Mord nach Mitternacht - Andrea Instone - E-Book
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Mord nach Mitternacht E-Book

Andrea Instone

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Beschreibung

Eine selbstbewusste Detektivin. Eine traumhafte Insel. Ein goldenes Jahrzehnt. Mariella Petrarca arbeitet nach ihrer Entlassung aus dem Polizeidienst als Privatdetektivin und kümmert sich - so routiniert wie gelangweilt - um die kleinen Probleme der Inselbewohner wie verlorene Schmuckstücke, verschwundene Haustiere oder untreue Gatten. Einen solchen Ehemann beobachtet sie, als zwei Schüsse die Stille der Nacht zerreißen. Der von ihr Überwachte und seine Geliebte sind wie vom Erdboden verschluckt. Das lässt Mariella keine Ruhe: Ein geheimnisvoller Schwimmer, ein unbemanntes Schiff mit verdächtiger Ladung und eine Ehefrau, die sich nicht länger für den Gatten interessiert - all dem muss sie auf den Grund gehen.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Table of Contents

Mord nach Mitternacht

Dramatis Personae

Saint Caspillian – Perle des Atlantiks

Wörterbuch Caspianti

Ein Auftrag wie viele andere

Keine Leiche, kein Mord

Eine fremde Angelegenheit eigentlich …

Auf verbotenen Wegen

Fragen über Fragen

Und wohin nun?

Ein überraschender Besuch

Ein Mosaik aus vielen Steinchen

Auf die Theorie folgt die Falle

Ein gutes Ende?

Impressum

MORD AUF SAINT CASPILLIAN

Nach Mitternacht

ANDREA INSTONE

Dramatis Personae

Mariella Sophie Petrarca

geboren am 10. August 1884

Ehemalige Kommissaria, jetzt selbstständige Detektivin

Catherine Ledoux & Karen MacMillani

beste Freundinnen Mariellas

führen das Kafée da Porta in Bellaporta

Guifré Guest-Svenson

Ministro da Police

ehemaliger Kollege Mariellas

Prinza Marie Bernadette Lisweta

Landesfürstin von Saint Caspillian

Antonio & Bernardo Petrarca

Architekt & Schiffsingenieur

Mariellas Brüder

Alicia & Stefano Petrarca

Köchin & Schreinermeister

Mariellas Eltern

Ernesto Bogdanowitz

Guardán da Pax in Bellaporta

Mariellas Patensohn

Sebastián Sandnem

Departo von Saint Caspillian

Ehemaliger Kollege von Mariella

Saint Caspillian – Perle des Atlantiks

Aus einem Reiseführer 1922
Lage der Insel

Die Insel Saint Caspillian liegt etwa 380 Seemeilen (also gut 800 km) von der portugiesisch-spanischen Küste westwärts im Atlantik. Das Klima ist ganzjährig mild, wobei es durchaus einmal zu sehr heißen Tagen kommen kann und in den Höhenlagen auch zu leichtem Schneefall.

Im Süden Saint Caspillians befinden sich herrliche Sandstrände, im Norden reichen lichte Wälder und üppige Wiesen bis nahe ans Meeresufer; hier münden auch die vielen Bäche und schmalen Flüsse in den Ozean, die im Inselinneren am Fuße des Motabangebirges Äcker und Obstplantagen mit Wasser versorgen. Es wächst und gedeiht hervorragend auf Saint Caspillian, weshalb ein Viertel der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebt. Traditionsgemäß ernährt man sich hier fleischlos - die Gründe hierfür vermutet man in sowohl der bewegten Historie der Insel wie auch im Aberglauben der Caspilliani.

Geschichte & Architektur

Auf Saint Caspillian trafen nacheinander alle ein, die die Geschichte Europas prägten: Römer, Griechen und sogar die nicht sonderlich reiselustigen Ägypter machten den Anfang, es kamen Wikinger, Schotten und Iren, man traf auf Templer, Mauren und Sarazenen und zuletzt versuchten Bourbonen, Habsburger und Romanows ihr Glück. Sie hinterließen Badeanlagen und Burgen, Stadtmauern und Schlösser, Tempel und Türme. Alle nahmen sie Einfluss auf Sprache, Wissenschaft und Kultur und taten dies vor allem dadurch, dass viele, anstatt zu erobern, hierblieben und sich diesem natürlichen Paradies ergaben. Das Leben auf Saint Caspillian - weit fort von allem, was auf dem Kontinent so wichtig erschienen war - verlief so viel ruhiger und angenehmer, dass mit den Jahrhunderten jeder weitere Ankömmling sich recht schnell vom Zauber der Insel und seiner immer bunter werdenden Bevölkerung gefangen nahmen ließ.

Politische Ordnung

Da Saint Caspillian nicht besonders groß ist (etwa 30 km lang von Osten nach Westen und gut 10 km breit), wohnen nicht allzu viele Menschen hier; nicht einmal 200.000 Bewohner und Bewohnerinnen sind es im Jahr 1922. Vielleicht ist diese recht kleine Bevölkerung der Grund für die ungewöhnliche Staats- und Rechtsform der Insel? Hier nämlich blieb man der aus alter Vorzeit stammenden Tradition der weiblichen Abstammungslinie treu und wenn auch gelegentlich ein Prinzo den Thron besetzte, so ging er doch stets an eine Prinza zurück, sobald eine solche das nötige Alter erreicht hatte. Vielleicht hat das dazu geführt, dass Frauen auf Saint Caspillian früher als ihre Geschlechtsgenossinnen auf dem Festland mit der größten Selbstverständlichkeit Berufe ausübten und hohe Ämter bekleideten.

Vielleicht liegt es an dieser Neigung zum Weiblichen, dass Saint Caspillian unbedingte Neutralität gewahrt hat in dem verheerenden Großen Krieg. Ganz so, wie es dieses Fürstentum auch in anderen Konflikten gehalten hat.

Die Caspilliani sind somit weniger kriegerische Helden als lieber freundliche Gastgeber und so kommt der moderne Eroberer mit Fotoapparat und Sporthosen an, gewillt, sich von den Schönheiten der Natur, der guten Küche und der beeindruckenden Architektur der Insel verzaubern zu lassen. Sollte er jedoch auf die Idee verfallen, hier heimisch werden zu wollen, so wird er enttäuscht werden, denn die Einwanderungsbestimmungen sind strenger als anderswo, was für ein Land, das sich doch aus genau diesem steten Zustrom Fremder geformt hat, ungewöhnlich erscheint. Aber die Ressourcen des kleinen Landes sind nicht unbegrenzt und will es unabhängig bleiben von der Weltpolitik, so muss es in der Lage sein, seine Bevölkerung auch ohne Exporte zu versorgen.

Wörterbuch Caspianti

Midam X … Frau X

Misseur X … Herr X

Mamsi … Mama

Padsi … Papa

Gudmatin … Guten Morgen

Gudjorno … Guten Tag

Gudiven … Guten Abend

Gudnet … Gute Nacht

Heyja … Hallo

Skale … Prost

Taki … Danke

Porego … Bitte

Zawa? … Wie geht es?

Naps! … Verdammt!

Ruo … Straße

Bolevaro … Boulevard

Plaz … Platz

Ôtela … Hotel

Departimento … Polizeiwache

Guardán/a da Pax … Wachtmeister/in

Kommissario/a … Kommissar/in

Departo/a da Police … Polizeichef/in des Ortes

Ministro/a da Police … Polizeichef/in des Landes

Mastra/o … Anrede für die Anwaltschaft

Fruitagua … Likör aus Orange und Zitrone

Guri, Su … Währungseinheit

Patrono … Anrede für Wirte und Hoteliers

Ein Auftrag wie viele andere

Es beginnt so alltäglich …April 1922

Mariella zog die Schreibtischschublade auf und reichte der weinenden Klientin eines der für diese Situation bereitgehaltenen, blütenweißen Taschentücher. »Nehmen Sie nur und lassen Sie sich Zeit, Midam Ogonnery.«

Nicht zu viel Zeit, hoffte sie allerdings und warf einen verstohlenen Blick auf die Standuhr. Gleich vier Uhr. Ihr Magen knurrte. Was Midam Ogonnery hörte und weshalb sie sich nun ein gutes Dutzend Mal entschuldigte. Was die Sache nicht schneller voranbrachte.

»Ich bitte Sie, es ist alles in feinster Ordnung. Ihr Ehemann also …«

»Ach, dieser Schuft! Die besten Jahre meines Lebens habe ich ihm geopfert! Alles habe ich für ihn aufgegeben, weil ich jung und verliebt war und so dumm. Caspar sah natürlich gut aus, ganz unglaublich gut sogar. In seinen Adern fließt Wikingerblut und er besitzt eine gehörige Portion schottisches Temperament. Diese grünen Augen und das helle Haar! Und Muskeln hatte er damals … Wirklich, er war unwiderstehlich und so charmant. Und als er meinte, es wäre für die Kinder das Beste, wenn ich mein Geschäft aufgebe und mich um sie kümmere, zumal wir ja die Villa …«

Mariella nickte zu jedem Wort und hörte kaum noch hin. Es waren immer dieselben Geschichten, die ihre Klientinnen zum Besten gaben; immer lief es darauf hinaus, dass der Gatte plötzlich das Eau de Toilette wechselte, bunt gestreifte Krawatten trug und jeden Abend etwas später heimkehrte. Dann kamen sie zu ihr, die unglücklichen Gemahlinnen, und wünschten Beweise für seinen schändlichen Betrug oder dafür, es sei alles, wie es sein solle. Kein Wunder also, dass Mariella bislang keinen Gedanken ans Heiraten verschwendet hatte, trotzdem es höchste Zeit dafür wäre, ginge es nach ihrer Mutter.

Sie lächelte, konzentrierte sich. Ah ja, jetzt sprach Midam Ogonnery von den abendlichen Überstunden des Gatten und ihren Schwierigkeiten, gutes Personal zu finden. »Es wäre doch wirklich von Vorteil«, so meinte die noch immer schluchzende Frau, »wenn die Prinza die Einreise für französische Stubenmädchen erleichtern würde. Auf dem Kontinent haben sie doch nichts mehr zu tun nach diesem dummen Krieg, meinen Sie nicht auch, Midam Petrarca?«

»Oh, ich denke, Europa berappelt sich langsam wieder. Und dann sollten Sie nicht vergessen, was man gerade französischen Stubenmädchen in Bezug auf Ehegatten nachsagt.«

»Ach herrje, das würde Caspar mir nicht auch noch antun?«

Mariella zuckte die Schultern; ihrer beruflichen Erfahrung nach war ein Techtelmechtel mit einer schönen Hausangestellten genau das, was diese Sorte Mann gerne tat. Dann aber musste sie auch anerkennen, dass ja all die anderen Ehepaare, die treu und glücklich miteinander lebten, keinen Grund hatten, bei ihr vorstellig zu werden und somit ihre Meinung weniger beeinflussten als die weniger glücklichen. Nun, es gab mehr als genug unzufriedene Caspilliani, um die Detektei Petrarca zu erhalten. Natürlich gab es auch andere Fälle, die man an sie herantrug. Die Suche nach gestohlenen Kunstgegenständen und geraubtem Schmuck beispielsweise lag ihr mehr, das war wesentlich spannender als das nächtelange Lauern vor Büros und Hotels, um einen langweiligen Mann seiner ebenso langweiligen Affäre zu überführen.

»Midam Petrarca?«

»Wie? Aber ja, so machen wir das.« Schuldbewusst nickte Mariella. Und um sie noch verlegener zu machen, als sie es schon war, knurrte ihr Magen noch lauter als zuvor. Zumindest den Drang zu gähnen verkniff sie sich. Sie hätte Paulo gestern Abend sofort fortschicken sollen, anstatt ihm zum tausendsten Mal zu erklären, weshalb aus ihm und ihr kein Paar werden würde. Stundenlang hatte der mit ihr debattiert, um sie von einer gemeinsamen Zukunft zu überzeugen. Erst als sie ihre Zurückhaltung aufgegeben und ihm gesagt hatte, was sie an ihm störte, war er wütend aus dem Haus gestürmt. Das hatte sie mehr belastet als erwartet - bislang verstand sie sich mit all ihren früheren Freunden sehr gut. Sie seufzte.

»Ja, aber Midam Petrarca … Was machen wir denn? Was soll ich tun?«

Naps! Mariella riss die Augen auf. Energisch schob sie jeden Gedanken an Paulo beiseite und besann sich auf ihre Professionalität. Sie lächelte, nickte, musterte ihr Gegenüber. Aleana Ogonnery war eine noch immer attraktive Frau um die fünfzig; ihr rotes Haar und die sommersprossig-blasse Haut legten deutliches Zeugnis von ihrer irischen Ahnenreihe ab.

Jetzt tupfte sie die Tränen fort, beugte sich vor und sah Mariella ratlos an. »Sie meinen doch nicht wirklich, ich soll den Rat meiner Mutter befolgen?«

Mariella fuhr mit beiden Händen über ihren schwarzen Bubikopf. »Natürlich nicht. Ihre Mutter ist wohl nie recht heimisch geworden auf Saint Caspillian, nehme ich an?«

»Ach, woher wissen Sie, dass sie nicht von hier ist?« Aleana war sichtlich beeindruckt.

»Eine Mutter, die ihrer Tochter rät, über die Untreue des Gemahls hinwegzusehen? Das erlebt man auf der Insel sehr selten.«

»Ja. Ja, eben deshalb habe ich ja auch auf meine Freundin Luani gehört. Luani Miller, der Sie ja auch so wundervoll geholfen haben.«

»Wie geht es ihr denn?«

»Sie hat sich wahrhaftig verlobt und will es ein zweites Mal wagen.«

»Vielleicht sollte sie mich vorher noch einmal aufsuchen; ich könnte den betreffenden Herrn unter die Lupe nehmen. Nur vorsichtshalber.«

Immer schön an den nächsten Aufträgen arbeiten, dachte Mariella und lächelte noch einnehmender.

»Das werde ich ihr ausrichten, vielen Dank. Es wäre zu ärgerlich, wenn sie erneut den Falschen wählt.«

»Gut. Also, Midam Ogonnery, wir setzen den Vertrag auf und ich könnte schon heute Abend mit der Arbeit beginnen. Was sagen Sie?«

»Sie halten sein Benehmen also auch für verdächtig, ja? Ich mache nichts falsch, wenn ich ihm nun … Er wird nicht denken, ich vertraue ihm nicht mehr?«

»Zum einen, meine liebe Midam Ogonnery, vertrauen Sie ihm wirklich nicht mehr, und zum anderen wird er nicht bemerken, dass ich ihn beobachte. Wenn er einfach nur lange arbeitet, dann sind Sie aller Sorgen ledig. Liegen Sie mit Ihrem Verdacht richtig, so werden Sie alles in Händen halten, um die Ehe aufzulösen, wenn Sie das möchten.« Wieder knurrte ihr Magen. Viertel nach vier bereits. Mariella öffnete die Schublade noch einmal, stellte eine geblümte Blechdose auf den Tisch. »Ein tartine vielleicht?«

Midam Ogonnery lehnte ab. Es wäre unhöflich, hätte Mariella sich dennoch bedient, also stellte sie Dose seufzend beiseite. »Sehen Sie, das ist die entscheidende Frage: Möchten Sie diese Ehe unbedingt erhalten? Oder ist Ihnen Ihre Würde mehr wert?«

»Wenn ich ehrlich sein darf - ja, ich befürchte, ich denke schon längere Zeit darüber nach, wie schön es wäre, alleine zu leben. Ohne ihn. Er ist kein … und die Kinder sind ja nun schon seit Jahren aus dem Haus und meine Tochter … Ja, sie sagt schon lange, dass ich mich trennen sollte. Gegen den eigenen Vater sagt sie das. Ich bitte Sie, Midam Petrarca, das sagt doch viel, nicht wahr?«

Während Aleana noch sprach, hatte Mariella den vorgedruckten Vertrag aus dem Fach hinter sich gezogen und schob ihn der Klientin zu. Die griff danach, überflog die beiden Seiten, nickte und bat um den Füllfederhalter.

»Sie tun das Richtige«, beschied Mariella. »Es ist doch immer besser, Klarheit zu erlangen. Wenn Sie mir nun noch die Details diktieren wollen? Wo arbeitet Ihr Mann, wie heißt die Dame, mit der er sich vermutlich amüsiert, treibt er Sport oder hat er andere Beschäftigungen? Wo ist er wann und mit wem?«

Aleana Ogonnery atmete tief ein, dann unterschrieb sie den Vertrag und nannte all die Orte und Personen, von denen sie wusste, dass sie ihrem Mann, Misseur Dotore Caspar Ogonnery, etwas bedeuteten.

»Vier Uhr hatte ich gesagt. Vier Uhr!«

»Ja, Mamsi, es tut mir leid, ich hatte noch eine Klientin zu beraten.« Seufzend hing Mariella den Mantel an die Garderobe, bevor sie ihre Mutter umarmte und auf beide Wangen küsste. »Dafür habe ich so viel Hunger mitgebracht, wie du es dir nur wünschen kannst.«

»Wenigstens das.«

Midam Alicia Petrarca zog ihre einzige Tochter ins Wohnzimmer, wo vier Herren an der festlich gedeckten Kaffeetafel saßen. Nur drei hätten es sein dürfen: Mariellas Vater und ihre jüngeren Zwillingsbrüder. Der vierte Mann zupfte nervös an seinem Kragen und wagte kaum, zu ihr aufzusehen; angelegentlich unterhielt er sich mit Misseur Petrarca über die demnächst stattfindende Ruderregatta in Sainte Aurore ata Mare.

Mariella betrachtete ihn. Das musste sie ihrer Mutter lassen, sie hatte einen vorzüglichen Geschmack, was Männer anging. Zwar hatte sie ihr mehr als einmal gesagt, dass sie in dieser Hinsicht keiner Hilfe bedürfe, aber da war Midam Petrarca anderer Ansicht. Die Tochter solle sich endlich einmal einen festen Freund suchen; sie müsse ja nicht heiraten, aber langsam sei sie zu alt für diese ständig wechselnden Beziehungen.

»Oh Mamsi«, pflegte Mariella daraufhin zu erklären, »solange es dir noch gelingt, immerzu neue Kerle anzuschleppen, kann es so schlimm wohl nicht um mich stehen.«

Zumal, wenn es der Mutter gelang, solche Prachtexemplare aufzutreiben: Groß war er, breitschultrig und vermutlich sehr muskulös. Seine Haut war dunkel wie geöltes Teak, sein Haar voll und bläulich schimmernd, das Gesicht zwar scharf geschnitten, aber dennoch sanft und liebenswert.

Von Natur aus nicht schüchtern ging Mariella auf ihn zu, setzte sich neben ihn und streckte ihm die rechte Hand hin. »Ich sage es Ihnen gleich, ich bin nicht an einer festen Beziehung interessiert, aber wenn Sie mögen, können wir heute Abend gemeinsam essen gehen.«

Misseur Petrarca grinste, Antonio und Bernardo lachten laut auf. Der Besucher allerdings zuckte zurück und sah sie verdutzt an.

»Ich hoffe, meine Mutter hat keinen zu großen Unsinn von mir erzählt?«

»Ähm, was soll ich sagen? Ich habe Ihre Mutter von einer halben Stunde erst kennengelernt und befürchte, wir haben noch nicht über Sie sprechen können.«

»Bitte?«

»Ja nun, ich bin auf der Suche nach einem Schreinermeister, der etwas von mittelalterlichem Fachwerk versteht. Daher …«

»Oh Naps!«

Midam Petrarca versetzte der Tochter einen Klaps in den Nacken. »Wenn du bitte nicht fluchst.«

Es schien Mariella, als amüsiere sich Mutter prächtig, dabei trug doch sie die Schuld an diesem Missverständnis. Immerzu schleppte sie doch Herren an, mit denen sie die Tochter verkuppeln wollte. Und nun gerade dieser höchst attraktive Mann sollte aus beruflichen Gründen bei Scones und Tee am Tisch sitzen? Wie ungemein peinlich.

Der Besucher erhob sich, zog das Jackett zurecht und verbeugte sich leicht vor Mariella. »Entschuldigen Sie meine Manieren. Wenn ich mich vorstellen darf: Yrjö Mellor.«

Alicia Petrarca war schneller als Mariella und die hatte keinen Zweifel mehr daran, dass ihre Mutter vor Schadenfreude glühte, als sie antwortete. »Meine Tochter bildet sich ein, ich wäre auf der Suche nach einem netten Mann für sie. Ich bitte Sie, Misseur Mellor, wir haben letzte Woche ihren achtunddreißigsten Geburtstag gefeiert. Irgendwann hat die mütterliche Sorge auch ein Ende, meinen Sie nicht auch?«

Yrjö mochte die Situation wohl unangenehm sein, aber er offenbarte eine gesellschaftliche Gewandtheit, die ihn für Mariella noch anziehender machte. »Aber gnädige Frau, ich kann mir nicht denken, dass Sie sich in dieser Hinsicht Sorgen machen müssen. Ihre Tochter ist sehr witzig.«

Mariella strahlte ihn an. »Oh, dann seien Sie doch so liebenswürdig und begleiten mich heute Abend zum Essen. Nehmen Sie es als Entschuldigung für meinen Fauxpas.«

Vielleicht kannte Yrjö jüngere, schönere oder grazilere Frauen, aber er sah nicht aus wie ein Mann, für den diese Eigenschaften an erster Stelle standen. Humor und Intelligenz waren für die meisten Caspilliani wichtiger und davon hatte Mariella genügend im Angebot.

»Ich …«

»Ich schlage das Koppa da Leguma in Costasilka vor, dort isst man ganz hervorragend.«

»Davon habe ich gehört.«

Mariella schob ihren Teller von sich, zog eine Visitenkarte aus der Rocktasche und stand auf. »Sehr gut. Das ist meine Adresse, ich erwarte Sie um neun Uhr bei mir. Wollen Sie fahren oder soll das ich übernehmen?«

»Ich nehme an, es wäre Ihnen lieber, wenn Sie fahren?«

»Wundervoll. Seien Sie pünktlich.«

»Mariella, du benimmst dich unmöglich.«

»Aber Mamsi, du hättest mich vor dreißig Jahren erziehen müssen, jetzt ist es zu spät.«

Im Hinausgehen küsste Mariella die Mutter auf die linke und ihren Vater auf die rechte Wange, ignorierte das breite Feixen der Zwillinge und war schon aus dem Haus, bevor Yrjö ihren Abschiedsgruß hatte erwidern können.

Eine halbe Stunde blieb er noch und besprach mit Antonio und dessen Vater Stefan, welche Umbauten er sich für sein Haus wünschte, dann verabschiedete auch er sich.

»Ja nun«, sprach Alicia und seufzte zufrieden auf, »ich denke, das lief doch sehr, sehr gut.«

Yrjö Mellor machte im Abendanzug eine noch bessere Figur und Mariella war nahe daran, ihre Entscheidung zu bedauern, die erste Verabredung mit ihrem neuen Auftrag zu verbinden. Andererseits schadete es nicht, wenn er gleich wusste, woran er mit ihr war, sollte sich etwas zwischen ihnen ergeben. Sie öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus und versprach, sie sei gleich bei ihm.

Nur noch rasch in die Schuhe schlüpfen, die Armreifen anlegen und das rote Samtcape über das Silberlamékleid hängen, dann war sie so weit. Kurz zögerte sie, steckte die zierliche Smith & Wesson Ladysmith dann aber doch ins Strumpfband und überprüfte im Spiegel, ob die Waffe sich abzeichnete. Man sah sie nicht und mehr als zufrieden mit ihrem Spiegelbild eilte Mariella die schmale Stiege hinunter in die Diele, nahm die Hausschlüssel an sich und öffnete die Türe. Sorgfältig schloss sie ab und sprang die Stufen hinunter auf die Straße, wo sie sich kokett vor Yrjö drehte.

»Nun? Wie sehe ich aus?«

»Sie wissen sehr gut, wie Sie aussehen.«

»Ich habe Sie für charmanter gehalten.«

»Und ich Sie für weniger gefallsüchtig.«

»Mir ist die Meinung der meisten Leute gleichgültig, aber das heißt nicht, dass ich keine Komplimente hören möchte.«

»Vielleicht hätten Sie mir eine Sekunde geben sollen, um ein solches zu äußern.«

»Auch wieder wahr.« Mariella lachte, zeigte auf einen zweisitzigen Bugatti in nachtblau. »Klettern Sie rein, ich habe Hunger.«

»Ein Torpedo 28. Ein wirklich sehr schönes Automobil, sehr schnittig.«

»Hmm, ich hatte mir Lob für mein Kleid erhofft, nicht für meinen Wagen.«

»Soweit ich es im Schein der Laternen erkennen kann, harmonieren Sie drei miteinander.«

»Dann wollen wir einmal sehen, wie gut Sie und mein Torpedo harmonieren.«

Von Bellaporta im Nordosten ging es nach Süden an der lieblichen Küste entlang nach Costasilka, einem Städtchen, das Ende des achtzehnten Jahrhunderts von wohlhabenden Caspilliani zum luxuriösen Erholungsort ausgebaut worden war. Hier säumten prächtige Villen im klassizistischen Stil die Promenade, voneinander getrennt durch ebenso prächtige Gärten, die dank geschickter Planung das gesamte Jahr hindurch blühten. In der entzückenden Altstadt mit ihren Renaissancebauten befanden sich die besten Restaurants der Insel, ein Casino, zwei Ballsäle und die Ateliers, in denen die drei - in Paris ausgebildeten - Couturières Saint Caspillians ihre luxuriöse Mode entwarfen und verkauften. Dazu gab es zwischen den lauschigen Gassen und den von alten Eichen umstandenen Plätzen alles, was das Herz der eleganten Dame und des vornehmen Herrn wünschen mochte. Wenn der Geldbeutel es hergab. Hier in Costasilka hielten es auch die berühmtesten Juweliere, Kosmetikfabrikanten und Parfumeure der Welt nicht für unter ihrer Würde, eine bescheidene Dependance zu errichten. Durchaus erfolgreich, wenn auch die meisten Caspilliani deren Angewohnheit, ausnahmslos sehr junge und sehr schöne Damen hinter die Verkaufstheken zu stellen, bedenklich fanden. Eine Sorge, die viele caspillianische Jünglinge nicht teilten und daher alles daran setzten, eine dieser Schönheiten ausführen zu dürfen. Was die Bedenken der anderen noch erhöhte. Vor wenigen Wochen erst hatte der Minister für Handel und kulturellen Austausch, Misseur Lange, einen Brief an die berühmten Juweliere, Kosmetikfabrikanten und Parfumeure gesandt. Er bat darum, für ein Verkaufspersonal zu sorgen, das dem vielfältigeren Geschmack Saint Caspillians entspräche. Die Antwort stand aus.

Mariella genoss die Fahrt nach Costasilka sehr, gewann aber den Eindruck, es ginge Yrjö nicht ebenso.

»Fahre ich zu schnell?«

»Wie kommen Sie nur darauf?«

»Intuition. Und Sie klingen etwas atemlos.«

»Liegt daran, dass ich mich dem Tode näher als dem Leben fühle.«

»Ich fühle mich sehr lebendig«, rief Mariella und trat noch ein klitzeklein wenig stärker auf das Gaspedal. Sie jauchzte ausgelassen, als sie die Kurve nahm. »Ist es nicht einfach himmlisch? Ich liebe die Nacht.«

»Würde es Ihnen viel ausmachen, beide Hände am Steuer zu lassen?«

»Aber nein, das ist gewiss sicherer.« Und noch ein wenig schneller fuhr sie. Grinsend sah sie zu ihm hinüber. »Besser so?«

»Wenn Sie nun noch nach vorne schauen wollen, dann fühle ich mich so sicher wie auf einem sinkenden Schiff, vielen Dank.«

»Schade. Ich hätte gedacht … Ach, ist ja egal. Wissen Sie schon, was Sie essen werden? Ich nehme die Canneloni mit Rucola und Tomatenmus. Und einen Salat mit Pfirsichen. Vielleicht auch die Erbsen-Minzschaumsuppe. Und ich liebe das warme Bagueto vorweg. Am liebsten mit eingelegter Paprika obendrauf. Nur beim Dessert bin ich noch unschlüssig.«

»Sie haben einen gesegneten Appetit. Kein Wunder.«

»Kein Wunder was? Finden Sie mich zu mollig?«

»Nein. Ich denke nur, dass eine Schreckensfahrt wie diese nach einer Stärkung verlangt.«

»Sie erstaunen mich wirklich sehr. Sie sehen so … Ach, egal.«

»Das sagen Sie nun schon zum zweiten Mal. Halten Sie mich für einen Feigling?«

»Aber nein. Nur für einen miesen Beifahrer, der keine Ahnung hat von Spaß. Und von Automobilen. Vorhin schienen Sie noch so begeistert von meinem Torpedo und nun -«

»Da ahnte ich ja nicht, dass Sie das Teil fahren, als wollten Sie eine Flotte versenken.«

»Da müssen Sie sich bei den Erbauern beschweren, die meinem Schätzchen einen starken Motor gaben. Und bei der Reklameabteilung. Weshalb nennen sie den Wagen Torpedo, wenn er dann langsam um die Ecken getragen werden soll?«

»Zwischen langsam um die Ecken tragen und lebensmüde von der Straße abheben dürfte eine Geschwindigkeit liegen, die … wie soll ich es erklären?«

»Weniger appetitanregend ist?«

»Na, mir vergeht der Appetit, wenn ich in Todesangst schwebe.«

»Warum bitten Sie mich nicht einfach, langsamer zu fahren?«

»Das tue ich seit etwa fünf Minuten.«

»Sie sind wohl im diplomatischen Dienst? Wenn ja, dann ist es kein Wunder, wenn er immer wieder versagt. Wie soll man reagieren bei einem Gegenüber, das kein klares Wort herausbringt?«

»Fahren Sie bitte langsamer?«

»Aber sehr gerne, Misseur Mellor.«

Mariella nahm den Fuß vom Gas, bis der Torpedo schneckengleich über die Küstenstraße kroch und Yrjö die Blumen am Wegesrand hätte pflücken können.

»Sie neigen zu Übertreibungen.«

»Und Sie neigen zur Meckerei.«

»Hat man mir bislang niemals vorgeworfen.«

»Vermutlich, weil im diplomatischen Dienst alle so ungeheuer höflich sind.«

»Ja, ich nehme auch an, dass es an meiner sonstigen Gesellschaft liegt.«

Von solchen Spitzen ließ Mariella sich nie aus der Ruhe bringen; im Gegenteil liebte sie Wortgefechte. Eine Vorliebe, die nicht viele Männer teilten, aber so trennte sich die Spreu vom Weizen und erleichterte ihr die Auswahl. Von Yrjö allerdings hätte sie sich nur ungern schon jetzt getrennt. Er war wirklich höchst attraktiv, dachte sie, und sah ihn bewundernd an. Herrlich wohl geformte Hände hatte er und ein sehr männliches Profil. Na, und einiges mehr, das ihr gefiel. Nicht zum ersten Mal sagte sie sich, sie sei leider entsetzlich oberflächlich, was Männer anging. Mit viel zu vielen war sie schon ausgegangen, nur weil sie gut aussahen. Im Grunde war sie kaum besser als die Jünglinge, die vor den Schönheitssalons in Costasilka herumlungerten. Oder doch, denn sie wollte schon mehr als nur ein hübsches Äußeres. Kluge Unterhaltung wollte sie, Witz und Charme. Ein wenig Feuer.

Sie seufzte und fuhr wieder schneller, wobei sie Yrjös Hände im Blick behielt. Bald saß er entspannt neben ihr, die Hände locker auf den Oberschenkeln. Sogar die Füße streckte er aus. Und er lächelte.

»Haben Sie jemals daran gedacht, anderswo als auf Saint Caspillian zu leben?«, fragte Mariella nach einem Weilchen.

»Oh, ich habe in Oxford studiert und in Madrid Unterricht genommen.«

»Und jetzt bleiben Sie hier?«

»Ja. Schöner ist es nirgendwo. Gerade in diesen Zeiten nicht. Wir können der Prinza mehr als dankbar sein für ihre Voraussicht.«

»Ihren Vorgängerinnen nicht weniger.«

»Unbedingt. Eine Meinung allerdings, mit der ich in Oxford alleine stand.«

»Dort hat man eine Meinung zu unserer Insel?«

»Eher nicht. Nur wenn ich aufgefordert wurde, etwas über meine Heimat zu erzählen, dann nannten sie uns seltsam und schwach. Vor allem die Gleichberechtigung der Frau führte zu Spott.«

»Und hat man Sie von unserer Schwäche überzeugen können?«

»Sie scheinen mir jede Schlechtigkeit zuzutrauen.«

»Nein. Im Gegenteil.«

»Sie halten mich also für einen Langweiler?«

»Das wäre das Allerschlimmste. Also nein, das tue ich nicht. Was haben Sie studiert?«

»Europäische Geschichte, englische Literatur und Staatswissenschaften in Oxford. In Madrid habe ich mich mit moderner Grafik und Plakatkunst befasst.«

»Also sind Sie wirklich im diplomatischen Dienst?«

»Nein. Ich arbeite im Ministerio da Police.«

»Naps! Doch nicht etwa mit Guifré Guest-Svenson?«

»Er ist mein Vorgesetzter. Kennen Sie ihn persönlich?«

»Leider. Ein Widerling, der nur seine Karriere im Sinn hat und aus zwei und zwei sechs macht, wenn es ihm nützlich erscheint.«

»Ich sollte Ihnen widersprechen.«

»Warum tun Sie es nicht?«

»Ich kann Guest-Svenson nicht ausstehen.«

»Warum arbeiten Sie dann für ihn?«

»Man kann es sich als Landesdiener nicht immer aussuchen.«

»Was also macht ein Staatswissenschaftler mit einer Vorliebe für englische Literatur und europäische Geschichte bei einem wie Guifré?«

»Er lässt sich ausnutzen, was denken Sie denn? Ich habe bislang im Ministerium für kulturellen Austausch gearbeitet und dort soll ich in einem guten Jahr die Position als Berater des Ministers übernehmen. Die ist aber noch besetzt und meine alte Stelle geht turnusmäßig an den Nachwuchs. Also hat man mich zwischengeparkt.«

»Und was tun Sie auf Ihrem Parkplatz? Guifré hat mit Sicherheit kein Interesse an guten Büchern oder glorreicher Vergangenheit.«

»Offiziell bin ich Berater in Fällen von internationaler Bedeutung, wenn es sich dabei um kulturell bedeutende Wertgegenstände handelt.«

»Das ist schon sehr speziell. Ich nehme an, Sie langweilen sich den Großteil des Tages?«

»Würde ich gerne, aber weil meine Expertise kaum je benötigt wird, hält es Guest-Svenson für Verschwendung, mich nicht anderweitig zu verwenden.«

»Sie machen es spannend. Was tun Sie denn nun für ihn?«

Yrjö stöhnte auf und warf Mariella einen so drollig-verzweifelten Blick zu, dass sie versucht war, anzuhalten, um ihn zu trösten.

»Also?«

»Ich koche Kaffee. Und Tee. Und bringe seine Anzüge zur Wäscherei. Schreibe Einladungen, korrigiere seine Texte. Ich renne den lieben langen Tag durchs Haus und verteile seine Anweisungen und erhalte dafür ein enormes Gehalt. Was mich kein bisschen entschädigt. Und wenn er schlechte Laune hat, dann schaut er mich böse an und schickt mich nach Hause, weil ich nicht allen im Weg rumstehen soll.«

»Sie armer, armer Kerl.« Mariella hielt mühsam das Lachen zurück. »Weshalb bitten Sie nicht um eine andere Stelle? In der Zollbehörde fehlt es immerzu an fähigen Mitarbeitern, da wären Sie mit Ihrem Wissen besser aufgehoben.«

»Genau das habe ich vorgeschlagen. Aber da behauptete Guest-Svenson, er brauche mich.«

»Ich sage es ja, er ist ein Widerling.«

»Das ist er. Woher kennen Sie ihn so gut?«

»Ach, ich war einmal Kommissaria in Bellaporta und kurz davor, zur Departa befördert zu werden.«

»Aber?«

»Aber? Guifré kam mir dazwischen. Der war im Handumdrehen vom Guardán da Pax aufgestiegen zum Kommissario. Zweiter zwar nur und mir unterstellt, aber das hat ihn nicht gehindert, sich in meine Ermittlungen einzumischen. Ich will jetzt keine lange Geschichte erzählen, er hat Beweise manipuliert, mich hintergangen und dafür gesorgt, dass ich nicht nur meine Beförderung vergessen konnte, sondern sogar aus dem Dienst entlassen wurde, obwohl das Kollegium Einspruch erhoben hat.«

»Und das haben Sie auf sich beruhen lassen?«

»Natürlich nicht. Doch das dürften Sie auch schon gemerkt haben: Der Widerling hat allerbeste Beziehungen, dagegen kam ich nicht an. So ein Männerklübchen, das es sehr gerne sähe, wenn auf Saint Caspillian die Dinge liefen wie auf dem Kontinent. Sogar gegen eine Beteiligung am Krieg hätten diese Kerle nichts gehabt.«

»So etwas hatte ich schon vermutet. Die Prinza -«

»Ach, Bernadette Lisweta ist unterrichtet.«

»Aber -«

»Die Zeiten der absoluten Macht einer Fürstin sind vorbei, das sollten Sie besser wissen als ich. Sie entscheidet nicht allein, wer sie beraten darf und wer nicht.«

»Sicherlich, aber wenn Guest-Svenson gegen unsere Verfassung handelt, dann -«

»Darauf warte ich nur und Bernadette Lisweta ebenfalls.«

»So, wie Sie von der Fürstin sprechen …«

»Ja?«

»Sie sind ihr doch nicht etwa begegnet?«

»Man könnte sagen, wir sind gut bekannt. Nicht eng befreundet, so weit möchte ich nicht gehen, aber wir mögen uns.«

»Sie kennen die Fürstin? Sie mögen sich? Sie … Nein, dann kann ich nicht verstehen, weshalb Sie nicht im Polizeidienst bleiben konnten. Bernadette Lisweta -«

»Wir haben natürlich darüber gesprochen, aber dann stellte ich fest, dass ich gar keine Lust mehr hatte, auf diese Weise weiter zu arbeiten. Ich habe mich selbstständig gemacht.«

»Als was?«

»Als private Ermittlerin natürlich. Ich habe die einzige Detektei-Lizenz auf Saint Caspillian.«

»Das dürfte Guest-Svenson ganz hübsch ärgern.«

»Tut es. Und er versucht sein Bestes, mir an den Karren zu fahren.«

»Kommen Sie ihm denn so oft in die Quere?«

»In den drei Jahren meiner Selbstständigkeit nicht ein einziges Mal.« Mariella seufzte. »Die Polizei hat Besseres zu tun, als sich um untreue Eheleute und entlaufene Hunde zu kümmern.«

»Ah. Was hat er denn eigentlich gegen Sie? War er mal Ihr Beifahrer?«

»Könnte man so sagen. Es hat weniger mit dem Beruf zu tun als mit einer persönlichen Unverträglichkeit. Eine gemeinsame Schulzeit und einiges mehr trennt uns.«

»Ich verstehe. Er hat Ihnen den Hof gemacht und Sie haben ihm einen Korb gegeben.«

»Wie altmodisch das klingt. Aber ja, so ungefähr war es wohl. Allerdings hat er versucht, mich zu küssen, und ich habe ihn geschlagen. Er beleidigte mich und ich habe ihn ins Meer gestoßen. Vor seinen Freunden.«

»Etwas kindisch, wenn ihm das heute noch nachgeht. Aber ganz das, was ich ihm zutraue.«

»Ein Widerling eben.«

»Unbedingt.«

Fröhlich strahlte Mariella ihren Begleiter an. Es verband auf Anhieb kaum etwas so sehr wie eine gemeinsame Abneigung.

Das Koppa da Leguma war auch an diesem gewöhnlichen Dienstagabend zum Bersten gefüllt mit den Reichen und Schönen Saint Caspillians. Es lag auf einer Anhöhe oberhalb Costasilkas; seine tiefen Panoramafenster boten einen atemberaubenden Blick auf die Küste bis hin zur Castela Vincent, der westlich gelegenen Burg der Templer. Die dunkle Nacht lag samtig-weich über dem Ozean, der im Schein von tausend Lichtern glitzerte.

Es hätte so romantisch sein können, hätte Mariella nicht ihre Aufmerksamkeit dreiteilen müssen. Die köstliche Vorspeise und Misseur Ogonnery samt seiner sehr blonden Begleiterin verhinderten, dass sie sich gänzlich von Yrjös attraktivem Gesicht, seiner samtigen Stimme und seiner Lebensgeschichte gefangen nehmen ließ. Sie war schließlich keine Anfängerin, weder in ihrem Beruf noch als Frau, die die Gesellschaft von Herren zu schätzen wusste. Dennoch gelang es ihr nicht, Yrjö über den eigentlichen Grund ihres Hierseins zu täuschen.

Während sie darauf lauschte, was Dotore Ogonnery am Nebentisch seiner Freundin Clara Carlsson zusäuselte, schaute Yrjö sich nach dem Paar um.

»Ich bitte Sie, benehmen Sie sich doch nicht so auffällig.«

»Also bilde ich es mir nicht ein.«

»Was bitte?«

»Sie sind beruflich hier. Und ich bin Ihre Tarnung. Das ist -«

»So sehr vertraue ich Ihnen, ist das nicht fabelhaft? Und das auf den ersten Blick. Wirklich, sonst bin ich zurückhaltender.«

»Midam Petrarca, ist Ihnen in den Sinn gekommen, dass ich keinen Wert darauf lege, in Ihre -«

»Nicht so laut, ich bitte Sie. Wollen Sie nicht Mariella zu mir sagen?«

»Weil das in dieser Umgebung weniger auffällig wäre?«

»Das auch, aber Midam Petrarca, das klingt so steif und wir beide -«

»Ich denke, ich werde mir einen Wagen bestellen und -«

Rasch griff sie nach seiner Hand, strich zart mit dem Daumen darüber. Lächelte sehr lieb und plinkerte sogar mit den Wimpern. »Mein lieber Yrjö, bitte bleiben Sie hier. Sie gefielen mir sofort, da wollte ich nicht riskieren, dass Sie heute Abend noch eine andere kennenlernen, die Sie mir wegschnappt. Und weil ich eh hierher musste, dachte ich, ich nehme Sie am besten mit. Weil Sie mir wirklich ausnehmend gut gefallen. Und bislang haben Sie mich nicht enttäuscht. Sie sind hinreißend.«

»Wie? Mariella, wenn Sie glauben -«

»Finden Sie mich denn so schrecklich? Ich fahre zu schnell, ich trinke zu viel, ich arbeite zu lang und esse zu gerne? Mögen Sie lieber Blondinen? Oder Rothaarige? Ach, ich rede zu viel, ist es das? Oder bin ich zu offen?«

»Ähm, ja. Nein. Irgendwie - also, Sie hätten mir ehrlich sagen sollen, weswegen wir hier sind.«

»Nun, ich bin hier, weil ich diesen Herrn beobachten soll, das ist schon richtig. Aber Sie sind hier, weil Sie mir gefallen. Und weil Sie nichts Besseres zu tun hatten. Bleiben Sie also und lassen Sie es sich schmecken. Später können Sie immer noch entscheiden, ob Sie mich mögen oder nicht.«

Yrjö antwortete nicht. Er stöhnte nur leise auf und widmete sich seiner Suppe.

»Wenn Sie ein klein wenig mehr nach links rutschen wollten, dann könnte ich vielleicht sogar … einen Moment nur …« Blitzschnell zog Mariella ihr Zigarettenetui hoch und klickte auf ein Knöpfchen. »Ich denke, das dürfte ein gutes Bild abgeben. Was denken Sie?«

»Ist das etwa eine Spionagekamera?«

»Wie sonst sollte ich beweisen, wer mit wem wann was tut?«

»Ich habe von solchen Geräten gehört, aber dass es sie wirklich gibt …«

»Schön liegen lassen, muss ja niemand mitbekommen. Wenn Sie lieb sind, dürfen Sie mir beim Entwickeln der Fotografien helfen.«

»Bedeutet das dasselbe wie eine Einladung zum Kaffee?«

»Na, Sie treiben sich wohl ganz ordentlich herum. Wie oft werden Sie denn zum Kaffee eingeladen?«

»Weniger oft, als mir lieb wäre.«

»Also wollen Sie sich doch keinen Wagen bestellen und bleiben bei mir?«

»Ja. Aber nur, weil Sie so aufregendes Zubehör besitzen.«

Amüsiert schenkte sie ihm ein verführerisches Lächeln. »Ich wette, Sie meinen nicht nur meinen Wagen und die Kamera.«

»Nein, ich hoffe außerdem auf eine Pistole in Füllfederform und vielleicht auf Giftspritzen in Ihren Ohrringen.«

»Sie werden sich noch wundern. Was halten Sie von den beiden? Wie weit sind die?«

»Sie meinen, wie weit ihre Beziehung fortgeschritten sein dürfte?« Vorsichtig drehte Yrjö den Kopf nach rechts, tat so, als suche er nach dem Ober. »So, wie er schaut, macht er sich Hoffnungen auf die entscheidende Nacht.«

»Ja, ich denke auch, dass sie noch nicht miteinander geschlafen haben.«

Yrjö räusperte sich. »Man könnte das auch netter ausdrücken.«

»Sie meinen, er macht ihr noch den Hof und darf hoffen, keinen Korb zu erhalten?«

»Jetzt halten Sie mich auch noch für spießig und prüde.«

»Nur ein bisschen. Wie gefällt sie Ihnen?«

»Wer?«

»Na, die Blonde.«

»Zu jung, zu blond, zu sehr darauf aus, zu gefallen.«

»Wenn Ihnen das nicht gefällt, dann müssen Sie sehr froh sein, auf mich getroffen zu sein.«

»Darüber denke ich noch nach.«

»Lassen Sie mich wissen, wenn Sie ein Urteil gefällt haben.«

»Bestimmt.« Yrjö sah auf und dankte dem Kellner, der eben das Hauptgericht auftrug. »Wenn Sie uns noch eine Flasche von dem Rotwein bringen wollen? Das wäre reizend.«

»Noch mehr Wein? Für mich nicht.«

»Keine Sorge, davon bekommen Sie keinen Schluck, ist alles für mich.«

Mariella schmunzelte, sagte aber nichts. Wieder hob sie ihre kleine Kamera und hielt fest, wie Caspar Ogonnerys Fuß an der Wade der jungen Schönheit empor wanderte. Was Clara Carlsson nur an ihm fand? Nicht nur, dass er kaum noch Haare auf dem Schädel hatte, auch der hellblonde Schnurrbart im roten Gesicht tat nichts, ihn attraktiver zu machen. Und was einstmals die Figur eines Nordmanns gewesen sein mochte - stabil gebaut und muskulös -, war übergegangen in die mittelalte Feistigkeit eines Mannes, der wenig Interesse an Sport, dafür aber mehr an Schnäpsen und Cocktails hatte. Von denen er bereits mehrere Gläser zu sich genommen hatte.

Natürlich ging es in der Liebe nicht allein um das Äußere; ein Mann von Esprit und Bildung, einfühlsam und höflich, war einem Schönling, der nicht bis drei zählen konnte, bei Weitem vorzuziehen. Allerdings machte die junge Dame nicht den Eindruck einer vernünftigen Frau, der innere Werte viel bedeuteten; dazu war sie zu sehr an ihrer eigenen Erscheinung interessiert, die ganz dem entsprach, was die aus Hollywood importierten Filme als Schönheit verkauften. Filme, die auf Saint Caspillian nicht sonderlich beliebt waren; man zog das Theater vor mit Schauspielern und Schauspielerinnen, die sich gaben, wie man es aus dem wahren Leben kannte.

Am Nebentisch wurde nun das Dessert dargereicht. Und nicht nur das: Dotore Ogonnery schob ein längliches Schmuckkästchen über den Tisch, das von Clara freudig geöffnet wurde.

»Hach, Caspar, das solltest du nicht tun! Was ist das schön! Wunderschön. Oh, ich liebe dich!« Ein glitzerndes Rubinarmband zog die junge Frau aus der Schatulle. »Oh bitte, lege es mir gleich um, ja?«

Dotore Ogonnery folgte ihrer Aufforderung, dann zog er das Portemonnaie aus der Westentasche. Das war für Mariella das Zeichen, nach dem Ober zu winken. Sie bat ihn, die Rechnung zu bringen und die Speisen für den Heimweg einzupacken; es sei bereits später, als sie befürchtet hätten. »Die Kinder, Sie verstehen? Meine Schwiegermutter ist nicht mehr die Jüngste.« Vorsorglich verpasste sie Yrjö einen sanften Tritt unterm Tisch.

Der reagierte sofort und lächelte den Kellner entschuldigend an. »Aber immerhin haben wir es endlich wieder einmal hierher geschafft. Es ist köstlich wie immer.«

»Sehr gerne, die Herrschaften. Einen Augenblick nur.«

Im sicheren Abstand zum Ford des Dotore Ogonnery ging es zurück nach Bellaporta, allerdings deutlich langsamer als auf der Hinfahrt.

»Erzählen Sie mir etwas über sich«, bat Mariella.

»Was möchten Sie hören? Sie wissen bereits fast alles.«

»Über Ihren beruflichen Werdegang schon. Sie sind offenbar weder verheiratet noch sonst wie gebunden. Wie kann das sein?«

Er stöhnte auf. »Genau diese Frage stellt mir meine Mutter jeden Sonntagnachmittag.«

»Und was antworten Sie ihr?«

»Dass ich die Richtige noch nicht gefunden habe.«

»Und was ist der wahre Grund?«

»Dass ich es damit nicht allzu eilig habe.«

»Mir bricht das Herz.«

»Meinetwegen wohl kaum.«

»Nein. Ich beneide die junge Dame vor uns um ihren Fang. So einen hätte ich auch zu gerne.«

»Dann glaube ich doch eher, dass Sie mir verfallen sind.«

»Damit liegen wir auch näher an der Wahrheit.«

»Ungefähr so, wie Paris am Nordpol liegt?«

Sie feixte und legte ihre Hand leicht auf sein Knie. »Sagen wir, Paris trifft es schon nicht schlecht.«

»Sie sprechen in Rätseln.«

»Als ob. Wie alt sind Sie, Yrjö?«

»Ungefähr so alt wie Sie, Mariella.«

»Sie wollen mir schmeicheln, aber ich denke, Sie sind zumindest fünf Jahre jünger.«

»Nicht, wenn ich dann nicht mehr interessant bin für Sie.«

»Ja, Sie sind mir viel zu alt.«

»Sie haben es gewiss nicht eilig, den Richtigen zu finden, oder?«

»Es gibt so viele Richtige.«

»Sage ich auch immer.«

»Sie brechen mir das Herz schon wieder.«

»Ich habe eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wem am Ende das Herz gebrochen wird und wem nicht.«

»Ich tippe auf Caspar?«

»Wen?«

»Na, Dotore Ogonnery. Clara Carlsson dürfte sich nicht nur in ihrer Erscheinung von Hollywood Inspiration geholt haben.«

»Und wenn schon? Recht geschieht ihm. Ich sollte womöglich nichts dazu sagen, aber wenn ich schon heirate, dann meine ich es doch ernst und schenke nicht gefärbten Blondinen teuren Schmuck.«

»So teuer war der nicht.«

»Stimmt. Höchst drittklassige Steine sind das. Trotzdem.«

»Sie sind so süß.«

»Ist das gut?«

»Sehr.«

Endlich hatten sie Bellaporta erreicht. Dotore Ogonnery durchquerte die Stadt auf direktem Weg, zockelte nun über die Küstenstraße nach Westen.

Mariella fiel ein wenig zurück. »Was wollen wir wetten, dass er in die Hügel will?«

»Ernsthaft? Er wird dem Mädel doch wohl wenigstens ein weiches Hotelbett gönnen?«

Aber ganz wie Mariella es vermutet hatte, bog Dotore Ogonnery nach links auf den Weg zu den Anhöhen über Bellaporta ab.

»Und jetzt?«, fragte Yrjö.

»Folgen wir ihm etwas langsamer.«

Dotore Ogonnery hielt bald darauf an einem der beliebtesten Aussichtspunkte Bellaportas. Der war gelegen auf halber Höhe zwischen dem felsigen Ufer und dem Hilla Besta, einem etwa dreihundert Meter hohen Hügel, auf dessen Kuppe einer der Paläste der Prinza stand. In aller Ruhe fuhr Mariella an dem parkenden Ford vorbei, folgte der Kurve, die zur Einfahrt des fürstlichen Anwesens führte, und hielt dann an der nächsten Biegung, exakt oberhalb des nach Einsamkeit suchenden Pärchens, gut verborgen von Strauchwerk. Mittlerweile war es bald zwölf Uhr nachts und da es noch recht früh im Jahr war, hatte die Wärme des Tages ihre Kraft verloren. Mariella fröstelte ein wenig und zog das nicht sonderlich warme Cape enger um sich, als sie ausstieg und an die Böschung trat. Sie lehnte sich an eine mächtige Eiche; von hier aus konnte sie sehen, ohne gesehen zu werden.

Yrjö kam nur zögerlich näher. »Sie wollen jetzt nicht etwa zuschauen, wie dieser Mann und diese Frau …«

»Wie sie was?«

»Ähm. Zärtlich werden?«

»So sieht Caspar Ogonnery aus. Zärtlich. Wirklich, Sie sind -«

»Ein Gentleman. Das ist das Wort, das Sie suchen.«

»Ja. Und noch einmal ja. Ich werde zuschauen. Ist mein Beruf.«

»Der Weg ist nicht weit, ich kann sehr gut auch zu Fuß -«

»Setzen Sie sich doch einfach in den Wagen. Ich bin sicher, allzu lang wird das da unten nicht gehen.«

Doch Yrjö blieb und hockte sich auf einen Felsen, das Kinn in die Hände gestützt. Er blickte nicht nach unten, wo der Dotore nun eifrig dabei war, eine noch widerstrebende Clara gegen die Motorhaube zu drücken und ihr etwas von der wilden Natur und den funkelnden Sternen zu erzählen. Yrjö sah zu Mariella. Was sie irritierte. Weshalb sie ihm nochmals versicherte, sie schaue nicht zu ihrem Vergnügen zu, er dürfe sie nicht für seltsam halten.

»Ich dachte eher darüber nach, ob Sie frieren.«

---ENDE DER LESEPROBE---