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Unentdeckt mordet er seit Jahren, das Töten ist für ihn eine Sucht ...
Frankfurt an einem nasskalten Novemberabend: Eine nackte, mit seltsamen Wunden übersäte Frauenleiche treibt im Main. Kriminalhauptkommissar Joachim Fuchs und seine neue Kollegin, die junge Fallanalystin Lara Schuhmann, stehen vor einem Rätsel. Nach der Obduktion sind sie überzeugt, dass sie es mit einem perfiden Serienmörder zu tun haben. Als Fuchs während der Ermittlungen der Zeugin Sophia näherkommt, wird er wegen Befangenheit von dem Fall abgezogen. Auf eigene Faust ermittelt er weiter – und setzt damit eine folgenschwere Ereigniskette in Gang …
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Seitenzahl: 624
Veröffentlichungsjahr: 2020
Buch
Frankfurt an einem nasskalten Novemberabend: Eine nackte, mit seltsamen Wunden übersäte Frauenleiche treibt im Main. Kriminalhauptkommissar Joachim Fuchs und seine neue Kollegin, die junge Fallanalystin Lara Schuhmann, stehen vor einem Rätsel. Nach der Obduktion sind sie überzeugt, dass sie es mit einem perfiden Serienmörder zu tun haben. Als Fuchs während der Ermittlungen der Zeugin Sophia näherkommt, wird er wegen Befangenheit von dem Fall abgezogen. Auf eigene Faust ermittelt er weiter – und setzt damit eine folgenschwere Ereigniskette in Gang …
Autor
Frederic Hecker wurde 1980 in Offenbach am Main geboren. Er studierte Medizin in Frankfurt und hat nach seiner Promotion im Institut für Rechtsmedizin zwei chirurgische Facharztbezeichnungen erlangt. Heute lebt er mit seiner Frau und ihren beiden Hunden in Hannover, wo er als Plastischer Chirurg tätig ist. Seine Freizeit widmet er dem Schreiben. Sein Debüt »Totenblass« ist ein Thriller mit medizinischem Hintergrund rund um das Ermittlerpaar Lara Schuhmann und Joachim Fuchs.
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Frederic Hecker
Totenblass
Thriller
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Dieses Buch ist ein Werk der Fiktion. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig und in keiner Weise beabsichtigt.
Copyright © 2019 by Frederic Hecker
Dieses Werk wurde vermittelt durch die
Michael Meller Literary Agency GmbH, München.
© 2019 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Ivana Marinović
Umschlaggestaltung: © www.buerosued.de
Umschlagmotiv: © Hanka Steidle/Arcangel Images
JaB · Herstellung: sam
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-23877-3V001
www.blanvalet.de
Für Vicy
Und der zweite Engel goss aus seine Schale ins Meer; und es wurde zu Blut wie von einem Toten, und alle lebendigen Wesen im Meer starben.
Neues Testament. Die Offenbarung des Johannes
Das Töten ist eine Sucht.
Verglichen mit einem Alkoholiker wäre ich ein Epsilon-Trinker. Monaten der Abstinenz folgen Phasen exzessiven Konsums. Ein Trigger löst die Mordlust aus, und rasch nimmt sie Ausmaße an, die jedes Hungergefühl in den Schatten stellt. Ich habe nie geraucht, niemals Drogen genommen, doch ich schätze, ein Junkie weiß, wovon ich rede. Der Unterschied zwischen diesem Abschaum und mir ist der, dass ich nach dem Konsum meiner Droge nicht auf dem Boden einer Bahnhofstoilette herumliege, die Pupillen klein wie Stecknadelköpfe, Speichelfäden im Mundwinkel und ein seliges, aber dämliches Grinsen im Gesicht. Nein, meine Droge beflügelt mich. Sie schärft meine Sinne, lässt mich zur Höchstform auflaufen. Dopamin, Serotonin und Adrenalin strömen zu ihren Rezeptoren und docken an. Sie bilden ein Ensemble, das mein Gehirn beschallt wie ein eingespieltes Orchester eine Philharmonie.
Frierend stehe ich in dem Waldstück, den Rücken gegen den Stamm einer Erle gepresst. An den Zweigen hängen noch die Reste des Sommers, vertrocknete Blüten, die aussehen wie Würmer. Darüber spannt sich der schwarz-graue Himmel, und unter meinen Füßen liegt gefrorenes Laub, eine Schicht, die knistert, als hätte jemand Cornflakes verstreut. Das ist zu meinem Vorteil, denn so höre ich nicht nur, wann sie kommt, sondern ich kann sie präzise orten. Ich kenne das Geräusch, das entsteht, wenn ihre Fahrradreifen durch das Laub pflügen und das feine Skelett der Blätter zerbrechen. Es klingt ein bisschen wie Regenprasseln. Ich beobachte sie schon länger, doch in den letzten Tagen hat ein Plan in meinem Kopf Gestalt angenommen. Der leise Sog, der von ihr ausging, als ich sie zum ersten Mal sah, gewann an Kraft und wandelte sich zu einem Druck. Ein Druck, der aus meinem tiefsten Inneren stammt und seither auf Erleichterung pocht.
Mit Mühe halte ich meine Erregung im Zaum, stehe bewegungslos da und kontrolliere meine Atmung – atme ein und atme aus. Ganz bewusst. Die warme Luft dringt wie Nebelschwaden aus meiner Nase, kräuselt sich in gespenstischen Fäden vor meinem Gesicht und verschwindet dann im Nichts. Ich lausche der geräuschvollen Stille des Waldes. Die Vögel, die nicht in den Süden gezogen sind, geben keinen Laut von sich, als wollten sie mich nicht verraten. Als wären sie meine Verbündeten, die nur auf das Schauspiel warten, das ich ihnen gleich bieten werde. In der Dämmerung bin ich mit meinem Tarnanzug beinahe unsichtbar. Meine Hand gleitet seitlich an mir hinab, ergreift das Messer, das in der Scheide an meinem Gürtel steckt. Der angeraute Hartgummigriff weist ringförmige Rillen auf. Am Endstück ertaste ich die Kunststoffkuppel, unter der sich ein Kompass dreht. Ich brauche ihn nicht, doch er ist hübsch. Er lässt sich mit der letzten Rippe des Griffs abdrehen, wodurch sich ein Geheimfach im hohlen Schaft öffnet. Als ich das Messer kaufte, steckte darin ein Plastiktütchen mit diversen Gegenständen: zwei Sicherheitsnadeln, fünf Streichhölzer mit einer Reibefläche, eine Angelschnur mit drei Haken, Pflaster, Nähzeug sowie ein Skalpell. All das habe ich bisher nie gebraucht, beließ es aber dort. Man weiß ja nie.
Ich ziehe die Klinge aus der Scheide und fahre mit den Fingern über beide Seiten. Während mein Daumen über die Schneide gleitet, hüpft mein Zeigefinger über die Sägezähne auf dem Rücken, bis die Finger nach fünfundzwanzig Zentimetern wieder aufeinandertreffen. Mit einem kurzen Blick prüfe ich die Daumenkuppe. Sie ist unverletzt. Dann kippe ich die Klinge, sodass sich ein Teil meines Gesichts darin spiegelt. Meine Lippen sind noch schmaler als sonst, und meine Augen wirken in der Dämmerung graphitfarben statt blau. Es sind schöne Augen, wie Larissa einmal sagte. Ausdrucksstark. Schlau. Zufrieden stecke ich das Messer zurück.
Da höre ich endlich das ersehnte Geräusch. Es nähert sich wie eine Gewitterwolke, die den Regen vor sich hertreibt. Ich schaue auf die Uhr. Fünf vor sechs. Das Mädchen ist pünktlich. Wie immer. Am Klappern ihres Fahrradkorbs und dem Scheppern der Klingel erkenne ich, dass sie gerade den Abschnitt passiert, wo sich Wurzeln über den Weg schlängeln. An dieser Stelle bremst sie immer. Sie hat Angst, dass die Reifen auf dem feuchten Holz wegrutschen. Auch das kommt mir entgegen. Der Wald ist mein Verbündeter. In jeder Hinsicht.
Von jetzt an sind es noch sieben Sekunden. Sieben Sekunden, bis sie auf meiner Höhe ist. Acht Sekunden, bis ich loslaufe und aus dem Versteck hervorspringe. Zehn, bis ich sie vom Rad stoße. Elf, bis sie das Gleichgewicht verliert. Zwölf, bis sie in einem Bett aus Herbstlaub im Graben landet. Dann kommt der knifflige Teil, der keinen Fehler erlaubt. Ich muss ihr die Hand auf den Mund und das Messer an die Kehle drücken. Bisher bin ich unerfahren. Wahres Neuland. Aber ich habe es geplant, und ich werde es vollenden.
Ich setze zum ersten Sprung an, achte darauf, nur auf die Stellen zu treten, von denen ich zuvor Laub und Zweige entfernt habe. Und meine Mühe wird belohnt. Fast lautlos komme ich auf, um im nächsten Augenblick wieder abzuheben. Ich spanne die Arme wie zwei Federn, halte die Hände wie ein Basketballspieler bei einem Pass und stoße mich ein letztes Mal kraftvoll ab. Doch in diesem Moment bemerkt sie mich. Vermutlich hat sie die Bewegung im Augenwinkel wahrgenommen. Sie wirft ihren Kopf zur Seite, reißt die Augen auf, und aus ihrer Kehle dringt ein Laut wie das letzte Luftholen einer Ertrinkenden. Instinktiv weicht sie der Gefahr aus. Ihr Rad macht einen Schlenker. Kurz trifft mich ihr entsetzter Blick, bevor sie wieder nach vorne sieht und ihr ganzes Gewicht in die Pedale legt. Doch es hilft nichts. Meine Handflächen rammen sie, pressen die Luft aus ihrem Brustkorb, und einen Sekundenbruchteil später erfüllt metallisches Scheppern den Wald. Für einen Moment verliere ich sie aus den Augen, aber als sie sich bewegt, verrät mir das Rascheln des Laubs, wo sie ist. Im Graben. Vor mir auf dem Weg liegt ihr Fahrrad. Das Hinterrad dreht sich mit einem hypnotischen Rattern, der Lenker steckt mit einem Ende im Boden. Ich folge ihrem Wimmern, gehe schnurstracks auf sie zu, während sie noch versucht zu verstehen, was hier geschieht. Ihre Augen scheinen zu fragen, was ich im Schilde führe. Ob es eine harmlose Erklärung für ihre Lage gibt.
Ich mag vieles sein, doch ein Sadist bin ich nicht. Ich werde sie nicht auf die Folter spannen.
Gleich wird sie es wissen.
»Arschkalt«, brummte Kriminalhauptkommissar Joachim Fuchs seiner Kollegin zu, als sie die Stufen der Kaimauer hinabstiegen.
Das Licht der Laternen oben an der Straße quoll über den Mauervorsprung und färbte das Bollwerk aus Sandstein orange. Unter anderen Bedingungen und bei besserem Wetter hätte die Szenerie mit Blick auf die beleuchteten Brücken der Stadt romantisch sein können, aber mit dem Wissen, was sie unten erwartete, kam höchstens ein Rendezvous mit dem Teufel in Betracht. Am Flussufer zuckten Kamerablitze auf.
Fuchs hob den Blick. »Hoffentlich ist das die Spurensicherung und keine Geier von der Presse.«
»Was wissen wir?«, nuschelte Lara Schuhmann in ihren dicken Strickschal, den sie sich bis übers Kinn gezogen hatte.
»Bisher nicht viel. Der Hund eines Obdachlosen hat eine Leiche aufgespürt und dann die Polizei verständigt.«
»Schlaues Tier.«
Fuchs bemerkte den Fehler und warf ihr einen Seitenblick zu. »Wohl noch zu Scherzen aufgelegt. Gar nicht nervös?«
Sie schüttelte den Kopf. »Kann ich mich trotzdem vorerst im Hintergrund halten?«
»Wieso?«
»Na ja«, sie sah ihn mit großen Augen an, »Welpenschutz.«
»Welpenschutz?«, entgegnete Fuchs mit erhobener Braue. »Also ich war bei meinem ersten Mordfall kaum zu bremsen …«
»Woher wissen wir, dass es sich um Mord handelt?«
»Was glaubst du denn, warum eine nackte Frauenleiche im November im Main treibt?«
»Nackt? Das hattest du nicht erwähnt.«
Am Fuße der Treppe bedeutete Fuchs ihr zu warten. Er nahm die letzten Züge seiner Zigarette und steckte sie, nachdem er in unmittelbarer Umgebung keinen Mülleimer entdeckte, in ein Filmdöschen, das er aus der Tasche seines Parkas hervorkramte. Die verschlossene Dose steckte er wieder ein und marschierte los Richtung Fundort.
Als sie den abgesperrten Bereich erreichten, duckten sie sich unter dem rot-weißen Flatterband hindurch.
Ein blutjunger Polizist eilte herbei. »Halt! Das ist eine polizeiliche Ermittlung hier.«
»Mordkommission«, klärte Fuchs ihn auf und streckte ihm seinen Ausweis entgegen.
»Oh, entschuldigen Sie bitte.« Der Jüngling errötete. »Ich dachte, Sie seien Spaziergänger.«
Spaziergänger? Fuchs blinzelte in den tiefschwarzen Himmel, der schon den ganzen Tag, vielleicht schon die ganze verdammte Woche, Regen auf die Stadt hinabsandte.
»Sie liegt da drüben.« Der Knabe deutete Richtung Ufer, wo bereits zwei Personen in weißen Overalls knieten. Auf dem Boden standen Spurentafeln. Fuchs zählte drei. Dem Anschein nach waren sie noch nicht weit gekommen.
»Der Mann, der sie entdeckt hat, wird oben im Wagen verhört.«
»Wer hatte bis jetzt die Leitung?«, fragte Fuchs.
»Kommissar Heckmann.«
Als hätte er seinen Namen gehört, löste sich ein Hüne von einem Mann aus einer Gruppe von Polizisten vor einem Einsatzwagen. Das halblange Haar struppig, der dunkelblonde Vollbart getrimmt. »Gott zum Gruße! Was für eine Überraschung! Muss eine Ewigkeit her sein.«
»Unter diesen Umständen hätte ich drauf verzichten können«, antwortete Fuchs mit einem Lächeln. »Trotzdem schön, dich zu sehen!«
»Joachim Fuchs«, sagte der Hüne, während er ihn von den Schuhen bis zum Scheitel musterte. »Siehst ja noch genauso aus wie damals. Frechheit! Wahrscheinlich rennen dir die Frauen noch immer die Tür ein. Aber was ist denn das?« Fuchs’ Schläfen fixierend trat er einen Schritt näher. »Wird da etwa jemand grau?«
Fuchs grinste und deutete auf Heckmanns Bauch. »Und was ist das? Wird da etwa jemand fett?«
»Das sind die Drüsen.«
»Die Drüsen?« Fuchs bedachte ihn mit einem skeptischen Blick.
»Der Arzt sagt, ich hätte einen latenten Diabetes.«
»Mal daran gedacht, dass die Drüsen nur unter deinem Gewicht kapitulieren?« Er zwinkerte seinem Kollegen zu und wies auf Lara. »Darf ich dir Lara Schuhmann vorstellen? Sie ist neu in meinem Team. Lara, das ist Udo Heckmann. Wir kennen uns von der Polizeischule.«
»Sehr erfreut!«, säuselte Heckmann, schüttelte Laras Hand und bedeutete ihnen zu folgen. »Um 19:50 Uhr ging der Notruf ein. Ein verängstigter Mann hat die Polizei verständigt, dass unten am Schleusentor eine Leiche im Wasser treibt. Wir sind etwa zehn Minuten später hier eingetroffen. Der Anrufer stand zu diesem Zeitpunkt wild gestikulierend dort oben am Straßenrand.« Er deutete auf den Absatz der Kaimauer. »Er gibt sich als Hermann Rothe aus, ist wohl seit vielen Jahren ohne festen Wohnsitz. Wir prüfen das gerade.«
»Was wissen wir über die Leiche?«, fragte Fuchs.
»Weiblich, schätzungsweise zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig Jahre alt, vollständig entkleidet. Persönliche Gegenstände oder Personalien für eine Identifizierung haben wir nicht gefunden. Der Notarzt war auch schon da und hat den Tod festgestellt. Ich habe das K11 und die SpuSi verständigt, die praktisch sofort hier waren.«
Fuchs schielte auf seine Uhr. Wahrscheinlich wollte Heckmann damit andeuten, dass sie spät dran waren. Immerhin war Fuchs durch die halbe Stadt gegurkt, um Lara einzusammeln, die einen Führerschein, aber kein Auto besaß. Für gewöhnlich fuhr sie mit dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit, doch das hatte Fuchs ihr bei diesem Sauwetter ersparen wollen.
»Dass es sich um Mord handelt, dürfte klar sein«, fuhr Heckmann fort. »Ihre Haut weist eine Reihe seltsamer Wunden und Blutergüsse auf. Ob das alles von ihrer Reise als Treibgut herrührt oder das Werk des Täters ist, kann uns hoffentlich der Gerichtsmediziner sagen.«
»Wenn die Leiche oben trieb, muss sie seit mindestens vier Tagen tot sein«, sagte Lara.
»Nicht unbedingt«, entgegnete Heckmann. »Bei diesen Temperaturen kann der Verwesungsprozess mit der Bildung von Fäulnisgasen, die der Leiche den Auftrieb verleihen, stagnieren und erst bei wärmerer Witterung wieder einsetzen. Unter Umständen erst im nächsten Frühjahr.«
»Warum trieb die Leiche dann auf dem Wasser?«, fragte Fuchs. »Lufteinschlüsse unter Kleidung scheiden ja aus.«
»Das haben wir der Druckluftsperre zu verdanken.« Heckmann deutete auf eine helle Linie, die das schwarze Wasser vor dem Wehr wie eine Narbe durchzog. »Am Grund liegt ein langes Rohr mit zahlreichen Öffnungen, aus denen Luftblasen austreten. Dadurch entsteht an der Oberfläche in beide Richtungen eine Strömung, die Treibgut von den Turbinen fernhält. Ohne diese Anlage wäre die Leiche wahrscheinlich in den Fanggittern hängen geblieben. Wer weiß, wann sie dann entdeckt worden wäre.«
Sie näherten sich der Toten. Die Plane, auf der sie lag, war zusätzlich mit einem Rechteck aus Flatterband eingezäunt. Der Nahbereich. Flutlichter auf Stativen stanzten grelle Kegel in die feuchte Luft.
»Die Kripo ist da!«, rief Heckmann den anderen Beamten zu, was auf das Treiben vor Ort aber keinen Einfluss nahm. Nur einer der Spurensicherungsbeamten sah zu ihnen auf.
»Wir brauchen hier nicht mehr lange«, sagte er und richtete sich auf. Sein weißer Anzug flackerte im Blaulicht der Einsatzfahrzeuge rhythmisch auf. »Es gibt wahrscheinlich nur wenige konkrete Hinweise. Erwartungsgemäß liegt hier am Flussufer jede Menge Müll rum«, erklärte er und hielt drei durchsichtige Beutel in die Höhe. Ein Taschentuch, ein Zigarettenstummel und ein Schnürsenkel. »Ob überhaupt irgendwas davon mit dem Fall zu tun hat, ist fraglich. Aber da diese Stelle hier als Fundort gilt, bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als den ganzen Mist einzusammeln. Vermutlich hat man die Tote flussaufwärts entsorgt. Sie hat Schleifspuren an den für Flussleichen üblichen Stellen: Fußspitzen, Handrücken, Knie und Stirn. Die Stelle könnte ein paar Kilometer entfernt liegen, wobei ich nicht glaube, dass sie sehr weit getrieben ist. Wir hatten ja schon Fälle, bei denen Wasserleichen extrem lange Strecken zurückgelegt haben, und die sahen anders aus. Bei einer war der Schädel so heruntergeschliffen, dass das Gehirn herausgespült worden war. Na ja, wie dem auch sei – vielleicht findet ein Fährtenhund die Stelle. Max macht jetzt noch ein paar Untersuchungen und präpariert dann alles für den Transport.« Er reckte das Kinn zu seinem Kollegen, der neben der Leiche hockte. »Ich nehme an, Sie möchten sich gerne selbst ein Bild machen, bevor sie abtransportiert wird?«
Fuchs nickte.
»Die Spurengasse verläuft dort drüben.« Er zeichnete einen Pfad in die Luft, der von der Öffnung in der Absperrung bis an die Tote heranführte. »Schutzkleidung können Sie sich aus meinem Koffer dort nehmen.«
Lara und Fuchs schlüpften in Overalls, zogen Latexhandschuhe sowie Überschuhe aus raschelndem Kunststoff an und klemmten sich die Schlaufen des Mundschutzes hinter die Ohren. Dann stiegen sie vorsichtig die rutschige Böschung hinab. Das Stauwerk im Hintergrund wirkte wie eine kleine, plumpe Ausgabe der Londoner Tower Bridge. Ein Metallsteg, der über zwei aus dem Wasser ragende Betonpfeiler führte, verband die beiden Ufer miteinander. Der verglaste Kontrollraum auf der anderen Seite weckte Erinnerungen an die Grenztürme der DDR. Kurz vor dem Ufer bogen sie links ab und passierten den freigegebenen Zugangsweg.
»Die Spurengasse wurde bereits auf Beweisstücke untersucht«, sagte Fuchs, »und ist somit freigegeben.«
»Ich weiß«, antwortete Lara.
Ihre Stimme klang eindeutig anders, bemerkte er. Leiser. Dünner. Sie war also nervöser, als sie zugab. Sie griff in den Overall und zog ein Diktiergerät aus ihrer Manteltasche. Trotz aller Bemühungen zitterte ihre Hand, und sie sah, dass es auch ihrem Vorgesetzten aufgefallen war.
»Es ist wirklich schweinekalt«, presste sie hervor.
Fuchs schmunzelte. Er wusste nur zu gut, dass die erste Begehung eines Mordschauplatzes mit höchster Anspannung verbunden war. Selbst nach all den Jahren als Ermittler bei der Mordkommission verspürte er jedes Mal ein mulmiges Gefühl, und er hatte sich von der Hoffnung verabschiedet, dass es jemals verschwinden würde. Trotzdem würde er seine junge Kollegin nicht in Watte packen. Jetzt konnte sie zeigen, was sie draufhatte. Nur wenige Wochen zuvor hatte er ihre Bewerbungsmappe auf dem Tisch liegen gehabt und zunächst das Foto der braunhaarigen Frau mit der spitzen Nase betrachtet. Nachdem er sie unwillkürlich für durchschnittlich attraktiv befunden hatte, war er die restliche Mappe mit dem Empfehlungsschreiben eines Schweizer Professors der forensischen Psychiatrie durchgegangen. Lara Schuhmann hatte die ersten drei Stufen der Ausbildung zur Fallanalystin mit Bravour bestanden und eine herausragende Abhandlung über das Generieren von Täterprofilen verfasst. Das Schmuckstück in ihrem Lebenslauf war aber zweifelsohne ihre Schulung beim FBI in Quantico. Ungeachtet Frankfurts Spitzenstellung als kriminellste Stadt Deutschlands hatte Fuchs daher befürchtet, dass sich Lara bei den weitaus weniger spektakulären Verbrechen hierzulande langweilen könnte. Doch schon an ihrem ersten Arbeitstag war ihm klar geworden, dass ihr Wissen vor allem theoretischer Natur war, woraufhin sich seine Sorge gelegt hatte. Und spätestens jetzt, als sie vor dieser grausam entstellten Leiche standen, waren auch die letzten Bedenken verpufft.
»Guten Abend«, sagte Max, als er die beiden bemerkte. »Ich nehme an, mein Kollege hat Sie schon über alles informiert?«
»Zum Teil«, antwortete Fuchs.
»Wenn Sie noch Fragen haben – nur zu!«
»Gibt es schon eine Einschätzung bezüglich des Todeszeitpunkts?«
In der Nähe setzte ein gedämpftes Piepen ein.
»Moment …« Der Spurensicherungsbeamte zog ein Thermometer aus dem After der Leiche und linste aufs Display. »Die rektale Temperatur beträgt einundzwanzig Grad. Wir wissen nicht, ob sie noch gelebt hat, als sie ins Wasser geworfen wurde, oder ob ihr Körper bis dahin schon eine Weile ausgekühlt war. Die Außentemperatur liegt aktuell bei vier Grad über null.« Er blickte auf seine Uhr und legte den Kopf in den Nacken. »Viertel vor neun, minus ein bis zwei Stunden Plateauphase … ein Temperaturabfall von 0,5 Grad pro Stunde … obwohl … bei dieser Kälte vielleicht sogar mehr. Ein Grad. Tagsüber war es jedenfalls deutlich wärmer …« Nach einer Weile schaute er zu Fuchs auf. »Bei all den Faktoren, die Einfluss auf die Leichentemperatur genommen haben könnten, will ich mich ungern zu voreiligen Schlüssen verleiten lassen. Mit den klassischen Gleichungen komme ich hier nicht weiter. Ich werde alle Daten notieren, und der Rechtsmediziner kann Ihnen später bestimmt mehr sagen. Aber bei einem bin ich mir fast sicher: Dass die Frau heute Morgen noch gelebt hat.« Er stand auf, trat beiseite und machte eine Geste, als würde er ein Buffet eröffnen. »Bitte sehr. Wenn Sie möchten, dürfen Sie die Leiche jetzt in Augenschein nehmen.«
Fuchs ging neben der Toten in die Hocke, während Lara sich nur ein Stück vornüberbeugte, die Handballen auf ihre Knie gestützt.
Im Scheinwerferlicht wirkte die Haut der Toten wie Alabaster. Ihre Hände steckten in Plastikbeuteln, die auf Höhe der Handgelenke mit Gummibändern fixiert waren. Spuren unter den Fingernägeln des Opfers waren somit vor Kontamination oder Verlust geschützt. Auf dem Rücken und an den Flanken der Leiche prangten seltsame Striemen, die Fuchs unwillkürlich an Bilder vom geschundenen Leib Jesu Christi denken ließen. Bei den meisten schien es sich nur um Blutergüsse zu handeln, doch bei einigen klaffte das Fleisch zentimeterweit auseinander.
»Was sind das für Verletzungen?«, fragte Fuchs den Beamten.
»Kann ich Ihnen nicht sagen. Auf mich wirken sie jedenfalls nicht wie Schleifspuren.«
»Wir sollten die Leiche drehen.«
Der Mann nickte und rief seinen Kollegen zu Hilfe. Der stellte sich mit gespreizten Beinen über die Tote und umfasste ihr Becken, während Max beide Knöchel, Lara und Fuchs jeweils einen Arm packten.
Das Fleisch war kalt und fest, die Gliedmaßen steif wie bei einer Schaufensterpuppe.
»Der Rigor Mortis ist noch voll im Gange«, stöhnte Max, während sie die Frau behutsam auf den Rücken drehten.
»Da komme ich ja gerade richtig!«, ertönte eine Stimme aus einiger Entfernung.
Alle Blicke richteten sich auf den Mann, der gerade in einen Overall schlüpfte.
»Bitte nicht«, murmelte Fuchs.
»Wer ist das?«, fragte Lara im Flüsterton.
»Nikolaus Becker, der Staatsanwalt. Ein Arschloch vor dem Herrn.«
Während der hochgewachsene Mann auf sie zukam, strich er sich das grau melierte Haar hinter die Ohren. Einen Meter vor ihnen blieb er stehen, musterte das Szenario und spitzte die Lippen. »So was hat man nicht alle Tage.«
»Ziehen Sie bitte die Kapuze über Ihren Kopf«, schnarrte Fuchs.
»Damit es mir nicht geht wie Ihnen damals?«
Fuchs ignorierte die Anspielung auf einen früheren Fall. Becker wollte ihn ganz offenbar provozieren.
Der Staatsanwalt verstaute seine Mähne unter dem Overall und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Was gibt es zu berichten?«
»Wir würden die Leiche gerne erst inspizieren, wenn Sie gestatten?«
»Nur zu.« Becker blinzelte und zeigte eine Reihe weißer Zähne.
Fuchs atmete durch und wandte sich seiner Kollegin zu. »Also gut – was siehst du?«
Lara ließ ihren Blick konzentriert über den Leichnam wandern und führte anschließend das Diktiergerät an die Lippen. Ihr Zittern hatte sich etwas gelegt. »Die Tote ist weiblich, jung, schätzungsweise um die dreißig. Circa ein Meter siebzig. Schlank. Gut gebaut. Fein geschnittenes Gesicht. Wenn man von den Abschürfungen absieht, hat sie eine makellose Haut. Gepflegte, kurz geschnittene Nägel ohne Nagellack. Kein Schmuck, keine Piercings, keine Tattoos. Nicht mal Spuren von Schminke. Trotzdem hat sie auf ihr Äußeres geachtet. Eine attraktive Frau. Der Täter hat also einen guten Geschmack.«
»Wenn Sie das hier unter gutem Geschmack verstehen«, warf Becker schnaubend ein.
Lara sah irritiert zu ihm auf.
Fuchs unterdrückte den Impuls, den Staatsanwalt zurechtzuweisen, und redete stattdessen auf seine Kollegin ein: »Nicht ablenken lassen! Nur weiter so. Alles aussprechen, was dir in den Sinn kommt. Ungefiltert. Der assoziative Ansatz, du kennst das ja. Analysieren und aussortieren kannst du später immer noch.«
»Okay.« Lara richtete den Blick wieder auf die Tote, räusperte sich. »Ein Teil der Schürfwunden ist vermutlich postmortal entstanden, als sie von der Strömung mitgerissen wurde. Da Wasserleichen in der Regel auf dem Bauch treiben, könnte das die Abschürfungen an ihrer Vorderseite erklären. An den Oberschenkelinnenseiten und den Flanken finden sich dagegen längs verlaufende, streifenförmige Blutergüsse. Teilweise ist die Haut dort sogar eingerissen. Diese Verletzungen sind zu gleichmäßig, als dass sie durch zufälliges Anprallen im Fluss entstanden sein könnten. Die Hämatome weisen zudem darauf hin, dass diese Verletzungen vor dem Tod entstanden sind, was wiederum auf einen sadistischen Täter schließen lässt.« Sie stand auf, um sich einen Überblick zu verschaffen. »Ich nehme an, dass er sie zügig entsorgen wollte. Sie sollte nicht gefunden werden. Vielleicht hat er ihren Körper sogar in irgendeiner Form beschwert und die Gewichte haben sich bloß gelöst.«
»Sie interpretieren da aber eine Menge hinein«, sagte Becker.
»Da mir die Frau nicht selbst erzählen kann, was passiert ist, bleibt mir vorerst nichts anderes übrig.«
Fuchs grinste. Schlagfertig war sie also auch. Er war stolz, wie professionell Lara die Situation meisterte.
»Sie sollten sich beeilen«, erwiderte der Staatsanwalt unbeirrt. »Ich habe den Abtransport der Leiche bereits veranlasst.«
Ihre Blicke folgten Beckers Fingerzeig zu zwei Herren in schwarzen Regencapes, die eine Rollbahre in ihre Richtung schoben.
»Wir sehen uns morgen bei der Obduktion, nehme ich an?«, fragte Becker.
Lara schielte zu Fuchs hinüber, der Beckers Frage geflissentlich ignorierte, doch seine Miene verriet eine Mischung aus Wut und Abscheu.
»Ich lasse den Termin für sechzehn Uhr ansetzen, ja?«, hakte Becker im Gehen nach. »Mittags habe ich noch eine wichtige Anhörung. Arrivederci. Bis dann …«
Fuchs sah ihm nach und stöhnte. »Das kann ja heiter werden.«
Bei Tagesanbruch durchkämmte ein dreißigköpfiges Polizeiteam das Gebiet um den Leichenfundort. Die Sonne war nur als blasser Lichtfleck zu erahnen, und die Wolken schienen sich redlich Mühe zu geben, ihr das Durchkommen zu erschweren. Auf der anderen Flussseite ragten Hochhäuser und Bankentürme aus dem grauen Dunst empor. Trotz der vielen Menschen herrschte eine fast andächtige Stille, die nur vom Piepen der Metalldetektoren gestört wurde.
»Die Nacht fehlt mir schon«, ächzte Lara und hockte sich neben Fuchs auf eine Bank.
»Kannst dich schon mal dran gewöhnen.« Er steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen.
Lara musterte ihn von der Seite. In dem tristen Licht wirkte er um Jahre gealtert. »Du siehst müde aus.«
»Um ein Haar hätte der Arzt mir den Totenschein ausgestellt.«
»Wie lange bist du eigentlich schon bei der Kripo?«
»Zu lange.« Er unterdrückte ein Gähnen, zündete die Zigarette an und nahm einen tiefen Zug.
»Was hat dich dazu bewogen? Warum gerade die Mordkommission?«
Fuchs blies eine schier endlose Rauchwolke hervor. »Ursprünglich sahen meine Pläne anders aus. Nach dem Studium an der Polizeihochschule habe ich bei der Schutzpolizei angefangen, hatte aber schon bald das Gefühl, dass das noch nicht alles gewesen sein konnte. Deshalb habe ich am Eignungstest der GSG 9 teilgenommen.«
»Bei der GSG 9?«
»Ja.« Er lachte, als könne er es selbst kaum glauben. »Die Tests waren happig. Drei Tage lang wurde man in die Mangel genommen. Die Ansprüche an die körperliche Leistungsfähigkeit der Bewerber sind so hoch, dass einem die Eignungsprüfung des Sportstudiums dagegen wie ein Vorsingen bei den Wiener Chorknaben erscheint. Hinzu kamen Konzentrations- und Geschicklichkeitstests und psychologische Untersuchungen.«
Lara versuchte, sich Joachim in der Montur des SEK vorzustellen – mit Sturmhaube, Schutzhelm und schwarzem Overall. Den Habitus hatte er. Er war groß, sportlich, hatte breite Schultern und strahlte Souveränität aus. Nur seine blauen Augen waren einen Tick zu gütig.
»Wie ging es aus?«, fragte sie.
»Bestanden.«
»Deine Stärken?«
»Psychologie und Umgang mit Schusswaffen.«
»Und das SEK war von Anfang an dein Ziel?«
»Nein. Aber die Tätigkeit bei der Schutzpolizei hat mich nicht erfüllt. Wobei – die Faszination für Spezialeinheiten reicht tatsächlich bis in meine Kindheit zurück …«
»Erzähl!«
Er sah sie mit ernster Miene an. »Wirklich?«
»Ja, bitte!«
»Na gut … ich war noch ganz klein, als im Fernsehen über die Geiselnahme bei den Olympischen Spielen in München berichtet wurde. Meine Eltern schimpften wie die Rohrspatzen über die Polizei, die mit der Situation vor Ort total überfordert war. Fünf Jahre später gab es dann den ersten spektakulären Einsatz einer Antiterroreinheit im Rahmen der Operation Feuerzauber.«
»Hilf mir auf die Sprünge.« Lara war ihr Unwissen beinahe peinlich, andererseits trennten sie siebzehn Jahre von Joachim, und sie war damals noch nicht einmal geboren gewesen.
»Die Geiselbefreiung aus der Landshut.« Er erkannte, dass bei ihr immer noch nichts klingelte. »Die entführte Lufthansa-Maschine in Mogadischu.«
»Ach ja!«
»Wegener hatte den Spezialtrupp unter Anweisung des damaligen Innenministers Genscher begründet. So sollten Fiaskos wie in München zukünftig verhindert werden. Das hatte mich ziemlich beeindruckt, weiß ich noch wie heute.«
Lara fiel auf, dass seine Augen plötzlich glänzten wie die eines Kindes, dem man einen Zaubertrick vorführt. Sie musterte ihn. »Was genau hat dich daran fasziniert?«
»Soll ich mich vielleicht hinlegen, Doktor Freud?«
»Sorry, wenn ich …«
»Nein, schon gut.« Fuchs zog an seiner Zigarette und richtete den Blick in die Ferne. »Diese maskierte Truppe hat im Handumdrehen ein Geiseldrama beendet, das tagelang alle in Atem gehalten hatte. Das war gigantisch! Bestimmt so ein Männer-Ding. Macht, Überlegenheit und so. Besonders spannend fand ich, dass niemand wusste, wer sich unter den Sturmhauben verbarg.«
»Anonyme Helden.«
Fuchs nickte. »Immer inkognito. Hat aber auch eine tragische Seite, wenn man sich nie für seine Heldentaten bejubeln lassen kann.«
»Mhm. Aber werden Ärzte bejubelt, wenn sie einen Patienten retten?«
»Vielleicht erhalten die wenigstens hin und wieder ein Dankeschön.«
»Und was hielten deine Eltern von deinem Berufswunsch?«
Joachim zuckte die Schultern. »Mein Vater war Physiker. Die humorloseste Spezies Mensch, die man sich vorstellen kann. Hatte für meine Spinnereien nicht viel übrig. Polizisten betitelte er gerne als uniformierte Proleten. So war er eben.«
»Wann ist er gestorben?«
»Er lebt noch.«
»Oh, entschuldige! Ich dachte …«
»Alles gut, habe mich unglücklich ausgedrückt.« Fuchs nahm einen weiteren Zug von der Zigarette. »Er hat Demenz. Vielleicht spreche ich deswegen in der Vergangenheitsform von ihm.«
»Oh, das tut mir leid. Schlimm?«
»Mhm. Es fing bei ihm an, da war er nicht mal siebzig. Inzwischen erkennt er mich oft nicht mehr.«
»Okay, das ist übel.«
»Er hat auch seine klaren Momente, aber …« Er machte eine wegwerfende Handbewegung.
»… das Thema väterlicher Stolz hat sich erledigt?«, beendete Lara den Satz für ihn.
Joachim sah sie eine Weile an. Dann lächelte er. »Du hättest eine wunderbare Psychologin abgegeben.«
»Habe ich schon mal gehört. Auf Dauer zu langweilig. Jetzt hast du mir trotzdem noch nicht erzählt, wie du bei der Mordkommission gelandet bist.«
Fuchs spürte ein Kribbeln in der Narbe auf seiner Brust. Ein ähnliches Phänomen wie plötzlicher Juckreiz bei Gesprächen über Flöhe oder Krätze. »Die Geschichte heben wir uns für ein andermal auf.« Er trat seine Zigarette aus und stopfte den Stummel wieder in ein Filmdöschen. »Soll ich dir was sagen?«
»Hm?«
»Ich habe kein gutes Gefühl bei diesem Fall.«
»Weshalb?«
»Ich weiß nicht. So viele Fälle in den letzten Jahren – aber der hier ist anders.«
»Du glaubst, es wird nicht bei einem Opfer bleiben, stimmt’s?«
Joachim nickte. Plötzlich lichtete sich sein finsterer Blick. »Sieh mal, da kommen Ernie und Bert!«
Lara schmunzelte. Diese Spitznamen waren ihren Kollegen wie auf den Leib geschneidert: der gut zwei Meter lange Martin Huber mit der Monobraue und den klodeckelgroßen Händen und der kleinwüchsige Olaf Kern mit seiner zerzausten Frisur. Ähnlich wie die Handpuppe Ernie wirkte auch Kern etwas naiv und begriffsstutzig, war aber in Wirklichkeit blitzgescheit.
Huber hob die Hand. »Servus! Wir hören uns dann mal bei den Anwohnern um.«
»Klinken putzen«, fügte Kern matt hinzu.
Fuchs grinste. »Was hat eigentlich die Befragung des Obdachlosen ergeben?«
Huber schnaubte. »Nichts natürlich. Er hat seinen Schlafplatz unter der Brücke hergerichtet, während sein Köter die Leiche erschnüffelt und angeschlagen hat. Dann sah er sie im Wasser treiben. Wenn du mich fragst, einfach eine arme Sau. Zur falschen Zeit am falschen Ort.«
Unvermittelt stöhnte Fuchs auf. »Nicht schon wieder!«
Huber und Kern warfen sich einen fragenden Blick zu.
»Staatsanwalt Becker«, murmelte Lara und machte eine kaum merkliche Kopfbewegung in dessen Richtung.
»Was will der denn schon wieder?«, fragte Huber.
»Sich einmischen, was sonst«, antwortete Fuchs. »Der Fall wird einiges an Aufsehen erregen. Das lässt der sich doch nicht entgehen.«
Huber nickte. »Du hättest ihn mal gestern Abend sehen sollen. Hat sich regelrecht angebiedert, mit der Presse zu reden.«
»Für die Staatsanwaltschaft ein gefundenes Fressen«, sagte Fuchs. »Erstens lenkt das wunderbar von dem Eklat neulich ab, und zweitens gibt es ihnen die Möglichkeit, sich wieder ins rechte Licht zu rücken.«
»Wahrscheinlich hast du recht. Also, wir gehen dann mal.« Grinsend klopfte er Fuchs auf die Schulter. »Und viel Spaß noch!«
Wie gerne hätte Joachim jetzt das Klinkenputzen übernommen.
»Guten Morgen zusammen!«, rief Becker, mittlerweile in Hörweite angelangt.
Im Tageslicht sah Fuchs nun den intensiven Teint des Staatsanwalts. »Sie sind wohl auf der Sonnenbank eingeschlafen?«
»Urlaub. Ich war bis letzte Woche in Thailand. Herrlich!« Im Kontrast zu der braunen Haut erstrahlten Beckers Zähne in unnatürlichem Weiß.
Thailand, dachte Fuchs, bestimmt nicht nur wegen des schönen Wetters. »Was können wir an diesem wunderschönen Morgen für Sie tun, Herr Becker?«
»Ich wollte Sie auf den neuesten Stand bringen.«
»Aha.«
»Man hat wohl die Stelle gefunden, an der die Leiche ins Wasser geworfen wurde.«
»Sehr gut! Worauf stützt sich diese Vermutung?« Fuchs versuchte, sich den aufkeimenden Zorn nicht anmerken zu lassen. Er freute sich zwar über diese Nachricht, verstand jedoch nicht, warum man Becker, nicht aber ihn darüber informiert hatte.
»Auf einen Mantrailer.«
Fuchs hob die Brauen. »Wo ist die Stelle?«
»An der Main-Neckar-Brücke. Von hier etwa fünfhundert Meter flussaufwärts.«
»Das würde ich mir gerne ansehen«, sagte Lara.
»Ich auch. Spaziergang gefällig?« Becker bot ihr einen Arm zum Einhaken an, doch sie tat die Geste mit einem charmanten Lächeln ab.
»Übrigens«, sagte Becker, nachdem sie losgelaufen waren, »entschuldigen Sie, falls ich mich Ihnen gegenüber gestern Abend etwas kritisch geäußert habe. Ich wollte nicht despektierlich erscheinen.«
Lara winkte ab. »Schon gut. Psychologie ist nicht jedermanns Sache. Ist eben keine exakte Wissenschaft.«
»Das haben Sie jetzt gesagt.«
»Ich kenne die Ansichten. Damit muss man leben, wenn man diesen Beruf ergreift. Das wurde uns gleich zu Beginn der Ausbildung vermittelt.«
»Wo haben Sie Ihre Ausbildung gemacht?«
»Einen Teil in der Schweiz, einen Teil in den Staaten.«
Joachim folgte den beiden widerwillig, schnappte dabei Gesprächsfetzen ihrer Unterhaltung auf. Aus unerfindlichen Gründen wuchs die Abneigung gegen den Staatsanwalt von Minute zu Minute. Mehr als einmal widerstand er dem Impuls, ihm ein Bein zu stellen wie ein Raufbold auf dem Schulhof. Die Vorstellung, wie dieser Lackaffe bäuchlings auf dem Pflaster landete, amüsierte ihn.
Der Radweg verlief neben dem Main, parallel zu einer Straße. Nach acht Gehminuten erblickten sie die Eisenbahnbrücke, die den Fluss vom Westhafen nach Niederrad überspannte. Ein hässliches Bauwerk mit grünen Stahlstreben, unmittelbar angrenzend an das Gelände des Universitätsklinikums. Nördlich davon lag der Hauptbahnhof. Schon aus der Entfernung sahen sie auf dem Bordstein einen Polizeiwagen mit Blaulicht stehen. Dahinter parkte ein Transporter, an dem ein Mann in neongelber Warnweste mit Reflektorstreifen lehnte.
»Da ist der Mantrailer«, verkündete Becker. »Sieht aus wie einer von der Müllabfuhr.«
»Das ist nicht der Mantrailer!«, rief Fuchs nach vorne.
Becker ignorierte den Einwurf. Er winkte dem Mann in der Weste zu, als würde er einen alten Bekannten grüßen. Der öffnete daraufhin die Heckklappe des Wagens, und ein brauner Hund sprang heraus. Ohne Aufforderung setzte sich das Tier und wartete, bis sein Herrchen ihm die Leine am Halsband befestigt hatte.
»Das ist der Mantrailer«, sagte Fuchs, der mittlerweile zu ihnen aufgeschlossen hatte.
»Ein Bloodhound«, sagte Becker.
»Ein Schweißhund«, korrigierte ihn Fuchs. »Hervorragender Geruchssinn, ruhiges Wesen und ein unbändiger Finderwille. Der ideale Spürhund.«
»Vielen Dank für diesen Exkurs, Herr Fuchs.« Er marschierte auf den Hundeführer zu und streckte ihm die Hand entgegen. »Becker, ich bin der leitende Staatsanwalt.«
»Victor Braun«, stellte sich der Hundeführer vor und schüttelte jedem die Hand.
Becker ging in die Hocke und hielt dem Tier den Handrücken hin. »Na, wer bist du denn?«
»Bitte nicht!«, fuhr Victor Braun dazwischen.
»Beißt er?«
»Nein, aber wir sollten ihn jetzt nicht mit zu vielen Gerüchen verwirren. Ich hatte extra deswegen den Wagen herbringen lassen und den Hund noch mal in den Kofferraum bugsiert. Er heißt übrigens Grenouille.«
Becker zog die Stirn kraus. »Komischer Name.«
»Wegen der guten Nase«, sagte Victor Braun.
»Eine Romanfigur mit einem außergewöhnlichen Geruchssinn«, erklärte Lara.
Braun tätschelte dem Hund den Kopf. »Genau der. Dann fangen wir mal an.«
Sie folgten dem Gespann über die Straße, überquerten S-Bahnschienen und steuerten auf eine Metalltreppe zu. Am Brückenfundament erstreckten sich rostige, mit Graffiti verzierte Rohre. Oben erreichten sie einen Fußgängerüberweg, der neben den Gleisen verlief und so schmal war, dass kaum zwei Personen nebeneinander Platz fanden. Der Hund schien immer wieder etwas wahrzunehmen, verfolgte die Spur jedoch zunächst nicht weiter.
In der Mitte der Brücke blieb der Hundeführer stehen, um den anderen mitzuteilen, dass sie die Stelle erreicht hatten, wo sich die Duftspur verlor, die Leiche also mit großer Wahrscheinlichkeit in den Fluss geworfen worden war. Seine Worte gingen im Lärm eines vorbeiratternden Zugs unter. Er gab Grenouille ein Kommando, woraufhin der den Kopf zu Boden senkte. Seine Nasenflügel zuckten ein paarmal, dann nahm er die Witterung auf. Sogleich straffte sich die Leine, und der Hund trabte mit wedelnder Rute los, als wäre alles nur ein Spiel. Nun würden sie also zum Ursprung der Duftspur geführt werden.
Das Trio folgte den beiden, den Fußweg zurück, die Treppe hinunter und wieder über die S-Bahnschienen, bis der Hund auf dem Bordstein der Gegenfahrbahn stehen blieb. Dort schnüffelte er am Asphalt, um einen Augenblick später wieder die Fährte aufzunehmen. In diesem Zickzackkurs ging es mit abnehmendem Tempo weiter. Zwischendurch reckte Grenouille den Kopf, als würde er einer Fliege nachsehen, bis er sich schließlich hinsetzte und sein Herrchen erwartungsvoll ansah.
»Fein! Super!« Victor kramte ein Leckerli aus seiner Tasche und belohnte den Hund. »Er zeigt uns das Ende der Spur an.«
»Da ist doch gar nichts«, murrte Becker.
»Was soll ich sagen? Hier verliert sich die Duftspur.«
»Dann müssen wir davon ausgehen, dass der Täter sie hier aus einem Fahrzeug ausgeladen hat.« Fuchs richtete den Blick nach Westen und deutete die Fahrbahn entlang. »Demnach kam er am ehesten aus dieser Richtung.«
»Direkt an der Straße?«, fragte Lara ungläubig.
»Hier ist nachts tote Hose«, sagte Fuchs.
Lara zog die Stirn kraus. »Trotzdem riskant.«
»Ich glaube dem Hund.«
»Ja, ich eigentlich auch.«
»Trotzdem hilft uns das weiter«, erklärte Fuchs. »Wir können jetzt davon ausgehen, dass der Täter ein Auto besitzt und über gewisse Ortskenntnisse verfügt. Und er wird einen Grund gehabt haben, sie genau dort ins Wasser zu werfen.«
Hinter Sophia krachte die Flügeltür ins Schloss. Gott sei Dank war dieser Dienst vorbei! Den ganzen Tag war sie durch die Klinik gehetzt, von einem Notfall zum nächsten, bis sie gegen einundzwanzig Uhr ihre wohlverdiente Pause hatte nehmen wollen. Doch gerade als sie den Deckel ihres Pizzakartons aufklappte, wurde ein Polytrauma in den Schockraum gebracht. Ein neunzehnjähriges Mädchen war betrunken aus einem Fenster im zweiten Stock gestürzt und hatte sich beim Aufprall ein offenes Schädel-Hirn-Trauma zugezogen. Also war Sophia der Rest der Nacht neben ihrem Narkosegerät im OP-Saal vergönnt gewesen, während ihr ätzender Exfreund Torben Domschek, diensthabender Neurochirurg, keine Gelegenheit ausgelassen hatte, sie über das grüne Tuch hinweg anzublaffen.
Doch nun war es vorbei. Sophia sog die kühle Luft ein und schaute in den Himmel. Bei dem Gedanken an die freien Tage, die vor ihr lagen, spürte sie trotz des trüben Wetters und der Müdigkeit einen Anflug von Euphorie. Ausschlafen, fernsehen, sich mit Freunden treffen. Sie überlegte, wann sie sich zuletzt mit jemandem verabredet hatte, doch es fiel ihr nicht ein. War es wirklich so lange her, oder spielte ihr das Gedächtnis bloß einen Streich? Elender Schlafmangel … Bevor sie nach Hause fuhr, brauchte sie unbedingt einen Kaffee. Am besten Espresso. Doppelt. Extrastark.
Vor dem Gebäude bog sie rechts ab. Dabei blieb ihr Blick an dem neuen OP-Trakt hängen, von dem sie nicht wusste, ob sie ihn schick oder hässlich finden sollte. Der Hubschrauberlandeplatz schien über dem Gebäude zu schweben wie ein Ufo bei der Landung. Sie ließ den anthrazitfarbenen Block hinter sich, überquerte den Platz vor der kleinen Ladenzeile und steuerte das Café an. Doch als sie an einem Bistrotisch davor zwei Kolleginnen mit dampfenden Pappbechern in der Hand entdeckte, machte sie geflissentlich einen Schlenker um das Gebäude. Auf Small Talk hatte sie im Moment wirklich keine Lust. Stattdessen wählte sie den Weg durch den Rosengarten, eine schnuckelige Parkanlage, die ihren Namen im Sommer verdiente. Doch zu dieser Jahreszeit ragten nur grün-braune Stängel aus der Erde, und der faulige Geruch von Rindenmulch hing in der Luft. Kiesel knirschten unter ihren Sohlen, während sie konzentriert größeren Pfützen auswich.
»Guten Morgen! Das Fräulein von Münch.« Die Stimme ertönte direkt vor ihr.
Sie zuckte zusammen. »Oh! Hallo, Professor Lenk.«
»Habe ich Sie erschreckt?«
»Ein bisschen.«
»Das ist das schlechte Gewissen, meine Liebe. Wann gedenken Sie denn, sich mal wieder im Labor blicken zu lassen?« Er rückte die Brille auf seiner knolligen Nase zurecht.
Das schlechte Gewissen habe ich eher, wenn ich daran denke, was ich im Labor tun muss, dachte Sophia, sagte aber stattdessen: »Ich hatte in letzter Zeit viel um die Ohren. Aber Sie werden es nicht glauben – ich wollte gerade in die Bibliothek und mir einige Artikel bestellen.«
Er hob eine Augenbraue und deutete in die Richtung, aus der sie gekommen war. »Die Bibliothek liegt aber dort. Das wissen Sie schon?«
Vergeblich suchte sie den Anflug eines Lächelns in seinem Gesicht und sah dann verlegen zu Boden. Hätte sie sich doch bloß für Kaffee und Klatsch entschieden. »Ich muss meinen Bibliotheksausweis holen. Den habe ich im Auto vergessen.«
»Na, dann möchte ich Sie gar nicht weiter aufhalten, bevor Sie es sich noch anders überlegen.«
»Ich komme in den nächsten Tagen ins Labor«, versicherte sie, während sie seinem Blick jetzt bewusst standhielt. »Ich habe heute und morgen frei und hatte mir fest vorgenommen, die Zeit für die Forschungsarbeit zu nutzen.« Sie hatte das Gefühl zu erröten.
Professor Lenk neigte den Kopf leicht zur Seite und grinste. »Das würde ich begrüßen. Selbst Frau Luzius hat sich in den letzten Wochen blicken lassen. Ich möchte fast sagen: regelmäßig.«
Das überraschte Sophia. Ihre beste Freundin hatte die Arbeit wahrlich nicht erfunden. Zudem hätte sie sich ruhig einmal melden und sie dank ihrer neu entflammten Liebe für die Wissenschaft mitreißen können. Stattdessen war sie klammheimlich losgezogen. Wie auch immer – die Aussicht, ihr Leid mit Christina teilen zu können, war zumindest ein Lichtblick.
»Ich komme morgen vorbei. Versprochen!«
»Da bin ich ja mal gespannt. Ich vermisse nämlich meine kompetenten Laboranten, erst recht, wenn sie eine derart … wie soll ich sagen … optische Aufwertung des Teams sind.« Er reichte Sophia seine rötliche Hand, und während er ihre schüttelte, zitterten seine fleischigen Wangen wie die Lefzen eines Boxers. Sophia schauderte innerlich.
Nachdem Lenk weitergegangen war, durchquerte sie den Rosengarten und überzeugte sich davon, dass der Ausweis in ihrem Portemonnaie steckte. Als der Professor endlich außer Sichtweite war, kehrte sie um und steuerte die Bibliothek an. Verdammter Mist! Doch was blieb ihr jetzt übrig, außer Wort zu halten.
Noch vor einem Jahr war sie fast täglich hier gewesen, hatte Bücher gewälzt, das Internet durchforstet und nach monatelanger Schreibarbeit ihre Dissertation endlich fertiggestellt. Als sie diesen Meilenstein ihrer Laufbahn bewältigt hatte, waren Stolz und Freude so groß gewesen, dass in ihr der Wunsch aufgekeimt war weiterzuforschen. Sogar ans Habilitieren hatte sie gedacht. Professor Sophia von Münch. Aus heutiger Sicht geradezu lächerlich, denn als sie den Doktortitel in der Tasche und der Berufsalltag sie fest im Griff hatte, waren diese Ambitionen rasch verebbt. Mittlerweile fehlte ihr jedweder Funke an Motivation. Doch sie hatte sich der Forschungsgruppe angeschlossen und würde die Studie abschließen. Fertig. Bestimmt fehlte nicht mehr viel. Noch ein paar Experimente, damit die Fallzahl stimmte, die Sondierung des aktuellen Forschungsstands und zu guter Letzt das Verfassen des Artikels. Doch zuallererst musste sie sich die neuesten Papers zu der Thematik besorgen. Ihr graute vor der Lektüre dieser öden Artikel. Sie stieg die Stufen zur Bibliothek hinauf. Es half ja alles nichts.
Die Glastür schwang auf, und sie betrat das Gebäude. Es hatte sich einiges geändert. Der Tisch in der Nähe des Eingangs war einem stattlichen Informationstresen gewichen, aus demselben hellen Holz, das nun auch die Wände vertäfelte. Es roch nach Holzschnitt, Papier und Silikon. Auch die Bücherregale waren umgestellt worden. Obwohl sie um die Ecke arbeitete, hatte sie von den Modernisierungsmaßnahmen nichts mitbekommen. Fester Bestandteil des Inventars schien lediglich der Bibliothekar hinter dem Tresen zu sein, dessen Augen von einer Sonnenbrille verdeckt wurden. Kurz überlegte sie, an einem anderen Tag wiederzukommen, gab sich dann aber einen Ruck. Couch und Kaffee mussten jetzt warten.
»Guten Morgen!«, rief der Blinde. »Kann ich Ihnen helfen?«
Natürlich hatte er sie schon gehört. »Morgen«, grüßte sie betont höflich und reichte ihm ihren Bibliotheksausweis, den er in ein Lesegerät schob. »Ich forsche im Institut für Neuroanatomie und wollte gerne Artikel über Neurogenese bestellen.«
Er dachte einen Augenblick lang nach und schien dann zu einer Erkenntnis zu gelangen. »Haben Sie nicht vor einer Weile schon Papers zu diesem Thema bestellt?«
»Ja, das stimmt«, antwortete sie erstaunt.
»Mir kam Ihre Stimme so bekannt vor. Jetzt kann ich Sie zuordnen.« Er tippte sich an die Schläfe.
»Allerdings muss ich mich mit dem aktuellen Forschungsstand befassen und brauche daher Nachschub.«
»Kein Problem. Aber Sie müssen die Artikel nicht mehr hier bestellen und darauf warten, bis die Zentralbibliothek sie endlich herschickt.«
»Nicht?«
»Nein. Gott sei Dank gehen auch wir mit der Zeit. Mittlerweile wurde alles digitalisiert. Sie können sämtliche Artikel an einem der Computer hier über das Intranet suchen und die gewünschten Dateien einfach herunterladen. Haben Sie einen USB-Stick dabei?«
»Leider nicht.«
»Dann laden Sie sich einfach den VPN-Client von unserer Homepage runter. Damit können Sie gemütlich von zu Hause aus im Archiv stöbern. Oder ich schicke Ihnen das Tool zu.«
»Das geht?«
Er nickte. »Aber hallo geht das!«
Vielleicht war heute doch kein so schlechter Tag, dachte sie. Wenn das alles so klappte, wie der Mann sagte, konnte sie das Notwendige mit dem Angenehmen verbinden. Arbeit auf der Couch mit einer ganzen Kanne Kaffee.
Sie gab ihm ihre E-Mail-Adresse, bedankte sich und verließ das Gebäude. Jetzt nichts wie nach Hause. Und keiner würde sie davon abhalten. Nicht einmal der fette Professor. Sollte ihn doch der Teufel holen!
»Was läuft da eigentlich zwischen dir und Becker?«, fragte Lara.
»Wieso?« Fuchs hob den Blick vom Schaumteppich seines Cappuccinos.
Nachdem sich die beiden von Victor Braun und dem Spürhund verabschiedet hatten, waren sie mit dem Staatsanwalt im Schlepptau zu ihren Fahrzeugen zurückgelaufen. Auf dem Weg hatte Fuchs seiner Kollegin vorgeschlagen, einen Kaffee trinken zu gehen, und dabei penibel darauf geachtet, dass sie außerhalb Beckers Hörweite waren. Hätte sich dieser schmierige Sack an ihre Fersen geheftet, wäre sein Tag gelaufen gewesen.
Das Café in der Innenstadt war für die Uhrzeit erstaunlich gut besucht. Stimmengewirr, das Fauchen der Espressomaschine und das Klimpern von Besteck summierten sich zu einer beachtlichen Kakophonie.
»Du scheinst ihn nicht besonders zu mögen.«
»Gut beobachtet.«
»Warum?«
»Na ja … hast ihn doch erlebt.«
Lara zuckte die Schultern. »Ich fand ihn nicht so schlimm.«
»Im Ernst? Mir reicht es schon, seine Visage zu sehen!«
»So schlecht sieht er doch gar nicht aus.« Sie stützte ihr Kinn auf die Faust.
»Du verarschst mich!«
»Nein, wieso?«
»Dieser … dieser Flavio-Briatore-Verschnitt?«
»Der war immerhin mit Heidi Klum zusammen.«
»Bestimmt nicht wegen seines Aussehens.«
»Dann eben wegen der Aura von Macht und Erfolg. Ich finde, der Staatsanwalt hat auch so etwas an sich …«
»Ach, jetzt hör aber auf! Dieser alte Sack?«
Lara spitzte die Lippen. »Was ist schon alt?«
Joachim schüttelte den Kopf, konnte sich aber ein schiefes Grinsen nicht verkneifen. Offenbar wollte Lara ihn aufziehen.
»Was war das eigentlich vorhin, dein Kommentar Huber gegenüber?«, fragte sie, nachdem sie einen Schluck von ihrem Latte macchiato getrunken hatte.
»Was meinst du?«
»Dass sich Becker nach der Sache damals wieder in ein besseres Licht rücken müsse.«
»Das war eher auf die Staatsanwaltschaft allgemein gemünzt. Vor einigen Monaten gab es einen Riesenskandal. Einige hohe Tiere sollen wilde Partys mit Drogen und Prostituierten veranstaltet haben.«
»Oha!«
»Das ist aber noch nicht alles. Im Rahmen der Untersuchung entdeckte man wohl auch ziemlich delikates pornografisches Material, das über die Computer der Staatsanwaltschaft heruntergeladen worden war. Die offizielle Begründung lautete, man habe einen Kinderpornoring aushebeln wollen. Aber just in dem Moment, als eine übergeordnete Instanz das prüfen sollte, waren die Daten verschwunden.«
»Wie das?«
»Die Festplatten waren formatiert worden oder defekt. Ich weiß es nicht genau. Komischer Zufall, nicht wahr?«
»Hm. Klingt schon verdächtig. Und man konnte niemandem etwas nachweisen?«
»Nein.«
»In dubio pro reo.«
»Ja, ja … ich weiß. Becker ist trotzdem ein Arsch.«
»Und seine Anspielung gestern Abend?«
Joachim hob fragend die Augenbrauen.
»Nachdem du ihm gesagt hast, er soll die Kapuze überziehen.«
Fuchs dachte kurz nach. »Ach, das! Ja. Du erinnerst dich an diese Filmdöschen, in die ich immer meine Zigarettenstummel stecke?«
Lara nickte.
»Die Idee stammt aus Australien. Dort verteilt man sie in manchen Hostels an Gäste, quasi als mobile Mülleimer, damit an Stränden und in Nationalparks nicht überall Kippen oder Kaugummis rumfliegen. Der eigentliche Grund für meine Umsicht geht aber auf einen alten Fall zurück, bei dem eine achtlos weggeworfene Kippe im Beweisbeutel der Spurensicherung landete.«
»Deine?«
Fuchs grinste. »Hat mich zwar nicht wirklich in die Bredouille gebracht, war aber von lehrreicher Peinlichkeit.« Gedankenverloren zog er den Löffel durch den Milchschaum und hinterließ dabei ein Muster aus Kakao, das ihn an einen Palmwedel erinnerte. Gab es dafür mittlerweile nicht eine eigene Berufsbezeichnung? Barista oder so ähnlich. Ein Spezialist für die Zubereitung von Kaffee und Milchschaum. Vielleicht hätte er das machen sollen. Klang jedenfalls nach einem überschaubaren Maß an Verantwortung. Und die Kundschaft war sicher auch angenehmer als Ermordete und deren Angehörige. Oder ein Job als Surflehrer in Byron Bay. Australien. Gott, war das lange her! Es fühlte sich an, als stammten die Erinnerungen aus einem anderen Leben. Und was tat er stattdessen? Täglich stieg er in die tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche hinab. Bilder des gestrigen Opfers tauchten vor seinem inneren Auge auf. Das weiße Fleisch. Die klaffenden Wunden. Was hatte es damit auf sich? Vielleicht würde die Obduktion etwas Licht ins Dunkel bringen.
»Woher kennst du dich eigentlich so gut mit Hunden aus?«, riss ihn Lara aus seinen Gedanken.
»Hm?«
»Deine Kenntnisse in Sachen Hunden. Mir schien vorhin, als wärst du ein regelrechter Fachmann.«
»Bestimmt nicht. Bin nur mit Hunden aufgewachsen.«
»Hast du noch einen?«
»Schon ewig nicht mehr.« Fuchs dachte darüber nach, während er das Kunstwerk in seiner Tasse bearbeitete. So gerne er sich wieder einen Hund zugelegt hätte – dafür gab es in seinem Leben momentan keinen Platz. Wer sollte sich um das Tier kümmern, während er bei der Arbeit war? Immerhin hatte er keinen Nine-to-five-Job. Damals hatte seine Exfrau dem Thema Hund einen Riegel vorgeschoben, weil sie den Geruch im Haus nicht ertragen konnte. Und Zwingerhaltung war für ihn nicht in Frage gekommen. Somit hatte es nach dem Tod von Lotta keinen neuen Hund gegeben. Vielleicht würde er sich als Rentner wieder einen ins Haus holen. Allerdings dauerte es bis dahin noch zwei Jahrzehnte.
»Willst du dir irgendwann wieder einen zulegen?«, fragte Lara, als hätte sie seine Gedanken gelesen.
Fuchs sah zu ihr auf, grinste. »Jetzt aber Schluss mit diesem Verhör. Du bist dran! Wir arbeiten jetzt schon ein Weilchen zusammen, und ich weiß so gut wie überhaupt nichts über dich.«
»Was willst du denn wissen?«
»Hm. Wie wäre es zum Beispiel damit: Was war dein Antrieb, Polizistin zu werden?«
Lara wandte den Blick ab und sah auf die Tischplatte. Unmerklich hatte sich ihr Körper versteift.
»Oder wie kam das mit dem Praktikum beim FBI?«
Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Ich habe eine Schwester, die in den Staaten lebt. Das erleichterte den Aufnahmeprozess und ließ sich zudem gut mit einem Besuch bei ihr verbinden.«
»Aha. Und wie bist du in der Schweiz gelandet?«
»Ich wollte einfach mal ein bisschen raus. Außerdem hat Professor Tizian einen hervorragenden Ruf, weit über die Landesgrenzen hinaus.«
»Was genau war der Beweggrund, Fallanalystin zu werden?«
Sie zuckte die Schultern. »Ich schätze, ich wollte einfach wissen, was die Menschen zu ihren Taten treibt. Sag mal, für wie viel Uhr war noch mal die Obduktion angesetzt?«
»Für vier, wieso?«
»Nur so.«
Die Obduktion. Fuchs hatte die Gedanken daran gerade erst verdrängt. Jetzt musste er wieder an den Keller der Rechtsmedizin denken, wo sie später dabei zusehen würden, wie man den Leichnam in seine Einzelteile zerlegte. Trotz der forensischen Rahmenbedingungen jedes Mal eine barbarische Prozedur. Natürlich war er über die Jahre abgestumpft, doch an den Anblick und vor allem den Geruch der geöffneten Körper würde er sich wahrscheinlich nie gewöhnen.
Er senkte den Blick in seine Tasse. Der Milchschaum war inzwischen zusammengefallen und hatte eine bräunliche Farbe angenommen. Barista … ja, vielleicht wäre das auch ein schöner Beruf gewesen.
Lara bestaunte die graue Villa mit dem Spitzdach auf dem Erker, während Fuchs klingelte und ein Ohr an die Gegensprechanlage hielt. Eine Frauenstimme ertönte, blechern und unverständlich.
»Kriminalpolizei, wir kommen wegen der Obduktion.«
Das Türschloss summte. Fuchs drückte die verschnörkelte Holztür auf, und sie durchquerten einen Vorraum ohne erkennbaren Zweck, passierten eine weitere Tür und fanden sich in einem langen Flur mit Teppichläufer wieder. Halogenspots spiegelten sich in der dunklen Wandvertäfelung aus Mahagoni.
»Beeindruckendes Gebäude«, sagte Lara. »Jugendstil.«
Fuchs rümpfte die Nase. »In meiner Jugend hatte ich einen anderen Stil.«
Vor ihnen baten zwei goldene Abgrenzungsständer um Beachtung. Statt einer Kordel aus rotem Samt war ein Schild zwischen ihnen befestigt, das Besucher aufforderte, sich im Sekretariat anzumelden. Die Tür zu ihrer Linken stand offen, und aus dem Raum drang die Stimme der Dame, die sie kurz zuvor über die Gegensprechanlage vernommen hatten. Sie traten ein. Als Erstes fielen die deckenhohen Regale auf, die bis auf den letzten Platz mit Ordnern gefüllt waren. Die Sekretärin saß hinter zwei wuchtigen Schreibtischen, die fast den gesamten Raum einnahmen, und telefonierte. Sie bedeutete den beiden zu warten.
»Wie gelangt die hinter dieses Bollwerk aus Tischen«, flüsterte Fuchs. »Klettern oder Kriechen, was meinst du?«
Lara verkniff sich ein Lachen. »Hör auf«, zischte sie und stieß ihm spielerisch den Ellenbogen in die Seite.
Derweil stand die Sekretärin von ihrem Stuhl auf, zog scheinbar blindlings einen Ordner aus dem Regal, schlug etwas nach, teilte ihrem Gesprächspartner die Information mit und legte auf.
Sie strahlte den Kommissar an. »Herr Fuchs, schön, Sie zu sehen! Der Professor erwartet Sie unten. Sie kennen ja den Weg.«
Verstohlen schielte er auf das Namensschild auf dem Tisch. »Vielen Dank, Frau Küpper. Einen schönen Tag noch.«
Lara folgte Joachim den Flur entlang. Ihr Blick glitt durch einen Raum zu ihrer Rechten, wo sich in einer mächtigen Glasschrankwand eine beachtliche Büchersammlung drängte, sämtliche Fächer darüber vollgestopft mit Stapeln aus Mappen und Papierkram. Auf dem Schreibtisch in der Mitte lagen neben einem Laptop Akten und lose Zettel verstreut. Das Messingschild neben der Tür verriet, um wessen Büro es sich handelte:
Professor G. Lehnhardt
Leiter des Instituts für Rechtsmedizin
Lara hatte Mühe, sich vorzustellen, was für ein Typ der Professor war, wenn er in einem solchen Chaos arbeiten konnte. Sie war gespannt, ihm gleich zu begegnen.
Am Ende des Gangs erreichten sie eine Holztreppe mit geschnitztem Geländer, die ins Obergeschoss führte.
»Oben befinden sich die Labore«, sagte Fuchs, deutete aber in eine Nische unter dem Treppenaufgang, wo eine niedrige Metalltür eingelassen war. »Wir müssen in den Keller. Nach dir.«
Als er die Tür öffnete, schlug Lara ein Gestank nach faulen Eiern entgegen. Der Geruch der Verwesung. Sie duckten sich unter dem Türrahmen hindurch und stiegen mit eingezogenen Köpfen die Stufen hinab. Ihre Sohlen quietschten auf dem Holz, dessen grauer Lack an den Kanten abblätterte. Mit jedem Schritt verstärkte sich der Gestank. Lara stieß die Luft aus ihren Backen und spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Unten gibt es sicher mehr Platz, versuchte sie, sich zu beruhigen. Falls hier nicht nur Pygmäen arbeiteten, konnten die Decken unmöglich überall so tief hängen.
Im Keller konnten sie zumindest wieder aufrecht stehen, dafür erschien ihr das Rauschen der an der Decke montierten Rohre wie das Zischen einer angriffslustigen Kobra.
»Alles gut bei dir?«, fragte Fuchs, der ihr Unbehagen offenbar bemerkt hatte.
»Ja, geht schon. Bin nur kein Fan von engen Räumen.«
»Das Schlimmste hast du hinter dir. Da müssen wir hin.« Er deutete zu einer Stahltür, auf der in schwarzen Lettern das Wort Sektionsraum angeschlagen war. Fuchs klopfte, und sie warteten, bis geöffnet wurde. Der Gestank, der Lara bisher schon zugesetzt hatte, explodierte in ihrer Nase. Im Türrahmen stand ein hagerer Mann.
»Herein!«, sagte Lehnhardt, schüttelte beiden die Hand und ging voraus. »Ich habe schon mal mit der äußeren Leichenschau begonnen und Abstriche aus After und Vagina entnommen.« Sein Ton klang wie der eines Befehlshabers. Vermutlich war er früher beim Militär gewesen, dachte Lara. Wobei das wiederum überhaupt nicht zu dem Chaos in seinem Büro passte. Als sie den Sektionssaal betrat, beruhigte sie sich etwas, denn der Raum war groß und hatte vor allem hohe Decken. Jetzt musste sie bloß noch diese olfaktorische Tortur überstehen. Kurz überlegte sie, durch den Mund zu atmen, doch der Gedanke, die Geruchsmoleküle dann auf der Zunge zu haben und die Verwesung am Ende noch zu schmecken, ließ sie davon absehen.
»Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche«, sagte Fuchs, »aber sollten wir nicht auf den Staatsanwalt warten?«
Lehnhardt linste auf die Wanduhr und sah Fuchs an, als hätte der ihm einen völlig abwegigen Vorschlag unterbreitet. »Nein. Herr Becker hat die Uhrzeit selbst festgelegt. Dafür vereinbart man doch Termine. Und seien wir mal ehrlich – was soll dieser Winkeladvokat zu einer Autopsie beitragen? Wenn Herr Becker es mal wieder nicht für nötig erachtet, pünktlich zu erscheinen, kann er die Ergebnisse genauso gut meinem Abschlussbericht entnehmen.«
Lara beobachtete, wie die Falten neben Lehnhardts Nasenflügeln an seinen Mundwinkeln zupften, und vermutete, dass das ein Lächeln war. Der Professor wurde ihr immer sympathischer.
Sie schaute sich um. Neben den blickdichten Milchglasfenstern, durch die das Tageslicht nur spärlich in den Raum drang, hing eine Schiefertafel, darauf Körpergröße und Gewicht einer Leiche notiert. In der Mitte des Raums standen zwei Aluminiumtische mit Leichnamen. Laras Blick wanderte über den ersten, den faltigen Körper einer alten Frau, der äußerlich unversehrt schien. Die Haut war stumpf, beinahe wächsern, und hatte einen grau-gelben Teint.
»Das ist eigentlich unser tägliches Brot«, sagte Lehnhardt, der Laras Blick bemerkt hatte. »Eine Dame in gehobenem Alter, höchstwahrscheinlich eines natürlichen Todes gestorben, aber die Angehörigen wollen nicht wahrhaben, dass das Leben irgendwann endet, und wünschen dann eine Autopsie. Wer weiß – vielleicht steckt ja die Pflegerin aus Polen dahinter? Die hatte es sowieso nur auf Mamas Geld abgesehen! Aber so etwas hier«, er wandte sich der Leiche auf dem hinteren Sektionstisch zu, »das haben wir wirklich selten.«
Lara erkannte die junge Frau sofort wieder. Der Anblick ihres geschundenen Leibs hatte sich in der vergangenen Nacht tief in ihre Netzhaut eingebrannt. Erst jetzt, in dem steril und gleichmäßig ausgeleuchteten Sektionsraum bemerkte sie die grün-bräunliche Zeichnung, die die Haut der Leiche durchzog wie ein Straßennetz eine Landkarte. Noch ein Detail erweckte ihre Aufmerksamkeit. Wie elektrisiert beugte sie sich zu der Toten hinunter. Die Haut war übersät von winzigen Erhebungen.
»Sie hat ja eine Gänsehaut«, flüsterte Lara und spürte, wie sich ihre eigenen Nackenhaare aufrichteten.
»Gut beobachtet«, sagte Lehnhardt. »Dieses Phänomen sieht man hin und wieder. Es entsteht durch die postmortale Erregbarkeit der Musculi arrectores pilorum. Das sind die klitzekleinen Muskeln, die für das Aufstellen der Härchen verantwortlich sind.« Lehnhardt ließ seine Worte einen Moment im Raum stehen und klatschte plötzlich in die Hände. »Gut, fangen wir an! Mein erster Eindruck war, dass der Tod durch Exsanguination, also Verbluten, eingetreten ist. Ein erster Anhaltspunkt für diese These ist das Fehlen von Leichenflecken. Um die Hand- und Fußgelenke sind Strangmarken zu erkennen. Ein Hinweis, dass sie gefesselt war. Nur hierauf kann ich mir noch keinen Reim machen …« Er deutete auf die seltsamen Blutergüsse, wo an einigen Stellen die Haut aufgeplatzt war. »Ich habe schon an eine Peitsche gedacht, aber ich glaube, das ist es nicht. Irgendwie ist mir, als hätte ich das schon einmal gesehen.«
Lara und Fuchs sahen sich fragend an, während Professor Lehnhardt sich wieder von dem Gedanken losriss.
»Abgesehen davon«, fuhr er fort, »fallen bei näherer Betrachtung weitere Besonderheiten auf. Schauen Sie sich Folgendes an: Diese Wunden wirken wie ausgewaschen. Damit meine ich nicht das Ausspülen des Bluts durch das Treiben im Fluss. Die Beschaffenheit des Wundgrunds ist sonderbar. Die Ränder sind blasser als die Umgebung. Als hätte man die Blutzellen aus der Hautmatrix herausgesaugt. Vielleicht hilft uns das Mikroskop weiter. Jedenfalls haben wir wie üblich auch unter den Fingernägeln des Opfers Proben auf Hautrückstände genommen.« Er sah die Ermittler an, ob sie ihm folgten. »Fehlanzeige. Aber es kommt noch besser! Normalerweise schilfert ein Mensch im Rahmen der Zellerneuerung pro Tag etwa ein bis zwei Gramm Hautzellen ab. Das klingt erst mal nicht besonders beeindruckend, aber auf ein Jahr gerechnet macht das ein halbes Kilo. An dieser Leiche haben wir aber an den meisten Stellen nicht mal eine einzige davon gefunden. Als wäre sie gepeelt worden.«
»Gepeelt?«, fragten die Ermittler wie aus einem Mund.
Lehnhardt zuckte die Achseln und nickte. »Nageln Sie mich bitte nicht darauf fest. Das sind nur meine ersten Eindrücke. Diese Wunden dürften jedenfalls ordentlich geblutet haben, sind aber meiner Meinung nach nicht die Todesursache.«
»Sondern?«, fragte Fuchs irritiert.
Lehnhardt ging um den Tisch herum, nahm den bleichen Arm der Toten und drehte ihn mit der Ellenbeuge nach außen. »Die Todesursache vermute ich hier.«
»Eine Einstichstelle«, murmelte Fuchs.
