4,99 €
Der Groll eines Killers währt ewig ...
In Berlin werden kurz hintereinander zwei wohlhabende Männer umgebracht. Beiden wurden die Bäuche aufgeschlitzt. Die Mordkommission 4 unter der Leitung von Hauptkommissar Craic Bishop ermittelt: Beide Opfer sind vor fünf Jahren aus Kopenhagen nach Berlin gezogen. In Dänemark gehörten sie zum organisierten Verbrechen. Das Seltsame: Die Taten entsprechen dem Muster eines dänischen Auftragskillers - doch der gilt als tot.
Die "Vierte" gerät bei der Suche nach dem Mörder an ihre Grenzen - nicht zuletzt, weil es im Ermittler-Team knirscht: Denn Marika hat ein Verhältnis mit Davids bestem Kumpel Nadir begonnen ... war es wirklich so eine gute Idee, ihn ins Team zu holen?
MK4 Berlin - Jagd auf einen Toten: der nächste spannende Fall für neue Berliner Mordkommission!
DAS SAGEN UNSERE LESERINNEN UND LESER:
"Megaspannend gigantisch" (Annette127, Lesejury)
"Die Handlung war stimmig und so spannend, dass ich in zwei Tagen durch war." (monti66, Lesejury)
"Mit einem packenden Schreibstil und einigen überraschenden Wendungen treibt der Autor seine gut aufgebaute und atmosphärisch dichte Geschichte voran und liefert am Ende eine überraschende, aber doch absolut schlüssige Auflösung, die keine wesentlichen Fragen offenlässt. [...] Getragen wird das Ganze von gut gezeichneten und vielschichtig angelegten Protagonisten in Haupt- und vermeintlichen Nebenrollen." (ech68, Lesejury)
Band 1: MK4 Berlin - Im Auge des Killers
eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 404
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Grußwort des Verlags
Über dieses Buch
Titel
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
Danksagung
Über den Autor
Weitere Titel des Autors
Impressum
Liebe Leserin, lieber Leser,
vielen Dank, dass du dich für ein Buch von beTHRILLED entschieden hast. Damit du mit jedem unserer Krimis und Thriller spannende Lesestunden genießen kannst, haben wir die Bücher in unserem Programm sorgfältig ausgewählt und lektoriert.
Wir freuen uns, wenn du Teil der beTHRILLED-Community werden und dich mit uns und anderen Krimi-Fans austauschen möchtest. Du findest uns unter be-thrilled.de oder auf Instagram und Facebook.
Du möchtest nie wieder neue Bücher aus unserem Programm, Gewinnspiele und Preis-Aktionen verpassen? Dann melde dich auf be-thrilled.de/newsletter für unseren kostenlosen Newsletter an.
Spannende Lesestunden und viel Spaß beim Miträtseln!
Dein beTHRILLED-Team
Melde dich hier für unseren Newsletter an:
In Berlin werden kurz hintereinander zwei wohlhabende Männer umgebracht. Beiden wurden die Bäuche aufgeschlitzt. Die Mordkommission 4 unter der Leitung von Hauptkommissar Craic Bishop ermittelt: Beide Opfer sind vor fünf Jahren aus Kopenhagen nach Berlin gezogen. In Dänemark gehörten sie zum organisierten Verbrechen. Das Seltsame: Die Taten entsprechen dem Muster eines dänischen Auftragskillers – doch der gilt als tot.
Die »Vierte« gerät bei der Suche nach dem Mörder an ihre Grenzen – nicht zuletzt, weil es im Ermittler-Team knirscht: Denn Marika hat ein Verhältnis mit Davids bestem Kumpel Nadir begonnen … war es wirklich so eine gute Idee, ihn ins Team zu holen?
JAGD AUF EINEN TOTEN
Hauptkommissar Craig Bishop lief hinter seinem Kollegen David Brenner den engen gefliesten Gang entlang. Der Geruch von Chlor waberte ihnen entgegen und biss Bishop in die Lungen.
Er konnte den Geruch nicht ausstehen. Es war Ewigkeiten her, seit er das letzte Mal in einem Schwimmbad gewesen war, und schon als Kind war er kein Freund von öffentlichen Bädern gewesen. Mochte damit zusammenhängen, dass er mit seiner untersetzten Statur und der rundlichen Form, die ihm unter seinen Kollegen den Namen »Kommissar Kugelblitz« eingebracht hatten, keine gute Figur in der Badehose abgab. Tatsächlich konnte Bishop nicht verstehen, warum sich jemand die Mühe machte und derart viel Geld ausgab, um sich einen privaten Pool in sein Haus zu bauen.
»Wir hätten Schwimmsachen mitbringen sollen«, witzelte Brenner über die Schulter. »Hätten wir ein paar Bahnen ziehen können.« Bishop reagierte nicht.
Sie erreichten das Ende des Ganges. Direkt vor ihnen lag der Indoorpool, vielleicht zwanzig mal sechs Meter, die Luft derart warm und feucht, dass Bishop den Reflex unterdrücken musste, den obersten Knopf seines Hemdkragens zu öffnen. Das Wasser des Pools spiegelte vollkommen glatt den Garten durch die riesigen Panoramafenster.
Die Mitglieder der Spurensicherung in ihren weißen Anzügen waren bereits an der Arbeit und hatten die ersten Aufsteller mit Nummern verteilt, um mögliche Spuren zu markieren.
»Guten Morgen, die Herren«, begrüßte sie Mike Petersen, der Leiter der Kriminaltechnik. Er kniete neben dem Pool und machte eine theatralische Geste mit dem Arm, wie um ihnen die Leiche, die neben einer umgestürzten Liege lag, zu präsentieren.
»Walfang-Saison ist eröffnet«, murmelte Brenner mit erstauntem Tonfall.
»Halt den Mund, Brenner«, zischte ihre Kollegin Marika Kleebaum, die sie inzwischen eingeholt hatte. »Das ist geschmacklos!« Ihre halblangen braunen Locken wippten wie ein Echo ihres Ärgers nach.
Brenner verzog das Gesicht und zeigte auf die Leiche. »Das da ist ziemlich geschmacklos.«
Bishop ignorierte seine beiden Mitarbeiter und machte einen Schritt zur Seite, um den Körper besser begutachten zu können.
Er betrachtete die weiße, aufgedunsene Gestalt des Toten. So unangemessen Brenners Bemerkung auch gewesen sein mochte, die Analogie stimmte. Bishop musste an Berichte denken, die letztes Jahr um die Welt gegangen waren: Drei gestrandete Wale an einem Strand in Schweden. Einen hatte man retten können, die anderen beiden waren verendet. Und einem von ihnen war der Bauch aufgeplatzt, nicht unähnlich ihrem Opfer hier. Nur dass diesem Mann jemand mit einem sehr scharfen Messer den Leib aufgeschnitten hatte und sich die Gedärme dunkelgrau gegen das warme Minzgrün der Fliesen abhoben. Das schwarz getrocknete Blut fügte dem Ganzen noch eine weitere farbige Note hinzu.
Der erste süßliche Geruch der Verwesung, verstärkt durch die feuchte Hitze, mischte sich nahe der Leiche unter die Aggressivität des Chlors. Hinter sich hörte Bishop ein Würgen, als die anderen beiden Kommissare näher kamen, aber er konnte nicht sagen, ob es Marika oder Brenner gewesen war.
Der Mann lag auf der Seite, ein Arm am Boden, den anderen auf dem Körper. Am Kopf und im Gesicht wies er mehrere Hämatome und eine Platzwunde auf, als wäre er vor dem Mord geschlagen worden. An den sauberen Schnittkanten des Bauches waren große Mengen gelblichen Fetts im Körperinneren zu erkennen. Sein kleiner Penis verschwand fast zwischen den Speckfalten und saß in einem Nest aus dunklen Haaren.
Bishop schätzte den Mann auf Mitte bis Ende fünfzig, das Haar noch voll, und der sauber gestutzte Bart verdeckte teilweise die feisten Wangen.
»Gleiches Schema wie in der anderen Villa«, stellte der schlaksige Petersen fest, der sich gerade mit einem Ächzen erhob und neben Bishop trat.
Bishop erwiderte nichts. Das hatte er nach den ersten Informationen befürchtet. Er bemerkte, dass Petersen ihn aufmerksam musterte. Der blonde Mann sah mit seinem dünnen Schnurrbart jünger aus, als er war, und überragte alle anderen drei deutlich.
Bishop war der Kleinste von ihnen, aber das war er gewohnt. Er hatte längst aufgehört, sich darüber Gedanken zu machen. Marika besaß einen athletischen Körperbau, war fast so groß wie David. Den beiden sah man den Sport an, den sie machten. Bishop dagegen nicht, auch wenn er nicht weniger aktiv war.
»Ungefähre Tatzeit?«, wollte er von Petersen wissen.
»Vor Mitternacht, würde ich schätzen. Wird nicht ganz einfach zu bestimmen sein.« Er drehte sich um, präsentierte mit einem Schwenk des Arms den Pool. »Hitze und so.«
»Wer ist er?«
»Jörg Zucker. Ein Bauunternehmer.«
Brenner trat neben sie und sagte: »Ich mag es, wenn Leute zu Hause umgebracht werden. Macht das mit der Identifikation so viel leichter.«
»Du bist so ein Idiot, Brenner.« Marika verzog das Gesicht.
»Was denn?« Er breitete die Hände aus. »So ’n nackter Dicker, zum Beispiel am Spreeufer, mitten im Gebüsch? Ohne Papiere? Na, viel Spaß bei der Identitätssuche.« Er sah sich um. »Aber so wie hier? Easy …«
Marika ignorierte ihn und trat neben ihren Chef. »Das ist kein Zufall, oder?«
Bishop schüttelte schweigend den Kopf. Vor knapp einer Woche hatten sie einen vergleichbaren Mord gehabt, Hannes Kahlke, einen Devisenhändler. Er war in Zuckers Alter gewesen, und ebenfalls in seiner Villa ermordet worden. Der Täter hatte ihm wie Zucker den Bauch aufgeschlitzt.
»Ist das jetzt eine Serie?«, wollte Marika wissen.
Bishop schüttelte den Kopf mit zusammengepressten Lippen. »Ich hoffe nicht«, sagte er wenig überzeugt.
»Was ist das für eine Scheiße?«, fuhr Doktor Halina Kettler niemanden im Besonderen an und lief aufgebracht im Büro der vierten Mordkommission hin und her. Der kleine Raum wirkte überfüllt, weil zusätzlich zu den Schreibtischen von Bishop, Marika und Brenner vor Kurzem noch ein weiterer Tisch für Nadir Almasi, das neueste Mitglied des Teams, untergebracht werden musste. Er hatte ihnen bei einem Fall als technische Unterstützung gedient und daraufhin die Versetzung in die vierte Mordkommission beantragt.
Das Büro kam einem noch kleiner vor, als es ohnehin war, weil Doktor Kettler beim Hereinkommen die Jalousien der langen Glasscheibe, die den Raum zum Büro der Sechsten nebenan abteilte, heruntergelassen hatte. Als Bishop die Vierte und das Büro frisch übernommen hatte, hatte sie ihm geraten, Jalousien anbringen zu lassen. Damit nicht jeder zusehen konnte, wenn sie ihn runtermachte, hatte sie mit einem Augenzwinkern erklärt.
Sie hielt inne und drehte sich abrupt um, zeigte mit dem Finger auf Bishop. »Sagen Sie mir nicht, dass wir es hier mit einer verfickten Serie zu tun haben!«
Keiner im Zimmer verzog bei der Wortwahl der Staatsanwältin das Gesicht. Sie alle wussten, dass sie dazu neigte, »klare« Worte zu benutzen, wenn sie sich aufregte.
Bishop stand an das Fensterbrett gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt. Marika und Brenner hatten an ihren Schreibtischen gesessen, als Doktor Kettler hereingestürmt gekommen war.
Doktor Kettler führte ihre Fälle mit strenger Hand, und Bishop hatte sich bereits mehrfach »Einläufe«, wie sie es ausdrückte, bei ihr im Büro abholen müssen, wenn Ermittlungen nicht so liefen, wie sie sich das vorstellte. Dafür setzte sie sich allerdings bedingungslos für ihre Teams ein und schreckte auch nicht davor zurück, sich bei höheren Stellen für ihre Untergebenen in die Bresche zu werfen. Ihr schien jeder politische Selbsterhaltungstrieb abzugehen, und trotzdem, oder gerade deswegen, hatte das ihrer Karriere bisher nicht geschadet.
Brenner räusperte sich und sagte dann: »Natürlich können wir offiziell noch nicht von einer Serie sprechen, nicht bei zwei Morden, aber ganz ehrlich, das sieht nicht gut aus. Die KT ist sich ziemlich sicher, dass wir es hier mit demselben Täter zu tun haben.«
Bishop zog anerkennend die Augenbrauen hoch. Er hätte von Brenner nicht erwartet, dass er sich traute, Doktor Kettler gegenüber derart unbefangen den Mund aufzumachen. Er war davon ausgegangen, dass Brenner das lieber ihm, dem Chef, überlassen würde.
Die Staatsanwältin fuhr herum, fixierte Brenner mit geschlitzten Augen, als ob sie ähnlich überrascht wäre. Sie ging zu einem der hohen Stühle neben der Tür, um sich zu setzen. »Also gut, was haben wir?«, fragte sie mit erstaunlich entspannter Stimme.
Marika schob sich auf ihrem Stuhl zurecht, bevor sie zum Sprechen ansetzte: »Beide Opfer sind männlich, weiß. Ende fünfzig. Beide sind zu Hause in ihrer Villa umgebracht worden. Soweit wir wissen, hat sich der Täter in beiden Fällen gewaltsam Einlass verschafft, ohne größere Schäden anzurichten.«
»Was heißt das genau?«, unterbrach sie Doktor Kettler mit zusammengezogenen Augenbrauen.
»Die KT hat Kratzspuren an beiden Schlössern gefunden. Demzufolge gehen wir davon aus, dass sich jemand mit Werkzeug Zugang verschafft hat.«
»So etwas wie einem Dietrich?«
»Genau.« Als Doktor Kettler eine ungeduldige Handbewegung machte, fuhr Marika fort: »Beide Männer wurden gewaltsam überwältigt. Ziemlich schlimm verprügelt«, ergänzte sie nach einem Moment. »Der Täter hat sie zusammengeschlagen, bis sie sich nicht mehr wehren konnten.«
»Und ihnen danach den Bauch aufgeschlitzt?«
»So ist es.«
»Das heißt, beide Männer waren zu dem Zeitpunkt noch am Leben?«
»Bei Zucker hat Petersen noch keine eindeutige Aussage gemacht. Er sagt, wir müssen die Obduktion abwarten, wie immer.« Sie zuckte mit den Schultern. »Aber die Zeichen deuten darauf hin, sagt er. Kahlke hat offenbar noch versucht, sich seine Gedärme wieder zurück in den Bauch zu stopfen, bevor er gestorben ist.« Sie verzog das Gesicht. »An Zuckers Körper fehlen Hinweise darauf. Möglicherweise haben ihn die Schläge heftiger erwischt, und er war benommener als Kahlke.«
»Hat er wohl Glück gehabt«, murmelte Brenner. Niemand beachtete ihn.
»Tatwaffe?«
»Er geht von einem sehr langen, scharfen Messer aus, sagt Petersen. Wie eine Filetierklinge.«
»Zum Fische-Ausweiden!«, rief Brenner deutlich zu laut und klatschte in die Hände.
»Ausnehmen«, korrigierte ihn Doktor Kettler scharf.
»Was?«
»Fische nimmt man aus. Wild weidet man aus.« Brenner antwortete nicht.
»Gibt es Stichverletzungen?«, fragte die Staatsanwältin.
Marika schüttelte den Kopf. »Der Täter hat die Klinge ausschließlich dazu verwendet, um die Körpermitte zu öffnen.«
»Und sich das Ganze dann angesehen?« Doktor Kettler zog die scharf geschminkten Augenbrauen nach oben. »Ziemlich abgebrüht. Was sagt uns das über den Täter?«
Keiner der Kommissare antwortete. Sie gingen davon aus, dass es sich um eine rhetorische Frage handelte, aber Doktor Kettler sah genervt in die Runde. »Also, ich erwarte ja kein vollständiges psychologisches Profil, aber irgendwas, irgendein Gefühl müssen Sie doch haben. Wen jagen wir?«
Brenner zögerte kurz, sagte dann: »Erste Pressestimmen nennen den Täter oder die Täterin ›das Fischweib‹.«
»Wie bitte?«, fragte sie mit schneidender Stimme.
Bishop machte einen Schritt nach vorne, als müsste er sein Team vor der Staatsanwältin schützen. »Sie wissen, wie das ist. Denen ist das Wichtigste, dass ein möglichst prägnanter Name gefunden wird. Catchy, wie man da sagen würde.«
»Was wissen die?«, fauchte die Staatsanwältin. Bishop seufzte. »Leider ziemlich viel. Über den Zaun ist einer der Journalisten in Zuckers Garten eingedrungen und hat durch die Fenster Bilder geschossen. Durch die Spiegelungen erkennt man nicht allzu viel, aber es hat gereicht. Und da musste nur jemand eins und eins zusammenzählen und die Verbindung zu Kahlke herstellen.«
Bei dem Mord vor ein paar Tagen hatten sie zumindest ein rudimentäres Statement herausgeben müssen, und jemand von der Presse war dann an Informationen über die Todesursache gekommen.
»Ist der Mann festgenommen worden?«
Bishop bejahte, ging aber nicht weiter darauf ein. Mit einer drastischen Strafe würde der Fotograf nicht rechnen müssen. Zur Abschreckung taugte das eher nicht.
»Warum gehen die von einer Täterin aus?«, fragte Doktor Kettler unvermittelt. »Bei der Art von Mord? Das wäre ziemlich ungewöhnlich.«
Brenner deutete auf seinen Monitor. »Irgendjemand hat die Theorie von Dating-Morden in Umlauf gebracht.«
»Erklären Sie mir das.«
»Beide Männer hatten das, was man auf Dating-Portalen die ›drei Bs‹ nennt: Bart, Brille, Bauch. Und waren Single.«
»Wieso auf Dating-Portalen?« Dr. Kettler verstand nicht.
»Na ja, das ist das, was die Frauen normalerweise nicht wollen. Keine drei Bs.«
Die Staatsanwältin schüttelte genervt den Kopf. »Und warum sollte sie jemand dafür umbringen?«
»Das ist ja das Gute an haltlosen Theorien: Die kann man einfach in Umlauf bringen. Ob das irgendeinen Sinn ergibt, muss ja keinen kümmern«, seufzte Marika.
Doktor Kettler sah Bishop an. »Wir gehen also nicht von einer Täterin aus?«
»Bisher gibt es dafür keine Anhaltspunkte, nein.«
»Gut«, sagte sie resolut, als wäre damit der ganze Nonsens vom Tisch. »In welcher Richtung ermitteln wir stattdessen?«
Die Tür ging auf, und Nadir Almasi kam herein. Bishop konnte sehen, dass Nadir die Hand erhoben hatte, um an den Türrahmen zu klopfen. Um einen von seinen und Brenners Klopf-klopf-Witzen zu machen. Stattdessen begrüßte er die Staatsanwältin und den Rest mit einem kurzen Nicken und schob sich stumm hinter seinen Schreibtisch, um das Gespräch nicht zu unterbrechen.
»Habt ihr was Brauchbares?«, fragte Bishop.
Nadir hatte sich mit einer Kollegin um die verschiedenen digitalen Profile von Jörg Zucker gekümmert. »Teilweise. An einige sind wir rangekommen, weil die Passwörter für die Accounts entweder gespeichert waren oder er sie aufgeschrieben hatte. Aber das war nicht überall der Fall.«
»Was ist mit dem Handy?«
Nadir verzog das Gesicht. »Liegt noch bei Petersen. Dafür haben wir keinen Code.«
»Das wäre wichtig!«, bemerkte Bishop unnötigerweise. An Doktor Kettler gewandt, erklärte er: »Was diese ganze Dating-Geschichte angeht, brauchen wir dringend Zugriff auf sein Smartphone. Allein um das auszuschließen.«
»Sind wir dabei, Querverbindungen zwischen den beiden Opfern zu untersuchen?«
»Sind wir«, antwortete Bishop und schaffte es dabei, vollkommen ohne sarkastischen Unterton zu sprechen. Er wusste, dass Staatsanwälte sich gerne als Teil der Ermittlungen sahen, aber die Arbeit machte immer noch die Mordkommission.
»Also gut. Halten Sie mich auf dem Laufenden. Sobald Sie irgendwas haben, will ich als Erste davon erfahren.« Sie wandte sich zum Gehen und klopfte zum Abschied kurz auf den hohen Tisch, der neben der Tür stand. Bishop bemerkte Brenners und Nadirs Grinsen, die offenbar erneut an ihre Klopf-Witze dachten. Ob es schlau gewesen war, sich Brenners besten Kumpel in das Team zu holen, musste sich erst noch zeigen. Ein Kindskopf reichte ihm, da brauchte er es nicht auch noch, dass zwei die Köpfe zusammensteckten und feixten wie die Schulbuben. Bishop lehnte sich zurück und betrachtete sein kleines Team. Marika und Brenner waren beide an Nadirs Schreibtisch herangerollt und besprachen mit ihm etwas an seinem Monitor. Bishop musste lächeln. Es sah fast harmonisch aus.
Als er vor einem halben Jahr damit beauftragt worden war, die vierte Mordkommission neu zu bilden, nachdem die Abteilung durch diverse Pensionierungen aufgelöst worden war, hatte es jede Menge Zweifel an seiner Personalwahl gegeben. Marika Kleebaum galt als nicht gerade einfach im Umgang, und David Brenner hatte definitiv den Ruf eines Querulanten. Und zusammen waren sie wie Hund und Katz: Marika, die versuchte, sich als Frau in einem immer noch von Männern dominierten Beruf durchzusetzen, und die wegen ihrer Kompromisslosigkeit bei vielen der männlichen Kollegen als Lesbe tituliert wurde. Gerade von Kollegen wie Brenner, die den Sinn von Gendern und Gleichberechtigung nicht verstanden und auch mal Witze über Minderheiten raushauten. Viele, vor allem aus der Führungsetage, hatten Bishop prophezeit, dass die Vierte genauso schnell wieder aufgelöst werden würde, wie sie gebildet worden war.
Aber Marika und Brenner hatten sich tatsächlich angenähert, und Bishop hatte das Gefühl, dass zwischen ihnen so etwas wie Freundschaft entstanden war, auch wenn sie sich immer noch regelmäßig gegenseitig aufzogen. Vielleicht machte er sich also unnötig Sorgen.
Und Nadir schien vom Typ eher zu Marika zu passen als zu Brenner. Außerdem konnten sie seine Technik-Affinität gut brauchen. Nachdem sie bei ihrem ersten großen Fall mit Drohnen und Überwachungstechnik zu tun gehabt und ihn bravourös gelöst hatten, hatte die Vierte das Label einer technisch besonders versierten MK erhalten. Dabei besaß keiner von ihnen außer Nadir ein besonderes Verständnis oder ein Faible für moderne Technologie.
Bishop seufzte und wandte sich wieder seinem Bericht zu.
»Ich halte das nach wie vor für möglich«, sagte Marika und schüttelte den Kopf. Sie war an ihren eigenen Schreibtisch zurückgekehrt, nachdem sie mit Brenner und Nadir die Aussagen der Haushaltshilfe durchgegangen war, die Zucker gefunden hatte. »Warum sollte eine Frau den Kerlen nicht den Wanst aufschlitzen, wenn sie ein Motiv dafür hat? Nicht alle Frauen töten nur mit Gift«, fügte sie hinzu, ohne Brenner direkt anzusehen, der die Diskussion mit ihr führte.
»Richtig, aber du kennst auch die Statistik dazu und weißt, wie wahrscheinlich das ist«, antwortete er. »Zumal die Prügel, die beide Männer eingesteckt haben, nun wirklich eher auf einen männlichen Täter hinweisen. Und selbst wenn, wir reden ja hier nicht nur über eine Täterin, die wahllos irgendwelche Männer umbringt, sondern zusätzlich auch darüber, dass das Ganze mit Dating zu tun hat. Ich meine, warum? Weil die schlechte Liebhaber waren? Oder zu kleine Schwänze hatten?«
Marika schnaubte. »Ich bin froh, dass du nach wie vor unsere Quote an Geschmacklosigkeiten erfüllst. Aber mal im Ernst, du hast früh geheiratet und offenbar keine Ahnung, was beim Dating alles abgeht. Ich habe Sachen erlebt, da wäre der Tod noch eine zu milde Strafe.«
Brenner grinste und stützte sich mit den Armen auf den Schreibtisch, um sich vorzulehnen. »Ach ja, erzähl mal. Plauder doch mal aus dem Nähkästchen!«
»Depp«, murmelte Marika und wandte sich wieder ihrem Bildschirm zu. Dann kam ihr eine Idee. »Was ist mit einem schwulen Täter? Können wir das ausschließen?«
»Können wir nicht«, brummte Bishop. »Aber wir können zumindest die ganzen Spekulationen mal sein lassen, bis wir Zugriff auf Zuckers Handy haben. Die ganze Datinggeschichte beruht doch quasi auf gar nichts. Keine Hinweise, die darauf hindeuten. Also konzentriert euch auf Sinnvolles«, sagte Bishop hinter seinem Monitor, ohne aufzusehen.
Marika warf Brenner einen Blick zu, und sie mussten beide lachen. »Ja, Chef«, sagte Brenner mit einem Grinsen und salutierte. Nadir hatte den Austausch etwas verlegen beobachtet und traute sich offenbar nicht, in die Fröhlichkeit einzustimmen. Vermutlich aus Sorge, als »Neuer« weniger nachsichtig behandelt zu werden und sich Ärger einzufangen.
»Was ist mit Drogen?«, fragte er unvermittelt.
»Brauchst du welche?«, wollte Brenner mit einem Lachen wissen. »Sind wir sonst so schwer zu ertragen?«
»Die Bäuche«, antwortete Nadir. »Haben die vielleicht als Mulis Drogen in ihrem Magen transportiert, und jemand hat sich das Zeug zurückgeholt?«
Brenner schüttelte sofort den Kopf. »Sind nicht Mulis normalerweise Leute ohne Geld, die sich auf diese scheißgefährliche Weise etwas dazuverdienen? Noch nie von fetten, reichen Männern gehört, die so etwas machen.«
Bishop wedelte abwehrend mit der Hand. »Wir fragen Petersen danach.«
Marika fragte sich, ob er das Gefühl hatte, einen Streit unterbunden zu haben. Und ob Bishop vielleicht mit ihrer neuen Gruppenkonstellation mehr Probleme hatte, als sie annahmen. Er wirkte immer wieder angespannt und nervös, seit sich ihr Team vergrößert hatte.
Während sich Nadir wieder einigen Unterlagen auf seinem Schreibtisch zuwandte, beobachtete Marika ihn. Nadir sah gut aus, aber anders als viele Männer, die sie kannte, schien er sich der Tatsache nicht bewusst zu sein. Im Gegenteil, manchmal wirkte er fast ein wenig unbeholfen, und sie musste den Impuls unterdrücken, sich um ihn zu kümmern. Deswegen hatte sie auch gezögert, als er sie gefragt hatte, ob sie gemeinsam für einen Hindernislauf, den Crazy Mudder, trainieren könnten. Marika nahm regelmäßig an solchen Läufen teil und hatte widerstrebend eingewilligt, Nadir Starthilfe zu geben.
Das Telefon klingelte, Brenner ging ran. Kurz darauf legte er auf und verkündete: »Das war Petersen! Wir können an Zuckers Handy.«
Brenner war als Erster an der Tür und klopfte gegen den Rahmen. »Knock, knock«, sagte er.
»Who’s there?«, antwortete Petersen mit breitem Grinsen. Marika blieb stehen, sodass Nadir fast gegen sie prallte. »Nicht euer Ernst«, sagte sie an ihn gewandt. »Den habt ihr jetzt auch angesteckt?«
»Figs«, sagte Brenner.
»Figs who?«, kam Petersens Antwort.
»Figs the doorbell, it’s not working!« Beide Männer lachten und gaben sich ein High-five.
Marika schüttelte den Kopf. Sie hätte sich denken können, dass Petersen auf genau die Art von Witzen abfuhr und von Brenner und Nadir in ihren kleinen Boys-Club aufgenommen werden würde. Sie drehte sich zu Nadir um, der ganz offensichtlich versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken. Ihren strafenden Blick ignorierte er.
»Herrschaften«, begrüßte Petersen sie mit einem gönnerhaften Lächeln. Der groß gewachsene Mann setzte sich auf seinen Schreibtisch und schlenkerte mit den Beinen, während sie hereinkamen. Bishop und Marika nahmen sich die beiden Stühle, die vor seinem Schreibtisch standen, Brenner und Nadir blieben stehen. Petersen hob ein Handy vom Tisch auf und zeigte es wie eine Trophäe in die Runde, gab es dann Bishop.
»Wie seid ihr an die Daten gekommen?«, fragte der. »Ich dachte, der Code sei nicht zu knacken?«
Der Leiter der Kriminaltechnik grinste. »Ist er auch nicht. Jedenfalls nicht in überschaubarer Zeit und mit unseren Mitteln. Und wenn Zucker etwas weniger Geld gehabt hätte oder zumindest etwas geiziger gewesen wäre, dann hätten wir auch keine Probleme gehabt.«
Keiner von ihnen verstand, was Petersen meinte, aber das schien er auch nicht erwartet zu haben. Er fuhr fort: »Billige Smartphones benutzen Fingerabdruck-Scanner, die ausschließlich das Muster erkennen. Die kann man teilweise sogar mit Ausdrucken täuschen. Teure, moderne Smartphones lassen sich nicht so leicht reinlegen.« Er zwinkerte ihnen zu, und Marika musste sich zusammenreißen, nicht mit den Augen zu rollen. Petersen kehrte den Schulmeister ein wenig zu sehr heraus. Sie konnte es nicht leiden, dass er ihre Zeit mit Eitelkeiten verschwendete.
»Jeder Mensch hat eine gewisse elektrische Spannung im Körper. Wenn wir die Fingerspitzen auf so einen Scanner legen, berühren die Rillen des Abdrucks die Oberfläche, die Vertiefungen dagegen nicht. Winzige Kondensatoren im Gerät speichern mehr Ladung, die vom Finger kommt, wenn sie unter den Erhebungen und nicht unter den Vertiefungen sitzen. Die Sensoren verwenden diese Muster, um ein detailliertes Bild des Abdrucks zu erstellen. Wie eine Landkarte mit Hügeln. Aber wenn eine Person stirbt, wird der Stromfluss unterbrochen und damit auch jede Möglichkeit, mit dem Scanner zu interagieren.«
»Und?« Bishop bemühte sich als Stichwortgeber.
Marika nahm an, dass Petersen vermutlich nicht weitergesprochen hätte, bevor ihm nicht einer von ihnen den Gefallen getan hätte. Mit einem Lächeln dachte sie, dass sie bereit gewesen wäre, es darauf ankommen zu lassen. Schwer zu sagen, wie lange sie hier mit verschränkten Armen gesessen hätten.
Petersen lächelte. »Wir haben den Guten einfach unter Strom gesetzt. Kurzgeschlossen, wie ein geklautes Auto.« Er räusperte sich, fuhr gut gelaunt fort: »Das Ganze war ein wenig wie ein Physikexperiment in der Schule. Wir haben es mit verschiedenen Spannungen versucht, alle im Milliamperebereich, bis es geklappt hat.« Er deutete auf das Handy in Bishops Hand. »Jedenfalls ist es jetzt entsperrt, und ihr habt Zugriff auf die Daten.«
Bishop sah ihn an. »Irgendwelche Dating-Apps?«
Petersen schüttelte den Kopf. »Nichts. Der Kerl hat ausschließlich Business-Dates gehabt. Ich fürchte, da muss sich die Boulevardpresse etwas anderes suchen.«
»Gibt es weitere Erkenntnisse vom Tatort?«, wollte Bishop wissen. »Was ist mit Raub als Motiv?«
»Sieht nicht so aus. Natürlich haben wir noch keinen Überblick über Zuckers komplette Wertgegenstände, aber in dem Haus war quasi alles noch vorhanden. Uhren, Schmuck, Elektronik, selbst die Brieftasche oben wurde nicht angetastet. Auf Geld war da niemand aus. Allerdings«, sagte er und hob einen Finger, »allerdings hat der Täter möglicherweise etwas gesucht. Oben im Arbeitszimmer ist eine ganze Menge Unordnung entstanden. Aber wie gesagt, es ging eher nicht um materielle Dinge, sondern vermutlich um Informationen.«
»Genau wie bei Kahlke«, sagte Marika leise. Bei Hannes Kahlke war ebenfalls Raub als Motiv ausgeschlossen worden, und wie bei Zucker hatte jemand seine Sachen durchwühlt.
Bishop fragte weiter: »Auf welche Weise sind die beiden verprügelt worden? Gibt es dazu Erkenntnisse?«
»Stand jetzt gehen wir davon aus, dass beide Männer sowohl mit einem stumpfen Gegenstand als auch den Fäusten verprügelt worden sind. Leider werden wir keine DNA des Täters finden, fürchte ich. Genau wie bei Kahlke scheint der Täter Handschuhe getragen zu haben.«
»Was für ein Gegenstand? Eine Metallstange oder ein Baseballschläger oder so?«
»Nein, kein starres Objekt. Dazu passen die Verletzungen nicht. Ich würde eher von einem Totschläger ausgehen, so einen, den man früher verwendet hat. Vielleicht aus Leder, mit Stahlkugeln drin.«
»Oldschool!«, sagte Brenner anerkennend und zog die Augenbrauen hoch.
»Habt ihr eine Idee, was zuerst passiert ist? Die Fäuste oder die Waffe?«
Petersen legte den Kopf schief. »Jetzt bewegen wir uns auf wirklich dünnem Eis. Du weißt, dass wir da nur schwer belastbare Aussagen treffen können. Aber so wie ich mir den Tathergang vorstelle, gehe ich davon aus, dass der Täter in das Haus eingedrungen ist und das Opfer überrascht hat. Er hat ihm mit der Waffe ein paarmal eins übergezogen, bis Zucker benommen war, vielleicht schon zusammengebrochen ist. Dann hat der Täter noch eine Weile auf ihn eingeprügelt, mit den Fäusten, bevor er ihm dann den Bauch aufgeschlitzt hat.«
»Das klingt sehr persönlich.«
Petersen lächelte grimmig. »Da hatte jemand mit dem Opfer ein Hühnchen zu rupfen, das glaube ich auch.«
»Was ist mit den Mägen?«, fragte Bishop. Kurz erklärte er Nadirs frühere Theorie mit den Drogen. Petersen sah sie einen Augenblick nachdenklich an, beugte sich dann nach hinten, um in seine Unterlagen zu schauen. Studierte sie einen Moment. »Können wir uns noch mal genauer vornehmen, aber auf den ersten Blick würde ich sagen unwahrscheinlich. Dazu passen die Verletzungen eher nicht.«
Zurück im Büro der Vierten, drückte Bishop Nadir das Handy in die Hand. »Kannst du nachschauen, ob sich da irgendwas findet, das uns weiterhilft?« Er wandte sich an die anderen beiden. »Marika, versuch mal, nach ähnlichen Fällen zu suchen. Der Tathergang lässt auf jemanden schließen, der Erfahrung und wenig Skrupel hat. Vielleicht gibt es in den Akten Tathergänge, die zumindest Parallelen aufweisen.«
Sie machte sich auf den Weg zu ihrem Schreibtisch. Die Art von Recherche mochte sie, und sie war gut darin. Kurz musste sie an den Büffelmörder von Bernburg denken, den sie in einem ihrer letzten Fälle auf ähnliche Weise gefunden hatte.
»Brenner, wir kümmern uns weiter um Kahlkes und Zuckers Lebensläufe. Da muss es irgendeine Verbindung zwischen den Männern geben, die erklärt, warum sie beide zu Opfern geworden sind.«
Brenner stöhnte theatralisch. »Opferbiografien! Wie langweilig. Warum muss ich das machen? Warum bekommt immer Marika die spannenden Sachen?«
Marika lachte. »Ich darf den richtig heißen Scheiß machen, weil ich das coole Zeug finde! Im Gegensatz zu dir. Deswegen arbeitet der Chef mit dir zusammen. Um dir über die Schulter schauen zu können.« Sie zwinkerte ihm zu. »Your search-fu is weak! Noch viel lernen du musst, junger Padawan.« Nadir stimmte in ihr Lachen ein.
»Sehr witzig«, sagte Brenner.
»Jede Wette, zu Hause muss seine Frau immer seinen Schlüssel für ihn suchen«, sagte Nadir halblaut zu Marika. Brenner deutete einen Pistolenschuss auf seinen Kumpel an und drückte ab. »Das hat ja nicht lange gedauert, bis du die Seiten gewechselt hast, du Fähnchen im Wind.«
Bishop räusperte sich, ohne aufzuschauen. Die anderen drei unterdrückten ein Grinsen und machten sich an die Arbeit.
»Okay, schießt los, was habt ihr?«, fragte Bishop. Sie saßen im Kreis auf ihren Stühlen mitten im Büro. Er hatte das als Alternative dazu vorgeschlagen, sich einen der Meetingräume zu buchen. Oder sich über ihre Schreibtische hinweg zu unterhalten.
»Also, ich bin der David, und ich habe ein Problem mit Schokolade, schönen Frauen und schnellen Autos«, witzelte Brenner. Der Rest reagierte nicht.
»Ich habe was gefunden«, fing Marika an. »Über die INPOL-Datenbank bin ich auf einen parallelen Fall in Hamburg aus dem Jahr 2017 gestoßen. Dort ist jemand aus dem Rotlichtmilieu getötet worden. Erdrosselt, und dann wurde ihm der Bauch mit einer sehr scharfen Klinge aufgeschlitzt.«
»Hatte er einen Bart?«, wollte Brenner wissen.
Marika sprach weiter: »Ein Peter Schlosser, Mitglied einer Rockergang und Besitzer von zwei Bordellen, war das Opfer. Und ja, sogar auch mit Bart. Beziehungsweise so eine Art Walrossbart, so nennt das Internet den. Biker halt. Jedenfalls: als dringend tatverdächtig ist damals ein Däne gesucht worden, Asger Nygaard. Zu dem gibt es offenbar auch eine Fahndung über Interpol. Die Akte habe ich angefordert.«
»Wenn der Killer aus dem Rotlicht kommt, ist es vielleicht doch nicht so weit weg vom Dating«, warf Brenner ein. »Möglicherweise gibt es da einen Zusammenhang.«
»Wir sollten schauen, ob Kahlke oder Zucker irgendwas mit dem horizontalen Gewerbe zu tun hatten. Und wenn sie bloß Kunden von einem Escortservice waren oder so«, sagte Bishop.
»Kümmere ich mich drum«, bot Nadir an.
»Waffe ist damals nicht gefunden worden, und soweit ich das sehen konnte, haben wir keinerlei weitere Vermerke zu Nygaard in den Akten«, fuhr Marika fort.
»Kannst du herausfinden, ob Schlosser Verbindungen nach Dänemark hatte?«, fragte Bishop. Marika machte sich Notizen.
»Dänemark ist ein gutes Stichwort«, sagte Brenner. »Kahlke hat mehrere Jahre in Dänemark gewohnt, in Kopenhagen. Ist vor ungefähr fünf Jahren von dort weggezogen, nach Berlin.«
»Was hat er da gemacht?«
Brenner zuckte mit den Achseln. »Das Gleiche wie hier, Forex.«
»Was ist das?«, wollte Bishop wissen.
»Devisenhandel. Foreign Exchange oder FX. Hat aber wohl auch viel im Bereich Kryptowährung gemacht. War so eine Art Krypto-Broker.«
Marika überlegte: »2018 war die fette Bitcoin-Blase. Vermutlich hat er damals dicke Kohle gemacht.«
»Schlecht ging’s ihm jedenfalls nicht«, stimmte Brenner zu. »Ich habe noch nicht rausgefunden, warum er nach Berlin gekommen ist, aber nicht, weil er verarmt war oder so. Der hat eher die Welle geritten, als dass er untergegangen ist.« Er sah Bishop an. »Was ist mit deinem?«
Bishop kratzte sich über den kurz geschorenen Schädel. »Bisher nichts, was eine Verbindung zu Kahlke nahelegt. Aber«, sagte er und hob dazu den Zeigefinger, »eine Merkwürdigkeit: Ich habe fast nur Sachen aus der näheren Vergangenheit zu Zucker gefunden.«
»Heißt was?« Marika lehnte sich leicht nach vorne.
»Nichts, das älter wäre als fünf Jahre. Mehrere Profile auf Businessportalen – angelegt vor fünf Jahren. Bei den Social-Media-Profilen ist keins älter als fünf Jahre, und jetzt ratet mal, wie lange der in seiner Villa gewohnt hat?«
»Fünf Jahre?«, bot Marika ohne Enthusiasmus an. Sie konnte solche rhetorischen Spielchen nicht ausstehen. Bishop sah sie an, als wäre ihm das auch gerade wieder eingefallen. »Richtig«, erwiderte er. »Und sein Handyvertrag wurde ebenfalls in der gleichen Woche abgeschlossen. Der Mann ist quasi wie aus dem Nichts aufgetaucht.«
Brenner sah in seine Unterlagen. »Sommer 2018 ist Kahlke nach Berlin gezogen.«
»2018 passt. Vorher haben wir nichts Belastbares über Zucker«, sagte Bishop.
»Was ist seine Vita?«, wollte Marika wissen.
Bishop schüttelte den Kopf. »Stationen waren früher angeblich Frankfurt, München und Stuttgart. Aber das sind alles bloß Einträge irgendwo, nichts, zu dem ich wirklich etwas gefunden habe.«
»Das heißt, eine Arbeitshypothese könnte sein, dass Zucker zusammen mit Kahlke aus Kopenhagen gekommen ist?«, fragte Marika.
»Wäre zumindest möglich«, gab Bishop zu. »Was haben die Gespräche mit den Angestellten ergeben?«
Brenner schaute auf seinen Zettel. »Ähnlich wie bei Kahlke ist da nichts. Zucker hatte ein halbes Dutzend Leute im Büro, aber von denen ist keiner auffällig oder hatte uns etwas Spannendes zu sagen. Die Businesskontakte überprüfen wir noch, aber auch da habe ich wenig Hoffnung. Wegen der Kahlke-Connection. Wie machen wir weiter?«
»Kannst du mir mit Zucker helfen?«, sagte Bishop an Nadir gewandt. »Bei manchen von den Dingen müssen wir möglicherweise an seine digitalen Unterlagen ran, um Dinge zu überprüfen.«
»Klar.«
»Ich gebe dir alles, was ich bisher zu Zucker gefunden habe. Würdest du das mal gegenchecken, um zu sehen, ob wir mögliche Berührungspunkte übersehen haben?«, sagte er an Brenner gewandt. »Und schau mal, wie weit du mit Kopenhagen bei Kahlke kommst. Eventuell müssen wir eine Anfrage bei den dänischen Kollegen stellen, ob sie was für uns haben.« Er sah Marika an. »Und du versuchst bitte weiter, eine Spur von Nygaard zu finden. Wenn Interpol was zu dem hat, würde uns das möglicherweise einen ganzen Schritt weiterbringen.«
Mit zustimmendem Gemurmel erhoben sie sich und fingen an, ihre Stühle wieder zurück an die Tische zu schieben. Kamen sich dabei mehrfach ins Gehege. Marika wartete kurz, bis Nadir ihr Platz machte, und dachte darüber nach, dass sie auf lange Sicht dazu übergehen sollten, sich in einem der Besprechungsräume zu treffen. Sie warf einen Blick durch das Fenster zu der Sechsten, wo einige Kollegen ihnen wegen ihrer kleinen Zeremonie belustigte Blicke zuwarfen.
Marika spülte gerade das Geschirr vom letzten Abend, als Nadir von hinten an sie herantrat und sie umarmte. Für einen Moment hielt sie inne, legte den Kopf an seinen, während seine Hände über ihren Bauch strichen. Er küsste sie sanft aufs Ohr.
»Danke für den Kaffee gestern Nacht«, flüsterte er. Sie grinste. »Gern geschehen.«
Seitdem sie das erste Mal im Bett gelandet waren, war »Kaffee« ihre Metapher für Sex, weil sie tatsächlich den Klischeedialog geführt hatten, in dem Marika gefragt hatte, ob er nach dem Training noch auf einen Kaffee vorbeikommen wollte. Sie redete sich ein, dass sie damals tatsächlich nicht vorgehabt hatte, mit Nadir zu schlafen. Passiert war es trotzdem.
Sie waren bei Marika im Bett gelandet, nachdem sie mehrmals gemeinsam für ein Hindernisrennen trainiert hatten, mit einer Gruppe von Marikas Freunden draußen in Brandenburg. Nachdem sie den ganzen Tag durch den Wald, Schlamm und Büsche gerannt, gekrochen und geklettert waren, hatten sie die Tage jeweils gemeinsam bei Sauna und einem Umtrunk ausklingen lassen.
Beim letzten Mal hatte Marika Nadir mit dem Auto mitgenommen, und sie waren gemeinsam zurück nach Berlin gefahren. Und nicht bis zu seiner Wohnung gekommen.
Das war jetzt knapp einen Monat her, und sie hatten sich seitdem mehrmals in der Woche gesehen.
Er biss ihr ins Ohr, bevor er fragte: »Wie geht das jetzt weiter?«
Marika löste sich von ihm, trocknete sich die Hände am Geschirrtuch. Schob sich an ihm vorbei und setzte sich an den kleinen Tisch, der vor dem Fenster stand. Sie trank von einem der Kaffees, die sie gekocht hatte. Über die Tasse hinweg sah sie Nadir an, der sie aufmerksam musterte.
»Wie meinst du das?«, fragte sie, um Zeit zu gewinnen. Sie fühlte sich wie früher, wenn man One-Night-Stands, die man in irgendeinem Club aufgegabelt hatte, morgens möglichst stressfrei wieder loswerden musste. Nur dass sie Nadir eben nicht loswerden wollte.
»Mit uns, meine ich.« Er ging und zog den anderen Stuhl zurück. Setzte sich. Rührte den Kaffee nicht an. Hatte ja auch nachts schon eine doppelte Portion gehabt, zuckte es durch Marikas Hirn, aber sie wusste, dass ihr Unterbewusstsein abzulenken versuchte. Von dem Problem, das ihr dort gegenübersaß.
Sie räusperte sich. »Wie meinst du das?«, wiederholte sie noch einmal und kam sich dabei selbst dämlich vor. Sie schluckte, trank noch einmal von dem Kaffee. Musste aufstehen, um sich ein Glas mit Wasser aus dem Hahn zu holen. Ihre Kehle war trocken.
Mit dem Rücken zu ihm stand sie da, hielt das Glas mit beiden Händen fest, als könnte sie sich daran festhalten. Sie drehte sich wieder um.
Nadir verzog keine Miene, auch wenn er natürlich wusste, dass sie ihm auswich, auf Zeit spielte. Er zeigte sich nicht genervt, wurde nicht laut, forderte sie nicht heraus. Wartete einfach ab.
Als sie nichts sagte, fügte er hinzu: »Sind wir jetzt so etwas wie ein Paar? Darf ich darüber mit Leuten reden?«
Sie atmete tief ein und aus. Hielt das Glas immer noch fest gepackt. Dann schüttelte sie den Kopf. »Nein. Jedenfalls nicht, wenn du jemanden aus dem Job meinst.«
Nadir betrachtete sie mit seinen dunklen Augen. »Warum nicht?«, fragte er nach einem Moment. Sie antwortete nicht.
»Ich meine, ist das für dich nur so ein Sex-Ding, was wir hier laufen haben? Deswegen?«
Sie hatten einen Großteil der Zeit tatsächlich im Bett verbracht, weil der Sex großartig war. Nadir war ein aufmerksamer Liebhaber, der offenbar großen Spaß daran hatte, auf sie einzugehen. Manchmal kam es ihr vor, als wollte er sie komplett ausloten, sie studieren, um alles über sie zu lernen. Was ihr gefiel, was sie wirklich heißmachte, was nicht so gut funktionierte.
»Kleiner Streber«, hatte sie ihn dafür aufgezogen, aber tatsächlich war es eine angenehme Erfahrung, wenn sie an viele ihrer bisherigen Männer dachte. Die meisten hatten ihren eigenen Film gefahren und auch im Bett ihr Ding durchgezogen.
Aber neben dem Sex hatten sie gemeinsam gekocht, waren im Kino und in der Kneipe gewesen, hatten sich mit Freunden getroffen oder auf dem Sofa Serien geschaut. De facto führten sie längst so etwas wie eine Beziehung, musste sich Marika eingestehen.
Endlich sagte sie: »Weil ich mir das nicht leisten kann. Nicht mit einem Kollegen. Don’t fuck the company, hat eine Freundin mal gesagt. Deswegen.«
»Wieso weil du dir das nicht leisten kannst? Was ist mit mir? Wo ist da der Unterschied?«
Sie schnaubte verächtlich. »Weil du ein Mann bist. Wenn das Gerücht umgeht, dass du eine Kollegin ›klargemacht hast‹, dass du jemanden aus dem eigenen Team bumst – dann bist du einfach nur ein geiler Typ. Bekommst vermutlich von der Hälfte der Kollegen ein High-five, vom Rest vielleicht eine gehobene Augenbraue, aber wirklich übel nimmt dir das keiner. Ich dagegen …« Sie seufzte und machte eine kurze Pause, um zu trinken. »Ich bin die Schlampe vom Dienst. Die, die jeder knallen kann. Sie werden dich fragen, ob ich gut im Bett bin. Ob sie, wenn du mit mir durch bist, auch mal ihr Glück versuchen dürfen. Wobei ›Glück‹ da gar keine Rolle spielen wird, werden sie denken, weil die macht es ja mit jedem.« Sie knallte das Glas auf die Spüle, wurde lauter. »Komm, Nadir, du bist doch nicht erst seit gestern bei dem Haufen. Ich weiß, dass du einer von den Guten bist und nicht so einen Blödsinn laberst, aber die Sprüche hast du alle schon selbst gehört, oder? Wenn die Kerle über ihre Dates reden, über ihre Eroberungen oder selbst über ihre Freundinnen? Das ist doch jetzt nichts Neues, oder?«
Er schüttelte kurz den Kopf, ließ sie dabei nicht aus den Augen. Gerade fiel es ihr schwer, diesen Blick zu ertragen.
»Weil ich mich nicht habe einschüchtern lassen und weil ich vermutlich tougher bin als die meisten männlichen Kollegen, war ich jahrelang die Kampflesbe. Weil das nicht in ihr Frauenbild gepasst hat und sie mich so kleinhalten konnten. Wenn du mich jetzt klargemacht hast, okay, dann bin ich wohl keine Lesbe. Oder du ein noch größerer Held, weil du aus mir mit deinem Testosteron endlich wieder eine Hete gemacht hast.«
Sie musste erneut schlucken, weil sie sah, wie sehr ihn das traf. Langsam ging sie zu ihm rüber, streichelte sein Gesicht. Beugte sich vor, um ihn auf die Schläfe zu küssen, und sagte leise: »Ich weiß, es ist nicht fair. Irgendwie sind es immer die Arschlöcher, die die Regeln machen. Aber manchmal ist es mir einfach zu anstrengend, immer und überall gegen den Strom zu schwimmen. Verstehst du das?« Die letzten Worte hatte sie nur noch gehaucht, aber sie spürte, wie er seinen Kopf gegen ihren Mund in einem Nicken bewegte.
Marika zog die Wohnungstür hinter sich zu. Nadir war vor einer Weile losgegangen. Während sie die Stufen hinunterstieg, überlegte sie, ob es albern war, dass sie nicht zusammen zur Arbeit fuhren. Aber spätestens wenn sie das Büro erreichten, würden sie sich trennen müssen. Ansonsten dauerte es vermutlich keine zwei Tage, bis die Gerüchte in Umlauf gingen. Sie seufzte, während sie durch den Gang vom Hinterhof auf die Straße rausging.
Zum wiederholten Mal fragte sie sich, ob sie Nadir unrecht tat. Sich unrecht tat. Sie verhielt sich doch sonst auch immer, als wäre sie so tough. Warum fiel es ihr so schwer, das auch in diesem Fall zu sein? Einfach darauf zu pfeifen, was die Kollegen sagten, und ihr Ding zu machen?
Tief in Gedanken ging sie Richtung U-Bahn, als sie plötzlich abrupt stehen blieb. Sie drehte sich langsam um, versuchte zu erkennen, warum sie das Gefühl gehabt hatte, beobachtet zu werden.
Gegenüber trat ein junger Mann mit mehreren Tüten in der Hand aus dem türkischen Supermarkt. Er hielt kurz inne, um die Jacke zu schließen, gegen den Herbstwind, und lief dann in die andere Richtung davon. Ihm kam eine junge Mutter mit Kinderwagen entgegen. Marika sah rüber zu ihrer Straßenseite, auf der ihr ein Junge auf einem Kickboard entgegenkam. Ihr Blick glitt nach oben, über die teilweise entlaubten Bäume. Über die grauen Häuserfassaden, den Himmel in einer ähnlichen Farbe.
Seit sie bei einem ihrer letzten Fälle mit jemandem zu tun gehabt hatten, der Menschen mit Hilfe seiner Drohne ausgespäht hatte, tat sie das immer wieder. Und zog deutlich häufiger als früher ihre Vorhänge zu. Nadir hatte sich darüber lustig gemacht. Immer wenn sie gemeinsam in die Wohnung kamen, ging sie sofort dorthin und zog sie zu. Sie hatte seine Witze ignoriert. Die Vorstellung, dass trotz all ihrer Heimlichtuerei Videos existieren könnten von Nadir und ihr, machte ihr eine Gänsehaut. Videos, die dann über das Intranet an alle Kollegen gehen könnten. Leichte Übelkeit erfasste sie, und ein Frösteln ließ sie zusammenzucken. Sie drehte auf dem Absatz um und zwang sich, zügig Richtung U-Bahn zu laufen.
David begrüßte Marika mit einem Nicken, als sie hereinkam. Sie sagte etwas zu Nadir, und er lachte. Seit Nadirs Tisch neben Marikas dazugekommen war, taten sie das oft. David ärgerte sich darüber, dass ihm das auffiel. Und dass es ihn nervte.
»Wo ist der Chef?«, wollte sie wissen.
»Noch oben bei der Kettler. Bringt sie auf Stand, hat er gesagt.«
Marika zog eine dunkle Augenbraue nach oben. »Die Frau Staatsanwältin ist aber plötzlich ganz schön an unserem Tagesgeschäft interessiert.«
»In der Tat.« David machte Eingaben auf seiner Tastatur.
»Wissen wir warum?«
Er schüttelte den Kopf. Als er ihren Blick noch einen Moment länger auf sich spürte, sah er hoch. Aber sie hatte sich weggedreht und eine Unterhaltung mit Nadir angefangen.
Er wandte sich wieder dem Monitor zu.
David schloss die Tür des kleinen Besprechungsraums, den er gebucht hatte. Marika hatte sich neben Nadir gesetzt, Bishop nahm gerade an der Stirnseite Platz, und David zog sich einen Stuhl gegenüber von Marika und Nadir zurück.
Außer dem Tisch und den Stühlen darum gab es nur noch ein niedriges Regal an der Seite, auf der mehrere Flaschen Mineralwasser und Gläser standen. David nahm sich eine der Flaschen, öffnete den Kronkorken und trank direkt einen Schluck. Die anderen lehnten sein wortloses Angebot ab.
Zunächst hatte Bishop mürrisch das Gesicht verzogen, als David verkündet hatte, dass sie sich in dem Raum treffen würden, aber Marika und Nadir fanden die Idee gut, deswegen hatte Bishop offenbar nichts weiter dazu gesagt. »Dann muss ich mich nicht mehr fühlen, als säße ich beim Elternabend«, hatte Marika mit einem Lachen gesagt.
David überlegte kurz, ob er sich setzen und dem Chef die Leitung des Meetings überlassen sollte, aber irgendwie wäre er sich komisch dabei vorgekommen. Immerhin hatte er die Besprechung angesetzt und forciert, dass sie dafür umgezogen waren. Also räusperte er sich kurz und beschloss, einfach ins kalte Wasser zu springen. »Hast du was von Interpol, Marika? Zu Nygaard?«
Marika schlug ihre Mappe auf. »Asger Nygaard, geboren 1977 in der Nähe von Aalborg. Wurde gesucht wegen einer Reihe von Morden in Dänemark, vor allem Kopenhagen, mit denen er in Verbindung gebracht wurde, und mindestens drei Toten in Malmö, für die er ebenfalls verantwortlich sein soll. Und dann der Tote in Hamburg, wegen dem wir überhaupt auf ihn aufmerksam geworden sind.« Sie blätterte weiter. »Genannt ›der Hai‹.« Sie legte ein ausgedrucktes Foto in die Mitte des Tisches.
Bishop nahm es sich als Erster, betrachtete es kurz und reichte es dann an Nadir weiter.
David schaute über dessen Schulter. »Niedliches Kerlchen«, sagte er. Das Bild zeigte einen Mann mit kurzen blonden Haaren, erstaunlich dunklen Augen und einem grimmigen Gesichtsausdruck. Die kantigen Kiefer wurden durch die angespannten Muskeln noch betont.
»Den Spitznamen hat er unter anderem wegen der Narbe am Hals«, erklärte Marika. »Was aussieht wie eine krasse Hautfalte, ist tatsächlich ein Überbleibsel von einem Mordversuch. Jemand hat versucht, ihn mit einer Drahtschlinge zu erwürgen. Dabei hat er sich die Narbe zugezogen. Angeblich sieht die aus, als würde ein Hai lächeln.« Sie zuckte mit den Schultern. »Kann man auf den Bildern nur schwer erkennen.«
David nahm sich das Bild und betrachtete es genauer. Am Hals, direkt über dem Ausschnitt des Shirts, konnte man die große Narbe sehen. »Sieht bestimmt lustig aus, wenn die sich bewegt«, kommentierte er, bevor er Marika das Blatt zurückreichte.
»Wie sicher sind die sich, dass er für die Morde verantwortlich ist?«, wollte Bishop wissen.
Marika legte den Kopf schief. »Beweise gibt es keine, nur Indizien. Und dass der Tathergang in allen Fällen mit seinem Modus operandi übereinstimmt. Er ist in den Neunzigern für einen Doppelmord verurteilt worden, bei dem er den Opfern den Bauch aufgeschlitzt hat. Danach ist das so etwas wie sein Markenzeichen geworden.«
»Denkt Interpol«, warf David ein.
»Richtig, denkt Interpol beziehungsweise die dänischen Behörden. Sicher wissen sie es nicht. Aber in mindestens einem der offenen Fälle haben sie seine DNA am Tatort gefunden. Man geht davon aus, dass Nygaard ein Auftragskiller für das organisierte Verbrechen war. Alle Toten haben entweder selbst eine Rolle in dem Milieu gespielt oder standen zumindest in Verdacht, damit zu tun zu haben.«
»Warum ›war‹? Was ist mit ihm passiert?«, hakte David nach.
»Gut aufgepasst, Brenner. ›War‹, weil Nygaard offiziell verstorben ist. Getötet 2021 durch die Explosion einer Autobombe in Istanbul. Von wem konnte nie ermittelt werden.«
David nahm einen Schluck Wasser aus seiner Flasche. Dann streckte er die Arme aus und formte seine Finger zu Krallen. »Cool, ein Wiedergänger. Der Typ ist gar nicht tot, sondern wiederauferstanden und jetzt gekommen, um sich an seinen Peinigern zu rächen. I like!« Er machte ein paar röchelnde Geräusche.
»Depp!«, sagte Marika mit einem Lächeln. Sie fuhr fort: »Laut den Akten war Nygaard davor eine ganze Weile verschwunden. Es gab in Kopenhagen eine heftige Auseinandersetzung zwischen zwei verfeindeten Organisationen. Die Dänen gehen davon aus, dass Nygaard im Zuge der Konflikte Dänemark verlassen hat und untergetaucht ist.«
»Irgendjemand scheint ihn trotzdem gefunden zu haben«, bemerkte David.
Marika fuhr fort: »Die Kollegen von Interpol gehen nicht davon aus, dass der Hai nach seinem Abgang wieder aktiv geworden ist. Vermutlich hat er tatsächlich einfach versucht zu verschwinden, aber jemand hat ihn aufgespürt und in die Luft gejagt.«
»Ich könnte mir vorstellen, dass ein Auftragskiller jede Menge offener Rechnungen zurückgelassen hat«, wandte Nadir ein.
»Möglich«, sagte Bishop. »Gibt es Informationen zu den Leuten, mit denen Nygaard in Kopenhagen zu tun hatte? Für die er angeblich gearbeitet hat?«
»Gibt es. Ich habe noch nicht alles bekommen und bin auch noch nicht sehr weit, aber wir kriegen auf jeden Fall alles, was sie für uns haben.«
»Gut. Dann sollten wir zusehen, ob wir eine Verbindung zu Hannes Kahlke herstellen können. Das wäre das Direkteste.« Bishop sah bei seinen Worten David an und redete weiter: »Petersen hat sich Zuckers Dokumente noch mal genauer angesehen.« Er machte eine kleine Pause für den Effekt. »Zucker hat sich vor fünf Jahren hier mit einem Reisepass angemeldet. Von dem Reisepass haben wir aber keine Spur gefunden.« Die anderen sahen ihn irritiert an. Bishop schnalzte mit der Zunge. »Ich weiß, es ist etwas kompliziert. Wartet ab. Also, Zucker kommt mit einem Reisepass in Berlin aufs Amt und meldet sich um. Vermutlich behauptet er, dass sein Perso gestohlen wurde. Beantragt daraufhin einen neuen Personalausweis. Den haben Petersens Leute gefunden, der ist echt. Ein paar Wochen später beantragt er einen weiteren Reisepass, angeblich, weil ihm der auch gestohlen wurde.«
»Zusammen mit dem Perso?«, fragte David verwirrt. Marika tippte sich an die Stirn. »Nein, dann hätte er sich ja nicht ummelden können.«
»Richtig«, sagte Bishop. »Darüber sind wir auch gestolpert, Petersen und ich. Ein merkwürdiger Zufall, oder?«
»Was ist eure Arbeitshypothese?«
»Wir haben gleich an einen gefälschten Pass gedacht. Eine Anmeldung mit dem zu bekommen ist relativ leicht.«
»Ein neuer Personalausweis aber nicht so sehr«, warf David ein. »Da müssen die Einträge im Melderegister stimmen.«
