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In einem alternativen Europa sind die alten demokratischen Parteien in Auflösung begriffen. Statt ihrer stehen sich neue politische Kräfte gegenüber, die den Kontinent unter sich aufteilen. Nachdem in einem der europäischen Länder ein zentralistisches Einparteiensystem eingeführt wird, schließen sich ihm immer mehr ehemals demokratische Staaten an.
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Kapitel I: Datingrevolution
Kapitel II: Sonntagsfrühstück
Kapitel III: Die Antimaoisten
Kapitel IV: Wissenschaft
Kapitel IV: Das Haus von Louisa und Pin
Kapitel V: Die Invasion
Kapitel VI: Alex
Kapitel VII: Das Wiedersehen
Schlusswort
Dank: Danke an Wikipedia und youtube!
Erklärung: Die dargestellten Meinungen sind ausschließlich die persönlichen und subjektiven des Autors. Die Geschichte erweckt zwar mitunter den Eindruck, historische Begebenheiten widerzuspiegeln. Sie und die handelnden Charaktere sind jedoch frei erfunden. Sie stellen keine lebenden oder verstorbenen Personen oder Personengruppen dar. Lediglich Namen, gesellschaftliche Positionen und Handlungsorte lehnen sich an historische an.
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"Toleranz ist die Tugend des Mannes, der keine Überzeugungen hat." Gilbert Keith Chesterton
"Schön ist hässlich, hässlich schön." William Shakespeare, Macbeth
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Warum, denkst Du, sind Dating-Portale so beliebt? Stell Dir vor, Du kommst nach Hause und jemand dreht das Licht an, mit einer Helligkeit, wie Du sie in diesem Moment als angenehm empfindest. Du schaltest den Fernseher an und es wird genau das gezeigt, worauf Du gerade Lust hast. Es klingelt an der Tür und jemand bringt Dir ein Abendessen vorbei, auf das Du gerade Appetit hast. Du fühlst Dich nicht wohl und in diesem Moment wird genau die Medizin geliefert, die gegen Dein Leiden hilft. Und schließlich triffst Du Dich mit einem Mann oder einer Frau, dessen oder deren Blick, Geruch, Körperbau, Alter, Haarfarbe Dich gerade erregen. Wie bist Du, wenn Du auf so etwas stehst? Na klar, dann bist Du anspruchsvoll. Nur zum Vergleich: Wie bist Du, wenn das Licht genau so hell ist, wie es das abgewrackte Kraftwerk gerade noch hergibt, wenn im Fernsehen immer die gleiche billige Produktion läuft, wenn die Pizza labberig und kalt ist, wenn Dich die Quacksalber-Pillen nicht genesen lassen, wenn Dein neuestes Date eine Kakerlake ist und wenn Du trotz allem glücklich zu sein glaubst? Dann, Lieber Leser, bist Du tolerant. Und die repressive Toleranz beginnt damit, etwas komplett Unnützes zu kaufen. Sie kulminiert in dem Verlust der Fähigkeit, das Böse zu verachten.
Vielleicht war ich damals weder tolerant noch anspruchsvoll. Aber ich mochte es bequem und deswegen fand ich Dating-Webseiten so klasse. Der Algorithmus, nach dem sie damals arbeiteten, schien noch nicht wirklich ausgereift zu sein, denn bisher hatte ich noch keinen Mann gefunden, mit dem ich länger als drei Monate zusammenbleiben konnte. Aber, was soll's! Vielleicht klappte es ja dieses Mal. Wofür überwies ich schließlich meine monatliche Gebühr von xxx Euro? An jenem Tag zwischen Winter und Frühling war die nächste Email eines Kandidaten hereingeflattert und wieder dachte ich: Wow! Das ist der Mann, mit dem ich schon immer zusammen sein wollte. Ich hatte meine Freundin Alex gefragt, welches Kleid wohl am besten zu dem neuerlichen Anlass passen würde. Sie schlug mir das knapp geschnittene, blaue Kleid mit der Stickerei über dem Dekolletee vor, kombiniert mit den blauen Pumps aus Samt. "Blue suede shoes!", dachte ich und der King ertönte kurz in meinem Kopf. Mir war nicht ganz klar, warum es heute gerade blau sein sollte, aber Alex würde schon wissen, was sie empfahl. Sie wusste es ja immer und es hatte mit den Männern auch immer funktioniert, freilich nur für die besagten drei Monate.
Die blauen Schuhe waren zwar schick, allerdings ziehe ich bis heute ungern Samtschuhe an, weil es verdammt schwer ist, sie nach einer Nacht mit Abendessen, Tanzen und vielleicht noch anderen Aktivitäten wieder sauber zu bekommen. Alex hatte empfohlen, meine schwarzen Haare dieses Mal hochzustecken, das gab mir eine gewisse Strenge, und die Kette mit dem silbernen Verschluss und den roten Perlen zu tragen. Ich hatte mehrere solcher Schmuckstücke zur Auswahl. Manchmal trug ich sogar eine Kette mit einem Kreuz, obgleich ich nicht gläubig war. Wohl aber mochten einige meiner voraussichtlichen Partner den sittsamen Eindruck, den es vermittelte. Andere Männer waren an etwas Verruchterem interessiert. Für diese Männer zog ich dann mein kurzes schwarzes Kleid an, zu dem ich die Haare offen und eine Kette mit einem kleinen roten Stern trug. Eigentlich gehörte dort ja ein Herz hin, ich mochte aber Sterne lieber. Heute wollte ich einen etwas dezenteren Lippenstift auflegen. Alex missfiel das, allerdings versuchte sie nicht wirklich, mich zu einem knallroten Kussmund zu überreden. Sie ahnte wohl, dass es an jenem Tag keinen Zweck hatte.
Die Übereinstimmung meiner politischen Ansichten mit der meines Dates war mir in meiner Jugend überaus wichtig. Das von mir präferierte Datingportal schickte mich deswegen zum ersten Kennenlernen immer in ein Restaurant mit dem doppeldeutigen Namen "Die Liebe is(s)t links!". Das schien übrigens für alle Kunden des Portals zu gelten, die diese Einstellung teilten. Folglich war es zu meinem Dating - Stammlokal geworden. Wenn das Essen, das mir dort übrigens immer bekam, verzehrt war und die Geschichte meines zeitweiligen Gegenübers langweilig wurde, ließ ich gern meine Blicke über die anderen Gäste schweifen. Nicht nur ich, sondern auch die Männer waren wandelbar. Je nachdem kamen sie im Anzug mit Krawatte oder in einer Lederjacke mit einem geöffneten weißen Hemd. Ich zog die Lederklamotten-Männer vor und interessanterweise waren meine Bekanntschaften am Tag des Kennenlernens fast immer so gekleidet.
Der Mann auf dem Foto, das Alex gerade aus dem Anhang der Email herausgeklickt hatte, erschien mir attraktiv wie immer. Hinsichtlich des Aussehens konnte ich mich auf die Vorschläge des Portals verlassen.
Das Arrangement seines Portraits offenbarte zunächst keine Überraschungen. Es folgte den Tipps auf der Website: Kein Hintergrund der vom Wesentlichen ablenkt, kein Selfie, obwohl ich die eigentlich mochte, Wohlfühlpose einnehmen und lächeln, lächeln, lächeln. Tatsächlich lächelte er über die Maßen breit unter der Schiebermütze, die seine kurzgeschnittenen Haare bedeckte. Er schien um einiges älter als ich zu sein. Ich gab mich zwar gern mit älteren Männern ab, die Datingfuzzies wussten das, der Altersunterschied, so befürchtete ich, könnte zu groß sein. Aber eigentlich kommt es ja auf den Charakter an, nicht wahr? Wie ein Anzugträger sah er zum Glück nicht aus.
Alex wusste meist sofort, welcher Typ Mann auf dem Foto in der Email zu sehen war und lag bisher mit ihren Tipps immer richtig. "Der könnte es doch sein, oder?", ermutigte sie mich. Sie bot mir an, ein Taxi für die Fahrt in die Stadt zu rufen, aber ich lehnte ab. Es war Freitag, es war abends und alle würden unterwegs sein: Die, die erst spät von der Arbeit nach Hause fuhren und auch die, die sich bereits früh ins Amüsement stürzen wollten. Der Stau war vorprogrammiert. Ich würde also die Straßenbahn nehmen, jedenfalls für den Hinweg. Für den Rückweg dann das Taxi. Gegen vier oder fünf Uhr morgens, wenn meine Erstbegegnungen gewöhnlich endeten, waren die Straßen leer und es war nicht gerade sicher in den Straßenbahnen.
Alex wunderte sich jedes Mal, warum ich mich nicht von meinem Verehrer abholen ließ. Der Grund dafür ist aber recht einfach zu verstehen: Ich wollte nicht, dass sie wussten, wo ich genau wohnte. Enttäuschte Männer konnten bisweilen gefährlich werden. Ich hatte das schon einmal erlebt und es sollte nicht wieder passieren. Ich wollte, entsprechend meiner Gewohnheit etwas früher im Restaurant eintreffen, um mir die Leute darin anzuschauen und in Stimmung zu kommen. Außerdem brachte mich das in eine vorteilhafte Lage: Grundsätzlich entschuldigten sich die Männer, weil sie annahmen, sich verspätet zu haben.
Ich verließ also meine Wohnung und begab mich zur Straßenbahnhaltestelle. Ich fuhr mit der Linie 11, die mich aus den nördlichen Randbereichen direkt in die Innenstadt brachte. Ich setzte mich auf einen der Einzelplätze und lehnte meinen Kopf an die Fensterscheibe. An diesem Abend, es war circa gegen sechs Uhr abends, regnete es ziemlich große Tropfen, die sich, nachdem sie auf der Scheibe aufgeschlagen waren, in langgezogene, schräg nach unten führende Spuren verwandelten. Das Glas verlangsamte die Zeit wie tauendes Eis, was mich diesmal aber nicht beruhigte. Die Wasserspuren auf der Scheibe rissen über kurz oder lang auseinander und ließen einsame kleine Tröpfchen zurück, die der Wind nach und nach eindampfte.
Ich hatte mir einen Werbeflyer geschnappt, der auf der Bank an der Straßenbahnhaltestelle lag. Der Flyer schmückte sich mit einem dunkelhäutigen, lächelnden Gesicht, das von einer Wolke aus Rastalocken umgeben war. Ich war natürlich gespannt, worauf mich das freundliche Gesicht hinweisen wollte. Unter ihm waren die Worte "Neueröffnung" in Form einer roten Fliege abgedruckt, die den nichtvorhandenen Hals meines Rastafaris schmückte.
Der Flyer entpuppte sich beim näheren Hinsehen als ein einfaches, einmalig gefaltetes A4 Blatt. Auf seinen Innenseiten konnte man schließlich den Grund für die gute Laune des Rastafaris erkennen. Die Neueröffnung betraf natürlich einen Klamottenladen, die momentan wie Pilze aus dem Boden schossen. Und wieder war es kein wirklicher Laden mit ausgestellten Kleidern, die man anfassen, befühlen und anziehen konnte, kein Laden, in dem man sich vor dem Spiegel um die eigene Achse drehen durfte um auszuprobieren, ob ein verliebter oder ein wütender Blick dazu passte. Es war wieder ein Online-Shop.
Mein Rastafari war auch nicht echt, sondern aus winzigen digitalen Dreiecken zusammengesetzt, die zu einem Netz verwoben sein Gesicht bildeten. Die Macher des Flyers hatten sich natürlich eine peppige Webadresse ausgedacht und darunter stand ihr Werbeslogan: "Kleider mit Herz". Die Herzen, die sich über den beiden "i" befanden, waren nicht etwa aufgemalt. Vielmehr hatte man sie ausgestanzt. Auf diese weise leuchteten sie, wenn man den Flyer gegen das Neonlicht an der Decke des Straßenbahnwaggons hielt. Nett, lieber mochte ich aber Sterne, hatte ich das schon gesagt?
Warum ich so viel Wert auf die Weltanschauung legte? Ich war in meinen Ansichten schon immer progressiv, wie viele in unserem Land. Ich war zufrieden mit meinem progressiven Leben. Ich verdiente in der Bank, in deren Verwaltung ich angestellt war, genügend Geld, konnte überall hin reisen und jedem offen meine Meinung sagen. Unsere Lebensweise war meiner Meinung nach vollendet. Und mein Partner sollte die gleiche Ansicht vertreten.
Mit diesen Gedanken betrachtete ich mein Spiegelbild hinter der Fensterscheibe der Straßenbahn. So schön es war, einem Bruder im Geiste gegenüberzusitzen, der einen in der eigenen Meinung bestätigte und dem man sich deswegen verbunden fühlen durfte, die Konformität machten die Männer selbst zu einer Art Spiegel, wodurch mir auf Dauer oft langweilig wurde. Darum vermied ich lange politische Diskussionen, wenn ich konnte. Wenn sie aber trotzdem aufkamen, versuchte ich mich darin einzukuscheln wie in eine Decke und wärmte mich an den vertrauten Worten. Ich unterbrach niemanden gern, wenn er leidenschaftlich wurde, egal aus welchem Grund.
Ich war inzwischen im Restaurant angekommen und hatte mich an den Tisch gesetzt. Der Kellner brachte ein Glas Sekt und ich wollte noch ein paar Minuten das Alleinsein genießen. Alleinsein war hier ein unangebrachter begriff, weil sich das Restaurant bereits füllte. Ich schätzte, dass ungefähr 60 Personen hier hineinpassten. Heute würden die Tische komplett besetzt sein. Nach einer Weile des gespannten Wartens trat mein Date mit dem üblichen Gesicht des schlechten Gewissens auf mich zu. Ansonsten sah er aus wie auf dem Foto. Ich glaube, er hatte sogar die gleiche Jacke an.
Er küsste artig meine linke Wange und setzte sich zu mir. "Ich freue mich, Dich kennenzulernen", sagt er mit einer warmen Stimme. "Ich bin Pavel."
"Ich freue mich natürlich auch. Mein Name ist Louisa", antwortete ich und musterte ihn vorsichtig. Er war in Wirklichkeit noch etwas älter, als es auf dem Foto schien. Es hatte ihm geschmeichelt. Ansonsten lächelte er mich auch jetzt permanent an.
"Ich bin froh", sagte Pavel, "in diesen Zeiten jemanden zu treffen, der meine Ansichten teilt."
'Also doch Politik und Weltanschauung', dachte ich. 'Wenn's denn sein musste.'
"Du engagierst Dich?", fragte er mich mit übertrieben dargestellter Neugier. "Lass mich raten, Du tust das, weil..."
'...ich gegen die Traditionalisten bin.', ergänzte ich in Gedanken. Dieser Satz war gewöhnlich der Einstieg in die politische Diskussion in unseren Kreisen.
"...Du gegen die Traditionalisten bist", wiederholte sie mein Gegenüber, worauf ich nickte.
"Ich wusste es", gab sich Pavel erfreut.
'Hoffentlich kriegte der sich wieder ein', dachte ich.
"Du gehst bestimmt auch auf die Demos, oder?", erkundigte er sich.
"Ja natürlich. Ich koche auch ab und zu für Mittellose, beispielsweise Entkommene und organisiere Kleiderspenden", antwortete ich.
"Prima, die Traditionalisten sind ja auch gegen die Entkommene, deswegen muss man jedem Einzelnen von ihnen helfen. Die Traditionalisten wollen ja auch ihre blöden Dieselstinker behalten. Weg damit, sage ich, und den neuesten Elektroboliden gekauft!", er lachte, immer noch ein wenig zu schrill, wie ich fand, beruhigte sich aber schnell wieder.
"Eigentlich", entgegnete ich mit gemäßigter Stimme, "helfe ich den Entkommenen, weil die das nach der Flucht nötig haben. Und ich helfe weiß Gott nicht denen, die genug Geld haben, um im neuesten Elektroboliden durch die Berliner Innenstadt zu cruisen."
Ich zwinkerte ihm zu. Pavel schwieg peinlich berührt, aber nur kurz. Blitzschnell winkte er den Kellner heran und wir bestellten unser Abendessen. Zum Glück wechselte er das Thema und begann über sich selbst zu sprechen. Während des Essens war er derartig von der Widergabe seiner eigenen Lebensgeschichte gefesselt, dass er mich bald zehn Minuten auf dem Trockenen sitzen ließ. Ich schenkte mir also den Sekt selbst nach. Mein Gegenüber ließ sich davon nicht beirren. Er redete weiter und weiter, allerdings hatte er jetzt wieder seine warme, tiefe Stimme hervorgezaubert. Deswegen störte es mich auch nicht wirklich, dass seine Geschichte klang, als ob er sie aus einem Buch vorlesen würde. Ich entspannte mich.
"Mir fällt in letzter Zeit wieder viel aus der Vergangenheit ein", las er aus dem imaginären Buch vor, "dass ich in einem Haus aufgewachsen bin, in dem eine Tür aus Glas direkt in den Garten führte. Es gab helle Gehwegplatten und große Blumentöpfe. Der Garten bestand aber hauptsächlich aus einer Rasenfläche auf der ich spielen und aus Obstbäumen auf die ich klettern konnte. Mein Vater hatte eine Hängematte zwischen zwei Bäume gespannt, ich glaube es waren Apfelbäume, auf der sich meine Mutter oft ausruhte. Manchmal lag sie mit meinem Kuscheltier, einem gelben Plüschhund darin während ich Milch am Tisch auf unserer Terrasse trank. Ich erinnere mich noch genau, dass ich einmal im Garten ein Kleeblatt mit vier Blättern gefunden hatte. Leider brachte es uns kein Glück. Mein Vater verlor seinen Job und wir mussten das Haus verkaufen."
Ich nickte mit betroffener Miene.
Pavel fuhr fort: "Mein Großvater väterlicherseits war erst vor kurzem gestorben und Großmutter wollte ihr gemeinsames, großes Haus eigentlich verkaufen. Stattdessen zogen wir bei ihr ein. Ich war damals vielleicht 11, meine große Schwester war 15 Jahre alt. Der Familie stand eine große Küche zur Verfügung, in der wir uns morgens vor der Schule zum Frühstück trafen. Meine Mutter machte uns immer Toast mit Schokocreme. Mein Vater hatte sich zu dieser Stunde meist schon in seinen schwarzen Anzug und die blaue Krawatte begeben. Er hatte inzwischen wieder eine Arbeit gefunden, die wurde allerdings weniger gut bezahlt als die vorherige. Deswegen blieben wir vorerst in Großmutters Haus. Sie ließ es sich nicht nehmen, ebenfalls an jeden Morgen dabei zu sein und uns gute Ratschläge für den Tag zu geben."
Die Geschichte klang recht hübsch, ich hörte ihm ganz gern zu. Inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt, meinen Sekt selbst nachgießen. Der Kellner hatte sich zwischenzeitlich mit einer diskreten Geste für den Job ins Spiel gebracht. Ich lehnte aber mit einer ähnlich diskreten, von Pavel unbemerkten Geste ab.
Pavel fuhr fort: "Ich habe nach der Schule Medizin studiert, Tiermedizin. Mein Studium habe ich mir mit diversen Jobs finanziert. Am profitabelsten war das Poolreinigungsgeschäft in Amerika. Die Arbeit war mühseliger, als es auf den ersten Blick erscheint. Die fünf Pools, von denen ich jeden einzelnen alle vier Stunden reinigen musste, befanden sich grundsätzlich in der prallen Sonne. Glücklicherweise versorgten mich die Ehefrauen, die tagsüber zu Hause blieben, mit kalten Getränken aus Dosen."
Ja, das konnte ich mir gut vorstellen. Ohne Frage lagen diese Zeiten aber schon ein Weilchen zurück.
"Ihre ohnehin schon reichen Männer saßen zur gleichen Zeit wahrscheinlich in klimatisierten Hochhausbüros um noch reicher zu werden", setzte Pawel die Erzählung fort. "Ich arbeitete in den Ferien auch als Fremdenführer in einem Nationalpark am Mittelmeer. Ich chauffierte meine Gäste stilecht mit einem alten Kübelwagen, VW Typ 82, den ich selbst wieder fahrtüchtig gemacht hatte. Die ultimative Mutprobe meiner meistenteils jungen Kunden war der Sprung von einer Klippe, die bestenfalls vier Meter hoch war. Als Bonbon gab es einen Strand zum Baden und eine Bar mit Erfrischungen." Er lächelte verträumt und schaute in meine Augen. Ich ließ mich davon anstecken und tat es ihm gleich. Vielleicht war er doch nicht ein so selbstverliebter Kerl, wie ich anfangs dachte.
"Mein Studium habe ich dann irgendwann abgebrochen", erklärte Pavel, so als ob er sich rechtfertigen müsse. Sicher hatte er das an anderer Stelle auch schon getan. "Ich hatte einfach mehr Spaß daran, draußen zu sein. Ich zog an die Küste und heuerte als Decksmann auf einem kleinen Hafenschlepper an. Wir waren damals zu dritt, mit einem Kapitän, einem Maschinisten und mir. Auch meine Freizeit verbrachte ich oft am Strand, jedoch abseits des Hafens, in den Dünen. Ich mochte es, wenn der Wind durch das Dünengras strich. Es war zwar offiziell verboten, aber manchmal machte die Besatzung unseres kleinen Schleppers ein Lagerfeuer. Das Bier hatte die Cola schon längst abgelöst."
Derartig romantische Erinnerungen an mein Studium besaß ich leider nicht. Ich hatte ja auch nur drei Jahre Zeit gehabt, um es abzuschließen, was mir aber entgegenkam. In Wirklichkeit nervte mich der Hochschulbetrieb und alles was damit zusammenhing. Ich erinnerte mich mit Grausen an die Woche, in der ich in diese Mühle hineinschlitterte. Meine Eltern waren nicht gerade reich - das war untertrieben - sie waren arm. Damals gab es noch Studienkredite für Studenten aus armen Familien. Außerdem erhielt man, wenn man Empfänger eines solchen Kredites war, ein kostengünstiges Zimmer in einem Studentenwohnheim. Die Voraussetzung hierfür bestand aber darin, eine Studienbescheinigung vorzulegen, die bewies, dass man als Student eingeschrieben war.
Aber ohne den Nachweis, dass man einen Wohnsitz in Hochschulnähe hatte, erhielt man diese bescheuerte Bescheinigung nicht. Um dem Teufelskreis zu entrinnen, fälschte ich damals einfach ein Dokument, das mich als Bewohner eines Wohnheims auswies, erhielt die Studienbescheinigung und ergatterte so die Schlüssel zu meinem Wohnheimzimmer. Am nächsten Tag ging ich wieder zum Prüfungsamt, erzählte dort, dass ich nochmal umgezogen sei und tauschte die echte Bescheinigung über meinen Wohnsitz gegen die gefälschte aus. Voila! Glücklicherweise wohnte ich jetzt nicht mehr in dem alten Wohnheim und mit meinem Studium war ich auch schon seit knapp zwei Jahren fertig.
Meine "einfühlsame" Begleitung passte diesmal auf und füllte mein Glas wieder mit Schampus, nachdem ich sie geleert hatte. Währenddessen nahm er den Faden wieder auf: "Schließlich ergab sich eine tolle und bis heute erfolgreiche Geschäftsidee auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien. Es hat etwas mit Windkraft zu tun. Ich musste ziemlich hart arbeiten und versuchte, bei all dem Stress nicht meine Manieren zu verlieren. Das hat wohl nur bedingt funktioniert, ich meine das mit den Manieren."
Er hielt die fast leere Sektflasche immer noch steil angekippt über meinem Glas und lächelte mich entschuldigend an. Arm war er nicht, das war klar. Der Schlüssel zu einem ziemlich teuren amerikanischen Auto lag neben ihm auf dem Tisch - Elektroantrieb natürlich.
"Eine Familie habe ich nicht gegründet", sagte Pavel nachdenklich. "Tatsächlich träume ich schon seit einigen Jahren wieder von dem Haus mit der Wiese und den Obstbäumen, von einem Kind, das dort spielt und dabei ein vierblättriges Kleeblatt findet. Den ersten Schritt dorthin habe ich schon getan. Ich besitze ein Häuschen am Stadtrand. Es war eigentlich ein Abrissobjekt, das haben jedenfalls die Baufirmen gesagt. Ich verliebte mich aber in das Haus und ging mit Deckenstützen und einer Kettensäge an die Arbeit. Drei Jahre hat die Renovierung gedauert. Ich machte das alles mehr oder weniger nach Feierabend. Mein Team in der Firma hielt mir dankenswerterweise den Rücken frei. Vor mehr als zwei Jahren war ich endlich fertig. Ich hatte immer Respekt vor Leuten, die so etwas selber machten, und auf einmal war ich selbst einer von ihnen. Tja, und jetzt bin ich auf der Suche nach Mrs. Right", gab er ehrlich zu.
Das Gespräch plätscherte weiter einseitig vor sich hin. Es gab bestimmte viele Pavels auf der Welt, die eine ähnliche Geschichte mit ähnlichen Sehnsüchten erzählen konnten. Trotzdem hatte sie mich irgendwie gefesselt. Wir bemerkten deswegen gar nicht, dass eine Handvoll dunkel gekleideter Gestalten im Restaurant auftauchte. Sie bewegten sich langsam und unauffällig. Sie schienen auch nicht in einer geschlossenen Formation hereingekommen zu sein, standen aber schließlich in einer solchen inmitten der weißen Tische des Restaurants. Klischeehafterweise hatten sie ihre Waffen unter langen Mänteln verborgen.
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Das Restaurant "Die Liebe is(s)t links!" war nichts Besonderes. Es gab hier kein Geld und niemand außergewöhnlichen, den es sich als Geisel zu nehmen lohnte. In dieser Hinsicht entpuppte sich der heutige Abend als eine Anomalie. Gerade an jenem Tag hielt sich ein Staatssekretär im Restaurant auf. Ich kannte und erkannte ihn deswegen auch nicht. Anders mein Gegenüber, der mich kurz nach seinem Eintreffen auf den prominenten Gast und seine heutige Romanze aufmerksam machte. Ich warf einen kurzen Blick zu dem ungleichen Pärchen hinüber. Es war einer dieser vorsichtigen Blicke, bei dem man hoffte, ihn nicht mit dem des Beobachteten zu kreuzen, was aber grundsätzlich immer eintrat. Ich hatte mich immer gefragt, ob Jäger ein ähnlich peinliches Gefühl überkam, wenn sie ihre Beute kurz vor dem Schuss ebenfalls plötzlich fixierte. Der Herr Staatssekretär war der Typ Beamter, mit schütterem Haar, schmächtig, ernst, Brille, nicht mehr ganz jung, allerdings trug er einen sündhaft teuren Anzug. Sein Rendezvous war nur ein wenig jünger als er, jedoch erleuchtete sie den ganzen Tisch mit ihrem Lächeln. Als unsere Blicke sich kreuzten, schaute sie kurz zu Boden, ohne ihr Lächeln dabei im Geringsten zu verdunkeln. Ihr Name war Annabelle, wie sich später herausstellte.
Das Überfallkommando in seinen einheitlich schwarzen Mänteln erregte unsere volle Aufmerksamkeit erst in dem Moment, als einer, pardon, eine von Ihnen mit einer Pistole in die Luft schoss. Mir wurde klar, dass es sich gleichwohl um eine Schreckschusswaffe gehandelt haben musste, da kein Loch in der Decke des Restaurants zurückblieb und kein Putz nach unten rieselte. Die Schützin zog sich die Maske, die aus einem schwarzen Tuch vor ihrem Mund bestand, herunter, und begann mit lauter, sich überschlagender Stimme ihre Forderungen zu offenbaren.
"Das ist die Revolution", schrie sie ihren einstudierten Text heraus. "Eintausend der führenden Politiker dieses Landes befinden sich in diesem Augenblick in der Gewalt unserer revolutionären Kommandos. Sie bleiben so lange in unserem Gewahrsam, bis der Revolutionsrat die gesamten Regierungsgeschäfte übernommen hat. Wir gehen davon aus, dass die Polizei und der Geheimdienst zwischenzeitlich zum Gegenangriff übergehen werden. Aus diesem Grund sollen die hier anwesenden Frauen unsere Geiseln bleiben, bis die Macht unser ist. Alle Männer, bis auf den Herrn Staatssekretär hier, können jetzt gehen. Nach zehn Sekunden werden wir jeden Mann, der noch auf seinem Stuhl sitzt, erschießen. "
