Mord am Marienplatz - Heidi Rehn - E-Book

Mord am Marienplatz E-Book

Heidi Rehn

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5,99 €

Beschreibung

Ein Toter unter Aufständigen: Der historische Kriminalroman „Mord am Marienplatz“ von Erfolgsautorin Heidi Rehn bei dotbooks. München 1870. Die junge Schneiderin Emma ist verzweifelt: Ihr Mann ist krank, die Kinder hungern und sie selbst näht sich nachts die Hände wund, um das Überleben ihrer Familie zu sichern. In letzter Not wendet sie sich an den reichen Nähmaschinenhändler Riederer. Brüsk verweigert er ihr jede Hilfe. Am nächsten Morgen ist er tot. Für den aufstrebenden Polizeioffiziant Severin Thiel scheint der Fall klar, denn eine Zeugin ist schnell gefunden. Tatverdächtige allerdings finden sich gleich mehrere – denn Feinde hatte der Ladenbetreiber zuhauf. Währenddessen drohen die Aufstände der Arbeiterschaft, die Stadt in Chaos zu stürzen … Meisterhaft verwebt Heidi Rehn historische Realität und spannende Fiktion. So mitreißend wie ihr Bestseller „Das Haus der schönen Dinge“. Jetzt als eBook kaufen und genießen: „Mord am Marienplatz“ von Heidi Rehn. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 524




Über dieses Buch:

München 1870. Die junge Schneiderin Emma ist verzweifelt: Ihr Mann ist krank, die Kinder hungern und sie selbst näht sich nachts die Hände wund, um das Überleben ihrer Familie zu sichern. In letzter Not wendet sie sich an den reichen Nähmaschinenhändler Riederer. Brüsk verweigert er ihr jede Hilfe. Am nächsten Morgen ist er tot. Für den aufstrebenden Polizeioffiziant Severin Thiel scheint der Fall klar, denn eine Zeugin ist schnell gefunden. Tatverdächtige allerdings finden sich gleich mehrere – denn Feinde hatte der Ladenbetreiber zuhauf. Währenddessen drohen die Aufstände der Arbeiterschaft, die Stadt in Chaos zu stürzen …

Meisterhaft verwebt Heidi Rehn historische Realität und spannende Fiktion. So mitreißend wie ihr Bestseller »Das Haus der schönen Dinge«.

Über die Autorin:

Heidi Rehn, geboren 1966 in Koblenz/Rhein, kam zum Studium der Germanistik und Geschichte nach München. Nach dem Abschluss arbeitete sie als Dozentin an der Universität und als PR-Beraterin, bevor sie sich als Texterin, Journalistin und Autorin selbständig machte. 2014 erhielt Heidi Rehn für »Die Liebe der Baumeisterin« den Goldenen Homer für den besten Beziehungs- und Gesellschaftsroman. Ihr Roman »Das Haus der schönen Dinge« eroberte 2017 die Bestsellerlisten.

Heidi Rehn veröffentlichte bei dotbooks bereits die historischen Kriminalromane »Tod im Englischen Garten« und »Die Tote am Fluss« sowie den Doppelband »Mord in München«.

Die Website der Autorin: www.heidi-rehn.de/

Die Autorin im Internet: www.facebook.com/HeidiRehnAutorin

Instagram: www.instagram.com/heidi_rehn

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eBook-Neuausgabe Mai 2018

Dieses Buch erschien bereits 2006 unter dem Titel »Blutige Hände« bei Hermann-Josef Emons Verlag.

Copyright © der Originalausgabe 2006 Hermann-Josef Emons Verlag

Copyright © der Neuausgabe 2018 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Kathy SG und Alamy Stock Foto/Paul Fearn

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (aks)

ISBN 978-3-96148-219-1

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Heidi Rehn

Mord am Marienplatz

Historischer Kriminalroman

dotbooks.

Meinen Eltern, Anneliese und Willi Zimmer

»Glaube nicht, es muss so sein, weil es so ist und immer so war.«

(Hedwig Dohm, Frauenrechtlerin, 1831-1919)

»Die Verbesserung der Lage der arbeitenden Klasse wird stets ein Gegenstand Meiner vorzüglichen Sorgfalt sein.«

(Maximilian II., 1811-1864, König von Bayern, 1848-1864)

Montag, 25. April 1870

Nach Emmas Frage wurde es still im Laden. Von draußen drangen Straßengeräusche herein: aufgebrachte Frauenstimmen, das fröhliche Pfeifen eines Buben, Hundegebell, das Schimpfen eines Mannes. Ein Fuhrwerk ratterte vorbei. Je lauter es draußen zuging, umso unerträglicher empfand Emma die Stille im Laden. Mehrmals räusperte sie sich. Die Luft war trocken, Staub kitzelte ihr in der Nase. Sie unterdrückte ein Niesen. Schnell wischte sie sich mit dem Handrücken über die Stirn. Dass ihre Mission schwer würde, hatte sie befürchtet, aber derart schwer? Josef Riederer war kein sonderlich leichter und erst recht kein besonders angenehmer Gesprächspartner.

Für kurze Zeit erfüllte das Brummen eines Insekts den Laden. Emma folgte ihm mit den Augen, wie es die Spur des Sonnenlichts suchte, das gelblich trüb durch die Fensterscheiben drang. Auf einmal kam das Insekt Alois zu nah. Ein gezielter Schlag seiner großen Hand brachte es zur Strecke. Das Brummen erstarb.

Emma konzentrierte sich wieder ganz auf Riederer. Er verströmte Schweiß- und Seifengeruch, vermischt mit einer Wolke schweren Herrenparfums. Breitbeinig hatte er sich hinter dem Verkaufstresen aufgebaut und rührte sich nicht. Rechts und links von ihm standen Tischnähmaschinen der Marke Singer. Ihr auf Hochglanz polierter Stahl funkelte im Sonnenlicht. Zwischen seinen Nähmaschinen wirkte Riederer wie ein weiteres Ausstellungsstück.

Emma schien es, als warte sie bereits eine Ewigkeit auf seine Antwort. Um sich abzulenken, versuchte sie, sein Äußeres mit dem, was sie über ihn wusste, zusammenzubringen: Sein winziger Kopf thronte auf einem breiten, kurzen Hals, der kaum Platz für den steifen Hemdkragen ließ. Ohnehin war der kräftige Hals nur die folgerichtige Fortsetzung des massigen Oberkörpers. Der dunkle Anzug passte nicht zu ihm; das feine englische Tuch spannte über den Armen. Einem Metzgergehilfen oder Bauernburschen hätte die derbe Figur zur Ehre gereicht, aber dem Besitzer eines der größten Nähmaschinengeschäfte der Stadt?

Sie verbot sich weitere Gedanken dieser Art. Es war nicht der rechte Zeitpunkt, Schlechtes über ihn zu denken. Schließlich wollte sie ihn zu ihrem Vorteil umstimmen. Unwillkürlich streckte sie ihren zierlichen Körper in die Höhe und drückte die flache Brust heraus.

Sie bemerkte die Schweißperlen auf Riederers Stirn. Suchend wanderte sein Blick durch den Raum, haarscharf an ihr vorbei. Die knollige Nase bildete den einzig ruhenden Pol in seinem Gesicht. Um den Mund zuckte es. Langsam färbten sich seine Wangen dunkelrot, die Adern an den Schläfen schwollen an. Er beugte sich nach vorn, stützte sich mit den Händen auf der Ladentheke ab. Das Holz ächzte unter der Belastung.

Hinter Emma scharrte Alois mit den Füßen. Warum konnte der keine Ruhe geben! Sie presste die Lippen aufeinander, um nicht laut loszuschimpfen.

Plötzlich riss Riederer mit einem gurgelnden Geräusch den Mund auf. Ein, zwei seufzerähnliche Laute kamen zunächst hervor, dann brach das Lachen aus ihm heraus, laut und dröhnend.

Es traf sie wie eine Ohrfeige. Unwillkürlich fasste sie nach Alois' Arm. Mit einem wütenden »Lass mich!« entwand er sich ihrem Griff und schrie etwas Richtung Riederer. Emma presste die Hände auf ihre Ohren und kreischte »Ruhe« mitten in das Zetern der beiden Männer hinein.

Schlagartig verstummten sie wieder. Riederer wischte sich mit einem Taschentuch die Stirn, während Alois sie mit offenem Mund anstarrte.

»Was gibt's da zum Lachen?«, fragte sie erbost. Sorgfältig strich sie den Stoff ihres Rocks glatt. »Ob's die teure Nähmaschine wieder zurücknehmen, hab ich gefragt. Keine zwei Wochen ist's her, dass ich die bei Ihnen gekauft hab. Gehütet hab ich's wie meinen Augapfel: keine Kratzer an der Maschine, keine am Koffer, kein gar nichts.«

Als Riederer weiter schwieg, forderte sie ihren Bruder auf: »Alois, hol's einmal her, damit sich der Herr Riederer das selbst anschauen kann.«

Sie nickte ihm zu und trat etwas von der Ladentheke weg. Alois stapfte hinüber zur Eingangstür, wo er den unscheinbaren Holzkasten bei ihrem Eintreten abgestellt hatte. In der ausgebeulten Hose und der zerschlissenen Jacke sah er ärmlich aus. Sein Kinn war schlecht rasiert. Emma schämte sich für ihn. Für diesen wichtigen Gang hätte er sich wenigstens den Sonntagsanzug anziehen können!

Mit dem schweren Gerät vor der Brust kam er zurück und platzierte es auf dem Verkaufstresen direkt vor Riederers Nase, zwischen die beiden anderen Maschinen. Offen stand ihm der Widerwille ins Gesicht geschrieben.

Um das brummige Verhalten ihres Bruders wettzumachen, gab Emma sich umso freundlicher. Das Lächeln kostete sie viel Kraft, doch es war wichtig. Behutsam lüftete sie den Koffer. Gleich blitzte der Stahl der Nähmaschine auf. Wehmütig strich sie über die Silberplatte unter dem Schiffchen. Ihr rissiger Handrücken stach von dem fein geputzten Untergrund ab. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie Riederer die Brauen runzelte. Rasch wischte sie mit dem Zeigefinger einen kaum sichtbaren Fleck weg, richtete erst das Schiffchen, dann die Nadel im Lot aus. Ein letztes Mal glitten ihre Fingerspitzen über den schlanken Querarm der Maschine. Das Firmenwappen war zweifarbig gestaltet. Sie fuhr das eingekerbte Muster nach, spürte es durch die Hornhaut ihrer zerstochenen Fingerkuppen. Schließlich ließ sie ihre Hand auf dem Holzknauf der Kurbel liegen.

»Ganz für neu können S' die wieder verkaufen. Schaut noch genauso aus wie die andern.« Kurz wies sie mit dem Kopf in Richtung der beiden Maschinen auf dem Tresen. »Also, Herr Riederer: Nehmen S' die jetzt wieder zurück? Geben S' mir halt eine von den andern. Eine von den Ausländischen muss es gar nicht sein. Eine von den ganz einfachen langt mir auch schon. Nur eine Doppelsteppnaht muss sie können und einen gescheiten Stoffvorschub haben, mehr braucht's nicht, aber das wissen S' ja selbst. Ich näh ja schon länger für Sie.«

Tapfer lächelte sie weiter. Riederer antwortete noch immer nicht.

Das gab es doch nicht! Der ließ sich einfach nicht aus der Reserve locken. In ihrem Nacken spürte sie Alois' Schnaufen. Bestimmt richtete der sich gerade zu seiner vollen Bäckergehilfenstatur auf. Gleich würde er wieder losbrüllen.

»Also?«, fragte sie wieder und trat warnend mit dem rechten Fuß nach dem Schienbein ihres Bruders. Riederer schnäuzte in sein Taschentuch. »Keinen Pfennig zahlen S' drauf dabei«, versicherte sie. »Im Gegenteil, zwei Raten für die Jones hab ich Ihnen schon gezahlt. Auf die andre Maschine anrechnen können S' die meinetwegen ganz, auch wenn die billiger ist.«

Hinter ihr grunzte Alois empört auf. Sie redete hastig weiter: »Das wär sogar ein rechter Vorteil für Sie. Und ich näh weiter wie immer.«

»Ich bin keine Wohltätigkeitseinrichtung. Ich bin Geschäftsmann.« Langsam kam Leben in Riederer. »Wenn ich auf solche Offerten einging, dann könnt ich gleich zusperren. Sie haben die Jones gekauft, jetzt bezahlen S' die auch. Wie Sie das machen, ist mir egal. Die Raten sind sowieso schon mehr als günstig. Da verdien ich fast gar nichts dran. Außerdem dürfen S' noch für mich nähen. Seien S' froh! Danach würd sich so mancher die Finger schlecken, grad jetzt, wo die Gehilfen streiken und kaum jemand in der Stadt mehr schneidern lässt. Also, denken S' mal drüber nach, was ich Ihnen da anbiet. Neuer Stoff für Hosen liegt hinten im Lager. Nehmen S' den mit, und dann nichts wie ab mit Ihnen! In zwei Tagen ist alles fertig, verstanden? Grüß Gott miteinander!«

Damit drehte er sich um, schob den dicken Wollvorhang zur Seite und wollte im Büro verschwinden. Doch Alois war schneller. Mit einem Satz sprang er über die Theke und riss ihn herum. In Statur und Kraft war er Riederer mindestens ebenbürtig. Riederer zog den Kopf zwischen die breiten Schultern, als Alois ihn am Revers packte und schüttelte.

»Du elender Dreckskerl, du! Ein feiner Geschäftsmann bist. Wehrlose Weiber greifst dir raus. Vor Männern hast wohl zu viel Angst, was?«

»Alois, hör auf!« Emma zwängte sich an einer Tischnähmaschine vorbei, um hinter den Tresen zu gelangen, wo sie versuchte, ihren Bruder von dem Ladenbesitzer wegzuziehen.

Für drei war es dort hinten viel zu eng. Mehrmals musste sie dem Gerangel der beiden Männer ausweichen. Zwei Stapel Papier wurden aus einem Regalfach gefegt, eine Dose mit Stecknadeln fiel zu Boden. Die dünnen Nadeln verteilten sich über die Holzdielen. Emma geriet auf dem glatten Papier ins Straucheln und stieß mit dem Ellbogen gegen eine der Nähmaschinen auf der Theke. Erschrocken griff sie nach dem guten Stück. Zum Glück war nichts passiert. Am ganzen Leib zitternd, gab sie auf und zog sich zurück.

Alois ließ nicht von Riederer ab. Immer heftiger schüttelte er ihn.

»Ein Blutsauger bist, ganz ein elendiger! Erst verkaufst die lumpigen Nähmaschinen für teures Geld, und nachher spielst dich noch als Wohltäter auf! Eine Frechheit ist das, ganz eine bodenlose! Gib's zu: An Leuten wie meiner Schwester verdienst dich dumm und dämlich. Schwatzt ihnen die Nähmaschinen auf und lässt sie nachher zum Hungerlohn für dich schuften! Einen Halsabschneider nenn ich so einen wie dich, gewiss keinen ehrlichen Geschäftsmann!«

Er stieß ihn heftig von sich weg und spie angewidert vor ihm aus.

Emma hielt den Atem an. Wie gelähmt stand sie da.

Von dem Stoß war Riederer nach hinten gekippt. Dabei riss er die Arme zur Seite, suchte mit den Händen Halt an den Holzregalen, um nicht umzufallen. Er bekam nur den Vorhang zu fassen. Verzweifelt packte er den Stoff, glitt mit den schweißnassen Fingern ab. Weiß zeichneten sich die Knöchel an seinen Händen ab. Alois packte ihn noch einmal, zog ihn dicht vor sein Gesicht.

»Da machst dir gleich vor Angst in die Hose, was? Du großer Geschäftsmann, du!«, raunte er leise, bevor er wieder losbrüllte: »Umbringen sollt man dich, du Sauhund! Am besten abstechen wie ein Schwein!«

Hinter dem Vorhang erklang ein spitzer Schrei.

»Die Ladnerin!«, entfuhr es Emma.

Gleich nach ihrem Ausruf hatte sie sich wieder gefasst. Jetzt gab es nur noch eins: abhauen! Energisch zog sie an Alois' Jackenärmel.

»Lass gut sein, Alois! Komm, naus, bevor du uns alle unglücklich machst.«

Vorsichtig stülpte sie den Kasten über ihre Nähmaschine und zurrte den Lederriemen fest.

»Elendes Pack! Bei der Gendarmerie zeig ich euch an«, zeterte Riederer in ihrem Rücken.

Noch bevor sie es verhindern konnte, wirbelte Alois erneut herum und streckte den Ladenbesitzer mit einem einzigen Faustschlag nieder. Ein dumpfes Geräusch war zu hören, als Riederer zu Boden ging.

Böses ahnend, schob Emma Alois zur Seite und sah auf Riederer hinab. Verdreht lag sein massiger Körper zwischen Ladentheke und Regal. Auf den Holzdielen zeichnete sich ein feines, dunkles Rinnsal ab.

»Du Dummkopf!«, fuhr sie Alois über die Schulter hinweg an. »Was hast da wieder angestellt?«

»Nichts wie weg!«, wisperte er und zog sie mit sich fort.

Das Kindergeschrei wurde immer lauter. Emma hörte auf, an der Nähmaschine zu kurbeln, und lehnte die Stirn an den Näharm aus kühlem Stahl. Wie lange würde das noch gehen? Sie konnte es schon jetzt nicht mehr ertragen! Das Brüllen schraubte sich ins Unerträgliche. Sie biss sich auf die Lippen, bis sie schmerzten. Schließlich warf sie den Stoff zur Seite, sprang vom Tisch auf und lief hinüber in die Ecke.

»R-u-h-e!«, schrie sie. »Ruh sollst geben, sag ich!«

Wütend stampfte sie auf. Im nächsten Moment aber tat ihr der Ausbruch schon Leid: Mit rotem Kopf lag der sechs Monate alte Lorenz in seiner Kiste aus grob zusammengenageltem Holz, notdürftig abgepolstert mit Flicken und Stroh. Die Seele schien er sich aus dem schmächtigen Leib brüllen zu wollen. Immer wieder rang er nach Luft, reckte die kurzen Ärmchen nach oben. Sein Anblick war zum Steinerweichen, Emma kämpfte mit den Tränen.

Die vierjährige Rosemarie saß auf dem niedrigen Hocker gleich neben ihrem Bruder, auf den Knien ihre über alles geliebte Puppe aus zerfledderten Stoffresten, die Hände fest an die Ohren gepresst.

»Mutter, wann ist der endlich still?«, fragte sie mit hellem Stimmchen.

»Weiß nicht«, murmelte Emma und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Obwohl die Küche nachmittags im Schatten lag, war es heiß darin. Dabei brannte nicht einmal ein Feuer im Herd. Es reichte bereits, dass die frühsommerliche Sonne den ganzen Morgen über durch die Fenster hereinschien. Gern hätte Emma ein Fenster aufgerissen, um etwas frische Luft hereinzulassen, aber das ging nicht. Georg würde frieren.

Georg, Georg – immer nur Rücksicht auf den Georg!, loderte es in ihr auf. Nein, es war nicht recht, dass sie so dachte. Abermals biss sie sich auf die Lippen. Der konnte doch auch nichts für das ganze Elend.

Noch immer brüllte der Kleine. Ausdauer hatte er, stellte Emma fest, vorzeitiges Aufgeben war nicht seine Sache. Zigmal hatte sie ihn bereits zu beruhigen versucht: erst mit Singen, dann mit Herumtragen. Sie wusste nicht mehr, was sie noch tun sollte. Sie musste nähen. Der Vormittag beim Riederer fehlte ihr schon. Der Riederer – wenn sie nur wüsste, was mit dem wirklich geschehen war! Die Sache ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. So, wie er dagelegen hatte, reglos, mit dem Blut auf dem Boden, befürchtete sie das Schlimmste. Wenn sie nur wegkönnte, um nachzusehen oder sich ein wenig umzuhören.

Lorenz steigerte sich immer mehr in seinen unbändigen Zorn hinein. Natürlich hatte er Hunger, das war ihr klar. Aber außer dem Mehlbrei konnte sie ihm nichts geben, mehr hatte sie nicht, und den spie er immer wieder aus. Erneut spürte sie Tränen in den Augen. Als kleines Mädchen hatte sie in solchen Situationen wütend mit den Füßen aufgestampft. Hilflos sah sie auf den Säugling hinab, nagte an ihrem rechten Zeigefinger. Die entzündete Haut rund um das Nagelbett brannte. Vorsichtig nahm sie den Kleinen doch noch einmal aus der Kiste. Zwei-, dreimal schnaufte er, dann kippte sein Köpfchen kraftlos gegen ihre Schultern. Das Brüllen hatte ihn völlig erschöpft.

»Still, still«, raunte sie ihm ins winzige Ohr. Dabei wiegte sie den Oberkörper hin und her. Langsam ging sie zum Herd hinüber. Vom Regal nahm sie mit der freien Hand einen schmalen Streifen Leinen, feuchtete ihn an und tunkte ihn kurz in den Zuckertopf, bevor sie ihn dem Kleinen in den Mund schob. Gierig begann er daran zu saugen. Kurz darauf schlief er endgültig ein.

»Will auch was!«, meldete sich Rosemarie und klammerte sich an ihren Rock.

»Wenn ich doch nichts hab!« Zermürbt schubste Emma die Kleine weg. Der Blick, den sie für diese Grobheit aus den großen, dunklen Augen ihrer Tochter erntete, zerriss ihr fast das Herz. Sie erschrak. Rasch strich sie der Kleinen mit der freien Hand über den Kopf. »Der Onkel Alois kommt nachher noch. Gewiss bringt er dir eine Brezn mit.«

Bei diesen Worten knurrte ihr eigener Magen und ihr wurde schummrig. Sie wusste nicht, ob sie hoffen sollte, dass Alois wirklich noch einmal kam oder dass er längst aus der Stadt verschwunden war. So ein Dummkopf! Warum hatte er auch sofort losschlagen müssen? Ausgerechnet bei einem Kerl wie dem Riederer! Es war immer das Gleiche mit Alois' unbändiger Wut und seiner zügellosen Kraft.

»Will aber jetzt was!«

Zornig stampfte Rosemarie auf. Das riss Emma unsanft aus ihren Gedanken.

»Gib Ruh, wenn die Mutter es sagt«, erklang plötzlich Georgs Stimme aus der kleinen Kammer hinter der Küche. Der Zurechtweisung folgte ein Hustenanfall, der schließlich in ein Rasseln überging und in einem verzweifelten Ringen nach Luft endete.

»Schon gut«, rief Emma in seine Richtung. Noch immer schaukelte sie den kleinen Jungen auf dem Arm. Die andere Hand tätschelte weiter Rosemaries blonden Lockenschopf. »Geh raus und spiel«, schlug sie ihr vor und schob sie in den dunklen Flur.

Rosemarie schüttelte energisch den Kopf. Doch Emma blieb fest.

»Hab jetzt keine Zeit für dich. Sei brav und lauf naus!«

»Viel zu weich bist«, sagte Georg, als ihre Tochter endlich aus der muffigen Küche verschwunden war. »Die muss besser folgen.«

Innerlich stöhnte Emma auf, laut fragte sie: »Warum? Satt wird's davon auch nicht. Da kann s' auch gleich aufmüpfig bleiben.«

Die letzten Worte hatte sie leise gesagt, eigentlich mehr zu sich selbst als zu ihrem Mann. Dennoch schien er es gehört zu haben.

»Was?« Seine Empörung ging in einem weiteren Hustenanfall unter.

Emma sparte sich eine Erwiderung. Besser, sie konzentrierte sich darauf, den schlafenden Lorenz behutsam in seine Kiste zu betten. Erst als sie davon überzeugt war, dass er friedlich schlummerte, trat sie zu ihrem Mann ans Bett. Wortlos hielt sie ihm ein grau verwaschenes Tuch hin.

Das wenige Licht, das durch das Fenster zur Straße in die niedrige Kammer hereinfiel, wirkte trüb. Die Scheiben waren staubig und fast blind. Instinktiv hauchte Emma sie an und rieb eine Weile mit dem Zipfel ihrer Schürze darüber. Dabei versuchte sie, draußen auf der Straße etwas zu erkennen. Es nützte nichts. Nachdenklich wischte sie ihre Finger am Rock ab und drehte sich wieder zu Georg um.

»Reg dich nicht auf.« Mit besorgtem Blick verfolgte sie, wie er sich Blut vom Kinn tupfte. »Ruh musst geben, sonst wird's nie besser.«

»Das wird schon«, entgegnete er und machte Anstalten, aus dem Bett aufzustehen. »Ich helf dir drüben. Nicht, dass der Riederer wieder Ärger macht.«

»Der gewiss nicht mehr«, beeilte sie sich zu versichern und drückte ihn in die Kissen zurück. Dabei wich sie seinem Blick aus. Wenn Georg nur nicht weiter fragte! Sie wollte rasch wieder in die Küche verschwinden.

»Komm ein bisschen her zu mir!«

Matt streckte er die Hand nach ihr aus. Sie ging einen Schritt auf ihn zu, sah zu ihm hinunter. Ob er etwas ahnte?

Eine Weile wanderten seine Augen ziellos durch die Kammer. Ein verdammtes Loch, in dem sie da hausten! Das hatten sie sich einst ganz anders vorgestellt. Doch was nutzte es? Die Einrichtung war karg, sie besaßen nicht viel. Außer dem Bett und dem kleinen Nachttisch gab es in der Schlafkammer nur noch einen Schemel und zwei Haken an der Wand. An dem einen hingen Emmas gutes Kleid und das bestickte Tuch. Beides hatte sie am Vormittag auf ihrem Gang zu Riederer getragen. Der andere Haken war leer. Georgs zweite Garnitur Kleidung hatte sie längst versetzt. Er brauchte sie nicht mehr. Seine Hose lag auf dem Schemel; das Hemd hatte er an.

Nebenan in der Küche waren kaum mehr Besitztümer vorhanden: ein Tisch, vier Stühle, die Kiste für Lorenz und ein kleines Bett für Rosemarie. Die Kommode mit dem wenigen Geschirr und den beiden Töpfen sowie eine weitere Garnitur Bettwäsche waren fast schon ein Luxus, den sie eigentlich längst zum Pfandhaus hätten bringen müssen. In beiden Räumen bröckelte der Putz von den Wänden. Hie und da klebten Reste von toten Fliegen daran. Im Herrgottswinkel hing ein Kreuz, unter dem schon lange keiner mehr betete. Die oben im Himmel fühlten sich wohl sowieso nicht zuständig für eine Schneiderfamilie wie sie, erst recht nicht, wenn darunter ein Protestantischer war so wie der Georg.

»Hast noch gar nichts gesagt, wie's beim Riederer war.«

Georg schaute ihr ins Gesicht. Das hätte sie sich denken können: Lockerlassen tat der nicht so schnell. Sie senkte die Augen, begann, die Falten ihres Rocks zu ordnen. Sie wollte jetzt nicht mit ihm darüber reden, es änderte sowieso nichts mehr.

Er bohrte weiter: »Der Alois hat die Maschine wieder zurückgebracht, hab ich gesehen. Umtauschen wollt der Riederer sie also nimmer?«

»Nein«, sagte sie knapp und wollte wieder hinüber, zu ihrem Nähzeug. Auch wenn der Riederer nicht mehr war, irgendwer würde ihr die Sachen schon abkaufen, vielleicht sogar zu einem besseren Preis. Sie musste doch auch einmal ein bisschen Glück im Leben haben.

»Bleib!« Unter Stöhnen schälte Georg den Oberkörper aus den fleckigen Kissen heraus und stützte sich auf die zittrigen Arme. »Hab ich's nicht gleich gesagt? Ein Ausbeuter ist das, ganz ein mieser, genau wie die anderen. Hätt'st gleich mehr Obacht geben müssen: Erst schwatzt er dir eine viel zu teure Maschine auf, und jetzt lässt er dich nicht mehr aus. Und für die Näherei zahlt er sowieso viel zu wenig. Nacht für Nacht quälst dich damit rum. Und wozu? Nur damit der Saukerl seinen Reibach macht!«

Auf Georgs Schimpfen folgte sofort ein heftiges Husten. Emma konnte das nicht mehr ertragen. Am liebsten würde sie auf der Stelle davonlaufen. Doch was würde dann aus den Kindern? Aus Georgs Brust kam wieder das Röcheln, das sie schon lange nicht mehr ängstlich zusammenfahren ließ. Sie beugte sich hinunter und klopfte ihm auf den Rücken. Manchmal brachte ihm das Linderung.

Nach einer Weile hatte er sich wieder gefasst und redete angestrengt weiter: »Bald hat's ein Ende mit solchen Lumpen! Ohne uns sind die aufgeschmissen, Emma. Wir nähen die Sachen, die sie verkaufen. Abhängig von uns sind die, nicht wir von denen! Bald tun's alles, nur damit wir weiter für sie arbeiten, wirst schon sehen. Dafür streiken wir schließlich seit zwei Wochen. Glaub mir, Emma, bald wird alles besser. Bald kommen wir aus dem Loch hier raus und essen jeden Tag Fleisch und Speck.«

Abermals bezahlte er seine lange Rede mit einem Hustenanfall. Besorgt wartete sie ab, bis er wieder Luft bekam. Dass er selbst jetzt nicht aufhören konnte mit seinen Parolen, selbst jetzt nicht verstand, dass er damit nichts ausrichten konnte! Noch auf dem Krankenlager gönnte er sich keine Pause. Bei allem ging es ihm nur um den Kampf für die Sache der Arbeiter, bis ins Grab hinein würde er daran festhalten. Doch war er nicht längst der Einzige, der wirklich noch daran glaubte, dass sie mit dem Streik etwas erreichen konnten? Seinen Freunden vom Streikkomitee traute Emma schon lange nicht mehr, erst recht nicht denen vom Arbeiterverein. Oder war einer von denen schon mal hergekommen, um nach dem sterbenskranken Georg zu schauen? Dabei war er doch nur krank geworden, weil er sich bei seinem Meister krumm und bucklig geschuftet hatte, fünfzehn, sechzehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Eng wie die Stecknadeln in ihrer Schachtel hockten die Gehilfen in dem feuchten Kabuff aufeinander, machten sich ständig gegenseitig krank mit ihrer Husterei, um am Ende nur eine Hand voll Gulden Lohn heimzutragen. Als einer der ganz wenigen war Georg bereit gewesen, laut was dagegen zu sagen, trotz seines Hustens und Fieberns diese unglaublichen Zustände offen anzuprangern. Gedankt hatte es ihm allerdings niemand. Schmählich allein gelassen hatten sie ihn alle, nun, wo es langsam zu Ende ging mit ihm.

Als der Hustenanfall vorbei war, griff Georg nach ihrer Hand, hob sie zum Mund und küsste zärtlich jede einzelne ihrer zerstochenen Fingerkuppen. Widerstrebend ließ sie es geschehen.

»Und dann musst auch nicht mehr arbeiten, Emma. Dann reicht's, wenn ich das Geld heimbring, das versprech ich dir!«

Müde sank sein Kopf in die Kissen zurück. Er lächelte sie an. Sie zwang sich, das Lächeln zu erwidern. Noch brachte sie es nicht über sich, die Wahrheit zu sagen. Wenigstens die Hoffnung sollte ihm bleiben.

»Wo steckt eigentlich der Alois? Ist der noch in der Stadt oder schon wieder nach Haus?«

»Weiß nicht«, gab sie zu. »Er wollt noch mal weg, was erledigen. Bevor er wieder naus nach Dachau fährt, kommt er gewiss noch mal her. Drüben beim Hueber gibt's doch den besten Bock. Nachher wollen s' anstechen. Da wird der Alois nicht fehlen wollen.«

Ihre Stimme zitterte. Doch Georg schien nichts davon zu merken.

»Emma«, rief Georg ihr nach, als sie in die Küche eilte.

Auf halbem Weg drehte sie sich noch mal zu ihm um.

»Ist wirklich alles in Ordnung?«

Friedrich Kirsch, gelernter Schriftsetzer aus Mainz, seit einigen Monaten im Auftrag der Sozialdemokraten als Agitator im Königreich Bayern unterwegs, brauchte einige Minuten, bis er begriffen hatte, was Josef Riederer, seines Zeichens Besitzer eines großen Nähmaschinengeschäfts in der Münchener Kaufingerstraße unweit des Marienplatzes, ihm da soeben vorgeschlagen hatte. Ungläubig fuhr er sich mit der Hand durchs Gesicht, rieb sich das Kinn. Die Rasur am Morgen war schlecht ausgefallen, nun, in den frühen Abendstunden, fühlte sich die Haut so kratzig an, als habe er sich seit Tagen nicht mehr rasiert. Er schnaufte unwirsch, strich sich das rotblonde Haar aus der Stirn. Die unruhigen Nächte steckten ihm in den Knochen. Sein Schlafplatz in dem winzigen Herbergshäuschen in der Au war nicht sonderlich komfortabel, zu viele übernachteten dort. Zwar besaß er den Luxus einer eigenen Matratze, dennoch schlief er schlecht. Mit fast dreißig steckte man die fehlende Ruhe nicht mehr so leicht weg. Morgens bekam er einen Becher Kaffee oder was sie dafür ausgaben und einen Kanten Brot. Das reichte nicht über den Tag. Das warme Essen mittags im Wirtshaus hätte ihm gut getan. Ein Jammer, dass sein Freund Neff und er es hatten stehen lassen müssen. Zu schnell waren sie mit den anderen Männern in Streit geraten. Leider passierte es in letzter Zeit häufiger, dass sie aus einem Wirtshaus hinausgeprügelt wurden. Oft ging es gleich los, sobald sie jemand als Vertreter des Arbeitervereins erkannte. Viele Münchener Gesellen reagierten gereizt auf ihre Anwesenheit, warfen ihnen vor, nur auf Unruhe aus zu sein. Dabei wollten Neff und er den Männern doch nur helfen, sich endlich gegen die unmöglichen Zustände zu wehren. Warum sonst redeten sie seit Monaten auf den Versammlungen, lehrten Interessierte die Zusammenhänge der Arbeiterfrage, berieten die, die sich, wie die Schneidergehilfen, endlich zum Streik entschlossen hatten? Jetzt lief er sich sogar die Hacken ab, um den Schneidergehilfen die Gründung einer Produktivgenossenschaft zu ermöglichen. Tief atmete er durch, um das Magenknurren zu unterdrücken. Sein Hirn war vernebelt, er dachte langsamer als sonst.

»Ist das Ihr Ernst?«, hakte er sicherheitshalber noch einmal nach. »Sie bieten uns fünf von den englischen Zylindernähmaschinen zum Preis der amerikanischen? Und das auf Raten über ein ganzes Jahr? Bei zehn Prozent Zinsen?«

Riederer nickte stumm. Gemächlich verschränkte er die Arme vor der Brust, stellte sich breitbeinig hinter der Ladentheke auf. Er überragte Kirsch um einen guten Kopf, brachte sicherlich das Anderthalbfache seines Gewichts auf die Waage. Als Kirsch ihn weiter betrachtete, fiel ihm eine kleine Wunde über Riederers linkem Ohr auf. Das Haar war dort blutverkrustet. Kaum sichtbar verformte eine Beule den Schädel an dieser Stelle. Die Verletzung musste frisch sein. Kirsch beschlich das Gefühl, bei Riederer nicht nur in geschäftlichen Angelegenheiten besser auf der Hut zu bleiben.

Schwungvoll drehte er sich auf dem Absatz seines Fußes um und schlenderte zu den Tischnähmaschinen, die an der rechten Seite des Ladens aufgebaut waren. Die Hände ließ er in die löchrigen Hosentaschen gleiten, tat so, als berühre ihn das eben Gesagte reichlich wenig.

Die Luft im Geschäft war stickig. Nur zu gern hätte er die Ladentür aufgerissen, um für Erfrischung zu sorgen. Kurz davor blieb er stehen. Statt zur Ladentür trat er näher an die ausgestellten Nähmaschinen heran. Beiläufig drehte er mit seinen langen, schmalen Fingern an der Handkurbel einer Singer-Nähmaschine, strich über den blank polierten Näharm der Wheeler & Wilson direkt daneben. Zum Glück prangten die Markennamen gut sichtbar auf den Maschinen, sonst hätte er sie nicht voneinander unterscheiden können. Als er sich zu denen eines deutschen Herstellers im Regal beugte, gab er sich Mühe, einen echten Kennerblick aufzusetzen. Mühsam entzifferte er das Blatt Papier direkt daneben, auf dem die Vorzüge der Maschine angepriesen wurden, wiederholte murmelnd einige der Begriffe, die er sicher noch gut für das Gespräch gebrauchen konnte. Riederer sollte nicht merken, dass er von der Sache eigentlich gar keine Ahnung hatte.

Im Kopf überschlug er hastig, was Riederers Angebot im Einzelnen bedeutete. Rechnete es sich wirklich für die Genossenschaft, darauf einzugehen? Die englische Jones-Zylinder war eine der teuersten Nähmaschinen, das wusste er mittlerweile. Nicht umsonst war er seit dem Mittag in insgesamt fünf verschiedenen Geschäften gewesen. Ausgiebig hatte er sich beraten und die Maschinen vorführen lassen. Die Jones bot zweifelsohne eine hervorragende Qualität. Allerdings war ihm noch immer nicht ganz klar, welche Unterschiede zwischen ihr, der Howe und der Wheeler & Wilson bestanden, warum Singer vergleichbare Maschinen weitaus günstiger anbieten konnte und wieso die deutschen Fabrikate sowieso viel billiger waren als die englischen und amerikanischen. Da kaufte man doch am besten einfach diese? Nähen taten doch sowieso alle.

Kirsch begann zu schwitzen. Unwillkürlich stöhnte er auf. Bei allem Denken und Rechnen stand eines zumindest fest: Dieser Riederer unterbreitete ihm das bislang verlockendste Angebot für die Produktivgenossenschaft, zu der er die Schneidergehilfen überreden wollte.

»Was ist? Hat's Ihnen die Sprache verschlagen?« Riederer schmunzelte. »Geben Sie zu: So günstig ist sonst keiner. Das hat Ihnen noch kein anderer offeriert, nicht wahr?«

Deutlich war der Triumph aus seinen Worten herauszuhören. »Warum tun Sie's?«, fragte Kirsch und registrierte überrascht den flatterigen Blick in Riederers Augen.

»Warum nicht? Warum soll ein Geschäftsmann wie ich nicht den einfachen Schneidern helfen? Das sind meine Kunden. Meine Hochachtung vor dem Mut der Schneidergehilfen. Streiken – das imponiert mir, ganz ehrlich. Das hat sich noch keiner getraut. Dabei wird es höchste Zeit, was gegen das ganze Elend zu tun. Die feinen Damen und Herren packen sich ja gern in prächtige Anzüge und Kleider, aber zahlen wollen sie dafür nur so viel wie für das Nähen einer Kinderschürze. Sie haben schon Recht: Das gehört sich nicht! Die Schneider müssen endlich einen gerechten Lohn für ihre Arbeit fordern. Die feinen Leute müssen zahlen, was die Sachen wirklich wert sind.«

»Ich glaub nicht, dass die feinen Leute Schuld haben«, entgegnete Kirsch. »Das sind eher die Meister. Die saugen ihre Gehilfen bis zum letzten Tropfen aus, sieben Tage die Woche, sechzehn Stunden am Tag. Und das in diesen Löchern, die sie Werkstatt nennen. Da drin werden die Gehilfen nur krank. Wenn sie wenigstens einen Lohn dafür bekämen, der zum Leben reicht.«

»Und mit dieser neumodischen Genossenschaft wollen Sie die Schneidergehilfen aus dem ganzen Schlamassel rausholen? Die Schneidergehilfen sollen selbst zum Unternehmer werden? Die sollen sich am Ende selber helfen?«, fragte Riederer interessiert.

»Nicht ganz«, erwiderte Kirsch. »Zunächst mal sollen sie mit der Genossenschaft Geld verdienen für die Streikkasse, damit der Kampf um bessere Arbeitsbedingungen weitergehen kann. Auf lange Sicht wird alles nur dann anders, wenn die Regierung die Gesetze ändert. Höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen müssen per Gesetz feststehen. Dann erst halten sich die Meister dran. Werden die Schneider nur selbst Unternehmer, ohne dass es die entsprechenden gesetzlichen Vorschriften gibt, wird nichts anders.«

»Weil die dann auch nur wenig Lohn zahlen wollen«, ergänzte Riederer mit ernster Miene. »Als Unternehmer haben sie nämlich auch nur den eigenen Profit im Blick.«

»Genau!« Begeistert über die Zustimmung von dieser unerwarteten Seite überschlug sich Kirschs Stimme.

Riederer führte unterdessen seine Rede fort: »Doch vorerst gibt's noch keine Genossenschaften. Vorerst streiken die Gehilfen weiter wie schon seit mehr als zwei Wochen, auch ohne dass noch Geld in der Streikkasse ist. Die Meister bluten langsam aus, weil ihnen die schlecht bezahlten Handlanger fehlen. Allein können die Meister die Schneiderarbeit nicht erledigen. Die Aufträge liegen also unerledigt herum. Haben die Schneidergehilfen aber erst ihre Genossenschaft, kann die den Meistern die Aufträge wegschnappen. Und damit kommt das Geld für das Weiterstreiken in die Kasse.«

Kirsch nickte. Riederer hatte begriffen.

»Wissen Sie was, mein Lieber«, schloss der Ladenbesitzer, »ich glaub, wir beide kommen miteinander ins Geschäft!« Riederers Pranke landete auf Kirschs Schulter. Der sackte unter dem kräftigen Schlag zusammen. Riederer redete ungerührt weiter: »Ich geb Ihnen die fünf Zylindernähmaschinen für Ihre Genossenschaft. Die Konditionen sind klar: einhundert Gulden pro Maschine plus zehn Prozent, wenn Sie in monatlichen Raten zahlen.«

Ob des stattlichen Preises schluckte Kirsch zweimal, dennoch schlug er ein. Bei den anderen Händlern hatte die Jones immerhin einhundertdreißig oder sogar einhundertfünfunddreißig Gulden bar auf die Hand gekostet, bei Riederer sparten sie also von vornherein erheblich am Preis.

»Heut noch können Sie die Maschinen abholen. Die stehen schon hinten im Lager bereit. Wenn Sie mehr brauchen, dann natürlich wieder zum gleichen Preis. Sagen Sie einfach Bescheid, wie viele Sie wann haben wollen, und ich besorg sie Ihnen.«

»Donnerstag reicht für die erste Lieferung. Erst muss die Versammlung am Mittwoch zustimmen, aber das ist reine Formsache.«

Kirsch gab sich zuversichtlicher, als er war. Es war sicher noch ein gutes Stück Arbeit, die Schneider von der Idee mit der Genossenschaft zu überzeugen, noch dazu, wenn damit erst einmal Kosten für Maschinen statt Einnahmen für die Streikkasse verbunden waren. Selbst Robert Neff, sein derzeit engster Gefährte im Arbeiterverein, hatte nicht viel von der Idee gehalten, als er ihm am Mittag davon erzählt hatte. »Dieses ganze Geschwätz von wegen Hilfe zur Selbsthilfe ist doch dumm«, hatte er dazu nur gesagt, »was wir brauchen ist eine Festschreibung der Arbeitsbedingungen durch die Regierung, keine Arbeiter, die selbst zu Ausbeutern werden.« Auch das halbe Dutzend verärgerter Männer, das sie kurz darauf aus dem Wirtshaus geworfen hatte, schien ganz ähnlich zu denken. Genau auf das Stichwort »Genossenschaften« hin waren sie auf Kirsch und Neff aufmerksam geworden und hatten sie angegriffen.

»Wie Sie meinen«, brummte Riederer unterdessen schon eine Spur unfreundlicher, setzte aber nach einer Weile nach: »Ich hätt da noch ein Angebot für Sie und Ihre Genossen.«

Erwartungsvoll sah Kirsch ihn an. Abermals wich der Ladenbesitzer dem direkten Blick aus, unruhig wanderten seine Augen stattdessen durch das Geschäft. Dabei rieb er sich mehrmals das glatt rasierte Kinn.

Als nichts mehr auf seine Ankündigung folgte, fragte Kirsch schließlich: »Und das wäre?«

Riederer hüstelte in die Faust, bevor er antwortete: »Ich hab's eben schon gesagt: Durch den Streik liegen viele Aufträge unerledigt bei den Meistern.«

Interessiert horchte Kirsch auf. Riederer sprach weiter: »Grad jetzt, wo die ganze Branche durcheinander ist, sind gute Aufträge rar. Die feine Kundschaft wandert ab, lässt lieber anderswo schneidern, statt länger auf die hiesigen Schneider zu bauen oder gar das Ende des Streiks abzuwarten.«

Seine Stimme wurde leiser. Verschwörerisch beugte er seinen massigen Oberkörper über den Ladentisch und wisperte: »Langfristig kann dadurch die Lage für das Schneidergewerbe in München völlig aussichtslos werden. Wenn die Kunden erst einmal weg sind in eine andere Stadt, dann ist es vorbei, ganz egal, wie die Händel zwischen Meister und Gehilfen ausgehen. Und dann nützt Ihnen und Ihren Kameraden auch die beste Genossenschaft nichts mehr.«

Bei den letzten Worten schwoll seine Stimme wieder an. Sein Körper schnellte in die Senkrechte. Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah wieder von oben auf ihn herab.

»Aber trotzdem liegen noch immer einige sehr lukrative Aufträge bei den Meistern. Wohlgemerkt: bei den Meistern.«

Er unterstrich das Gesagte, indem er den Zeigefinger hob und eine kurze Pause einlegte, während der er zufrieden grunzte.

»Sie aber brauchen Aufträge für Ihre Genossenschaft, stimmt's? Die feine Kundschaft wird, mit Verlaub, den Teufel tun und bei Ihnen schneidern lassen. Die macht sich doch nicht mit den Gewerkschaftern gemein. Wie aber kommen die Aufträge und Sie nun doch zusammen?«

Endlich kam sein Blick auf Kirschs Gesicht zur Ruhe. Er kostete die Situation bis ins Letzte aus, das spürte Kirsch deutlich. Doch was nutzte es, wenn er sich darüber ärgerte? Riederer saß am längeren Hebel. Also tat er ihm den Gefallen und fragte kurz: »Und wie?«

Riederers Gesicht verzog sich zu einem breiten Lachen. Schnell antwortete er: »Durch mich, mein Lieber, natürlich durch mich! Nur ich kann Ihnen und Ihren Genossen helfen, an diese Aufträge heranzukommen. Ich habe Kontakte zu der feinen Kundschaft, mir vertrauen die Leute. Ich habe nämlich ein Auftreten!«

Er streckte den Bauch nach vorn, strich sich mit der Hand über den Wams. Dabei glitt sein Blick vielsagend über Kirsch. Der ertrug die offenkundige Beleidigung stoisch.

Der Ladenbesitzer fuhr fort: »Ich hätte sogar schon einige sehr lukrative Sachen für Sie an der Hand: nur beste Stoffe, beste Schnitte und selbstverständlich die allerbeste Kundschaft. Da können Sie sich ganz auf mich verlassen.«

Kirsch sagte immer noch nichts. Fieberhaft versuchte er, seine Gedanken zu sortieren und gleichzeitig dem Ladenbesitzer weiter zuzuhören. Noch wusste er nicht, was er von den Ausführungen halten, wie er mit dem überraschenden Angebot umgehen sollte. Die Produktivgenossenschaft war außerdem nicht einmal gegründet, geschweige denn von den Schneidergehilfen überhaupt befürwortet worden.

»Was überlegen Sie noch? Aufträge sind rar!« Riederers eben noch lachendes Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, fest schlug er mit der Faust auf die Theke. »Ich biet Ihnen eine einmalige Kooperation, und Sie müssen erst noch nachdenken? Glauben Sie, Sie sind der Einzige, mit dem ich zusammenarbeiten kann? Glauben Sie, ich wär auf Sie und Ihre Genossenschaft angewiesen? Da täuschen Sie sich aber!«

Ein zweiter Schlag krachte auf die Theke nieder. Von der Erschütterung fiel ein Becher mit Bleistiften um. Riederer wischte die Stifte ohne Hinzusehen mit der Hand zu Boden.

»Was sagen Ihre Genossen dazu? Wie stehen Sie da mit fünf teuren Maschinen, die bezahlt werden müssen, aber ohne Aufträge zum Nähen?«

»Das muss nicht Ihre Sorge sein«, bemerkte Kirsch und bemühte sich, ruhig zu bleiben. »Was haben Sie davon? Sind die Aufträge überhaupt sauber?«

»Natürlich sind die Aufträge sauber!« Riederers Gesicht lief rot an. »Jetzt langt's mir aber! Was glauben Sie, wen Sie vor sich haben? Statt froh zu sein, dass ich Ihnen helfen möcht, werden Sie frech. Passen S' nur auf!«

Blitzschnell schoss Riederer um die Verkaufstheke herum und packte ihn am Kragen. Damit wurde es auch Kirsch endlich zu bunt. Wütend schlug er um sich und schrie: »Fassen Sie mich nicht an!«

»In meinem Laden fass ich an, wen ich will!«

»Aber nicht mich!«

»Herr Riederer, brauchen S' Hilfe?« Eine krähenartige Alte lugte verängstigt zwischen dem Vorhang hervor. »Soll ich den Schandi rufen?«

Unwillig ließ Riederer von Kirsch ab. Der trat drei Schritt zurück.

»Scher dich um deinen eigenen Kram, Kathi«, knurrte der Ladenbesitzer und strich seinen Anzug glatt. »Mit dem hier werd ich schon allein fertig. Geh heim, 's ist spät!«

»Wie S' meinen«, murmelte die Alte, verschwand noch einmal hinter dem Vorhang, um kurz darauf mit einem schwarzen Häkeltuch über der Brust und einem winzigen Hut auf dem Kopf quer durch den Laden zur Tür zu eilen. Kirsch fühlte einen Moment lang ihren missbilligenden Blick auf sich ruhen. Riederer schenkte sie dagegen keine Beachtung mehr. Erstaunt bemerkte Kirsch das und sah ihr nach, bis sich die Ladentür hinter ihr schloss.

»Ich wollt Ihnen gar nichts«, wandte er sich an Riederer, sobald sie wieder allein waren. »Ich wollte nur wissen, was es mit den Aufträgen auf sich hat. Ich vertrete gutgläubige Gehilfen. Deren ganze Existenz hängt von der Genossenschaft ab. Also: Sind die Aufträge sauber?«

»Was fällt Ihnen ein!« Abermals brauste Riederer auf. »Was fragen Sie das immerzu? Wer sind Sie überhaupt? Nur so ein dahergelaufener Gewerkschafter! Es langt! Hauen S' ab!«

Sein Arm schnellte nach vorn, knapp an Kirschs Kopf vorbei. Mit ausgestrecktem Zeigefinger wies er auf die Tür, doch Kirsch zögerte, der Aufforderung zu folgen.

»Raus aus meinem Laden, sag ich! Schleich dich, du dreckerter Hund, du! Lump, elendiger, oder muss ich dir erst Beine machen?«

»Moment, einen Moment noch«, flehte Kirsch.

Riederer war nicht mehr zu bremsen. Erneut stürzte er sich auf Kirsch. Dem gelang es dieses Mal noch weniger, sich gegen den Angriff zu wehren. Riederer war nicht nur größer, sondern auch entschieden stärker als er. Bald drückte er Kirsch mit bloßen Händen die Gurgel zu. Gerade noch gelang es Kirsch, mit der rechten Hand das Messer zu greifen, das er stets am Hosengürtel trug.

Die Ladenglocke bimmelte, die Tür schwang auf. Aus den Augenwinkeln erspähte Kirsch die Silhouette eines dunkel gekleideten Herrn, der mit wohlklingender Stimme fragte: »Störe ich?«

Die frische Luft tat gut. Severin Thiel atmete mehrmals tief durch. Die Wirtshaustür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss. Stickiger Bierdunst, hitzige Debatten und lautstarke Proteste blieben dahinter zurück. Die Versammlung dauerte schon fast drei Stunden. Längst war zu viel Bier geflossen, als dass einer noch einen klaren Kopf, geschweige denn eine genaue Vorstellung vom weiteren Tun bewahrt hatte. Noch eine ganze Weile würden die Brauereiknechte beieinander sitzen, eine Entscheidung für oder gegen einen Streik würden sie dabei sicher nicht mehr treffen. Aus ihrem Misstrauen gegen die sozialdemokratischen Redner hatten sie keinen Hehl gemacht. Von dem Vorschlag, sich den streikenden Schneidergehilfen anzuschließen, hatten sie gleich gar nichts gehalten. Solidarität mit anderen Gewerken war ihnen suspekt. Aber wenn die Brauereiknechte nicht streiken wollten, was führten sie dann im Schilde, um ihre Forderungen nach mehr Lohn und besseren Arbeitsbedingungen durchzusetzen? Thiel war ratlos.

Seltsam, dass Neff und Kirsch nicht gekommen waren. In letzter Zeit hatten die beiden auf keiner Versammlung gefehlt. Womöglich hätten sie die Zweifler doch noch umstimmen können. Ausgezeichnete Redner waren sie ja, und vor allem Kirsch wirkte ehrlich überzeugt von der Sache. Der riss die Gesellen immer mit. Wo die zwei nur steckten?

Von einer der vielen Kirchturmuhren schlug es drei viertel neun. Thiel beschloss, es für diesen Abend gut sein zu lassen mit seinen Beobachtungen. Ruhigen Gewissens machte er sich auf den Weg in die Polizeidirektion. Vielleicht schaffte er es noch, den Bericht für den Polizeidirektor zu schreiben. Dann konnte er morgen früh ein wenig später zum Dienst erscheinen. Er setzte den Tschako auf den Kopf und ging los, froh, die langen Beine endlich bewegen zu können. Bald schon verschwanden die Konturen des Karlstores hinter ihm im Dunkel. Die Sohlen seiner Stiefel klackten auf den Pflastersteinen.

Vor ihm lag eine lange, leere Straße. Um diese Stunde zogen sich die anständigen Bürger bereits in ihre Häuser zurück, und die weniger anständigen rückten im Schutz der Finsternis aus. Sobald es richtig dunkel war, würden sie mit ihren dubiosen Geschäften beginnen. Thiel war erleichtert, keinen Wachdienst bei der Gendarmerie schieben und solche Kreaturen aufspüren zu müssen. Er verschränkte die Hände auf dem Rücken und marschierte geradeaus weiter. Dass er sich damals nicht zur Gendarmerie gemeldet hatte, war eine gute Entscheidung gewesen, trotz allem. Grübelnd zwirbelte er an seinem Oberlippenbart. Dass ihm das immer wieder durch den Kopf ging, gerade so, als ob er seine Entscheidung doch bedauerte! Wahrscheinlich lag es mal wieder an dem, was er eben auf der Versammlung gehört hatte. Je länger er an all diesen Zusammenkünften teilnehmen und die Reden der Sozialdemokraten anhören musste, desto unzufriedener wurde er mit seinem eigenen Dasein. Und nicht zuletzt mit sich selbst, weil er sich nicht traute, den Mund aufzumachen.

Schluss damit! Energisch richtete er sich auf, drückte die Brust heraus, dass die goldenen Knöpfe auf der dunkelblauen Uniformjacke im letzten Tageslicht blitzten.

Die imposanten Verwaltungsgebäude linker Hand wirkten wie drohende Ungetüme. Auf der rechten Seite reihten sich schmale, hoch aufragende Bürgerhäuser dicht aneinander. In einigen gab es Weinstuben, Kaffeehäuser und Gasthäuser wie das »Schimon« oder die »Blaue Traube«, in anderen befanden sich ansprechende Ladenlokale. Waren aller denkbaren Arten buhlten um die Aufmerksamkeit williger Käufer. Es gab eigentlich nichts auf der Welt, was man auf der kurzen Strecke zwischen Karls- und Marienplatz nicht kaufen konnte. »Konfektionen«, »Herrenausstatter« oder »Mode-Waren-Lager« prangte es auf jedem dritten oder vierten Schild entlang der Straße, inzwischen fast alles Geschäfte, die »Bekleidung von der Stange« für jedermann anpriesen. Damit konnte Thiel wenig anfangen. Seine Uniformen ließ er alle paar Jahre bei einem eingeführten Schneider in der Damenstiftstraße anfertigen, Zivilkleidung trug er äußerst selten. Einen einzigen Anzug hatte er sich seit seiner Hochzeit vor fünfzehn Jahren nähen lassen, und den hatte er für Bettys Beerdigung gebraucht.

Rasch wandte er sich anderen Geschäften zu. Schweren Herzens versagte er sich einen Abstecher zu einem der von ihm hoch geschätzten Tabakwarenläden. Ein Blick in die reich bestückten Schaufenster, die im hellen Mondlicht umso verführerischer aussahen, hätte nur unerfüllbare Wünsche geweckt. Sein Lohn war karg, da blieb kein Spielraum für überflüssige Genüsse.

Weiter vorn lieferten sich im schwachen Lichtkegel einer Gaslaterne zwei Katzen einen erbitterten Kampf. Böse fauchten sie sich an. Thiel hielt auf sie zu. Eine der Katzen richtete sofort ihren Schwanz auf und krümmte den Rücken. Schon tastete er nach seinem Säbel, da lenkte das plötzliche Bellen eines Hundes das Tier von seinem Angriff ab. In großen Sätzen sprangen die Katzen davon.

Das Bellen des Hundes klang sehr aufgeregt. Der Tonlage nach musste es sich eher um einen kleinen Kläffer denn um einen Furcht einflößenden Wachhund handeln. Das Gebell schraubte sich in immer höhere Tonlagen. Auf einmal wurde es leiser und erstarb schließlich ganz. Ein schrilles Aufjaulen folgte, ein letzter, verzweifelter Schmerzensschrei, dann Stille. Thiel bildete sich ein zu hören, wie jemand davonlief. Er legte die Hand an den Säbelgriff und eilte vorwärts, in die Richtung, in der er den Hund vermutete.

Am Ausgang eines Gässchens stieß er auf ein lebloses Bündel. In pulsierenden Stößen schoss Blut heraus. Ein letztes Seufzen entfuhr dem kleinen Körper, dann war es vorbei. Mitleidig besah Thiel sich das erbärmlich zugerichtete Tier, ein kleiner Mischlingshund mit hellem, strähnigem Fell, magerem Leib und sicherlich mehreren Dutzend Flöhen, wie die unzähligen wunden Stellen auf der Haut verrieten.

Thiel richtete sich wieder auf, lief ein Stück weit in die bereits stockfinstere Gasse hinein. Sehen konnte er niemanden mehr. Unverrichteter Dinge ging er langsam zurück zur Kaufingerstraße.

Der tote Hund war verschwunden. Als er sich verwundert umsah, entdeckte er auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen groß gewachsenen, sehr schlanken Mann. Sein dunkler Gehrock und die gestreiften Hosen saßen perfekt, helle Gamaschen rundeten die elegante Erscheinung ab. Die linke Hand fuhr gerade lässig in die Rocktasche, an einem der Finger blinkte ein Ring auf. Unwillkürlich spreizte der Unbekannte Zeigefinger und Daumen am Eingriff ab, schob mit dem Unterarm den Rockschoß nach hinten. Sah so ein Hundemörder aus? Wohl kaum. Aber vielleicht hatte der Herr etwas beobachtet? Entschlossen trat Thiel an ihn heran.

Das Mondlicht beschien ein über und über mit einem schwarzen Bart bedecktes Gesicht. Eine rot geränderte Narbe leuchtete knapp unter dem rechten Auge auf. Doch nicht das erregte Thiels Aufmerksamkeit. Erst eine ganze Weile später wurde ihm klar, dass es der seltsame Blick gewesen war, der ihn angezogen und gleichzeitig abgestoßen hatte: Das eine Auge stierte leer geradeaus, das andere suchte unterdessen Halt auf Thiels Gesicht.

»Stehen Sie schon länger da?«, erkundigte sich Thiel nach einem höflichen Gruß.

»Warum?«

Die Stimme klang tief und melodisch.

»Haben Sie zufällig gesehen, wer den kleinen Hund abgestochen hat?«

»Nein, tut mir Leid. Aber um diese Zeit lungern hier oft recht derbe Kerle herum. Vielleicht sollten Sie Ihre Patrouillen verstärken? Macht keinen guten Eindruck, wenn im Dunkeln das üble Gesocks die Straßen beherrscht. Einen schönen Abend noch, Herr Offiziant.«

Noch bevor Thiel sich nach Weiterem erkundigen konnte, verbeugte sich der Mann, setzte seinen Zylinder auf und ging davon. Verblüfft sah Thiel ihm nach.

Dienstag, 26. April 1870

Um sich einen ersten Überblick zu verschaffen, blieb Thiel in der Ladentür stehen. Dicht drängelten sich die Neugierigen um ihn. In ihrer Gier nach Sensationen zeigten sie seiner Uniform gegenüber nicht den geringsten Respekt, sogar der heftige Regen hielt sie nicht davon ab, vor dem Laden auszuharren. Mit einem lauten »Grüß Gott« begab er sich schließlich hinein.

Auch drinnen reagierte niemand auf seinen Gruß. Vom Tageslicht drang nur ein schwacher Strahl durch die Schaufensterscheiben. Mehrere grün Uniformierte schoben sich zwischen wuchtigem Verkaufstresen und voll gestopften Regalen hin und her. Zwei, drei kleine Tische mit Nähmaschinen standen quer im Raum, auf einem Hocker kauerte eine ältere Frau und weinte in ein Taschentuch. Vergeblich versuchte ein junger Gendarm, sie zu beruhigen.

Der Tote lag in einer großen Blutlache hinter der Ladentheke. Ein Herr in Anzug kniete direkt neben der Leiche und sprach von unten herauf leise mit einem zweiten, ebenfalls in dunkles Tuch gekleideten Herrn. Der lehnte an der weit entferntesten Ecke der Ladentheke und nickte zwar gelegentlich mit dem Kopf, schien aber trotzdem Schwierigkeiten zu haben, den Ausführungen des Knienden zu folgen.

Die vielen Menschen in dem schmalen Raum hatten die Luft dick werden lassen. Feuchtigkeit hing in ihren Kleidern, über allem lag ein süßlicher Geruch. Angewidert verscheuchte Thiel ein Insekt, das um seinen Kopf schwirrte, und schob den Gedanken weg, wo es gerade hergekommen sein mochte.

Als der kniende Herr innehielt, um Luft zu schöpfen, nutzte Thiel die Pause, vor dem stehenden Herrn vorschriftsmäßig zu salutieren.

»Stehen Sie bequem!« Polizeidirektor Karl von Burchtorff wischte sich durchs rot angelaufene Gesicht, sein voluminöser Backenbart zitterte. »Ein furchtbares Malheur! Gut, dass Sie endlich da sind, Thiel. Schauen Sie sich um, damit Sie einen Eindruck bekommen, und dann lassen Sie uns gleich hier noch darüber reden.«

Mit dem rechten Arm vollführte er eine ausholende Geste, die linke Hand verschwand unterdessen in der Rocktasche.

»Zu Befehl!«

»Der Tote ist Josef Riederer«, erklärte Burchtorff bereits weiter, »Mechaniker und Inhaber dieses Nähmaschinengeschäfts. Die Ladnerin, eine gewisse Kathi Bauer, hat ihn in der Früh gefunden.«

Thiel wurde misstrauisch. Warum gab ihm der Polizeidirektor höchstpersönlich diese Informationen? Eigentlich wäre das doch die Aufgabe eines der anwesenden Gendarmen gewesen. Wieso war Burchtorff überhaupt da? Und warum hatte er auch noch ihn rufen lassen?

Der Polizeidirektor gewährte ihm nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Keine Sekunde ließ er ihn auf seinem Rundgang aus den Augen.

Alles war akribisch aufgeräumt, sowohl vorn im Laden als auch hinten in Lager und Büro: Die Papiere und Bücher lagen Kante auf Kante auf dem Pult, die Stifte gespitzt und der Länge nach sortiert daneben. In den Regalen an der rückwärtigen Seite des Lagerraums stapelten sich einige Stoffballen, rund zwei Dutzend Nähmaschinen und Holzkoffer reihten sich auf dem Boden. Nichts deutete auf einen Raubüberfall hin.

»So was ist mir noch nicht untergekommen«, stellte Burchtorff fest.

Langsam drehte Thiel sich zu seinem Vorgesetzten um. Die Situation war mehr als prekär. Noch wusste er nicht, was er von all dem halten sollte, geschweige denn, wie seine Rolle dabei aussah und was der Polizeidirektor von ihm erwartete.

»Wann ist es denn passiert?«, entschloss er sich mit einer mehr als legeren Erkundigung, den üblichen Kotau vor Burchtorff zu unterlassen. Dem schien ohnehin gerade anderes wichtiger als das strikte Beharren auf Formalitäten.

»Der Arzt meint, irgendwann gestern Abend. Genaueres wird die Obduktion ergeben.«

»Trotzdem hat ihn erst die Ladnerin in der Früh gefunden?«, stellte Thiel erstaunt fest. »Hat ihn keiner vermisst? Seine Frau, seine Kinder, das Personal zu Haus?«

»Herr Riederer ist, vielmehr war, allein.« Burchtorff hüstelte in die Faust. »Genaueres müssen Sie noch herausfinden. Ich kenne ihn flüchtig. Er verkehrte gelegentlich im ›Tambosi‹.«

Das war es also! Der Tote gehörte zu dem erlauchten Kreis der Stammgäste im »Tambosi«, genau wie der Polizeidirektor. Das erklärte, weshalb Burchtorff persönlich am Tatort war. Und weshalb er ihn nicht aus den Augen ließ. Bestimmt würde er gleich auf besonders rasche Aufklärung des Falles drängen.

»Ein schreckliches Verbrechen!« Burchtorff baute sich hinter dem Stehpult auf und begann, mit seinen steifen Fingern in den Büchern zu blättern. Dabei befeuchtete er immer wieder die Fingerspitzen. Bald hing ein kaum sichtbarer Speichelfaden von seinem Mund.

Angewidert wandte Thiel sich ab. Der Regen trommelte inzwischen stärker gegen das Fenster. Es wurde noch düsterer in dem schummrigen Büro.

Burchtorff schienen die schlechten Sichtverhältnisse bei seiner Lektüre nicht zu stören. Ungerührt blätterte er weiter. Endlich schlug er das Buch zu und schaute wieder auf. Thiel nahm Haltung an.

»Lassen Sie das, Thiel. Ich habe Sie vorhin schon darum gebeten.« Der Polizeidirektor fuchtelte mit der Hand durch die Luft. »Wir müssen jetzt alles tun, um den gewissenlosen Täter schnellstmöglich dingfest zu machen. Eigentlich ist die Gendarmerie für solche Vorfälle zuständig, aber bei diesem Mord gibt es ganz besondere Umstände.«

Ergeben nickte Thiel.

»Und die liegen nicht allein darin, dass mir das Opfer entfernt persönlich bekannt war«, setzte Burchtorff nach. Dabei trat er hinter dem Pult hervor, verschränkte die Arme auf dem Rücken und begann, auf und ab zu gehen.

»Josef Riederer war nicht nur ein angesehener Geschäftsmann. Aufgrund seiner Waren hatte er vor allem mit Schneidern zu tun. Und die sorgen gerade für ganz besonderen Aufruhr in der Stadt.«

Abrupt blieb er stehen. Seine Stimme war lauter geworden. Oder lag es daran, dass der Regen leiser geworden war? Thiel zog die Augenbraue hoch. Es juckte ihn am rechten Nasenflügel. Undenkbar, sich jetzt dort zu kratzen.

Zum Glück sprach der Polizeidirektor schon weiter: »Aber das alles muss ich Ihnen nicht erst erklären. Das wissen Sie selbst am besten.«

Dicht vor Thiel blieb er stehen. Thiel spürte seinen Atem im Gesicht, eine Mischung aus kaltem Zigarrenrauch und Kaffee, dünn überlagert von einem herben Parfum. Unwillkürlich schluckte er, was Burchtorff wohl falsch verstand. Missbilligend verzog er den Mund, dann aber lächelte er: »Sie sind der richtige Mann für diesen Fall.«

Er klopfte ihm auf die Schulter. Plötzlich erschien ein triumphierendes Blinzeln in seinen Augen.

»Außerdem, mein lieber Thiel, ist der Fall sowieso schon so gut wie gelöst.«

»Was?«

»Ja, Sie haben richtig gehört: Der Fall ist so gut wie gelöst. Es gibt nämlich eine Zeugin.«

Mit drei großen Schritten war der Polizeidirektor beim Vorhang, riss ihn schwungvoll auseinander und rief ins Geschäft hinein: »Die Ladnerin, bittschön!«

Thiel vernahm ein erschrockenes »Ich?«. Eine Männerstimme blaffte: »Wer sonst?« Dann kratzte Holz über Holz, männliche Stiefelschritte knallten auf dem Boden, leichte Frauenschritte trappelten näher, der Vorhang schob sich ein weiteres Stück auseinander, und die ältere Frau aus dem Laden trat ein. Dicht am Vorhang blieb sie stehen, knickste mit zittrigen Beinen und faltete ihre Hände vor dem schmalen Leib. Ihre Augen hafteten fest vor ihren Fußspitzen auf dem Boden.

»Treten Sie näher, Fräulein Kathi, nicht so schüchtern. Der Polizeioffiziant tut Ihnen nichts, dafür sorge ich schon.«

Er lachte übertrieben.

»Sagen Sie ihm doch einfach noch mal, was Sie gestern Abend beobachtet haben. Sie haben es vorhin ja schon mehrmals erzählt.«

Die Ladnerin nickte, sagte aber immer noch nichts.

»Also?« Die Stimme des Polizeidirektors klang nun schon etwas ungeduldiger. »Kommen Sie, Fräulein Kathi, wir haben nicht ewig Zeit, wir müssen einen Mörder verhaften. Sie haben eine wichtige Beobachtung gemacht, das schildern Sie dem Herrn Offizianten jetzt bittschön einfach noch mal.«

Die Frau blieb weiter stumm.

»Also gut, dann sage ich es eben selbst.« Sichtlich unzufrieden wandte Burchtorff sich wieder Thiel zu: »Sie hat gesehen, wie das Opfer, also Herr Riederer, gestern Abend in seinem Laden bedroht worden ist, handgreiflich bedroht. Den Rüpel hat unser Fräulein Kathi hier genau gesehen, so genau, nicht wahr, Fräulein Kathi, dass sie ihn jederzeit beschreiben und wiedererkennen kann. Herr Riederer hat sie dann zwar nach Haus geschickt, aber nach allem, was der Doktor bislang festgestellt hat, muss er kurz darauf schon niedergestochen worden sein. Also ist es mehr als wahrscheinlich, dass der Mann, den das Fräulein Kathi zuletzt bei Herrn Riederer gesehen hat, auch unser Täter ist. Na, was sagen Sie dazu, Thiel?«

Burchtorff tätschelte der Frau die Schulter. Die Freude, so schnell einen Tatverdächtigen präsentieren zu können, überwog den Ärger über ihren verpatzten Einsatz. Und es ließ ihn offenkundig übersehen, dass seine Vermutung eigentlich recht dünn war. Gerade wollte Thiel eine gewisse Vorsicht vor zu voreiligen Schlussfolgerungen anmahnen, da bemerkte er Burchtorffs Gesichtsausdruck. Sofort schwenkte er ein und fragte überaus freundlich: »Sie haben also den Mann, der so heftig mit dem Herrn Riederer gestritten hat, ganz genau gesehen?«

»Ja«, hauchte sie.

»Wie hat er denn ausgeschaut?«

Aufmunternd nickte er ihr zu. Im Stillen hoffte er, dass Burchtorff nicht wieder dazwischenredete. Schließlich wollte er von der Frau selbst hören, was sie beobachtet hatte. Nervös knetete sie den Stoff ihres Rocks, sah erst zu Burchtorff, dann zu Thiel, dann wieder zu Burchtorff.

»Jung war er«, wisperte sie schließlich.

»Und weiter? Was hatte er an?«

»Angezogen war er«, die Frau überlegte sichtlich angestrengt, »so wie heutzutag halt alle! Also mit so einer Jacken und einer Hosen und einer Mütze.«

»Ach«, entfuhr es Thiel entmutigt. Im Geiste sah er sich schon den Steckbrief formulieren. Eine grandiose Beschreibung! Fast die gesamte männliche Bevölkerung Münchens stand damit unter dringendem Tatverdacht.

»Wie jung?«, hakte er nach.

»So um die dreißig?« Allmählich erwachte die Ladnerin aus ihrer Erstarrung. »Sind Sie jetzt ein richtiger Gendarm oder nicht? Ihre Uniform schaut ganz anders aus als die von den Schandis vorn im Laden.«

»Da haben Sie Recht, Fräulein Kathi«, lobte der Polizeidirektor. »Gut beobachtet.« Wieder lächelte er triumphierend über ihren Kopf hinweg zu Thiel hinüber. »Das hier ist nämlich ein Offiziant der Stadtpolizei und kein Gendarm. Deshalb trägt er einen blauen Rock und keinen grünen.« Bekräftigend schlug er Thiel auf die Schulter. »Dafür ist der Herr Polizeioffiziant mit ganz besonderen Aufgaben betraut und nicht auf Wachgang. Ihm können Sie vertrauen. Sagen Sie ihm einfach alles, was Sie wissen, Fräulein Kathi.«

Damit eilte er durch den Vorhang hinaus in den Laden.

Thiel stöhnte auf. Nun war er zwar endlich allein mit der Zeugin und konnte sie ungestört befragen, dennoch fühlte er sich unbehaglich. Die Sache widerstrebte ihm. Das lag nicht nur an der krähenartigen Gestalt von Fräulein Kathi. Ihre dürren Finger umklammerten den Stoff der Schürze, die wässrig blauen Augen bohrten sich in sein Gesicht. Mühsam suchte er nach Worten, um sie zum Reden zu bringen. Er wusste, dass Burchtorff hinter dem Vorhang ungeduldig wartete. Und er wusste genau, worauf. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als alle Bedenken fahren zu lassen und es mit der Zeugin zu probieren.

Als er dem Polizeidirektor eine Viertelstunde später in den Laden folgte, war er nicht nur genau über das Aussehen des Verdächtigen informiert, sondern hatte auch erfahren, warum er mit Biederer in heftigen Streit geraten war.

»Und das«, erklärte er Burchtorff, »ist wohl der entscheidende Hinweis.«

Dabei wollte er es bewenden lassen und sich endlich an die Arbeit machen.

»Raus mit der Sprache, Thiel: Wer ist es?«

Ungeduldig trommelte der Direktor mit den Fingern auf die Ladentheke. Das mochte Thiel nicht. Einen Moment war er versucht, dagegen zu protestieren, erinnerte sich aber gerade noch rechtzeitig, wen er vor sich hatte.

»Wohl einer vom Arbeiterverein«, gab er ausweichend preis.

»Wer?« Burchtorff unterbrach das Trommeln abrupt. Sein Gesicht färbte sich dunkelrot, als er losblaffte: »Etwa dieser Neff, dieser unverschämte Bursche? Hab ich's mir doch gleich gedacht! Letzten Sonntag erst war der mit einer Delegation bei mir im Büro. Ein übler Bursche, Thiel, so was sehe ich gleich auf den ersten Blick. So einem ist alles zuzutrauen. Schauen Sie, dass Sie ihn sofort verhaften und zu mir bringen! Den knöpf ich mir höchstpersönlich vor.«

Thiel schluckte, bevor er leise klarstellte: »Nein, nicht Robert Neff, Herr Direktor. Der Beschreibung nach muss es wohl eher Friedrich Kirsch gewesen sein.«

»Wer?«, raunzte Burchtorff verärgert. Dann fing er sich wieder und fragte ruhiger: »Und wer um Himmels willen soll das schon wieder sein?«