9,99 €
Ein berüchtigter Serienmörder auf der Flucht – Der dritte und persönlichste Fall für Kriminalkommissar Joachim Fuchs und Fallanalystin Lara Schuhmann.
Frankfurt am Main: Einem inhaftierten Serienmörder gelingt die spektakuläre Flucht aus dem Hochsicherheitstrakt. Von Kriminalhauptkommissar Joachim Fuchs und der Fallanalystin Lara Schuhmann gejagt, zieht der entflohene Killer eine blutige Spur durch die Stadt. Fuchs und Schuhmann sind ihm dicht auf den Fersen, als das Unfassbare geschieht: Jemand aus ihrem nächsten Umfeld wird brutal ermordet. Und alles deutet auf einen grausamen Racheakt hin …
Die »Fuchs & Schuhmann«-Thriller:
Totenblass (Bd. 1)
Rachekult (Bd. 2)
Morddurst (Bd. 3)
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 700
Veröffentlichungsjahr: 2023
Buch
Frankfurt am Main: Einem inhaftierten Serienmörder gelingt die spektakuläre Flucht aus dem Hochsicherheitstrakt. Von Kriminalhauptkommissar Joachim Fuchs und der Fallanalystin Lara Schuhmann gejagt, zieht der entflohene Killer eine blutige Spur durch die Stadt. Fuchs und Schuhmann sind ihm dicht auf den Fersen, als das Unfassbare geschieht: Jemand aus ihrem nächsten Umfeld wird brutal ermordet. Und alles deutet auf einen grausamen Racheakt hin …
Autor
Frederic Hecker wurde 1980 in Offenbach am Main geboren. Er studierte Medizin in Frankfurt und hat nach seiner Promotion im Institut für Rechtsmedizin zwei chirurgische Facharztbezeichnungen erlangt. Heute lebt er mit seiner Frau und ihren beiden Hunden in Hannover, wo er als Plastischer Chirurg tätig ist. Seine Freizeit widmet der große Krimifan dem Schreiben. Mit seinem Debütroman »Totenblass« begeisterte er sofort viele Leser*innen. Über das Ermittlerpaar Lara Schuhmann und Joachim Fuchs hat er bislang drei Thriller mit medizinischem Hintergrund geschrieben. Weitere Bände sind in Vorbereitung.
Von Frederic Hecker bereits erschienen
Totenblass · Rachekult · Morddurst
Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvalet und www.instagram.com/blanvalet.verlag
Frederic Hecker
Thriller
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Trotz sorgfältiger Recherche und Nachforschungen konnten leider nicht alle Rechteinhaber*innen ermittelt werden. Bei berechtigten Ansprüchen wenden Sie sich bitte an den Verlag.
Copyright © 2023 bei Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Ivana Marinović
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de
Umschlagmotiv: Braintree and Bocking Auctions
JaB · Herstellung: sam
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-28647-7V001
www.blanvalet.de
Für meine Freunde
Auch Monster brauchen Liebe, das weiß die ganze Welt; sei nicht gar so abweisend, falls eines um dich anhält.
Unbekannt
Wie schreibt man einem Mörder?
Einem Mann, der junge Frauen getötet hat. Wie kann ich ihm vermitteln, dass uns etwas Einzigartiges verbindet, damit er mich erwählt? Bestimmt bin ich nicht die einzige Person, die ihm schreibt. Wie also hebe ich mich von den anderen ab?
Über jedes Detail habe ich mir Gedanken gemacht: das Papier, die Farbe, den Duft. Doch die schwierigste Frage bleibt die nach dem Inhalt der Zeilen. Zwei Blatt des edlen Papiers habe ich schon zerknüllt, die nun wie Mahnmale vor mir auf dem Schreibtisch liegen. Es wird mir doch wohl gelingen, diese Zeilen zu Papier zu bringen … Doch wenn ich an ihn denke, bin ich emotional zu aufgewühlt; als würde mein Verstand aussetzen.
Ich atme tief durch, zähle bis zehn, spüre mein Gesäß auf der Sitzfläche und die Füße geerdet am Boden. Richte Blatt Nummer 3 vor mir aus. Hyazinth, wie die Verkäuferin sagte. Ein paar Nuancen heller als Flieder, welches sich zwei Fächer weiter befand. Sie kannte sich wirklich aus, und der Laden bot die größte Auswahl an Papier, die mir je untergekommen ist. Allein bei den Violetttönen reihten sich mehr als zehn verschiedene Briefbogen mit dazu passenden Kuverts auf den hölzernen Ablagen aneinander. Die Dame dozierte über die verschiedenen Bedeutungen der Farben und erklärte, dass Violett für das Geheimnisvolle, für königliche Opulenz sowie Extravaganz stehe. Zudem solle es die Fantasie beflügeln. Spätestens da war meine Wahl getroffen. Während die Papierfrau die Qualität ihrer Waren anpries, warf sie mit Herstellernamen um sich, als handele es sich dabei um Modeschöpfer, die jeder kennen müsse, nur hatte ich von keinem davon je gehört. Doch es gefiel mir, mit welcher Hingabe und Leidenschaft sie ihren Beruf ausübte. Die gleiche Hingabe, die auch ich mit meinen Briefen an den Tag legen will.
Wie schon die Male zuvor entscheide ich, den Duft aufzutragen, bevor ich mit dem Schreiben beginne, damit die Tinte nicht verschwimmt. Also greife ich erneut zum Flakon, schraube den Deckel ab und drücke auf den Zerstäuber. Auch beim Parfüm habe ich eine sorgfältige Auswahl getroffen. Die floralen Akzente von Madonnenlilie, Mairose und Jasmin in der Kopfnote, der Hauch von Moschus mit seinem herb-animalischen Geruch in der Herznote sowie holziger Amber mit der bittersüßen Tonkabohne in der Basisnote ergeben eine wundervolle Komposition. Begriffe wie Reinheit, Sinnlichkeit und Geborgenheit gehen mir durch den Kopf, während ich mit geschlossenen Augen dasitze und rieche. Dieser Duft dürfte jeden Mann faszinieren und wird wohl auch bei ihm nicht seine Wirkung verfehlen.
So schöpfe ich neuen Mut, öffne die Augen, sammle mich und greife abermals zum Füller. Aller guten Dinge sind drei, denke ich, und während die Feder über das strukturierte Papier kratzt, sprudeln die Worte nur so aus mir heraus.
Dieter Sänger klopfte an, obwohl die Zellentür offen stand. Er tat dies weder aus Anstand noch zur Wahrung der ohnehin kaum vorhandenen Privatsphäre, sondern aus demselben Grund, aus dem er sich nicht an einen bissigen Hund anschleichen würde.
Der blonde, drahtige Häftling, der am anderen Ende der Zelle mit dem Gesicht zur Wand an seinem Tischchen hockte und wieder einmal nichts anderes tat, als dazusitzen, war immer höflich zu ihm gewesen. Dennoch hatte Sänger in all den Jahren einen Riecher für die Menschen entwickelt. Gerade für jene hier drin. Und bei diesem Verbrecher war ihm vom ersten Moment an klar gewesen, dass er anders tickte als der Rest der Insassen im Block. Sänger war sicher, dass dies nicht nur daran lag, dass er wusste, weshalb der Mann saß. Im Grunde war jeder im Hochsicherheitstrakt mit Vorsicht zu genießen. Trotzdem war dieser Mann auf eine kaum greifbare Art anders. Aalglatt und verschlagen. Dennoch schaffte es Sänger, seine persönliche Meinung hintanzustellen. Sein Credo lautete stets: Solange mich die Gefangenen freundlich und respektvoll behandeln, können sie das Gleiche von mir erwarten.
»Post!«, rief er, da der Häftling auf sein Klopfen nicht reagiert hatte.
Erst jetzt drehte sich der Gefangene um und streckte ihm seine sehnige Hand entgegen. Eine verspiegelte Brille verdeckte seine Augen.
Sänger betrat die Zelle, übergab ihm den Brief.
»Nur einer?«, fragte der Häftling.
»Ja, heute mal nur einer. Dafür ist aber ein Foto drin. Also … es fühlt sich zumindest so an.«
Der Gefangene grinste, weshalb Sänger sich ertappt fühlte. Doch er ließ sich nichts anmerken. Da die Staatsanwaltschaft ohnehin alle Briefe der Untersuchungsgefangenen öffnete – mit Ausnahme von Anwaltsschreiben –, um diese auf unerlaubte Beilagen wie Drogen, Geld oder die berühmte Nagelfeile zu überprüfen sowie den Inhalt der Zeilen zu überfliegen, ließ auch Dieter Sänger es sich nicht nehmen, in einem günstigen Moment und von den Kameras unbeobachteten Winkel hin und wieder einen Blick in die Briefe zu werfen. Was ihn bei diesem Häftling natürlich besonders reizte.
Und auch heute war das, was er da zu lesen bekommen hatte, haarsträubend gewesen.
»Danke«, sagte der Häftling und wandte sich wieder um. Mit ruhigen Bewegungen zog er den lilafarbenen Papierbogen aus dem Umschlag und platzierte ihn vor sich auf dem Tisch, wobei ein unverkennbarer Hauch von Damenparfüm durch die Zelle schwebte. Das Kuvert mitsamt Foto legte er scheinbar desinteressiert beiseite. Dann nahm er sich eine Plastiklupe, mit der er sich über den Brief beugte.
»Brauchen Sie Hilfe beim Lesen?«, fragte Sänger.
»Wirklich aufmerksam von Ihnen«, antwortete der Insasse, »aber das bekomme ich schon irgendwie hin.« Er wandte sich um. »Und … netter Versuch.«
Sänger gab sich brüskiert. »Was heißt hier netter Versuch?«
Wieder grinste der Häftling auf diese gänsehauterregende Art. »Dass Sie mir mit Ihrem Hilfsangebot zu suggerieren versuchen, Sie seien neugierig auf den Inhalt. Dabei wissen wir doch beide, dass Sie ihn längst gelesen haben.« Nun lächelte er fast schon nachsichtig. »Und mit Ihrer indignierten Reaktion eben werden Sie auch keinen Schauspielpreis gewinnen.« Er tippte sich an die Schläfe, hob zum Abschied die Hand und wandte sich wieder um. »Schönen Tag noch.«
Nachdem der Schließer merklich angefressen von dannen gezogen war, legte Richard Dorn Blatt und Lupe beiseite.
Endlich wieder ein Brief von ihr!
Von allen Weibern, die ihm schrieben, reizte ihn die mysteriöse K. am meisten. Er liebte die geheimnisvollen Umschreibungen ihrer Person genau wie die kleinen Rätsel, die sie ihm aufgab. Sie war zweifelsohne überdurchschnittlich intelligent und schien aufrichtiges Interesse an ihm zu haben. Wenn sie nur annähernd so aussah, wie er sie sich vorstellte …
Er zog das Foto aus dem Kuvert. Spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte.
Komm schon, sei bitte kein hässliches Entlein!
Als er sie sah, zog sich sein Magen zusammen, allerdings auf die denkbar angenehmste Art und Weise. Hätte er in diesem Moment mit dem Wärter gesprochen, ihm wäre wahrscheinlich das Wort im Halse stecken geblieben.
Ungläubig drehte er das Bild. Zu seiner Freude zeigte der Rückseitendruck, dass es sich um ein echtes Foto handelte, das erst vor Kurzem entwickelt worden war. Rasch wendete er es wieder mit der Bildseite nach oben und merkte, wie sich die blaue Stoffhose in seinem Schritt ausbeulte. Er lehnte das Bild gegen den Sockel der Schreibtischlampe und betrachtete es. Seine Kehle war staubtrocken. Nicht zu fassen! Das hier war zu gut, um wahr zu sein!
Als er wieder den Brief zur Hand nahm, fiel ihm die feine Maserung des Papiers auf. Er lächelte. Diese Farbe und das Büttenpapier konnten kein Zufall sein. Sie reagierte eindeutig auf das, was er ihr geschrieben hatte: seine Lieblingsfarbe sowie die Tatsache, dass er nach dem Tod seiner Eltern deren Schreibwarenladen weitergeführt hatte. Zumindest, bis ihm die Dorfbewohner zu Leibe gerückt waren …
Als er den Brief näher an seine Augen heranführte, um ihre elegante, fast kalligrafische Schrift zu erkunden, stieg ihm wieder dieser zarte Duft in die Nase. Vorhin, als dieser lästige Dummkopf noch da gewesen war, hatte er das geflissentlich ignoriert. Doch jetzt schloss er die Augen und schnupperte, ließ den Duft in all seinen Nuancen auf sich wirken. Herrlich … Was für eine reine, klare Komposition. Sie ließ sich wirklich immer wieder was einfallen und bewies dabei jedes Mal aufs Neue Geschmack. Das Papier, die Rätsel, das Parfüm.
Dann wollen wir doch mal sehen, was sie schreibt, dachte Richard Dorn und begann zu lesen.
Der Lärm im Gebäude war ohrenbetäubend. Wummern. Grollen. Metallisches Kreischen. Als wäre jemand mit einem Presslufthammer zugange.
Trotzdem hörte Kriminalhauptkommissar Joachim Fuchs seinen Atem, ein scharfes Keuchen, als er mit gezogener Waffe durch den Korridor schlich. In seiner Schutzausrüstung sah er aus wie ein Jetpilot von der Army. Am liebsten hätte er sich Helm und Brille vom Kopf gerissen, da sie sein Blickfeld einengten, doch ein Verzicht auf die Ausrüstung kam in dieser Situation nicht infrage.
Trotz besten Frühlingswetters drang kaum Licht ins Gebäude. Vor die Fenster waren Lamellenvorhänge gezogen. Zudem waren sämtliche Lampen aus. Bestimmt war die Sicherung rausgedreht. Gleich könnte er auf den Geiselnehmer treffen. Er wusste, wie brenzlig solche Situationen waren, wenn sich der Feind in der Dunkelheit versteckte, während man selbst im hellen Türdurchgang ein leichtes Ziel abgab.
Fuchs duckte sich, preschte vor, schwenke den Schussarm nach rechts. Es dauerte einen Moment, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und er den kompletten Raum erfassen konnte. Einen Augenblick zu lang, wie ihm klar wurde, denn hätte sich die Zielperson hier drin verschanzt, wäre er jetzt vermutlich tot. Oder die Geisel. Doch zum Glück war der Raum leer. Also weiter.
Vor zur Tür, den Gang prüfen. Blick nach links und nach rechts, dann wieder raus auf den Flur.
Er schlich weiter, verharrte in der Bewegung, weil er glaubte, etwas wahrgenommen zu haben; ein Geräusch, das sich von dem Getöse abhob. Doch da war es wieder weg, und er hörte nur diesen Lärm.
Als er den Türrahmen des nächsten Raums erreichte, drückte er sich gegen die Wand, hielt inne und visualisierte seinen Bewegungsablauf. Er war sich fast sicher, dass der Gegner dort auf ihn wartete. Die Frage war nur, ob er auch die Geisel bei sich hatte.
Joachim Fuchs holte Luft, duckte sich, stürmte los. War wie immer in solchen Situationen verwundert, wie schnell das Gehirn Eindrücke prozessierte. So kramte es beim Anblick der großen Schrankwand und dem Sichtfenster zum Nachbarraum innerhalb von Millisekunden eine Erinnerung an den Chemieraum seiner alten Schule hervor, bevor ein visueller Reiz sie verdrängte, da er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Noch bevor er darüber nachdenken konnte, waren die nächsten Nervenimpulse geflossen. Zum einen zur Muskulatur, was ihn herumwirbeln ließ. Zum anderen zu seiner Sehrinde, welche die Umrisse einer Gestalt registrierte. Erst auf den zweiten Blick bemerkte Joachim die Frau, die vor dem Mann kniete und eine Pistole an den Kopf gehalten bekam.
Automatisch zielte Fuchs. Sah, wie auch der Gegner die Waffe hob, und spürte fast im selben Moment, wie ihn etwas am Arm streifte. Reflexhaft drückte er ab. Einmal. Zweimal. Hob die Schusshand höher, feuerte ein drittes Mal, woraufhin der Kopf des Feindes verräterisch zuckte.
Doch die Erleichterung währte nicht lange, denn da flog eine der Schranktüren auf und ein weiterer Mann sprang hervor.
Wo zur Hölle kam der jetzt her? Hatte er es mit mehreren Gegnern zu tun?
Noch bevor dieser auf ihn zielen konnte, hatte Joachim drei weitere Schüsse abgegeben.
Rasch blickte er zur Geisel, die unverletzt schien.
Da hörte er hinter sich wieder dieses Geräusch, ein elektrisches Surren, und ahnte, um wen oder besser was es sich dabei handelte. Rasch machte er einen Satz zur Seite. Sah im Sprung, dass die Gestalt ebenfalls abrupt die Richtung wechselte und nun mit abgehackten Bewegungen auf ihn zukam. Die Arme des Torsos baumelten seitlich am Rumpf, in einer Hand lag ein Messer.
Joachim wich aus, zielte, hörte in rascher Folge hinter sich das Zerplatzen von Patronen und zog deshalb seinerseits den Abzug.
Plopp. Plopp.
Doch da tauchte die nächste Silhouette im Türrahmen auf. Ein riesenhafter Schatten, der sich hinter einem deutlich kleineren Mann zu verstecken versuchte, während er ihn im Würgegriff hielt. An der Statur dieser Geisel erkannte Joachim, dass es sein Kollege Olaf Kern war. Mit dieser Wendung hatte er nicht gerechnet.
Abermals hob er die Pistole, zielte und schoss. Traf den Hünen an der Schläfe, hörte aber, wie Olaf aufjaulte. Verdammt!
Da rief eine andere Stimme: »Stopp!«
Augenblicklich erstarb der Lärm, und die Leuchtstoffröhren unter der Decke flackerten auf.
Fuchs sah zu dem Mann hinüber, der sich mit erhobener Hand an Kern und Huber vorbeidrängte. »Waffe sichern und holstern! Ende der Übung.«
Fuchs ließ den Schussarm sinken, hob eine Braue und grinste. »Das war aber so nicht abgesprochen.«
»Ich fand, es lief eindeutig zu glatt für dich«, sagte Mattuschek, trat auf ihn zu und klopfte ihm auf die Schulter. »Bis auf die Tatsache, dass du Olaf erschossen hast, war das eine astreine Vorstellung. Vor allem für dein Alter.«
»Du kannst mich mal«, gab Joachim zurück. »Fünfzig ist das neue dreißig, sagt Sophia immer.«
»Was soll sie auch anderes sagen? Ist sie nicht selbst erst um die dreißig?«
»Spar dir deinen Neid. Sag mir mal lieber, was ihr mit eurem beinlosen Segway-Fahrer hier gemacht habt?« Er gab dem Roboter einen Klaps. »Der geht ja ab wie die Luzie. Ist der getunt?«
»Ein bisschen.« Mattuschek grinste, während er die rote Windjacke inspizierte, die er der Puppe vor der Übung übergezogen hatte, welche nun an zwei Stellen blaue Kleckse aufwies. »Hast ihn trotzdem erwischt. Zwei gute Treffer mit garantiert mannstoppender Wirkung. Nicht übel.« Er musterte Fuchs und fragte fast schon beleidigt: »Und du hast gar nichts abbekommen?«
Joachim untersuchte den Ärmel seines Schutzanzugs, wo er den Streifschuss bemerkt hatte. »Doch, hier am Arm. Geht aber nicht auf das Konto eures Selbstschussroboters, sondern auf seins.« Er nickte in Richtung des Geiselnehmers hinter der Tür, der in gespielter Siegerpose die Faust in die Luft stieß.
Lara Schuhmann, die die Geisel gemimt hatte, erhob sich und klopfte ihre Kleidung ab. »Ich bin unverletzt, wie es aussieht.«
»Gott sei Dank«, sagte Fuchs und zwinkerte Lara zu, »ich könnte mir ein Leben ohne dich gar nicht mehr vorstellen.«
Während Lara belustigt den Kopf schüttelte, gab Mattuschek Fuchs die Hand. »Wirklich gut, Joachim. Kann man nicht anders sagen.«
Da klopfte es an die Scheibe. Der Beamte im Nachbarraum, der die Übung durch das Sichtfenster gefilmt hatte, schwenkte ein Handy in der Luft und deutete auf Fuchs.
Der nickte und wechselte den Raum.
Dort angekommen, schirmte der Kollege das Mikrofon ab, sprach aber dennoch so leise, dass Joachim fast von seinen Lippen ablesen musste.
»Kreiling ist dran. Für dich. Was ist denn da los?«
Fuchs zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Wieso?«
»Weil der Chef klingt, als stünde das Barometer auf Sturm.«
Der Nebel, der die Stadt am Morgen eingehüllt hatte, als Joachim Fuchs zum Trainingsgelände gefahren war, hatte sich inzwischen verzogen, um einem sonnigen Apriltag Platz zu machen. Nur in Joachims Kopf schwebten drei dunkle Wolken. Die eine, weil Kreiling ihm partout nicht gesagt hatte, was er von ihm wollte, obwohl die Angelegenheit offenbar dringend war. Immerhin hatte er alles stehen und liegen lassen sollen, um sofort ins Präsidium zu kommen. Dabei hatte er einen Mordshunger und wäre lieber mit Lara zu ihrem Stamm-Thailänder zum Mittagstisch gegangen. Die zweite Wolke rührte von der kühlen Feuchtigkeit in der Luft, die ihm das Atmen erschwerte, was erneut seine Angst aufflammen ließ, dass hinter diesem, seit letztem Jahr wiederkehrenden Symptom doch etwas anderes stecken könnte, als sein Arzt vermutete. Trotzdem zündete Joachim sich eine Zigarette an. Wie sollte er auch sonst seine Nerven beruhigen? Ein Teufelskreis. Der dritte Grund für sein trübes Gemüt war die Tatsache, dass er Olaf über den Haufen geschossen hatte. Es war zwar nur eine Übung gewesen, die anders abgelaufen war als besprochen und die er zudem als Bester absolviert hatte, doch er bezweifelte, dass er im Ernstfall ebenso gut performt hätte.
Er öffnete die Beifahrertür seines BMW. Bemerkte die dicke Schicht Blütenstaub, die den Lack gelb gefärbt hatte. Den könnte er auch mal wieder durch die Waschstraße fahren. Wenn es doch nur etwas Vergleichbares für die menschliche Psyche gäbe, dachte er, als er sein Handy aus dem Handschuhfach nahm, das er dort verstaut hatte, um während der Übung nicht gestört zu werden. Seine absurden Gedanken an eine Kopf-Waschanlage für die Psychohygiene gerieten ins Stocken, als er den verpassten Anruf vom Festnetzanschluss seiner Ex-Frau entdeckte. Was zur Hölle wollte die denn von ihm? Wenn das nicht zusätzlichen Stress verhieß … Er überlegte, den Rückruf zu vertagen, schließlich wollte er sich die Laune nicht noch weiter ruinieren lassen. Andererseits würde ihm sein vermaledeites Gehirn eh keine Ruhe gönnen. Also konnte er genauso gut zurückrufen und mit etwas Glück die vierte, soeben aufgezogene Wolke auflösen.
Er drückte die halb aufgerauchte Zigarette aus, verstaute den Stummel in einem Filmdöschen, das er in die Mittelkonsole legte, schloss die Beifahrertür und stieg in den Wagen, wo er das Handy in die Halterung steckte. Dann drückte er den Rückrufbutton.
Claudine meldete sich nach dem zweiten Klingeln mit einem freudigen Singsang. Das klang besser als erwartet, dachte Joachim. Offenbar leuchtete wenigstens seiner Ex-Frau die Sonne aus dem Allerwertesten.
»Du hattest angerufen«, stellte er so zuckersüß fest, als trügen sie ein Duell der Glückseligkeit aus.
»Ja-ha, habe ich. Leider muss ich jetzt los. Das Taxi steht schon draußen. Habe einen Arzttermin.«
»Und dann hast du so gute Laune?«
Sie dämpfte die Stimme. »Ja, ist wahrscheinlich nichts.«
»Aber wenn nichts ist, muss man doch nicht zum Arzt«, konterte Joachim, wobei er wesentlich alarmierter klang, als ihm lieb war.
»Wie gesagt, ist wahrscheinlich nichts Schlimmes. Ich habe nur seit einer Weile immer wieder das Gefühl, als würde ein Vögelchen Flugübungen in meiner Brust veranstalten. Im Internet steht, dass das in den meisten Fällen harmlos ist. Aber ich möchte es lieber mal abklären lassen.«
»Das höre ich ja zum ersten Mal, dass im Internet steht, etwas sei harmlos«, entgegnete er. »Immer wenn ich mal ein Zipperlein googele, habe ich gleich Krebs oder eine andere unheilbare Krankheit. Außerdem – wieso fährst du mit dem Taxi, wenn es dir so gut geht?«
»Weil Lothar meinen Wagen hat. Seiner steht in der Werkstatt.« Ihre Stimme wurde wieder ein Trällern. »Eigentlich wollte ich dir ja deinen Sohn geben. Da kommt er nämlich gerade. Unser Musterschüler!«
Im Hintergrund war Benjamins Stimme zu hören, dem der Freudentaumel seiner Mutter eher auf den Nerv zu gehen schien.
»Ich habe deinen Vater in der Leitung. Wie wär’s, wenn du es ihm selbst erzählst?«
Ein launisches Murren, dann war sein Sohn am Apparat. »Hi.«
»Hi, Großer. Erzähl – was hat deine Mutter derart in Hochstimmung versetzt?«
»Ach … Ist ja noch gar nicht spruchreif.«
»Was ist nicht spruchreif?«
»Meine Lehrerin hat mich heute angesprochen und gesagt, dass sie sehr überrascht von meiner Leistung war.«
»Heißt konkret?«
»Eigentlich darf sie mir ja noch gar nichts verraten, und die Klausuren müssen auch noch von einem anderen Lehrer korrigiert werden – aber alles in allem scheint sie zufrieden mit dem, was ich da von mir gegeben habe.«
»Dann fehlt jetzt nur noch das Mündliche, oder?«
»So sieht’s aus.«
»Und was denkst du selbst? Gutes Gefühl?«
»Joa, mündlich ist ja nur Kunst. Da wird mir schon was einfallen, das ich denen erzähle.«
»Ich bin superstolz auf dich, mein Sohn«, sagte Joachim und dachte: Wenn ich mir überlege, dass du die Schule letzten Sommer noch schmeißen wolltest …
»Ja, schon gut.«
»Nein wirklich, ganz toll, Benjamin. Halt mich bitte auf dem Laufenden, wenn du was Neues hörst, okay?«
»Klar, mach ich.«
Sie verabschiedeten sich. Als Joachim auflegte, bemerkte er das Grinsen, das an seinen Mundwinkeln zupfte. Vielleicht würde dieser Tag ja doch noch gut werden. Sofern es Kreiling nicht gelänge, ihn wieder runterzuziehen.
»Herein!« Dem Dezernatsleiter war die Anspannung selbst durch die Bürotür anzuhören.
Fuchs trat ein und fand Hermann Kreiling mit von Sorgenfalten gefurchtem Gesicht hinter dem Schreibtisch vor. Er trug dasselbe Outfit wie immer: dunkler Anzug, helles Hemd. Handbreite rote Krawatte aus den Achtzigerjahren. Haarfarbe und Frisur wie üblich in einer perfekten Kopie Donald Trumps, sodass Joachim bisweilen geneigt war zu glauben, sein Chef hätte dem ehemaligen US-Präsidenten die Perücke geklaut.
»Herr Fuchs«, Kreiling wies auf den freien Stuhl gegenüber seinem Schreibtisch, »bitte setzen Sie sich.«
Obwohl er schon ewig in Deutschland lebte, verriet der breite Wiener Dialekt seine Herkunft.
Fuchs nahm Platz, kniff die Augen zusammen, als blendete ihn die Sonne, dabei war die soeben hinter einer Wolke verschwunden. »Sie machen es ja recht spannend, Chef.«
»Ich wollte das persönlich mit Ihnen besprechen. Mich erreichte eben der Anruf von einem gewissen Herrn Seiler.« Er neigte den Kopf. »Ihrem Gesichtsausdruck entnehme ich, dass Sie wissen, wer das ist?«
»Allerdings. Was wollte er?«
»Mit Ihnen sprechen.«
»Mit mir?«
»Ja. Genau genommen sprach er von einem Deal, den uns unser lieber Freund vorschlagen möchte.«
»Was denn für ein Deal?«
»Das hat er mir nicht verraten. Aber laut Aussage seines Mandanten soll es etwas sein, das wir unmöglich ausschlagen können.«
Fuchs schüttelte den Kopf. »Der will uns doch nur verarschen. Dem ist langweilig. Der hat zu viel Zeit im Knast.«
Kreiling presste die Lippen aufeinander. »Mag sein. Aber in Anbetracht des Beweisverwertungsverbots, das wegen des Falls immer noch wie ein Damoklesschwert über uns baumelt, sollten wir uns vielleicht mal anhören, was er will.«
»Chef, ich bitte Sie – Richard Dorn ist ein astreiner Manipulator. Ich werde ihm diesen Gefallen nicht tun. Und erpressen lassen dürfen wir uns auch nicht.«
»Sie sollen ja auch bloß mit seinem Anwalt reden.«
»Allein die Tatsache, dass er ausgerechnet mich dafür auserwählt hat, zeigt doch schon, dass er Spielchen mit uns treiben will. Ginge es ihm nur um den sachlichen Inhalt seiner Nachricht, hätte er es genauso gut Ihnen mitteilen können. Außerdem fürchte ich mich nicht vor Dorns juristischem Gegenschlag. Das ist bloß eine Farce. Für mich ist er wie ein in die Ecke gedrängtes Tier, das begreift, dass es verloren hat, und nun noch ein letztes Mal um sich schnappt. Der Kerl ist am Ende.«
»Und was, wenn er damit Ihrer Karriere schadet? Immerhin steht Ihr damaliges Vorgehen bei der Festnahme im Zentrum seiner Verteidigungsstrategie.«
»Dann muss ich das akzeptieren«, sagte Fuchs ungerührt, obwohl er innerlich nicht so abgeklärt war. »Warten wir doch die Verhandlung ab. Im Moment sind das bloß ungelegte Eier.«
»Ich denke, Sie sollten es trotzdem tun«, beharrte Kreiling.
»Was sollte ich tun?«
»Den Anwalt zurückrufen.«
»Ich halte das für keine gute Idee, Chef.«
»Habe ich zur Kenntnis genommen. Trotzdem.«
Fuchs verschränkte die Arme. »Trotzdem? Ich tanze aber nicht nach Dorns Pfeife.«
»Dann fassen Sie es eben als Dienstanweisung auf. Sie rufen diesen Seiler jetzt an.«
»Aber, Chef …«
»Kein Aber!«
Fuchs holte Luft, setzte zu einer Entgegnung an, doch sein Widerstand bröckelte unter Kreilings Blick. Normalerweise gab er nicht so rasch auf, doch offenbar war auch bei ihm die Saat der Neugier gekeimt, was der sadistische Mörder wohl von ihm wollte?
Bevor Joachim weiter darüber nachdenken konnte, wurde ihm ein Telefonapparat unter die Nase gehalten. Er quittierte dies mit einem Blick, der dem seines Chefs in Eisigkeit in nichts nachstand, nahm aber dennoch den Hörer von der Gabel.
Während Kreiling eine Nummer von einem Zettel ablas und wählte, drängte sich Joachim der Gedanke an einen Gesprächsmitschnitt auf, doch er schob den Einfall beiseite. Ein versteckter Lauschangriff wäre einem juristischen Sakrileg gleichgekommen. Erst recht bei einem Anwalt. Schließlich durfte auch deren Korrespondenz mit den Häftlingen nicht geöffnet werden, sosehr es der Staatsanwaltschaft auch in den Fingern jucken mochte. In manchen Belangen war die Gesetzgebung eben strikt und nicht unbedingt auf Seite ihrer Vertreter.
Doch ein Mithörer wäre sicher okay, beschloss Fuchs und drückte rasch die Lautsprechertaste, bevor Kreiling das Gerät wieder abstellen konnte.
Der zögerte, warf Fuchs einen Blick zu, ließ es aber dabei bewenden.
»Seiler«, tönte es aus dem Lautsprecher.
»Fuchs, Kripo Frankfurt. Sie wollten mich sprechen?«
»Toll, dass Sie sich zurückmelden, Herr Fuchs. Vielen Dank. Ich nehme an, Sie wurden über mein Anliegen informiert?«
»Nicht direkt. Wenn ich meinen Chef richtig verstanden habe, wollten Sie ihm gegenüber nicht so ganz mit der Sprache rausrücken.«
»Nun ja … mein Mandant wollte, dass ich das mit Ihnen bespreche. Er hat Ihnen einen Deal vorzuschlagen.«
»Ja, so weit wurde ich bereits informiert. Was für ein Deal soll das sein?«
»Das möchte er gerne persönlich mit Ihnen besprechen.«
»Ja, deswegen rufe ich ja an.«
Ein schnaubendes Lachen drang durch die Leitung. »Er dachte da eher an ein Gespräch unter vier Augen. Also von Angesicht zu Angesicht.«
Fuchs lachte auf. »Mit genau so einem Mist habe ich gerechnet. Falls Ihrem Mandanten langweilig ist, kann er sich doch mit den anderen Insassen die Zeit vertreiben. Ich jedenfalls habe keine Lust auf Spielchen. Entweder Sie erzählen mir jetzt, was er will, oder dieses Telefonat ist beendet.« Er sah kurz zu Kreiling auf, ob der mit seinem Vorgehen einverstanden war, konnte dessen Gesichtsausdruck aber nicht deuten.
»Herr Dorn fürchtete bereits, dass Sie so reagieren würden. Doch ich kann Ihnen versichern, dass ein Gespräch auch in Ihrem Sinne ist.«
»Ach ja?«
»Ganz sicher sogar. So wäre mein Mandant beispielsweise bereit – trotz Ihres fehlerhaften Vorgehens damals –, auf eine Amtshaftungsklage zu verzichten.«
»Wenn es wegen dieser Sache überhaupt ein Verfahren gibt«, konterte Fuchs. »Und dann sollten wir die Entscheidung, ob mein Vorgehen fehlerhaft war, doch dem Gericht überlassen, meinen Sie nicht?«
»Herr Fuchs, bei allem Respekt, aber die Reihe Ihrer Vergehen bei der damaligen Ermittlung ist kaum von der Hand zu weisen. Von Hausfriedensbruch über …«
»Hausfriedensbruch?«, fiel ihm Fuchs ins Wort. »Jetzt machen Sie sich doch nicht lächerlich! Wenn Ihr geistesgestörter Mandant glaubt, einen Hausfriedensbruch anzeigen zu können, obwohl er seinerzeit illegaler Besetzer dieses Hauses war, welches – ganz nebenbei erwähnt – einem seiner Opfer gehört hatte, kann ich das vielleicht noch verstehen. Wenn aber Sie als gestandener Jurist in dasselbe Horn blasen, muss ich leider Ihre Kompetenz anzweifeln.«
»Jetzt passen Sie mal auf«, sagte Seiler. Seine Stimme klang plötzlich anders. Tiefer. Voller. Gereizt. »Wir könnten ohne Probleme ein Beweisverwertungsverbot erwirken. Ist Ihnen das überhaupt klar?«
»Mir ist schon bewusst, dass Gerichte hin und wieder merkwürdige Entscheidungen fällen …«, sagte Fuchs betont ruhig, »… aber dass Ihr Mandant deshalb einen Freispruch oder eine Hafterleichterung erwirken kann, ist so gut wie ausgeschlossen. Das wissen wir doch beide.«
»Wir werden sehen, was wir erwirken können«, entgegnete Seiler spitz. »Es gibt so einige Winkelzüge, derer wir uns bedienen können. Schließlich muss auch noch geprüft werden, ob mein Mandant überhaupt zurechnungsfähig ist.«
Fuchs schnaubte. »Das ist Bullshit, und das wissen Sie.«
»Bullshit?«
»Ja, ganz genau. Korrigieren Sie mich, wenn ich falschliege. Aber soweit ich informiert bin, hat Ihr Mandant sich kürzlich bei einer Fernuni für das Jurastudium eingeschrieben. Und wenn er sich dabei wirklich so gut anstellt, wie ich gehört habe, kauft ihnen die Psychonummer kein Gericht dieser Welt ab. Falls er also vorhatte, diese Karte zu spielen, hat er sich mit dem Studium ein Eigentor geschossen. Wenn ihm aber sonst nichts gegen die Langeweile hinter Gittern einfällt, soll er ruhig klagen. Wir sehen uns dann vor Gericht.«
Fuchs wollte schon auflegen, da erhob Seiler die Stimme: »Es ist unerfreulich zu sehen, wie sich unser Gespräch entwickelt hat, Herr Fuchs. Doch wie mir scheint, sind wir vom eigentlichen Thema abgekommen: das Angebot, das Ihnen mein Mandant unterbreiten will.«
»Ach ja, richtig, ich vergaß … Lassen Sie mich raten: Er wird sich in allen Anklagepunkten schuldig bekennen und verzichtet auf die Amtshaftungsklage, wenn ich mich auf ein Pläuschchen mit ihm treffe.«
»Nicht nur das«, sagte Seiler. »Er ist außerdem bereit, Sie zur Leiche von Romina Liebermann zu führen.«
Bei der Erwähnung dieses Namens durchfuhr es Fuchs wie ein Blitz. Romina war die Tochter einer einflussreichen Frankfurter Familie, die im Frühjahr vor zwei Jahren verschwunden war. Bis heute fehlte von ihr jede Spur, obwohl die Eltern eine medienwirksame Suche losgetreten hatten, die jener nach Madeleine McCann in nichts nachstand.
»Sind Sie noch dran?«, fragte Seiler.
»Ja …«, antwortete Joachim gedehnt. Mit dieser Wendung hatte er nicht gerechnet. Zwar war ihnen zwischendurch mal der Gedanke gekommen, ob Richard Dorn nicht auch für Rominas Verschwinden verantwortlich sein könnte, doch der hatte andere Taten als die, die man ihm nachweisen konnte, stets abgestritten. Sechs Menschen hatte er ganz sicher auf dem Gewissen; wobei seine Kollegin, Lara Schuhmann, um ein Haar Nummer 7 geworden wäre. Und hätten sie ihn nicht erwischt, wäre ihm vermutlich auch Joachims Lebensgefährtin Sophia zum Opfer gefallen. Doch darüber wollte er jetzt lieber nicht nachdenken.
»Welche Gegenleistung verlangt Ihr Mandant für diese Information?«, fragte Fuchs, nachdem sich der erste Schreck gelegt hatte.
»Das möchte er, wie gesagt, persönlich mit Ihnen besprechen.«
Erneut suchte Fuchs Kreilings Blick. Hoffte, dass der den Kopf schütteln würde, doch sein Chef hob nur die Brauen und zuckte kaum merklich die Schultern. Da wurde Fuchs klar, dass Dorn sie am Haken hatte. Verdammt!
»Ach ja …«, schob Seiler hinterher, nachdem er Fuchs einige Terminvorschläge für einen Gefängnisbesuch unterbreitet hatte, »… da wäre noch etwas.« Man hörte ein leises, fast schon verlegenes Lachen. »Es ist mir zwar etwas unangenehm, aber mein Mandant nannte eine weitere Bedingung, die ich Ihnen mitteilen soll, was aber in Anbetracht dessen, was er Ihnen anbietet, kein allzu großes Problem darstellen dürfte.«
»Ich bin ganz Ohr«, sagte Fuchs.
»Er bat darum, dass Sie ihm einen heißen Premium Chocolate aus der Kakaostube mitbringen. Bitte mit viel Sahne und einem ordentlichen Schuss Karamellsirup.«
Dr. Volker Rammelt saß in seinem Stuhl. Die Hände gefaltet, betrachtete er seine Nägel. Zählte die weißen Flecken darauf. Früher hatte er geglaubt, die winzigen Wölkchen würden auf einen Mangel hinweisen; dass sein Körper Calcium brauchte. Oder war es Magnesium gewesen? Heute wusste er, dass dieses Phänomen völlig harmlos war und die Ursache eher in einer Verletzung der Nagelmatrix lag. Anstoßen der Nagelkante. Ungestüme Maniküre. Quetschungen des Endglieds. Solche Sachen. Warum er so viele davon hatte, wusste er nicht. Vom Nägelkauen vielleicht.
»Hören Sie mir überhaupt zu?«
Die Frage traf ihn völlig unvorbereitet. Rammelt sah auf, blickte in das Gesicht seiner Patientin, die ihren Kopf so weit vorgeschoben hatte, dass sie ihn an die alte Morla aus der Unendlichen Geschichte erinnerte. Dabei war die Frau weder alt noch faltig, sondern recht attraktiv. Sofern man auf Perlenketten, Louis-Vuitton-Handtaschen und einen verbitterten Gesichtsausdruck stand.
Rammelt spiegelte ihre Geste, wenngleich auf eine friedliche Art. »Selbstverständlich höre ich Ihnen zu. Haben Sie denn einen anderen Eindruck?«
»Hätte ich es sonst geäußert?«
»Dann tut es mir leid, wenn ich diesen Eindruck bei Ihnen erweckt habe, Frau Bechtolsheim.«
Der Blick der Patientin zuckte umher, wurde auf dem Beistelltisch fündig. Sie zog ein Papiertaschentuch aus dem Spender und betupfte sich behutsam die Augen. Entweder eine Übersprunghandlung mit Krokodilstränen, oder sie wurde wirklich von ihren Emotionen übermannt, dachte Rammelt. Bei dieser Frau schwer zu sagen.
»Ich glaube, er hat eine Affäre«, presste sie endlich hervor.
Rammelt neigte den Kopf. »Sie glauben?«
»Ach … eigentlich weiß ich es.«
»Und wie fühlen Sie sich mit diesem Gedanken?«
Sie sah ihn an. Mehr ein Starren. »Was glauben Sie denn, wie ich mich damit fühle?«
Rammelt schwieg. Als sie nichts weiter sagte, hakte er nach: »Haben Sie Ihren Mann mal darauf angesprochen?«
»Nein. Wozu auch?«
»Um Gewissheit zu erlangen.«
Ihre Lippen wurden schmal. »Sie hören mir wirklich nicht zu.«
»Doch. Sie sagten, dass Sie es eigentlich wüssten, nachdem Sie zuvor von glauben gesprochen haben, was in meinen Ohren so klingt, als würden Sie lediglich annehmen, dass Ihr Mann Sie betrügt.«
Bechtolsheim zerknüllte das Tuch. »Ich brauche ihn nicht zu fragen.«
Rammelt unterdrückte ein Seufzen. Wie ihm diese Frau auf den Nerv ging. Wie ihm dieser Job auf den Nerv ging. Wie hatte er sich all die Jahre nur das Gejammer der Leute wegen ihrer teils nichtigen Sorgen anhören können? Wenn es jemandem zustand zu klagen, dann ihm. Doch was hatte er getan? Er war aktiv geworden, hatte das Schicksal selbst in die Hand genommen. Auch wenn er nicht so recht wusste, wohin ihn das führte. Aber das würde die Zukunft noch zeigen.
Er merkte, dass ihn die Patientin taxierte, und stellte schnell eine weitere Frage: »Haben Sie Ihren Mann mal mit einer anderen Frau …?«
»Nein.«
»... oder einen anderen Beweis für seine Untreue entdeckt?«
Sie schluckte, schüttelte den Kopf.
Rammelt atmete durch. »Schauen Sie, Frau Bechtolsheim, vielleicht liegt genau hier das Problem. So wie mir das erscheint, reagieren Sie auf Eventualitäten. Auf Ereignisse, die vielleicht gar nicht stattgefunden haben.«
»Also sagen Sie, das sind bloß Hirngespinste.«
»Ich würde eher von Ihrer Interpretationsweise der empfundenen Wirklichkeit sprechen, auch wenn das etwas gestelzt klingt. Sie werden schon Ihre Gründe haben, warum Sie das annehmen. Insofern halte ich es nicht für bloße Einbildung. Aber ich würde gerne erfahren, weshalb Sie glauben, sich so sicher sein zu können.«
»Eine Frau spürt so etwas. Das können Sie als Mann vielleicht nicht verstehen.«
Rammelt lehnte sich im Stuhl zurück, das Kunstleder quietschte. Hatte er je eine Behandlung abgebrochen? Nicht, wenn er eine Patientin grundsätzlich für therapierbar hielt. Aber jetzt dachte er ernsthaft darüber nach. Nicht nur, weil ihn diese Schrulle so nervte, sondern weil ihm ganz andere Sachen durch den Kopf gingen. Wichtigere. Um ehrlich zu sein, hatte er genug von der verzerrten Wahrnehmung dieser frustrierten Ziege. In einer Hinsicht musste er ihr aber recht geben, da hatte ihre Wahrnehmung sie nicht getrogen: Er hatte wirklich nur mit einem Ohr zugehört. Besser, er zog einen Schlussstrich.
»Glauben Sie …«, tastete er sich zögerlich an die Frage heran, »… dass es vielleicht hilfreich wäre, wenn ich Sie an eine Kollegin überwiese?«
Bechtolsheim kniff ein Auge zu. »Sind Sie mit mir überfordert, oder wie darf ich das verstehen?«
»Ich habe nur das Gefühl, dass Sie sich bei einer Frau womöglich besser aufgehoben fühlen.«
»Hätte ich zu einer Frau gewollt, wäre ich zu einer gegangen. Außerdem wurden Sie mir empfohlen, da Sie angeblich der Beste auf Ihrem Gebiet sind.«
Rammelt wartete. Der Betonung nach war ihr Satz noch nicht zu Ende. Doch als sie wider Erwarten nicht weitersprach, schielte er demonstrativ zur Uhr. Noch vierzig Minuten … Gütiger Gott! Wie sollte er das bloß aushalten?
Nein, er würde sich ihr Gejammer nicht bis zum Schluss anhören. Heute nicht! Er würde dem Theater ein Ende setzen. Jetzt!
»Wieso denken Sie, dass ich meinen Mann darauf ansprechen sollte?«, kam ihm Bechtolsheim zuvor, nun ohne die geringste Spur von Aggression in der Stimme.
Rammelt befeuchtete seine Lippen, gab sich einen Ruck. »Weil Sie dadurch vielleicht aus diesem Teufelskreis aus Vermutung, Anfeindung sowie gegenseitigem Rückzug ausbrechen könnten.«
»Und Sie glauben, er würde seine Untreue zugeben?«
Rammelt verzog den Mund. »Das kann ich nicht sagen. Ich kenne Ihren Mann nicht. Was denken Sie?«
»Dass er es leugnet. Er kann einfach nicht riskieren, dass ich ihn vor die Tür setze, schließlich bin ich die mit dem Geld.«
»Aber solange Sie ihn nicht fragen oder sich anderweitig Gewissheit verschaffen, werden Sie weiterhin Vermutungen anstellen, Ihren Mann Ihren Missmut spüren lassen, woraufhin er wiederum mit Ablehnung reagiert, wodurch sich das ganze Spiel wiederholt.«
Sie hob den Kopf, sah zur Decke. Blinzelte Tränen weg.
»Ich denke, dass Sie Klarheit brauchen«, sagte Rammelt bestimmt und ergänzte mit einem spitzbübischen Lächeln: »Nicht dass dies ein typischer Psychologenratschlag wäre, aber Sie könnten auch einen Privatdetektiv anheuern. Die alles entscheidende Frage wäre aber, wie Sie damit umgehen, falls sich Ihr Verdacht bestätigt.«
Sie schnaubte, schob die Zungenspitze in die Backentasche, und Volker Rammelt konnte sehen, wie allein der Gedanke sie in Raserei versetzte.
»Ganz ehrlich?«, begann sie und begegnete seinem Blick. »Ich würde wollen, dass er leidet.«
Rammelt hob die Brauen, gab sich bestürzt, wie man es von ihm erwartete. Doch er musste sich eingestehen, dass ihm die Frau erstmals sympathisch war. Nicht nur, weil sie endlich mit ihrem Gejammer aufgehört hatte, sondern, weil er ihre Emotion – selbst wenn sie bei ihr durch banale Eifersucht ausgelöst wurde – aus tiefstem Herzen verstand.
Hinter Joachim Fuchs krachte die acht Zentner schwere Stahltür der JVA Frankfurt I ins Schloss. Er begrüßte die Beamten an der Personenkontrolle und stellte einen Pappbecher mit Plastikdeckel auf das Durchleuchtungsband. Während einer der beiden Männer die Daten von seinem Ausweis ablas, kontrollierte sie dessen Kollege hinter der Scheibe am Computer.
»Augenfarbe blau. Ein Meter dreiundneunzig. Ausstellungsdatum 7. Oktober 2020.« Nachdem er auch Adresse und Ausweisnummer diktiert hatte, gab er Fuchs die Karte zurück. Dann fiel sein Blick auf den Becher. »Ihren Kaffee dürfen Sie aber nicht mit reinnehmen.«
»Das ist kein Kaffee, sondern Kakao.«
»Macht keinen Unterschied«, kam es mürrisch zurück.
»Der muss aber mit rein. Ist auch mit der Gefängnisdirektion abgesprochen.« Fuchs wies zu einem Wandtelefon. »Können Sie gern überprüfen. Und ich möchte ganz klar betonen, dass es nicht meine Idee war, Ihrem Insassen diesen Gefallen zu tun.«
Der Beamte musterte ihn skeptisch, bevor er zum Hörer griff und sich mit der Gefängnisleitung verbinden ließ.
Derweil leerte Fuchs seine Taschen und legte den Inhalt mitsamt Gürtel in eine Kunststoffschale, die er dem Heißgetränk auf dem Band hinterherschickte.
Der andere Beamte hielt das Band zweimal an und starrte konzentriert auf den Bildschirm. Nachdem die Gegenstände die Röntgenröhre passiert hatten, nahm er einen davon aus der Schale und musterte ihn argwöhnisch von allen Seiten.
»Was ist das?«
Fuchs schmunzelte, nahm dem Beamten den würfelförmigen Gegenstand ab und demonstrierte klickend dessen Funktionsweise. »Soll die Nerven beruhigen.«
»Ah ja«, kam es gedehnt zurück.
In der Zwischenzeit hatte sein Kollege das Telefonat beendet und nickte Joachim zu. »Geht in Ordnung. Bitte stellen Sie auch Ihre Schuhe aufs Band.«
Fuchs folgte der Anweisung. Er wurde abgetastet und mit einem Handscanner untersucht, bevor man ihn noch durch einen Ganzkörperscanner schickte.
»Das ist mal gründlich«, bemerkte er.
»Hände über den Kopf und nicht bewegen«, kam es statt einer Antwort.
Fuchs verharrte in der gewünschten Pose, während zwei mannshohe Balkendetektoren um ihn herumfuhren.
Wenige Sekunden später sah der Beamte hinter dem Monitor auf. »Gut, Sie dürfen sich wieder anziehen. Gehen Sie dann bitte durch die nächste Glastür und warten Sie dort. Es wird Sie jemand abholen.«
Während Fuchs mit dem lauwarmen Becher in der Hand auf seine Eskorte wartete, spürte er, wie die Anspannung in ihm wuchs. Heute wehrte sich nicht nur sein Magen, sondern sein ganzer Verdauungstrakt. Am liebsten wäre er noch mal auf die Toilette gegangen, doch da kam ihm schon ein junger Wärter mit freundlichem Gesicht und blondem Undercut entgegen.
»Hallo! Sie sind Herr Fuchs?«
Joachim nickte.
»Ich bin Lasse Krupp.« Verwundert sah er auf den Becher in Joachims Hand. »Wo haben Sie den denn her?«
»Mitgebracht.«
»Und man hat Sie damit durchgelassen?«
»Ja, ich habe sozusagen eine Sondergenehmigung dafür.« Schief grinsend, hob er den Becher, als prostete er dem Beamten zu. »War eine der Bedingungen Ihres Häftlings, damit er mit uns kooperiert.«
Krupp schüttelte den Kopf, grinste ebenfalls. »Der Typ ist echt durch. Wissen Sie eigentlich, weshalb man Milchschaum auf Cappuccino macht?«
Fuchs verzog die Mundwinkel, während er überlegte. »Vermutlich, damit er besser schmeckt?«
»Dachte ich auch immer. Aber ursprünglich führte man das in der Gastronomie ein, damit der Kaffee länger warm bleibt.«
»Ach ja?« Fuchs hob die Brauen. »Übrigens ist das kein Kaffee, wie jeder hier denkt, sondern Kakao.«
»Kakao?«
»Ja, unser lieber Serienmörder bevorzugt Kakao mit Sahne und einem ordentlichen Schuss Karamellsirup.«
Jetzt lachte Krupp herzhaft. »Na gut, dann bringe ich Sie mal ins Verhörzimmer. Ihre Kollegen sind auch schon da und warten im Überwachungsraum nebenan.« Er ging voraus. »Waren Sie schon mal hier?«
Fuchs folgte ihm. »Nicht seit dem Umbau.«
»Dann kennen Sie also noch die alte Festung?«
»Genau.«
»Hätte ich ja auch liebend gern mal gesehen«, sagte Krupp. »War aber vor meiner Zeit. Soweit ich gehört habe, gab es da aber einigen Nachbesserungsbedarf, sowohl was die humanen Bedingungen als auch die sicherheitstechnischen Belange betraf. Der Architekt war schließlich der Meinung, man könne dies nur mit einem Totalabriss sowie komplettem Neubau umsetzen. Und entstanden ist letztlich …«, er machte eine ausladende Geste »… eines der sichersten Gefängnisse der Welt.«
»Im Ernst?«
»Ja. Wussten Sie das nicht?«
»Nein. Dass es eines der modernsten Europas sein soll, habe ich mal gehört, aber eines der sichersten der Welt?«
»Doch, tatsächlich. Die Außenmauern sind fünfzehn Meter hoch, und über den Innenhof ist ein Drahtnetz gespannt, das sogar Entweichungen mit dem Heli unmöglich macht, wie ja 2018 in Frankreich passierte.«
»Wie viele Häftlinge sitzen hier eigentlich ein?«, fragte Fuchs, dem die kleine Führung eine willkommene Ablenkung war und den der sympathische Krupp an sein jüngeres Selbst erinnerte, als auch er noch voller Enthusiasmus gesteckt hatte.
»An die sechshundert. Da wir eine reine Untersuchungshaftanstalt sind, haben wir eine recht große Fluktuation. Die meisten sind höchstens sechs Monate hier, bis sie in ihre endgültige Bleibe kommen oder eben einen Freispruch erhalten. Anders natürlich bei Herrn Dorn. Aber Sie wissen ja sicher selbst, weshalb sich die U-Haft bei ihm so zieht.«
»Allerdings«, knurrte Fuchs. Das wusste er nur zu gut, und es ärgerte ihn jedes Mal, wenn er daran dachte. Eigentlich hätte die Hauptverhandlung auch bei ihm nach spätestens sechs Monaten beginnen müssen, doch ständig tauchte ein neuer Grund auf, weshalb sie verschoben wurde. Und jedes Mal gewann Fuchs den Eindruck, dass Dorn den Gerichtssaal als Bühne missbrauchte. Sogleich kamen ihm die Bilder in den Sinn, wie Dorn vor die laufenden Kameras getreten war und ein Statement abgegeben hatte, als wäre er Sprecher einer Menschenrechtsorganisation.
»Es darf einfach nicht sein, dass einem in Deutschland so schweres Unrecht widerfahren kann. Erst recht nicht vonseiten derer, die das Gesetz eigentlich vertreten sollten. Man tut in den Reihen der Polizei offenbar alles, um die damaligen Geschehnisse zu vertuschen. Aber ich glaube an ein funktionierendes Rechtssystem in diesem Land und bin guter Dinge, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird.«
Joachim wäre am liebsten in den Fernseher gesprungen und dabei auch gleich Dorns Anwalt an die Gurgel gegangen. Der gedrungene Mann um die vierzig mit dem dunklen Haarkranz hatte zufrieden nickend neben seinem Mandanten gestanden, als sei er der stolze Vater, der aller Welt seinen patenten Sohn präsentierte. Wahrscheinlich sah dieser Schmierlappen in dem Fall des Serienmörders seine Chance, als Strafverteidiger groß rauszukommen. Dorn selbst war im grauen Designeranzug erschienen und hatte mit dem längeren, nach hinten gegelten Haar und der verspiegelten Sonnenbrille, die er zum Schutz seiner kaputten Augen trug, ausgesehen wie ein Filmstar auf dem roten Teppich.
Selbst bei der bloßen Erinnerung kam Fuchs die Galle hoch, doch da wurde seine Aufmerksamkeit von dumpfem Gebrüll angezogen, das über den Flur hallte.
Automatisch hielt er inne.
Krupp winkte ab. »Alles gut. Wir hatten heute nur eine kleine Revolte.«
»Eine Revolte?«
»Ja. Nichts Wildes. Irgendwie drehen ein paar der Häftlinge heute am Rad. Vielleicht ist ja Vollmond? Jedenfalls ist alles wieder unter Kontrolle.«
»Klingt aber nicht so.«
Krupp lachte. »Doch, doch. Sie können ganz beruhigt sein. Die Unruhestifter sind alle schon wieder in ihren Zellen. Ist bloß recht hellhörig hier drin. Wenn einer richtig Rabatz macht, hören Sie das im ganzen Trakt.« Er wies auf eine Kamera an der Decke. »Davon haben wir übrigens über vierhundert Stück im Gebäude. Allein im Verhörraum, in dem Sie gleich sein werden, hängen zwei.«
»Hm«, machte Fuchs, merkte aber, wie ihm der Gedanke gefiel, dass jeder Winkel hier drin überwacht wurde. Nicht nur, weil es für hohe Sicherheitsstandards sprach, sondern auch für einen gravierenden Mangel an Privatsphäre. Letztlich war ihm alles willkommen, was Richard Dorn das Leben schwer machte.
»Da wären wir«, verkündete Krupp, als sie vor einer grauen Metalltür ankamen. »Ich weiß ja, dass Sie sich auskennen. Trotzdem bin ich verpflichtet, Sie zu belehren. Reichen Sie dem Gefangenen keinesfalls irgendwelche Gegenstände, außer den Kakao, für den Sie ja offenbar eine Genehmigung haben. Und nehmen Sie bitte nichts von ihm an, falls er Ihnen etwas geben möchte. Halten Sie mindestens eine Armlänge Abstand. Falls der Häftling etwas aufzeichnen soll, liegen auf dem Tisch einige Bogen Papier und ein Biegebleistift aus Gummi. Wenn Sie Hilfe brauchen, wird das der Kollege im Nebenraum sehen und in kürzester Zeit jemand bei Ihnen sein. Wenn Sie das Verhör beenden möchten, heben Sie einfach Ihre rechte Hand und bleiben Sie sitzen. Dann kommt jemand rein und führt den Gefangenen ab. In Ordnung?«
Fuchs nickte.
Krupp schloss ihm auf.
»Viel Glück«, hörte er den jungen Wärter noch sagen, bevor die Tür hinter ihm ins Schloss krachte.
Mit einem Tisch und zwei Stühlen war der Verhörraum äußerst karg eingerichtet. Grauer Linoleumboden, beigefarbene Wände. In eine davon war ein Einwegspiegel eingelassen, durch den Lara Schuhmann mit ihrem Kollegen Martin Huber aus dem angrenzenden Überwachungsraum beobachtete, wie Joachim eintrat. Rechts neben ihnen stand Marco Seiler, Dorns Anwalt, mit dem sie seit dessen Erklärung, warum er dem Verhör beiwohnen wollte, kein Wort mehr gewechselt hatten. Da wollte dieser Lackaffe doch tatsächlich überwachen, dass sich die Polizei an alle Statuten hielt und nicht wieder auf den Grundrechten seines Mandanten herumtrampelte. Eine Frechheit, fand Lara. Dabei war ihr klar, dass auch Seiler nur seinen Job machte. Trotzdem war der Kerl ein Ekel und sein Mandant ein sexuell motivierter Serienmörder, der ihr regelmäßig im Traum erschien, um sie bis auf den letzten Tropfen ausbluten zu lassen. Lara schüttelte die Erinnerungen ab und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den Wärter vor sich, der hinter einem Pult mit zahlreichen Knöpfen saß, auf welchem ein Dutzend Monitore thronte, von denen zwei die Bilder der Kameras aus dem Verhörraum übertrugen.
Mit klopfendem Herzen beobachtete Lara, wie Joachim sich bewusst für den Platz entschied, von dem aus er die Tür im Blick behalten konnte. Garantiert widerstrebte ihm der Gedanke, dass Dorn hinter seinem Rücken hereingeführt wurde. Ihr wäre es jedenfalls so ergangen, und sie war heilfroh, das Geschehen aus der Distanz beobachten zu können. Bei der Vorstellung, ihrem Peiniger gegenübertreten zu müssen, wurde ihr speiübel. Selbst hier, hinter der verspiegelten Panzerglasscheibe und in Gesellschaft zweier Männer, hatte sie das Gefühl, ihr könnten jeden Moment die Beine wegknicken. Dazu noch dieses nervige Klicken, das aus den Lautsprechern zu kommen schien. Irrsinnigerweise musste Lara dabei an Spinnen denken, die mit ihren haarigen Beinchen auf der Lautsprechermembran herumtrippelten.
Sie schaute zu Martin, der mit seinen knapp zwei Metern unbehaglich von einem Bein aufs andere trat. In den zwei Jahren, seit sie als Fallanalystin in Frankfurt angefangen hatte, war er, neben Joachim und Olaf, zu ihrem verlässlichsten Teamkollegen geworden. Er hatte auch darauf bestanden, sie heute zu begleiten, und blinzelte ihr unter seiner dunklen Monobraue ermutigend zu. Sie erwiderte die Geste mit einem Lächeln.
Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde die Klinke runtergedrückt. Die Tür glitt auf und ein beleibter Wärter führte Dorn herein. Schlagartig beschleunigte sich Laras Puls. Vor ihrem inneren Auge blitzte die gleißende Wendel einer nackten Glühbirne auf. Das bucklige Mauerwerk und der bogenförmige Durchgang des Kellers, in dem eine Gestalt stand und sie anstarrte. Lara zuckte zusammen, als das Ratschen einer Schere ertönte. Dann erkannte sie, dass der Wachmann bloß die Nase hochgezogen hatte. Lara blinzelte, ließ kontrolliert die Luft aus der Lunge entweichen und richtete den Blick zurück auf die Scheibe.
Der damals schon schlanke Dorn schien in den vergangenen Monaten weiter abgenommen zu haben. Seine Arme wirkten sehnig und die Wangen eingefallen wie bei einem Totenschädel. Der blassen Haut nach hatte er seit seiner Inhaftierung keine Sonne abbekommen. Wahrscheinlich mied er die täglichen Hofgänge mit den anderen Knackis. Immerhin standen perverse Frauenmörder wie er in der Knasthierarchie am unteren Ende der Hackordnung, maximal eine Stufe über den Pädophilen. Da würde ihm auch seine Sehbehinderung keine Nachsicht verschaffen. Bei diesem Gedanken verspürte Lara Genugtuung, so unprofessionell diese auch sein mochte. Doch eine Sache irritierte sie, weshalb sie sich an den Wärter wandte.
»Wieso trägt er keine Handschellen?« Lara merkte, dass sie alarmierter geklungen hatte als beabsichtigt.
Der Wärter sah sie mit gerunzelten Brauen an, bevor er den Blick zurück auf die Bildschirme richtete. »Von hier ist noch keiner entkommen.«
»Es geht mir auch nicht darum, dass er abhaut, sondern um das, was er da drin anstellen könnte.«
»Dieses Vorgehen ist hier seit Jahren Usus. Die in Ketten gelegten Gefangenen, die in den Verhörraum geführt werden, gibt es nur noch im Film. Es sei denn, es handelt sich um wirklich gefährliche Burschen. Der hier wäre doch allein körperlich nicht in der Lage, irgendetwas auszurichten.«
»Außerdem sollten wir festhalten, dass mein Mandant seit seiner Inhaftierung ein Paradebeispiel guter Führung ist«, grätschte nun Marco Seiler dazwischen.
Der Wärter murmelte etwas, das niemand verstand, aber Lara hatte den Eindruck, dass selbst er von Seiler genervt war.
»Und Ihnen ist schon bewusst«, fuhr Seiler fort, »dass mein Mandant, dank Ihres Kollegen da drin, nahezu blind ist?«
»Dafür sind eine Handvoll junger Frauen dank Ihres Mandanten tot«, konterte Lara.
Seiler verzog das Gesicht, verkniff sich aber eine Erwiderung.
Lara konzentrierte sich wieder auf die Geschehnisse hinter der Scheibe. Hoffentlich blieb Joachim cool. Mit diesem Anstandswauwau von Anwalt durfte er sich keinen Fehler erlauben, der Dorn bei der Verhandlung in die Karten spielen könnte. Sicher wartete dieser Winkeladvokat nur darauf.
Joachim war überrascht. Dorn wirkte um einiges größer, als er ihn in Erinnerung hatte, was aber womöglich nur daran lag, dass er saß. Doch er wollte partout nicht aufstehen, damit es dieser Narzisst nicht als Höflichkeit oder – schlimmer – als Zeichen des Respekts auffassen konnte. Er blickte in die Spiegelung von Dorns Brillengläsern und sah dort eine doppelte rot-gelbe Miniaturversion seiner selbst.
Der Beamte, der ihm zur Begrüßung zunickte, ergriff Dorns Unterarm, um dessen Hand zur Stuhllehne zu führen. Nachdem der sie zu fassen bekommen hatte, rückte er sich den Stuhl zurecht und nahm etwas linkisch Platz. Dann legte sich das altbekannte Lächeln auf seine Lippen.
»Kommen wir gleich zur Sache«, ergriff Fuchs das Wort, bevor sein Gegenüber die Gesprächsführung an sich reißen konnte. »Ich bin hier.« Er schob ihm den Becher über den Tisch, sodass dieser Dorns Finger berührte. »Da ist Ihr Kakao. Und jetzt sagen Sie mir, wo Sie Romina Liebermanns Leiche versteckt haben.«
Wieder zupfte das Lächeln an Dorns Mundwinkeln. Als seine Finger aber den Becher umschlossen, erstarb es urplötzlich. »Der ist ja kalt.«
Fuchs schwieg, wartete ab, was als Nächstes kommen würde.
Da schob Dorn das Getränk von sich weg und verschränkte die Arme wie ein bockiges Kind. »Ich dachte, mein Anwalt hätte die Bedingungen klar kommuniziert.«
Joachim schielte zum Einwegspiegel, wo er aber nur sein Ebenbild erblickte: einen zunehmend ergrauten Ermittler, der kurz davor stand, die Beherrschung zu verlieren.
»Ich wollte einen heißen Kakao«, quengelte Dorn. »Das ist eine klar formulierte Bitte und kann so schwer doch nicht sein.«
Fuchs blieb reglos sitzen, bis ihm klar wurde, dass Dorn nicht einlenken würde. Kapitulierend stand er auf, schnappte sich den Becher und hämmerte mit der Faust an die Tür, die kurz darauf geöffnet wurde.
»Schon fertig?«, fragte der Wachmann verdutzt.
»Nein.« Fuchs hob den Becher. »Der Herr bemängelt die Temperatur des Getränks. Wäre es möglich, den Kakao aufzuwärmen?«
Der Wärter nickte mit einem undurchsichtigen Lächeln. Vielleicht war ihm in den Sinn gekommen, den Kakao so zu erhitzen, dass sich Dorn die Zunge verbrannte. Fuchs gefiel der Gedanke, weshalb er ebenfalls lächelte. »Vielen Dank. Ich warte hier draußen.«
Der Wachmann sperrte die Tür ab und verschwand ein Stück den Flur hinunter in einem Raum, von wo er nach zwei Minuten zurückkehrte.
»Hier, bitte. Aber aufpassen, ist heiß.«
Fuchs bedankte sich. Nachdem ihm die Tür wieder aufgesperrt worden war, ging er, den Becher mit spitzen Fingern haltend, zurück ins Verhörzimmer, wo Dorn noch immer lässig zurückgelehnt auf dem Stuhl saß und grinste. Am liebsten hätte Fuchs ihm die brühend heiße Flüssigkeit über den Kopf gegossen, doch er wusste, dass er sich keinen Fehltritt erlauben durfte. Heute war einhundertzehnprozentige Korrektheit angesagt, um der Gegenseite bloß kein Kanonenfutter zu liefern.
Kommentarlos nahm er Platz und stellte den Kakao auf den Tisch. Sogleich begannen die dürren Finger des Mörders wie Tentakel danach zu tasten. Nachdem Dorn fündig geworden war und den Deckel entfernt hatte, pustete er in den Becher, bevor er vorsichtig nippte.
»Na, hoppla!«, sagte er mit einem Lächeln. »Sie wollen wohl, dass ich mich verbrenne, was?«
Am liebsten würde ich dir dein selbstgefälliges Grinsen aus der Visage prügeln, dachte Fuchs, sagte aber in gemessenem Ton: »Jetzt sind Sie am Zug.«
Dorn stellte den Becher ab, nickte. »In Ordnung. Sie sollen sehen, dass ich zu meinem Wort stehe. Aber erlauben Sie mir zuvor noch eine persönliche Frage. Da ich jede Menge Wut und Verachtung in Ihrer Stimme höre, frage ich mich, ob Sie beim Anblick Ihrer hübschen Freundin Sophia nicht hin und wieder an mich denken müssen? Immerhin wären Sie sich ohne mich nie begegnet. Haben Sie darüber mal nachgedacht?«
Fuchs schwieg. Ihm war klar, was dieser Mistkerl vorhatte. Doch auf solch schlichte Manipulationsversuche würde er nicht eingehen.
»Sie sind doch ein kluger Mann, Kommissar Fuchs. Ich bin mir sicher, dass auch Ihnen bewusst ist, dass Sie der große Gewinner unserer Beziehung sind. Durch mich haben Sie, nach einer gescheiterten Ehe, die Liebe wiedergefunden, wie ich aus den einschlägigen Medien erfahren durfte. Von der Apothekerin zur Ärztin – nicht übel, Herr Kommissar. Außerdem habe ich Ihnen zu großer Berühmtheit verholfen. Ach …«, in einer theatralischen Geste ließ er den Kopf sinken, »… ich vergaß … Offiziell gelten Sie ja gar nicht als der Held der Geschichte. Sagen Sie, wie geht es eigentlich Ihrer reizenden Kollegin? Sieht Sie uns gerade zu?«
Fuchs verkniff sich einen Blick Richtung Scheibe und versuchte, sich zugleich seine Irritation nicht anmerken zu lassen. Dieses Arschloch wusste für seinen Geschmack viel zu viel über sein Privatleben … diese verdammten Pressefritzen hatten nach dem Fall letztes Jahr wirklich alles breitgetreten. »Sie wollten mir erzählen, wo die Leiche von Romina Liebermann ist.«
»Richtig. Bitte entschuldigen Sie mein Abschweifen, aber wir haben uns so lange nicht gesehen. Ich bin einfach neugierig, wie es Ihnen seit unserer letzten Begegnung ergangen ist. Wie ich gehört habe, sind Sie letztes Jahr um ein Haar bei einem großen Feuer umgekommen. Muss ziemlich knapp gewesen sein.« Lächelnd wies er zur Decke. »Wie es aussieht, hat der alte Herr da oben was für Sie übrig. Andererseits bin auch ich noch da. Vielleicht mag er uns ja beide. Oder es bereitet ihm einfach besonderen Spaß, uns zusammen in Interaktion zu sehen. Was meinen Sie?«
»Den Ort von Rominas Leiche, bitte.«
Dorn ließ den Kopf sinken, nickte. »Sie haben recht. Ich wollte Ihnen beweisen, dass ich zu meinem Wort stehe. Dass ich ein redlicher Häftling bin, der nur die allerbesten Absichten hat.« Er hob den Kopf. »Sind Sie bereit?«
Fuchs nickte. Als Dorn nicht reagierte – wahrscheinlich, weil er die Geste nicht sehen konnte –, antwortete Fuchs: »Bereit.«
»Gut. Dann wollen wir mal.« Dorn rieb sich die Hände. Seine Stimme erhob sich marktschreierisch. »Die sterblichen Überreste der schönen Romina liegen, faulen und verrotten im …«, seine Finger trommelten eine Art Tusch auf die Tischplatte, »… Frankfurter Stadtwald.«
Als er nichts weiter hinzufügte, hakte Fuchs nach: »Das geht doch bestimmt etwas genauer? Oder sollen wir die achtzig Quadratkilometer auf gut Glück durchkämmen?«
»Das wäre doch amüsant.« Dorn zog eine Grimasse. »Das Problem ist leider, dass sich die exakte Stelle aus dem Kopf unmöglich beschreiben lässt. Nicht mal mir würde das gelingen. Man muss schon vor Ort sein, um sie wiederzufinden.«
Fuchs schnaubte. »Ja klar. Sie glauben aber nicht wirklich, dass wir einen Ausflug mit Ihnen unternehmen werden, oder?«
Dorn zuckte die Schultern. »Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht. Falls Ihre Sorge daher rührt, dass ich Ihnen bei dem Ausflug verloren gehen könnte, darf ich Sie daran erinnern, dass ich dank Ihnen schwerbehindert bin.« Er tippte sich an die Brille. »Da wäre ich wohl kaum in der Lage, der Schar von Polizisten zu entkommen, die mich begleiten würden.«
Fuchs überlegte. Wieso nicht hypothetisch auf sein Spielchen einlassen und hören, was er wirklich will?
»Gut«, sagte er dann, »nehmen wir an, das ließe sich einrichten. Natürlich nur unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen und nicht wie hier in der Anstalt ohne Hand- und Fußfesseln. – Wie lautet die Bedingung, von der Ihr Anwalt sprach?«
»Die Bedingung, ja …« Dorns Lächeln erschien fast schon devot. »Vorab möchte ich Ihnen aber mitteilen, dass diese nicht verhandelbar ist, sondern absolute Voraussetzung für meine Kooperation.«
»Ich höre.«
Dorn wandte den Kopf ab und nickte versonnen, als hinge er einer schönen Erinnerung nach. »Sie kennen sicher das Sprichwort: Der Gesunde hat viele Wünsche, der Kranke nur einen. Das kann ich aus heutiger Sicht nur bestätigen. So ist es mein sehnlichster Wunsch, wieder sehen zu können.«
Fuchs klang fast schon belustigt, als er sagte: »Und was soll ich da machen? Die Nummer mit dem Handauflegen war ein anderer, wie Sie als katholischer Internatsschüler sicher wissen.«
Dorn lächelte matt. »Ich habe von einer Operation erfahren, die mir helfen könnte, mein Augenlicht zurückzubekommen. Allerdings ist die recht kompliziert und kostspielig. Ich vermute jedoch, dass der Staat als Stellvertreter für den Steuerzahler kein allzu großes Interesse daran hat, sie mir zu bezahlen. Es sei denn, ich kann ihm im Gegenzug etwas anbieten.«
»Haben Sie noch nie gehört, dass der Staat nicht mit Kriminellen verhandelt?«
Dorn legte den Kopf schief. »Sie meinen das No-talks-Paradigma. Ich weiß aber auch, dass dies für Verhandlungen mit terroristischen Gruppen gilt, nicht für Einzeltäter wie mich. Der Hintergrund jeder Verhandlung ist ja der, dass man sich nur auf jemanden einlässt, wenn zumindest eine gewisse Vertrauensbasis besteht. Deshalb werde ich meinen Teil der Abmachung als Erster einlösen. So können Sie sehen, dass ich vertrauenswürdig bin. Natürlich möchten mein Anwalt und ich vonseiten der Staatsanwaltschaft zuvor eine schriftliche Garantie, dass die Operation dann auch tatsächlich stattfindet.«
»Ich bezweifle, dass sich jemand auf diesen Deal einlässt«, sagte Fuchs.
Dorn spitzte die Lippen. »Die Liebermanns sind eine einflussreiche Familie. Ich könnte mir vorstellen, dass sie einigen Druck machen werden, wenn sie hören, dass die Polizei fortan die Schuld daran trägt, dass sie niemals erfahren, wo die Leiche ihrer hübschen Tochter vergraben ist. Oder gibt es im Fall Liebermann etwa antisemitische Ressentiments, welche die geringe Bereitschaft der Polizei zum Verhandeln mit mir erklären?«
Jetzt glitt Joachims Blick doch zum Einwegspiegel. Diesem Dreckskerl war wirklich jedes Mittel recht. Aber würde da auch sein windiger Anwalt mitspielen und eine solche Unwahrheit verbreiten? Natürlich könnten sie mit einer Verleumdungsklage darauf reagieren, doch das würde ihnen womöglich als Ablenkungsmanöver ausgelegt werden. Wie sollten sie jemals beweisen, dass Dorns Behauptung erstunken und erlogen wäre? Am Ende würde ein fader Beigeschmack bleiben, wie bei jedem der Vergewaltigung bezichtigten, dennoch freigesprochenen Mann. Es könnte immer heißen, man habe lediglich einen guten Anwalt gehabt.
