Die Göttin des Films - Andrea Instone - E-Book

Die Göttin des Films E-Book

Andrea Instone

0,0
3,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Endlich ist es heraus: Hinter Lily DuPlessis verbirgt sich Liselotte Schmitz aus der Bonngasse! Doch wenn Lily gehofft hat, nun wäre es mit dem Versteckspielen endlich gut, dann hat sie sich getäuscht. Und warum? Weil sie heiraten möchte. Unbedingt und dringend und ganz schnell. Wohl gemerkt: Sie WILL und nicht etwa sie MUSS. Nur wer möchte einen verheirateten Vamp auf der Leinwand sehen? Niemand, meint der fette Fuchs und bittet Lily, aus Heirat und Ehemann ein Geheimnis zu machen. Oder noch besser: Heirat und Ehemann noch ein wenig warten zu lassen. Was tut Lily also? Sie flüchtet ein zweites Mal nach Bonn. Und wieder folgt Timotheus Mayenbach, der eine Riesenstory wittert. Und nicht nur er will Lily stören, sondern ebenso sorgen eine Ex-Freundin des Bräutigams und eine sehr ehrgeizige junge Dame mit ihrem Pudelrudel für ordentlich Trubel. Wenn möglich, dann wird es dieses Mal noch viel verrückter und romantischer und alberner als auf Lilys erster Reise, doch auch im zweiten Abenteuer sind schönes Wetter und eine Liebe auf den ersten Blick garantiert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Die Göttin des Films

Allerlei Pläne

Ein reizender Abend

... und eine wunderbare Nacht

Nach Bonn

Ein glückliches Paar

Intrigen in Literatur und Leben

Ein Journalist auf Enthüllungstour

In der Wäschekammer

Unter engen Freunden

Ein weiterer Vertreter der Presse

Lorenz küsst, Timotheus kreischt

Alles ist weg!

Liebe in der Luft und überall

Schön wie ein Bild

Reisegefährten

Eva Maria Auguste Mondschein

Améry-sur-Loire

Wie es dieses Mal in Kürze weiterging

Impressum

DIE GÖTTIN DES FILMS

Die zweite Reise der Lily DuPlessis

Andrea Instone

Allerlei Pläne

FILMPRODUZENT FRITZ FUCHS fiel flach vornüber. Bildlich gesprochen. Es fielen nur seine Kinnlade und die dicke Zigarre, die er sich eben hatte anzünden wollen, um den Abschluss der Dreharbeiten feierlich zu begehen. »Aber Engelchen! Was willste? Heiraten? Wieso das denn? Wer tut denn so was Dummes?«

»Na, Sie doch, mein lieber Fuchs. Sie erzählen mir ständig, wie glücklich Sie mit Frau Fuchs sind und wie Sie nichts wären ohne Sie. Und ich denke, Sie haben vollkommen recht.« Lily baumelte mit den Beinen und spielte nachlässig mit all dem Krimskrams, den der fette Fuchs auf seinem Schreibtisch zur Schau stellte.

Ein Teil nach dem anderen nahm er seiner Lieblingsschauspielerin aus der Hand und stellte es nachdrücklich zurück an seinen Platz. »Lily, Engelchen, das ist doch was ganz anderes. Ich bin ein alter Mann. Von mir schwärmt doch niemand, da kümmert das keinen, ob ich vergeben bin oder nicht. Aber bei dir? All die Männer, die deinetwegen in die Kinosäle stürmen, die stellen sich ja vor, sie könnten dich erobern, wenn sie dich nur einmal treffen könnten. Aber wenn du verheiratet bist – ne, das ist nix, glaub mir das mal. Kein Mann träumt von einer Ehefrau. Nicht mal, wenn es die Eigene ist.«

»Von wem träumt Ihre Frau denn?«

»Wieso soll die denn von jemand anderem träumen?«

»Wenn Sie nicht von ihr träumen, dann wird sie sich wohl auch jemanden suchen, oder nicht?«

»Na, da haste recht. Die träumt vom Hans Unterkircher. Und ich räche mich mit der Dagover. Aber ist ja auch egal, lenk nicht ab. Du heiratest nicht, das macht uns das Geschäft kaputt. So, lass uns über den nächsten Film sprechen. Der Louis Regardier -«

»Mein lieber Fuchs, wir sprechen nun nicht über irgendeinen dummen Film. Wir sprechen jetzt über meine bevorstehende Hochzeit.«

»Wen willste denn heiraten? Etwa den schönen Emanuel? Mit dem biste doch schon ein Jahr zusammen, was willste da noch heiraten? Überleg mal, so eine Scheidung, die ist so leicht auch nicht zu haben.«

»Ich heirate nicht, um mich zu trennen, ich heirate, damit ich so glücklich werde wie Sie mit Ihrer Füchsin.«

»Ha, Füchsin ist gut, das passt zu meinem Klärchen. Die war ja mal rothaarig, ganz früher. Und ein schlaues Mädchen war die immer schon.« Ein seliges Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus und er überlegte, womit er der braven Gattin eine Freude machen könnte zum Dank für die vielen schönen Erinnerungen.

»Na, sehen Sie: Seit dreißig Jahren sind Sie verheiratet und schwärmen noch immer von ihr. Das möchte ich auch.«

»Kannste ja tun. Wenn du von ihr schwärmen willst, hat sie nix dagegen.«

»Sie wissen genau, was ich meine.«

»Ja. Ne. Doch. Egal, du kannst deine Bewunderer nicht so verärgern.«

»Unsinn. Schauen Sie nur in die Zeitungen: In Hollywood heiraten alle. Mehr als einmal und die Leute stehen Schlange vor den Kirchen, um dabei zu sein. Und außerdem heirate ich einen französischen Grafen.«

»Ne, das stimmt nicht. Der Comte de Beretton, das ist der Papa. Der Emanuel ist ein Vicomte. Was irgendwie romantischer und verwegener klingt. Weißte, so einen Vicomte, den bauen wir in deinen nächsten Film mit ein. Hab ich dir gesagt, wir machen nochmal so einen Historienschinken? Die kommen nämlich bei den Amis dolle an. Du, ich sag dir, nach Hollywood – da bringe ich dich auch noch hin. Spätestens, wenn so ein Vicomte dich vor der Guillotine rettet, dann wollen die dich drüben haben! Französische Revolution, das habe ich mit dem Louis ausgemacht, das wollen wir also drehen.«

Lily glitt anmutig vom Schreibtisch herunter und baute sich vor dem fetten Fuchs auf – der im Übrigen ein drahtiger Mann mit nur einem winzigen Bäuchlein war, das sich jeder Diät hartnäckig widersetzte, was die Gattin wiederum auf dessen Angewohnheit zurückführte, dreimal täglich drei Nougatpralinen zu vernaschen – also, sie baute sich vor ihm auf, die Füße fest in den Boden, die Hände in die Hüften gestemmt und beschied ihrem Entdecker und Förderer, über keinen einzigen Film werde sie sprechen, bis die Sache mit der Hochzeit geklärt sei.

»Engelchen, das haben wir geklärt. Heiraten kannste nicht. Du bist der Vamp des europäischen Films, eine freigeistige Abenteuerin, die mehr Männer als Kleider im Schrank hat.«

»In meinem Schrank bewahre ich keinen einzigen Mann auf, vielen Dank. Und es wäre mir sehr lieb, wenn die Nation das endlich wüsste. Ich heirate Emanuel in genau zwei Wochen. Auf dem Standesamt in Bonn und eine Woche später in der Kirche von Blois. So.«

»Lily, du bringst mich um. Willste nicht noch ein bisschen länger warten? Damit ich mir was Gutes einfallen lassen kann?«

»Wir sollen die Trauung verschieben? Bis wann?«

»Na, am liebsten bis du vierzig bist, dann können wir erzählen, dass du endlich zur Ruhe kommen willst.«

Lily lachte schallend, hüpfte zurück auf den Schreibtisch und kraulte den Produzenten unterm Kinn. »Mein lieber Fuchs, ich will aber jetzt zur Ruhe kommen. Sie sind doch ein kluger Mann, lassen Sie sich etwas einfallen. Ich meine, die Negri zum Beispiel, die hat auch einen Adligen geheiratet. Und die Mae Murray und die Swanson auch. Das gibt immer famose Schlagzeilen.«

»Ne, Engelchen, die Lily DuPlessis als brave Ehefrau, das gefällt mir nicht. Das reißt das bisschen Adel auch nicht raus. --- Guck mich nicht so böse an, ich hab es ja verstanden. Du heiratest deinen Emanuel, schön und gut. Aber dann mach es heimlich, ja? Muss doch keiner wissen, das ist dann euer süßes Geheimnis.«

»Schon wieder ein Geheimnis?« Von Heimlichtuereien hatte Lily die Nase voll und das teilte sie dem fetten Fuchs mit. »Weshalb wollen Sie mich schon wieder ärgern? Hat das letztes Jahr nicht gereicht mit dem albernen Getue? Und war das nötig? Die Leute sehen mich jetzt genauso gerne, wo sie wissen, ich bin die Liselotte Schmitz aus der Bonngasse. Das hätten Sie auch nicht geglaubt vorher!«

»Ne, Engelchen, das stimmt nicht. Dass du bei den Leutchen spitzenmäßig einschlägst, das wusste ich sofort, so was sehe ich doch gleich. Aber dass du dazu 'ne dolle Geschichte brauchtest, das wusste ich auch. Deshalb haben die doch überhaupt erst hingehört: Eine Französin, die zu uns ins Feindesland kommt, um hier Filme zu drehen – das war die Sensation! Damit biste ja gleich ganz groß eingestiegen, ganz oben. Und dann haben die sich gefreut, weil du eine von uns bist. Und jetzt hör dich mal genau um, lies mal, was sie jetzt alle sagen: Die denken noch immer, dass an den französischen Ahnen doch was dran ist. Dass du adoptiert bist, so munkelt man jetzt, und dass deine echten Eltern dir das DuPlessis auf deine Windel gestickt hätten. Das Publikum will halt Märchen, auf der Leinwand und im wahren Leben.«

»Mein lieber Fuchs, Sie halten mich für dumm, sagen Sie es nur. Als ob ich nicht wüsste, dass Sie es sind, der all das munkelt und Gerüchte streut.«

Fritz Fuchs feixte und lehnte sich gemütlich in seinem Stuhl zurück, die Hände hinterm Kopf verschränkt, den rechten Fuß auf dem linken Oberschenkel. »Weil ich weiß, was zieht, Engelchen. Weil ich das Geschäft aus dem Effeff beherrsche. Und fährste denn schlecht damit? Kannste dich beklagen? Nä, ne? Kannste nicht. Da haste das Appartement, wo der Schwarz und die Weiß dich umsorgen und wo dein Emanuel diskret raus und rein kann. Da haste dir die Villa in Bonn kaufen können und in Frankreich kannste Filme mit dem Louis drehen und mit deinem Liebsten seine Ruine renovieren. Und hier kannste Filme mit allen drehen: mit Murnau oder Lang oder Pabst. Deine Eltern sind erstklassig versorgt, du verdienst ganz anständig und ich passe gut auf dich auf, dass du keinen Mist baust wie all die Mädels da in Hollywood. Du liegst mir nicht mit siebenundzwanzig tot in einer Ecke, da kannste bei mir ganz sicher sein. Und wo das alles so schön läuft für dich und mich, da willste mit mir schimpfen, weil ich Fantasie habe?«

»Fantasie? Die haben Sie wohl. Sie lügen die Leute an, wie es nur geht, und immer soll ich da mitspielen. Wie stellen Sie sich das denn vor? Ich heirate und tue so, als wäre ich unverheiratet? Und sehe meinen Mann nie? Und nie darf er mit auf eine Premiere? Ich soll mich am Ende gar mit anderen Kerls zeigen? Was glauben Sie denn, wie Emanuel das finden wird? Wie fänden Sie das denn, wenn ihr Klärchen auf diese Art verheiratet wäre?«

»Scheußlich fänd ich das. Aber ich bin ja auch nicht der Emanuel. Der ist jung und sieht gut aus und ist Franzose, der versteht das. Das hält auch die Ehe spritzig, wenn du mal mit dem und er mal mit der ausgeht.«

Lily drohte mit dem Zeigefinger. »Na, nun ist es aber gut, Herr Fuchs. In meine Ehe mischen Sie sich nicht ein. Sie hat noch nicht einmal begonnen und schon geben sie uns Tipps, wie wir Pep reinbringen sollen. Glauben Sie mir mal, Pep haben wir genug!«

»Ja, noch, Engelchen, noch. Warte mal ab, wenn ihr länger zusammen seid und euch kaum seht, dann -«

»Wir haben nicht vor, uns selten zu sehen. Sie wollen, dass wir uns selten sehen. Lieber guter Papa Fuchs, nun setzen Sie sich mal anständig an Ihren Schreibtisch und denken sich was Hübsches für die Presse aus. Am besten werfen Sie es dem Mayenbach zum Fraß vor, der macht schon was draus.«

»Biste mit dem denn wieder gut? Mit dem Mayenbach?«

»Ich kann ihn nicht ausstehen, aber immerhin schreibt er die reizendsten Dinge über mich. Seit der die Haller verlassen hat, kann ich tun und lassen, was ich will, ich bin immer ohne jeden Makel.«

»Und der lässt dich jetzt auch in Ruhe? Also so persönlich?«

Lily zwinkerte dem Fuchs zu. »Weil Emanuel immer in meiner Nähe ist. Vor dem hat er Respekt. Er kann ihn nicht leiden, aber er fürchtet sich vor seinem brutalen Temperament, so hat er es genannt. Emanuel ist darauf sehr stolz. Männer sind manchmal wie Kinder, nicht wahr?«

»Sind wir, Engelchen, sind wir. Und wir sind es gerne. Das macht uns liebenswürdig und unwiderstehlich. Frauen lieben den kleinen Jungen in uns. Wenn wir den pflegen, dann schmelzt ihr Mädels dahin.«

Lily lachte. »Ich will Ihnen Ihren Glauben nicht nehmen und behaupte, ja, wir lieben euch dann ganz besonders.«

»Ja, wie? Etwa nicht? Kläre sagt das immer.«

»Ja, bestimmt tut sie das. Und dann sind Sie glücklich und geben Ruhe und sie kann tun, was sie möchte.«

»Lily, ich glaube fast, Babelsberg tut dir nicht gut. Du bist zynisch.«

»Zynisch? Nie nicht, das ist gesunder Menschenverstand.« Sie beugte sich nach vorne, nahm sein Gesicht in beide Hände und küsste ihn auf die Stirn. »So, ich muss flitzen, ich habe noch Massage und Maniküre vor mir und heute Abend das Essen mit Ihren Geldgebern. Wie viel soll ich denen aus den Rippen leiern? Was kostet die Französische Revolution?«

»So zehntausend sollten wir noch zusammenkratzen. Den Emanuel lässte aber heute zu Hause, ja? Die alten Geldsäcke wollen nun wirklich keine artige Verlobte begucken.«

»Zu bedauerlich, dass ich eigentlich auch keine alten Geldsäcke bezirzen mag. Ein dreckiges Geschäft, das wir beide betreiben.«

»Aber eines, dass dir Spaß macht, Engelchen. Die Haller ist auch da, also mach dich hübsch, dass du die ärgern kannst.«

»Pah, da stehe ich drüber!«

WIR KENNEN DAS Fräulein Schmitz gut genug, um zu wissen: Ja, sie steht darüber. Auf solche Gefechte ließ sie sich nicht ein. Schon gar nicht gegenüber der Haller, die von Lily stets mit überbordender Freundlichkeit in ihre Schranken gewiesen wurde.

Mariele Haller war in allem ihr glattes Gegenteil: silberblond, zerbrechlich zart, hochgewachsen, ätherisch - und ichbezogen wie keine Zweite. Einzig in ihrer angeblichen Lebensgeschichte ähnelten sich die jungen Frauen vom Film. So wie der fette Fuchs aus Liselotte die aufregende Französin mit königlich-sündiger Ahnengeschichte gemacht hatte, so hatte Louis Regardier seinen Star in das deutsche Mädchen aus dem Norden verwandelt. In Wirklichkeit hieß sie Sandrine de la Roubise, entstammte dem französischen Landadel und hatte mit der Fantasiegestalt Marie Haller nicht viel gemein. Die Kinogänger schwärmten von ihrer elfengleichen Anmut und glaubten, das Abbild eines keuschen Engels vor sich zu haben.

Es bescherte Regardier in Frankreich und Fuchs in Deutschland einiges an grauen Haaren und oftmals übles Sodbrennen, diesen Anschein aufrechtzuerhalten. Sandrines Deutsch war nach einem Jahr in Babelsberg nach wie vor holprig, während Liselottes Französisch dank ihres Verlobten und seiner Familie flüssig über ihre sinnlichen Lippen perlte. Kein Wunder, dass der fette Fuchs sie gerne wieder zur Französin machen wollte.

VOR ALLEM TIMOTHEUS Mayenbach unterstützte ihn dabei nach Kräften – seine Eigenliebe mochte noch immer nicht zugeben, dass er sich im letzten Jahr so sehr geirrt haben sollte. Immer öfter brachte er in seinen Artikeln den Verdacht unter, es sei ein dreifaches Spiel, dass der erfolgreiche Filmproduzent Fritz Fuchs mit ihnen allen gespielt habe. Nicht die Behauptung, Lily DuPlessis sei eine Französin, die sowohl von Kardinal Richelieu als auch von der echten Kameliendame abstamme, sei eine Lüge gewesen, sondern die nachfolgende Entdeckung, Lily sei eine Bonnerin namens Liselotte Schmitz. Schmitz nun ausgerechnet! Das sprach doch Bände! Schmitz – das nannte man den rheinischen Adel, das war ein deutlicher Hinweis auf die wahre Geschichte. Ja, dann war die DuPlessis halt in Bonn bei kleinen Leutchen aufgewachsen, das mochte schon sein. Aber man musste sie sich ja nur einmal ansehen: Wie sie die Hüften schwenkte, ohne sich dessen bewusst zu sein. Wie Liebesdurst und Glut aus ihren braunen Augen schimmerte. Wie ihr dunkles Haar so wild um ihr lockendes Gesicht sich legte. Nein, da steckte mehr dahinter!

Eine Woche lang war er ihr treuer Begleiter gewesen, so flocht er es immer wieder in seine Lobeshymnen ein, und er hätte es bemerkt, wäre sie nichts weiter als das kleine Provinzfräulein, als das der Fuchs sie hinstellte. Das war ein schlauer Schachzug von dem, das schon. Das Publikum liebte sie nun noch mehr. Aber das Publikum war ja nicht dumm, das Publikum brauchte diese Lügen nicht, das Publikum wollte die Wahrheit! Die Geschichte des schönsten Mädchens der Leinwand, das von seinen Eltern in höchster Not ausgesetzt wurde, als sie eben durch Bonn reisten. Dort wurde es von den herzensguten Schmitzens aufgezogen, die das Schicksal so vieler aufrechter Deutscher teilten: Invalidität durch den Krieg, Hunger durch die Inflation, aber Durchhaltevermögen und Tatkraft en masse besaßen sie. Und natürlich übermenschliche Liebe zu dem fremden Kind. Ja, so musste es gewesen sein, da war Timotheus Mayenbach sicher.

Timotheus war sich gerne sicher. Das lag in seiner Natur. Selbstzweifel kannte er kaum, sie tarnten sich gut, wenn sie denn einmal auftraten. Die kurzen Anwandlungen von Unsicherheit, die fegte er hinweg. Er war DER Kritiker des deutschen – ach, was! – des internationalen Films. Jung, attraktiv, unbestechlich, wortgewandt und zudem erfolgreich bei den Damen der Branche – nein, er sah wahrlich keinen Grund, weshalb er mit sich unzufrieden sein sollte. Er hatte den Bogen einfach raus, er wusste, wie man an pikante Anekdoten kam, wie man Zweideutigkeiten so verpackte, dass sie alle begeistert waren, der Redakteur ebenso wie die Leser und die Schauspielerinnen. Davon lebte er gut. Das Gehalt könnte höher sein, das schon. Aber all die Präsente, die man ihm zukommen ließ, all die in fremden Betten verbrachten Nächte, die Delikatessen und auserlesenen Spirituosen, in deren Genuss er tagtäglich kam, die waren das bisschen Arbeit mehr als wert. Das Schreiben seiner Lobschriften fiel ihm leicht; er hatte sich angewöhnt, diese noch im Bett der momentan Begünstigten zu verfassen, während diese ihm schmachtend an der Schulter lehnte. Er glaubte, die sinnliche Stimmung übertrüge sich auf den Leser, der sogleich von einem wollüstigen Schauer getrieben sich aufmachte, Karten für die nächste Vorstellung zu erstehen.

Nun – es war drei Uhr am Dienstag des 17. April 1928 – stand Timotheus vor seinem Ankleidespiegel und striegelte sein Blondhaar. Er zog seinen Schlips zurecht, strich die Weste glatt und schlüpfte in sein Jackett, das der Schneider seinen Wünschen gemäß im Schulterbereich besonders »verstärkt« hatte. Ach, sagen wir es, wie es ist: Timotheus war ein hübscher Jüngling, doch wenn es eines gab, was ihn gelegentlich unzufrieden machte, dann war das seine eher schmächtige Statur. Seit er jedoch ausreichend Geld zur Verfügung hatte, glich er diesen Mangel mit hoher Schneiderkunst aus. Das mit dem Mangel hört er nicht gerne, also bitte meine Damen, kichern Sie nicht zu laut, ansonsten bemerkt er uns.

Er schlüpfte also in dieses Jackett, betrachtete sich von oben bis unten und setzte sein Straßengesicht auf: Ein wenig kühl, ein wenig desinteressiert an dem Plebs, der ihm begegnen mochte, aber höflich und mit einem Hauch von Eile – ein Herr, der wichtige Angelegenheiten zu regeln hat und deshalb seiner Wege geht, bis einer Dame es gelingen mochte, seine Aufmerksamkeit auf einen Augenblick abzulenken. An diesem Gesicht hatte er lange gearbeitet und es gelang ihm prächtig, wie er fand. Nun noch den Hut verwegen in die Stirn gedrückt und dann verließ er seine kleine Wohnung, die er übrigens ebenfalls mit Sorgfalt dekoriert hatte. Die Besucherinnen fanden hier die Heimstatt eines jungen Herrn, der über Intellekt wie Geschmack verfügte und sich nicht scheute, zwischen Kunstbänden und philosophischen Schriften auch seichte Romane und erotische Novellen zu präsentieren. Das beeindruckte die Damen stets, was vielleicht auch daran lag, dass diese selten ein Buch in die Hand nahmen.

Wie dem auch sei, Timotheus war ein rundum zufriedener junger Mann. Oder wäre es, nagten nicht zwei oder drei Dinge an ihm:

Noch immer – oder schon wieder – glaubte er sich unsterblich verliebt in Lily DuPlessis, die er vor dem Franzmann zu retten gedachte.

Weiterhin störte er sich, ich erwähnte es, daran, dass er einer Finte des fetten Fuchses aufgesetzt sein musste, und plante daher, bald nach Bonn zu reisen und sich dort mit den angeblichen Eltern seiner zukünftigen Braut zu unterhalten.

Und drittens litt er scheußlich unter den Nachstellungen Marie Hallers, die ihm seinen Auszug nicht verziehen hatte und montags drohte, dienstags beleidigte, mittwochs sich ihm an den Hals warf, donnerstags allen möglichen Fräulein von Timotheus' Arglist vorlog, freitags mit Selbstmord drohte, samstags mit anderen Männern flirtete und sonntags vorgab, die Liebe ihres Lebens in irgendeinem Knilch gefunden zu haben.

Aber all diese Aufgaben gedachte Timotheus Mayenbach in den nächsten Wochen zu bewältigen. Voller Selbstbewusstsein trat er auf das Trottoir und machte sich auf in die Redaktion des Berliner Blickpunkt.

Ein reizender Abend

DA EILTE SIE dahin, die Lily DuPlessis. Mit wehendem Rock und klackernden Absätzen, einem glücklichen Lächeln auf dem reizenden Gesicht und ohne zu bemerken, wie Passanten beiderlei Geschlechts ihr verzückt nachsahen. Derlei hatte sie schon in ihren Bonner Zeiten nicht wahrgenommen; in ihrer Bescheidenheit war sie noch ganz Liselotte Schmitz.

So rasch flitzte sie über die Straßen, dass niemand wagte, sie anzuhalten, um ein Autogramm zu erbitten, weshalb Lily – so sie denn darüber nachdachte – annahm, kein Mensch erkenne sie. Noch trug sie ihr Filmkostüm mit seinem starken Make up, was im hellen Tageslicht alles andere als unauffällig war. Manche Vorübergehenden sahen sich um, weil sie annahmen, eine Kamera müsse an der Ecke stehen, und machten sich wohl insgeheim Hoffnungen auf eine eigene Karriere im Kintopp. Aber wie gesagt, all das bemerkte Lily kaum.

Jetzt öffnete sie den Eingang zum Schönheitssalon und stürmte hinein, begleitet vom melodischen Geläut der Türglocke. »Liebes Fräulein Muthmann, sagen Sie, bin ich zu spät? Schicken Sie mich wieder fort?«

Die junge Frau zog ein Schnütchen, wie sie es gerne tat, seitdem ihr ein Verehrer gestanden hatte, wie hinreißend sie dann aussah. Obwohl sie sämtliche Termine der nächsten zwei Wochen auswendig kannte, blätterte sie konzentriert in dem Tischkalender. Es wirkte nun einmal eindrucksvoller. Mit dem Finger fuhr sie die Zeilen entlang, zog die Brauen zusammen, blickte hoch und lächelte beruhigend. Aber nein, Fräulein DuPlessis sei gerade noch rechtzeitig eingetroffen. Das war gelogen, Lily war sogar eine Viertelstunde zu früh dran, doch Fräulein Muthmann gab nicht gerne zu, wenn Kundinnen pünktlicher waren als nötig. Sie bat sie höflich, ihr nach hinten zu folgen.

In den ersten Stock stiegen sie hinauf, wo die Kabine in den Innenhof hinaus reserviert war. Wie immer stand das Fenster weit geöffnet und wie immer schloss Lily es wie nebenbei, den Rücken dem Fenster zugewandt. Es war ja in jedem Salon, in jedem Atelier der Stadt dasselbe: Die Angestellten mit ihrem niedrigen Lohn konnten der Versuchung selten widerstehen, wenn ein Reporter sie um Gefälligkeiten bat. In einem der Hinterhäuser stand einer von ihnen, die Kamera im Anschlag, und hoffte auf einen pikanten Schnappschuss. Das Fräulein Muthmann kassierte so jede Woche einen Zehner, den Lily ihr von Herzen gönnte, wenn sie auch wünschte, dieses Spiel fände endlich ein Ende. »Liebes Fräulein Muthmann, ziehen Sie den Vorhang noch ein wenig weiter zu, ich habe scheußliche Migräne. Ja, so ist es besser, meinen Sie nicht auch?«

Fräulein Muthmann war derselben Meinung; sie ging ja davon aus, dass ihr kleiner Nebenverdienst wegbräche, sobald der Schmierfink sein Bild bekäme. So kam er jede Woche, drückte ihr den Schein in die Hand und beschwor sein glückliches Schicksal. Er sah, sie tat ihr Bestes, ihm dazu zu verhelfen, und so war doch allen bestens gedient.

Lily seufzte, dann legte sie ihre Kleidung ab und schlüpfte in den zitronengelben Kimono, der für die Kundinnen bereit lag. Schon betrat Fräulein Mina aus Stockholm den Raum, begrüßte Lily herzlich und machte sich daran, deren müde Muskeln ordentlich durchzuwalken. Einige Male biss Lily sich auf die Lippen, um nicht laut um Hilfe zu schreien, aber das Gefühl nach der Massage war so himmlisch, dass sie tapfer durchhielt.

Nach Fräulein Mina kam Fräulein Lucy an die Reihe. Eine sanfte Person war das mit einem so leisen Stimmchen, dass Lily schon beim Versuch, sie zu verstehen, wegdämmerte. Willenlos überließ sie sich deren Händen, die das Make up entfernten und allerlei Cremes und Öle und Pasten in die Haut massierten. Während eine Packung einwirkte und Gurkenscheiben die Lider herab drückten, feilte Lucy die Nägel in Form und polierte sie auf Hochglanz. Lily hätte schnurren mögen. Ach ja, das Leben als Filmgöttin konnte schon einiges an Härte mit sich bringen …

TIMOTHEUS ATMETE TIEF durch, dann betrat er den Blumenladen. Einen ordentlichen Batzen seines lieben Geldes würde ihn das kosten, aber es diente ja einem guten Zweck!

»Guten Tag, der Herr. Womit darf ich dienen?«

Ein niedliches Ding war das, dachte Timotheus und vergaß auf einen Moment den Zweck seines Hierseins. Sehr niedlich war die mit ihren blonden Löckchen und den Grübchen auf der Wange.

Er strahlte sie an und sofort errötete sie vor Verlegenheit. Besonders warm klang seine Stimme nun, als er sie um einen prächtigen Strauß bat, der einer Göttin würdig sei.

Etwas zögerlich wandte sie sich ihren Vasen zu. Timotheus beeilte sich, ihr Genaueres zu erklären. »Sehen Sie, ich möchte die schönste Frau der Welt um ihre Hand bitten und ich möchte es mit Stil tun. Sie verstehen das. Wenn man sich noch nicht ganz einig ist, wenn es noch kleine Unsicherheiten gibt, dann ist es für die Dame gewiss sehr unangenehm, wird sie direkt nach ihrer Antwort gefragt, ohne dass sie Gelegenheit hatte, sich darüber Gedanken zu machen.«

Sie nickte artig.

»Sehen Sie, Ihnen geht es ebenso. Nun dachte ich, ich sende ihr diesen Strauß und meine Frage auf einem Kärtchen und überlasse es ihr, ob sie mich hernach aufsuchen will oder nicht. Das ist sicherlich ein Arrangement, das auch Ihre Zustimmung fände?«

Das sei es unbedingt, murmelte sie.

»Das habe ich mir gedacht. Stellen Sie mir einfach einen Strauß zusammen, der Ihrer Meinung nach meine Wünsche am besten verdeutlicht, und dann legen Sie diese Karte dazu, ja?«

Er schob ihr eine weiße Grußkarte aus dickem Pergament zu. Sie überflog die Nachricht und lächelte.

»Finden Sie die Frage zu kurz oder zu unromantisch, Fräulein?«

»Gar nicht, es – es wirkt sehr männlich und liebevoll, möchte ich meinen.«

»Und Sie binden mir den passenden Strauß?« Timotheus zog einen Schein aus seiner Brieftasche und legte ihn auf die Karte.

»Ich könnte Lilien und Orchideen mit einbinden in diesem zarten Rosé. Und weiße Rosen vielleicht?«

»Ich überlasse es ganz Ihnen. Sie liefern aus, nicht wahr?«

»Selbstverständlich. Wohin soll ich beides bringen lassen?«

Eine Visitenkarte drückte Timotheus in ihre Hand. »Heute Abend gegen sechs Uhr wäre es mir sehr recht. Denken Sie, die Dame wird mich aufsuchen?«

»Ich täte es.«

Zu und zu niedlich war sie ja, überlegte Timotheus. Nun ja, aufgeschoben ist nicht aufgehoben und wer weiß, eines Tages lasse ich sie mich küssen.

Höflich zog er seinen Hut, zwinkerte ihr zu und verließ beschwingten Schrittes das Geschäft. Nun noch rasch in die Redaktion und dann zum Abendessen.

ERFRISCHT UND ERQUICKT spazierte Lily – nun ganz Liselotte mit nacktem Gesicht und zurückgebundenen Haaren – die Strecke bis zu dem vornehmen Stadthaus, das der Fuchs für seine liebsten Mitarbeiter hatte herrichten lassen. Der berühmte Schriftsteller war mittlerweile ausgezogen und so hatte Fritz Fuchs die Wohnung unterm Dach an Emanuel vergeben, der dort an den Drehbüchern schrieb, die man von ihm verlangte.

Das war sehr praktisch, denn schliefen die anderen Bewohner noch nicht, so setzte er sich in den Speiseaufzug, um Lily heimlich zu besuchen. Allerdings hatte die Opernsängerin vom dritten Stock erst vor wenigen Tagen ihr Lorgnon gezückt und Lily einer genauen Betrachtung unterzogen, bevor sie den Kopf schüttelte und verschwörerisch flüsternd um das Geheimnis bat.

Lily hatte verdutzt die Schultern gezuckt und ebenso zurückgeflüstert, sie wisse nicht, was gemeint sei.

Die Sängerin wies auf die schlanke Taille der anderen. »Na, Tag und Nacht rattert doch der Speiseaufzug zu Ihnen und ich kenne ja Frau Weiß‹ gute Küche. Wie schaffen Sie es nur, so schlank zu bleiben bei all dem, was Sie vernaschen?«

Lily hatte sich an das Ohr der Dame gebeugt und erklärt, das liege gewiss daran, dass das, was sie vernasche, ein gewisses Maß an Beweglichkeit erfordere. Damit hatte sie sich freigemacht und gleich darauf Emanuel erklärt, sie müssten sich etwas anderes einfallen lassen. Seitdem erlebte sie jede Nacht einen bangen Moment, wenn Emanuel sich von seiner Fensterbank aus auf ihren Balkon fallen ließ. So konnte das nicht weitergehen, es wurde ja allerhöchste Zeit, dass sie heirateten, bevor er sich den Hals brach!

ES SCHLUG FÜNF Uhr, als Herr Schwarz ihr die Türe aufhielt und sich nach ihrem Tag erkundigte.

»Ein ganz wunderbarer letzter Drehtag war das, vielen Dank, lieber Herr Schwarz. Und ich denke, ein ganz reizender kleiner Film ist uns da gelungen. Ich bin gespannt, was Sie sagen werden. Sie werden doch zur Premiere kommen, der Fuchs hat Ihnen die Karten schon gesandt, ja?«

»Das hat er, gnädiges Fräulein. Ich bin davon überzeugt, es wird wie stets ein ergreifendes und erhebendes Erlebnis zugleich sein.«

»Sie sind lieb, aber loben Sie mich nicht zu früh. Sagen Sie, meinen Sie, Frau Weiß kann mir noch einen Tee hinaufschicken, bevor ich zu diesem grässlichen Abendessen muss? Und vielleicht einige Kekse? Oder sogar ein winziges Omelett? Ich werde nie verstehen, weshalb Männer einen zum Essen einladen und dann entsetzt sind, wenn man wirklich etwas essen mag. Sie scheinen allesamt zu glauben, eine Frau lebe von Luft und Liebe und einem Blatt Salat.«

»Aber, gnädiges Fräulein, wenn ich mir das anzumerken gestatten darf: Wenn Sie dorthin gehen und nicht mehr als ein Salatblatt verspeisen, dann werden sie es niemals besser wissen.«

»Das ist richtig, aber ich möchte nicht diejenige sein, die es ihnen beibringt. Wissen Sie, was dann geschehen wird? Das kann ich Ihnen sagen, ich habe es versucht. Sie schauen mich an, als wäre ich ein schleimiges Monster mit drei Köpfen und glühenden Augen. Da bestellte ich mir also eine leichte Suppe, ein Gratin und ein klitzekleines Dessert und kaum, dass ich zwei Löffelchen intus hatte, da guckte mich der Dickste von ihnen an und fragte mit so einer ganz entsetzten Stimme, ob ich das wirklich alles essen wolle? Also wirklich? Das alles? Und noch bevor ich antworten konnte, da drehte der sich um und meinte zu seinen Kollegen, dass ich vielleicht nicht die Richtige für diese wichtige Rolle sei. Die Drehzeit solle doch über mehrere Wochen sich ziehen und am Ende würde man mich wohl vor die Kamera rollen müssen! Na, also Danke, das muss ich nicht noch einmal erleben. Und dazu musste ich noch lieb lächeln und den Mund halten! Glauben Sie mir mal eines, dem hätte ich gerne eine gescheuert. Aber so, dass der nicht mehr gewusst hätte, ob er Männlein oder Weiblein ist. Da haben Sie’s! So läuft das nämlich!«

»Dann bitte ich Frau Weiß also rasch um Tee, Omelett und Kekse. Wann müssen Sie los? Ist das Taxi schon bestellt?«

»Ich denke, ich muss um Viertel nach sechs los. Und ja, bitte ein Taxi bestellen, das hat der Fuchs bestimmt wieder vergessen. Mein lieber Herr Schwarz, Sie sind der Beste.«

Herr Schwarz verbeugte sich leicht, wartete, bis Lily im Lift verschwunden war, dann klingelte er Frau Weiß an, die in Wirklichkeit Gräulich hieß und seine Gemahlin war. Und eine knappe halbe Stunde später ratterte schon der Speiseaufzug heran und Lily machte sich über ihr erstes Abendessen her, während Emanuel ihr zusah.

»Sag, geliebtes Weib, wann kann ich dich zurückerwarten?«

»Na, das weiß der Teufel! Wenn die alten Kerls erst einmal ins Quatschen kommen, dann lassen die mich so schnell nicht aus ihren Fängen. Ich glaube, einer aus Hollywood kommt auch, da will der Fuchs bestimmt, dass ich länger bleibe. Und deine Sandrine ist auch eingeladen …«

»Sie ist nicht meine Sandrine. Soll sie nehmen, wer will, ich bin nur froh, dass ich sie los bin. Außerdem ist sie in Timotheus vernarrt.«

»Ja, sie ist ganz schön heruntergekommen. Erst liebte sie dich, nun ihn – es ist doch traurig, wie es so mit einer Frau bergab gehen kann.«

»Lieben tut Sandrine niemanden, nur sich selbst. Sie hätte zu gut zu Mayenbach gepasst.«

»Das schon, ja. Aber ich bin ganz froh darum, dass es aus ist zwischen beiden. Sie hasst mich doch sehr und sie hätte dafür gesorgt, dass er fiese Sachen über mich schreibt.«

»Das tut er nun wirklich nicht. Im Gegenteil fällt mir in letzter Zeit zunehmend auf, wie schwärmerisch er von dir spricht. Ich befürchte, er wird dir bald wieder lästig fallen wollen.«

»Und wenn schon. Dann verpasst du ihm wieder einen Schwinger gegen sein Kinn.«

»Ich bin entsetzt, mit welcher Wonne du davon sprichst, ich solle andere Männer verprügeln. Bist du ein so blutrünstiges Weib? Oder siehst du in mir nur den rohen Klotz?«

»Beides vermutlich. Ich bin eine herzlose Kannibalin, eine gemeine Kriegerin, eine männerverzehrende Abenteuerin, eine Kanaille … liebst du mich?«

»Ich habe nun viel zu viel Angst, um mit Nein zu antworten.«

Lachend warf sich Lily in seine Arme. »Du, es ist zu schade, dass ich gleich losmuss, ich hätte zu große Lust, dich für deine Frechheiten zu bestrafen.«

»Ich kann es nicht erwarten. Aber nun sei eine brave Männerverderberin, kleide dich um und flitze zu deinem Abendessen, wo du ihnen den Kopf verdrehst. Wenn es dir recht ist, schreibe ich hier unten weiter und wärme nachher das Bett an.«

»Das ist mir sehr recht. Um was geht es in deinem Drehbuch? Ist eine Rolle für mich drin?«

»Wenn du einen alten Kapitän der Nordmeere spielen willst oder seinen betrunkenen Maat, dann schon.«

»Klingt hübsch langweilig. Wird das so ein Männerfilm, in dem die Wellen ständig über das Schiff schlagen und am Ende nur einer zurückkehrt?«

»So ungefähr. Sie sterben alle.«

»Wenn das mal keine gute Laune macht. Wie sehe ich aus, kann ich so los, werden Sie mir ihr Geld geben? Sehe ich aus wie Lily, ja?«

»Lily von Kopf bis Fuß. Sie werden dir Geld und Seele schenken.«

»Aber du, du magst die Liselotte lieber, ja?«

»Ich vergöttere sie.«

»Und Lily?«

»Liebe ich auch. Nun versuche nicht, mich aufs Glatteis zu führen, dein Taxi hupt schon.« Er zog sie in seine Arme, küsste sie behutsam auf die Stirn und schob sie hinaus auf den Flur.

KURZ NACH HALB sieben erhoben sich fünf Herren unterschiedlicher Statur, um Fräulein DuPlessis gebührend zu empfangen. Majestätisch senkte sie den Kopf zur Begrüßung und schritt an einem Jeden vorbei, gewährte ihnen ihre Hand zum Kusse, umarmte nur den fetten Fuchs freundschaftlich und setzte sich dann auf den ihr zugedachten Platz. Sie zügelte ihr Temperament, als sie Timotheus eintreten sah.

Wie der gleich auf sie zueilte, wie er sie devot-dämlich anstierte und wahrhaftig den Stuhl ihr gegenüber ergatterte – Lily wurde es übel bei seinem Anblick. Am Ende hatte Emanuel recht? Konnte dieser Mensch nicht woanders hinschauen? Er irritierte sie aufs Höchste.

Ein Ober trat an den Tisch und flüsterte Fritz Fuchs etwas ins Ohr. Der lauschte gespannt, dankte dem Angestellten und erhob sich. Mit dem Messer schlug er dreimal an sein Sektglas und erwartungsvoll blickte die versammelte Runde ihn an. »Meine verehrten Herren, allerverehrteste Lily. Lassen Sie mich danken für Ihr Erscheinen und uns einen unvergesslichen Abend wünschen, der vielleicht noch etwas prächtiger hätte werden können, wenn auch das entzückende Fräulein Haller hätte anwesend sein können. Eben ließ sie vermelden, sie läge mit Übelkeit darnieder. Sie bittet Sie alle um Verzeihung, aber da sie mitten in einem Dreh ist – in den ja einige von Ihnen investiert haben! -, möchte ich sie nicht hierher zwingen und somit ihren Ausfall über die nächsten Tage riskieren. Dafür haben Sie alle Verständnis, wie ich weiß.«

Die Herren applaudierten ihm – sie alle gaben ihrem Geld den Vorrang vor der Gesellschaft einer schönen Frau, das verstand sich von selbst.

Lily schwankte zwischen Erleichterung und Verdruss: Jede Stunde ohne Sandrine war eine gute Stunde, aber dass sie nun alleine zwischen all den Männern saß, gefiel ihr gar nicht. Lieber wäre sie bei Emanuel, als sich hier plumpe Schmeicheleien und abgeschmackte Komplimente anzuhören.

Es war immer das Gleiche: Wie sie denn zum Film gekommen sei, ob sie einen bestimmten Typ Mann bevorzuge, welches ihre Traumrolle sei, ob sie denn einmal Zeit für ein harmloses tête-à-tête habe, mit wem sie am liebsten würde drehen wollen und dass sie die aufregendste oder reizendste oder hübscheste oder eleganteste oder liebenswürdigste Frau sei, die er jemals getroffen habe. Und nie durfte sie die Wahrheit sagen, mit den Augen rollen oder laut aufschreien, nein, immer blieb sie verbindlich, kokett und unnahbar zugleich. Es wunderte sie mit jedem dieser Erlebnisse mehr, weshalb nicht Frauen die Geschicke der Welt lenkten – es konnte wohl kaum eine Aufgabe geben, die sich nicht mit diesem Maß an Diplomatie und Beherrschung meistern ließe, das für einen solchen Abend nötig war.

Zwei der Herren kamen wahrhaftig aus dem fernen Hollywood: groß gewachsen, breitschultrig und braun gebrannt der eine, der andere recht klein und wieselig. Lange Zeit hörten sie nur zu, dann schlug der Große auf den Tisch. »Fuchs, das ist alles schön und gut. Aber genug jetzt mit den Nettigkeiten, lassen Sie uns übers Business reden. Hier, Ihre Lily, die könnten wir schon groß rausbringen. Gute Beine hat sie, feines Gesichtchen – könnten wir was draus machen. Wie viel soll uns der Spaß denn kosten, wenn wir die Kleine für ein Jahr ausleihen? Die ist doch unkompliziert, oder? Also arbeitet fleißig, ist sauber und anständig?«

Er hatte es auf Englisch gefragt und Lily hatte Mühe, ihn trotz ihrer Englischstunden zu verstehen. Aber was sie verstand, gefiel ihr gar nicht. Der sprach ja über sie, als sei sie eine Milchkuh! Und immer weiter quäkte der was von moralischem Verhalten, kleinem Häuschen, Reklame und einer Schönheitsoperation. Ihre Nase war ihm nicht klein genug und ihr Gesicht zu gesund! Ja, hatte der denn seinen Verstand verloren?

Lily sprang auf, vergessen waren Diplomatie und Beherrschung. Sie arbeitete fleißig, ja, und bestimmt wäre es spannend, in Amerika Filme zu drehen, aber mit so einem Kerl? Niemals! »Es tut mir sehr leid, Mr. McKinnear, aber ich habe Verpflichtungen in Deutschland und Frankreich bis in das nächste Jahr hinein und Sie werden verstehen, dass ich mein Wort nicht brechen mag.«

Erstaunt blickte der hoch, tuschelte mit dem Kleinen und klatschte dann in die Hände. »Gute Show, Fuchs, eine gute Show. Sie verstehen zu pokern. Also, Sie machen den Film über die Revolution, setzen mir da die englischen Titel zwischen und dann testen wir mal, ob Ihr Zuckerpüppchen auch genug Sex für den amerikanischen Markt hat. Und wenn das gut läuft, dann packen Sie sie im Herbst aufs Schiff und wir kümmern uns um den Rest.«

Eben noch erreichte der fette Fuchs Lilys Handgelenk, die zu gerne um den Tisch gelaufen wäre, um Mr. McKinnear ihre Meinung handfest darzulegen. »Na, John, da reden wir demnächst nochmal drüber, wie Mademoiselle bereits sagte: Vertraglich ist sie eng gebunden, da müssten wir uns einigen. Jetzt machen wir uns erstmal einen netten Abend.«

Doch die Amerikaner standen auf. »Heute nicht, Fuchs, zu viel zu tun. Wir sind gleich noch mit zwei anderen verabredet. Große Shoppingtour in good old Europe, nicht wahr?«

Noch einmal riss Lily sich zusammen und verabschiedete sich höflich von beiden, wobei der Kleine ihr die Hand drückte und wisperte, sie solle die Reden seines Bosses nicht zu ernst nehmen, der spiele gerne mal den Cowboy. Sie schwieg und nickte. Eines war klar: Mit dem Cowboy würde sie unter keinen Umständen zusammenarbeiten, da gab es kein Vertun!

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, flüsterte der fette Fuchs ihr zu, da gäbe es bessere Geschäftspartner als den und sie solle sich keine Sorgen machen.

»Wenn Sie mir was versprechen, dann mache ich mir immer Sorgen.«

»Engelchen, da kannste nachher mit mir streiten, jetzt lächel und zeig den alten Knaben hier, weshalb sie ihr Portemonnaie öffnen sollen.«

LILY VERZAUBERTE SIE alle. Die einen schwelgten in nostalgisch verklärten Jugenderinnerungen, die anderen hofften auf eine goldene Zukunft, aber sie alle zückten ihre Scheckbücher und kauften sich ihre namentliche Erwähnung im Filmabspann und ein Premierenfest mit der DuPlessis. Auch Lily war es zufrieden, sie waren ja allesamt harmlose, alte Herren, die ihr nicht zu nahe traten.

---ENDE DER LESEPROBE---