir auch nicht wichtig, oder?«, fragte sie mit einem Lächeln.

Ich schüttelte den Kopf.

»Fragst du mich um Erlaubnis?«

»Irgendwie schon.«

»Das finde ich niedlich, aber das brauchst du nicht. Es ist deine Entscheidung.«

Ich zögerte.

Sie fuhr fort: »Ich meine, eigentlich will ich natürlich nicht, dass du das machst. Was passiert, wenn sie rausfinden, wer du bist?«

»Vermutlich bekomme ich die Dresche meines Lebens.« Ich hatte ein schlechtes Gewissen, dass ich sie belog. Die Kerle, mit denen ich es zu tun haben würde, hätten keine Skrupel, mich auf irgendeiner Industriebrache verschwinden zu lassen, aber wie hätte ich ihr das erklären sollen und immer noch darauf bestehen können, den Job zu machen?

»Wir könnten uns nicht mehr so oft sehen«, sagte ich stattdessen.

»Oh.«

»Aber ich könnte nachts in deinen Hinterhof schleichen, an der Fassade hochklettern und dich auf deinem Balkon küssen. Romeo und Julia. Wie wäre das?«

»Sehr romantisch«, stimmte sie zu. »Bis wann musst du dich entscheiden?«

Ich wusste nicht, wie viel Zeit mir Tassin geben würde, aber meine Vermutung war, dass es nicht lange dauern würde, bis sie mir wieder kläffend am Hosenbein zog.

»Demnächst«, sagte ich bloß lahm.

»In Ordnung.« Sie sah mich an. »Wollen wir über etwas anderes reden?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Cool. Über was?«

»Was ist mit Urlaub? Wollen wir wegfahren, wenn diese Sache durch ist? Irland? Oder Schottland, wenn du lieber magst?«

Ich wollte gerade zustimmen, froh darüber, sie mit irgendwas besänftigen zu können, als mir der Kampf gegen Tauras wieder einfiel. Wenn ich jetzt abtauchte, würde ich alle Vorbereitungen, alle Trainings in die verbleibenden Wochen quetschen müssen.

Sie bemerkte meinen Gesichtsausdruck. »Was? Nicht gut?«

»Der Fight«, antwortete ich.

»Gegen diesen Litauer?«

Ich nickte.

»Aber der ist doch erst in über einem Monat.«

»Der Coach wird mich komplett in Beschlag nehmen. Vollständig meinen Tagesablauf bestimmen. Ich werde auf keinen Fall in Urlaub fahren können, nicht mal für ein paar Tage.«

Sie versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. »Gut. Dann vielleicht danach? Nach dem Kampf?«

»Sicher. Danach gerne.«

Sie lächelte, beugte sich vor, um mich zu küssen, aber ich hatte das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben.

Tatsächlich klingelte bereits nachmittags mein Telefon. Es war Tassin. »Und, wie sieht’s aus?«

Ich saß am Schreibtisch in meiner Wohnung und schaute gerade über ein Sicherheitskonzept für eine Fertigungsanlage draußen in Bad Freienwalde. Damit hielt ich mich mehr oder weniger gut über Wasser: als Berater für Sicherheitsfragen. Den Job hatte mir ein ehemaliger Kollege besorgt, und wenn ich Aufträge hatte, verdiente ich sogar einigermaßen gut. Das Problem war, dass mich diese Jobs zu Tode langweilten und ich meistens alles dafür tat, sie nicht anzunehmen, selbst wenn man sie mir aufzwang.

Während Tassin am anderen Ende auf eine Antwort wartete, starrte ich auf den Bildschirm mit den Blaupausen.

»Ich bin dabei.«

»Gut. Ich melde mich nachher noch bei dir und gebe dir ein paar Infos.«

»Alles klar.«

Wir verabschiedeten uns. Ich stand auf und ging ins Bad. Stellte mich vor den Spiegel und überlegte, was ich mit meinem Aussehen machen sollte. Gesagt hatte Tassin nichts, aber ich hielt es für angemessen, zumindest ein wenig meine äußere Form anzupassen.

Meine halblangen Haare, die mir bis knapp über die Schultern hingen, waren bereits von jeder Menge Silber durchzogen. Ich packte sie und zog sie hinter dem Kopf zusammen. Für einen Pferdeschwanz würde es nicht reichen, der hätte perfekt ins Milieu gepasst. Jana hatte mich früher immer überreden wollen, mir die Haare kürzer zu schneiden. Zuhälterhaarschnitt hatte sie meine Frisur genannt. Eigentlich also perfekt für einen Undercover-Einsatz in Neukölln, aber zu dicht an dem, was ich die letzten Jahre getragen hatte.

Nachdem ich einen Moment lang unschlüssig vor dem Spiegel gestanden hatte, entschied ich mich dafür, das Problem von jemand anderem lösen zu lassen.

Zwei Stunden später war ich zurück und stand erneut vor dem Spiegel.

Ich hatte mein neues Aussehen in die Hände von Ömer gelegt, einem Türken, der einen kleinen Barbiersalon an der Ecke betrieb. Ich strich mir über die glatt rasierte Haut meiner Wangen. Keine Ahnung, wann ich mich das letzte Mal nass rasiert hatte, aber Ömers aufwendige Prozedur mit heißen Tüchern und einem Bindfaden, um die hartnäckigen Haare auf den Wangen auszureißen, war eine ganz eigene Erfahrung gewesen. Vorsichtig zupfte ich an den Koteletten, die er mir hatte stehen lassen, und an dem Schnurrbart, der jetzt meinen Mund einrahmte. Er ging mir fast bis zum Kinn. Slawenhaken hatte Ömer den lachend genannt. Meine früheren Kollegen hätten wahrscheinlich eher vermutet, dass ich eine Kiezgröße der Nutellabande aus den Siebzigern nachahmen wollte. Meine Haare hatte er an den Seiten kurz geschnitten, bis auf wenige Millimeter, sodass diese jetzt silbrig glänzten. Oben hatte er genug stehen lassen, um einen schönen Hipster-Scheitel zu ermöglichen. Normalerweise hätte man mich mit so einer Frisur nicht einmal tot erwischt – was für ihre Tauglichkeit im Rahmen meiner Mission sprach.

Jedenfalls war nicht mehr viel von dem Thiebeck übrig, den ich kannte. Ein bisschen wie ein böser Zwilling. Es juckte mich, Bekannte und Freunde aufzusuchen und auszuprobieren, ob sie mich auf den ersten Blick erkennen würden, aber solange ich nichts an meiner Körpergröße ändern konnte, war das vergebliche Liebesmüh. Für Tassins Einsatz sollte es aber reichen.

Aus der hintersten Ecke meines Kleiderschranks kramte ich ein altes Hawaiihemd hervor, das man mir vor Jahren mal für einen Junggesellenabschied besorgt hatte. Nachdem ich mit meinem Outfit zufrieden war, suchte ich die Nummer meines Vaters heraus.

»Johannes«, meldete er sich.

»Hallo, Papa. Wie geht’s dir?« Eigentlich wollte ich eine ganz andere Frage stellen: Ist Jan bei dir gewesen? Und: Wie geht’s dir damit?

Aber das konnte ich nicht fragen, weil ich keine Ahnung hatte, ob Jan seine Drohung wahr gemacht hatte. Es würde meinen Vater bloß aufregen, wenn er wüsste, dass Jan in der Stadt war, mit mir gesprochen, aber nicht den Weg zu ihm gefunden hatte.

Also tauschten wir Nichtigkeiten aus. Ich fragte ihn, was seine Arthritis machte, was der dauernde Regen mit dem Rasen anstellte und ob ich demnächst mal vorbeikommen und ihm im Garten helfen sollte. Er dagegen wollte wissen, wie es mir und Tamina ging, wann wir mal wieder zum Kaffee kommen würden, und erzählte mir, welche Gebrechen die alte Neumann plagten. Frau Neumann war die älteste Freundin meiner Eltern gewesen, und nun war sie bloß noch eine Freundin meines Vaters.

»Irgendwas Ungewöhnliches passiert in letzter Zeit?«, fragte ich schließlich, als ich ungeduldig wurde.

»Was meinst du?«

»Na, ich meine alles, was irgendwie komisch war. Unüblich.«

»Du willst doch auf was hinaus. Raus mit der Sprache«, brummte er. Mein Vater war nicht der geduldigste Mensch, wenn er das Gefühl hatte, jemand tanzte um den heißen Brei herum.

»Nein, nichts, war bloß so eine Frage«, gab ich den Versuch wieder auf. Kurz darauf verabschiedeten wir uns.

Danach saß ich noch da und versuchte mir auszumalen, wo Jan sich jetzt gerade befand. Was er zu diesem Zeitpunkt gerade tat, warum genau er wirklich nach Berlin gekommen war und mich besucht hatte. Wirklich bloß, um über Mama zu reden? Das konnte ich mir kaum vorstellen.

Eine Weile saß ich in Gedanken versunken da, dann griff ich erneut nach dem Telefon. Strich mir mit Zeigefinger und Daumen über die Mundwinkel, als würde mir meine Entscheidung so leichter fallen, und suchte schließlich die Nummer des Coaches heraus.

»Wir müssen reden«, sagte ich bloß, nachdem er sich gemeldet hatte.

Es fühlte sich komisch an, aus dem Auto zu steigen und ohne Trainingstasche ins Gym zu gehen. Das letzte Mal, als ich das getan hatte, war vermutlich gewesen, nachdem David Bremer, der Sohn des Coaches ermordet worden und ich gegangen war, um ihm zu erklären, dass ich irgendwie in der Sache drinhing. Um zu gestehen, dass ich indirekt am Tod seines Sohnes schuld war.

Ich trat in die Halle, sog den Geruch aus Eisen, Leder und Schweiß ein, mit dem die gesamte Atmosphäre gesättigt war, und suchte mir meinen Weg nach hinten, zu seinem Büro. Es waren nicht viele der Jungs anwesend. Ein Nicken hier, eine erhobene Hand dort, und meine Faust, die gegen die bandgierte Hand von Danny stieß, der gerade aus den Umkleiden kam.

In dem schmalen Gang, der zu Spinden und Duschen führte und von dem das Büro von Emil Bremer abging, hingen die ganzen Bilder. Fotos von ersten Kämpfen, großen Kampfabenden oder anderen besonderen Ereignissen. Seit über einem Jahr wollte der Coach hier ein Foto vom Kampf Thiebeck gegen Bussas hängen haben. Wollte eine Erinnerung daran, wie sein Goldjunge den Litauer fett gemacht hatte, wie er es ausdrückte. Aber da hing noch keins.

Ich klopfte gegen den Türrahmen. Bremer schaute über den Rand seiner Lesebrille, als würde er von irgendwo tief unten auftauchen, und zu mir rüber. »Johnny. Komm rein.«

Eigentlich hatte ich eine Bemerkung zu meinem Style erwartet, aber dem Coach schien das überhaupt nicht aufzufallen. Ich setzte mich auf den Stuhl, der seinem Tisch gegenüber stand und der einem nicht einmal genug Platz bot, die Knie vor den Körper zu nehmen. Aufgrund der Enge musste man breitbeinig wie ein Cowboy sitzen, ich ganz besonders.

»Du wolltest mit mir reden?« Er schob die Unterlagen, die er gerade studiert hatte, zur Seite. Ausnahmsweise war der Bildschirm des kleinen Fernsehers auf dem Seitenschränkchen schwarz. Normalerweise ließ der Coach im Hintergrund Fights laufen, von uns, von unseren Gegnern, von anderen Boxern und Schachboxern oder alte Klassiker. »Was gibt es?« Wie um die Frage zu unterstreichen, zog er sich die Brille von der Nase und warf sie auf den überfüllten Schreibtisch.

»Es geht um den Fight gegen Bussas.«

Der Coach nickte. »Viereinhalb Wochen noch. Aber du bist auf einem guten Weg.«

»Ich muss für eine Weile weg.«

Er kniff die Augen zusammen. »Was meinst du? Wohin weg? Und was ist eine Weile? Reden wir hier von einer halben Stunde, einem halben Tag?« Er sprach ohne jeden Humor, und ich wusste, dass er nur zum Teil scherzte. Der Coach hatte, besonders für die letzten drei Wochen vor dem Kampf, einen strikten Trainings-, Essens- und Lifestyleplan entworfen, dem ich folgen sollte.

»Ein paar Tage. Vielleicht eine Woche.« Dass der Job möglicherweise sogar noch länger gehen würde, verschwieg ich ihm lieber.

Bremer setzte die Lesebrille wieder auf, dann schien er zu bemerken, dass er mich damit nicht sehen konnte. Erneut zog er sie runter, behielt sie aber diesmal in der Hand, um damit in meine Richtung zu gestikulieren. »Warum?«

»Es ist ein Job.«

»Und da bist du nicht in Berlin, oder was?« Er musterte mich misstrauisch. Selbst wenn ich Arbeit auf einer Bohrinsel in der Nordsee angenommen hätte, wäre ihm vermutlich ein Weg eingefallen, wie ich trotzdem regelmäßig zum Training kommen konnte.

»Ich muss komplett weg. Keine Verbindung, keine Telefonate. Nichts. Ganz sicher kann ich nicht ins Gym kommen.«

»Steht das schon fest?«

»Fürchte schon.«

Er schien zu überlegen. Sein Gesichtsausdruck hatte sich nicht groß verändert, aber das lag vor allem daran, dass der Coach immer latent missgelaunt aussah. »Das gefällt mir nicht, Johnny.«

Ich nickte, weil ich gewusst hatte, dass er das sagen würde.

»Du bist in guter Form und auf dem besten Weg. Aber du bist noch nicht so weit, dass du Bussas besiegen kannst. Auf uns wartet noch jede Menge Arbeit.«

»Das weiß ich.«

»Und ich will nicht, dass du den Fight auf die leichte Schulter nimmst. Du weißt, dass der Kerl kämpfen kann. Und wie gut er am Brett ist.«

Ich nickte. Der Coach hatte mir die Videos von Bussas oft genug gezeigt. Buzzsaw, die Kreissäge. Kleiner als ich, aber fast genauso schwer. Ein kompakter Powerboxer, der einen unglaublichen Turbo einschalten konnte.

»Hast du Angst vor dem Kampf?«, wollte der Coach plötzlich wissen, die kleinen Augen zu Schlitzen verengt.

Instinktiv schüttelte ich den Kopf, fragte mich aber gleichzeitig, ob es vielleicht doch der Fall war. Die Planungen für diesen Fight gab es schon so lange, er war bereits mehrmals verschoben worden, und mein letzter richtiger Fight lag bestimmt fast zwei Jahre zurück. War ich nicht längst zu alt für diesen Mist? Möglicherweise würde mich Bussas, schneller, jünger, cleverer, im Ring oder am Brett fertigmachen, und wie würde ich mich dann fühlen? Ich hatte Zeit meines Lebens behauptet, dass Aufgeben schlicht nicht in meiner DNA verankert sei, dass Thiebeck immer kämpfte, aber stimmte das auch in diesem Fall? Vielleicht suchte ich unterbewusst nach einer Hintertür, um Bussas aus dem Weg zu gehen. Ich beschloss, mich selbst sehr genau zu beobachten, um sicherzugehen, dass das nicht passierte.

»Ich habe keine Angst, Coach. Das weißt du. Aber das Ding ist wichtig. Ich zieh das durch, so schnell wie möglich, und dann bin ich wieder für dich da. Dann mach ich jeden Scheiß, den du von mir willst. Ich ziehe Autoreifen den Strand lang, boxe gegen Schweinehälften im Schlachthaus, trinke zum Frühstück sechs rohe Eier.« Ich hatte keine Ahnung, ob der Coach den Film Rocky je gesehen hatte oder ob die Witze möglicherweise bloß von ihm abprallten, aber ich versuchte mich an meinem gewinnbringendsten Lächeln. »Pfadfinderehrenwort«, schob ich hinterher.

Schließlich nickte der Coach und brummte: »Hindern kann ich dich ja ohnehin nicht, oder?«

»Der Vertrag ist bereits unterschrieben«, log ich, froh darüber, dass er anscheinend einigermaßen besänftigt war.

»Gut. Hau ab«, sagte er und setzte die Lesebrille wieder auf. Nahm sie dann ein weiteres Mal ab, um in meine Richtung zu stechen, während ich mich gerade erhob. »Du wirst wie ein Tier trainieren, das ist dir hoffentlich klar, oder?«

Mit einem Grinsen nickte ich. Thiebeck, das Tier! You got it.

Bevor ich aus seinem Kabuff verschwinden konnte, rief er mir noch hinterher: »Wirst du für deinen Job Hosen mit Schlag tragen müssen?«

Ich stutzte, und er deutete auf mein Gesicht. Und ich verstand, dass ihm mein Look zwar aufgefallen war, in der Prioritätenliste von Dingen, die man besprechen musste, aber sehr weit unten rangierte. Ich lächelte und hob zum Abschied die Hand.

5

Tassin hatte nachmittags angerufen und mich aufgefordert, zum Hermannplatz zu kommen und mir an einer Bude an der Südseite eine Currywurst ohne Darm zu holen. Ich hatte mir jede Frage nach dem absurden Detailreichtum der Anweisung gespart. Ohne Darm passte mir ohnehin besser.

Ich stach gerade meinen Plastikpieker in eins der Stückchen, als Tassin unvermittelt hinter mir zischte: »Nicht umdrehen! Aber geile Frise.«

Ich lehnte am Alutresen, um zu essen, und sie hatte sich von hinten genähert.

»Ich gehe jetzt da zu den Bänken und hocke mich hin. Du isst auf und kommst dann rüber, setzt dich auf dieselbe Bank, aber nicht direkt neben mich. Sieh mich nicht an. Klar?«

Ich kaute, nickte und bemerkte aus dem Augenwinkel, dass sie wieder verschwand.

Nachdem ich meine Schale in den Mülleimer geworfen hatte, ging ich zu der Bank hinüber und setzte mich, den Arm über die Lehne gelegt. Während ich auf sie zugesteuert war, hatte ich bereits einen unauffälligen Blick riskiert. Tassin sah aus wie eine türkische Turbo-Biene: weiße Jogginghose, glitzernde Sneaker und ein türkisfarbener Blouson. Das mit Strasssteinen besetzte Basecap in Knallrot und ein kurzer Zopf vervollständigten das Ensemble. Ich musste zugeben, dass ihre Verkleidung großartig war. Nie im Leben hätte ich sie so auf der Straße erkannt.

»Am Outfit musst du noch was machen«, sagte sie, den Blick abgewandt. Sie sprach gerade so laut, dass ich sie noch verstehen konnte. »Aber ich mag das Hemd. Und die offenen Knöpfe. Steh auf Männer mit ordentlich Brustbehaarung.«

»Dein Look ist auch ziemlich fesch«, antwortete ich in ihre Richtung gewandt.