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IM SCHWARZWALD IST DIE HÖLLE LOS. So hatte sich Herbert Fehringer, genannt Würschtle-Herbert, seine Kur im beschaulichen Badenweiler nicht vorgestellt. Vierzig Jahre lang hat er auf dem Münsterplatz die berühmte «Freiburger Rote» verkauft, und nun stolpert er mitten im Kurpark über eine Leiche. Der Tote war Fotograf und wohnte in derselben Pension wie die Fehringers. Dort war er als wahres Ekelpaket verschrien. Nun liegt er tot neben seiner wertvollen Fotoausrüstung. Der aus guten Gründen derzeit etwas mürrische Freiburger Kommissar Lorenz und sein junger Assistent Thiele übernehmen den Fall. Doch Würschtle-Herbert hat seine ganz eigenen Ermittlungsmethoden ...
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Edelgard Spaude
Ein Schwarzwald-Krimi
IM SCHWARZWALD IST DIE HÖLLE LOS.
So hatte sich Herbert Fehringer, genannt Würschtle-Herbert, seine Kur im beschaulichen Badenweiler nicht vorgestellt. Vierzig Jahre lang hat er auf dem Münsterplatz die berühmte «Freiburger Rote» verkauft, und nun stolpert er mitten im Kurpark über eine Leiche. Der Tote war Fotograf und wohnte in derselben Pension wie die Fehringers. Dort war er als wahres Ekelpaket verschrien. Nun liegt er tot neben seiner wertvollen Fotoausrüstung. Der aus guten Gründen derzeit etwas mürrische Freiburger Kommissar Lorenz und sein junger Assistent Thiele übernehmen den Fall. Doch Würschtle-Herbert hat seine ganz eigenen Ermittlungsmethoden ...
Edelgard Spaude, geboren in Freiburg im Breisgau, war Lektorin und Autorin.
Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg
Copyright für diese Ausgabe © 2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Copyright © 2007 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Der vorliegende Band ist eine komplett überarbeitete Neufassung von «Tod im Tarnzelt»
(Erstveröffentlichung 2005 im Rombach Verlag, Freiburg i. Br.)
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages
Covergestaltung ZERO Werbeagentur, München
Coverabbildung Shutterstock
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
ISBN Printausgabe 978-3-499-24550-3
ISBN E-Book 978-3-688-10368-3
www.rowohlt.de
Vorbemerkung
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
Alle Handlungen, Personen und Charaktere in diesem Roman sind frei erfunden. Sollte jemand Ähnlichkeiten feststellen, so wären diese rein zufällig und keinesfalls beabsichtigt. Einer der Figuren gehört die besondere Zuneigung der Autorin, weil deren erste Konturen auch in einer ganz besonderen Zeit und Situation entstanden und gezeichnet worden sind.
Über der mächtigen Schildmauer der Burgruine, die sich behäbig auf dem Badenweiler Schlossberg breitmacht, wabert zu dieser frühen Morgenstunde der Nebel. Von hier aus hat man eine herrliche Aussicht auf das Markgräflerland bis hinüber zum Rhein. Aber heute liegt über allem ein undurchdringlicher weißer Schleier. Man sieht kaum die Hand vor Augen.
Auf den Straßen des Kurortes bewegt sich noch nichts, es beginnt eben erst zu dämmern. Ganz anders geht es in den alten und neuen Pensionen im Ort zu, in den Gasthäusern und Hotels. Hier herrscht schon rege Betriebsamkeit, zumindest in jenen, die in der glücklichen Lage sind, bereits im April so viele Gäste beherbergen zu können, dass es sich lohnt, das Haus offen zu halten. Selbst im ‹Römerbad› stöhnt man – wenn auch hinter vorgehaltener Hand – über die ständig sinkende Zahl der Gäste. Dabei genießt das Traditionshotel seit mehr als einem Jahrhundert das Privileg, erstes Haus am Platz zu sein. Illustre Gäste haben seit jeher den Weg in den südbadischen Kurort am Rand des Schwarzwaldes gefunden, und wer es sich leisten konnte, hat für seinen Aufenthalt das exquisite Ambiente des ‹Römerbads› gewählt. Durch seine Lage direkt am Kurpark und im Gegensatz zu dem kühl-modernen Bau des Kurhauses ist es nach wie vor ein malerischer Blickfang, auch wenn es von außen inzwischen ein wenig antiquiert und angestaubt wirkt.
Die Pension Oberle kann sich damit freilich nicht messen. Dafür garantiert sie eine familiäre Betreuung der Gäste. Mutter, Vater und Tochter Oberle tun ihr Bestes, damit die Gäste sich wohl fühlen. Sie haben sich längst daran gewöhnt, dass ihnen das nicht immer leichtgemacht wird. Zurzeit aber erleben sie mit einem ihrer Hausgäste allerdings einen wirklichen Tiefpunkt. In Zimmer Nr. 7 wohnt Silvio Gerstenbach, seines Zeichens Fotograf, der allen auf die Nerven geht mit seiner barschen, überheblichen Art und seiner felsenfesten Überzeugung, ein unbestrittener Star unter seinen Berufskollegen zu sein. Er plant, eine aufregende Serie von Tier- und Pflanzenmotiven zusammenzustellen, die er dann umfassend vermarkten will: auf Postkarten, als Bildband, als Kalender, sogar eine Veröffentlichung bei einem weltweit bekannten Magazin wie Time Life ist vorgesehen. Selbstverständlich will er seinem übersteigerten Selbstbewusstsein gemäß auch entsprechend hofiert werden.
Gerstenbach hat in seinem Zimmer, das eines der größeren in der Pension ist, binnen kurzem ein fast unübersehbares Chaos angerichtet, das das Zimmermädchen jeden Tag aufs Neue zur Verzweiflung treibt. Überhaupt wünscht er in jeder Hinsicht devot und privilegiert behandelt zu werden. Das beginnt schon früh am Morgen. Weit vor der üblichen Zeit sitzt er im Frühstücksraum, weil er schon im Morgengrauen «in die Natur aufbrechen» will. Voraussetzung dafür ist selbstverständlich ein üppiges Buffet, das all seinen kulinarischen Vorlieben gerecht wird.
Als Zuständige für das Frühstück ist Sonja Oberle, die Tochter des Hauses, immer die Erste, die mit Gerstenbachs Forderungen und Beschwerden konfrontiert wird. «Warum muss ich so lange warten, bis der Kaffee endlich kommt!» Dabei wird er ihm umgehend frisch kredenzt. «Der Kaffee ist nicht heiß genug.» Der Kaffee ist kochend heiß. Auch das Essensangebot erscheint ihm nicht ausreichend. «Weshalb gibt es nur zwei Sorten Schinken! Ich dachte, wir sind hier im Schwarzwald, wo es jede Menge davon gibt. Sind im Korb womöglich noch Brötchen von gestern?» Sie sind natürlich alle frisch. «Ich verlange, dass das Zimmer sauber gemacht wird, während ich hier frühstücke! Ich zahle schließlich genug!»
Längst betet Sonja im Geist all die Vorwürfe herunter, die gleich wieder auf sie niederprasseln werden. Währenddessen verteilt sie sorgfältig in der Küche Marmelade in die verschiedenen kunstvoll gearbeiteten Keramiktöpfchen, die alle aus einer Zeit stammen, als im einige Kilometer entfernten Kandern in vielen Familien noch das Töpferhandwerk ausgeübt wurde.
Sonja hatte schon öfter mit anspruchsvollen Gästen zu tun gehabt, aber mit solch einem Widerling noch nie. Da er sich für mehrere Wochen in der Pension eingemietet hat, kann man ihn auch nicht in die Schranken weisen, ganz davon zu schweigen, ihm einfach das Logis aufzukündigen. Die Familie kann die Einnahmen gut gebrauchen.
Sonja seufzt tief. Weshalb ist man nur auf solche Leute angewiesen! Seine riesige schwarze Tasche, die er immer zum Frühstück mitbringt, füllt er hemmungslos in – wie er meint – unbeobachteten Momenten mit Vorräten vom Buffet auf: Brötchen, Wurst, Käse, Obst, ein richtiges Sortiment. So ist er bis zum Abend versorgt und muss nichts mehr kaufen. Sogar der Behälter mit dem Duschgel in seinem Badezimmer ist jeden zweiten Tag komplett leer, wie Maria, das Zimmermädchen, immer wieder empört berichtet. Das scheint er abzufüllen, um sich einen Vorrat für zu Hause anzulegen.
Wie gern hätte Sonja diesem Silvio Gerstenbach, den sie richtiggehend schmierig findet, wozu auch sein leicht aufgedunsenes Gesicht beiträgt, wenigstens ein einziges Mal in aller Deutlichkeit die Meinung gesagt: dass sie hier nicht blöd sind, dass sie alle seine Frechheiten und Übergriffe sehr wohl registrieren. Doch der Vater hat strikte Anweisung gegeben, trotz allem höflich und freundlich zu bleiben, denn ein Fotograf komme schließlich viel herum, und da könnte es sein, dass er Schlechtes über die Pension verbreitet. Und das wiederum könnte sich negativ auf die Zimmerbuchungen auswirken. Sonja glaubt das zwar nicht, denn sie haben eine ganze Reihe treuer Stammgäste, aber sie traut sich nicht, schon wieder gegen die väterliche Autorität anzugehen.
Das Stillhalten fällt ihr jedoch schwer, sie würde überhaupt gern vieles ganz anders machen. Das beginnt bei der Speisekarte, die für ihren Geschmack zu provinziell ist, und reicht bis zur Einrichtung, die sie als schrecklich bieder empfindet. Die gepolsterten Stühle, die schweren Eichentische und die wallenden weißen Gardinen an den Fenstern entsprechen überhaupt nicht ihrem Geschmack. Sie hätte es gern etwas moderner und peppiger, findet das gesamte Ambiente spießig, eine oft geäußerte Kritik, der die Eltern jedoch mit völligem Unverständnis begegnen. Solche Veränderungen passen nicht in ihre festgefügten Vorstellungen von badischer Gemütlich- und Gastlichkeit. Mit ihren Einwänden und Neuerungsvorschlägen hat Sonja daher keinen Erfolg. Sie steht auf einsam-verlorenem Posten gegen die geschlossene Elternfront, die ihrerseits der Tochter ständige Nörgelei vorwirft.
Solche Gedanken gehen ihr auch heute Morgen durch den Kopf, während sie im Frühstücksraum sitzt und sich ärgert, dass sie so früh aufgestanden ist, während der Herr Fotograf offenbar verschlafen hat.
Allmählich wird es im Haus ein wenig lauter. Man hört leises Wasserrauschen von den Duschen und Toilettenspülungen, die erste Tür klackt. Herbert Fehringer ist vor allen anderen Gästen stets der Erste, der zum Frühstück erscheint und daher hautnah das Szenario mitbekommt, das Gerstenbach Tag für Tag aufführt.
Mit einem fröhlichen, ausgeschlafenen und lauten «Morgääään» hält er, heute sogar noch vor dem Fotografen, Einzug. Fehringer ist sein ganzes Leben lang früh aufgestanden. Er hat auf dem Freiburger Münstermarkt gemeinsam mit seiner Frau einen Bratwurststand geführt und die berühmte Freiburger «Rote» verkauft. Seine sind immer die Besten gewesen. Das war weit und breit bekannt, manchmal wurden sie sogar richtiggehend als touristischer Geheimtipp gehandelt. Ferien zu machen war dem Ehepaar Fehringer nicht oft vergönnt gewesen. So hatte sich Gundi, seine immer noch ausgesprochen hübsche Frau, riesig gefreut, als Herbert ihr vorgeschlagen hatte, nach seinem sechzigsten Geburtstag den Laden einfach dicht zu machen. Dank des jahrzehntelangen Fleißes konnten sie es sich schließlich leisten. Endlich ausschlafen, hatte Gundi frohlockt, nie mehr morgens um halb vier vom Wecker aus dem Schlaf gerissen werden, dafür abends ins Kino gehen können oder sonst etwas unternehmen. Und nie mehr am Nachmittag Unmengen von Zwiebeln schälen, nie mehr stundenlang den Fettgeruch einatmen müssen, nie mehr verzweifelt, aber erfolglos versuchen, den Bratgestank aus den Haaren zu waschen. Gundi war selig gewesen.
Einige ihrer Hoffnungen sind auch wirklich in Erfüllung gegangen, nicht aber der größte Wunsch, ungestört ausschlafen zu dürfen. Herbert ist nach wie vor in aller Herrgottsfrühe putzmunter. Von dem Moment an, in dem er die Augen aufschlägt, beginnt er ein fröhliches Gespräch mit seiner Gundi. Das heißt, er versucht es, denn Gundi ist meist nicht zu bewegen, ihren Teil zur Unterhaltung beizutragen. Also beschränkt sich Herbert auf ausgedehnte Monologe, was seine morgendliche gute Laune keineswegs beeinträchtigt.
In der Pension Oberle erscheint er stets in bester Stimmung zum Frühstück, ohne Gundi, die sich noch mindestens zweimal im Bett umdreht. Sie ist dankbar dafür, dass Herberts Hunger und sein Kommunikationsbedürfnis schon zu so früher Stunde gestillt werden und sie ihre Ruhe hat. Sonja mag Herbert Fehringer sehr, weil er gleichbleibend freundlich ist und ihre Arbeit zu schätzen weiß.
«Na, geht’s gut heute Morgen?», begrüßt er die Oberle-Tochter und fährt gleich selbst freudig fort: «Oh, schon alles wieder so schön hergerichtet. Da läuft einem ja das Wasser im Mund zusammen. Vielen Dank.»
Sonja, die wie immer ein Dirndl trägt – auch dies nicht freiwillig, sondern auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern, die überzeugt sind, dass ihre auswärtigen Gäste eine solche Kleidung erwarten, wenn sie im Schwarzwald Urlaub machen –, seufzt schon wieder. «Sie freuen sich wenigstens daran, aber der Mistkerl Gerstenbach meckert immer nur.»
Bei Würschtle-Herbert, wie sie ihn in der Familie heimlich nennen, braucht Sonja kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie weiß, dass er den Fotografen genauso wenig leiden kann. Und das hat seinen Grund. Denn Gerstenbach kann es nicht lassen, Herbert Fehringer unablässig zu verstehen zu geben, dass er in seiner Eigenschaft als Künstler etwas weit Besseres ist als jemand, der sein Leben mit derart Vulgärem wie dem Braten von Würsten zugebracht hat. Die höheren Ambitionen eines Silvio Gerstenbach ändern jedoch nichts daran, dass Würschtle-Herbert mit seiner profanen Tätigkeit nicht nur finanziell unabhängig, sondern sogar richtig wohlhabend geworden ist, wovon der Möchtegern-Starfotograf nur träumen kann.
Würschtle-Herbert lässt sich von so jemandem nicht «an den Karren fahren», wie er es nennt. Und so kommt es fast täglich zu einem giftigen verbalen Schlagabtausch zwischen zwei kampfbereiten Gegnern. Glücklicherweise bleiben die anderen Gäste davon verschont. Wenn sie zu weniger nachtschlafener Zeit zum Frühstück erscheinen, haben die beiden Kontrahenten ihre morgendliche Mahlzeit und die gegenseitigen Sticheleien und Boshaftigkeiten längst beendet.
Heute zeigt sich auch Sonja fest entschlossen, sich nichts gefallen zu lassen. Sie wird zwar versuchen, höflich zu sein, wenigstens einigermaßen, aber beschimpfen lassen will sie sich nicht mehr.
«Was meinen Sie, Herr Fehringer, ich könnte ihm wenigstens sagen, dass er so ein Frühstück wie bei uns für das Geld nirgendwo kriegt, oder?»
«Ja, das stimmt schließlich auch. Sagen Sie ihm ruhig gehörig Bescheid, ich helfe Ihnen schon. Keine Angst, den Maulhelden kriegen wir klein.»
Beide reden sich in Kampfesstimmung, schaukeln sich gegenseitig ein bisschen hoch und warten gespannt und voller Energie auf das Erscheinen des Fotografen. Doch Silvio Gerstenbach tut ihnen den Gefallen nicht. Er lässt sich einfach nicht blicken. Und das können sie ihm nun wirklich nicht übelnehmen, denn zu diesem Zeitpunkt liegt er schon eine geraume Weile mausetot unter seinem Tarnzelt an einem verschwiegenen Plätzchen des Badenweiler Kurparks.
Gegen acht Uhr an diesem Dienstagmorgen schließt Tanja Sommer, Mitte zwanzig, dunkelhaarig, schlank und recht attraktiv, gedankenverloren ihren Schreibtisch auf, der sich im Dienstleistungsbereich der Schweizerischen Hypotheken- und Handelsbank in Zürich befindet. Sie arbeitet noch nicht lange hier, ist noch in der Probezeit. Und obwohl sie schon deshalb ihre ganze Konzentration auf die Aufgaben richten sollte, die auf sie warten, beschäftigt sie sich in Gedanken weit mehr mit ihrem Besuch am vergangenen Wochenende in Badenweiler. Sie hatte sich mit ihrem Freund Silvio gestritten, nachdem dieser ihr wie schon so oft eine lange Liste in die Hand gedrückt hatte, auf der Punkt für Punkt notiert war, was sie für ihn erledigen sollte.
Sie kennt den Fotografen seit etwas mehr als drei Monaten, damals hatte sie sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Er hatte ihr gefallen mit seinen blauen Augen und den hellblonden Haaren, die allerdings meist ungewaschen zusammenklebten. Zaghaft versuchte sie ihm beizubringen, dass sie es sehr schätzt, wenn er jeden Morgen die Dusche frequentiert.
Seine bestimmende Art, etwas durchzusetzen und sich völlig sicher zu sein in dem, was er will, hatte ihr anfangs unglaublich imponiert. Hier war jemand, der wusste, wo es langgeht und wie man das Leben anpacken muss. An ihn konnte sie sich anlehnen. Dass er fast sofort begonnen hatte, sie mit Aufträgen zu überhäufen, verbuchte sie zunächst auf das Konto Gemeinsamkeit und den guten Willen, sich gegenseitig zu helfen. Allmählich aber musste sie einsehen, dass seine Hilfs- und Opferbereitschaft ihr gegenüber entschieden weniger ausgeprägt, um nicht zu sagen gar nicht vorhanden war. Ihre Gutmütigkeit und Gutgläubigkeit haben deshalb inzwischen ziemlich gelitten. Mehr noch, sie spürt, wie er ihr seit kurzem mit seinen dauernden Forderungen gehörig auf die Nerven geht.
Was hatte er ihr wieder aufgeschrieben? «1. Sämtliche Adressen von Verlagen heraussuchen, die solche und ähnliche Bücher publizieren, wie ich es plane. 2. Nach Sponsoren suchen, die meine Arbeit fördern. 3. Unbedingt bei deiner Bank nachfragen und denen klarmachen, dass es sich lohnt, mich zu sponsern. 4. Eine genaue und ausführliche Begründung für Sponsoren formulieren; ausdrücklich auf die Vorteile verweisen, die sie durch mich haben …» Es folgt eine lange Einkaufsliste von Fotomaterialien, die – selbstverständlich umgehend – zu besorgen sind. Damit kennt Tanja sich inzwischen aus, das hat sie schon öfter gemacht. Die Begleichung der Rechnungen hat Silvio stets großzügig ihr überlassen. Ihn daran zu erinnern war ihr peinlich gewesen. Sie hatte sich damit begnügt, die Kassenzettel unübersehbar zu den Einkäufen zu legen, er aber hatte die Quittungen ungerührt und unbeachtet stets zur Seite geschoben.
Klatsch. Geräuschvoll fällt der Aktenberg von Tanjas Schreibtisch auf den Boden. Alles liegt durcheinander. Verdammt, jetzt muss sie die ganzen Stapel neu ordnen, lauter fliegende Blätter! Die Kollegen in ihrer Umgebung recken die Hälse, ohne dass einer auf die Idee käme, ihr zu helfen.
«Ich hatte schon öfter um etwas mehr Sorgfalt gebeten, Fräulein Sommer, odrrr?» Dass in diesem Moment ausgerechnet der dämliche Bührli, ihr unmittelbarer, stets überkorrekt gekleideter Vorgesetzter, vorbeikommen muss! Sie hat ihn noch nie leiden können, vom ersten Tag an nicht. Hauptsächlich deshalb, weil er sie unablässig mit einem betonten «Fräulein» anspricht und an fast jeden Satz das typische «odrrr?» anhängt. Tanja versucht sich zusammenzureißen. Doch schon im nächsten Augenblick wandern ihre Gedanken wieder zu Silvio. Hat sie irgendetwas falsch gemacht oder übersehen?
Anfangs hatte sie sich nur ein bisschen mokiert über den schroffen Ton, den er ihr gegenüber anschlug. Sie hatte das vor sich selbst damit gerechtfertigt, dass er wahrscheinlich wieder einmal wenig Zeit hatte und müde war von seiner Arbeit, die ihn tagelang in diesem niedrigen, stickigen dunkelgrünen Tarnzelt festhielt, von dem aus ihm seine außergewöhnlichen Tierfotografien glückten. Sie wollte ihm helfen, so gut sie konnte. Oft genug hatte sie sich allerdings in der letzten Zeit über seinen ausgeprägten Egoismus geärgert. Alles musste ausnahmslos so gehen, wie er wollte. Es gelang ihr immer weniger, ihre Zweifel an dieser Form von Zweisamkeit zu verdrängen.
«Am liebsten würde ich zu dir ziehen, zumindest vorübergehend», hatte er ihr schon am zweiten Abend zärtlich zugeflüstert. Und sie war so vernarrt gewesen, dass sie sich in diesem Augenblick nichts Schöneres hatte vorstellen können und nur noch gehaucht hatte: «Nimm deine Koffer und komm.» Als am übernächsten Tag sein alter grauer Campingbus vor dem Mietshaus hielt, in dem sie wohnte, hatte sie sogar vor Freude gezittert. Der Bus war bis unters Dach voll gewesen mit Fotoausrüstungen, Kisten und Kästen und sonstigem Gepäck, ihre kleine Wohnung konnte den ganzen Kram kaum fassen. Seit er sich eingenistet hatte, war die Ordnung und Heimeligkeit, mit der sie sich eingerichtet hatte, dahin. Die mit so viel Sorgfalt ausgesuchten neuen Möbel verschwanden fast völlig unter seinen Utensilien. Auf die Idee, das Frühstücksgeschirr abzuräumen, wenn sie morgens spät dran waren, kam er nie. Abends fand sie den Küchentisch so vor, wie sie ihn eilig verlassen hatte, um pünktlich in der Bank zu sein, damit sie Bührli nicht unnötig Anlass gab für einen seiner sehr dezidiert formulierten Tadel. Aufräumen, putzen, waschen – alles ist selbstverständlich ihre Sache. Allmählich fühlt sie sich wie ein braves Frauchen aus dem Werbefernsehen der sechziger Jahre, dessen Lebensinhalt allein darin besteht, sich widerspruchslos unterzuordnen. Fehlt nur noch, dass ich mit den Pantoffeln an der Tür stehe, dachte sie manchmal und war wütend über sich selbst. Wo war ihre Selbständigkeit geblieben, auf die sie schon beharrt hatte, als sie noch in die Schule ging? Sie hatte sich immer getraut, den Mund aufzumachen, wenn ihr etwas nicht passte, oder war über ihre Freundinnen hergezogen, wenn die sich einen Macho geangelt hatten. Und was machte sie jetzt? Hundertmal hatte sie sich schon vorgenommen, endlich mit der Faust auf den Tisch zu hauen. So ging es nicht weiter.
Alles musste von langer Hand geplant sein, was sie hasste. Und wehe, sie wich davon ab. Er sah es gar nicht gern, wenn sie sich zum Beispiel abends, nachdem sie das große graue Gebäude der Bank endlich verlassen konnte, mit Freunden auf ein Glas Wein oder Bier in einer Kneipe treffen wollte. Dabei war es für sie recht schwierig gewesen, sich aus dem Nichts heraus als Deutsche in der Schweiz einen kleinen Bekanntenkreis aufzubauen. Sie tat sich ein wenig schwer damit, unbefangen auf Fremde zuzugehen.
Jetzt galt es auf einmal, tausenderlei Dinge zu erledigen: einkaufen, kochen, rechtzeitig Bescheid geben, wann sie kam und wohin sie ging, alles perfekt und minutiös geplant.
So war sie im Grunde ganz froh gewesen, als das Markgräfler Projekt eines Abends bei ihr zu Hause diskutiert wurde. Silvio wollte in diesem idyllischen Landstrich Naturmotive fotografieren und dann einen Bildband daraus machen. Das bedeutete erst einmal eine Art Beziehungspause. Das war nicht schlecht.
Silvio hatte in Michael Schüren einen Partner gefunden. Schüren war ebenfalls begeisterter Fotograf – in Silvios Augen selbstverständlich längst nicht so gut wie er selbst, aber immerhin – und verfügte durch seinen eigentlichen Beruf als Pharmareferent über gute Kontakte zu entsprechenden Firmen, das heißt zu potenziellen Geldgebern. Silvios Arbeiten, die teilweise wirklich ganz passabel waren, kannte Schüren von früher. Und wenn man es genau nahm, war das Projekt dessen Idee gewesen. Schüren wollte Silvio «eine neue Chance geben», wie er es formulierte. Tanja wollte von Silvio später natürlich wissen, was Schüren damit gemeint habe, aber es kam nur die barsche Antwort, sie solle sich nicht um Dinge kümmern, von denen sie sowieso nichts verstehe. Trotz dieser deutlichen Abfuhr hatte sie noch mehrmals nachgefragt, jedoch immer nur ausweichende oder rüde Entgegnungen erhalten. Mit der Zeit wurde es ihr dann zu dumm. Sollte er sich um seinen Mist eben selber kümmern.
«Also wirklich, Fräulein Sommer! Hätten Sie vielleicht die Güte, ans Telefon zu gehen?» Schon wieder schnarrt Bührlis Stimme herüber.
Ich muss mich zusammenreißen, denkt Tanja und nimmt den Hörer ab. Ein Mensch, dessen Namen sie nicht versteht, will etwas über Kontokorrentzinsen wissen. Was hat sie damit zu tun, das ist nicht ihr Bereich. Erleichtert drückt sie eine Taste, um den Kunden weiterzuverbinden. Offenbar hat sie die falsche erwischt, das fällt ihr aber erst auf, als der Ton aus dem Hörer signalisiert, dass sie das Gespräch abgewürgt hat. Auch egal, wenigstens hat der Bührli das nicht mitgekriegt.
Michael Schüren hatte sowohl das Konzept für das Markgräfler-Projekt entworfen als auch Silvio für seine Idee zu begeistern versucht, dem Ganzen eine etwas anspruchsvollere Note zu verleihen.
«Weißt du, Silvio, wir könnten jetzt, wo die Esoteriker und Alternativen für sich Feld und Wald entdeckt haben und ‹Zurück zur Natur› schreien, die Fotos mit entsprechenden Texten würzen. Dann bekommen wir auch diejenigen als Käufer, die nicht nur Bilder gucken wollen. Wir koppeln die Fotografien einfach mit Zitaten, zum Beispiel von Rousseau und Goethe oder so. Ich bin sicher, dass wir damit erheblich mehr Käufer finden.»
Tanja fand die Idee prima, aber Silvio war nicht dafür zu haben. Was sollte dieser Schwachsinn? Die Leute sollten seine hervorragenden Bilder anschauen und würdigen und nicht davon abgelenkt werden. Und überhaupt: Er fand die Idee saublöd. «Nicht mit mir. Wir erklären, was auf den Bildern zu sehen ist und damit basta. Du hast doch Biologie studiert, oder», blaffte er Schüren an.
«Ich bin mir ganz sicher, dass wir mit meinem Konzept mehr Bücher verkaufen», versuchte Michael Schüren weiterhin den Partner zu überzeugen.
Die beiden Meinungen waren aufeinandergeprallt und führten bald zu einer lautstarken Auseinandersetzung, die Tanja geduldig versucht hatte, in ruhigere Bahnen zu lenken. Schließlich war die Textfrage vertagt worden, weil Michael auf seiner Idee beharrte und Silvio zu Recht fürchtete, ihn als Partner und damit auch dessen aussichtsreiche finanzielle Verbindungen zu verlieren.
In Wahrheit stand aber noch etwas ganz anderes hinter der Sache. Michael hatte erzählt, dass er vom amerikanischen Time Life Magazine einen großen Auftrag in Aussicht gestellt bekommen habe, der kurz vor dem Abschluss stand: eine Deutschland-Reportage, die alle Sehenswürdigkeiten vorstellen sollte, die amerikanische und japanische Touristen bei ihrem Trip nach good old Germany zu sehen erwarteten. Silvio war sofort überzeugt, dass Michaels künstlerisch-fotografische Fähigkeiten hierfür bei weitem nicht ausreichten. Das musste unbedingt er selbst in die Hand nehmen. Brauchte der Schüren ja nicht gleich zu erfahren. Ein ausgiebiger warmer Geldregen war genau das, was ihm fehlte. Bereits die Spesen waren reichlich bemessen. Er wollte diesen Auftrag unbedingt für sich selbst an Land ziehen und seinen Partner ausbooten. Aus diesem Grund hatte Silvio im Lauf der Auseinandersetzung vorsichtshalber ein wenig eingelenkt. Auf einen misstrauischen Michael Schüren konnte er bei seinem Vorhaben gut verzichten.
«Fräulein Sommer, es reicht!» Der scharfe Ton lässt Tanja hochschrecken. Was war jetzt schon wieder los? Ach du liebe Güte, sie hat, ohne es zu merken, die Kaffeetasse umgestoßen, der Inhalt fließt nun gemächlich quer über den Schreibtisch. Ein Glück, dass die Tastatur des Rechners nichts abbekommen hat. Mit einer ganzen Packung Papiertaschentücher versucht Tanja, die Ausdehnung des braunen Sees einzudämmen, bevor sie in den Waschraum geht, um nach einem Putzlappen zu suchen. Der kurze Ausflug gibt ihr wenigstens Gelegenheit, ihren Gedanken noch eine Weile nachzuhängen, ohne dass es zu weiteren Katastrophen kommt oder Bührli merkt, dass sie nicht bei der Sache ist.
Tanja hat jenen Abend, als es zum Streit zwischen Silvio und Michael gekommen ist, in sehr unguter Erinnerung. Immerhin glaubt sie, dass es ihr Verdienst war, die beiden Kampfhähne halbwegs zur Vernunft gebracht zu haben. Sie hatten sich am Ende darauf geeinigt, dass Silvio zunächst einmal beginnen sollte, im Markgräflerland, in der Gegend um Badenweiler, zu fotografieren. Michael würde sich unterdessen auf die Suche nach Geldgebern machen. Dass dieser Waffenstillstand in Wirklichkeit auf dem berechnenden Plan Silvios beruhte, das amerikanische Projekt an sich zu reißen, ahnt sie nicht.
Dummerweise hat sie in ihrer Naivität Silvio von ihrem Bruder Berni erzählt, der Briefträger in Badenweiler ist. Silvio hatte sofort eingehakt und kurzerhand erklärt, in der Zeit, die er für die Fotoaufnahmen brauchte, bei ihm wohnen zu wollen. Er verlangte – und ließ auch keinen Widerspruch zu –, dass Tanja bei Berni anrief, um das zu klären. So gut es ging, hatte sie sich gewunden, denn sie kannte ihren Bruder. Wenn dem etwas nicht passte, konnte er unglaublich ausrasten. Berni und Silvio in einer Wohnung, das war ein Gedanke, bei dem ihr angst und bange wurde. Mord und Totschlag könnte das geben. Aber letztlich hatte sie vor Silvios Entschiedenheit kapituliert und Berni angerufen.
Wie sie befürchtet hatte, war sie auf Granit gestoßen. Berni war nicht im mindesten gewillt, in der kleinen Badenweiler Wohnung, die er zusammen mit seiner Freundin Barbara bewohnte, jemanden zu beherbergen, den er nicht kannte. Und diesen spinnerten Fotografen, von dessen Marotten ihm seine Schwester berichtet hatte, schon gar nicht. Mehrmals hatte er ihr wütend vorgehalten, dass sie nur ausgenützt werde, was Tanja damals aber lieber überhört hatte. Sie sah überhaupt keinen Anlass, sich auch noch von ihrem Bruder maßregeln zu lassen. So war das Einzige, was sie bei Berni erreichen konnte, seine zähneknirschende, nur maulend gegebene Zusage, sich bei den Oberles, die er gut kannte, zu erkundigen, ob sie einem Gast, der über einen längeren Zeitraum bleiben wollte, einen Nachlass für die Übernachtungen einräumten. Dies wiederum ärgerte Barbara, die auf Sonja eifersüchtig war, weil sie Berni und die Oberle-Tochter im Verdacht hatte, ein Verhältnis miteinander zu haben. Schließlich aber war Silvio zu einem ermäßigten Übernachtungspreis in der Pension Oberle gelandet.
In ebendieser Pension geht an diesem Montag alles seinen gewohnten Gang. Sonja ist heilfroh, dass ihr der ungeliebte Dauermeckerer erspart geblieben ist. Gleichwohl wundert sie sich zusammen mit Würschtle-Herbert, weshalb der Fotograf nicht zum Frühstück erschienen ist. Auf etwas zu verzichten, worauf er Anspruch hat, entspricht ganz und gar nicht seiner Art.
«Vielleicht ist er ja ohne Frühstück aufgebrochen», überlegt Fehringer. Aber diese Möglichkeit verwirft Sonja.
«Unmöglich. Der Schlüssel, mit dem die Haustür abends von innen abgeschlossen wird, steckte noch. Ich habe vorhin erst aufgeschlossen. Und aus dem Fenster wird er kaum geklettert sein.»
Seltsam!
Während Sonja und ihre Mutter später die Reste des Frühstücksbuffets beseitigen, die Küche in Ordnung bringen und die ersten Vorbereitungen für das Mittagessen treffen, beginnt Maria, die Zimmer der wenigen Gäste, die derzeit bei den Oberles logieren, aufzuräumen und zu putzen.
Maria ist vor langer Zeit aus Simonswald, dem «Vaterunsertal», wie sie ihre Schwarzwälder Heimat etwas boshaft bezeichnet, nach Badenweiler gezogen. Sie ist nie schlecht gelaunt, zu allen freundlich und in den vielen Jahren fast zu einem Familienmitglied der Oberles geworden. Besonders mit Sonja versteht sie sich hervorragend. Anfangs hatte Maria eine etwas eigene Auffassung von Sauberkeit in Bezug auf ihre Tätigkeit gehabt. War es wirklich notwendig, dass man alles, selbst in den hintersten Ecken, tagtäglich so akribisch putzte, bis auch das letzte Staubkörnchen entfernt war? Sie war in dieser Hinsicht um einiges großzügiger als Frau Oberle. Diese wiederum dachte nicht im Traum daran, von ihren Prinzipien abzuweichen. In der ihr eigenen energischen Art war es ihr recht bald gelungen, die neue Angestellte ohne viel Umschweife von ihrem Standpunkt zu überzeugen.
Weil in Zimmer Nr. 7 niemand auf ihr Klopfen reagiert, wartet Maria noch etwas ab, um den stets übelgelaunten Gast, den sie ebenso wenig leiden kann wie Sonja, nicht zu stören und ihm keine Gelegenheit zu geben, sie in Grund und Boden zu keifen.
Nachdem sie gegen Mittag aber alle bewohnten Zimmer, die Flure und das Restaurant gründlich gereinigt und gemeinsam mit Sonja das Gemüse für das Mittagessen vorbereitet hat, klopft sie nochmals kräftig an die Zimmertür von Nr. 7. Keine Reaktion. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als die Tür mit dem Generalschlüssel zu öffnen. Überrascht bleibt sie stehen. Alles ist noch genau wie gestern, als sie das Zimmer verlassen hat. Das Bett ist offensichtlich nicht benutzt worden, im Bad hat sich nichts verändert. Die frischen Handtücher hängen noch sorgfältig gefaltet, der Duschgelbehälter ist halbvoll – ein Zustand, der auf Marias Entscheidung beruht, ihn nur mehr zur Hälfte nachzufüllen.
Maria geht hinunter in die Küche, um von ihrer Entdeckung oder vielmehr von dem Nicht-Entdeckten zu berichten. «Stellen Sie sich vor, der Fotograf ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen. Alles ist wie gestern.»
Dass die Oberles sonderlich berührt wären von dieser Mitteilung, kann man nicht behaupten, aber als Besitzer der Pension fühlen sie sich verpflichtet, über das Wohl ihrer Gäste zu wachen. Sonja wünscht den Querulanten zwar zum Teufel, aber sie hütet sich, das laut zu sagen. Von der tiefen, innigen Einigkeit in der Abneigung gegen Gerstenbach, die Maria, Sonja und Würschtle-Herbert verbindet und alle drei im Geheimen nach Kräften über ihn schimpfen lässt, haben die Oberle-Eltern glücklicherweise keine Ahnung. Auch nicht davon, dass inzwischen – und das ist das Verdienst von Würschtle-Herbert – der halbe Ort weiß, welch einen Stinkstiefel sie beherbergen.
An diesem Nachrichtenfluss hat auch Berni in seiner Eigenschaft als Briefträger gehörigen Anteil. Ihm war dieser Gerstenbach von Anfang an suspekt. Da ihm naturgemäß das alles akzeptierende und verzeihende Verständnis fehlt, das seine Schwester ihrem neuen Freund zu Beginn ihres Verhältnisses entgegengebracht hat, festigte sich das zunächst unterschwellige und dann offen gezeigte Misstrauen rasch und verwandelte sich – stetig genährt durch Sonja Oberles Wutanfälle – in heftigste Abneigung.
Gemeinsam steigt die Familie die Stufen hinauf, um sich selbst von dem zu überzeugen, was Maria berichtet hat. Tatsächlich, nichts ist im Zimmer angerührt worden. Während sie noch ratlos in der geöffneten Tür stehen, kommt Herbert Fehringer den Flur entlang. Sonja teilt ihm sofort aufgeregt die Neuigkeit mit.
«Stellen Sie sich vor, Herr Fehringer, der blöde Gerstenbach ist verschwunden.» Der ‹blöde Gerstenbach› trägt ihr einen solch giftigen Blick des Vaters ein, dass sie sicher sein kann, nachher einen kräftigen Rüffel einstecken zu müssen, wenn sie unter sich sind.
Das Interesse und die Neugier von Würschtle-Herbert hingegen sind geweckt.
«Ja, hat er nicht gesagt, dass er über Nacht wegbleibt?»
«Nein, er ist gestern nach dem Frühstück mit seiner ganzen Ausrüstung losgezogen. Sie haben sich doch noch mit ihm unterhalten.»
Was Sonja ‹unterhalten› nennt, ist freilich eine sehr zurückhaltende Umschreibung für das Wortgefecht, das sich der Fotograf und Würschtle-Herbert während des Frühstücks geliefert hatten. Wie immer war es darum gegangen, dass Gerstenbach etwas auszusetzen und sein Kontrahent – selbst wenn der Fotograf im Recht gewesen wäre – sich aus purer Opposition gegen ihn gestellt hatte. Diesmal waren dem empfindlichen Gaumen des Fotokünstlers die angebotenen Wurstsorten zu fett erschienen. Mit dieser Kritik war er bei Würschtle-Herbert an den Richtigen geraten. Lautstark hatte der ihn über den nicht vorhandenen Fettgehalt der verschiedenen Sorten aufgeklärt, und zwar so nachdrücklich, dass Sonja schnell die Tür zum Frühstücksraum geschlossen hatte, damit die anderen Gäste nichts davon mitbekamen.
«Ja, dann müssen wir etwas tun», erklärt nun Herbert Fehringer entschieden. In seinen Augen funkelt es unternehmungslustig. Endlich ist etwas los. Auch wenn es nur die Suche nach einem Fotografen ist, der woanders übernachtet hat. Immerhin vielleicht eine pikante Affäre, über die es sich lohnte, in der Stammkneipe zu ‹diskutieren›, wie Herbert Fehringer dies freundlich umschreibt.
Ansonsten ist die Kur, zu der ihn sein Orthopäde der lädierten Bandscheiben wegen verdonnert hatte, in dem zu dieser Jahreszeit traurigen Nest nur langweilig. Nicht einmal die regelmäßigen Aufenthalte im ‹Waldhorn›, mittlerweile seine Stammkneipe, bringen wirklich Abwechslung. Nach drei Wochen Kur gibt es schlicht keine Neuigkeiten mehr. Das Leben der wenigen Gäste, die jetzt im April kuren, ist vom Unterhaltungswert her gesehen nicht ertragreich, und Sensationen, selbst kleine, bescheidene, sind nicht zu erwarten. In der mit dem Computer ausgedruckten Kurzeitung kann man zwar die Namen derer finden, die in den Hotels wohnen, doch ein Promi ist nie darunter. Außerdem verirrt sich von den ‹vornehmeren› Gästen bestimmt keiner ins ‹Waldhorn›.
«Wir sollten die Polizei benachrichtigen», schlägt Frau Oberle besorgt vor. Doch ihr Mann ist skeptisch.
«Meinst du nicht, dass das ein bisschen voreilig ist? Vielleicht hat der nur bei irgendeiner neuen Freundin übernachtet, die er hier kennengelernt hat. Dann blamieren wir uns erbärmlich. Womöglich macht er uns auch noch Vorwürfe, dass wir uns in sein Privatleben einmischen.»
Würschtle-Herbert ist da ganz anderer Meinung. Ein solches Vorgehen ist ihm entschieden zu unspektakulär. Wenn der woanders übernachtet und nicht Bescheid gesagt hat, soll er ruhig seinen Denkzettel kriegen. Das kann er aber in dieser Form bei den Oberles nicht anbringen, deshalb argumentiert er ein wenig raffinierter.
«Wenn wir die Polizei benachrichtigen, haben wir uns nichts vorzuwerfen. Nachher liegt der irgendwo mit gebrochenem Bein oder sonst was im Wald und verklagt uns alle, weil wir uns nicht um ihn gekümmert haben. Unterlassene Hilfeleistung und so weiter.»
Das leuchtet ein.
«Also gut, ich rufe beim Polizeiposten an», gibt sich Vater Oberle geschlagen, und gemeinsam ziehen alle zum Telefon, Würschtle-Herbert selbstverständlich im Schlepptau der familiären Solidargemeinschaft.
Alle stehen um Vater Oberle herum, als der mit seinem Stammtischbruder, dem Holzer Toni, telefoniert, der heute auf der Badenweiler Polizeistation Dienst hat.
«Ja, Toni, seit gestern früh … Was? … Nein, ist noch nie vorgekommen … Eine Freundin? Ja, es war eine junge Frau da, am Wochenende, die Schwester vom Berni … Ja, der Briefträger. Jetzt frag nicht so blöd, du kennst ihn doch. Über den ist auch die Vermietung gelaufen. Am Sonntag ist die Frau aber, glaub ich, wieder abgefahren … Ja, sie hat bei ihm übernachtet. Ich hab mir noch überlegt, wie ich dem klarmache, dass er für zwei Nächte ein Doppelzimmer zahlen muss … Ich glaub nicht, dass er hier jemanden kennt … Ich glaub, er legt keinen Wert auf Kontakt.»
An dieser Stelle nickt Würschtle-Herbert heftig mit dem Kopf. Ins ‹Waldhorn›, wo Kontakt gewährleistet wäre, ist der Fotograf nie gekommen.
«Streit? Weiß ich nicht. Der netteste Zeitgenosse ist er nicht … Seit ungefähr drei Wochen wohnt er jetzt hier … Was? … Was sollen wir abwarten? … Moment. Ja, was ist denn?»
Herbert Fehringer gestikuliert heftigst, er will selbst mit der Polizei sprechen. Energisch reißt er das Telefon an sich.
«Hier ist Herbert Fehringer, ich bin Gast bei den Oberles, fast schon Familie. Und ich sage Ihnen, dass Sie was unternehmen müssen. Nachher ist was passiert, und der verklagt uns alle wegen unterlassener Hilfeleistung.»
Am anderen Ende hört man Toni überlegen. Er muss zugeben, dass dieses Argument nicht ohne weiteres vom Tisch zu wischen ist.
«Geben Sie mir mal wieder den Hubert», fordert er Fehringer auf.
«Ja? … Ja, er hat mich hundert Sachen gefragt, ob ich Stellen kenne, wo Füchse ihren Bau haben, wo man besonders seltene Pflanzen findet oder Vögel beobachten kann – jetzt im April. Woher soll ich das wissen, ich bin schließlich den ganzen Tag in der Pension. Zeit zum Spazierengehen habe ich nicht. Ich habe ihm die Telefonnummer vom Robert gegeben … Robert Stammer, Mensch, der Förster. Sitzt neben dir am Stammtisch. Der muss so was schließlich wissen. Scheint’s hat es auch geklappt, denn der Gerstenbach hat nicht mehr gefragt. Bedankt hat er sich aber auch nicht. Na ja.»
Der Holzer Toni ist vom Stimmengewirr am anderen Ende der Leitung etwas genervt. Deshalb wälzt er die Verantwortung, die man ihm übertragen will, erst einmal ab und rät dazu, am besten den Förster zu informieren.
«Meinetwegen, ruf ich halt den Robert an. Wenn ich was höre, sage ich dir Bescheid. Kommst du heute zum Stammtisch? … Ist recht, also bis heute Abend.»
Als Nächstes wählt Hubert Oberle die Nummer von Robert Stammer. Würschtle-Herbert steht derweil ungerührt weiterhin Posten, um nur ja nichts zu verpassen.
«Hier Hubert. Hör mal, du hast doch dem Gerstenbach, dem Fotografen, der bei uns wohnt, gezeigt, wo er was vor seine Linse kriegen kann. Wir vermissen ihn seit gestern. Vielleicht hat er irgendwo anders, bei einer Frau oder so, übernachtet. Aber vielleicht ist ihm im Wald, oder wo er sich sonst herumtreibt, etwas passiert. Kannst du nicht mal die Stellen abgehen, wo er sein könnte?»
Würschtle-Herbert rudert schon wieder wild mit den Armen und versucht, den Hörer in die Hand zu bekommen.
«Ja, Moment. – Was ist denn schon wieder, Herr Fehringer?»
«Ich gehe mit dem Förster mit, dann wissen Sie gleich, was los ist, und er muss nicht extra umkehren.»
Das ist zwar eine etwas wilde Begründung für seine Neugier, denn auch Förster Stammer ist im Besitz eines Handys, mit dem Informationen problemlos weitergegeben werden können, doch Hubert Oberle gibt nach.
«Einer unserer Gäste begleitet dich … Ja, ich sag’s ihm. Danke und bis nachher.»
«Sie sollen oberhalb vom Eingang beim Thermalbad warten. Der Stammer holt Sie dort ab», teilt Oberle dem strahlenden Fehringer mit, nachdem er aufgelegt hat.
In diesem Augenblick stößt Gundi, die ihren Herbert schon vermisst hat, zu der Versammlung neben dem Telefon. In aller Eile wird sie von ihrem Mann aufgeklärt, was Sache ist und dass er sofort aufbrechen muss, um den Förster zu treffen.
Gundi verdreht die Augen. Was in aller Welt geht sie dieser verrückte Fotograf an! Und weshalb muss Herbert mit auf die Suche! Und überhaupt: «Was ist mit der Behandlung beim Herrn Pfefferle nachher?»
Martin Pfefferle ist der Physiotherapeut, der die beiden behandelt, und nebenbei eine Kommunikationsinstanz, von der aus Neuigkeiten jeder Art sehr verlässlich die Runde machen.
«Sag ihm ab. Ich habe noch mehr Termine. Der Förster braucht meine Unterstützung. Stell dir bloß vor, der Gerstenbach kann nicht mehr laufen, und wir müssen ihn tragen. Das kann einer allein nicht.»
Gundi kennt ihren Herbert und verzichtet deshalb weise darauf, ihm entgegenzuhalten, dass es in der Badenweiler Umgebung keinen undurchdringlichen Dschungel gibt, sondern nur gut erschlossenes Gebiet, wo es selbst für einen Einzelnen – zumal einen ortskundigen Förster – die Möglichkeit gibt, Hilfe zu holen. Aber die Behandlung beim Masseur abzusagen ist ihr peinlich. Herbert muss selbst anrufen, was für ihn bei seinem Unternehmungsgeist keinerlei Hindernis darstellt. In epischer Breite erklärt er, warum und weshalb er nachher keinesfalls kommen könne, und erreicht damit, dass die Neuigkeit dank Martin Pfefferle mit tödlicher Sicherheit schleunigst die Runde machen wird.
Kurze Zeit später sieht man Herbert Fehringer, dem die Vorfreude auf möglicherweise Spektakuläres förmlich aus den Augen sprüht, in den Geländewagen von Robert Stammer einsteigen. Der Förster kennt die Stelle im Wald, wo Gerstenbach vor vierzehn Tagen sein Zelt aufgeschlagen hat, um, auf solche Weise getarnt, das Vertrauen einer Fuchsfamilie zu gewinnen und diese in aller Ruhe fotografieren zu können. Silvio Gerstenbach beherrscht sein Handwerk als Naturfotograf. Da macht ihm so schnell keiner etwas vor. Mit den Ergebnissen, die er abliefert, sind seine Auftraggeber stets zufrieden, sein technisches Können und die Sorgfalt, mit der er seine Arbeit angeht, werden geschätzt. Seine Allüren und sein übersteigertes Selbstbewusstsein erträgt man daher zähneknirschend. Bei Gerstenbach hat diese Anerkennung allerdings dazu geführt, dass seine ohnehin schon maßlose Überheblichkeit sich in schwindelnde Höhen hinaufschraubte.
Stammer und Fehringer lassen das Auto auf einem Waldweg stehen und machen sich zu Fuß in die Richtung auf, in welcher der Förster noch in der letzten Woche das Zelt hat stehen sehen.
«Reden Sie jetzt nicht mehr, und versuchen Sie möglichst leise zu gehen, sonst gibt es Ärger, weil wir die Tiere stören», mahnt Stammer seinen Begleiter, dessen Redefluss während der kurzen Fahrt keinen Moment ins Stocken geraten ist. Bis ins kleinste Detail hat er den Förster über das schlechte Benehmen des Fieslings Gerstenbach informiert.
Gezielt streben sie in Richtung der Stelle, wo sie ihn vermuten. Doch das Einzige, was sie finden, ist ein Rasenstück, das noch deutliche Spuren des nun nicht mehr vorhandenen Zeltes aufweist. Fehringer schaut Stammer ratlos an.
«Und jetzt? Wo könnte der noch sein?»
«Hm. Lassen Sie mich mal überlegen. Er hat noch gefragt, ob es im Kurpark seltene Bäume und Pflanzen gibt. Ich habe ihm gesagt, dass dort unter anderem Zedern, Ginkgo und besonders schöne Mammutbäume wachsen. Vielleicht hat er sich ja davon etwas als Motiv ausgesucht.»
«Kann sein. Für so was braucht er wenigstens kein Tarnzelt. Die Bäume sind so alt, dass sie auch noch die Gegenwart dieses Menschen aushalten», kommentiert Fehringer abschätzig.
Folglich fahren sie gemeinsam zu ihrem Ausgangspunkt zurück, um in dem wegen des anhaltenden Nebels verwaisten Kurpark nach dem Fotografen zu fahnden.
