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Stell dir vor, du könntest ewig leben … Der Milliardär und Dreaminc-Inhaber Erolus Ex bietet seinen Kunden genau diesen Service: Unsterblichkeit. In einer virtuellen Welt – genannt Dreamland – kann das Bewusstsein mithilfe eines Avatars weiterleben, während der Körper in der sogenannten Mumienfarm konserviert wird. Der mysteriöse Tod einer der Mumien erschüttert jedoch das Firmenimperium. Privatdetektiv Horatio Abakorn erhält den Auftrag, den Fall aufzuklären. Dabei kommt er einer Verschwörung auf die Spur und er muss plötzlich um sein Leben bangen, denn von den Bewohnern Dreamlands geht eine Gefahr aus, die unbedingt aufgehalten werden muss.
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Seitenzahl: 287
Veröffentlichungsjahr: 2024
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MÖRDERin der
MUMIENFARM
von
K. Theo Frank
Alle Rechte vorbehalten. Das Buchcover darf zur Darstellung des Buches unter Hinweis auf den Verlag jederzeit frei verwendet werden. Eine anderweitige Vervielfältigung des Coverbilds ist nur mit Zustimmung des Verlags möglich.
Die Handlungen sind frei erfunden.
Evtl. Handlungsähnlichkeiten sind zufällig.
www.verlag-der-schatten.de
Erste Auflage 2024
© K. Theo Frank
© Coverbilder: Depositphotos stevanovicigor
Shadodex – Verlag der Schatten
Covergestaltung: © Shadodex – Verlag der Schatten
© Bilder Innenteil: Depositphotos [email protected] (Seitendeko), TTstudio, WS_Coda (Roboterhunde vor Kirche), 3000ad (Dreaminc-Tower),
Lektorat: Shadodex – Verlag der Schatten
© Shadodex – Verlag der Schatten, Bettina Ickelsheimer-Förster, Ruhefeld 16/1, 74594 Kreßberg-Mariäkappel
ISBN: 978-3-98528-039-1
Stell dir vor, du könntest ewig leben …
Der Milliardär und Dreaminc-Inhaber Erolus Ex bietet seinen Kunden genau diesen Service: Unsterblichkeit.
In einer virtuellen Welt – genannt Dreamland –kann das Bewusstsein mithilfe eines Avatars weiterleben, während der Körper in der sogenannten Mumienfarm konserviert wird. Der mysteriöse Tod einer der Mumien erschüttert jedoch das Firmenimperium.
Privatdetektiv Horatio Abakorn erhält den Auftrag, den Fall aufzuklären. Dabei kommt er einer Verschwörung auf die Spur und er muss plötzlich um sein Leben bangen, denn von den Bewohnern Dreamlands geht eine unerwartete Gefahr für alle Menschen aus.
Inhalt
Teil I: Die Farm
Dienstagmorgen
Mittwochmorgen
Mittwoch, tagsüber
Im Krieg
Mittwochnachmittag
Mittwochabend
Mittwochnacht
Donnerstagmorgen
Donnerstagvormittag
Donnerstag, tagsüber
Im Krieg
Donnerstagnacht
Freitagmorgen
Samstagmittag
Im Krieg
Teil II: Dreamland
Samstagnachmittag
Samstagabend
Samstagnacht
Nach dem Krieg
Sonntagnachmittag
Sonntagabend
Montag
Vier Wochen später
Sonntagmorgen, viele Jahre danach
Autorenvorstellung
Abkürzungen und Bezeichnungen
Charaktere
Weltanschauungen
Dresden, die Perle an der Elbe. Ausnahmsweise glänzt sie heute nicht. Das wolkengefilterte Sonnenlicht taucht die Stadt in kontrastlose Grauschattierungen, die sich in den Pfützen der Pflasterfußwege spiegeln. Wenigstens hat es aufgehört zu regnen.
Als ich von der Louisenstraße nach links in die Kamenzer einbiege, vibriert mein Smartphone. Ein lang gezogenes Dauerbrummen. Automatisch ziehe ich das zappelnde Ding aus der Manteltasche. Die anderen Passanten tun das Gleiche. Kein Wunder, denn bei dem Signal handelt es sich um eine allgemeine Warnung. In der Nähe befindet sich offenbar eine Person, deren Likes-Index unter der Schwelle von fünfzig liegt.
Es wird keine unmittelbare Gefahr angezeigt, also setze ich meinen Weg fort.
Inzwischen erscheint das Foto des vermeintlichen Missetäters – Entschuldigung, der Missetäterin – auf dem Display: eine uralte Frau mit Hut und Brille, die verängstigt von unten in die Kamera schaut.
Beinahe hätte ich losgeprustet, aber mein täglicher Arbeitsweg hat sein Ziel soeben erreicht und ich muss mich zusammenreißen.
»Horatio Abakorn, Privatdetektiv«, steht in schwarzen, abgerundeten Buchstaben auf dem Firmenschild. Ja, so heiße ich, Horatio Abakorn, und die »Firma« ist meine Agentur.
Was den Handyalarm betrifft, so kann es sich nur um ein Missverständnis handeln. Von der Seniorin geht definitiv keine Gefahr aus. Wahrscheinlich hat sie sich in den sozialen Medien vertippt und ist dadurch in Missgunst geraten. Das passiert immer wieder. Vor ein paar Wochen verlor ein Prediger alle seine Likes, weil er die Mitglieder seiner eigenen Kirche, »Die wahren Täufer«, in einem Kommentar als »Die wahren Säufer« bezeichnete. Zwar entschuldigte er sich und bekundete eindringlich, sich lediglich vertippt zu haben, doch das nützte ihm nichts. Seine geistliche Karriere fand ein jähes Ende.
Bevor ich die Klinke nach unten drücke, werfe ich noch einen Blick in den Frühlingshimmel. Nicht um göttlichen Segen zu empfangen. – Nein, Sir! Auf mich trifft der verunglückte Spruch des geschassten Predigers unbedingt zu. – Vielmehr erregt ein Sonnenstrahl aus einem schmalen, leuchtenden Wolkenriss meine Aufmerksamkeit. Ich blicke hindurch und mein Befinden bessert sich – ein wenig. Der Mai liegt nicht mehr fern, was nichts daran ändert, dass sich die regnerischen Apriltage in meinem Leben häufen, was wiederum zu mehr zynischen Gedanken und noch mehr geleerten Whiskiygläsern führt.
Ich trete ein. Es muss Dienstag sein, denn ein keimfreier Schwall desinfizierter Luft weht mir entgegen. Die Reinigungsfirma hat ihre wöchentliche Aufgabe – wie immer – akribisch erfüllt und dabei nicht an Chemikalien gespart. Nun ja, so sind die Vorschriften. Zwar bezahle ich die Miete für die drei kleinen Räume, aber die gesetzlichen Sicherheitsbestimmungen legen fest, wie ich sie zu pflegen habe.
Im Flur ziehe ich meinen Mantel aus und hänge ihn an die Garderobe. Die Schlaufe im Nacken ist abgerissen, weshalb ich den Kragen über den Haken stülpe. Marta, meine Sekretärin, regt sich jedes Mal darüber auf, wenn sie daran vorbeigeht und es bemerkt. »Jaki bałagan!«, pflegt sie dann in ihrer polnischen Muttersprache zu schimpfen, was wohl so viel heißt wie: »Näh das Ding endlich an!«
Ich gehe ins Vorzimmer. Marta sitzt am Tisch und blickt mich über ihre Lesebrille hinweg an. Sie lächelt nicht, was kein gutes Zeichen ist.
»Guten Dag, Cherr Choratio!«, knirscht sie. »Sie sind ziemlich spät.«
Ich gebe die Begrüßung freundlichst zurück und erkundige mich, was das denn für eine Rolle spiele.
»Sie chaben cheute den Termin mit Fräulein Ebert-Well. Chaben Sie das etwa vergessen?« Sie nimmt ihre Sicherette vom Rand des Aschenbechers und zieht daran. Der garantiert schadstofffreie Dunst steigt vorwurfsvoll in meine Nase.
»Das ist heute?«, rufe ich entsetzt und schlage mir in Gedanken gegen die Stirn. Dabei hat die Dame erst gestern angerufen. Sie war der erste Mensch seit Langem, der um ein Treffen bat. Darüber hinaus vermittelte sie ernsthaft den Eindruck, sich in eine zahlende Klientin verwandeln zu wollen. Im Schnitt ist das nur bei dreißig Prozent der Anrufer der Fall. Lediglich bei Eifersuchtsgeschichten liegt die Quote höher.
Marta legt die Sicherette zurück auf den Aschenbecherrand und lässt die Spitze auf das eingravierte Wappen ihrer Heimatstadt zeigen: eine bedeutsam dreinblickende Meerjungfrau, die ein gewaltiges Schwert über dem Kopf schwingt. »Ihr Besuch wird jeden Moment chier sein.« Sie nickt resolut in Richtung meines Büros.
Ich bedanke mich für die Erinnerung, durchquere mit drei Schritten das Vorzimmer und drücke die Bürotür hinter mir zu. Allerdings verschafft mir das kaum Privatsphäre. In das Türblatt ist ein Fenster eingelassen, das beinahe die gesamte Fläche ausfüllt. Dadurch hat mich Marta immer im Blick.
Und heute ist er besonders scharf,denke ich.
Die Einrichtung meines Büros ist alles andere als ausgefallen: Aktenregale, zwei Topfpflanzen auf den Fensterbrettern, eine achtzig Zentimeter hohe Sherlock-Holmes-Figur neben der Tür. An der Decke rotieren Ventilatorflügel und fächeln Luft unter die Papiere auf meinem abgewetzten Schreibtisch. Ich gehe um ihn herum und öffne die oberste Schublade. Ha! Ich wusste es: Zwischen einer halb gefüllten Zahnpastatube und einem schwarz verpackten Kondom, dessen Haltbarkeit schon seit einigen Jahren abgelaufen ist, liegt eine jungfräuliche Schachtel »Pall Mall ‒ Secure Edition«. Ich greife danach, ich meine nach der Schachtel, reiße sie auf und stupse eine Sicherette heraus.
Klick, zisch,schnapp!
Mein silbernes Feuerzeug ist wohl der wertvollste Besitz, den ich noch habe. Ja, ich bin so gut wie pleite. WennMarta auf die Idee kommen sollte, ihr ausstehendes Gehalt zu verlangen, wäre das Ende der Fahnenstange erreicht.
Ein ungewohntes Geräusch dringt durch die Fensterscheiben. Hinter den altmodischen Gardinen kann ich ein Automobil erkennen, das umständlich neben dem Fußweg parkt. Es ist keines der selbstfahrenden Allerweltsteile aus Plastik und Presspappe, sondern eine echte Limousine, ein Tesla der neuesten Generation. Die machen ziemlich was her. Sogar der Wachroboter ist aufgesprungen und fokussiert seine Kameraaugen auf den silberfarbenen Schlitten.
Die Fahrertür bewegt sich. Ein älterer Mann in Chauffeuruniform wälzt sich aus dem tiefen Sitz, geht um die Kühlerhaube herum und öffnet die Beifahrertür. Er lüftet seine graue Schirmmütze und hilft einer Dame mit breitem Hut und hellgrauem Trenchcoat beim Aussteigen. Ich erhasche nur einen kurzen, undeutlichen Blick, denn sie geht zügig auf die Eingangstür der Agentur zu. Rasch nehme ich die halb aufgerauchte Sicherette aus dem Mund und lege sie vorsichtig in den Aschenbecher neben dem Laptop. Ich muss sie nicht ausdrücken, denn Sicheretten löschen sich von selbst, wenn niemand daran zieht. Später werde ich sie zu Ende rauchen. Selbst wenn ich ein Milliardär wäre, würde ich sie nicht verkommen lassen. Der Krieg hat mich vor den kleinen, alltäglichen Freuden demütig gemacht.
Ich kippe das Fenster an und wedele mit der Hand: ein verzweifelter Versuch, den Sicherettengeruch aus dem Zimmer zu vertreiben.
Es klingelt. Eingedenk meiner durchsichtigen Bürotür setze ich mich an den Schreibtisch und versuche, beschäftigt auszusehen. Marta betätigt den Türöffner. Er summt. Meine Besucherin tritt ein und übergibt ihr Hut und Mantel. Es folgen ein paar schnelle, hochfrequente, und daher für einen Mann unverständliche, Begrüßungsworte. Kurze Zeit später hämmert der Gelenkknochen von Martas Zeigefinger gegen das Türglas.
»Herein!«
Martas korpulenter Körper verdeckt die Besucherin zunächst. Erst nachdem sich beide Frauen im Zimmer befinden, tritt sie zur Seite und gibt den Blick frei.
»Fräulein Ebert-Well!«, verkündet sie und macht auf dem Absatz kehrt.
Ich erhebe mich nur so schnell, wie es die Höflichkeit gebietet. Das gnädige Fräulein soll keinesfalls den Eindruck gewinnen, dass ich ihren Auftrag nötig hätte.
Mit einem abgeklärten Lächeln strecke ich ihr meine rechte Hand entgegen. »Guten Morgen! Nennen Sie mich bitte Horatio!«
Sie nähert sich mit den anmutigen Schritten eines professionellen Mannequins: klack, lack, ack. Ihre Hand schiebt sich in meine und ich drücke sie vorsichtig. Sie erwidert den Druck, allerdings mit weit weniger Kraft, als ihre Muskeln hervorbringen könnten.
Ich schätze sie auf Mitte zwanzig. Ihre Haare sind schwarz wie die Nacht, links gescheitelt, schulterlang und heute Morgen steckten wahrscheinlich mehr Lockenwickler darin als Sicheretten in meiner Schachtel. Sie trägt ein Kleid, nicht zu kurz, nicht zu lang. Es ist hell mit aufgedruckten Blumen, die farblich zu ihrem Trenchcoat passen. Und es ist eng, Halleluja. Nicht einmal ein Bleistiftstrich hätte zwischen den Stoff und ihre Haut gepasst. Der schmal geschnittene Kragen hält ihr atemberaubendes Dekolleté nur mühsam im Zaum. Um ihren Hals windet sich das Fell eines silbernen Fuchses, dessen Kopf sich sanft an ihren Busen schmiegt. Wahrscheinlich hat sich das Tier dafür freiwillig töten lassen. Die entrückt blickenden Glasaugen und das auf seiner langen Schnauze erstarrte Grinsen legen diese Vermutung jedenfalls nahe.
»Was kann ich für Sie tun, Fräulein Ebert-Well?« Ich habe meiner Stimme eine geschäftliche Kühle verpasst, meine Bewegungen halte ich im Zaum, doch der Anblick ihrer bebenden, dunkelrot geschminkten Lippen lässt meine professionelle Fassade schnell schmelzen.
»Helfen Sie mir, Horatio. Bitte!« Ihre Worte werden von einem tiefschwarzen Mascara-Wimpernaufschlag begleitet. Passend dazu rollt eine Träne aus ihrem rechten Auge und bewegt sich, der Schwerkraft folgend, in Richtung ihres sanften Kinns. Sie fängt sie mit einem Taschentuch ab, das aus dem seidigsten Material besteht, das ich je gesehen habe. Der Tränentropfen durchtränkt es nicht einmal. Er kriecht an einer Falte nach unten und fällt auf den frisch gewachsten Fußboden.
Ich berühre vorsichtig ihre Unterarme. Ihr ungewohnt herbes, aber angenehmes Parfum betört mich. »Erzählen Sie mir, was geschehen ist«, bitte ich sie, »von Anfang an und in allen Details. Dann verspreche ich Ihnen, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um Ihnen zu helfen.«
Sie ist kleiner als ich und ihre Augen werden groß, als sie zu mir aufblickt. Ein verhaltenes Lächeln streicht über ihr Gesicht.
Ich geleite sie zu den gepolsterten Stühlen für die Klienten, wo sie mit einer anmutigen Choreografie aus prüfendem Seitwärtsblick, Streichen über den Rocksaum und einer behutsamen Kniebeuge Platz nimmt. Ich gehe hinter den Schreibtisch und setze mich wieder auf den Drehstuhl.
Llava Ebert-Well fängt an zu reden und ich traue meinen Ohren nicht.
Dreißig Minuten später lässt sie sich von ihrem Chauffeur beim Einsteigen helfen.
Ich beginne umgehend mit der Recherche.
Gestern war es trübe in der Stadt, doch heute leuchten die Fassaden. Sogar das alte Graffiti an der Hauswand kann man entziffern: »Evakuiert Moria!«
Mit ruhigen Schritten biege ich von der Kamenzer in die Sebnitzer Straße ab. Beeilen muss ich mich nicht. Der Verkehr ist um die Vormittagszeit recht entspannt. Ja, in den Straßen von Dresdens Neustadt kenne ich mich aus. Nicht dass sich hier etwas verändern würde. Im Fenster der Erdgeschosswohnung, direkt hinter der Kreuzung, stapeln sich nach wie vor die Schachteln mit den Brettspielen. Ihre Reihenfolge ist seit Wochen die gleiche, was zwei Ursachen haben könnte. Entweder ist ihr Besitzer ein pedantischer Ordnungsfreak oder hinter der Gardine wird tatsächlich kein Schach, kein Monopoly und kein Mensch-ärgere-dich-nicht mehr gespielt. Die letztere Option halte ich für die wahrscheinlichste. Heutzutage gibt es für die meisten Menschen nur noch virtuelle Spielewelten, und Dreamland istdie begehrteste.
Plötzlich höre ich das surrende Geräusch von Servomotoren, die in Stahlgelenken verankert sind. Ein mechanischer Hund erhebt sich und setzt sich in Bewegung: T-RexIV. Es handelt sich um einen schnellen Roboter für die urbane Sicherheit, der so gut wie überall im Freien Westen eingesetzt wird. Bei vollem Galopp erreicht er siebzig Kilometer pro Stunde. Während er feuert, schafft er immerhin noch fünfundfünfzig.
Die Roboterhunde wurden während des Krieges entwickelt und waren – gemäß dem Ersten Sicherheitsgesetz – für die Sicherung des Hinterlandes gedacht. Ab dem dritten Kriegsjahr wurden sie ebenfalls an der Front eingesetzt. Ihre Fähigkeiten sowie einige spektakuläre Erfolge der militärischen Aufklärung konnten eine Invasion Westeuropas abwenden und den Krieg beenden. Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Sarajevo wurde das Gesetz aber nicht wieder aufgehoben. Warum auch? Nach dem Krieg sehnten sich die Leute nur noch nach einem: Sicherheit. Dieser Wunsch sollte die gesamte Nachkriegspolitik im Westen bestimmen und alle Lebensbereiche betreffen: Verkehr, Arbeitsplätze, Freizeit, Nahrung, Genussmittel, den öffentlichen und – auf Nachfrage – ebenfalls den privaten Raum. Man war gegenüber allem misstrauisch, bei dem der Mensch einen Risikofaktor darstellte, sowohl für sich selbst als auch für andere. Wie viel sicherer waren doch die selbstlernenden Algorithmen der KI mit ihren Standards, den Updates, der Online-Vernetzung und so weiter.
In Dresden gibt es zehn Roboterhunde pro hundert Einwohner, was der mittleren Quote im Freien Westen entspricht. Tag und Nacht sitzen sie in strategisch angemessenen Abständen an den Häuserwänden und überwachen ihr jeweiliges Revier. Die Menschen haben sich so an sie gewöhnt, dass sie ihnen gar nicht mehr auffallen – jedenfalls nicht, wenn sie sich nicht bewegen. Kinder toben um sie herum, Frauen stehen schwatzend daneben und am Abend küssen sich Pärchen vor ihren mechanischen Schnauzen. Aber wehe dem, der die Idylle stört.
Für den Schutz der Bevölkerung setzen sie ihre Bewaffnung – Pfefferspray, eine halb automatische Maschinenpistole in der Schulter und natürlich die scharfen Zähne – jedoch nur selten ein. Es gibt zwar hin und wieder Überfälle oder Anschläge, die sich nur durch einen Biss oder ein aufpilzendes Hohlspitzgeschoss verhindern lassen, gegen die üblichen Auseinandersetzungen sind ihre Kameraaugen und die öffentlichen Server, auf die sämtliche Ereignisse hochgeladen werden, aber absolut wirkungsvoll.
Der Roboterhund trabt an mir vorbei. Sein Ziel ist ein junger Mann, der neben seiner Freundin an der Kreuzungzwischen Alaunstraße und Sebnitzer Straße steht. Er lässt sofort von ihr ab, als er den Hund auf sich zukommen sieht. Er hat sie wohl schlagen wollen und sie rief deswegen um Hilfe. Sie war hübsch, klein, etwas älter als er. Oder kam es mir nur so vor – wegen der Schminke?
Nach der Erfüllung seiner Aufgabe kehrt der Hund in seine Ecke zurück. Der Mann schaut zunächst resigniert zu Boden, dann hebt er den Blick und lässt ihn leer über die Häuserfassaden streifen. Er seufzt. Ihn erwartet zwar keine Strafe, schließlich war es nicht zum Äußersten gekommen, aber sein Bild befindet sich bereits in allen sozialen Medien. Er würde viele, viele Likes verlieren.
Likes! Das ist die neue Droge, die neue Währung, die neue Absolution.
Likes regeln den Zugang zu Hotels, Restaurants, Klubs, Museen, Fußballspielen, privaten Feiern und die Chancen beim nächsten Online-Date. Auch unsere Demokratiebasiert auf Likes. Falls keine Fachkenntnisse benötigt werden, sind sie das einzige Kriterium, um als Kandidat für eine Wahl aufgestellt zu werden.
Hat man so exorbitant viele Likes auf dem Konto, wie kaum jemand sonst, kann man sich sogar die Unsterblichkeit dafür kaufen.
An der Kreuzung wartet mein Taxi, ein selbstfahrendes, was sonst. Weil der Begriff »selbstfahrendes Auto« ziemlich bescheuert klingt, hat man die Fahrzeuge »Autonomo« getauft. Auch kein besonders gelungener Name, weshalb sich schnell die Abkürzung »Nomo« einbürgerte.
Bevor ich einsteige, taste ich mich ab. Alles dabei?
Meine Detektivlizenz steckt in der linken Innentasche meines Mantels. Nicht dass sie mir irgendeine Tür öffnen würde, aber es ist gut, sie dabeizuhaben, wenn Bullen auftauchen. In der rechten Jackentasche ist das Smartphone, in der Brusttasche darüber die Geldbörse. Eine Waffe? Könnt ihr vergessen. Nur die Bullen haben welche. Unter meinem Arm klemmt die Manila-Mappe mit dem Protokoll, das ich nach meinem Gespräch mit Fräulein Ebert-Well angefertigt habe.
»Nennen Sie mich Llava!«, hat sie mir zum Abschied zugehaucht. Ich ersparte mir die Kalauer mit heiß, feurig oder was einem sonst noch bei diesem Vornamen einfällt. Stattdessen lächelte ich nur und gab ihr artig die Hand.
Ich setze mich nach hinten. Die Nomos sind kaum größer als Schuhkartons und ich muss meine Knie anziehen, um hineinzupassen.
»Willkommen! Horatio Abakorn!«, begrüßt mich eine elektronische Frauenstimme, die so klingt, als hätte man die Mundwinkel an den Ohrläppchen festgetackert.
»Zum Hauptquartier von Dreaminc, bitte!«, sage ich, was aber gar nicht nötig gewesen wäre. Das Ziel hatte ich bereits angegeben, als ich das Auftragsformular auf dem Smartphone ausfüllte.
»Begeben Sie sich zum nächsten Einsteigepunkt«, hatte mir das Online-Portal mit auf den Weg gegeben. »Eine Abholung an der Haustür wird extra berechnet. Drücken Sie auf ›Yes‹, wenn Sie eine Abholung zu Ihrem lokalen Tarif wünschen.« Natürlich drückte ich nicht auf »Yes«. Ein kleiner Spaziergang kann niemals schaden, schon gar nicht dem Geldbeutel.
Ich hole mein Smartphone hervor und halte den Bildschirm an den Leselaser in der hinteren Mittelkonsole. Neben den persönlichen Daten wird immer auch der Likes-Index ausgelesen. Liegt er unter einhundert, findet kein Transport statt – zu hohes Sicherheitsrisiko. Die Kosten für die Anfahrt muss man trotzdem abdrücken. Das kommt allerdings nur selten vor. Im Departement Sachsen liegt der durchschnittliche Likes-Index bei zweitausend. Menschen mit einem deutlich niedrigeren Wert können sich sowieso kein Nomo leisten.
Die Konsole piept zufrieden. Fertig!
Es geht los über das holprige Pflaster, durch die engen Häuserschluchten, zusammengequetscht von Gründerzeitklötzen aus roten Klinkern und üppigem, aber lieblosem Stuck, der den Geruch der industriellen Herkunft nicht zu überdecken vermag. Arme alte Arbeiterklasse, Gott sei ihrer Seele gnädig.
Von der Alaunstraße fahren wir nach links auf den Bischofsweg, am Alaunpark entlang, über die Königsbrücker Straße bis zum Bischofsplatz, danach unter der S-Bahn-Brücke hindurch und weiter auf der Alan-Turing-Straße. Sie führt an einheitlich gebauten, fünfstöckigen Mehrfamilienhäusern vorbei. In den Erdgeschossen befinden sich sogenannte Szenekneipen, worauf einheitlich unkonventionelle Werbeschilder hinweisen, aber auch Obst-und-Gemüse-Läden sowie lieblos gestaltete Döner-Stehlokale, in denen man immer das Gefühl hat, auf der Durchreise zu sein.
Wir biegen nach rechts ab in Richtung Norden, fahren die Hansastraße entlang. Weiter nördlich werden die Mietblocks der selbst ernannten Boheme durch ein riesiges Kleingartengebiet ersetzt.
Es folgt die Radeburger Straße mit Wiesen und Baumbestand auf der einen und netten Eigenheimen auf der anderen Seite, eingerahmt von überdachten Pools mit Gegenstromanlage, Grillplätzen, top gepflegtem Rasen und Gartenhäuschen, in denen so manche Hausfrau die körperlichen Fähigkeiten eines braun gebrannten Gärtners oder Poolboys in Anspruch nimmt, während ihre erfolgreichen Männer ahnungslos durch die Fenster ihrer Vorstandsbüros glotzen. In meinem Cloud-Speicher liegen Hunderte Bilder, die beides belegen. Ja, Sorglosigkeit kann auf Dauer langweilig sein, und Langeweile führt zu unüberlegten Taten. Weil die Arbeiten, die mit dem eigenen Häuschen verbunden sind, in letzter Zeit immer häufiger von Robotern übernommen werden und man auf den Service echter Menschen verzichten kann, läuft das Sexualleben an der Radeburger Straße jedoch Gefahr, noch weiter zu veröden. Nun, vielleicht würde es dafür auch bald Roboter geben.
Wir erreichen die Wilschdorfer Landstraße, die Grenze zwischen Stadt und Land, zwischen Theorie und Praxis, zwischen unzähligen Träumen und der einen Wirklichkeit. Genau hier befindet sich das höchste Gebäude der Stadt, und, wie man so hört, auch das tiefste.
Vor dem Hauptquartier von Dreamland Incorporated, kurz Dreaminc, dominieren hektische Bewegungen: eine Demonstration. Ich lasse das Fenster herunter und höre mir die Parolen an.
»Spielt nicht Gott! Spielt nicht Gott!«
»Unsterblichkeit, die gibt es nicht, nur Dreamincs riesigen Profit!«
Über hundert Menschen säumen die Straße. Sie halten Plakate nach oben, auf denen die Parolen nachzulesen sind. Zwischen den Chören hört man Schalmeien und Tröten, auch ein paar Trommler. Der Lärm übertönt die schreienden Kinder an den Händen ihrer Mütter. Nein, die Stimmung ist nicht aggressiv. Keiner der Demonstranten ballt die Hand zur Faust. Stattdessen falten sie ihre Finger, als würden sie beten.
Das Nomo fährt vorsichtig durch die Gasse, die von den mechanischen Hunden freigehalten wird. Die zähflüssige Menschenmasse wogt in unsere Richtung, halb neugierig, halb mitleidsvoll. Ein vorwitziger junger Mann mit lockigen, roten Haaren zeigt direkt auf mich, aber er hat keine Chance, auch nur in meine Nähe zu kommen. Ich atme trotzdem auf, als wir endlich durch das Werkstor fahren.
Das Dreaminc-Gelände erstreckt sich über eine Fläche von insgesamt fünfzig Hektar. Im Norden grenzt es mehr oder weniger direkt an die Wilschdorfer Landstraße – Zufahrtsbereich. Östlich befindet sich eine ausgedehnte Parkfläche für Nomos, welche die Mitarbeiter am Morgen zur Arbeit bringen und am Nachmittag wieder abholen, aber auch für Gäste und Lieferfirmen. Auf der anderen Seite, im Westen, hat man einen netten grünen Park mit Teich angelegt, umsäumt von jungen Buchen und einem Schotterweg mit Bänken und Skulpturen berühmter Industrieller. Gearbeitet wird in den südlich gelegenen technischen Anlagen, aber vor allem in der Mitte des Areals, im Dreaminc-Tower.
Hinter dem Tor biegen wir nach links ab. Vormittags gibt es für gewöhnlich nicht viel Verkehr, sodass wir direkt vor dem Osteingang des Dreaminc-Towers anhalten können, vorschriftsgemäß in dem durch weiße Striche gekennzeichneten Bereich.
Ich steige aus und schaue mich um, aber nicht um die rationale und gleichzeitig mitarbeitergerechte Architektur zu bewundern. Ich suche jemanden Bestimmtes.
Mein Blick streift Firmenangestellte in einheitlichen Krawatten und Zulieferer in hellgrauen Arbeitsanzügen, die sich zwingen, die Ereignisse auf der anderen Straßenseite zu ignorieren. Dann entdecke ich endlich meinen Freund: Kommissar Brahms. Er steht direkt vor der automatischen Eingangstür. Ständig öffnet und schließt sie sich, weil er unter dem Bewegungssensor steht. Doch er kriegt es nicht mit.
Sein Spitzname ist Kobra, aber der passt überhaupt nicht zu ihm, jedenfalls nicht mehr. Sein Hintern ist inzwischen breiter als seine Schultern. Das altmodische, dunkelgraue Jackett, der schon etwas ältere, dunkle Hut, die Brille und der spießige Schnauzbart runden die Anti-Kobra ab. Dennoch mag er sein Pseudonym, vor allem weil ihm sein richtiger Vorname, Johannes, schon immer auf die Nerven ging.
»Horatio, schön dich zu sehen!«
Seine Begrüßung ist ehrlich, so wie alles an ihm ehrlich ist. Sein leutseliges Wesen hindert ihn jedoch nicht daran, sich über andere lustig zu machen.
Er zwinkert. »Trotzdem frage ich mich, was du hier zu suchen hast? Gibt es keine untreuen Ehepartner mehr, die du überwachen musst?«
Ich ignoriere seine Stichelei und gebe ihm die Hand. »Danke, dass du gekommen bist.«
Er erwidert den Druck und seine Miene wird ernst. »Du weißt, für dich würde ich alles tun, zu jeder Zeit. Schließlich hast du mir das Leben gerettet.«
Aber zwölf habe ich vernichtet, denke ich, verdränge die Kriegsbilder jedoch. Gott sei Dank muss ich mich dafür nicht besonders anstrengen, denn Geschichte löscht nach und nach jede Erinnerung aus.
»Wer sind die?« Ich deute auf die Demonstranten. »Marxisten?«
»Nein, Christen. Genauer gesagt Todesevangelisten. So nennen sie sich. Klingt gruselig, oder?«
»Und was wollen sie?«
Kobra macht eine ausholende Handbewegung. »Sie setzen sich schon seit Jahrzehnten gegen lebensverlängernde medizinische Maßnahmen an Todgeweihten ein. Das Unsterblichkeitsprojekt von Dreaminc bekämpfen sie regelrecht, zumindest in dem Rahmen, der Christen erlaubt ist.«
Ich ziehe den rechten Mundwinkel nach oben. »Die Gruppe ist mir völlig unbekannt.«
»Kein Wunder. Vor einem Jahr waren es nicht mal fünfzig Leute.«
»Was ist heute denn anders?«
Kobra zeigt auf einen groß gewachsenen Kerl in der vordersten Reihe der Demonstranten: schwarze Haut, schwarze Haare, schwarze Sonnenbrille und ein Lächeln, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Er klatscht rhythmisch in die Hände, als wäre er auf einem Rockkonzert. »Achat Mendez, ihr neuer Anführer: jung, charismatisch, bescheiden. Während einer Unterhaltung mit ihm – das habe ich zumindest gehört – fühle man sich so, als ob man seinen Kaffee, äh, Kaffie mit Jesus Christus persönlich schlürfen würde.« Auf Kobras breitem Gesicht erscheint ein noch breiteres Grinsen. Da es sich nicht in meinem spiegelt, erstirbt es. Brummelnd zeigt er auf die unentschlossene Glastür. »Lass uns reingehen.«
Kobra hasst es, wenn seine Witze nicht ankommen. Um seine Laune wieder zu heben, pfeife ich die ersten Takte des Ungarischen Tanzes Nummer fünf aus der Feder des Lieblingskomponisten seiner Eltern. Er grinst wieder, als hätte er niemals damit aufgehört. Das war sein Humor.
***
Dresden, die Perle an der Elbe, die so brav erscheint wie ihr bekanntestes Pin-up-Girl: das Schokoladenmädchen.Jean-Étienne Liotard hat die junge Bedienstete um 1744 mit Pastellkreide auf Pergament gehaucht. Mit einem ausladenden, silbergrauen Rock, weißer Schürze und einem goldbraunen Samtjäckchen bekleidet, das rosa Häubchen auf dem Kopf, hält sie ein metallenes Tablett in den zarten Händen, in dem sich ein Wasserglas und eine bunt bemalte Porzellantasse mit besagter Schokolade spiegeln. Dabei strengt sie den Blick so sehr an, als ob sie befürchten würde, jeden Moment zu stolpern, mit Karacho auf die Holzdielen des Korridors zu knallen und die klebrige Fracht über ihre hübschen Klamotten zu verteilen. Ich glaube, treffender als mit diesem Bild kann man das Wesen der Stadt nicht beschreiben.
Dresdens schokoladig-klebrige Geschichte wurde jäh unterbrochen, als es während des Zweiten Weltkriegs aus seiner Fassung gebombt wurde. Seither kämpft die Stadt mühsam um ihre Wiederauferstehung. Hier und da hatte sie durchaus Erfolg, der auch internationale Beachtung fand. Doch der größte Wurf gelang ihr, als sie Erolus Ex in sich hineinlockte, einen Technikunternehmer, Selfmade-Milliardär und Philanthrop. Seither boomt das Business, und der Dresdner Narzissmus hat sich bis in die hinterste Ecke des schäbigsten Hauses am Stadtrand ausgebreitet. Erolus’ Mitarbeiter sind am stärksten von diesem Dünkel eingenommen. Und ein ganz besonderes Exemplar begrüßt uns in der Lobby des Dreaminc-Towers.
»Mein Name ist Doktor Büker«, sagt es und rückt die Brille über seinem kühlen Lächeln zurecht. »Ich bin hier der medizinische Leiter.«
Der Herr der Mumien, denke ich und strecke die rechte Hand aus. »Horatio Abakorn, Privatdetektiv. Sehr angenehm.«
Dr. Büker ergreift sie. »Herzlich willkommen, auch im Namen von Doktor Ex.« Er wendet sich Kobra zu und auch sie schütteln die Hände. »Unser Unternehmen steht der Polizei immer zur Seite. Gibt es etwas Freues, äh, Neues?«
»Danke«, erwidert Kobra. »Nein, leider nicht. Deswegen habe ich um ein erneutes Treffen gebeten. Herr Abakorn verfügt über spezielle Erfahrungen. Mit Ihrer Erlaubnis würde er sich gern den Tatort ansehen. Vielleicht findet er etwas, das uns bisher nicht aufgefallen ist.«
Dr. Büker strafft seinen weißen Laborkittel – eine besonders häufige Marotte, wie sich zeigen wird. Er wirft einen prüfenden Blick auf die wohlgeordnete Reihe Kugelschreiber in seiner Brusttasche und fährt sich durch das – für sein Alter – ungewöhnlich schüttere Haar.
»Darf ich fragen, welche speziellen Wenig-, Verzeihung, Fähigkeiten das sind?«
»Dürfen Sie nicht«, gebe ich knapp zurück, was unseren Gastgeber sichtlich irritiert. Seine erste echte Emotion am heutigen Tag?
Wahrscheinlich.
»Polizeigeheimnis«, ergänzt Kobra versöhnlich.
Dr. Bükers Züge bemühen sich, ihre vorherige Steifheit anzunehmen.
Kobra nutzt die Gelegenheit und lenkt die Situation in eine produktivere Richtung. »Vielleicht können Sie Herrn Abakorn den Zweck Ihres Unternehmens erläutern, so wie Sie es bei mir getan haben.«
Ich breite die Arme aus. »Diese Informationen würden in jedem Fall nützlich sein.«
»Also gut! Folgen Sie mir!«
Unser Gastgeber führt uns zum Sicherheitscheck. Kobra legt Dienstwaffe, Handy und Schlüsselbund auf den Tisch neben dem Gate und schlurft hindurch. Alle Lampen leuchten grün. Er nimmt alles wieder an sich und ich folge ihm mit dem gleichen Ergebnis.
Der Pförtner erwartet uns bereits hinter seinem Schalter. Mit einem misstrauischen Blick nimmt er unsere Ausweise entgegen und händigt die Besucherkarten aus, die wir sichtbar am Körper zu tragen hätten. Meine Karte hefte ich an die äußere Brusttasche meines hellgrauen Jacketts. Der Mantel bleibt offen. Kobra füttert das weiße Maul des Halteclips mit dem Stoff seines Hosentaschensaums. Offenbar genügt das, jedenfalls ist keinerlei Widerspruch zu hören.
Ich schaue mich nach Dr. Büker um. Er wartet unter einem riesigen Bildschirm auf uns, auf dem Werbefilmchen mit Dreamincs neuesten Erfolgen gezeigt werden. Die Irritation ist endgültig aus seinem Gesicht gewichen. Stattdessen wird es von einem förmlichen Grinsen beherrscht, das er sich wohl speziell für den Umgang mit Dreaminc-Besuchern antrainiert hat.
Unser Ziel ist das hintere Ende der Lobby. Unter einem der Fenster steht eine ausladende Plexiglasplatte auf vier massiven Beinen, ein Tisch mit den Miniaturen technischer Anlagen. In der Mitte erhebt sich unverkennbar der Dreaminc-Tower. Erst beim zweiten Hinsehen wird mir klar, woraus das Modell besteht: aus Legosteinen.
»Unser Firmengelände im Maßstab dreihundert zu eins«, erklärt Dr. Büker lakonisch, aber nicht ohne Stolz. »Wenn uns eine Schulklasse besucht, gibt es immer ein lautes ›Ah!‹. Manche Kinder schicken uns sogar Fotos von ihren Lego-Nachbauten. Goldig. Jedenfalls ist unser Towermit siebenhundert überirdischen Metern und einhundertfünfunddreißig Etagen höher als sein Bruder in San Diego und damit der höchste Wolkenkratzer der Welt. Er ist überwiegend mit Service- und Verwaltungsbüros belegt, nicht nur von Dreaminc. Tatsächlich vermieten wir über achtzig Prozent der Fläche an andere Firmen. Sie sehen, unser Tower ist sehr beliebt. Die wirklich interessanten Dinge befinden sich aber unter der Erde.« Er zeigt auf die Etage direkt unter der durchsichtigen Platte. »Das ist unser Kontrollzentrum. Für die Überwachung setzen wir die allerteueste, äh, allerneueste Technik ein. Nichts wird dem Zufall überlassen, denn das wichtigste Argument für das Vertrauen unserer Kunden ist Sicherheit.«
Die am Sonntag wohl einigen Schaden genommen hat, denke ich.
Dr. Büker fährt fort: »Direkt hinter dem Tower befinden sich die Server. Sie nehmen eine Fläche von vierzigtausend Quadratmetern ein, das Umspannwerk nicht eingerechnet. Weltweit verfügen wir über eine Serverfläche von vierzig Millionen Quadratmetern und alles ist miteinander verpetzt, äh, vernetzt.«
»Dort wird Dreamland erschaffen, Dreamincs virtueller Sandkasten für die Unsterblichkeit.«
»Sandkasten?« Er wirft mir einen verächtlichen Blick zu. »In Dreamland können unsere Kunden ein Universum mit außergewöhnlichen Möglichkeiten genießen. Und denken Sie an die Millionen Spieler, die Dreamland regelmäßig aufsuchen, um die gleichen Möglichkeiten für ihr Vergnügen zu nutzen.«
»Außergewöhnlich!« Kobra nickt anerkennend.
»In welchem Bereich ist Frau Well verstorben?«, erkundige ich mich.
»Hier unten, in der Farm.« Er geht in die Knie und zeigt auf einen viereckigen Schacht aus Plexiglas, der vom Tower durch die Tischplatte hindurch nach unten führt. Am Ende des Schachts, etwa einen Meter über dem Fußboden, war eine Art Teller befestigt, auf dem viele kleine Betten standen. Wohlbekannte Lego-Figuren schliefen darin: Geschäftsfrauen, Bauarbeiter mit Helm, Schaffner, Zauberer mit grauem Bart und spitzem Hut, sogar Super-, Bat- und Spiderman sowie ihre weiblichen Pendants.
»Die Ausstellungslizenzen für diese Figuren haben wir extra erworben«, erklärt Dr. Büker. »Alles muss seine Ordnung haben, nicht?«
»Wie viele Mumien lagern hier?«, erkundige ich mich.
Kobra grinst, gleichzeitig verzieht Dr. Büker das Gesicht. »Wie bereits gesagt handelt es sich um Kunden, den Ausdruck Mumien verwenden wir nicht. Außerdem plagen, äh, lagern wir sie nicht, wir betreuen sie.«
»Also gut, wie viele Kunden betreuen Sie?«
Dr. Büker verschränkt die Arme. Seine Arroganz war hin und wieder aufgeflackert, doch er konnte sie immer wieder zurückdrängen. Jetzt beherrscht sie sein ganzes Gesicht. »Hier in Dresden liegen fünfzehntausend Einheiten. Weltweit sind es sechshunderttausend.«
Ich reibe mir nachdenklich das Kinn, dann öffne ich die Manila-Mappe und nehme den Stift zur Hand. »Könnten die Kapazitäten noch ausgebaut werden?«
»Aber natürlich«, entgegnet er – fast beleidigt. »Bereits jetzt könnten wir knapp eine Million Kunden in unsere Farmen aufnehmen.«
»Die Plätze werden Sie bestimmt schnell vollkriegen«, meldet sich Kobra und kratzt seinen Schnauzbart. »Schließlich will jeder unsterblich sein.«
Dr. Büker nickt verhalten. »Genügend Anwärter hätten wir. Leider hat die Zahl der Kunden, die gleichzeitig betreut werden können, eine natürliche Obergrenze. Selbst wenn wir alle Ressourcen ausschöpfen würden, kämen wir insgesamt nur auf fünf Millionen Einheiten.«
»Deswegen müssen sich die Anwärter über einen hohen Likes-Index für die Unsterblichkeit qualifizieren«, bemerke ich.
»So lautet die Firmenpolitik, die ich persönlich für sehr geschlecht, äh, gerecht halte.« Dr. Büker wartet, bis ich mit meinen Notizen fertig bin, dann klatscht er in die Hände. »Also gut, besuchen wir das Kontrollzentrum.« Seine Stimme hat wieder den beflissenen Ton eines Fremdenführers angenommen. »Danach bringt uns der Fahrstuhl zu den Kundenbetten. Den Tatort haben wir, laut Weisung der Polizei, nicht verändert. Der Körper von Frau Well wurde allerdings freigegeben.«
»Am Sonntagabend«, ergänzt Kobra, »direkt nach der Obduktion.«
»Und die Beerdigung ist heute«, sage ich laut, ohne genau zu wissen, warum. Mein Unterbewusstsein versucht wohl gerade, ein paar Informationen miteinander zu verknüpfen.
***
Eine edle Treppe aus Marmorstufen, eingefasst in ein Geländer aus glänzendem Edelstahl, führt uns in das erste unterirdische Geschoss. Der Zugang ist durch eine breite Tür mit einem abweisenden Knauf gesichert. Routiniert zieht Dr. Büker seine Ausweiskarte durch den Leser. Wir betreten einen Korridor und gehen schattenlos durch kaltes Deckenlicht. Er endet vor einer weiteren Tür. Wieder zieht Dr. Büker seinen Ausweis durch den Leseschlitz und der Sesam öffnet sich. Die enge Kälte des Ganges wird von einem weitgreifenden Raum abgelöst, der von einem eindrucksvollen elektronischen Leitstand dominiert wird.
Unser Gastgeber tritt in die Raummitte und winkt uns zu sich. »Dies ist einer von mehreren hoch technisierten Räumen innerhalb des Kontrollzentrums. Der hier wurde für die Kundenüberwachung eingerichtet.« Dr. Büker spricht verhalten, um die Operateure an den Geräten nicht zu stören. Abwechselnd zeigt er auf den Steuertisch und die Monitorwand dahinter. »Er verfügt über die neuesten 3-D-Großbildschirme: kristallklar und mit der höchsten Auflösung. Die Arbeitsplätze sind hochergonomisch und ausgestattet mit Human Centric Lightfür eine angenehme, dem Tagesrhythmus angepasste Beleuchtung. Die Steuerung erfolgt über berührungsempfindliche Touchbildschirme. Damit kann jedes Instrument im Prozessfluss und der Status jedes Kunden aufgerufen werden: Vitalparameter, Medikamentenfluss, Körpertemperatur, Sauerstoffgehalt und so weiter, statistisch oder individuell. Selbstverständlich ist alles in höchstem Maß automatisiert. Aber das Wichtigste ist unsere innovative Computertechnik. Unsere Server sind die schnellsten, intelligentesten und sichersten der Welt. Kein Bäcker, äh, Hacker hat bisher auch nur ein einziges Bit manipuliert.«
Ich schaue kurz zu Kobra hinüber, dessen Augen einen glasigen Ausdruck angenommen haben. »Danke, Herr Doktor«, sage ich. »Das ist wirklich eindrucksvoll. Nun, da ich mir ein Bild von Ihren Möglichkeiten gemacht habe, möchte ich Sie bitten, uns zum eigentlichen Tatort zu führen.«
»Aber natürlich!« Dr. Büker dreht sich nach rechts und steuert auf den Ausgang am anderen Ende des Raumes zu. Kobra hebt die Hand zum Abschied, doch die Operateure starren auf ihre Monitore und bemerken die Geste nicht.
Wieder betreten wir einen Flur, allerdings ist er viel breiter als der vorherige. Auf der linken Seite reihen sich mehrere Fahrstuhltüren aneinander. Sie sind riesig, jede etwa sechs Meter breit und drei Meter hoch.
»Die Größe ist notwendig«, erläutert Dr. Büker, »denn wir müssen ja nicht nur die Kunden, sondern auch viel mächtig, äh, Technik nach unten befördern.«
