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"Volle Pulle für Pullstedt" lautet der Universalslogan des neuen Dienstortes des Kriminalhauptkommissars Marco Schönbohm: Ob Umgehungsstraße oder mangelhafte Bierflaschenbefüllung, der Spruch passt immer. Politischer Druck - oder eine persönliche Angelegenheit, über die keiner spricht - zwingt den humorlosen Großstädter ins Dorf. Ein Toter, ein Kulturschock und viele exzentrische Dorfbewohner, allen voran seine 450-Euro-Schreibkraft, die in der Dienststelle illegal Filme herunterlädt und ein betrunkener Fahrradflüchtiger, der sich als sein Erzfeind entpuppt, warten bereits auf ihn. Glücklicherweise steht ihm sein junger Kollege Lasse Weber zur Seite, denn Hilfe kann der Kommissar nicht nur bei der Eingewöhnung gebrauchen: Ein weiterer Mord, eine auf Sütterlin geschriebene Tagebuchseite und eine phantomhafte Pflegerin stellen den Kommissar vor ein Rätsel. Als dann noch der Fundort des Tagebuchs, der Jännerhof, in Flammen steht, wird klar, dass dort alle Fäden zusammenlaufen. Aber Schönbohm steht vor weiteren Problemen: Nicht nur die Bewohner Pullstedts machen ihm das Leben schwer, sondern auch die kleinwüchsige Staatsanwältin mit dem Vokabular eines Seemanns.
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Seitenzahl: 231
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Nicole Morich, Jahrgang «Ich-habe-das Handy-immer-tonlos«, kennt sich als Rechtsanwaltsfachangestellte und Personalreferentin sowohl mit Verbrechen als auch mit besonderen Persönlichkeiten aus. Auch in ihren Büchern ist jede Figur besonders - manchmal auch besonders anstrengend. Mit viel Humor werden die Helden des Alltags (und auch die Schurken) liebevoll auf die Seiten gebracht, ohne dabei die Spannung zu vernachlässigen. Nicole Morich ist Erziehungsberechtigte eines dreibeinigen Hamsters und wohnt am Rande des niedersächsischen Harzes, unweit des schönen Nationalparks Harz.
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
EPILOG
Ein neuer Anfang, dachte der Mann und sog tief die kühle, ländliche Herbstluft ein. Langsam ging er zu dem gemieteten Umzugswagen und nahm einen Karton von der Ladefläche.
Natürlich war es nicht die Stadt, wer kannte schon Pullstedt? Pullstedt. Er musste im Internet suchen, um zu wissen, wo es sich befand. Sein erstes Suchergebnis war der Slogan »Volle Pulle für Pullstedt«. Stirnrunzelnd erkannte er, dass es sich dabei um einen Universalslogan handelte: Einmal verwendeten ihn die Bewohner von Pullstedt, als sie eine Umgehungsstraße forderten, obwohl es gar keinen Durchgangsverkehr gab. Ein anderes Mal, als ein Micha Lüdermann in der Lokalpresse kundgab, dass die Bierflaschen, die nach Pullstedt ausgeliefert wurden, nicht exakt abgefüllt worden waren. Sie demonstrierten vor dem Rathaus der Gemeinde und der örtlichen Gaststätte und drohten mit Boykott der Biermarke. Schönbohm musste nicht lange überlegen um zu wissen, dass er dort weder arbeiten konnte, noch wollte.
»Es wimmelt dort von neurotischen, exzentrischen Streitsüchtigen! Außerdem gibt es dort kein Dezernat für mich. Ich bin Kriminalhauptkommissar!«
»Herr Schönbohm«, sagte sein Vorgesetzter überheblich lächelnd und faltete die Hände vor sich auf dem Tisch zusammen. »Sie wollten doch immer an die gute, saubere Luft. Ein bisschen ruhiger treten, nicht?«
»Nein!« Marco Schönbohm schüttelte heftig den Kopf. »Nein, das wollte ich nicht.«
»Da ist politischer Druck hinter, mein lieber Schönbohm. Es führt kein Weg daran vorbei. Die Stelle des Dienststellenleiters ist nicht dringend, sondern dringendst ab sofort zu besetzen. Der DSL dort ist im wahrsten Sinne des Wortes tot vom Stuhl gefallen. Jetzt hält ein kleiner PM die Stellung. Der wurde ja gerade erst von der Mutter entwöhnt. Da muss einer hin, der sich auskennt und Führungsqualitäten hat.« Er hob zweimal die buschigen Augenbrauen.
»Der ist doch garantiert vor Langeweile gestorben! Was für ein politischer Druck soll denn bitte dahinterstehen? Es ist ein Ort namens Pullstedt, verdammt nochmal!« Fassungslos und verzweifelt warf er die Hände über den Kopf.
»Sehen Sie zu, dass Sie Land gewinnen, Schönbohm! Gehen Sie zu meiner Sekretärin, wir haben schon verschiedene Wohnmöglichkeiten für Sie herausgesucht. Dann können Sie schneller mit der Arbeit anfangen.« Mit einem Blick gab er ihm zu verstehen, dass das Gespräch beendet war.
Marco Schönbohm bezweifelte den politischen Druck. Denn Pullstedt klang nicht gerade wie ein hochkrimineller Sumpf. Der »politische Druck« war vielmehr etwas Persönliches. Und alles nur, weil Schönbohm einmal einen Fehler begangen hatte.
Aber niemand hatte den Anstand, etwas zu sagen. Und tatsächlich stand auch für seinen Chef etwas auf dem Spiel.
Er will mich mundtot machen, sagte sich Schönbohm mit einem Hauch von Paranoia.
Seine Verlobte, Kala, war zunächst skeptisch. Sie musste ihre Arbeit bei einem Bestatter aufgeben. »Aber gestorben wird ja immer und überall«, hatte sie lachend gesagt und sich sofort auf die Immobilienseiten im Internet gestürzt. Es dauerte nicht lange und sie hatte sich in ein kleines rotes Backsteinhaus verliebt. Ein bisschen runtergekommen, aber mit viel Charme und Potenzial.
Im Dezernat wurde getuschelt, was wohl vorgefallen sein könnte und selbst Kala hatte er nur von dem politischen Druck erzählt. Das klang weitaus besser als die peinliche Wahrheit.
Krachend fiel ihm der Karton aus den Händen als er über einen leicht erhöhten Pflasterstein stolperte.
»Oh nein, das Geschirr«, rief Kala und lief zu Schönbohm, der sich neben den Umzugskarton auf den Boden gekniet hatte.
»Scheiße«, knurrte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
»Hast du dir weh getan?« fragte sie und betrachtete seine Hände.
»Der Karton ist nur eingerissen. Mir ist nichts passiert. Unserem Geschirr allerdings schon.« Er kniff ein Auge zu als die Sonne hinter einer Wolke hervorkam und ihn blendete.
»Können wir helfen?«
Die Beiden drehten sich um. Ein älteres Ehepaar stand ihnen gegenüber.
»Nein, vielen Dank! Unserem Geschirr ist nicht mehr zu helfen«, lachte Schönbohm und versuchte, die peinliche Situation herunterzuspielen.
»Ja, das haben wir gehört. So etwas ist uns damals auch passiert, als wir umgezogen sind. Weißt du noch?« Die alte Dame hatte ihren linken Arm bei ihrem Mann eingehakt und berührte ihn nun mit der rechten Hand am Arm. Ein Lachen überzog ihr Gesicht und sie neigte ihren Kopf in seine Richtung. Der Mann senkte verschämt den Kopf und tätschelte die Hand seiner Frau.
»Aber immerhin konnten wir in den letzten sechzig Jahren neues Geschirr kaufen.« Er machte einen kleinen Schritt vorwärts und streckte die Hand zum Gruß aus.
»Helmut Bendig, diese wunderschöne Person ist meine Frau Ina.«
»Marco Schönbohm, freut mich!« Er griff die ihm angebotene Hand und schüttelte sie vorsichtig als er bemerkte, wie zerbrechlich der Mann war.
»Kala Goraya«, stellte sich die junge Frau vor und streckte ihre Hand ebenfalls aus. Helmut Bendig ergriff die Hand und hielt kurz inne. »Woher kommen Sie, wenn ich fragen darf?«
»Hannover.« Kala zog eine Grimasse.
»Mein Mann hat es nicht so gemeint. Er meinte, die Heimat ihrer Familie und deren Vorfahren. Richtig, Helmut?«
Die junge Frau schüttelte den Kopf. »Kein Problem. Indien. Meine Familie stammt aus Indien.«
»Wir waren nie in Indien.« Der Blick des alten Mannes war sehnsüchtig in die Ferne gerichtet.
»Wir waren noch nie irgendwo. Wir waren immer nur hier in der Gemeinde.«
»Ja, das stimmt. Wegen der Hühner.«
Ina Bendig lachte fröhlich und ein Windhauch ließ den Rock ihres bunt geblümten Kleides um ihre dünnen Beine schwingen.
»Wir haben doch gar keine Hühner. Du kannst es einfach nur nicht ertragen, wenn du nicht mehr die Spitze des Kirchturms siehst.«
Er machte eine verlegene Geste und wechselte das Thema. »Sie ziehen in das Haus vom alten Stemer?«
Kala und Marco sahen sich an. »Tatsächlich wissen wir nicht, wem das Haus vorher gehört hat. Wir haben es über einen Makler gekauft.«
»Diese Makler machen sich hier breit«, Helmut schnaufte verächtlich. »Früher wollten alle in die Stadt, jetzt kommen sie zurück und treiben die Preise in die Höhe.«
Ina stieß ihm den Ellenbogen in die Seite. »Du sollst dich nicht aufregen!«
Als Antwort tätschelte er liebevoll ihre Hand.
Wieder zog Kala eine Grimasse und schob sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. »Wir sind ja offensichtlich auch nicht besser.« Entschuldigend zog sie die Schultern hoch.
»Helmut, du trittst aber auch in jeden Fettnapf, den du erwischen kannst!«
»Na, wen haben wir denn da?«
Das ältere Ehepaar drehte sich um und stand einer korpulenten Dame in blauer Kittelschürze gegenüber. Sie hatte die Arme über der Brust verschränkt und hielt ihre Ellenbogen. Ihr Blick ging an den Anwesenden vorbei und richtete sich abfällig auf das kleine Backsteinhaus.
»Wieso das verkauft wurde, ist mir ein Rätsel. Hätte man doch gleich abreißen können. Bombe rein, fertig. Aber wenn man hier jede Bruchbude abreißen würde...« Sie schnalzte mit der Zunge.
Marco, der hörte, wie Kala tief die Luft einsog, griff nach ihrem Arm.
»Wir sind die Neuen hier. Ich bin Marco Schönbohm, das ist meine Verlobte, Kala Goraya.«
»Berta Rehstock-Rosenstein, angenehm.« Sie nickte mehrfach angedeutet und ihre graue Kurzhaarfrisur wippte auf und ab. Ihr Händedruck war fest. »Haben Sie von dem Maklerbüro Hülsebusch gekauft? Dann machen Sie sich gleich auf Probleme gefasst. Also ich würde mir so was ja nicht gefallen lassen. Wie die mit den Leuten umgehen. Ja, ja, wäre nicht das erste Mal, dass jemand Probleme mit denen hat und wie ich gehört habe, auch bestimmt nicht das letzte Mal.« Demonstrativ drehte sie sich zu den Bendigs um und tippte ungeduldig mit ihrem Fuß auf den Boden. Das alte Ehepaar reagierte nicht, aber Marco bemerkte, wie sich beide versteiften.
»Wollen Sie das Haus so lassen? Finden Sie das so schön?« Wieder sah sie konsequent an allen vorbei.
»Nun, im Garten muss natürlich etwas gemacht werden. Es ist ganz schön zugewuchert. Drinnen renovieren wir.«
»Und haben Sie Arbeit? Was machen Sie?«
»Ich bin Kriminalhauptkommissar.«
»Und Sie?«, fragte die Rehstock-Rosenstein plötzlich übertrieben laut und langsam. »Putzen Sie?«
»Also, Berta, ich bitte dich!« regte sich Helmut Bendig auf und lief vor Empörung rot an. »Die junge Frau ist Hannoveranerin. Wahrscheinlich spricht sie besser Deutsch als du.«
»Und selbst wenn nicht«, mischte sich seine Frau ruhig ein, »dann wäre sie nicht taub. Es gibt keinen Grund so zu schreien, auch wenn du dich selbst gerne reden hörst.«
Berta Rehstock-Rosenstein nickte wieder mit dem Kopf und erinnerte Marco an einen Wackeldackel.
Kala seufzte. Sie war diese Art von Rassismus schon gewöhnt. »Ich bin Bestattungskauffrau.«
Die Frau in ihrer Kittelschürze stieß ein kurzes Lachen aus. »Dann haben sie ja ihre Kundschaft schon kennengelernt.«
Marco und Kala blickten entsetzt.
»Ich bin gespannt, wann diese Yvonne von dem Hülsebusch Maklerbüro wieder auftaucht«, sagte sie beiläufig. »Ich habe die ja neulich Abend bei dem Rönnecke ums Eck gesehen. Und wie nuttig die wieder aussah mit ihrem kleinen Rock. Die verdient sich bestimmt was dazu.«
Helmut wandte sich Marco und Kala zu. »Leider müssen wir uns nun verabschieden. Es war uns eine Freude, Sie kennenzulernen. Wir freuen uns immer über neue freundliche Gesichter in unserer Gemeinde. Wir wohnen nur ein paar Straßen weiter, das letzte Haus zum Wald raus, Sonneneckstraße 7. Kommen Sie doch vorbei. Es würde uns sehr freuen!« Ina lächelte und nickte dem jungen Paar ermutigend zu, dann ergriff sie Kalas Hände.
»Bitte besuchen Sie uns mal. Es wäre sehr schön!«
»Das machen wir sehr gerne«, sagte Kala und erwiderte das Lächeln der älteren Frau.
Marcos Telefon klingelte. Er blickte auf das Display und seufzte. »Die Arbeit.« Er zuckte mit den Schultern, nahm den Anruf mit einem Fingerdruck entgegen, dann verabschiedete er sich mit einem Winken von den Anwesenden und ging in das Haus.
Berta Rehstock-Rosenstein wartete bis die Bendigs ein paar Meter gegangen waren. Verschwörerisch lehnte sie sich nach vorne. »Diese beiden sind auch sehr speziell. Heute so, morgen so. Kommen nicht mehr zum Kartenspielen am Mittwoch. Und haben keinen Grund genannt. Stellen Sie sich das mal vor.«
Kala hatte sich neben den Karton gehockt und blickte auf die Scherben des Geschirrs, dann sah sie auf. »Vielleicht mögen die Bendigs ihre Privatsphäre und schätzen es nicht, wenn man über sie und ihre Gründe hinter ihrem Rücken spricht.«
Frau Rehstock-Rosenstein holte hörbar Luft, schob die Hände in die Taschen ihrer Kittelschürze, machte ein Hohlkreuz und wippte, das Gewicht abwechselnd auf den Fußballen und Ferse verlagert, auf und ab. »Wer sich in so eine Aura des Geheimnisvollen hüllt, muss sich doch gar nicht wundern, wenn die Leute reden, nicht? Wenn die Leute hier ins Spekulieren kommen, dann, na, dann kommen vielleicht komische Sachen dabei heraus.« Sie verlagerte das Gewicht auf ihre Ferse, hielt die Position auffällig lange, wippte dann umso schneller nach vorne und sah grüblerisch in die Ferne. Die traditionellen harzer Fichten und Laubbäume auf den entfernten Hügeln sahen vor dem blauen Himmel aus wie grüne Wellen auf einer Leinwand.
»Dann gibt man wahrscheinlich besser keinen Grund an, um den Spekulationen vorzubeugen.«
»Ach«, verwarf die ältere Dame, »Sie haben ja keine Vorstellung davon, wie viele Tratschmäuler es hier gibt. Schlimm ist das.«
Als Marco aus der Haustür trat, blickte Kala auf. »Tut mir leid, ich muss los.« Er hockte sich zu ihr.
»Kundschaft?«
Er nickte und küsste sie zum Abschied. »Kommst du hier alleine klar? Lass die schweren Kisten im Wagen, ich trage sie später rein, okay?«
Die Rehstock-Rosenstein wurde unruhig. »Etwas Wichtiges? Ein Einbruch? Diebstahl?«
»Nein, Mord.«
Kriminalhauptkommissar Schönbohm parkte sein Fahrzeug auf dem Grundstück eines alten Bauernhofs. Die Herbstsonne ging langsam hinter dem Giebel eines Hauses unter und tauchte die weiß gekalkte Fachwerkfassade in orange-goldenes Licht. Rauch stieg aus den Schornsteinen der Nachbarhäuser.
Drei weitere Fahrzeuge standen bereits auf dem Hof.
Mit langen Schritten kam ein dunkelhaariger Mann in Polizeiuniform auf ihn zu.
»Sorry, dass wir Sie schon heute hergerufen haben. Ich dachte, so sind Sie gleich mit dabei. Ich bin übrigens Lasse. Lasse Weber.«
Die Männer gaben sich die Hände.
»Kein Problem«, erwiderte Marco. »So ist es schon richtig. Dann muss ich mich nicht einlesen. Passt. Was ist das?« Er deutete auf auf zwei weiße Flecke auf der linken Schulter des jungen Mannes. Dieser verdrehte genervt die Augen.
»Das ist Vogelscheiße. Die Zwei haben mich voll erwischt.«
»Gleich zwei?« Schönbohm war ehrlich erstaunt.
Sein Kollege nickte. »Ja, das ist mein Glück. Ich habe es nicht so mit Tieren. Genau genommen, ich liebe Tiere, aber die scheinen mich nicht zu mögen.«
»Ah, okay«, antwortete Schönbohm leicht irritiert und wechselte dann schnell das Thema. »Ist die Leiche noch hier?«
»Ja. Ich habe darauf bestanden, dass nichts verändert wird, bis Sie hier sind. Ein paar Leute sind jetzt ziemlich sauer auf mich, aber ich dachte, mit dem neuen Kollegen will ich es mir nicht sofort verscherzen, also verärgere ich lieber die Alteingesessenen.« Er lachte jungenhaft. »Kommen Sie mit, ich zeige es Ihnen.«
»Was wissen Sie schon?« fragte Marco, der ihm über den Hof folgte. Seitlich schob er sich an der rauen Wand eines Nebengebäudes entlang. »Gut, dass ich Diät gemacht habe.«
»Ja, es gibt noch einen anderen Weg nach hinten. Sonst würden sie die Leiche hier nicht weggeschafft kriegen.«
»Und durch die Haustür, nehme ich mal stark an.«
»Richtig. Aber das ist der kürzeste Weg.«
Marco nickte bedächtig und fand sich dann zwischen alten Bauernapfelbäumen wieder. Er machte eine Himbeerhecke aus, die den Garten abteilte.
»Wir sind gleich da.« Lasse Weber war knapp 1,95m groß und sein Gang war zügig. »Der Tote war der neue Eigentümer des Grundstücks. Die Familie ist bereits informiert. Hier sollten viele Bauarbeiten stattfinden, daher wohnt die Ehefrau noch nicht hier.« Er deutete auf ein weiteres Baugerüst an der Hauswand.
Links von ihnen hatte sich ein großes Beet befunden. Im Schatten des Hauses konnte Schönbohm einen Haufen mit Sträuchern, Unkraut und Pflanzen entdecken. Er kannte sich nicht sonderlich gut mit Blumen aus, er erkannte aber Rosen und das tränende Herz. Der Weg zwischen den beiden Gebäuden war durch jahrelange Benutzung festgelaufen, jetzt im Garten gingen sie auf alten schweren Steinplatten, die vor vielen Jahren einmal verlegt worden waren. Aber die
Platten waren nicht nur als Weg gedacht, sondern die Wege unterteilten den weitläufigen Bauerngarten auch in verschiedene Zonen. Blumen waren durch den Weg getrennt von den Apfelbäumen, die am Rande einer Parzelle mit Kartoffelpflanzen standen. Er konnte einen gepflasterten Platz an der Hintertür ausmachen, wo sich ein Brunnen befand. Von dort ging der Weg in einer kreuzähnlichen Form weiter. Die herausgerissenen Blumen an der Hauswand, an der Terrasse zwei Kirschbäume, direkt daran vorbei ein Weg, zu dessen anderer Seite Beerensträucher standen: Stachelbeeren, Johannisbeeren und ein wenig versetzt kam die Himbeerhecke, dahinter Erdboden und ein kleiner Bagger.
»Bald werden wir hier extra Beleuchtung benötigen.« Schönbohm nickte in Richtung der beleuchteten Terrasse. »Das wird beileibe nicht reichen.«
»Wir haben hier leider nur Taschenlampen. Die Spurensicherung hat ein bisschen größere Lampen. Immerhin.« Weber lachte unsicher.
»Ja, der Tat.« Er seufzte. Just in diesem Moment erhellten sich die Sträucher. Hinter mehreren Stachelbeerbüschen konnte er Beine und Füße sehen.
»Da ist er.« Lasse Weber drehte sich um und strahlte seinen neuen Dienststellenleiter an, als würde er ihm auf einer Messe die neuesten Entwicklungen präsentieren. In Schutzkleidung gehüllte Personen standen um den leblosen Körper herum. Marco Schönbohm begrüßte sie.
»Wurde aber auch Zeit. Können wir dann endlich?« brummte es unter einer Kapuze hervor.
»Wurde aber auch Zeit?« echote Schönbohm. »Ich habe offiziell noch nicht einmal mit der Arbeit begonnen.«
»Und schon zögern Sie unsere Arbeit hinaus.«
Marco stemmte die Hände in die Hüften und drehte sich zu dem Mann um.
»Ihr Name ist?«
»Erler. Karl Erler. Ich bin der Leiter der Spurensicherung.«
»Herr Erler, wissen Sie, ich kann Ihre Arbeit auch noch länger hinauszögern, ohne, dass es Konsequenzen haben wird. Bitte kleiden Sie sich vorschriftsmäßig für Ihre Arbeit. Und damit meine ich einen Schutz, damit keine Haare Ihrer imposanten, wenn auch nicht mehr zeitgemäßen Gesichtsbehaarung diesen Tatort kontaminieren.« Er blickte auf den drahtigen Walrossbart auf der Oberlippe des untersetzten Mannes.
»Ist das jetzt ein Scherz?«
Der Polizist kniff die Augen zusammen. »Sehen Sie mich lachen?«
»Geh, Kalle, hol dir eine Maske, danach fangen wir halt an.« Mit dicken Fingern zwirbelte Karl Erler unbewusst seinen Bart und machte sich auf den Weg zum Auto.
»Wurde etwas verändert?« fragte Schönbohm und blickte sich aufmerksam um.
»Nein, nichts. Ach ja, der Bremer ist schon weg. Hat schnell den Tod festgestellt und ist dann wieder gegangen.« Er hob seine Hand und führte sie mehrfach an den Mund und deutete das Trinken aus einer Flasche an.
Marcos Augenbrauen schnellten nach oben, dann fuhr er sich mit der Hand über die Stirn. Worauf hatte er sich nur eingelassen als er sich versetzen ließ? Hätte er nicht doch mehr dagegen tun können?
»Aber er war lange in keinen Unfall mehr involviert, richtig, Lasse? Ich bin übrigens die SpuSi-Susi«, stellte sich Susanne Becker kichernd vor und legte den Kopf schief. Lasse Weber nickte bestätigend.
»Und«, fügte sie hinzu »Wenn wir davon in der Stadt hören, dann heißt das was.« Das SpuSi-Team lachte.
»Um zu erkennen, dass der tot ist, dafür muss man nicht geradeaus gucken können«, fügte Weber hinzu. »Aber immerhin hat er ihm kein Rezept gegeben.«
Das Team der Spurensicherung verfiel wieder in einen gemeinschaftlichen Gelächterchor.
Schönbohm betrachtete die Umgebung. Teilweise war Baumaterial geliefert worden, neue Fenster, und vereinzelt hatte der neue Eigentümer Pflanzen entfernt, gebaggert und den Boden umgegraben, um große Wurzeln aus der Erde zu entfernen.
»Es ist eine Katastrophe. Was machen Sie denn sonst in dieser Gegend ohne passende Beleuchtung, wenn es dunkel ist und Sie an einem Tatort sind?« Schönbohm wandte sich an Lasse Weber, der nur mit den Schultern zuckte.
»Normalerweise haben wir hier keine Tatorte. Das ist ein Dorf, das ist Pullstedt.«
Das SpuSi-Team nickte kollektiv.
»Können Sie auch ohne den bärtigen Kollegen anfangen?« fragte er nun bissig die Menschen in der Schutzkleidung.
Kommentarlos machten sie sich an die Arbeit und der Blitz von der Kamera erhellte den Garten.
»Wird dann einfach aufgehört zu arbeiten, wenn es dunkel ist, oder wie soll ich das verstehen? Klären Sie mich doch mal auf, Weber. Ich steige da noch nicht ganz durch, wie das hier so ist.«
»Na ja«, sagte er zaghaft, »also, ja. So haben wir das immer gemacht. Läuft ja nix weg und der Tote wird nicht toter oder so, hm?« Entschuldigend verzog er den Mundwinkel und zuckte mit den Schultern.
»Aber Sie haben hier doch Traktoren. Beleuchten wir den Tatort doch damit. Ein Auto kommt hier über diese Buckelpiste jedenfalls nicht.«
Der große Weber ließ entmutigt die Schultern hängen. »Hier werden Sie keinen Traktor finden. Der Hof wurde schon lange nicht mehr landwirtschaftlich genutzt. Wenn Sie hier was finden, dann ist es fraglich, ob es noch funktioniert. Das Zeug hier ist bestimmt schon 50 Jahre alt. Wir sind ja auch kein Dorf per se, wir sind ja eher eine große Kleinstadt«, revidierte er seine vorherige Aussage und fügte hinzu: »Soooo viele Bauern gibt es auch nicht mehr. Ums Eck wohnt der Schorsch Schladerbusch, aber der ist so ein alter Grantler, ich weiß nicht, ob wir den fragen sollten...«
Schönbohm räusperte sich. »Haben Sie etwa Angst, Weber?«
»Nicht direkt, aber...«
»Na, dann kommen Sie, ich will mit diesem Schladerbusch reden! Wo müssen wir lang?«
»Ihren Enthusiasmus hätte ich gerne!« Weber setzte sich träge in Bewegung und schlüpfte durch den schmalen Gang zwischen den beiden Gebäuden. Schönbohm folgte ihm. Die Straßenlaternen waren bereits angegangen und ein Igel wanderte zielstrebig an Ihnen vorbei über den Hof, jedoch nicht ohne vorher einmal PM Weber anzufauchen. Dieser seufzte. »Wir müssen nur hier um die Ecke.« Mit dem Daumen deutete er die Straße hinunter.
Auffordernd sah Schönbohm ihn an als er bemerkte, dass Weber keine Anstalten machte, voran zu gehen. Mit einem Seufzen ging der Hüne los.
»Aber ich habe Sie gewarnt, der Schorsch hat immer eine miese Laune.«
»Wir sind die Polizei, ja?« meinte Schönbohm als wäre es die Antwort für alles.
Sie gingen ein paar Meter. Der gepflasterte Fußweg wurde zu Kies und dann zu einem unkrautbewachsenen Schotter. Sie kamen zu einem kleinen vollgemüllten Bauernhof, dessen Front ein dampfender Misthaufen so hoch wie das Haus zierte. Schönbohms Befürchtung bewahrheitete sich als Weber anhielt.
»Da wären wir.« Er atmete tief ein. »Seien Sie bloß vorsichtig, Cheffe, nicht, dass Sie sich hier vor dem ersten offiziellen Arbeitstag noch alle Knochen brechen oder in die Jauchegrube fallen.«
Schönbohm holte sein Handy aus der Tasche und schaltete die integrierte Taschenlampe an. »Wird schon, Weber, wird schon.« Er sah wie ein einzelnes Huhn vom Misthaufen torkelte und schnurstracks auf Weber zulief, der es mit dem ausgestreckten Bein auf Distanz hielt als wäre es ein bissiger Hund. Schönbohm schüttelte den Kopf und ging voran.
Ein leises »Muh« ertönte und Schönbohm konnte die Kühe im Stall gemütlich kauen hören. Weber, der offensichtlich das Huhn abwehren konnte, eilte voraus und klopfte kräftig gegen die alte Holztür. Durch eines der vorderen Fenster konnte man Licht im hinteren Teil des Hauses sehen.
Die Tür wurde schwungvoll aufgerissen und Schönbohm, der in Gedanken war, merkte, wie sein Herz kurz vor Schreck aussetzte. Im Türrahmen stand ein mittelgroßer Mann mit etwas zu langen Haaren, die einen Schnitt mindestens so nötig hatten, wie der Bart eine Rasur. Das Gesicht war von der Arbeit draußen braun. Die Augenbrauen waren buschig und über der Nase zusammengewachsen. Er trug alte, robuste Arbeitskleidung und sah misstrauisch auf seine Besucher.
»Entschuldige die Störung, Schorsch«, sagte Weber mit dünner Stimme. »Ich bin's, Lasse von der Polizei.«
Stille.
Weber setzte widerwillig neu an. »Der Junge vom Dosenmacher-Weber.«
»Und was willst du?« Die tiefe Stimme klang schroff.
»Das hier ist der neue Dienststellenleiter, KHK Schönbohm. Er hat die Stelle von Chef Henke übernommen.«
»Ja, und?«
Schönbohm machte einen Schritt nach vorne und stand neben Weber und streckte die Hand zum Gruß aus. Schorsch Schladerbusch ignorierte ihn geflissentlich und hielt den Blick auf Lasse Weber gerichtet.
»Wir wollten dich bitten, dass du mal mit deinem Trecker vorbeikommst und ein bisschen Licht machst. Wir haben einen Tatort, aber es ist zu dunkel.« Weber spuckte die Worte hastig aus und trat einen Schritt zurück. Bauer Schladerbusch machte sich in der Tür ein bisschen breiter als er tatsächlich war und man sah ihm an, dass er alles andere als begeistert war.
»Hat euch eigentlich einer ins Gehirn geschissen? Seid ihr noch zu retten? Nix mach ich!« Schladerbusch schlug krachend die Tür zu.
»Ins Gehirn geschissen.« Kala lachte und stellte die angeschlagene Kaffeetasse auf den Tisch. »Auch nicht schlecht.«
Marco kam zu ihr. »Meine Uniform passt nicht mehr.« Er zerrte an dem obersten Knopf des Hemdes.
»Wieso willst du die überhaupt anziehen? Hat dir einer ins Gehirn geschissen?« Wieder lachte sie.
»Ich bin ja nicht mehr bei der Kriminalpolizei. Ich arbeite hier direkt am Menschen, die Uniform hat Erkennungswert.«
»Aber bevor du jemanden mit dem Knopf erschießt, solltest du vielleicht auf die Uniform verzichten. Außerdem bist du Dienststellenleiter und kannst anziehen, was dir gefällt, oder?« Sie strich sich eine dunkle Haarsträhne hinter das linke Ohr und sah ihrem Verlobten dabei zu, wie er das Hemd wieder aufknöpfte. »Ich denke nicht, dass es irgendjemanden hier interessiert, solange du kein Kleid trägst.«
»Du hast wie immer recht.« Er ging wieder hinaus, um sich umzuziehen.
Kala sah sich um und war überhaupt nicht erpicht darauf, die ganzen Umzugskisten alleine auszuräumen. Seufzend griff sie nach ihrem Toast als es an der Tür klingelte. Schnell nahm sie einen Bissen und stand auf, aber sie hörte, dass Marco bereits die Tür geöffnet hatte. Sie konnte die Stimmen nicht zuordnen bis Marco, gefolgt vom Ehepaar Bendig, in der Küche stand. Ihr Verlobter, jetzt in Jeans und mit Pullover, stellte einen Karton auf den Tisch.
»Guten Morgen, meine Liebe!« Ina Bendig lächelte sie freundlich an und Helmut hatte seinen Hut unter den Arm geklemmt.
Ina nahm Marcos Tasse in die Hand. »Das kaputte Geschirr können Sie jetzt für Ihren Polterabend aufheben. Hier ist Neues.«
»Nicht neu«, unterbrach Helmut seine Frau. »Mit Vorbesitzern. Das Motiv ist vielleicht nicht so modern, aber wofür brauchen wir noch diese Menge an Geschirr? Wir sind jetzt 80 Jahre alt, unser altes Geschirr ist genug.«
»Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss zur Arbeit gehen. Ich danke Ihnen vielmals, dass Sie sich die Mühe gemacht haben. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen!«
»Nichts zu danken!« Ina legte ihm die Hand auf den Arm. »Es ist uns eine Freude, wenn wir helfen können.«
Als Marco sich umdrehte, folgte Helmut ihm.
»Haben Sie einen Augenblick?« Der alte Mann sah ihn besorgt an und zog ihn aus der Haustür. »Sie wissen, wie die Leute reden. Muss ich mir Sorgen machen, wenn meine Frau das Haus verlässt?«
Irritiert sah Schönbohm ihn an. Die grauen Augenbrauen standen wirr in alle Richtungen. »Ich verstehe nicht.« Nachdrücklich schüttelte Marco Schönbohm den Kopf und bereute es, den Wollpullover angezogen zu haben, der jetzt an seinem Hals kratzte.
Helmut Bendig blickte verlegen zu Boden, dann über seine Schulter und wieder in Marcos Augen. »Ich spreche von dem Mord.«
»Wer sagt, dass es Mord ist? Es könnte auch ein Unfall gewesen sein, Herr Bendig. Sagen Sie aber nicht, Sie haben das von Frau Rehstock-Rosenstein gehört!«
»Ist es denn ein Unfall gewesen?« Bendig drehte den Hut in seiner Hand. »Das würde mich sehr beruhigen.«
»Tatsächlich kann ich Ihnen das nicht sagen. Ich muss auf die offiziellen Ergebnisse warten. Aber Sie sollten sich keine Sorgen machen.«
»Ich denke, wir sollten uns Sorgen machen.« Lasse Weber legte das Telefon auf.
»Es gibt in diesem Ort nichts, wirklich überhaupt nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste.« Marcos Blick war auf den Monitor des Computers geheftet. Eine Grünlilie auf der Fensterbank ließ traurig die langen Blätter hängen.
»Wir müssen eine Verwarnung aussprechen. Bengt Appelhagen hat gerade beim Bäcker was mitgehen lassen.«
»Wir schreiben einen richtigen Polizeibericht. Haben Sie das nicht gelernt?«
Lasse hatte das Telefon wieder in der Hand. »Ich rufe einfach seinen Vater an.«
»Sie rufen hier niemanden an. Wir machen das vorschriftsmäßig.«
»Das wird den Leuten hier aber nicht gefallen, Chef.« Der junge Mann sah bedrückt aus.
»Das mag sein, Weber, aber als Dienststellenleiter bin ich verantwortlich und muss weiter oben Rede und Antwort stehen. Wie erkläre ich, dass ich keine Berichte schreibe? Weil es schon immer so gemacht wurde?«
Sein Kollege wackelte grübelnd mit dem Kopf. »Na jaaaa«, sagte er gedehnt.
»Weber, bitte!« Schönbohms Stimme klang streng. »Polizeiarbeit ist eben auch Schreibarbeit.« Er blickte an dem Monitor vorbei und sah wie Weber den Telefonhörer wieder auflegte. Eine E-Mail-Benachrichtigung erschien auf dem Monitor. Mit ein paar Klicks öffnete er die Mail und startete den Download für den Anhang.
Weber sah seinen Vorgesetzten aufmerksam, fast erwartungsvoll an. »Was ist?«
»Wir fahren noch einmal zum Tatort!« Schönbohm sprang auf.
»Mit dem Auto oder mit dem Fahrrad?«
So sehr sich Kala auch über den Besuch des Ehepaars Bendig und ihr großzügiges Geschenk gefreut hatte, so froh war sie auch, als sie die Beiden von hinten sah. Ina Bendig hatte trotz ihres Alters eine unglaubliche Energie und Kala musste sie förmlich zurückhalten, nicht alles zu putzen und sämtliche Umzugskartons aus- und die Gegenstände einzuräumen während Helmut Bendig um seine Frau herumsprang als wäre sie ein rohes Ei, das er wie eine Glucke beschützen musste.
