Mops Eisenfaust - Günter Saalmann - E-Book

Mops Eisenfaust E-Book

Günter Saalmann

4,9

Beschreibung

Eine Kindheit in einem Luftschutzkeller Kölns, Ausbombung, Übersiedlung mit der Mutter nach Sachsen, wo der Großvater auf einem Rittergut als Buchhalter Dienst tut. Der Junge erlebt den Umgang mit russischen Kriegsgefangenen, den Durchzug eines KZ-Todesmarsches. Er, der den Namen Justus, der Gerechte, trägt, erkennt sehr spät und nur ahnungsweise dass er in einem verbrecherischen System denken gelernt hat. Er erlebt den Einmarsch der Roten Armee, die Repressalien seiner Mitschüler. Er beschafft sich eine Pistole ...

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

Günter Saalmann

E-Books von Günter Saalmann

Impressum

Günter Saalmann

Mops Eisenfaust

oder:

Der Blindgänger/Justus im Krieg

Roman

ISBN 978-3-86394-051-5 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien 1991 bei Der KinderBuchVerlag

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2011 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.com

1. Kapitel

Auf einmal ist er Mopswange und wieder ganz klein.

Heitler schimpft.

Unter dem Schrank mit den hohen Beinen sitzt Mopswange auf dem Topf, kippelt ein bisschen und lauscht auf Heitlers Stimme. Ein Tönchen quietscht aus seinem Hinterteil, Mutti sagt: "Untersteh dich, so ein großer Junge!"

"Sirene", antwortet er listig und lässt ein kleines Gelächter los. Muttis Hand mit dem Staubtuch wischt eilig um die Schrankbeine, fährt in alle Rillen. Ihr Gesicht sieht aus, wie wenn sie sagt: Mit mir ist heute nicht gut Kirschen essen. Sie bleibt stumm. Er mag ihr Kirschenessengesicht nicht.

Also probiert er die Sirene noch einmal. Diesmal mit dem Mund. Aber doch so, dass sie denken muss, nicht mit dem Mund.

"U-i-i-i..." Er strengt sich mächtig an.

Merkt sie den Spaß nicht? Wenn er wirklich müsste, würde er schnell zum Klo laufen, sie hat extra für ihn die Ziehkette mit Bindfaden lang gemacht. Und er hat ja auch seine Strickhosen über dem Po. Er sitzt bloß so zum Spaß auf seinem alten Topf, kippelt ein bisschen, hört zu, wie Heitler schimpft.

"U-i-i-i..." Oh, er kann laut quietschen, es juckt im Ohr. Er muss sie doch zum Lachen bringen. Dann legt sie bestimmt das Staubtuch weg, nimmt seine Wangen zwischen ihre Hände, dass sein Mund ganz spitz wird, sagt: Mopswange, mein tüchtiger Junge.

Und er wiederholt: Mopfange.

"U-i-i-i..." Er quietscht so toll es geht. Nichts. Sie ist hinaus gelaufen, er hört sie in der Küche hantieren. Vielleicht hebt sie sich das Lachen für nachher auf, wenn Tante Meier da ist. Die soll heute mit dem Eimer heraufkommen. Sie ist Muttis Kraft beim Saubermachen. Sie werden alle drei lachen, Mopswange am lautesten. Über den tüchtigen Jungen Mopswange, der so fein die Sirene machen kann.

Tüchtig, das ist er. Wenn der Weihnachtsmann kommt, hat er Geburtstag. Er weiß schon alles:

Sirene. Die richtige, große Sirene steht auf dem Dach und kann heulen.

Heitler. Er sitzt im Radio. Im Radio im Schrank, unter dem Mopswange sitzt. Heitler wohnt über Mopswange. Heitler kann schimpfen und dann auch wieder schöne Musik machen.

Ja, Mopswange weiß Bescheid. Er spricht hochdeutsch, nicht kölsch wie Tante Meier, nicht wie Onkel Meier. Mutti sagt immer: Wir sprechen hochdeutsch, wir sind nicht Meier, Müller, Schulze. Mopswange kann auch rechnen: Eins und eins sind zwei, zwei und zwei sind drei, drei und drei sind vier. Und so bis zehn. Danach kommt bloß noch die Zahl Mijonmijarde.

Mijonmijarde Schweine.

So einen Haufen Schweine hat Mops tatsächlich schon einmal gesehen. Das war in dem Dorf am großen Rheinwasser, da war Mops mit Onkel Meier Nüsschen sammeln.

Manchmal nämlich, wenn Mutti und Tante Meier die Wohnung putzen, gehen Mops und Onkel Meier Nüsschen sammeln. Erst fahren sie mit der Straßenbahn, schauen aus dem Fenster, dann spazieren sie Hand in Hand. Der Onkel hinkt ein bisschen, sein eines Bein ist ab, ganz ab putiert, und der Doktor konnte es nicht wieder dran putieren, so hat er eins aus Holz genommen. Da hinkt Mops immer ein bisschen mit, so machen sie zusammen Spaß.

Der Onkel muss sich oft ausruhen. Da sitzt er dann irgendwo still für sich, schluckt aus der Thermosflasche und macht: "Umb!" aus seinem Hals.

Das eine Mal kroch Mops beim Sammeln unter einem Holzbalken durch. Da lagen viele Nüsschen, ganz blanke, manche mit einem kleinen Hütchen, die waren von dem Baum gefallen. Eben hatte er eine Hand voll gesammelt, drei große Nüsschen, da kamen sie, die Schweine. Mijonmijarde. Und ein großes dickes hat "uch, uch" gemacht und toll gestunken und Mops umgeworfen. Schon wollte es Mops fressen, schnuffte schon mit seiner nassen Nase an der Hand herum, wo die Nüsschen drin waren.

Da kam Heitler mit einer schönen Musik, die an einem bunten Band um seinen Hals hing. Heitler hat gesungen, plötzlich aber die Musik ins Gras gelegt und ist Mops zu Hilfe geeilt.

Mops erinnert sich noch an Heitlers weiße Kniestrümpfe, wie sie über den Balken sprangen. Die Schweine sind davongelaufen, und Mops hat nicht geweint, sondern mutig gerufen: "Haut ab, böse Schweine!"

Da wurde er aber schon über den Balken gehoben und auf Onkel Meiers Schulter gesetzt, der gerade ganz atemlos angeschnauft kam.

Heitler aber hat seine Musik genommen und ist schnell im Gebüsch verschwunden. Mit ihm waren noch mehr große Jungen und Mädchen, und sie trugen Ansteckblumen an den Kniestrümpfen.

Mops kennt solchen Blumen: Sie heißen Edelweiß.

Mops weiß alles. Manchmal mehr als Onkel Meier.

Der hat gar nicht erkannt, dass das eben Heitler war.

"Na, mit der Musik!" hat Mops ihm geholfen.

"Mit dr Musik?"

"Na, im Radio singt er auch immer!"

Onkel Meier hat gestaunt über Mops und ganz toll gelacht: "Wat du nit allet in dingem Köppchen häs! Richtich. In mingem Radio sing hä ooch."

"Stimmt's, manchmal singt er, manchmal wieder schimpft er. Aber er ist lieb."

"Jenau su is et. Hä schäng, ävver hä pass op, dat die falsche Käls dene Kinder nix dun."

"Und die Schweine auch nicht." Zufrieden ist Mopswange ein bisschen auf Onkel Meiers Schultern herumgehüpft. Er weiß: Darum heben alle Leute die Heitlerhand zum Gruß. Die Heitlerhand, nicht die andere, die linke Hand heißt.

Später in der Straßenbahn musste Mops dauernd die knurpelige Nase des Onkels betrachten, die auf einmal so rot leuchtete. Und er musste noch ein bisschen Spaß machen auf den Schreck mit den Schweinen:

"Stimmt's, Onkel Meier, du begießt deine Nase mit rotem Wein?"

Denn das hat Mutti gesagt: Onkel Meier begießt seine Nase mit Wein. Onkel Meier hat dieses Mal nur ein bisschen gelacht, weniger als Mops und sogar weniger als die Leute in der Bahn.

Der Heimweg führte wieder an dem Haus vorüber, wo im Eingang immer der Soldat Wache steht. Der Soldat kennt den Onkel und nickt knapp, wenn der hineingeht.

Mops hat derweil gründlich das Gesicht unter dem Stahlhelm angeschaut, das große Kinn, die tapferen Wangen. Mops kann an den Wangen sehen, wie tapfer der Soldat ist.

Tapfer sein heißt: Zähne zusammenbeißen.

Der Soldat biss die Zähne zusammen, als Mops sich hinhockte, an dem Soldatenknie roch und fragte: "Wie heißt du? "

Aber da war Onkel Meier schon zurück, hat Mops schnell bei der Hand genommen und mit dem Auge geblinzelt: "Jung, dat is der Härr Gestapo!"

Mops musste natürlich erfahren, was Onkel Meier in dem Haus vom Herrn Gestapo gewollt hatte. Der Onkel hat es ihm verraten: Meldung musste er machen, dass da die bösen Schweine frei herumlaufen.

"Mijonmijarde", hat Mops genickt.

Der Soldat hat jetzt auch mit dem Auge geblinzelt, und dann sind sie beide fröhlich nach Hause gehinkt und Onkel Meier hat Mops bei Mutti abgeliefert.

Mops kennt noch einen anderen Soldaten, der heißt Vati. Manchmal kommt er zu Mutti und Mops nach Hause, er hat rote Haare, sein Gesicht kratzt, und sein Knie riecht wie das Knie von dem Herrn Gestapo. Auf Vatis Knie kann man herumklettern, weil Soldaten zuhause nicht Wache stehen, sondern auf dem Sofa sitzen.

Natürlich klettert Mops gewöhnlich nicht auf Vatis, sondernd auf Muttis Knien. Wenn sie sitzt und nicht putzen muss. Und am liebsten, wenn sie das blaue Kleid trägt mit dem Ausschnitt. Gelegentlich stopft er dort flink eins von seinen Nüsschen hinein, und sie macht "huch!" Aus einem Nüsschen ist nämlich er selbst gewachsen, war erst ein ganz kleines Baby. Womöglich klappt es wieder einmal, und es wächst noch eins, diesmal ein Schwesterchen. Das könnte er zum Spielen brauchen.

Da er aber bis heute kein Schwesterchen hat, da er allein hier sitzt und auf dem Töpfchen kippelt, möchte er, dass Mutti nun endlich aus der Küche kommt. Dass sie seinen Mund zwischen ihre Hände nimmt und mit ihm "Mopfange" macht!

"U-i-i-i..." Seine Sirene schneidet in den Ohren. Mutti betritt endlich das Zimmer.

Hebt ihn vom Topf. Sagt aber nicht: Mopswange, mein tüchtiger Junge. Sie ruft: "Puh!"

Und während sie seine Strickhosen zu einem kleinen Bündel legt und hinausträgt, sagt sie: "Jetzt ist der Krieg schon ein Jahr alt und du wirst bald fünf."

Krieg, das ist: Später schlafen. Mutti merkt gar nicht, wie man das Nachtgebet dehnt.

"Ich bin klein mein Herz ist rein soll niemand drin wohnen als unser Heiland allein."

Mutti hilft weiter: Lieber Heiland, beschütze Vati..."

"Und Mops und Mutti."

"Und wen noch?"

"Und Opa Gaul."

"Recht so."

"Mutti?"

"Ja, mein Mops?"

"Stimmt's Mutti, unser Heiland ist überall. Bei Vati, bei Opa Gaul, beim Onkel Meier im Radio, bei uns im Radio. Sogar wenn wir spazieren gehen. Überall. Aber wie kann er das?"

Mutti ist in ihren Gedanken versunken. "Er kann halt alles." Sie schaut auf ihre Uhr.

Aber nun setzt Mops eine Miene auf, die zeigt, wie sehr auch er in seinen Gedanken versinken kann: Er runzelt die Brauen und denkt: Wie fix muss Heiland laufen können, wenn er mal auf der Wiese bei den Nüsschen ist, mal im Radio. Und wer weiß, wo sonst noch. Und mal ist er groß, ein großer Junge mit Edelweißstrümpfen, mal klein, damit er in das Radio passt. Und warum sagt man tagsüber "Heitler" und hebt den Heitlerarm, und am Abend faltet man die Hände und sagt "Heiland"?

"Mutti, warum..."

"Pscht. Beim Beten soll man keine Privatgespräche führen, sonst hört der Heiland nicht mehr zu. Also, wen soll er noch behüten?"

"Onkel und Tante Meier."

"Hm. Na gut. Und bei der Gelegenheit kann der Heiland die reizende Tante überzeugen, dass sie wieder regelmäßig dienstags zum Saubermachen raufkommt. Der Teppich sieht aus... Aber wir schließen alle in unser Kindergebet ein."

"Auch die bösen Schweine?"

"Welche Schweine nun wieder. Schweine werden geschlachtet. Aber zum Schluss bitten wir noch einmal aus tiefem Herzen, dass Vati heil und gesund wiederkehrt. Und wir sagen zum Heiland: Mach, dass bald Frieden wird und Sieg. Amen."

"Amen. Und Mopfange?"

Sie machen "Mopfange".

Mutti geht auf Zehenspitzen, knipst das Licht aus und schließt leise die Tür von draußen. Er sieht, wie ihre Gestalt sich hinter dem Milchglas auflöst.

Wenn man beim Amen die gefalteten Daumen ganz, ganz, ganz, ganz, ganz toll drückt, dass es wehtut, dann soll es helfen, das Beten. Man weiß bloß nicht wann. Noch sicherer wäre bestimmt, wenn man das Beten direkt drüben, im Wohnzimmer, unter dem schönen Schrank erledigen würde. Damit Heiland, der tagsüber Heitler heißt und sich jetzt gewiss auch gerade schlafen legt, es auch wirklich hört in seinem Radiokasten im Schrankfach.

Das Beten hilft aber auch so.

Zum Weihnachtsfest, das zugleich Mopsens Geburtstag ist, kehrt Vati heim, heil und gesund.

"Vati, Vati, stimmt's, jetzt ist Sieg!"

Der Vati nimmt seinen Sohn aufs Knie: "Noch ein bisschen Geduld, mein großer Mops."

Vati nennt ihn immer Mops, Mutti und Mops selbst hingegen sagen mal Mops, mal Mopswange. Weil er diese dicken Mopswangen hat. Mops beißt seine tapferen Zähne zusammen und müht sich, einen silbernen Knopf von Vatis Uniformbrust abzudrehen. Mutti kichert und freut sich, wie gut Vati bei der deutschen Wehrmacht das Knöpfeannähen gelernt hat. Ihre Finger zausen den roten Schopf ihres Urlaubers. Die Sonne scheint durchs Fenster durch Vatis Haar, es glüht golden wie das schöne Feuer im Küchenherd, und sie hat ihr blaues Kleid an.

Der ganze Vati riecht wie das Knie vom Herrn Gestapo. Bestimmt riechen alle Soldaten so.

"Vati, warum hast du keinen Stahlhelm wie der Herr Gestapo?"

Gleich muss Mops erzählen, woher er diesen Herrn kennt. Vati macht ein bedenkliches Gesicht und meint, Mops soll nicht mehr so viel mit dem Onkel Meier zum Nüsschensammeln gehen. Mutti sagt, ja, wirklich, der Junge gewöhnt sich leicht das Hinken an.

Vati schmunzelt schon wieder. Bei den Franzosen, wo er jetzt Dienst schiebt, erzählt er, braucht er keinen Stahlhelm mehr, Weihnachtsmänner sind sie, die Franzosen, machen gleich Händehoch.

Am Abend poltert es mächtig gegen die Wohnungstür.

"Wer mag das sein?" Mutti traut sich gar nicht, aufzumachen. Und Vati ist gerade mal fortgegangen. Mops läuft öffnen. Da steht in einem roten Mantel...

Mops flitzt in Schlafzimmer. Dort liegen Vatis Sachen. Die Pistolentasche öffnet sich leicht. Der Weihnachtsmann steht schon im Flur. Dieser Franzose.

Mops muss die Pistole mit beiden Händen halten: "Händehoch!"

"Mops!" schreit Mutti.

Der Weihnachtsmann lacht mit Vatis Stimme: "Sie ist nicht durchgeladen."

Aus dem Weihnachtsmannsack kommt eine andere Pistole zum Vorschein. Eine aus Holz, mit bunten Ringen um den Lauf und einem Hahn zum Spannen. Mops bekommt einen deutschen, kratzenden Weihnachtsmannkuss von Vati und einen Geburtstagskuss vom Mutti. Und er wird ermahnt: Mit einer Pistole legt man nie auf Menschen an. Vor allem nicht zum Spaß. Das muss er aber dem Heiland ganz fest versprechen, da freut er sich, weil er auch gerade heute Geburtstag hat.

Nachher brennen die Lichter am Baum. Mutti erzählt Mopsens Spaß mit der Sirene. Sie und Vati sagen: "Du bist jetzt fünf Jahre alt, und wir sind deine Eltern." Die Eltern machen "Prost" mit rotem Wein, Mops mit Himbeersaft. Heitler singt im Radio "O Tannenbaum". Vati singt "Wer hat denn den Käse zum Bahnhof gerollt" und kann mit seiner Zigarette Rauchringe rauchen.

Einige Tage später schnallt er seine eiserne Pistole um, legt seinem Sohn seine rötlich gesprenkelte Hand auf den Kopf. Nimmt dann Mutti ganz eng in die Arme, dass gar kein Platz mehr ist für Mops. So steht Vati einen Moment, dann schiebt er Mutti von sich. Die Eisen unter seinen Stiefeln klingeln hell im Treppenhaus.

Diesen Vatiurlaub hat Mops gemacht. Durch tolles Daumendrücken beim Beten zum Heiland.

Was ist Heimatfront?

Heimatfront, das ist die Feuerpatsche: Ein Scheuerlappen an einem Besenstiel, dazu zwei Eimer voll Wasser und Sand im Treppenhaus.

Heimatfront, das sind schwarze Rollos an den Fenstern: Die Verdunkelung.

Und der neue flache Karton ist auch Heimatfront. Mutti hebt den Deckel ein bisschen ab, neugierig lugt Mops hinein. Und beginnt zu zittern. Aber unerbittlich zieht Mutti seine Hand zu dem Glotztier, das nun offen aus dem Karton schaut. Mopsens Fingerspitzen berühren die gläsernen Augen und etwas Kaltes, das ebenfalls zittert.

"Das ist doch nur Gummi!", sagt Mutti.

Mops aber schreit.

Mutti redet auf ihn ein: "Wir machen ei, wir machen ei, gute, liebe Gasmaske!"

Er reißt sich los, flieht zu Heitler unter den Schrank. Es dauert Tage, bis er sich das Glotztier übers Gesicht ziehen lässt. Das Gummi reißt an den Haaren, obwohl Mutti seinen Schopf extra gasmaskenkurz geschnitten hat. Innen riecht es streng und fremd. Mops erhält den Befehl zu atmen. Atmen ist: Rauschen, Schnarchen, Rauschen, Schnarchen. Ein Topf mit Löchern wird aufgeschraubt: Der Filter. Er lässt kein Gas in die Kinderlunge.

"Was ist Gas, Mutti?" Seltsam dumpf klingt die eigene Stimme.

"Böse Luft, die Menschen totmacht. Sie könnte in einer Bombe aus einem englischen Flugzeug abgeworfen werden. Obwohl die Engländer das nicht dürfen."

Wer beim Gasmaskeaufsetzen kein bisschen mehr weint, ist schon ein großer, verständiger Junge. Der heißt nicht mehr einfach Mops oder Mopswange. Wenn ihn einmal große Leute fragen, wie er heißt, und wo seine Mutti ist, nennt er ihnen seinen großen Namen: Justussallmannkölnehrenfelderstraßeeinundfünfzig.

Was ist eine Volksgenossin?

Eine Volksgenossin kommt nicht mehr zum Saubermachen.

"Ha, jetzt ist man Volksgenossin", schimpft Mutti mit Kirschenessenmiene und Putzturban, unter dem wirres schwarzes Haar hervor schaut. Sie kniet und bearbeitet den Teppich. Schrubb, schrubb, macht die Bürste. "Ha, wir haben es nicht mehr nötig, was, werte Volksgenossin Meier? Wir reden jetzt hochdeutsch und kündigen die Stellung. Sind auf einmal zu vornehm fürs Putzen!"

Schrubb, schrubb.

"Einen Pelzmantel haben wir uns schnell noch angeschafft! Wer hat den wohl bezahlt, hm?"

Schrubb, schrubb, schrubb.

Die Bürste schrubbt, als wäre der Teppich der Pelzmantel, und die Volksgenossin Meier steckte  darin: "Mal gründlich mit dem Ausklopfer, das täte uns gut..."

Früher hat Mutti mit Frau Meier gelacht. Jetzt ist sie böse auf sie. Sie will mit ihr keine Volksgenossin sein.

An einem kalten Abend klingelt ein Mann. Kinn und Nase verschwinden hinter einem Wollschal. Er friert, trotzdem trägt er seinen Mantel über dem Arm, den ausgefransten Innenstoff nach außen. Er ist alt und dünn, ein Brillenglas hat einen Sprung. Höflich lüftet er seinen Hut und macht sogar eine Verbeugung zu Mops herunter.

"Gestatten, Salomon", sagt er leise.

"Sallmann", stellt sich auch Mutti vor. "Sie wünschen?"

Er streckt seine Nase aus dem Schal: "Sie kennen mich wohl nicht? Ich hatte die Bäckerei an der Ecke."

"Das muss länger her sein. Denn ich habe nicht das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft. Dabei wohnen wir schon ein paar Jährchen hier. Und was wünschen Sie nun?"

Er guckt zur Seite und murmelt, kaum zu verstehen: "Ich könnte Ihre Fensterverdunklungen abdichten."

"Hat die Volksgenossin schon lange gemacht", sagt Mops.

"Oder ich könnte ihren Briefkasten festschrauben. Ich sehe, er hängt locker. Erledige alle Arbeiten in Haus und Keller..."

"Nicht nötig, auf Wiedersehen." Mutti will schon die Tür zumachen. Da kommt Mops ein guter Gedanke:

"Er kann den Teppich ausklopfen!"

Der Mann sagt: "Ja, selbstverständlich."

So kommt es, das der frischgeschrubbte Teppich außerdem noch mit dem Ausklopfer geklopft wird. Auch ohne die Volksgenossin. Und damit sie es gut sehen kann, geschieht es an der Stange im Vorderhof direkt vor ihrem Fenster.

Was ist Fliegeralarm?

Fliegeralarm ist u-u-u-i-i-i-u-u-u-i-i-i-u-u-u, das Heulen der Sirenen auf den Dächern.

Die haben das Heulen bisher bloß geübt. Tagsüber. Jetzt können sie es gut und tun es bei Nacht mitten in den Traum hinein, auf und ab, auf und ab.

Dann hebt Mutti ihren Jungen aus seinem warmen Bett, das seit Vatis Besuch nun alle Abende auf dem Wohnzimmersofa aufgeschlagen wird. Weil Mops jetzt groß ist, und ein großer Junge schläft nicht mehr im Elternschlafzimmer.

Schlüpfer, Leibchen, Strümpfe, Hemd, Pullover, Hose, Mantel, alles liegt griffbereit. Mutti hilft.

Aber während sie sich dann selbst hastig ankleidet, krabbelt er mitsamt seinem Kopfkissen unter den hochbeinigen Schrank, taumelig vor Schlaf.

Dabei weiß er, es gibt kein Entrinnen. Er muss den kleinen, grünen Rucksack mit Teddy und Gasmaske tragen. Mutti nimmt die großen, schweren Sachen.

Der Kellerraum hat weiße Wände. An einem Draht hängt eine Glühbirne. Onkel Meier, den alle Leute jetzt mit "Herr Luftschutzwart" anreden, steht im Eingang und ruft:

"E ren en et joode Stüffche! Tätä tätä tätä!" Er macht Spaß, denn mit rheinischem Humor klappt es noch mal so gut an der Heimatfront, findet er. Die Volksgenossin hat ihren neuen Pelzmantel an und muss die Schäfchen zählen, ob alle unten sind.

Zwei Liegestühle für Sallmanns haben ihren Platz an der frisch gemauerten Mittelsäule. Mops wird in seine himmelblaue Decke gehüllt und soll wieder schlafen.

Die Mieter haben sich längs den Wänden hingesetzt. Sie sind aber meistens alte Leute und keiner hat rheinischen Humor. Nur einer ist nicht alt: Rostecks Karl. Aber auch er hockt stumm auf seinem Koffer, die Ellenbogen auf den Knien, kümmert sich um niemanden. Seine Augenbrauen machen über der Nase einen Wirbel aus finsteren schwarzen Borsten. Karl ist schon ein großer Junge, so einer wie damals Mopsens Retter vor den Schweinen. Nur dass an seinen Kniestrümpfen kein Edelweißabzeichen steckt. Mops will, dass Karl lacht.

Er probiert es mit Fratzenschneiden. Mit Wangenaufblasen. Kurzum, mit rheinischem Humor, "tätä tätä tätä!" Er versucht es mit Gesang:

"Ran an den Feind, ran an den Feind,

Bomben aus Engeland!"

Jetzt hat der Humor gewirkt. Manche Leute, auch Karl, lächeln ein bisschen. Die Volksgenossin aber meint, es muss richtig heißen: Bomben   a u f   Engeland, nicht aus Engeland. Der Junge hat es wohl im Radio falsch verstanden, will sie hoffen. Sie sagt: "Ich möchte es für Sie hoffen, liebe Volksgenossin Sallmann."

Nachher verkünden die Sirenen mit langem Ton Entwarnung, und Onkel Meier erhebt sich aus seinem Korbsessel: "Ald widder blinder Alarm. Dä Tommy hätt ken Kurasch! Jo, onser Reichsmarschall Hermann Göring hätt et op sing Aat und Wies usjedröck: Wenn ein einziger Feind bei uns dazu kommt, seine Fliegerbomben abzuladen, dann will er Meier heißen."

Jetzt schmunzeln die Leute alle mit dem Herrn Luftschutzwart, der ja selbst der Herr Meier ist.

Ein paar Nächte später gibt es ein neues, interessantes Geräusch: Gelegentlich ein zorniges, abgehacktes Schimpfen, fast, wie wenn Heitler schimpft. Das sind unsere Flakgeschütze, die schützen die Stadt mit ihrem Schimpfen, und wenn sie Luft holen, ist fernes Brummen zu hören. Das sind die Engländer. Die lassen aber Köln links liegen und beharken wahrscheinlich Mannheim, erläutert Herr Meier.

Da kracht es plötzlich, die Glühbirne flackert und erlischt.

Der blaue Schein einer Taschenlampe huscht über die Rohre an der Decke, an den Mänteln der Leute leuchten große Knöpfe auf, die Leuchtplaketten. Eine Stimme spricht: "Jetzt sind wir angemeiert."

Gleich darauf brennt die Glühbirne wieder, und Herr Meier fragt: "Wer fühlt sich angemeiert?" Er fragt ganz lustig, mit rheinischem Humor.

"Die Mutti!", meldet Mops und zwinkert ihm mit dem Auge zu, wie Herr Meier es mal zu dem Herrn Gestapo gemacht hat.

Herr Meier knipst seine Taschenlampe aus. Seine Frau Volksgenossin macht schmale Augen: "Manche Herrschaften beschäftigen zum Teppichklopfen sogar Juden", spricht sie mit schmerzlichem Ton und ganz hochdeutsch: "Und unser Führer wollte das so gern endlich unterbinden."

"Ein Jude?" Mutti sitzt mit einem Ruck ganz gerade.

"Sie mussten doch wohl den Judenstern an seinem Mantel bemerkt haben, liebe Volksgenossin Sallmann. Groß genug ist der ja und noch dazu gelb und auffällig."

"Am Mantel? Ich weiß gar nicht..."

Aber Mops weiß es. "Den Mantel trug er ja über dem Arm!"

"So?" fragt die Volksgenossin und wendet sich an ihren Mann: "Man muss da vielleicht mal..."

"Gas, Gas, Gas", ruft es plötzlich.

Die Leute verwandeln sich in Glotztiere. Auch Mops bekommt seine Gasmaske über den Kopf gestülpt. Dumpfe Rufe, er fühlt sich in Muttis Arm gerissen. Er atmet tief und langsam, wie sie es geübt haben: Rauschen, Schnarchen, Rauschen, Schnarchen.

Später heißt es wieder: Blinder Alarm. Aber doch nicht ganz so blind: Ein Bömbchen hat sich verirrt. Durch die Erschütterung ist ein Gasrohr im Keller undicht geworden.

Rostecks Karl hat es als erster gerochen. Und hat das Rohr mit Pflaster umwickelt.

Von heute an ist er von Herrn Meier zum Luftschutz-Melder ernannt. Karl bekommt einen blanken, schwarzen Luftschuthelm, genau so einen, wie er stets griffbereit an Herrn Meiers Korbsessel hängt. Mops wird unbedingt auch ein Melder werden.

Nach Kellernächten schläft Mops in den hellen Tag hinein. Dann gibt es die heiße Frühstücksmilch und jedes Mal Ärger, weil er sich vor der faltigen Milchhaut ekelt. Die so gesund für Kinder ist. Mutti nimmt sie mit zwei Fingern aus der Tasse, und dann kommt der schlimme Moment. Die tapferen Soldaten müssen ebenfalls jeden Tag Milchhaut essen.

Nach dem Frühstück aber heißt es: Schnell hinauf auf den Hausboden. Eh nämlich die heimkehrenden Schulkinder aus der Nachbarschaft durchs Treppenhaus heraufgelärmt kommen und Mopsens Boden nach den Granatsplittern absuchen. Da muss Mops erster sein.

Die Sonne scheint durch das Dach wie durch ein Sieb, blinkt auf tanzenden Stäubchen und auf den herumliegenden Stücken von frisch zerrissenem Metall. Wenn Mops Glück hat, entdeckt er an einem vielleicht die Gewinderillen, wo die Flakgranate zusammengeschraubt war.

Mops sammelt die Splitter in seine Strickmütze. Den schweren, glitzernden Schatz trägt er in sein Geheimfach.

Jawohl, er besitzt ein Geheimfach. Im Holz unter dem Boden vom Schrank befindet sich ein unauffälliger kreisrunder Punkt, anzusehen fast wie ein Bretterast. Drückt man aber darauf, klappt ein Kästchen heraus. Eine Tüte mit Hornknöpfen lag darin, die hat Mops heimlich, nach und nach, im Klo fortgespült.

Bald, bald, nur noch einmal Weihnachten und dann Frühling, dann ist auch Mops ein Schulkind. Schon jetzt darf er ja allein hinunter auf die Straße.

Zu den anderen Kindern.

Manchmal machen sie Wettlauf. Mops ist immer letzter.

Manchmal machen sie Rollerrennen. Einen Roller hat Mops nicht.

Aber manchmal tauscht er einen besonders blanken Splitter gegen eine Runde Tretroller-Fahren. Mit dem Treten auf dem Tretbrett klappt es noch nicht ganz so gut, trotzdem ist das Rollern herrlich: Einmal bis zum Bäckerladen und zurück.

"Mutti, kauf mir einen Tretroller!"

"Es ist Krieg. Dinge aus Eisen werden jetzt in Deutschland nicht hergestellt, jedenfalls keine Spielsachen."

"Ich brauche aber einen!"

"Es gibt keine. Außerdem sind sie viel zu teuer. Bestimmt hundert Mark."

"Dann schreib Vati einen Brief: Er soll mir einen mitbringen."

"Ach Gott, mein kluger Mops."

"Ich will aber..." Er stampft mit dem Fuß.

Die Sache ist so. Das Rollerborgen klappt immer seltener. Oft lachen die Kinder ihn aus, selbst wenn er den größten, goldensten Granatsplitter seiner Sammlung anbietet. Und sie fahren ihm davon mit Geschrei.

Allein spaziert er dann vielleicht in Richtung Straßenecke, in Richtung Bäckerladen. Seine Schuhe stoßen Splitter aller Größen beiseite. Er sagt guten Tag zu den Frauen, die mit Besen auf dem Trottoir Fensterscheiben zusammenfegen. Ein leise Hoffnung auf süßen Trost macht dann seinen Schritt schneller.

Doch leider. Die eine, die Schaufensterscheibe ist leider immer heil. Dahinter türmen sich, appetitlich in Servietten gebettet, blanke, braune Kugeln. Immer vierzehn Stück, Mops zählt genau, er kann jetzt schon die Zahlen bis zwanzig. Die Kugeln heißen Mohrenköpfe.

Einmal bleibt ein Mann neben Mops stehen. Mops erkennt ihn im spiegelnden Glas: Die gesprungene Brille, die gerade noch auf der dünnen Nasenspitze hält. Heute hat er seinen Mantel an. Der ist ihm viel zu groß. Vorn sitzt ein gelber Stern.

Der Teppichmann, der mal ein Bäckermeister war.

"Mohrenköpfe", sagt Mops bedeutungsvoll. Für den Bäckermeister muss es ein Kinderspiel sein, hineinzugehen und die Mohrenköpfe zu kriegen.

"Pappzeug", sagt der Mann. "Schmecken nicht."

"Gar kein Pappzeug!"

"Für echte Mohrenköpfe mit guter Schokolade müsste deine Mutter eine Menge Marken von der Nährmittelkarte abschneiden lassen."

Mops drückt die Nase gegen die Scheibe. Er sieht genau: Stellenweise ist der braune Schokoladenüberzug aufgeplatzt, beim Hineinbeißen würde der Krem rosa und süß herausquellen. Die Mohrenköpfe sind auf keinen Fall aus Pappe.

"Du schwindelst ja, du Jude", sagt Mops.

Und in diesem Moment bimmelt wild die Ladenglocke, heraus stürmt eine Verkäuferin in weißer Schürze. Nanu, das ist ja Frau Meier, sie wirft die Arme hoch: "Eine Zumutung", klagt sie. "Muss man sich alles gefallen lassen? Ist man als Deutscher denn ganz wehrlos? Schon wieder der Jude vor dem Geschäft! Jetzt belästigt er auch noch kleine Jungen! Gleich telefoniere ich nach der Gestapo!"

Der Jude strebt mit langen Schritten fort.

"Lor ens, wie dä renne kann", sagt Frau Meier zu den Besenfrauen. "Komm ens e ren, Jung", spricht sie zu Mops. Und sie holt zu seinem Trost aus dem Fenster einen kremduftenden Negerkuss. Mops sagt danke. Tante Meier ist also jetzt eine Verkäuferin. Wenn sie ihm einen Mohrenkopf gibt, mag er sie noch. Sonst nicht mehr, besonders nicht, wenn sie im Keller mit Mutti hochdeutsch redet und schmale Augen macht.

Lange ringt er mit sich, ob er in den Mohrenkopf hineinbeißen soll. Aber dann trägt er ihn zu den Kindern und tauscht er ihn gegen eine Rollerfahrt.

"Ich bin klein, mein Herz ist rein...Mutti?"

"Ja, mein Mops?"

"Warum kann Tante Meier den Juden nicht leiden?"

"Das verstehst du noch nicht."

"Und du, kannst du den Juden leiden?"

"Hm. Heiraten würde ich ihn nicht."

"Ich auch nicht. Mutti?"

"Ja doch."

"Und warum würden wir ihn nicht heiraten?"

"Juden sind geschäftstüchtig. Sie wittern überall ihren Vorteil und wollen immer nur Geld raffen. So sind wir Deutschen nicht. So, aber nun wollen wir beten ..."

Und Mops betet für Frieden und Sieg und, dass er seine guten Schuhe nicht mehr an den herumliegenden Granatsplittern kaputt stößt, und um einen Tretroller. Amen. Presst ganz fest die Daumen aufeinander, damit es hilft. Dann machen sie "Mopfange".

Manchmal aber, wenn Mutti leise hinausgegangen ist, um vielleicht noch am Küchentisch an Vati einen Brief zu schreiben, klettert er vom Sofa und zieht mitsamt dem Bettzeug unter seinen lieben Schrank. Die hohen Beine sind jetzt immer mit Decken verhängt, Strippen und Klammern halten das Ganze.

Hier ist Mopsens Keller. Sogar Licht gibt es: Eine Leuchtplakette, wie sie die Leute im richtigen Luftschutzkeller tragen. Die gelbliche Farbe, die im Dunkeln so schön leuchten kann, heißt Phosphorfarbe. Mops hat die Anstecknadel abgebrochen und die runde Scheibe mit Muttis Leim auf den Öffnungsknopf vom Geheimfach geklebt.

Mops liegt auf dem Rücken und blickt hinauf. Der Lichtfleck schimmert mit der Zeit immer heller. Das ist das Auge von Heitler. Das offene, das andere ist zugekniffen.

Heitler sagt nie: Das verstehst du noch nicht. Er wird auch nicht ungeduldig wie Mutti, wenn Mops beim Beten ein Privatgespräch anfängt. Und wenn er auch manchmal schimpft - schimpfen tut er bloß immer mit den Feinden, zu Mops ist er freundlich und antwortet auf all seine Fragen und erklärt ihm, was Mutti nicht sagen will.

Richtig heißt er Heil Hitler. Mit Vornamen Heil, mit Nachnamen Hitler.

So wie Mops Justus Sallmann heißt.

Heil Hitler oder Heitler oder Heiland. Je nachdem. Die meisten Menschen und Sachen haben zwei oder drei Namen. Vati zum Beispiel heißt manchmal auch "unser Leutnant" oder "unser Urlauber" oder Ulrich.

Onkel Meier: Herr Luftschutzwart.

Deutschland: Großdeutschland.

Reichsmarschall Hermann Göring: Meier.

Mutti heißt auch: Toni Sallmann, geborene von Beelzow.