Tödliche Walpurgis - Nicole Morich - E-Book

Tödliche Walpurgis E-Book

Nicole Morich

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Beschreibung

Der Teufel ist los in Pullstedt. Oder eher die Hexen und Harzgeister, denn Pullstedt feiert traditionell das Walpurgisfest. Doch ganz so gut klappt es nicht mit dem Austreiben der bösen Geister, denn genau in der Nacht der Feierlichkeiten wird ein Ehepaar ermordet. Als einziger Zeuge will der selbsternannte Harzschamane Kurt Schnitzelmeier gesehen haben, wie ein dämonischer Harzgeist die Tat begangen hat. Aber gibt es überhaupt dämonische Wesen? Kriminalhauptkommissar Schönbohms Nerven liegen wieder einmal blank, denn auf Lasse Webers kompetente Unterstützung kann er nicht hoffen. Er muss sich mit seinem Schülerpraktikanten Alpha-Kevin und Pfarrer Hauke Haufen zufrieden geben. Und dann stehen sie eines Abends dem Harzgeist gegenüber... Doch da sich Schönbohm in Pullstedt befindet, muss er sich nicht nur mit einem dämonischen Mörder und salbeiräuchernden Harzschamanen beschäftigen, auch fordern ein vermeintlich besessenes Toilettenhäuschen und die ominöse Mülltonnenbande seine Aufmerksamkeit. Und natürlich gibt es noch Micha Lüdermann, der wie immer alkoholisiert sein Unwesen treibt.

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Seitenzahl: 363

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über die Autorin

Nicole Morich, Jahrgang “Ich-habe-das Handy-immer-tonlos“, hat eine Schwäche für spezielle Persönlichkeiten: In ihren Büchern ist jede Figur besonders - manchmal auch besonders anstrengend.

Mit viel Humor werden die Helden des Alltags (und auch die Schurken) liebevoll auf die Seiten gebracht, ohne dabei die Spannung zu vernachlässigen.

Nicole Morich ist Erziehungsberechtigte eines dreibeinigen Hamsters und wohnt am Rande des niedersächsischen Harzes, unweit des schönen Nationalparks Harz.

Kriminalhauptkommissar Schönbohm erlebte im Jahr 2021 seinen ersten »Mord im Ort«. »Mord im Ort – Volle Pulle für Pullstedt« erschien als eBook und Printversion bei BoD – Books on Demand, Norderstedt.

Inhaltsverzeichnis

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

EPILOG

EINS

»Okay«, sagte Kriminalhauptkommissar Marco Schönbohm geduldig und setzte sich schwer seufzend auf seinen Schreibtischstuhl in der kleinen Polizeidienststelle Pullstedt. »Könnten Sie sich vorstellen, hier zu arbeiten?«

»Aber ich bin doch schon hier angestellt«, seine 450-Euro-Schreibkraft Barbara Rautmann sah ihn verständnislos an und fuhr sich mit der Hand durch die kurze Dauerwelle.

»Ja, angestellt, aber können Sie sich auch vorstellen, einmal hier zu arbeiten? Sie laden doch die ganze Zeit nur illegal Filme aus dem Internet runter und essen Schlagsahne!«

»Ist doch gar nicht wahr«, brummte die korpulente Frau in Leopardenleggins und flatternder Bluse.

»Was stimmt denn bitte nicht daran?« Auffordernd sah Schönbohm die Frau an und drehte sich dann zu seinem Kollegen um, der ebenfalls gespannt zur Rautmann blickte. Polizeimeister Lasse Weber blinzelte sie neugierig und erwartungsvoll an.

»Ich lade nicht ständig Filme runter!« Ihre Stimme klang aufmüpfig und trotzig. »Manchmal auch Musik!«

Weber gab ein jungenhaftes Lachen von sich und schlug schnell eine große Hand vor den Mund und eine blonde Haarsträhne fiel ihm in die Stirn.

Schönbohm seufzte noch einmal sorgenvoll und schüttelte resignierend den Kopf.

»Uuuuund«, sagte sie gedehnt mit erhobenem Zeigefinger, »ich bringe oft Essen von Burak mit und Sie haben mir eine neue Mikrowelle zu verdanken!«

»Für das Protokoll, Frau Rautmann: Die ganzen Börek von Buraks Börekbude haben Sie alle ergaunert, weil Sie gesagt haben, die wären schlecht. Und die Mikrowelle haben Sie geklaut. Vom Pfarrer!«

»Aber für Sie.« Mit Hundeblick sah sie in die blassen Augen des Kommissars.

»Habe ich darum gebeten? Habe ich darum gebeten, Weber?« Wieder wandte sich der Dienststellenleiter hilfesuchend an seinen jungen Kollegen. Seine Atmung ging schneller und er fürchtete, dass er eines Tages vor Aufregung einen Herzinfarkt erleiden würde.

Der junge Polizist schüttelte den Kopf und hatte Mühe, das Lachen zu unterdrücken. Sein neuer Chef hatte keine Ahnung vom Dorfleben oder von Dorfmenschen oder vom Dorf oder von zwischenmenschlichen Beziehungen, was immer wieder für ungewollte Komik sorgte. Weber wusste, dass Schönbohm lieber wieder den Dienst in Hannover antreten würde, aber nun war er hier. In Pullstedt. Im Harz.

Nach der letzten Bürgermeisterwahl – Bürgermeister Sonnemann wurde wiedergewählt – wurde das Pullstedter Wappen modernisiert. Ein kleines Niedersachsenpferd und dahinter ragte eine große Flasche hervor. Darunter das Motto »Volle Pulle für Pullstedt« in Anlehnung an die große Pullstedter Flaschenrevolte wegen angeblich falsch befüllter Bierflaschen, angezettelt von Michael Lüdermann. Darunter die, wie Weber immer wieder verlegen anmerkte, nicht ganz korrekte Übersetzung in Latein:

Plenus suffocare pro Pullstedt.

Immerhin konnte sich Schönbohm eigentlich glücklich schätzen, dass dieses Wappen mit einer Stimme Mehrheit gewählt wurde und nicht der Vorschlag seines Erzfeindes Lüdermann. Wäre es nach ihm gegangen wäre das Niedersachsenross auf einer umgedrehten Bierflasche geritten wie auf einer Rakete, angetrieben von der Kraft des heraussprudelnden Bieres. Und trotzdem war Schönbohm ganz besonders unleidlich seit dieses neue Wappen in der Dienststelle Pullstedt angebracht worden war. Warum sich sein Chef nicht integrieren konnte oder wollte, war für Lasse Weber ein Rätsel.

Fakt und des Rätsels Lösung war, dass Schönbohm kein Dorfmensch war und auch nicht freiwillig nach Pullstedt kam. Strafversetzung. Denn ungestraft schießt man auch in der Großstadt seinen Vorgesetzten nicht an, auch nicht, wenn man denkt, er würde die Sekretärin ermorden, statt außerehelichen Aktivitäten nachzugehen.

Und nun saß Kriminalhauptkommissar Marco Schönbohm in Pullstedt und bildete sich ein, er könne fühlen, wie seine Knochen vor Langeweile in dieser beruflichen Sackgasse verfaulten. Er konnte sich weder für die naturbelassene Landschaft noch für die eigenbrötlerischen Menschen erwärmen und wurde nicht müde zu betonen, wie sehr er die Zeit vermisste, als es nur einen Trottel pro Dorf gegeben haben soll.

»Ich weiß, ich soll es eigentlich gleich in den Aktenvernichter werfen, aber Frau Krekel hat die freiwillige Feuerwehr angezeigt, weil die Sirene des Feuerwehrautos ihrer Meinung nach die zulässigen Dezibel überschritten hat.« Barbara Rautmann sah Schönbohm groß an und wartete auf eine andere Reaktion als das bereits automatisch erfolgte Verdrehen der Augen. Zu seinem Glück klingelte das Telefon auf seinem Schreibtisch. Er atmete tief ein und blickte auf die Uhr.

»Natürlich. Kurz vor Feierabend.« Er schüttelte den Kopf, zog enttäuscht den linken Mundwinkel runter und drückte den Rücken durch. Lasse Weber warf ihm einen geknickten Blick zu.

»Sie sind verbunden mit der Polizeidienststelle Pullstedt. Kriminalhauptkommissar Schönbohm hier«, murmelte er unzufrieden ins Telefon, nachdem Barbara Rautmann keine Anstalten gemacht hatte, den Anruf entgegenzunehmen.

Eine männliche Stimme krähte in sein Ohr: »Hier läuft ein Betrunkener über die Autobahn.«

Schönbohm zog erneut die Mundwinkel nach unten und die Augenbrauen nach oben, während er den Lautsprecher betätigte.

»Pullstedt hat keine Autobahn. Sind Sie sicher, dass Sie die Autobahn meinen oder haben Sie eine falsche Nummer gewählt?«

Der Mann am Telefon hustete. »Ja, nee, keine Autobahn, das ist die Bundesstraße aus Pullstedt raus. Da ist ein Betrunkener. Das ist doch gefährlich.«

Barbara Rautmann erkannte sofort die Stimme, die aus dem Lautsprecher plärrte und verdrehe die Augen.

»Wo genau befindet sich die Person? Können Sie mir die genaue Position nennen?« Schönbohm griff nach einem Kugelschreiber.

»Ja, woooo, äh…« Der Anrufer hustete nachdenklich ins Telefon. »Na, ich sitze hier auf der Leitplanke direkt hinterm Ortsschild.«

»Lüdi«, rief die Rautmann laut genug, dass er es auch ohne Telefon hätte hören können, »ich werde das deiner Mutter erzählen!«

»Müssen wir da hin?« Webers Tonfall war quengelig und er blickte unruhig auf seine Armbanduhr.

»Weber, wir sind die Polizei. Leider müssen wir auch solche Sachen machen.«

»Aber das ist eine Landstraße, nicht mal eine Bundesstraße. Da laufen doch oft Betrunkene herum.«

»Und der Lüdi macht das doch schon über zwanzig Jahre«, gab Barbara Rautmann zu bedenken und drehte sich auf dem Schreibtischstuhl hin und her.

»Ich kann euch hören«, plärrte die Stimme von Micha Lüdermann aus dem Telefonhörer.

Erschrocken ließ Schönbohm den Hörer fallen und stellte dann fest, dass der Anruf nicht nur unterbrochen worden war, sondern der alte Plastikhörer in mehrere Teile zersprungen war.

»Das habe ich jetzt natürlich nicht gewollt.«

»Das Gefühl kenne ich«, sagte die Rautmann und sah den Kriminalhauptkommissar eindringlich an.

»Wissen Sie was?!«, wisperte die 450-Euro-Schreibkraft und lehnte sich vertrauensvoll in seine Richtung. »Ich hatte mal Blähungen. Und ich konnte das nicht mehr unterdrücken. Mir hat es schon die Eingeweide zerrissen, ja? Und da denke ich mir, Barbara, denke ich, überdecke den Furz doch einfach mit einem anderen lauten Geräusch.« Sie zwinkerte ihm verschwörerisch mit dem linken Auge zu. Schönbohm seufzte gequält.

»Und dann knalle ich schwungvoll die Tür zu. Alle gucken mich an. Und dann habe ich gefurzt.« Mit großen Augen und hochgezogenen Augenbrauen sah sie ihn intensiv an, dann legte sie den Kopf schief und wartete auf eine Reaktion.

»Das war gestern.« Schönbohm massierte seine Nasenwurzel, seine Stimme klang angestrengt.

»Nicht nur gestern, glauben Sie mir.« Sie zuckte die Schultern.

»Vielleicht müssen Sie Ihre Taktik überdenken, Rauti«, lachte Weber. »Cheffe«, wandte er sich dann wieder weinerlich an Schönbohm. »Können wir es kurz machen mit dem Lüdermann? Ich muss noch ein bisschen was erledigen. Meine Oma hat doch morgen ihr Jubiläum, dass sie noch nicht tot ist.«

Marco Schönbohm, der in den Tiefen eines Schrankes nach einem Ersatztelefon suchte, blickte auf und sah Weber irritiert an. »Quasi ihr Geburtstag? Meinen Sie das?« Er legte ein Faxgerät auf dem Tisch ab.

»Nein, Jubiläum, dass sie noch nicht tot ist«, erwiderte der junge Polizist trocken. »Geburtstag hat sie erst im Sommer.«

»Ooookaaaaaay«, sagte Schönbohm gedehnt. »Und wie alt ist Ihre Oma?«

»Anfang ranzig«, kam es von der Rautmann, die gerade einen USB-Stick in den Computer schob und die illegal heruntergeladenen Dateien verschob.

Lasse Weber sah empört aus. »Also Frau Rautmann…«

»Ist ja gut, es tut mir leid.« Sie drehte sich zu Schönbohm um und flüsterte beinahe tonlos: »Hundertfünfundzwanzig.«

Schönbohm hüstelte und wischte den Staub von einem alten Telefon. »Für ein paar Tage wird das wohl reichen.«

»Wissen Sie, Frau Rautmann, meine Oma sagt immer, wenn man keine Ahnung hat, dann macht man es wie ein Nichtschwimmer und hält den Rand.« Er starrte finster auf ihren dauergewellten Hinterkopf.

Barbara Rautmann war unbeeindruckt. »Ach ja, die Oma war ja Bademeisterin.« Sie nickte lächelnd, während sie scheinbar in Erinnerungen schwelgte. »Sie kann auf eine chlorreiche Zeit zurückblicken.«

Schönbohm stöhnte gequält. »Frau Rautmann, bitte, morgen möchte ich an Ihrem Schreibtisch eine Mitarbeiterin sitzen haben, die nett zu allen Anwesenden ist und keine schlechten Wortspiele macht. Okay?«

Die mollige Frau legte die Stirn in Falten und zog eine Schnute. »Und wo soll ich dann sitzen?«

»Wenn es so weiter geht, dann vor der Tür. Machen Sie hier bitte hinter sich zu, wenn Sie gehen. Wir kümmern uns um den Lüdermann.«

Die Pullstedter Polizeibeamten waren innerhalb weniger Minuten mit ihren alten Dienstfahrrädern am Ortsausgang. Schönbohms Rad quietschte mehr denn je.

»Gut, dass wir uns nicht anschleichen müssen«, bemerkte Weber spitz und Schönbohm schnaufte.

»Weber, wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass man sich mit einem Fahrrad nicht anschleicht?!«

»Wo ist der Lüdermann denn?«, fragte Weber und ignorierte Schönbohms Genörgel. »Also an der Leitplanke ist er nicht. Vielleicht ist er in den Graben gefallen?«

Noch bevor der Dienststellenleiter wieder seufzen und die Augen verdrehen konnte, sah er etwas aus dem Augenwinkel und dann hörte er es auch:

Micha Lüdermann versuchte, eine Straßenlaterne auszutreten.

»Oh Mann, Lüdi«, seufzte Weber vorwurfsvoll und zugleich amüsiert. »Jedes Frühjahr und jeden Herbst dasselbe mit dir.«

»Im Sommer macht er das nicht?« Schönbohm zog die linke Augenbraue skeptisch hoch.

»Nee.« Weber schüttelte den Kopf. »Wenn es im Sommer dunkel genug ist, dass die Laternen angehen, dann ist Lüdi schon hackedicht und kann nicht mehr alleine raus.«

Sie wendeten mit ihren Rädern und fuhren einige Meter zurück in die kleine Gasse.

»Herr Lüdermann, das ist Sachbeschädigung.«

»Na, na, na«, lallte er betrunken-fröhlich. »Noch ist es ja nicht kaputt, oder?«

Weber betrachtete die Straßenlaterne und nickte zustimmend, während er vom Rad stieg.

Schönbohm stellte ebenfalls das Rad ab und klappte den Fahrradständer herunter, der jedoch sofort wieder einklappte. Das Rad landete scheppernd auf der Straße.

»Das ist auch Sachbeschädigung. Sie ruinieren hier meine Steuergelder!« Lüdermann streckte den Rücken durch und in seinen kurzen Hosen, die er zu jeder Jahreszeit zu tragen schien, sowie dem etwas zu großen Strickpullover, wirkte er wie ein kleiner Junge. Er trat noch einmal gegen die Laterne, erstarrte und kippte steif nach hinten. Geistesgegenwärtig griff Weber nach ihm und konnte verhindern, dass der Mann stürzte.

»Wenn Sie hier betrunken randalieren…«, begann Schönbohm oberlehrerhaft und der Schreck stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Lüdermann, weiterhin mit mehr Glück als Verstand gesegnet, äffte ihn nach: »Wenn Sie hier betrunken randalieren und Staatseigentum beschädigen, dann nehme ich Sie mit in die Ausnüchterungszelle!« Er warf sich stolz in die Brust und zwinkerte im Zeitlupentempo. Schönbohm verzog das Gesicht und sah Weber ungläubig an.

»Ich nehme Sie jetzt mit, Freundchen!«, rief Micha Lüdermann, stieß sich von der kleinen Mauer ab, auf die Weber ihn gesetzt hatte und machte einen wackeligen Schritt auf Schönbohm zu. »Wo sind denn meine Handschellen?«

Weber zeigte einen Vogel. »Hält sich jetzt auch noch für einen Polizisten.«

Schönbohm sah ratlos aus. »Machen Sie es nicht noch schlimmer, Lüdermann.«

»Wollen Sie mir drohen? Bedrohung eines Staatsangehörigen, nee, eines Staatsbedienten«, lallte Lüdermann, der im nicht alkoholisierten Zustand Rettungswagen ohne Führerschein fuhr.

»Staatsbediensteter. Wenn schon, denn schon«, murmelte Weber und stemmte die Hände in die Hüften.

»Werden Sie nicht frech, sonst buchte ich Sie ein!«

Lüdermanns warmer, alkoholisierter Atem stieg in Webers Nase, woraufhin dieser einen zaghaften Schritt zurück machte.

»Wo waren Sie letzte Nacht?«, fragte Lüdermann aggressiv.

»Mein Gott, Lüdi, bei deiner Mutter!« Weber verdrehte genervt die Augen. »Ich muss bald los. Komm in die Pötte.«

»Wir spielen hier nicht Polizei, Lüdermann.« Schönbohm rollte die Ärmel seines Pullovers hoch.

»Wo dann, wenn nicht hier? Im Büro? Außerdem: Ich stelle hier die Fragen!«, brüllte er. »Kapiert?«

Ein Fenster hinter ihnen kippte auf. »Halt die Schnauze, Mann!«

Geräuschvoll knallte das Fenster zu.

»Sachbeschädigung, Ruhestörung«, zählte Marco Schönbohm auf und bevor er gucken konnte, lief Lüdermann wie von der Tarantel gestochen von dannen.

»Hinterher«, johlte Weber, der für Schönbohms Geschmack mit einem Mal unangebracht viel Gefallen an der Situation zeigte. »Eine Verfolgungsjagd mit Fahrrad!«

»Hier sind doch alle bescheuert«, murmelte der Dienststellenleiter Pullstedts während er sein Dienstrad vom Bordstein hob und sich dann in die Pedale schwang. Es knirschte hässlich, als der Fahrradständer herunterklappte und über den Asphalt schliff.

»Warum verfolgt ihr mich?«, brüllte Lüdermann nun panisch mit einem Blick nach hinten.

»Warum läufst du weg, Lüdi?« Weber hatte aufgeholt und war ihm dicht auf den Fersen, bis sie zu einer verkehrsberuhigenden Insel kamen, welche von Anwohnern liebevoll mit Frühjahrsblühern bepflanzt worden war. In der Mitte thronte ein staksiger, trockener Rosenbusch.

Schönbohm fragte sich schon gar nicht mehr, warum es überhaupt verkehrsberuhigende Maßnahmen in Pullstedt gab.

»Polizeigewalt«, brüllte Lüdermann und warf sich in die Mitte der Verkehrsinsel und nutzte den Schutz, den der Rosenbusch von der einen Seite bot. Schönbohm, der nach Weber angekommen war und sein Rad wieder hatte fallen lassen, blickte sich nervös um, ob er Gesichter an den Fenstern der umliegenden Häuser sehen konnte.

»Weber, Herr Lüdermann lässt sich nicht mehr einordnen.« Damit meinte Schönbohm im besten Lehrertonfall, dass es nicht mehr möglich war, Micha Lüdermann nach Hause zu schicken. »Er ist eine Gefahr für sich und andere.«

»Also ins Gästezimmer?« Weber griff zu den Handfesseln und Schönbohm nickte zustimmend.

»Eigentlich müssten wir ihn auch zapfen.«

»Ich nehme ein Weizen«, meldete sich Lüdermann wieder zu Wort, dem in seinem Zustand gar nicht bewusst war, dass sie über eine Blutentnahme zur Feststellung der Blutalkoholkonzentration sprachen.

»Das dauert doch wieder so lange mit Dr. Bremer«, jammerte Weber.

»Mädels, ich blase nicht«, lallte Lüdermann, dem es langsam dämmerte, dass es wohl um seinen Promillewert gehen könnte. »Ich habe nur ein Bierchen getrunken, bin homophil, Friedenskämpfer und Feminist und so. Keine Diskriminierung mit mir! Dafür dürft ihr mich nicht einsperren.« Seine Augen weiteten sich, als Weber mit den Handfesseln auf ihn zu kam. »Eine wunderbare Wendung ist, dass ich zufällig auf Fesselspiele stehe. Mein Safe Word ist Hackfleischklöpschen. Auuuuuuu«, jammerte er dann, als sich die Handschellen schlossen. »Was ist mein Safe Word? Habt ihr zugehört?«

Schönbohm beschloss, Lüdermann einfach zu ignorieren und drehte sich mit dem Rücken zu ihm und deutete Weber, ihn ebenfalls zu ignorieren. »Ich habe keine Ahnung, was heute mit dem Mann los ist, aber er ist schlimmer denn je. Er darf nicht in diesem Verhalten bestätigt werden.«

Lüdermann rumorte in den Frühjahrsblühern. »Können wir Hübschen hinterher wenigstens zusammen was essen gehen?«

»Wir bringen ihn zusammen zur Dienststelle, ich rufe jetzt den Bremer an und Sie können dann die Erledigungen machen, okay?«

»Das klingt nach einem Plan, Cheffe!« Weber strahlte. »Es soll so richtig schön werden für Oma. Vielleicht ist es ihr letztes Jubiläum. Man weiß es ja nicht.«

Marco Schönbohm nickte halbwegs verständnisvoll, kramte sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und scrollte im Telefonbuch nach der Nummer von Dr. Bremer. Er blickte zu Weber. »Ich hoffe, der Besoffski schafft den Weg zu Fuß, denn auf dem Gepäckträger nehme ich ihn nicht mit.«

»Das hält Ihre alte Tretgurke auch nicht aus.«

Schönbohm hielt inne und lauschte dem Signal im Telefon. »Dr. Bremer, Schönbohm hier. Hauptkommissar Schönbohm. Sie machen ja offiziell die Feststellung der Blutalkoholkonzentration, wenn ich richtig informiert bin. Wird sicher lange her gewesen sein, aber jetzt wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie gleich zur Dienststelle kommen könnten. Genau, der Lüdermann. Danke, bis gleich.« Er nickte und erstarrte. »Es ist so still.«

Die Polizisten drehten sich um. Micha Lüdermann war verschwunden.

»Scheiße« flüsterten Schönbohm und Weber zeitgleich. Sie sahen einander irritiert an.

»Der muss doch hier irgendwo sein. Der kann doch nicht so schnell torkeln!« Kriminalhauptkommissar Schönbohm klang verärgert.

»Aber Cheffe, der Lüdi hat doch langes Training hinter sich. Der kann.«

»Weber, ich sage Ihnen, der muss hier irgendwo sein!« Schönbohm reckte den Hals, als wäre er dadurch in der Lage, den Flüchtigen besser zu orten.

Lasse Weber hingegen legte die Hände wie einen Trichter um den Mund und rief in gemäßigter Lautstärke nach Lüdermann. Er machte ein paar Schritte rückwärts und rief erneut. Schönbohm schlich währenddessen zu einer Hecke, hinter der er Lüdermann vermutete, hielt jedoch inne, als er einen Schmerzensschrei Webers hörte. Der junge Mann lag zusammengekrümmt am Boden.

»Ich habe mir das Bein gebrochen, weil Sie Ihr Fahrrad nicht vernünftig hinstellen können«, jammerte er und im Licht der Straßenlampe sah Schönbohm, dass ihm Rotz aus der Nase lief und seine Augen feucht waren.

»Da guckt ein Knochen raus«, flennte Weber und seine Wangen wurden rot. Neben ihm auf dem Boden lag Schönbohms Dienstrad und einer der Reifen drehte sich.

»Seien Sie nicht so dramatisch, Weber, sieht doch alles ganz gut aus.« Besorgt hatte der Kriminalhauptkommissar die Stirn gerunzelt. »Aber ich rufe trotzdem den Notarzt.«

Weber zog geräuschvoll die Nase hoch. »Das einzige Gute ist, dass der Lüdi mich nicht mit dem Krankenwagen abholt.«

ZWEI

»Wo kommen Sie denn her?«, brummte Kriminalhauptkommissar Marco Schönbohm am nächsten Tag als Dr. Bremer in der Dienststelle erschien.

»Ich? Ich komme aus meiner Mutter.«

Barbara Rautmann, die gerade die gesamte The Fast and the Furios Filmreihe illegal herunterlud, würgte theatralisch.

»Ich meinte das nicht biologisch, sondern geographisch.« Schönbohm hatte das Gesicht humorlos verzogen und warf einen traurigen Blick auf den freien Schreibtisch von Weber.

»Geographisch wäre die Antwort identisch, wenn man es genau nimmt. Nur weil meine Mutter keine eigene Postleitzahl hatte, heißt es nicht, dass sie kein Aufenthaltsort war. Aber um die Frage in Ihrem Sinne zu beantworten: Sie hatten mich doch angerufen, dass ich wegen einer Blutabnahme erscheinen soll.« Dr. Bremer zwirbelte die Enden seines mächtigen grau-gelben Schnauzbartes.

Schönbohm atmete tief ein und ließ sich in die Rückenlehne seines Schreibtischstuhls fallen. »Ich habe Sie gestern Abend angerufen. Sie sollten gestern Blut abnehmen. Gestern. Heute wäre der Mensch ja schon wieder ausgenüchtert.« Vorwurfsvoll sah er den Arzt an.

»Na ja, dafür habe ich im Krankenhaus Ihrem Kollegen das Sprunggelenk gerichtet.« Der Doktor warf sich stolz in die Brust.

»Ich hoffe, das haben Sie nicht, wenn Sie das genauso schlecht machen wie die Blutabnahmen.«

»Oder alles Andere«, flüsterte Barbara Rautmann und erntete einen verletzten Blick des Dorfarztes.

»Okay, habe ich nicht.« Trotzig steckte er die Hände in die Taschen seines Arztkittels, den er trug. Abgesehen von dem Kittel trug Dr. Bremer nur noch Strümpfe sowie ein Paar braune Sandalen mit Klettverschluss. Bei jeder Begegnung zwang sich Schönbohm, nicht auf die krampfadrigen O-Beine des Arztes und Vorsitzenden des Pullstedter FKK-Clubs zu starren. Er stand auf und öffnete das Fenster hinter sich. Angenehm kühle Luft kam Schönbohm entgegen und er hörte das Gezwitscher der Vögel, das dann von einem vorbeifahrenden Traktor unterbrochen wurde. Seufzend setzte er sich wieder.

»Aber wird das jetzt immer so sein, Dr. Bremer? Dass sich die Polizei nicht auf Sie verlassen kann?«

»Na ja«, fing der Arzt an und stemmte die Hände erst in die Hüften und verschränkte sie dann vor der Brust. »Es kommt darauf an, ob Sie mich immer gerade dann anrufen werden, wenn ich keine Zeit habe.«

»Sie haben sich doch für diese Art von Bereitschaftsdienst freiwillig gemeldet.« Schönbohm lehnte sich zurück und verschränkte ebenfalls die Arme vor der Brust.

»Jaaahaaaaa«, sagte Bremer gedehnt, »aber das war, als mich niemand angerufen hat und gestern stand auch noch dieser Türke bei mir in der Praxis und wollte bei mir arbeiten. Der akzeptiert keine Absage. Ich suche doch gar keinen Kollegen, ich brauche auch keinen.«

»Welcher Türke?« Neugierig setzte sich Schönbohm auf. Er selbst kannte in Pullstedt nur Burak, den Inhaber von Buraks Börekbude, mit dem er und Weber zusammen in der Kneipe Dart spielten.

»Dieser, äh, Türk, äh, Türkolomu, ich weiß nicht, wie er heißt.«

»Türkoglu«, rief die Rautmann und klickte zwei Mal mit der Computermaus. »Dr. Ali Türkoglu. Der ist total nett und komplement.«

»Kompetent, das heißt kompetent, Frau Rautmann«, korrigierte Schönbohm sie mit leichtem Kopfschütteln, doch sie ignorierte ihn.

Dr. Bremer starrte verletzt und empört zugleich auf den Hinterkopf der Rautmann, die nicht aufhören konnte: »Nicht, dass Sie nicht, äh, sowas wie nett wären.«

»Der hat hier doch gar keine Zulassung! Und er ist vielleicht kompetenter als ich, aber bestimmt nicht penibler! Ich bin ja schon zwanghaft! Ich führe über alles Buch! Alles!«

»Soll das jetzt gut sein?« Die Rautmann und Schönbohm wechselten einen besorgten Blick, während Dr. Bremer mit hochrotem Kopf Richtung Ausgang marschierte. Er reckte die Faust in die Luft. »Ich werde, ich werde…«

»Ich erinnere Sie hiermit daran, dass Sie sich in einer Polizeidienststelle befinden. Achten Sie auf Ihre Wortwahl.«

»Ich werde das so nicht hinnehmen!« Eine dicke Ader kam auf der Stirn des älteren Mannes zum Vorschein und er starrte die Anwesenden aus wässrig blassblauen Augen an.

Schönbohm stand langsam auf und ging auf ihn zu. »Dass jemand nett und kompetent ist, können Sie niemandem verbieten. Das müssen Sie leider so hinnehmen.«

»Woher«, brüllte der Bremer und machte einen Satz auf die Rautmann zu. »Woher wissen Sie, wie kompetent er ist?«

Daher wehte der Wind also, dachte Schönbohm und blickte wie beim Tennis von der Rautmann zum Arzt und wieder zurück.

»Haben Sie sich etwa illegalerweise von dem behandeln lassen?«

Barbara Rautmann drehte sich mit dem Schreibtischstuhl um und ihre Augen verengten sich. »Ich habe ja den direkten Vergleich. Als ich das letzte Mal bei Ihnen in der Sprechstunde war, haben Sie gesagt, meine Kopfschmerzen kämen daher, dass ich zu dick sei. Als ich meinte, ich hätte gerne eine zweite Meinung, sagten Sie, dass ich auch noch hässlich wäre.«

Dr. Bremer wandte sich verständnislos an Schönbohm: »Ich habe das mit der zweiten Meinung eben missverstanden. Kommt doch mal vor.«

»Und der Oma von unserem Lasse haben Sie ein Rezept für Kuchen ausgestellt und mit Dr. Oetker unterschrieben. Die Frau hat Diabetes!«

»In Maßen darf sie alles«, rechtfertigte sich der Arzt mit beleidigtem Tonfall. »Und Lachen ist die beste Medizin. Hat hier denn keiner mehr Humor?«

»Dr. Oetker«, echote Schönbohm. »Also Dr. Bremer, ich muss Sie schon sehr bitten.«

Marco Schönbohm hatte sich an diesem Morgen vorgenommen, er würde motiviert sein. Er hatte sich vorgenommen, gute Laune zu haben. Er hatte sich vorgenommen, Pullstedt eine Chance zu geben. Doch dann betrat er die Dienststelle, seine Dienststelle immerhin, und er wollte wieder zurück nach Hannover. Und am schlimmsten war es, dass Lasse Weber mit gebrochenem Knöchel im Krankenhaus lag und nach der OP einige Zeit ausfallen würde. Er schloss für einen Moment die Augen und versuchte, das Gezeter seiner Schreibkraft und des Dorfarztes auszublenden. Als es erschreckend ruhig geworden war, öffnete er die Augen.

»Was war denn das für eine Aktion?«, raunte die Rautmann ihn schlecht gelaunt an. »Jetzt ist der Quacksalber schon abgehauen.«

»Ich musste mein inneres Zen finden, Frau Rautmann. Sie und der FKK-Bremer sind zu viel für mich alleine.« Traurig blickte er auf seinen Schreibtisch, auf dem die gewaltsam geöffneten Handschellen lagen, die die Rautmann im Briefkasten gefunden hatte, nachdem sie gestern Micha Lüdermann angelegt worden waren.

Die Tür der Dienststelle öffnete sich erneut und eine Frau mit den Körperproportionen einer faulen Birne trat ein. Die herausgewachsene Dauerwelle schien ihr am Kopf zu kleben. Ein mürrisches Mädchen mit strähnigen, blonden Haaren und zusammengewachsenen Augenbrauen befand sich im Windschatten der Frau.

Barbara Rautmann sah einen Moment auf, dann wieder demonstrativ auf den Computer und verdrehte die Augen, bevor sie aufstand und sich langsam auf die Frau zubewegte. »Ich bin heute emotional nah am Mittelfinger gebaut. Meine Laune schwankt zwischen Axt und Benzin und jetzt kommen auch noch die da. DIE!« Ihr Tonfall erinnerte an das gereizte Zischen einer Schlange. Sie sah Schönbohm eindringlich an, bevor sie sich an die Besucher wandte.

»Frau Röllke«, säuselte sie dann mit übertrieben gespielter Freundlichkeit, die vor Verachtung nur so triefte. »Was kann ich gegen Sie tun?«

»Ich will eine Anzeige machen. Die Lollo, die wurde gestern angefahren. Von einer Mülltonne. Ohne TÜV.«

Die Rautmann schmatze einmal desinteressiert. »Gehen Sie ruhig nach hinten durch zu Herrn Schönbohm. Der nimmt Ihre Anzeige auf. Ich halte solange Ihren Affen.« Sie sah das dürre Mädchen an. »Ich meine, ich passe auf Ihre Tochter hier auf.«

Schönbohm griff schnell zum Telefonhörer und blickte konzentriert aus dem Fenster, während er so tat als würde er jemanden anrufen, doch als ihm wieder einfiel, dass Weber nicht da war, ließ er den Hörer sinken. Jetzt musste er sich selbst um solche Angelegenheiten kümmern. Pflichtbewusst bot er der Röllke einen Stuhl an und sie keifte über die Schulter ihre Tochter an. Diese wiederum knurrte die Rautmann mit hochgezogener Oberlippe an und gesellte sich dann zu ihrer Mutter und Schönbohm, jedoch ohne den Blick von Barbara Rautmann zu wenden.

»Also die Lollo wurde angefahren. Von einer Mülltonne ohne TÜV.«

»Und was wollen Sie zur Anzeige bringen, Frau Röllke?«

»Na, dass die Lollo angefahren wurde von einer Mülltonne ohne TÜV!«

Schönbohm wandte sich unbehaglich hinter seinem Schreibtisch. »Ja, aber was denn nun davon? Dass Ihre Tochter angefahren wurde oder dass die Mülltonne keinen TÜV hatte? Oder Beides?«

Schönbohm fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Barbara Rautmann erhöhte demonstrativ die Lautstärke des Films, den sie gerade auf einer illegalen Tauschbörse im Internet ansah und gleichzeitig herunterlud, wobei Schönbohm sich des Verdachts nicht erwehren konnte, dass immer, wenn Frau Röllke sprach, seine Schreibkraft den Ton besonders laut stellte oder einfach immer zu der Stelle zurücksprang, an der ein Automotor aufheulte.

»Man versteht ja sein eigenes Wort nicht«, brummte Schönbohm und fing sich einen bösen Blick von der Rautmann ein.

Konzentriert klickte er dann ein paar Mal mit der Computermaus, tippte auf der Tastatur.

»Ich habe aber das Kennzeichen der Mülltonne nicht gesehen«, erklang die Stimme der Röllke wieder. Die Frau klopfte ungeduldig mit dem Zeigefinger auf die Schreibtischplatte.

»Woher wissen Sie denn dann, dass die Mülltonne keinen TÜV hatte?« Die Rautmann funkelte sie garstig an.

Frau Röllke schnappte irritiert nach Luft, blickte erst hilflos ihre Tochter und dann den Polizisten an.

Schönbohm sah vom Computer auf und atmete tief durch. »Mülltonnen bekommen in Deutschland kein Kennzeichen und erst recht keinen TÜV«, belehrte er die Damen. »Also, was bedeutet das?«

»Aber«, stotterte Carola Röllke und dachte dann einen Moment angestrengt nach. »Ich möchte mich aber beschweren, dass meine Tochter von einem Kraftfahrzeug angefahren wurde, dass keinen TÜV hatte!« Sie hatte verärgert und verständnislos die Augenbrauen zusammengezogen.

»Frau Röllke«, Schönbohm musste sich beherrschen, freundlich zu klingen und er spürte den Blick der Rautmann auf sich. »Mülltonnen sind keine Kraftfahrzeuge und bekommen deswegen keinen TÜV.«

»Dann ist das ja so richtig illegal«, empörte sich die Frau und ihr Körper wogte in dem Stuhl. Ihre Tochter, die so dürr war wie ihre Mutter korpulent, nickte trotzig und gab ein knurrendes Geräusch von sich.

»Nehmen wir mal die Personalien und den Hergang auf«, meldete er sich wieder resignierend zu Wort. »Wann ist es denn passiert?«

»Gestern um Viertel nach sechs. Langsam, aber sicher bleibt es bald wieder länger hell.«

»Wer ist zu Schaden gekommen?«

»Ich habe doch schon gesagt, die Lollo hier.«

Der Teenager knurrte in die Richtung des Kriminalhauptkommissars.

»Wie schreibt man den Namen? Also den vollen Namen?«

»Wie man ihn spricht, oder, Lollo? L-O-R-I-O-T-T-A. - OTTA! Wie das Tier im Wasser, das Fische isst und Steine sammelt.«

»Okay«, erwiderte Schönbohm. »Lollo also.« Er tippte hektisch.

»Konnten Sie den Führer der nicht zugelassenen Mülltonne sehen?«

»Nö, wie denn? War ja der Deckel zu. Du hast auch keinen niemals nicht gesehen, oder, Lollo?«

Sie schüttelte knurrend den Kopf.

Die Tür der Dienststelle öffnete sich erneut schwungvoll und ein schlaksiger Teenager mit schwarz gefärbten langen Haaren und blassem Gesicht stand vor ihnen. »Frau Bohle wurde entführt!«

»Ich war’s nicht«, sagte Barbara Rautmann resolut und verschränkte die Arme vor der Brust. Damit spielte sie auf das Ereignis im vorigen Jahr an, als sie eine alte Dame überrumpelt, ihr eine Plastiktüte über den Kopf gezogen und so auf die Dienststelle befördert hatte.

Ein weiterer Jugendlicher mit zu großer und tiefsitzender Hose kam herein.

Schönbohm räusperte sich. »Frau Röllke, können wir Ihre Anzeige später fortsetzen. Hier ist womöglich Gefahr im Verzug.«

Die Frau nickte eifrig. »Kein Problem, na klar!« Sie kramte in ihrer Handtasche und holte eine Tüte schokolierter Erdnüsse hervor.

»Was machen Sie da?« Ärgerlich blickte Schönbohm sie an.

»Jetzt wird es doch spannend, oder?«

Loriotta Röllke kicherte dümmlich und warf ihren blonden Pferdeschwanz nach hinten über die Schulter.

»Sie verlassen jetzt bitte die Dienststelle. Das ist eine Entführung. Sensible Daten und so.«

»Ich kann ja einfach eine Banane rauswerfen und dann ist das da gleich weg.« Die Rautmann starrte die Tochter der Röllke an, die wiederum mit einem tierischen Laut die Schreibkraft anknurrte. »Duuuuuu Kakerlaaaaake!«

»Aber nur, wenn die Banane schokoliert ist, oder, Lollo?« Frau Röllke stieß ihrer Tochter den Ellenbogen in die Seite und lachte, als sie aufstand. »Das ist Pullstedt. Morgen wissen es doch eh alle.«

Der schwarz gekleidete Teenager hatte sich seit seiner Ankunft nicht gerührt und stand dramatisch im Eingang. Noch dramatischer drückte er sich mit dem Rücken an die Wand als die beiden Röllke-Damen an ihm vorbeigingen. Sein Freund stand unbeeindruckt daneben.

»Alpha-Kevin, komm her, du alte Vogelscheuche«, rief die Rautmann und der schwarz gekleidete Teenager trottete leichten Schrittes auf sie zu.

»Deine schönen blonden Haare.« Sie hielt eine seiner Haarsträhnen in der Hand und schüttelte bedauernd den Kopf. »Wieso trägst du nur immer schwarz?«

Der junge Mann lachte glucksend und es klang wie »Höhö« und Grübchen erschienen auf seinen Wangen. »Damit jeder hier weiß, dass ich bereit bin für eine Beerdigung.« Er gestikulierte wild herum, was Schönbohm als den traurigen Versuch deutete, irgendwelche Gang-Zeichen oder Martial Arts zu imitieren.

»Mittenmang, du Pfeife, lungere da nicht an der Tür rum.«

»Rautiiiii«, sagte der Junge gedehnt und machte eine grüßende Geste.

»Okay…« Schönbohm warf sich in die Brust. »Jetzt mal schön der Reihe nach. Was ist passiert? Frau Rautmann, schreiben Sie mit.« Er deutete den Teenagern, sich zu setzen. »Personalien, wenn’s genehm ist.«

»Ich bin der Alfons-Kevin Kaufmann. Künstlername: Alpha-Kevin. Wohnhaft: Lindenallee 3 in Pullstedt, 1,83m groß und meine Lieblingsfarbe ist Döner.« Er lachte und sein Freund schlug sich quiekend auf den Oberschenkel.

»Mein Name ist Thorben Mittenmang, Künstlername: Mittenmang-Schneckenmann.«

»Das ist aber nicht besonders cool«, warf Schönbohm unbeeindruckt ein.

Der Teenager drehte die Handflächen nach oben und zog die Schultern entschuldigend hoch. »Ich bin eben ein Schneckenenthusiast.«

»Und damit meint er tatsächlich nicht die Zweibeinigen.« Alfons-Kevin schüttelte den Kopf.

»Bauchfüßler. Gastropoden.« Engelshaft lächelte Thorben Mittenmang und seine Wangen nahmen eine rötliche Farbe an.

»Sollte man in der Pubertät nicht auf was anderes stehen?« Die Rautmann hatte ungläubig das Gesicht verzogen.

»Keine Diskriminierung hier, Frau Rautmann«, warf Schönbohm ein. »Jeder darf in diesem Land schneckophil sein. Können wir von dem Thema dann vielleicht mal wegkommen? Ich möchte gerne mehr über das Kidnapping erfahren.« Schönbohms Stimme war ungeduldig.

»Also der Mittenmang und ich, ja, also wir standen so an der Busse und, äh…«

»Was ist denn eine Busse?« Schönbohm sah von einem zum anderen.

»Das ist die Bushaltestelle«, klärte Barbara Rautmann ihn auf.

»Warum sagt man das denn nicht einfach?« Schönbohm seufzte. »Weitermachen.«

»Ja, also, wir waren so an der Busse und dann kam der Bus und wir waren da halt noch so mit dem Brokkoliverschwender Müller und haben nicht geraucht oder so. Nur gewartet.«

»Aber der Bus war doch gerade schon da in der Erzählung. Und wer ist Brokkoliverschwender Müller?«

Thorben Mittenmang vergrub das Gesicht in den Händen. »Oliver. Oliver Müller. Oliver wie in Brokkoliverschwender. Logisch, ja?«

Schönbohms Nasenflügel blähten sich auf als er besonders tief einatmete. »Und was ist mit dem Bus?«

»Ja, also, höhö«, lachte Alfons-Kevin. »Die Tragik in meinem Leben ist ja, dass ich weiß, wann ich besser meinen Mund halten sollte und dann höre ich mich plötzlich reden.« Sein Tonfall war philosophisch geworden.

Mittenmang nickte zustimmend.

»Ihr habt Schule schwänzen wollen«, keuchte Schönbohm und blickte auf die Uhr.

»Nein, nein, nein!« Alfons-Kevins Zeigefinger schoss in die Höhe. »Wir wollten die Lernzeit auf unseren Biorhythmus anpassen, um dann zu der richtigen Zeit einhundert Prozent geben zu können! Und wenn das hier jetzt schnell geht, schaffen wir es noch, den anderen Bus zu kriegen. Dann kommen wir rechtzeitig zu Physik!«

»Ja, Physik«, echote Mittenmang.

»Aber es ist ja nicht so, dass uns die Polizei zwangsweise zur Schule bringen könnte. So ohne Dienstfahrzeug.« Grinsend lehnte sich Alfons-Kevin zurück.

»Aber«, Schönbohm lehnte sich bedrohlich nach vorne und grinste die Jungs schief an. »Wir haben eine Rautmann und wir wissen sie einzusetzen.«

»Oh Mann«, maulte Mittenmang und zog an den Bändern seines Kapuzenpullovers, sodass sich die Kapuze zusammenzog und nur die Nase herausguckte.

»Ich habe bei der Ernährungsberatung gelernt, dass es gute Fette gibt und schlechte Fette. Ich bin definitiv eine gute Fette.«

»Ich glaube nicht, dass die das so gemeint haben, Frau Rautmann.« Schönbohm verzog hilflos das Gesicht.

»Und wenn Sie hinter einem Baum stehen, gehören Sie dann zu den versteckten Fetten?« Alfons-Kevin lachte glucksend und steckte seinen Freund Mittenmang und die Rautmann an. »Versteckte Fette, kapiert?!«

»Ich weiß nicht, wie Sie das selbst lustig finden können, Frau Rautmann. Ein Witz auf Ihre Kosten.«

»Das nennt sich Humor, Herr Schönbohm. Googeln Sie es.« Sie wandte sich lachend an die Teenager. »Mein Chef ist zwar nicht so lustig wie andere, dafür aber unfreundlicher.«

»Ich denke, Sie sind jetzt hier fertig. Sie haben doch bestimmt noch einen anderen 450-Euro-Job, bei dem Sie die Leute tyrannisieren können.«

Die Rautmann stand auf und nahm ihre Handtasche, machte aber keine Anstalten zu gehen. »Ja, ich gehe zu Burak, da gibt es wenigstens Essen.« Sie rührte sich nicht vom Fleck.

»Burak ist der beste Gastronom hier!« Wieder hatte Alfons-Kevin den Zeigefinger erhoben.

»Der hat eine Börekbude«, warf Schönbohm ein. »Nicht, dass ich sein Essen abwerten will, aber… Wieso reden wir überhaupt davon? Ich will von der Entführung hören!«

»Ja, na ja, wir saßen halt in der Busse und die Bohle kam vorbei. Die hat doch den abgebrannten Jänner-Hof gekauft. Da will sie wohl eine große Schweinemastanlage bauen oder sowas. Erzählt man sich, ja?«

Mittenmang nickte zustimmend. »Ja, erzählt man sich.«

»Und da wollte sie bestimmt hin. Sie rennt ja immer von ihrem Hof zu dem anderen und fuhrwerkt da rum. Jedenfalls bleibt die dann bei uns stehen und ranzt uns an, was wir da rumsindeln und warum wir nicht in der Schule sind, ob wir Pissnelken keine Erziehung hatten und so. Und aus dem Nichts kam wie bei the Fast and the Furious eine Mülltonne angerauscht, fährt die Bohle um, die knickt irgendwie in der Mitte ab wie ein verdammter Klappstuhl, landet in der Mülltonne und fährt weg.«

»Sicher, dass das nicht ein Taxi war?«, fragte Barbara Rautmann spitzfindig.

Alfons-Kevin sah sie entgeistert an.

»Ist ein Mülltonnen-Taxi eigentlich die Müllabfuhr?« Nachdenklich wanderte Mittenmangs Blick durch den Raum.

»Okay, gibt es eigentlich eine Statistik für den durchschnittlichen Intelligenzquotienten in Pullstedt? Ich könnte nämlich gerade schwören, dass der im Minusbereich liegt.« Letzteres sagte Schönbohm mit strengem Blick auf Mittenmang.

»Also zurück zum Anfang.« Er räusperte sich. »Was war das denn für eine Mülltonne?«

»Kein Biomüll.« Mit Kopfschütteln verlieh Thorben Mittenmang seinen Worten Ausdruck.

»Mann, er meint die Größe der Tonne.« Enttäuscht blickte Alfons-Kevin auf seinen Freund. »Man soll Kritik ja immer positiv formulieren, also versuche ich es mal so: Einer von uns beiden ist klüger als du.«

»Ich weiß nicht, ob das wirklich positiv ist.« Barbara Rautmann hatte die Stirn gerunzelt, doch Alfons-Kevin Kaufmann winkte nur ab.

»Das war nicht so eine neue Tonne, das ist noch so eine alte, große Tonne. Die meisten Bauern haben so eine noch.«

»Frau Bohle ist ja eine sehr kleine, schmale Person…« Die Rautmann klang nachdenklich und kratzte ihren Kopf.

»Aber nichtsdestotrotz müssen ja zwei Personen reinpassen. Die Bohle und der Entführer, oder?«

»Ein kleiner muskulöser Mann«, wisperte Thorben Mittenmang, der in die Leere starrte und eine Haarsträhne fiel in sein Auge.

»Die Staatsanwältin hat die Bohle entführt!« Die Schreibkraft schlug entsetzt die Hände vor den Mund.

»Sie sind ja immer noch hier, Frau Rautmann!«

»Auf mich hört in diesem Büro eh keiner«, schnaufte sie.

»Wie lenkt man überhaupt eine Mülltonne?«, murmelte Schönbohm grübelnd.

»Das ist ja eigentlich ein MGB, ein Müllgroßbehälter oder noch besser ein Abfall- und Wertstoffbehälter«, krähte Alfons-Kevin altklug.

Die Schreibkraft schnaufte verächtlich. »Niemand mag Klugscheißer.«

»Lassen Sie meine Verdauung aus dem Spiel. Das beleidigt meine Intelligenz.«

Schönbohm seufzte. »Willst du sagen, dass der Ausdruck „Mülltonne“ politisch nicht korrekt ist?«

»Nein, so wollte ich das nicht sagen, ich wollte nur den offiziellen Namen verwenden, damit nicht irgendwer denkt, wir könnten etwas Anderes meinen.«

Stumm und verwundert sah Schönbohm ihn an.

Alfons-Kevin räusperte sich. »Zum Beispiel einen Papierkorb.«

Marco Schönbohm schloss die Augen und atmete tief ein. Er zählte bis acht und atmete dann wieder aus.

»Ey, hey, hey, hey«, rief Alfons-Kevin Kaufmann plötzlich aufgeregt, sah erst Mittenmang eindringlich an und dann Schönbohm. »Können wir hier Praktikum machen? Schulpraktikum?«

Schönbohm wurde für einen kurzen Moment schwarz vor den Augen. »Nein, das geht nicht. Ich habe hier bereits ein Kind.« Er warf einen Blick zu Webers verwaistem Schreibtisch.

»Aber der Lasse kommt ja erstmal nicht wieder. Sie könnten bestimmt ein bisschen Hilfe gebrauchen.« Die Rautmann sah von Schönbohm zu den Teenagern und wieder zurück. »Ich habe hier ja genug zu tun, ich kann nicht helfen.«

Panik. Wovor hatte Schönbohm eigentlich mehr Panik? Dass Weber ihn krankheitsbedingt mit den wildgewordenen Pullstedtern allein ließ oder dass er ersatzweise zwei bekiffte Teenager an der Backe hatte, die sich im Grunde nur durch das Kiffen von seinem Mitarbeiter unterschieden.

»Ich denke darüber nach«, knirschte Schönbohm.

»Aber was ist jetzt mit der Geiselnahme?«, fragte Alfons-Kevin Kaufmann gedehnt und sprang von dem Stuhl auf, in dem er gerade noch krumm herumgelungert hatte.

Schlapp richtete Schönbohm sich auf. »Von einer Geiselnahme sprechen wir, wenn der Aufenthaltsort von entführten Personen bekannt ist!« Er hob belehrend den Zeigefinger. »Ist der Aufenthaltsort jedoch unbekannt, spricht man im polizeiaktischen Sinne von einer Entführung.«

»Cool«, murmelte Mittenmang und machte sich unauffällig Notizen auf seinem Handrücken.

»Und erstmal muss das gar keine Entführung sein!« Schönbohm klang nörgelig und äußerst unzufrieden. »Kann doch auch sein, dass das ein Scherz ihrer Freunde war.«

»Also, sorry, großer Meister.« Alfons-Kevin räusperte sich. »Aber zum einen glaube ich nicht, dass die Frau hier Freunde hat und zum anderen ist das doch ein untypischer Scherz für alte Knacker, die den Oberschenkelhalsbruch noch mehr fürchten als die Abschiebung ins nächste Altenheim.«

»Es kann ein E-Rollator gewesen sein.« Schönbohm klang selbst nicht überzeugt von seinem Einwand.

Der Jugendliche lachte. »Der neue E-Rollator. Jetzt geht Oma 30 km/h, ob sie will oder nicht, ja?!« Er stieß Mittenmang den Ellenbogen in die Seite. »Sah das aus wie ein Rollator?«

Sein Kumpel schüttelte den Kopf. »Keine Chance, Alter.«

»Frau Rautmann, ich bitte Sie, rufen Sie mal bei der, äh, Frau Bohle an, ob sie sich zu Hause eingefunden hat.«

Unzufrieden brummte sie, griff dann aber zum Telefon. »Eben sollte ich verschwinden, jetzt telefonieren…«

»Wieso kam die Röllke eigentlich auf die Idee mit dem TÜV? Eine Mülltonne mit TÜV!« Schönbohm kratze seinen Hinterkopf.

»Na ja, fragen Sie doch mal hier beim TÜV nach«, schlug Alpha-Kevin vor.

»Beim TÜV? Pullstedt hat eine TÜV-Prüfstelle?«

Die Teenager nickten. »Ja, beim Schrottplatz von Wu.«

Schönbohm wurde das Gefühl nicht los, dass diese TÜV-Stelle gar nicht so offiziell und legal war, wie er sein sollte.

»Okay, Jungs«, sagte er nachdenklich. »Danke für den Tipp. Wir sprechen morgen nochmal wegen des Praktikums. Jetzt geht mal in die Schule.«

»Alles klar, großer Meister.« Alfons-Kevin Kaufmann hob die Hand zum Abschied und lachte wieder sein »Höhö«-Lachen.

Beim Hinausgehen hörte Schönbohm ihn Mittenmang fragen: »Wie viele Chamäleons muss man eigentlich tragen, um unsichtbar zu sein?«

Er widerstand dem Drang, seinen Kopf auf die Tischplatte des Schreibtischs zu schlagen.

»Sind Sie okay?«, Barbara Rautmann sah ihn besorgt an.

»Ja, ja, ja, Frau Rautmann, das ist nur wieder das Problem mit den Menschen hier. Das ist mir ein bisschen viel heute.«

Erst nickte sie verständnisvoll und ihre Minipli-Dauerwelle wippte fröhlich auf dem Kopf, den sie dann im Anschluss energisch schüttelte.

»Also die Bohle ist wieder zu Hause. Sie hat mich auf ihre sympathische Art angebrüllt und gesagt, mit den Bullen arbeitet sich nicht zusammen, das wären alles Steuerhinterzieher. Die Bohle war beim Finanzamt tätig, müssen Sie wissen. Sie sagt, eine Aussage macht sie nur bei Chef Henke.«

»Aber der ist tot.« Schönbohms Gesichtszüge entglitten. »Der Mann ist tot!«

Die Rautmann zuckte mit dem Achseln. »Habe ich ihr auch gesagt. Sie meinte, wenn wir eine Aussage wollen, müssen wir eben eine Se-ang-se machen.«

»Séance«, wiederholte Schönbohm. »Na gut, wenn sie nicht will, soll es mir recht sein. Ich werde trotzdem mal zum Pullstedter TÜV gehen und mich da erkundigen.«

»Oooh«, raunte die 450-Euro-Kraft, »passen Sie auf, die sind da ein bisschen…kuckuuuuck…« Sie drehte den rechten Zeigefinger neben der Schläfe.

»Ist das ein großer Unterschied zu den anderen Bewohnern des Ortes?«

Auf dem Weg zu Wus Schrottplatz, hinter dem sich die zweifelhafte TÜV-Prüfstelle befinden sollte, kam Schönbohm innerorts an einigen großen Gärten vorbei, die zu noch größeren alten Bauernhäusern gehörten und deren Baumbestände mit dem ersten Grün die Gasse verdunkelten. Vereinzelt traf er auf gackernde, scharrende Hühner und stromernde Katzen. Er dachte schon, es gäbe hier keine Menschenseele bis er, zu seinem Leidwesen, drei Personen sichtete, von denen ihm zwei schmerzhaft bekannt waren. Die Jugendlichen standen an einem der Zäune. Thorben Mittenmang befand sich in Hockstellung und rief »Miau, Miau, Miauuuuuu.« Der ihm unbekannte, leicht untersetzte Junge zog Mittenmang am Rucksack. »Du Dödel, warum miaust du das Pferd an?!«

Alfons-Kevin Kaufmann schlug sich klatschend die Hand vor die Stirn. »Das ist ein Alpaka!« Seine Stimme überschlug sich aufgrund des Stimmbruchs.

Schönbohm schüttelte den Kopf und sein Blick und der des Esels trafen sich. »Du bist Deutschland«, flüsterte er und sagte dann lauter »Müsstet ihr nicht in der Schule sein?!«

Der dicke Teenager drehte sich hektisch und mit einem schrillen Quieken um und sein Gesicht war noch roter als seine Haare. »Oh mein Gott, wir wurden erwischt, wir haben versagt, wir haben als Gruppe versagt, wir sind ein Scheiterhaufen, oh mein Gott!« Er atmete schnell.

»Ist er okay?« Schönbohm sah ihn besorgt an.

»Er ist immer so, kein Ding. Aber wir haben den Bus verpasst. Der nächste Bus kommt erst in 45 Minuten. So ist das eben auf dem Dorf.« Er zuckte mit den Schultern und Mittenmang nickte bestätigend.

»Können euch nicht die Eltern fahren?«

»Nein«, bedauernd schüttelte Alfons-Kevin den Kopf. »Dieser Mann hier, diese Legende«, er riss den Arm des kleinen korpulenten Teenagers hoch, »ist der Grund, weshalb wir nicht mehr in Privatfahrzeugen gefahren werden und auch nur mit offiziellem Schreiben von der Schule den Schulbusverkehr nutzen können.«

»Zumindest exakt bis zur Schule und zurück«, ergänzte Mittenmang und fingerte an einem Büschel Moos herum.

Schönbohm verzog skeptisch das Gesicht und atmete tief ein.