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Peter A. Weigand und seine Frau Beate arbeiten als Familientherapeuten in Köln – Klettenberg. Während eines Urlaubs mit Freunden in Tourettes sur Loup in der Region Alpes – Maritimes wird Peter Weigand in der Dependance einer Nachbarvilla ermordet aufgefunden. Die Mieterin der Villa, Karla Land und ihr Freund Paul Berry versuchen sich vorsichtig an die Aufklärung des Mordes heranzutasten. Auch Commissaire Bernard Bontemps möchte sein Scherflein bei der Suche nach dem Täter beitragen. Schon bald erkennen sie, dass die Gründe für die Gewalttat in der Vergangenheit des Opfers und seinem Freundeskreis begründet liegen müssen. Die in dem Buch genannten Orte existieren nur zum Teil. Die Handlung und alle handelnden Personen, Unternehmen, Firmen, Straßen und so weiter sind reine Erfindung ohne Bezug zur Wirklichkeit. Jede Ähnlichkeit wäre rein zufällig.
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Seitenzahl: 228
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Ellis Brink
Mord im Glashaus
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Ölbergstraße
Grillabend
Peter überlegt
Paul ruft an
Die Fahrt
Fahrt nach Tourrettes
Hanne stellt sich vor
Am Pool
Tourettes wird erkundet
Abends
Verhöre
Im Restaurant
Die Gruppe
Bernard Bontemps
Sabiene und Eric
Zwischenspiel
Ausflug nach Grasse
Das Glashaus
E-Mails
Erkenntnisse
Im Haus nebenan
Besprechungen
Noch mehr Berichte
Ermittlungen!?
Der Unfall?
Turbulenter Abend
Verwicklungen
Auflösungen?
Vermisst
Finden, fand, gefunden
So geht es nicht weiter
Alles von vorn!
Karla überlegt!
Die Suche
Helden, Heroinen und andere Subjekte
Endspurt
Impressum neobooks
Mord im Glashaus
von Ellis Brink
Für alle, die Kriminalromane schätzen
Köln. Eine Gründerzeitvilla in der Ölbergstraße, breite Treppenhäuser, in den Wohnungstüren Buntglasscheiben.
Der ovale Spiegel hing im Flur. Hochkant. Gekauft in jenem völlig verregneten September in einem kleinen Antikgeschäft, na ja eher Trödelladen im Perigord. Cubjac bei Perigueux, die Ferienwohnung in einer alten Schlossanlage - eher latent feucht und leicht muffig. Ausgestattet mit je zwei leichten Pullovern für zwei Wochen Urlaub mussten sie mit ihrer Garderobe bei acht Grad Tagestemperatur streng haushalten.
Dann der Kauf des Spiegels: Ein Blätterdekor aus Metall rankte sich um ihn herum, oben thronte eine stilisierte Blüte. Kein Problem, die Deckenhöhe ihrer Wohnung betrug über drei Meter.
Draußen wurde es schon dunkel. Dezember! Im Vorbeigehen fiel Hannes Blick in den Spiegel, hinein in ihr missmutiges Gesicht. Die hellblonden Haare reichten bis auf die Schultern. Graublaue Augen starrten sie an. Langweilig, durchschnittlich, schlecht gelaunt.
Ihre Mundwinkel zielten gekonnt Richtung Kinn. Zaghaft strich Hanne die Haare hinter das Ohr. Vorsichtig versuchte sie in den Spiegel zu lächeln. Sie reckte die Schultern, ließ sie wieder fallen.
Grundschullehrerin, mittelalt, mittelhübsch, mittel- situiert, alles mittel. Keine Kinder. Ein Ehemann. Der auch mittel.
Dunkelblonde Haare, Brille, mittelschlank. Beamter im Tiefbauamt der Stadt Köln. Die Aufgabengebiete:
Erdarbeiten, Gehwegschäden, Schlaglöcher, Straßenschäden,
Gebäudeabriss, Brücken...Mittelinteressant, alles mittel!
Sie wusste, dass sie wirklich keinen Menschen faszinierte, nicht einmal ihre Grundschulklasse oder gar deren Eltern.
Ein Beispiel dafür war der letzte Elternsprechtag: Sie stand vor den Eltern und erzählte von den Regeln und Ritualen ihrer Schule, aber niemand hing gebannt an ihren Lippen. Gepflegte Elternpaare, von ein paar Ausreißern abgesehen. Die Ehemänner, wenn sie denn geruht hatten mitzukommen, starrten hinter der Hand auf das Display ihres Smartphons, die Mütter lauschten gelangweilt, die Augen auf die beschmierte Tafel gerichtet, die der Tafeldienst wieder nicht ordentlich gewischt hatte.
Gut, gut: Offener Beginn der Beschulung ab 7.30 Uhr, Arbeiten an einem Thema auf verschiedenen Niveaus für alle vier Jahrgänge, vertrauensvolle Atmosphäre in Klassenraum und Schule, Helferprinzip! Toll!
Warum nur fühlte sie, dass das alles niemanden interessierte? Etwa an der mangelnden Bereitschaft in der Schule mitzuwirken? An dem Desinteresse die Klassen-pflegschaftsposten zu besetzen?
Na fein! Die Kinder! Hauptsache früh aus dem Haus und möglichst lange in der Schule. Hauptsache keine Probleme mit den Lehrern.
Bloß keine Kritik an den erfolgsverwöhnten, lobgewohnten und nicht belastbaren Sprösslingen, bloß keinen Stress. Erziehung durch Bestäubung, das Genie erkennen. Und später Abitur!
Und dann bitte nicht diese Lehrerinnen, nicht ihre Kritik! Langweilige Lehrerinnen! Top gekleidet im Schlabberlook. Ein Temperament wie Kamillentee mit Zwieback. Sie wusste genau, was sich hinter diesen leeren Augen abspielte, warum die Väter, die gezwungenermaßen mitgekommen waren, unter dem Tisch mit ihren Smartphones spielten. Ganz genau. Langeweile in Potenz. Hanne seufzte tief.
Hinter ihr im Spiegel der große Holztisch der Wohnküche. Eine alternative Küche oder zumindest alternativ Ikea.
Eine Kochinsel, über der Kochlöffel, Schaumlöffel, Grillzangen und Siebe baumelten.
Eine alte Anrichte, Jugendstil mit grünen Bleiglasscheiben an der gegenüberliegenden Wand, darinnen Omas Gläsern. Bilder mit getrockneten Blumen. Oben auf dem Tisch ein feines rotes Nylonnetz und ein Henkelkorb mit den Einkäufen vom Wochenmarkt. Ein Bierkasten auf dem Fensteraustritt oder Minibalkon, natürlich voller Blumenkästen und natürlich mit Küchenkräutern bepflanzt. Das bringt die Toskana nach Köln, nach Köln - Klettenberg, pflegte Hartmut zu sagen, wenn er die Sauce Bolognese umrührte und mit dem Holzlöffel sorgfältig abschmeckte.
Köln. Klettenberg! Ihr " Viertel ", wie die Klettenberger oft mit Stolz und manchmal mit Trotz in der Stimme verkündeten. Jedem, der es hören wollte und den anderen sowieso. Trotzdem! Eben, und erst recht!
Im Internet wurde das Viertel von der tranigen Stadt Köln
als " lauschig- mit viel Atmosphäre " beworben.
Eine Anlage, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts "aus einem Guss" errichtet worden war. Geographisch bestimmt durch die Lage zwischen Gottesweg, Luxemburger Straße, Autobahn und Eisenbahn. Viele Altbauten aus der Gründer- und Jugendstilzeit um 1900 formten das Bild, viele Bauten im Besitz von Wohnbaugenossenschaften mit langen Wartelisten. Hochaufragende Gebäude mit Sprossenfenstern, vorragenden Erkern und recht viel Grün ließen erahnen, wie Köln vor dem 2. Weltkrieg an vielen Stellen ausgesehen hatte.
Zugeparktes Grün versteht sich. Mitten drin der Klettenbergpark. Einige Seitenstraßen der Luxemburger Straße, in der Mitte die Straßenbahnlinie 18, waren nach den Bergen des Siebengebirges benannt.
Das alles erzeugte bei den hier Geborenen das Wir - Gefühl.
Ein Klettenberger lebte sein Viertel, er war engagiert, gestaltete mit. Klettenberg musste man nicht verlassen.
Nur um geboren oder begraben zu werden, wechselte man nach
Lindenthal oder Zollstock. Alles andere geschah im Veedel!
Dazu zählte gerade auch die Luxemburger Straße mit ihren vielen Geschäften und dem tosenden Verkehr: Ein In-Viertel, mit In - Menschen, alles und alle charmant und individuell. Aber auch belastet durch den Verkehrslärm, die Autos, die sich langsam und stinkend durch die Straßen schoben, der oft stundenlangen Suche nach einem Parkplatz, den Graffitis auf schmutziggrauen Fassaden und den Hundehaufen.
Ein Klettenberger sieht das nicht oder auf jeden Fall sieht er es nicht deutlich, er sieht es anders.
Klettenberger sind überhaupt anders. Viele Akademiker, charmante Paare, plus oder minus Kind. Mit Rastalocken geschmückte junge Alternative waren äußerst selten.
Hier dominierten Paare, die es geschafft hatten, beruflich meist erfolgreich, man hatte kreative und teure Hobbys, man hielt zusammen, lebte zusammen und traf sich ständig mit seinesgleichen.
Beliebt waren Fêten in Wohnküche, Flur und Wohnzimmer: ein Glas Beaujolais in der Hand und interessiert die Interessen an KPM und IKEA Geschirr diskutierend. Man tauschte Rezepte aus den Urlaubsländern, brachte Olivenöl extra vergine von der winzigen Ölmühle in der Toskana mit, gründete Kitas und verwaltete sie irgendwie. Die meisten verfügten über einen Zweitwohnsitz in der nahegelegenen Eifel oder in "Holland".
Es gab keine ultimativ höhere Scheidungsrate als anderswo, man riskierte mit einer Trennung ja auch einiges.
Familiäre Abgründe inbegriffen!
Hanne seufzte und wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Irgendwie kam ihr das eigene Leben vor wie ausgeborgt, irgendwie passte es nicht zu ihr, passte nicht zu Hanne. Oder passte es etwa doch? Und jetzt noch diese Idee mit dem gemeinsamen Urlaub. Entstanden auf der Feier der Hausgemeinschaft Ölbergstraße neben dem Grill im hinteren Garten. Grillen im Winter!
Urlaub mit der Hausgemeinschaft! Mit Sonja und Ilka. Mit Peter und Beate. Eine selten blöde Idee.
Sie griff nach der Flasche Mineralwasser. Langsam setzte sie sich an ihren Schreibtisch. Neben dem Bildschirm ein Stapel handschriftlicher Notizen. Gutachten, Gutachten und noch mal Gutachten.
Wieder seufzte sie, nur noch eines heute, versprach sie sich. den Rest auf andere Tage verteilen. Im Verteilen war sie gut.
„... Paul - Luca kann sich an keine Regeln halten. Dieses Verhalten verstärkt sich, je älter er wird. Gegenüber den Mitschülern übt er auch körperliche Gewalt aus. Er übernimmt keine Verantwortung für sein Tun und kennt keine Grenzen. Paul - Luca arbeitet prinzipiell gegen alles, sei es der Unterrichtsstoff, die Mitschüler oder die Lehrer.
Schon in der Kindergartenzeit wurde den Eltern mitgeteilt, dass er in der Schule Schwierigkeiten bekommen würde. Die Eltern zeigen sich ratlos...“
Wieder seufzte Hanne und schaute am Monitor vorbei zum
Fenster. Ja, eine selten blöde Idee!
Hartmut wischte sich die Stirne. Wegen der kurzen Haare spürte er die Kälte im Nacken. Vokuhila im November. Vorne heiß und hinten kalt.
Er beobachtete Peter, der mit Hingabe die Koteletts auf die andere Seite drehte.
Sie alle standen unter dem Terrassenvordach. Runde Stehtische, Hitzestrahler und dicke Klamotten. So konnte man es gerade aushalten. Die " Mädels " tranken Glühwein und lachten über Sonjas Geschichten. Blond gesträhnte Haare umrahmten halblang geschnitten ein rundes fröhliches Gesicht. Eine Tolle fiel ihr verwegen über das rechte Auge. Natürlich war wieder ihr Beruf - oder sollte er sagen ihre Berufung das Thema.
" Du möchtest anderen helfen? Wir helfen Dir! Na ja, und so bin ich dann in der Altenpflege gelandet!"
Sonja und Ilka legten sich die Arme um die Schulter und standen stramm.
" Wir betreuen, wir pflegen. Kommt alle, die ihr krank und hilfsbedürftig seid! Wir beraten und motivieren. Wir haben euch als ganzen Menschen im Blick: Das ist unser Credo! "
" Immer öfter macht uns allerdings die raue Wirklichkeit völlig fertig", Sonja seufzte.
" Du glaubst gar nicht, wie bösartig einige Alte sein können. Dem Udo, du weißt, er ist trockener Alkoholiker, dem hat die alte Frau Rose doch glatt 'ne Alkoholpraline untergejubelt und sich dann über sein erschrockenes Gesicht fast besabbert vor Lachen."
Hartmut rückte sich die Brille zurecht und warf Peter einen
fragenden Blick zu.
" Als Therapeuten bekommt ihr beide ja sicher auch allerhand Elend zu sehen, nicht wahr?"
Beate, schmal in den beigefarbenen Cordhosen und dem dunkelbraunen Wollpullover drehte sich zu den beiden Männern um. Auch sie trug die dunkelblonden Haare kurz und hatte sich damit begnügt, ein paar Strähnchen als modische Highlights einzusetzen. Groß war sie und bemühte sich heftig darum, nicht als Laternenpfahl herumzulaufen. Meist schwieg sie bedeutungsvoll.
Eine ihrer irritierenden Angewohnheiten war, den Zeigefinger philosophisch nachdenklich an die Lippen zu legen und somit jegliche Unterhaltung oder Diskussion rund um sich herum abzuwürgen.
Der Rest war dann weniger bedeutsam. War sie wichtig oder gab sie sich wichtig? Auf jeden Fall doch selbstsicher und in ihrer Ehe schien sie die treibende Kraft.
Sie lächelte mit weißen Zähnen zu Hartmut hinüber. Der wandte sich fragend an ihren Mann Peter. Peter grillte unermüdlich, um die Mitte eine Schürze mit der unglaublich witzigen Botschaft "Hier grillt der Meisterkoch" - nonchalant schwang er die Grillzange und wirkte dabei sehr elegant. Eine dunkle Hornbrille betonte die Augenpartie, wenn er sprach, setzte er sie jedes Mal zum Gestikulieren ab.
Hartmut war sich eigentlich sicher, dass diese Pose kraftvoll und imponierend wirken sollte. Wichtig, beeindruckend, und doch lässig. Aber eine Pose.
Lässig der unvermeidliche Schal und lässig der Kaschmirpulli. Dem erfolgreichen und charmanten Peter gegenüber kam er sich noch magerer, schlaksiger, hilfloser und unbedeutender vor. Eigentlich ein Nichts, ein Witz von einem Mann.
" Du weißt doch, wir sind ja Paartherapeuten. Da ist das Elend relativ. Wir teilen die Not."
Peter gackerte über sein Witzchen.
" Bitte keine Witze auf Kosten der Kundschaft, pardon der Patienten."
Indigniert runzelte Beate die Stirn und steckte sich ein Stückchen Weißbrot mit Pastete in den Mund.
" Wir haben ein Credo: Trainieren ist unsere Aufgabe, üben
müssen die Patienten. Wir geben ihnen natürlich Regeln vor
und interpretieren gemeinsam die Resultate. Acht Augen und acht Ohren können besser dokumentieren."
So sah das also aus!! Dann war ja alles klar. Wer sich da nicht erfolgreich therapieren ließ, verdiente Prügel!
Hartmut sah zu Hanne hinüber. Wieder mal eine Aufmachung ohne Schnick und Schnack, einfach, aber gerne ohne Schick.
Sie hatte den Kopf gesenkt und starrte konzentriert auf die
Terrassenplatten. Sonja stellte sich neben sie, legte einen Arm im roten, locker gestrickten Pulli um sie, redete auf sie ein und lachte.
Ihre kräftigen dichten Haare glänzten wie gelackt.
Gel, dachte Hartmut und fuhr sich mit der rechten Hand über die weichen braunen Haare.
So war Hanne auch einmal gewesen, dachte Hartmut. Hübsch, lebhaft und neugierig dem Leben zugewandt. Und nun?
" Ich hasse den Winter", wandte sich Sonja an die Gruppe.
" Na, ich nicht", meinte Beate, " Skifahren macht durchaus
auch Spaß und Spaziergänge durch den Winterwald, glitzernde Schneekristalle auf grünen Zweigen, Atemwölkchen vor blauem Himmel...", sie starrte Sonja strafend an.
" Nein". Kitsch, übler Kitsch!", Hanne sprach heftig
dazwischen.
" Wer will nicht", fiel ihr Sonja ins Wort, " einmal verreisen, so richtig luxuriös, dahin wo nur die Reichen und Schönen leben. Das wär's."
Sonja lächelte und legte den Kopf in den Nacken, als ob
statt des Klettenberger Hintergartens eine Traumlandschaft am Himmel auftauchte.
" Ich sehe grünblaues Meer, weiße Schaumkronen auf dem Wasser, Pinien, höre Grillen zirpen und spüre die Sonne auf den Armen." Sie breitete weit ihre Arme aus.
Ilka lachte gallig.
Sie war um einige Jahre älter als Sonja. Lockige braune Haare umrahmten ein strenges Gesicht. Sehr oft konnte man sie nicht lächeln sehen. Sonja kannte sie seit vielen Jahren, war sie doch mit ihrer Schwester Monika, genannt Moni, eng befreundet gewesen.
" Luxuriös, wie das denn? Mit unserem Gehalt? Villa mit Pool womöglich? Diese Häuser kosten doch ein Vermögen. Sie sind
auch viel zu groß für uns zwei."
" Was nichts kostet, ist nichts." Peter legte auf jeden Teller ein Würstchen und eine Grilltomate. Mit der Grillzange zeigte er auf die beiden Freundinnen.
" Ihr müssstet eben mit anderen zusammenfahren. Da teilt sich dann die Miete wie damals vor Moses das rote Meer."
Prophetisch intonierte er und setzte sich auf den nächsten
freien Stuhl. Hanne drehte sich zu Hartmut um.
" Hartmut, ich denke an Frankreich. So wie früher mal! So eine Reise könnten wir uns doch erlauben. Nicht immer wieder
und wieder die Toskana." Vor Aufregung hatte sie rote
Flecken auf den Wangen.
" Und ich dachte, du liebst die Toskana: Das Licht, die
schmalen, hohen Pinien, grüne Striche in der Landschaft, den Charme von Luca, Florenz, Siena...", Hartmut schaute erstaunt zu seiner Frau. Beate hielt Peter den Teller hin.
" Gut, Peter, sehr lecker."
Sie biss herzhaft in ihre Wurst, ein kleiner Spritzer Fett lief ihr das Kinn hinunter. Selbstbewusst unterbrach sie den gemurmelten Widerspruch.
" Und jetzt meine Idee. Widerspruch ist zwecklos! Wir sind doch eine tolle Hausgemeinschaft, wahrscheinlich eine noch tollere Reisegruppe. Wir fahren alle zusammen! Nach
Frankreich! Ans Meer, an die Côte d' Azur, luxuriös. Das gönnen wir uns! "
Unsere Hausgemeinschaft. Ist schon ein tolles Ding.
Peter lehnte sich in der Praxis auf dem schwarzen Lederdrehstuhl zurück und klopfte sich nachdenklich mit dem Kugelschreiber an die Vorderzähne.
Das Gesicht von Beate war schon fast den ganzen anstrengenden Abend wert gewesen.
Hausgemeinschaft war ja nicht unbedingt sein Ding - diese schon gar nicht. Und seine Ehe? Beide Therapeuten, das war schlimm, beide in einer Praxis zusammen war eindeutig noch schlimmer. Gelebte Harmonie. Ständig! Gemeinsam arbeiten,
zusammenwohnen, zusammen... Peter seufzte. Die perfekte Kontrolle Tag und Nacht. Nicht, dass er ...aber da brauchte der Therapeut bald ebenfalls Therapie.
Immerhin war Beates Eifersucht dadurch besser auszuhalten. Auf was wollte sie da eifersüchtig sein, hatte sie doch alles und vor allem ihn unter Kontrolle.
Auch die Klientinnen - die sahen sowieso nicht aus wie Julia Roberts. Die Vergangenheit, nun ja ... eine andere Geschichte. Aber eben auch Vergangenheit.
Die sollte ruhen und nicht ständig hochgewürgt und neu bewertet werden. Aus, Schluss und vorbei.
Und nun die Hausgemeinschaft - das Fest mit den anderen war Beates Idee gewesen. Mit Hanne hatte sie sich befreundet. Aber was war mit Sonja und Ilka? Die eine zu jung, zu punkig, zu sehr an sich selbst interessiert. Die andere? Na, ja. Seins war sie nicht.
Im Nebenzimmer klapperten energisch Absätze über das Parkett. Gemeinsam in den Urlaub! Eine Lachnummer? Ein Experiment? Nun, man würde sehen...
Klettenberggürtel. Haus Sonnenschein.
Sonja stöhnte und legte die Füße auf den Hocker. Fahl blinkten Sonnenstrahlen durch das Fenster, ließen Staubkörnchen in der Luft flirren, fielen auf den beige, braun, gelben Designboden des Gemeinschaftsraums. Designboden? PVC!!
Anderer Name, andere Wirkung. Klang nicht nur besser, sah auch gleich besser aus.
Die Farbe allerdings erinnerte sie an das Erlebnis mit Frau Krummer. Sie schüttelte sich. Bloß nicht denken, einfach ignorieren.
Ilka stürmte herein. Ungewöhnlich für sie, die immer so ruhig und bedacht wirkte. Diese Woche hatten sie zusammen Frühdienst, beide trugen die hellbraunen Kittel über braunen Jogginghosen.
" Hast du die Medikamente für die erste Etage zusammenstellt? Und in die Liste eingetragen? " Ihre Stimme klang müde und traurig.
Sonja lächelte.
" Bei Frau Hartmann musst du aufpassen. Sie hat sich einen neuen Trick zugelegt, Tabletten " schlucken " und später wieder ausspucken. Heute Morgen war sie wieder sehr verwirrt und wollte partout noch nicht frühstücken. Waschen und anziehen ging gar nicht und weil sie nicht zur Toilette wollte, ging das Geschäft auch noch daneben."
Ilka winkte mürrisch ab.
" Heute ist ein grauenhafter Tag! Nichts klappt und unsere Leutchen sind nur ätzend. So alt möchte ich nicht werden, das fühle ich immer mehr. So leben, na ja...", Ilka winkte ab und lehnte sich mit dem Rücken an die Kühlschranktür. Nach Engagement sah das heute nicht aus.
„Wenn das doch klappen könnte mit diesem gemeinsamen Urlaub.
Ich glaube ich würde einen ganzen Tag lang Luftsprünge machen vor
Freude... Frankreich! Vielleicht Côte d'Azur!!"
Ihre Stimme überschlug sich fast.
Sonja richtete sich auf und rüttelte Ilkas Schulter.
" Du, ich habe hin und her überlegt. Besser ist, du träumst nicht davon, Ilka. Und dann, hast du mal über die durchaus möglichen Streitereien nachgedacht. Fahre mit Freunden in Urlaub und vergiss diese Freundschaft.
Wer hat zu viel bezahlt, wer zuviel gegessen, getrunken? Wer zu wenig beigetragen, nicht aufgeräumt, zu viel Klopapier verbraucht und und und...Da habe ich noch nicht einmal negativ gedacht, das kann nicht klappen! Vergiss es!"
Das rote Lämpchen über der Tür begann hektisch zu flackern.
" Das ist Herr Raabe, schnell Ilka! Dem ging es den ganzen Morgen schon schlecht."
" Sprich doch noch mal mit Hanne darüber, Sonja. Man kann
doch alles regeln, wenn man nur will. Bitte! Ich bitte dich."
Ilka schob Sonja durch die Tür auf den Flurbereich.
" Na hör mal! Ich sagte meine Cousine - nicht meine
Verflossene!" Paul schnaubte gequält in den Hörer.
Cousine! Solche Cousinen hatte Karla bereits zur Genüge kennengelernt. Da blieb der Spaß durchaus in der Familie.
" Schau mal", Pauls Stimme quakte aus dem Hörer. Sein Durchhaltevermögen war wirklich erstaunlich.
" Ich weiß ja nicht, welche Herren du vor mir gekannt hast.
Wir spaßen da nicht. Bei uns ist die Cousine tatsächlich Teil der Familie."
Karla gackerte. Teil der Familie! Reizend! Welche Herren du gekannt hast! Respekt, Monsieur!
Ihre gemeinsamen Abenteuer im Gers waren nun schon einige Monate her. Den Herbst und Winter hatte Karla dann wirklich geruhsam mit ihren Freunden, zeitweilig mit ihrer Schwester und kulinarischen Köstlichkeiten verbracht, natürlich Paul eingeschlossen.
Dieses Jahr war es so schnell knackig kalt geworden, dass die letzten gefallenen Blätter frostig gefroren waren und klirrend zerbarsten, kaum, dass der Fuß sie berührte.
Dazu kamen die üblichen Dorffestlichkeiten und sehr löblich das Konzipieren von mehreren Unterrichtsreihen samt Arbeitsblättern, das alles hatte sie auf Trab gehalten. Ihre Schwester Karin und ihre Kollegin Mia waren zu Neujahr zu Besuch gekommen und sie alle hatten den Sylvesterabend - le réveillon de la Saint Sylvestre - traditionell als Familienfest bei den Berry verbracht: Also tatsächlich Familie und Freunde und Bekannte!
Statt Raclette und Raketen ein mehrstündiges Repas de fête, ein Festessen mit Entenleber, Champagner und Austern, den Spéziales de Claire, bis zum Abwinken.
Das Bassin d'Arcachon war ja nicht weit und seine Austern galten als überaus wohlschmeckend.
Weite Kiefernwälder, ausgedehnte menschenleere Strände und gewaltige Dünen. Die Düne von Pilat am Becken von Arcachon
war bekanntlich die größte Wanderdüne Europas und wurde alljährlich von zahllosen Touristen gestürmt.
Ben, c'est la vie! Vor dem Tourismus war halt niemand sicher. Und nun das Fest "en famille"!
Zwischen den einzelnen Gängen kreiste immer wieder mal ein Gläschen höher Geistiges zur besseren Verdauung. Die Stimmung war beschwingt und alle wollten sich schier ausschütten vor Lachen, wenn Guy-Claude, Pauls Vater, wieder einmal mit nur einer Flasche unter dem Arm für 15 Personen aus dem Keller auftauchte, die weißen Haare gesträubt, hochrote Flecken auf den Wangen, die Bewegungen behände, sehr behände.
Um Mitternacht öffnete er weit die Fenster, ließ die kalte stille Nacht ins warme Zimmer und unzählige "bonne année" erschallten.
Karin vermisste allerdings das Feuerwerk, das sie in Köln gerne und ausgiebig mit Freunden angeschaut hatte. Hier auf dem Land wollten die Bauern das ihren Tieren lieber ersparen.
" Sagen Sie, Karla ", meinte der liebe Guy-Claude vertrauensselig am frühen Morgen, als die Suche nach weiteren Flaschen längst an die jüngere Generation übertragen worden war, " mein Paul ist bei Ihnen doch in guten Händen, oder?"
Brüllendes Gelächter und ein hochroter Paul ließen Karla nur mühsam die Fassung bewahren.
" Mein Paul ist kein Junge für eine Nacht", fuhr der alte Berry fort und drückte eine Hand an die Brust, wo er sein
Herz vermutete. Ein Blick von links nach rechts und
gnadenlos führten ihn seine Söhne untergehakt aus dem Zimmer.
" Bonne nuit, papie!", gluckste Chloé, die brünette, zahnspangige Tochter von Pierre.
Dummer Scherz - so sollte man nicht auf sich aufmerksam machen. Abmarsch für Chloé!
Aber auch Abmarsch für Karla, Karin und Mia.
Die Übernachtungsmöglichkeiten bei den Berry waren mehr als ausgereizt.
" Um sechs Uhr trefft ihr keine Gendarmen mehr, Mädels. Und wenn doch, ist die Fahrerin über jegliche Frage nach Alkoholgenuss sehr empört und als Zugabe auch noch schwanger!"
Und nun dieser Anruf. Im Mai! Im Wonnemonat! Den Schrecken der Realität im Nacken, schließlich stiefelte das Sabbatjahr mit Siebenmeilenstiefeln seinem Ende entgegen, nervte jetzt Paul mit seiner Cousine.
Nun ja. Lavendel. Veilchen. Mittelmeer. Nizza und Cannes - aber eben auch Cousine. Zu viel Familie erträgt kein Mensch.
" Ich fange besser noch mal von vorne an." Das war wieder Paul, Autorität in der Stimme.
Seine geheimnisvollen Einsätze hatten sie in den letzten Wochen gehindert sich zu treffen. Langsam wurde es Zeit für ein Wiedersehen und auf jeden Fall für ein Einlenken von Karla.
Paul hatte schon Recht. Ein Urlaub für sie beide. Und wenn schon, sei es wie es sei, auch im Haus seiner Cousine.
" Hör zu, Dickkopf. Sabiene lebt in Vence, oberhalb von Nizza. Ihr Mann ist Elektriker und sie haben auf einem Hanggrundstück in Tourrettes sur Loup in den Alpes maritimes ein Grundstück geerbt und darauf ein weißes Haus mit einem traumhaften Blick auf die Küste gebaut.
Das vermieten sie als zusätzliche Einnahmequelle.
Ich habe Fotos gesehen, da legst du dich nieder: Blick, Blick, Blick von Antibes bis Monaco: für dich, für mich, für uns! Von der Terrasse - vom Pool, von jedem Zimmer! Na, sag was! "
Was sollte eine vernünftige, sachliche, intelligente Frau dazu schon sagen? Endlich wieder eine Zeit zusammen!
" Paul, Tourrettes sur Loup ist abgemacht. Lass uns über die Einzelheiten sprechen. Im Juni wäre es perfekt."
Beim Phantasialand kam die erste Hiobsbotschaft aus dem Radio.
" Autobahn zwischen Bitburg und Trier gesperrt. Wartezeit mindestens eine Stunde. "
Also nahmen sie einen Umweg über Gerolstein. Auf der A1 wieder eine Baustelle und Wartezeit.
" Ich beneide jetzt schon Beate und Peter. Fliegen müsste man können, ich meine, sich leisten können." Sonja nölte eindeutig.
" In the summertime, when the weather is fine...", seelenruhig umfasste Ilka das Lenkrad, summte und gab ihrem Wagen die symbolischen Sporen.
" Reg dich nicht auf. Relax doch! Wir haben Urlaub und bald sind wir am Mittelmeer. Saint Tropez, Nizza, Cannes, wir kommen! Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue. Brüllen
könnte ich!"
Sonja drehte sich um.
" Hanne und Hartmund sind noch hinter uns. Wollten wir nicht bald den Tank vollmachen?"
Luxemburg. Ausfahrt 13. Die Kölner tankten. Anschließend
Gewitter, Gewitter, Gewitter! Es goss nicht, es regnete Schusterjungen, es hagelte Golfbälle. Gut: Kleine Golfbälle.
Soviel zu " in the Summertime ".
Die Mesdames und Messieurs auf der Autobahn bremsten bis auf Null herunter. Einige parkten aus Angst um die teure Karosse gar unter Autobahnbrücken und vereinzelt blieben ganz furchtsame Exemplare mittenmang auf der rechten Spur stehen.
Ein Auftakt vom Feinsten. Langsam, ganz langsam wurde der Himmel wieder etwas heller. Also: schleichender Verkehr, untermalt vom Quietschen der Scheibenwischer, die sich fast einen Wolf arbeiteten.
Es lief durch Thionville und Metz. Bei Toul fädelten sie sich fast ohne Wartezeit durch die " Peage ". Glück gehabt.
Gegen 17.00 Uhr erreichten sie das Hotel du petit Casset vor
Lyon. In Lyon war es heiß, leider das Zimmer ohne Klimaanlage, dafür war das Personal sehr freundlich.
" Also, wollen wir es mit dem Lemoncello versuchen?"
Fleißig hatte Hanne das Internet von Tripadvisor bis zu
sämtlichen Restaurantführern in Lyon durchstöbert.
Gefunden hatte sie in unmittelbarer Nähe ein familiäres Etablissement " Le Lemoncello ". Die vier ergatterten einen Außentisch in drückender Hitze mit Blick auf den
Durchgangsverkehr der ortsansässigen Bevölkerung von Le Boise. Angereichert wurde die Atmosphäre von Auspuffgeknatter und Musikgedröhne.
Langsam aber sicher versammelten sich auch die Anwohner des Ortes bei den Hotelgästen vom Petit Casset um ungeheuerliche Portionen zu verdrücken. Hier aßen keine sachkundigen und maßvollen Genießer, hier widmete man sich der exzessiven tonnenweisen Nahrungsaufnahme.
" Eigentlich ist es typisch Peter und Beate ", äußerte Hanne
missbilligend. " Hier hätten sie mit uns sitzen sollen. Das ist doch ein gemeinsamer Urlaub und sie bekommen nicht mal die Anreise gemeinsam mit uns hin! Ich glaube, die bilden sich ein, etwas Besseres zu sein. Dabei haben Hartmut und ich auch studiert und ihr ebenfalls eine richtige Ausbildung."
" Wenn wir jetzt schon anfangen, uns über andere Gruppenmitglieder das Maul zu zerreißen, können wir gleich wieder nach Hause fahren."
Hartmut klang bestimmend, seine Augenbrauen trafen fast über der Nasenwurzel zusammen.
So bestimmend immerhin, dass Peter und Beate mit keinem Wort mehr erwähnt wurden.
" Im Hotel bestelle ich sofort 4 Ricard", stöhnte Ilka.
Dieser Idee wurde nicht widersprochen.
Auf der Hotelterrasse versanken alle vier Mittelmeerfreunde in Träumerei. Die sich langsam verstärkende Dämmerung und der pastellfarben gefärbte Himmel luden sicher dazu ein.
Hanne stöhnte wohlig auf und schloss die Augen bis auf einen kleinen Spalt.
Wieso fiel ihr fast augenblicklich ihr Berufsbeginn in Duisburg wieder ein? Der war doch schon so lange her und so gut in den hintersten Ecken ihrer Erinnerung versteckt.
Schon Jahre hatte sie nicht mehr an die junge Hanne und die Städtische Aufbaurealschule gedacht.
Ihre erste Stelle, in Duisburg. Im Ruhrpott. Bis sie das möblierte Zimmer gefunden hatte - inklusive Toilette auf dem Flur - musste sie jeden Morgen von Köln nach Duisburg fahren.
Ihr Auto, ein alter VW Käfer mit tiefenbegabter Geschwindigkeit wurde stets nach kurzer Zeit zwischen die in geschlossener Reihe fahrenden Laster eingezwängt, ein Überholen illusorisch. Oft kam es vor, dass ein sympathischer Trucker sie mitsamt ihrem Autochen auf den Standstreifen jagte. Diese Fahrten überstand sie nur mit Wackelknien. Nicht, dass das gemietete Zimmer besser gewesen wäre. Aber es war halt nur scheußlich und nicht gefährlich.
Sehnsüchtig dachte Hanne an ihre kleine, liebevoll eingerichtete Wohnung in Köln, in der Hartmut nun allein schaltete und waltete. Jedenfalls in der Woche. Der Schulleiter in Duisburg empfing sie mit äußerster Zurückhaltung.
Aus seiner Miene entnahm sie: Was machen wir nur mit dieser Kraft?
" Sie sprechen doch Deutsch?", fragte er und "Überraschung" schon sah sie sich als Deutschlehrerin dreier fünfter Klassen inthronisiert. Überflüssig zu erwähnen, dass Deutsch nicht zu ihren Lieblingsfächern gehörte.
" Fordern ", natürlich damit auch " Fördern ", war ein Anspruch der Schule und so unterrichtete Hanne außerdem mit einer Wochenstunde die Fächer Politik und Sozialkunde in sehr, sehr vielen Klassen. Zweistündig auch zwei Klassen in Geographie, eine Klasse in Englisch. Mit 27 Wochenstunden kam die Anfängerin auf eine stolze und kaum überschaubare Anzahl von Schülern.
