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MORD IN POSTKARTEN-IDYLLE Wie jedes Jahr wird Anfang August in Ehrenstetten der Lorenzemärt gefeiert. Und wie immer herrscht an den Wein- und Würstchenbuden ausgelassene Stimmung. Auch Herbert Fehringer, genannt Würschtle-Herbert, ist mit seiner Frau gekommen. Als er über eine Leiche stolpert, verdirbt ihm das allerdings gründlich den Appetit: Dem Toten steckt noch ein Bratspieß im Rücken. Der herbeigerufene Freiburger Kommissar Lorenz und sein Assistent Thiele finden schnell heraus, dass es sich bei dem Mordopfer um einen Professor der Universität handelt, der offenbar nicht sonderlich viele Freunde hatte. Auch seine Witwe macht keinen besonders traurigen Eindruck. Mit der Polizei zusammenarbeiten möchte keiner. Nur gut, dass Würschtle-Herbert zur Stelle ist ...
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Seitenzahl: 366
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Edelgard Spaude
Spießgesellen
Ein Schwarzwald-Krimi
Ihr Verlagsname
MORD IN POSTKARTEN-IDYLLE
EDELGARD SPAUDE, geboren in Freiburg im Breisgau, war Lektorin und Autorin.
Auch in diesem Roman sind sämtliche Handlungen und Personen frei erfunden. Die Zuneigung der Autorin zur Lieblingsfigur des ersten Bandes ist geblieben, und das wird sich auch weiterhin kaum ändern.
Für Tilman – er weiß schon, weswegen
Lauter Trubel beherrscht heute das Dorf. Ganz Ehrenstetten mitsamt der Markgräfler Umgebung scheint auf den Beinen zu sein, um sich zu amüsieren, einzukaufen, sich zu unterhalten, zu essen und vor allem zu trinken. Wie jedes Jahr am 10. August findet der Lorenzemärt statt, auf den sich manche Dörfler 364 Tage im Jahr freuen und den einige Anwohner an genauso vielen Tagen fürchten, weil kein Durchkommen mehr möglich und vor drei Uhr nachts nicht an Schlaf zu denken ist. Die Hauptverkehrsstraße, die die Orte Kirchhofen und Ehrenstetten verbindet, wird bereits am Vorabend für den Durchgangsverkehr gesperrt. Wer nicht rechtzeitig daran gedacht hat, sein Auto für die Dauer des Festes außerhalb zu parken, hat keine Chance, es zu benutzen. Vor den breiten Hofeinfahrten bauen die vielen Händler, die wie immer auf gutes Wetter und entsprechend gute Einnahmen hoffen, ihre Stände eng aneinandergereiht auf.
Hier wird vieles angeboten, was man in Supermärkten oder Kaufhäusern längst vergeblich suchen würde: Mantelschürzen mit Blümchenmuster, die an jene Zeiten erinnern, als die Hausfrauen noch züchtig drinnen walteten; lange, zartrosa Flanellnachthemden, wahlweise hellblau oder grasgrün, mit neckischem Schleifchen am Halsausschnitt, bei denen sich kein anderer Gedanke als der an sofortigen Tiefschlaf einstellt; lange, feldgraue Herrenunterhosen, deren künftige Besitzer absolut sicher vor jeder Form erotischer Annäherung sein dürften. Dazwischen warten Würste verschiedenster Art, Käse, Staubtücher, Putzmittel und Holzkochlöffel, mehr oder weniger echter Schmuck oder selbstfabrizierte Häkeldeckchen, wahlweise auch gestrickte Klorollenschützer auf Käufer. Bereits am Vormittag gibt es ein dichtes Gedränge. Den Nummernschildern der vor dem Ortseingang abgestellten Autos nach zu schließen, haben sich Bewohner aus dem gesamten Umland auf den Weg gemacht, um sich mit Notwendigem und Überflüssigem einzudecken.
Damit keiner verhungern und verdursten muss, sind von den verschiedenen, im Dorf ansässigen Vereinen in den großen Höfen, die die Straße säumen, Tische und Bänke aufgestellt worden. Es riecht nach Bratwürsten und Steaks, nach Pommes und Schupfnudeln. Diese Mischung aus Sauerkraut und Teigwaren stellt eine der äußerst raren geschmacklichen Wesenseinheiten zwischen Badenern und Schwaben dar. Überall wird gebrutzelt und gekocht, werden Kisten mit Bier und Wein herangeschleppt. Schon Tage vorher muss alles fertig sein, müssen Wand- und Dachkonstruktionen aus Holz und Plastik aufgebaut werden, damit die Besucher sich auch von Regengüssen nicht vertreiben lassen. Und wie jedes Jahr kommt es nicht nur Tage, sondern Wochen und Monate vorher allenthalben zu Uneinigkeit und Streit darüber, wer in diesem Jahr welche Arbeiten zu verrichten hat.
Wenn dann nach Beendigung des Festes die Vereinskassen gut gefüllt sind, wenn das meiste so abgelaufen ist, wie erhofft, breitet sich wohliger Friede aus – bis es das nächste Mal ans Planen und Vorbereiten geht.
Ganz selten nur haben die Ehrenstetter Pech gehabt, weil ihnen der Wettergott einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, was an diesem 10. August nicht im mindesten zu befürchten ist. Es ist wunderbar warm, und der Himmel erstrahlt in makellosem Blau. Noch am frühen Abend – die ersten fliegenden Händler räumen schon wieder zusammen, um sich rechtzeitig auf den Weg zur nächsten Verkaufsgelegenheit machen zu können – drängen sich die Menschenmassen auf der Straße, und überall in den Höfen hat sich fröhliche Stimmung breitgemacht.
Am lustigsten geht es derzeit beim Angelsportverein zu. Dort sitzt Herbert Fehringer mit seiner Frau Gundi und unterhält mit seinen launigen Erzählungen gleich mehrere Tische. Zugegeben, er hat auch einiges zu berichten: nicht nur aus seiner vierzigjährigen, inzwischen beendeten Laufbahn als Bratwurstverkäufer auf dem Freiburger Münsterplatz, sondern vor allem von seiner Beteiligung an der Aufklärung des spektakulären Mordfalles in Badenweiler in diesem Frühjahr. Die Rolle, die Herbert Fehringer in dieser grausigen Angelegenheit gespielt hatte, ist in seinen Darstellungen seit April um zahlreiche Nuancen und Aspekte erweitert worden. Er war es gewesen, der den gewaltsam zu Tode gekommenen Fotografen im Kurpark gefunden hatte. Zwar gab es zwei Freiburger Kriminalbeamte, die letztlich die ordnungsgemäße Verhaftung der Täter ausführten, doch wenn er – Herbert Fehringer – sich nicht ununterbrochen und unermüdlich eingesetzt hätte, wie es seine Bürgerpflicht von ihm verlangte, so stünde die Aufklärung des Falles vermutlich noch heute aus.
«Ich kann euch sagen, das war vielleicht ein Schreck, als ich und der Förster den Toten im Kurpark entdeckt haben. Erst war der Mann kaum zu sehen, weil er im hohen Gras unter seinem Zelt gelegen hat. Aber dann, als wir ihn da rausgezogen haben – mir war sofort klar, dass er ermordet worden ist –, da hat es schon Mut gebraucht, an Ort und Stelle auszuhalten. Der Stammer ist vor Schreck fast ohnmächtig geworden. Ja, und dann ist es losgegangen mit den Ermittlungen. Dem Kommissar aus Freiburg und seinem Assistenten habe ich selbstverständlich geholfen, so gut ich konnte. Im Vertrauen, ohne mich – also ich will mich ja nicht selber loben –, aber ohne mich und meine Kontakte zu den Leuten in Badenweiler hätten die das nie geblickt.»
Gundi, die diese Ausführungen ihres Mannes bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten inzwischen so oft gehört hat, dass sie genau weiß, wann welches Detail ausgeweitet wird, langweilt sich zwar bisweilen, aber im Grunde ist sie auch ein wenig stolz auf ihren Herbert, weil er es immer wieder schafft, seine Zuhörer zu faszinieren. Auch heute gelingt es ihm in seiner lauten, fröhlichen Art auf Anhieb, zum Mittelpunkt zu werden.
Die Stimmung ist richtig gut, wofür nicht unwesentlich der rote St. Laurent sorgt, ein ganz besonders guter Tropfen, der traditionell nur an diesem Tag, eben dem des heiligen Laurentius, verkauft wird – zu einem recht stolzen Preis allerdings. Gundi genießt den Wein, Herbert bleibt lieber bei seinem Bier, auf das er stets nach dem dritten Glas zugunsten von Mineralwasser verzichtet. Beide Getränke haben jedoch die gleiche Wirkung, nämlich das sich rasch verstärkende Bedürfnis, schleunigst Ausschau nach einer Toilette zu halten. Mit seinen Blicken hat Herbert die Gegend schon eine ganze Weile sondiert und am Ende der Straße eine entsprechende Örtlichkeit ausgemacht. Dorthin streben aber so viele Menschen, die das Gleiche empfinden, dass sich eine lange Schlange gebildet hat. Die Hoffnung, dass sie sich auflöst oder wenigstens verkürzt, scheint vergeblich. Außerdem ist diese Hoffnung von Herbert ein wenig zu lang gehegt worden. Er wird sich wohl oder übel nach einer kurzfristigeren Möglichkeit umsehen müssen.
Mühsam bahnt er sich einen Weg zwischen den Bänken und verschwindet dann hinter der mit Plastik abgedeckten Holzkonstruktion, wo er hofft, unentdeckt zu bleiben. Dieser Ausweg ist ihm zwar sehr peinlich, und er weiß ganz genau, dass Gundi dafür überhaupt kein Verständnis hätte und stocksauer wäre, wenn er auf die für menschliche Bedürfnisse eigens eingerichtete Örtlichkeit verzichtete, aber augenblicklich geht es einfach nicht mehr anders. Der Zweck heiligt die Mittel.
Während Herberts Abwesenheit konzentriert sich die Aufmerksamkeit am Tisch zunächst auf Gundi.
«War Ihr Mann immer schon so mutig?»
«Haben Sie gar keine Angst gehabt, dass ihm etwas zustoßen könnte?»
«Wie fühlt man sich, wenn man solch einen aufmerksamen und tatkräftigen Mann hat?», will eine der Frauen am Tisch wissen. Man kann ihr förmlich ansehen, dass sie ihre gelinden Zweifel hegt, ob ihr Angetrauter ebenso beherzt gehandelt hätte.
Gundi schaut ein bisschen verwundert.
«Wieso Angst? Es hat nie auch nur eine annähernd gefährliche Situation gegeben. Nein, gefürchtet habe ich mich nicht, aber manchmal geärgert, weil ich dauernd allein rumgesessen bin und er unterwegs war.»
Das war die falsche Antwort, wie sie an der in Falten gelegten Stirn der Fragenden unschwer erkennen kann. Jetzt erlebt die schon mal was, und dann ist es ihr auch nicht recht, entnimmt sie dem Mienenspiel gegenüber.
Ziemlich schnell widmen sich die unmittelbar nebeneinander Sitzenden wieder ihren Privatgesprächen. Die Abwesenheit von Herbert drückt auf die allgemeine Stimmung. Der ist schon eine halbe Ewigkeit weg. Gundi wird allmählich unruhig. Wo bleibt er bloß so lange? Es wird ihm doch nichts passiert sein? Ob sie nachsehen soll? Aber wo? Sie hat nicht darauf geachtet, in welche Richtung ihr Mann verschwunden ist.
Als sie sich eben entschlossen hat, bis zum großen Holztor an der Straße zu gehen, um von dort Ausschau zu halten, biegt Herbert um die Ecke. Mit den Armen fuchtelt er wild in der Luft, sein Gesicht ist aschfahl.
«Gundi, schnell, jemand muss die Polizei rufen. Gundi, die Nummer vom Lorenz. Schnell», schreit er schon von weitem.
Aus diesen wirren Worten wird keiner an den Tischen klug, die Ersten fangen bereits wieder an zu lachen, weil sie sich von Herbert Fehringer einen neuen lustigen Auftritt versprechen. Nur Gundi wird nervös. Was soll das? Was hat er? So völlig außer sich kennt sie ihren Herbert überhaupt nicht. Rücksichtslos drängt er sich durch die Bankreihen und bekommt kaum mehr Luft vor lauter Aufregung.
«Was ist los, Herbert, hast du ein Gespenst gesehen? Oder gar wieder einen Ermordeten gefunden? Haha.» Der Witz, den sich einer aus der Runde erlaubt hat, findet allgemeinen Anklang.
«Ja», brüllt Herbert. «Dahinten liegt wirklich einer. Gundi, die Telefonnummer.»
«Mensch, du kannst einen ganz schön hinters Licht führen. Komm, setz dich her und erzähl weiter.»
Immer noch erregt Herberts Auftritt Heiterkeit, außer bei Gundi.
«Herbert», fragt sie vorsichtig, «geht’s dir gut?»
«Gundi, da hinten liegt wirklich jemand. Mit einem Spieß im Rücken.»
Jetzt lacht die ganze Gesellschaft. «Ja klar, das ist der Ochs am Spieß. Der wird gleich gebraten. Kannst du nicht mehr zwischen Mensch und Viech unterscheiden? Na, manchmal ist ein Mensch ja auch ein Ochs.» Die vom St. Laurent kräftig geförderte Ausgelassenheit ist auf dem Weg zu einem neuen Höhepunkt.
«Jetzt seid endlich mal ruhig. Dahinten liegt ein Mensch mit einem Spieß im Rücken, und alles ist voller Blut.»
Die Erste, die Herbert ernst nimmt, ist Gundi.
Oh, alle Heiligen, stöhnt sie in sich hinein, lasst es nicht wahr sein. Lasst den Herbert dies eine Mal zu tief ins Glas geschaut haben und halluzinieren. Nicht schon wieder! Das darf nicht wahr sein!
Zu weiteren Überlegungen reicht es nicht, denn Herbert zieht sie bereits von der Bank in Richtung Zaun, an dem er vorhin so eilig entlanggelaufen ist, hinter das Zelt.
Und tatsächlich. Dort liegt bäuchlings auf einer Bank ein ziemlich großer Mensch, aus dessen Rücken ein gewaltiger Spieß ragt. Gundi schreit auf und klammert sich an Herbert. Inzwischen haben sich auch andere Schaulustige eingefunden, die neugierig hinterhergelaufen sind, in der Hoffnung, dass es vielleicht wirklich eine Sensation gäbe. Nur jetzt, konfrontiert mit dem Anblick des offensichtlich hinterrücks Ermordeten, macht sich lähmendes Entsetzen breit.
«Kennt den jemand?», fragt Herbert, wieder ein klein wenig ruhiger geworden.
«Wie soll man wissen, wer das ist, wenn er mit dem Gesicht nach unten liegt. Dreh ihn mal um», fordert einer der Nächststehenden.
«Bist du wahnsinnig? Wir werden doch keine Spuren verwischen.» Man merkt Herbert zweifelsfrei den Profi an.
«Gundi, gib mir mal das Handy. Und die Nummer vom Lorenz.»
«Wir müssen die Polizei holen», dämmert es einem Festbesucher, der direkt neben Herbert steht.
«Ja, sicher, was glaubst du, was ich machen will. Lorenz ist der Freiburger Kommissar, den ich gut kenne. Euer Dorfgendarm kann hier nichts ausrichten. Da muss sofort die Spurensicherung her. Und die Kriminaltechniker.»
Die anwesenden Ehrenstetter sind angesichts des «Dorfgendarmen» etwas in ihrer Ehre gekränkt. Was glaubt denn der? Ehrenstetten liegt schließlich nicht hinterm Mond, und der Nachbarort Kirchhofen verfügt über einen eigenen Polizeiposten.
«Die Nummer vom Lorenz hab ich aber nicht», stottert Gundi, als sie in ihrer Handtasche endlich das Handy gefunden hat.
«Auch egal. Ich kriege sie aus dem Gedächtnis zusammen.» Zu Zahlen hat Herbert aus der Münstermarktzeit ein gutes Verhältnis. Er hat sich höchst selten verrechnet, nicht einmal zu Spitzenzeiten, als fünfzig Leute gleichzeitig eine lange «Rote» haben wollten.
In der Tat gelingt es Herbert, die richtige Nummer einzutippen, die das Telefon auf dem Freiburger Schreibtisch von Kommissar Lorenz schnarren lässt. Weil der augenblicklich nicht im Zimmer ist, kommt Matthias Thiele, sein Assistent, aus dem kleinen Nebenraum und erbarmt sich des unaufhörlich laut klingelnden Apparates.
«Mordkommission Freiburg. Thiele am Apparat.»
«Ja, hier ist der Herbert Fehringer. Sie wissen noch, wer ich bin – oder?» Das klingt beinahe drohend, wenn auch ungewollt.
«Ja, der Herr Fehringer. Das ist aber nett, dass Sie sich mal melden. Wie geht’s Ihnen denn so? Und wie geht’s Ihrer Frau?»
Thiele ist ehrlich erfreut über den Anruf.
«Ja, ja, gut. Aber wir haben hier eine Leiche. Sie und der Lorenz müssen herkommen. So schnell es geht. Mit der Spurensicherung», sprudelt es aus Herbert Fehringer heraus, aber er erreicht genau den gleichen Effekt wie vorhin am Tisch, nämlich dass Thiele lauthals anfängt zu lachen.
«Der Witz ist gut, Herr Fehringer. Wo sollen wir hinkommen? Und sollen wir auch gleich den Arzt und den Rest der Besatzung mitbringen? Haha.» Thiele schüttet sich schier aus vor Lachen.
«Mensch, Herr Thiele. Es ist wahr. Hier liegt ein aufgespießter Toter. Tempo. Sie müssen was unternehmen! Ehrenstetten. Lorenzemärt.»
Ein ganz schön energischer Ton, den Würschtle-Herbert da anschlägt, denkt Thiele und erinnert sich an den Spitznamen, den sie Fehringer seiner langjährigen Tätigkeit als Bratwurstverkäufer wegen verpasst hatten. Er wird stutzig.
«Jetzt mal im Ernst, Herr Fehringer. Machen Sie keinen Quatsch.»
«Ich mache keinen Quatsch.» Herbert wird ungeduldig. «Hören Sie mir genau zu. Ich bin mit der Gundi in Ehrenstetten beim Lorenzemärt, und hinter dem Schuppen vom Angelsportverein liegt ein Toter. Es kann ihn aber im Moment keiner identifizieren, weil er auf dem Bauch liegt, wie der Fotograf, der Gerstenbach, das letzte Mal. Aber der hier hat einen Spieß im Rücken. Kapieren Sie es endlich?»
«Und Sie lassen mich auch bestimmt nicht auflaufen?» Thiele ist noch nicht ganz überzeugt.
«Nein, verdammt nochmal. Machen Sie, dass Sie und der Herr Kommissar herkommen. Nehmen Sie die Beine in die Hand!» Jetzt ist Herbert wirklich fuchtig.
«Also gut, ich sag dem Herrn Lorenz Bescheid. Aber ich schwör’s Ihnen, wenn Sie sich nur einen Scherz mit uns erlauben, wird mein Chef stocksauer.»
«Herr des Himmels. Glauben Sie, ich bin blöd? Ich sage es zum letzten Mal: herkommen und zwar sofort!»
Das während der Aufklärung des Gerstenbach-Mordes so vertrauensvolle Verhältnis zwischen Würschtle-Herbert und Thiele ist durch dessen Misstrauen im Moment leicht getrübt. Thiele ist von dem schroffen Ton so bestürzt, dass er den Hörer anschaut, als ob er fürchtet, Herbert Fehringer springe gleich persönlich heraus.
«Ja, ja, ist ja schon gut. Ich suche ihn», gibt Thiele endlich klein bei.
Doch er braucht nicht mehr zu suchen, denn eben betritt Lorenz das Zimmer und schaut seinen Assistenten erstaunt an, weil er einen etwas merkwürdigen Anblick bietet. Er steht mit dem Hörer in der Hand da und starrt ihn mit seinen großen braunen Kinderaugen verwirrt an.
«Was ist mit Ihnen los, Thiele? Haben Sie ein Gespenst gesehen, oder haben wir einen Anschiss von der Dienstleitung bekommen?» Damit könnte sich Reinhold Lorenz den verstörten Gesichtsausdruck seines jungen Kollegen am ehesten erklären.
«N-n-n-nein. Herr Lorenz, wir sollen nach Ehrenstetten fahren, zum Lorenzmärkt, oder wie das heißt. – Oh, das Fest heißt ja wie Sie!» Thieles Kombinationsgabe hat seinen Chef schon hin und wieder auf die Palme gebracht. Aber das geht ihm entschieden zu weit.
«Haben Sie sonst noch was auf dem Herzen? Oder finden Sie das lustig genug?» Lorenz ist hörbar eingeschnappt.
«Nein, ja, also doch, Herr Lorenz, wir müssen da hin. Der Fehringer hat angerufen. Wissen Sie, der aus Badenweiler, also der aus Freiburg, der Würschtle-Herbert.»
Man merkt Thiele deutlich an, dass er sich in seiner Haut augenblicklich äußerst unwohl fühlt. Einerseits ist er noch immer unsicher, ob sich Herbert Fehringer nicht doch einen Scherz mit ihm erlaubt, andererseits sagt ihm sein Pflichtgefühl deutlich, dass – sollte wirklich ein Mord geschehen sein – keine Zeit zu verlieren ist, und zudem hegt er die Vermutung, dass sein Chef ihn für verrückt hält. Keine angenehme Situation, findet er, denn Lorenz bedenkt ihn mit einem Blick, der ebenjenes besagt.
«Sind Sie noch bei Trost? Der Fehringer ruft hier an, und Sie rasten postwendend aus? Hat der am Ende wieder eine Leiche in petto?» Lorenz hat endlich beschlossen, die Sache mit Humor zu nehmen. Schließlich hat sich sein Assistent inzwischen als ganz umgänglich und manchmal sogar einfallsreich erwiesen.
«Genau das, Herr Lorenz. Der Fehringer scheint mit seiner Frau bei irgendeinem Fest in Ehrenstetten zu sein und hat dort jemanden getroffen, der einen Spieß im Rücken hat.»
Diese Formulierung ist nicht ganz glücklich gewählt, sodass Lorenz auf dem besten Wege ist, erneut wütend zu werden. Der betretenen Miene seines Assistenten wegen hakt er aber lieber nochmals nach.
«Thiele, reißen Sie sich zusammen. Und wenn Sie sich einen Witz mit mir erlauben wollen, sagen Sie’s gleich.»
«Überhaupt nicht.»
So gut es geht, berichtet Thiele von dem Anruf und auch von seinen eigenen Zweifeln. Er beendet seine Ausführungen mit der Wendung, die Lorenz inzwischen zur Genüge von ihm kennt.
«Was machen wir denn jetzt, Chef?»
«Sie meinen wirklich, der Fehringer hat das ernst gemeint?»
«Ja, irgendwie, eigentlich schon.»
«Ja oder nein?»
«Ja.»
«Gut, dann setzen wir uns eben ins Auto und fahren hin. Und gnade Gott dem Fehringer, wenn er mit uns versteckte Kamera spielen will.» Seinen wohlverdienten Feierabend hatte sich Reinhold Lorenz eigentlich anders vorgestellt.
Das Fahrtziel liegt wie im Frühjahr im Markgräflerland. Nur geht es diesmal nicht über die Bundesstraße 3 nach Badenweiler, sondern durch das romantische Hexental. Auf der linken Seite kann man die Luisenhöhe bei Horben und den Schauinsland sehen, und nach einer kurzen Waldstrecke weitet sich der Blick in Richtung Staufen zur Burgruine hin. Am Lenkrad des Dienstwagens sitzt – wie immer – Reinhold Lorenz. Seit den mühevollen und nervenaufreibenden Versuchen seines Assistenten, die Automatik des Autos in den Griff oder vielmehr in die Füße zu kriegen, mutet sich Lorenz diese Tortur nicht mehr zu. Ihre stillschweigende Übereinkunft hat jedoch einen entscheidenden Nachteil: Weil Thiele auf dem Beifahrersitz beschäftigungslos ist, kann er munter seinen Gedanken nachhängen, die hin und wieder recht merkwürdige Wege einschlagen. Das Ergebnis bringt er dann unbekümmert zu Gehör. So auch heute. Thiele spinnt mit Begeisterung das Lorenz-Lorenzemärt-Wortspiel weiter.
«Finden Sie’s nicht auch lustig, Chef, dass Ihr Name bei einem Mordfall gleich zweimal in den Protokollen stehen wird? Womöglich denken die Leute, dass das Fest nach Ihnen benannt ist. Da müssen wir uns aber Mühe geben bei der Aufklärung. Haha.»
Lorenz wirft seinem Assistenten einen genervten Blick zu, den dieser aber nicht bemerkt, weil er aus dem rechten Seitenfenster intensiv den Schönberg und seine Ausläufer betrachtet.
«Wieso heißt der Schönberg eigentlich Schönberg? Wissen Sie das Chef? Lorenzberg würde viel besser passen. Gibt’s einen Lorenzberg in der Nähe?»
«Thiele, nein, das heißt, ich weiß es nicht, und ich will es auch gar nicht wissen.»
«Oder man könnte den Leutersberg in Lorenzberg umtaufen, fängt eh schon mit L an. Wissen Sie, Leutersberg auf der anderen Seite vom Schönberg.»
«Ich weiß, wo Leutersberg liegt, halten Sie gefälligst den Mund, wenn Ihnen nichts anderes als solch ein Unsinn einfällt.»
Lorenz wird jetzt wirklich wütend. Hatte er doch geglaubt, dass sein Assistent einiges von seiner naiven Unbefangenheit, mit der er ihn zur Weißglut treiben kann, abgestreift hätte.
«Aber Chef, Sie müssen schon zugeben, dass das ein lustiger Zufall ist. Lorenz und Lorenzemärt.» Thiele kann sich einfach nicht beherrschen.
«Schluss. Aus. Kein Wort mehr, bis wir da sind.»
Es schwant Thiele, dass er den Lorenz-Bogen wohl überspannt hat, deshalb sucht er krampfhaft nach einer sachlichen, möglichst klugen Bemerkung, durch die er seinen Chef wieder versöhnen und auf andere Gedanken bringen kann. Aber auf die Schnelle fällt ihm trotz intensivsten Nachdenkens nichts ein. Dabei wäre das im Augenblick äußerst wünschenswert, denn wieder einmal wandern die Gedanken von Kommissar Lorenz in Richtung seiner Frau Brigitte, die ihn vor mehr als einem halben Jahr verlassen hat, einfach so und einigermaßen rücksichtslos, wie Lorenz meint. Ab und zu schickt sie ihm eine freundliche Karte, auf der sie mitteilt, dass es ihr gutgehe, dass sie einen Job habe, der ihr Spaß mache, und außerdem einen neuen Bekanntenkreis. Kein Wort des Bedauerns und schon gar kein Anzeichen dafür, dass sie eventuell in Betracht zieht, nach Freiburg und zu ihm zurückzukommen. Julia und Ulli, die beiden erwachsenen Kinder, telefonieren häufiger mit ihr. Er nicht. Da bleibt er hart. Sonst bildet sie sich noch ein, er liefe ihr nach. Soll sie sehen, wie sie ohne ihn zurechtkommt. Zwischenzeitlich muss er sich indessen wohl oder übel eingestehen, dass sie sich mit ihrem neuen Leben ganz gut zu arrangieren scheint und ihn offenbar weder vermisst noch bedauert und schon gar nicht braucht. Solche Erkenntnisse treffen ihn schwer.
Wenigstens wohnt Ulli wieder mit im Haus, sodass er nicht mehr ganz allein ist. Sein Sohn macht auch keinerlei Anstalten, das bequeme elterliche Nest in absehbarer Zeit zu verlassen. Beide haben sich als Wohn- beziehungsweise Notgemeinschaft so gut es geht eingerichtet. Einkaufen und Kochen klappen einigermaßen, nur beim Saubermachen und Aufräumen hapert es, wie Lorenz zugeben muss. Aber schließlich sind sie ein Männerhaushalt, da hat man eben über manches hinwegzusehen. Darin wenigstens sind sich die beiden einig. Basta.
Falls es stimmt, dass auf dem Ehrenstetter Fest wirklich irgendwo ein Mord geschehen ist, dann werden wir wohl wieder dauernd unterwegs sein, fürchtet Lorenz. Mist, immer, wenn ich mit dem Auto durch diese Gegend fahre, muss ich an Brigitte denken. Wie oft haben wir am Sonntag Ausflüge ins Umland gemacht, auch wenn sie immer behauptet hat, er säße am liebsten nur zu Hause herum.
«Chef, was machen wir eigentlich, wenn uns der Würschtle-Herbert reingelegt hat?»
Die Suche nach einer intelligenten Zwischenbemerkung ist nicht von Erfolg gekrönt.
«Sie waren doch am Telefon. Sie haben doch gehört, was er gesagt hat. Und wie er es gesagt hat! Sie müssen doch gemerkt haben, ob es ernst ist oder nicht.»
«Hm, ja, ich glaube schon. Sonst hätte ich es Ihnen ja gesagt. Oder nicht gesagt.» Thiele verheddert sich in seiner Logik und zieht es endgültig vor, weitere Geistesblitze erst einmal für sich zu behalten, was ihm umso leichter fällt, als sie inzwischen den Ortseingang von Ehrenstetten erreicht haben.
Vor der gesperrten Hauptstraße, die wegen der aufgebauten Stände ein Durchkommen mit dem Auto nicht erlaubt, bremst Lorenz und sieht sich ratlos um.
«So, und wie kommen wir hier durch? Und wo finden wir den Fehringer mit seiner angeblichen Leiche?»
«Wir könnten einfach hier parken und uns verteilen und den Würschtle-Herbert suchen», schlägt Thiele vor.
«Wir beide – uns verteilen? Wie stellen Sie sich das vor?»
«Ja, Sie gehen halt von oben bis zur Mitte, und ich gehe von unten bis zur Mitte.»
Erneut zweifelt Lorenz am Verstand seines Mitarbeiters, und genau so schaut er ihn an. War er doch der festen Meinung gewesen, dass der Badenweiler Mordfall und die gelungene Aufklärung, an der Thiele seinen gehörigen Anteil hatte, diesem etwas mehr Umsicht und Fähigkeit zum klaren Denken beschert hätten. Er musste damals unumwunden zugeben, dass es Thiele war, der während der gemeinsamen Arbeit letztlich den entscheidenden Einfall gehabt hatte. Auch die Zusammenarbeit in den Monaten seither war ziemlich problemlos gewesen, mitunter sogar fast freundschaftlich. Sollte die ganze Dressur, die er dem jungen Kerl mühsam hat angedeihen lassen, mit einem Mal verlorengegangen sein?
An dieser Stelle werden die düsteren Betrachtungen von Reinhold Lorenz glücklicherweise unterbrochen, denn ihnen kommt heftig gestikulierend Herbert Fehringer entgegengerannt.
«Gott sei Dank, dass Sie da sind. Endlich! Mir ist es wie eine Ewigkeit vorgekommen. Ging es nicht schneller?»
Das fängt ja gut an, ärgert sich Lorenz. Wir fahren extra hier heraus, und das Erste, was wir uns einhandeln, ist ein kräftiger Rüffel.
«Jetzt mal langsam, Herr Fehringer.» Lorenz zwingt sich mit Macht zu Ruhe und Besonnenheit. «Erzählen Sie mir einfach, was los ist.»
«Ja, also, also, Herr Lorenz. Also …»
Himmel, das war ja die Also-Manie, fällt es Lorenz wieder ein. Na schön, auch das wird er jetzt noch aushalten.
«Also, hinter dem Angelsportverein liegt eine ermordete Leiche.»
An dem etwas konfusen Wortknäuel merkt Lorenz, dass Herbert Fehringer momentan seinen gewohnten Gleichmut vermissen lässt. Vierzig Jahre Münstermarkt hin oder her. Aber das ist schließlich kein Wunder, wenn man gleich zweimal innerhalb eines einzigen Jahres mit einem Mord konfrontiert wird. Die Ruhe, mit der Fernseh-Hobby-Detektive mit derartigen Vorkommnissen umgehen, gibt es eben nur im Film. Lorenz und Thiele traben hinter Fehringer her, der ihnen durch die Menschenmassen, die unentwegt an den Verkaufsständen entlangströmen, einen Weg bahnt. Hinter der Holzwand des Angelsportvereins entdecken sie ein mit einem weiß-roten Band abgestecktes Viereck, um das sich eine neugierige Menge versammelt hat, die das Mordopfer begafft.
«Wer hat denn bereits den Tatort gesichert?», wundert sich Lorenz.
«Na, ich, Herr Kommissar. Glauben Sie, dass ich mich nochmal von Ihren Leuten von der Spurensicherung zur Schnecke machen lasse, weil die angeblich durch meine Schuld nichts finden? Was glauben Sie, wie viel Leute sonst hier herumtrampeln würden? Ich habe mir vier Holzpflöcke da vom Stapel genommen, und das Band zum Absperren hat – glaube ich – der Bultmeier noch übrig gehabt. Er hat mit der Gundi die Bewachung übernommen. So lange, bis jemand vom Polizeiposten in Kirchhofen gekommen ist. Glauben Sie mir, das ist ihr nicht leichtgefallen!»
Lorenz weiß im Moment nicht genau, was er mit so viel Glauben anfangen soll. Von Herberts Umsicht aber ist er beeindruckt.
«Respekt, Herr Fehringer. Thiele, unternehmen Sie alles Notwendige. Als Erstes muss die Spurensicherung her, und der Arzt natürlich. Oder haben Sie schon etwas unternommen?», wendet er sich an die beiden Polizisten aus dem Nachbardorf. Die schütteln nur stumm die Köpfe. Auf den irritierten Blick von Lorenz hin bequemt sich der Ältere von ihnen zu erklären: «Der Herr Fehringer da hat ja schließlich Sie angerufen, und mehr hätten wir im Moment auch nicht tun können.»
Lorenz lässt die Bemerkung so stehen und nimmt dann den Toten näher in Augenschein. Vor ihm liegt auf einer der abgestellten Bierbänke ein großer, kräftiger Mann auf dem Bauch. Aus seinem Rücken ragt ein langer Spieß, der sich eigentlich schon längst mit einem Ochsen über dem Feuer drehen sollte.
«Grausig, Herr Kommissar, gell.» Nicht unwesentlich beeinflusst durch die anerkennende Bemerkung des Kommissars, regen sich langsam Fehringers Lebensgeister wieder.
Gundi, die mit abgewandtem, kreidebleichem Gesicht danebensteht, sagt kein Wort. Sich in so unmittelbarer Nähe eines Mordopfers zu befinden, geht fast über ihre Kraft, aber Herbert wollte sichergehen, dass niemand den Tatort betritt, und wirklich verlassen kann und will er sich in dieser Hinsicht und auch sonst nur auf seine Gundi.
«Kennt jemand den Toten?», fragt Lorenz die Umstehenden.
«Wie denn, wenn man sein Gesicht nicht sehen kann. Drehen Sie ihn mal um», kommt die nassforsche Antwort.
Würschtle-Herbert antwortet für den Kommissar.
«Sei nicht so blöd. Weißt du nicht, dass man einen Ermordeten liegen lassen muss, bis die Spurensicherung da war? Jedes Kind kann dir das sagen.»
Der Angesprochene schaut giftig. Weshalb soll er sich von einem Städter, der nur zu Besuch ist, vor allen anderen blamieren lassen? Doch jetzt blasen die gar noch ins gleiche Horn.
«Ja, klar, Karl, das stimmt. Das sieht man ständig im Fernsehen.»
«Guckst du nie Krimis? Dann wüsstest du das.»
Karl fühlt sich zu Unrecht angegriffen. Schließlich hat er eine Ahnung.
«Von hinten sieht der aus wie der Professor.»
«Welcher Professor?», will Lorenz wissen.
«Na, der, wo am Wildenhain wohnt», lautet die Antwort des Badeners.
Diese Erklärung bringt die Freiburger Kriminalbeamten beim besten Willen nicht weiter. Aber die eben noch abwertenden Kommentare der Umstehenden wandeln sich in allgemeine Zustimmung.
«Ja, stimmt, du könntest recht haben, Karl. Von hinten, wenn ich ihn so anschaue … Die Größe stimmt, und schlank war der Professor auch nicht. Genau wie der da.»
«Wäre einer von Ihnen so freundlich und würde mir nähere Auskunft geben», mischt sich Lorenz sachlich in das aufgeregte Gemurmel.
«Karl meint den Professor Türheim, der wo am Wildenhain wohnt», erhält er die wenig erhellende Auskunft.
«Ja, das könnt’ sein.»
«Ich glaube, du hast recht, das ist er.»
«Ganz sicher ist er das.»
«Ja, jetzt, wo ich genau hinschaue, sehe ich es auch.»
In diesem Augenblick bückt sich Würschtle-Herbert und zieht etwas unter der Bank hervor, was sich als ziemlich verschmutztes Herrensakko erweist, dem man dennoch die hervorragende englische Qualität ansieht.
«Schauen Sie mal, Herr Lorenz, das könnte dem Ermordeten gehören – oder?»
«Geben Sie mal rüber, Fehringer.»
Die Neugier lässt im Augenblick beide vergessen, dass sie sich mit der näheren Betrachtung dieser Fundsache mit Sicherheit den Zorn der Spurensicherung zuziehen werden.
«Komisch, dass der sich bei dieser Hitze eine Jacke mitgenommen hat», äußert Thiele verwundert.
Lorenz, der sich inzwischen dünne Vinylhandschuhe übergezogen hat, die er immer bei sich trägt, greift in eine der Innentaschen und befördert eine aus weichem Leder gefertigte Geldbörse zutage, auf der die Initialen H.T. in Gold eingeprägt sind.
«Wie heißt der Professor mit Vornamen? Weiß das jemand?»
«Helmut, ja, das ist ja der Helmut!», ertönt plötzlich eine kräftige Stimme aus dem Hintergrund. «Meine Güte, das ist nicht zu fassen. Helmut. Ja, Helmut, was ist denn passiert?»
Ein großer, ziemlich korpulenter und verschwitzter Mann drängt sich nach vorn.
«Das wird Ihnen der Tote schwerlich sagen können», erwidert Lorenz sarkastisch. «Darf ich fragen, wer Sie sind? Und woher kennen Sie das Mordopfer?»
«Mein Name ist Jünger, Franz Jünger, Bauunternehmer, und das ist der Helmut Türheim, einer meiner besten Freunde. Meine Güte, und jetzt ist er tot. Es ist nicht zu glauben. Nicht zu fassen!»
Franz Jünger schüttelt fortwährend den Kopf.
«Wie kann es so etwas geben?»
«Haben Sie Ihren Freund heute hier auf dem Fest getroffen?», unterbricht Lorenz die Fassungslosigkeit seines Gegenübers.
«Ja, gut, ich meine, gesehen habe ich ihn heut schon. Man geht schließlich aufs Fest», kommt die unklare Antwort.
«Wann zuletzt haben Sie ihn gesehen?»
«Ja, gut, so genau erinnere ich mich nicht. So um … Irgendwann heute Mittag.»
«Geben Sie meinem Assistenten bitte Ihre Personalien, wir werden nachher mit Ihnen sprechen.»
«Ja, gut, aber ich weiß nicht, ob ich dann noch da bin.»
«Dann werden wir zu Ihnen nach Hause kommen, Sie wohnen hier in Ehrenstetten – oder?»
«Ja, schon, aber ich muss weg nachher.»
«Dann werden Sie bitte zu Hause bleiben, bis wir bei Ihnen waren.»
Lorenz und Thiele wundern sich gemeinsam, wie schnell das Entsetzen des besten Freundes sich in diese leicht unwillige Haltung verwandelt hat.
«Ich habe Termine, die ich nicht verschieben kann. Ich bin Unternehmer!»
Lorenz mustert den Mann mit einem Blick, der diesen etwas nachgiebiger werden lässt.
«Ja, gut, ich meine, man ist ja nicht so. Ein Franz Jünger ist hilfsbereit. Wo es um den armen Helmut geht.»
Nach diesen mitleidsvollen Worten stapft der Bauunternehmer davon. Nachdenklich schauen ihm Lorenz und Thiele nach.
«Kennt sonst jemand von Ihnen den Toten?», fragt Lorenz erneut in die Runde.
«Mmh, schon, aber eher vom Sehen. Wissen Sie, der wollte mit uns weniger was zu tun haben. Das ist einer, der wo sich für was Besonderes gehalten hat. Nur weil er Professor war. Und an der Universität.»
Die größten Sympathien hat der Ermordete wohl nicht genossen, folgert Lorenz aus diesen Äußerungen.
«Dort hinauf, wo der gewohnt hat, kommen wir nicht so oft. Da wohnen die aus der Stadt mit Geld, die ihre tollen Häuser gebaut haben.»
Seltsam, dass selbst heute noch derart gravierende Unterschiede gemacht werden zwischen Einheimischen und Städtern, wundert sich Lorenz, der den spitzen Unterton nicht überhört hat. Und noch etwas fällt ihm auf: dass sie nämlich inzwischen schon eine kleine Ewigkeit auf die Kollegen von der Spurensicherung warten.
«Sagen Sie mal, Thiele, Sie haben doch unsere Leute sofort angerufen, nachdem wir hier eingetroffen sind?»
«Na klar, Chef, Sie standen doch daneben.»
«Und weshalb kommt keiner?»
«Keine Ahnung. Ich habe denen gesagt, in der Hauptstraße.»
«Hauptstraße? Wie sollen die das finden? Haben Sie den Kollegen nicht erklärt, dass der Ermordete hinter dem Angelsportverein liegt?»
«Äh, nein. Ach so. Ich sause lieber mal los und mache mich auf die Spurensuche nach den Kollegen von der Spurensicherung.» Thiele hat es plötzlich sehr eilig, fortzukommen. Er will sich nicht unbedingt schon wieder dem heiligen Zorn seines Chefs aussetzen.
Es wird auch höchste Zeit, denn die Kollegen stehen mit ihrer kompletten Ausrüstung und gekleidet in weiße Overalls wütend am Ortseingang und wissen nicht, wohin sie ihre Arbeitsgeräte transportieren sollen. Ihr gesamter Unmut ergießt sich über den jungen Kollegen vom Morddezernat, als der bei ihnen eintrifft.
«Mensch, bist du blöd? Kannst du uns nicht vorher sagen, was hier los ist und wo wir hinmüssen? Glaubst du, wir können das riechen? Und warum gehst du nicht ans Handy?»
«Tausendmal haben wir versucht, dich anzurufen. Aber keine Antwort.»
«Ihr seht doch, was hier los ist, da habe ich das Handy halt überhört», verteidigt sich Thiele.
«Und wir stehen hier wie bestellt und nicht abgeholt. Schwitzen wie die Affen in unseren Anzügen, und alle glotzen uns an. Man kommt sich vor wie ein Wundertier.»
Während des kurzen Weges bis zur Laube des Angelsportvereins hagelt es Beschimpfungen. Thiele ist froh, dass der sich gleich am Anfang und nicht ganz am Ende der Straße befindet.
Auch Lorenz empfängt ihn ungnädig. «Was haben Sie sich dabei gedacht, Thiele?»
«Ist ja gut, Chef. Ich habe mein Fett gerade schon reichlich abbekommen.» Thiele ist zwar kleinlaut, hat aber trotzdem keine Lust, sich weitere Vorwürfe anzuhören.
«Kann man schon was über die Todeszeit sagen?», wendet sich Lorenz nun glücklicherweise von ihm ab und an den diensthabenden Arzt, der den Ermordeten bereits näher in Augenschein genommen hat.
«Sehr lange kann das nicht her sein. Ich vermute mal, dass er vor ein, zwei Stunden umgebracht worden ist. Aber Genaueres folgt natürlich erst nach der Obduktion. Das muss ich Ihnen ja nicht sagen. Ich weiß, Sie brauchen die Ergebnisse so schnell wie möglich. Ja, ich werde mich beeilen. Wie immer», setzt der Mediziner gleich hinzu, als er sieht, dass Lorenz etwas entgegnen will.
Herbert Fehringer, der danebensteht, läuft es in diesem Augenblick eiskalt über den Rücken. Ihm wird erst jetzt bewusst, dass sie die ganze Zeit über vorn in der Laube gesessen, sich unterhalten, gelacht, getrunken und sich amüsiert haben, während in ihrer unmittelbaren Nähe jemand einen Menschen gewaltsam ins Jenseits befördert hat. Kein Wunder, dass ihm das an die Nieren geht, nicht einmal der lebens- und Münstermarkt-erfahrene Würschtle-Herbert ist so abgebrüht.
Die Gedanken von Reinhold Lorenz gehen in die gleiche Richtung.
«Hat keiner von Ihnen etwas mitbekommen? Einen Streit oder Schreie?»
«Was denken Sie, wie laut das hier ist? Da drüben steht das Kinderkarussell mit seinem ständigen Gedudel. Zwischendurch ist die Blaskapelle da gewesen und hat genau vor dem Hoftor ein Ständchen gespielt, und im Hof ist es sowieso laut.»
Diesen Argumenten ist kaum etwas entgegenzusetzen. Selbst hier, hinter der Laube, hört man den Krach von der Straße her.
«Was machen wir denn jetzt, Chef?»
An Thieles Lieblingsfrage hat sich Lorenz schon gewöhnt.
«Wir müssen wohl oder übel zur Familie des Toten beziehungsweise zu seiner Frau gehen und sie vom Tod ihres Mannes unterrichten. Professor Türheim war doch verheiratet – oder?» Er wendet sich wieder an die Umstehenden. Die nicken zwar alle, aber der eine oder andere feixt verstohlen.
«Was gibt’s denn da zu grinsen?», will Lorenz wissen. «Ich finde das überhaupt nicht komisch.»
«Warten Sie erst mal ab, bis Sie die Dame persönlich kennengelernt haben. Dann werden Sie schon sehen», bekommt der Kommissar zu hören.
«Wieso?», will Thiele wissen.
«Warten Sie’s ab. Ich sage nichts weiter dazu.»
Lorenz und Thiele ist klar, dass sie keine näheren Auskünfte bekommen werden. Sie begnügen sich folglich damit, sich den Weg zum Wildenhain erklären zu lassen. Keiner der beiden fühlt sich wohl in seiner Haut. Eine Todesnachricht zu überbringen, zumal die eines ermordeten Ehemannes, ist schließlich alles andere als angenehm. Doch sie erhalten ein unerwartetes Unterstützungsangebot. Würschtle-Herbert bekundet seine Absicht, ihnen beizustehen.
«Ich komme mit. Immerhin habe ich den Toten gefunden. Wenn Sie wollen, kann ich es der Witwe schonend beibringen.»
Dagegen hätte Lorenz zwar rein gar nichts einzuwenden, aber schließlich gehört das Überbringen von Katastrophennachrichten zu den Pflichten eines Kriminalbeamten, der sich für den Bereich Gewaltverbrechen entschieden hat. Und wie soll er das Angebot mit den gewichtigen Begriffen Dienstgeheimnis und Datenschutz unter einen Hut bringen!
«Danke, Herr Fehringer, aber wir schaffen es allein», lehnt er daher schweren Herzens ab.
«Aber drei sind besser als zwei. Ich gehe jedenfalls mit. Gundi, du wartest hier. Trink einen Schnaps. Du siehst immer noch ganz käsig aus.»
Gundi ist von der Aussicht, wer weiß wie lange auf ihren Herbert warten zu müssen, keineswegs erbaut. Außerdem befürchtet sie schon jetzt, und das nicht zu Unrecht, dass er sich nicht damit zufriedengeben wird, nur dieses eine Mal die Polizeibeamten zu begleiten. Er wird sich bestimmt wieder nach Kräften einmischen und versuchen, seine «Bürgerpflicht», wie er es nennt, zu erfüllen. Gundi stöhnt laut – Gründe hat sie genug.
«Ach, Gundi, ich bin sicher bald zurück. Herr Bultmeier, geben Sie meiner Frau einen Schnaps, besser einen doppelten, und passen Sie ein bisschen auf sie auf.»
Das ist Gundi dann doch zu viel.
«Ich kann ganz gut auf mich allein aufpassen. Und Schnaps trinke ich nicht, wie du weißt», fährt sie ihren Herbert an. «Was hast du bei der Frau des Toten verloren? Du bist schließlich nicht bei der Polizei.»
«Schon gut, Gundi. Reg dich nicht auf. Ich bin bald wieder zurück. Du bist noch ganz durcheinander wegen des Ermordeten da. Aber es ist nicht so schlimm. Wir haben ja uns, gell.» Herbert nimmt seine Gundi liebevoll in den Arm und drückt ihr vor allen Leuten einen dicken Kuss auf die Lippen, was ihr inmitten des Menschenauflaufs augenscheinlich unangenehm ist. Allerdings haben ihr Herberts fürsorgliche Worte auch jeglichen Wind aus den Segeln genommen, sodass ihr nichts anderes übrigbleibt, als sich wortlos zu fügen.
«Wissen Sie, Herr Lorenz, ich habe mich vorhin ausführlich mit den Leuten hier unterhalten und weiß ungefähr, wen man was fragen könnte. Also, da ist es einfach besser, wenn ich mitkomme und Ihnen mit ein paar kleinen Informationen helfe. Außerdem – Sie haben es in Badenweiler gesehen –, ich kann halt von Natur aus mit den Leuten besser reden als Sie. Schon deshalb, weil ich neutral bin und nicht von der Polizei. Es ist doch Bürgerpflicht, zu helfen», argumentiert Herbert gegen die geäußerten und noch zu erwartenden Einwände des Kommissars.
Obwohl diese Begründungen allesamt mehr als windig sind, entbehren sie nicht einer gewissen Logik, und sowohl Lorenz und viel mehr noch Thiele wundern sich, wie geschickt Herbert Fehringer es immer wieder versteht, sich unentbehrlich zu machen.
«Dann kommen Sie eben in drei Teufels Namen mit, Herr Fehringer», gibt Lorenz schließlich nach, nicht so sehr, weil er dessen Auslegung des Begriffes Bürgerpflicht teilt, als vielmehr deshalb, weil er froh ist, dass er außer dem jungen Thiele, der noch über wenig Erfahrung mit solch bitteren Erlebnissen verfügt, mit Fehringer einen gestandenen Mann an seiner Seite hat, der einiges an Lebenserfahrung zu bieten hat. Dienstgeheimnis hin oder her.
Bevor sie sich jedoch auf den Weg zum Wildenhain machen, bittet Lorenz einen der Kriminaltechniker, die übrigen Taschen des Sakkos zu kontrollieren, in der Hoffnung, dass er etwas zutage fördert, was sie weiterbringen könnte. Doch außer einem akkurat gebügelten Taschentuch und einem gebrauchten Zahnstocher kommt nichts zum Vorschein. In der Geldbörse befinden sich zweihundertzwanzig Euro in Scheinen und einige Münzen, jedoch keinerlei Kreditkarten oder Ähnliches. Würde es sich um Raubmord handeln, wäre das Geld kaum mehr da. Alles sehr rätselhaft. So bleibt Lorenz nichts anderes übrig, als sich in Bewegung zu setzen, um der Ehefrau mitzuteilen, dass sie nun im Witwenstand ist. Keine angenehme Aufgabe.
Einträchtig und schweigend marschieren die drei Männer kurze Zeit später in Richtung Ölberg. Das Grundstück Am Wildenhain 10, vor dem sie wenig später stehen, ist von der Straße her nicht einsehbar. Eine übermannshohe Thujahecke umgibt es, und der Eingang wird durch ein blickdichtes Metalltor gesichert. Lediglich die Garage unterteilt die Hecke, und weil sie offen steht, können Lorenz, Thiele und Fehringer eine metallicgrüne Jaguar-Limousine und ein silbernes Ferrari-Cabrio bestaunen.
«Arm scheinen die nicht zu sein», stellt Würschtle-Herbert sachlich fest.
«Mensch, gleich zwei super Autos, und unsereiner kann sich mal gerade einen alten Golf leisten», klingt es neidvoll aus Thieles Mund.
Lorenz schaut ihn nachdenklich an. Was, mein lieber Junge, wolltest du denn mit solchen Luxusschlitten anfangen? Die würdest du bei deinen Fahrkünsten glatt an das nächste Mäuerchen donnern. Aber Lorenz will seinen Assistenten schließlich nicht vor Herbert Fehringer bloßstellen. Deshalb behält er seinen Kommentar für sich.
Auf ihr Klingeln meldet sich über die Gegensprechanlage eine energische Frauenstimme: «Ja, bitte?»
«Mein Name ist Lorenz. Wir kommen von der Kriminalpolizei Freiburg. Können wir bitte Frau Türheim sprechen?»
«Frau Professor Türheim», hallt es mit deutlicher Betonung streng und laut zurück. «Kommen Sie herein.»
In diesem Augenblick erst wird Lorenz richtig bewusst, dass es keinerlei Rechtfertigung dafür gibt, Fehringer im Schlepptau zu haben. Als könne dieser Gedanken lesen, tönt es hinter ihm:
«Mich stellen Sie einfach als wichtigen Zeugen vor, Herr Lorenz. Schließlich habe ich den Professor gefunden.»
Na schön, mal sehen, ob es funktioniert. Jetzt ist es sowieso zu spät, Würschtle-Herbert zurückzuschicken, denn das Tor öffnet sich langsam zur Seite hin. Bei dem sich nun darbietenden Anblick bleibt ihnen beinahe die Luft weg. Am Ende des Weges, der durch ein langes, gepflegtes Rasenstück führt, erhebt sich eine wahre Scheußlichkeit von Haus. Allein die grelle hellgelbe Farbe, in der es angestrichen ist, genügt, um ihm gute Chancen in einem Wettbewerb um das hässlichste Gebäude einzuräumen. Der pompöse Eingang lässt durch seine eigenwillige architektonische Gestaltung eine weitreichende Bildung des Baumeisters oder der Besitzer vermuten: Goethes Frage in seinem berühmten Mignon-Gedicht «Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn», in dem das Dach auf Säulen ruht, drängt sich genauso auf wie der Gedanke an den italienischen Baumeister Palladio mit den für ihn typischen monumentalen Eingängen. Dessen Kunst hatte sich dereinst so weit ausgebreitet, dass man allenthalben schwärmte, in seinem Reich ginge die Sonne nicht unter. Angesichts der hier versammelten architektonischen Todsünden allerdings dürfte sie vor Scham gar nicht erst aufgehen: Hypermoderne Glasfenster, die in ihren Maßen und Formen allesamt unterschiedlich sind, durchbrechen das Mauerwerk, darüber bilden die wie angeklebt wirkenden Zuckerbäcker-Schnörkel einen höchst überflüssigen Kontrast. Auf beiden Seiten des Daches erhebt sich als Krönung die riesige Nachbildung einer antiken Figur.
Die drei sind stehen geblieben und starren entgeistert auf diese Meisterleistung des schlechten Geschmacks, die Thiele lakonisch, aber durchaus zutreffend charakterisiert: «Ach du liebe Güte, ein Spukschloss. Wie es wohl drinnen aussieht?»
In diesem Augenblick wird die bogenförmige Eichenholztür geöffnet, in der eine Frauengestalt erscheint, die sich dem äußeren Ambiente anzupassen scheint: üppig mit Schmuck behangen und noch üppiger geschminkt, die füllige Figur in wallende Gewänder gehüllt, die leuchtend hellrot gefärbten Haare mittels Gel zu Stacheln geformt.
«Kommen Sie ruhig näher, meine Herren.» Die resolute Stimme von eben aus der Sprechanlage. Das ist also Frau Türheim.
«Die sieht ja aus wie eine Hexe», raunt Thiele. Lorenz nickt automatisch, denn er denkt im Moment an die Geschichten, die Brigitte früher den Kindern immer von einer kleinen Hexe vorgelesen hat; die hatte aber noch einen Raben auf der Schulter. Wie hieß das Vieh bloß? Ach ja, Abraxas. Der fehlt dieser Erscheinung, die sich da vor ihnen aufgebaut hat, jedoch.
«Kommen Sie. Kommen Sie herein.»
Die Frau klingt mehr als munter, und jetzt müssen sie ihr sagen, dass ihr Mann ermordet worden ist. Lorenz fühlt sich extrem unwohl in seiner Haut.
«Frau Türheim? Ähm, Frau
