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Als Mrs Fingal im Italienurlaub das nette, mittelalte Ehepaar Josh und Maisie Evans kennenlernt, scheint es eine Fügung des Himmels zu sein. Die wohlhabende Witwe Mrs Fingal lebt mit ihrer erwachsenen Nichte Lena zusammen, worunter beide leiden, und das Ehepaar Evans erholt sich in Italien vom Tod von Tante Flo, die sie in ihren letzten Lebensjahren gepflegt hatten, wofür die alte Dame ihnen ihr Haus vermachte. Da sich Mrs Fingal auf Anhieb gut mit dem Ehepaar versteht, das nach dem Tod der alten Dame mehr als genug Platz hat, beschließt man, dass Mrs Fingal schnellstmöglich dort einziehen soll. Doch nach anfänglicher Freude ändert sich die Stimmung: plötzlich soll die rüstige Dame das Bett nicht mehr verlassen, angeblich zu ihrem Besten, und auch an ihre Sachen lässt man sie nicht mehr heran. Viel zu spät dämmert Mrs Fingal, dass die Freundlichkeit der Evans' einen zu hohen Preis haben könnte…
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Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2025
Celia Dale
Kriminalroman
Aus dem Englischen von Sonja Hauser
Dörlemann
Für Dreen
Mrs Maisie Evans betrat das Wohnzimmer und rollte dabei die Ärmel ihrer Jacke herunter. »Sie ist von uns gegangen, die Arme.«
»Hm? Was sagst du?« Ihr Mann schreckte aus dem Nickerchen hoch, das er immer anschließend ans Frühstück machte, die Zeitung vor dem Gesicht, bis seine Verdauung sich nach etwa zehn Minuten bemerkbar machte.
»Sie ist von uns geschieden. Ganz friedlich.« Sie ging hinüber zum Fenster und zog die Vorhänge zu, so dass das Sonnenlicht nicht mehr auf Josh und den bunten Teppich und den gepolsterten Fußschemel fiel.
Er sank in seinen Sessel zurück, die Zeitung zerknitterte auf dem Bauch. »Die Arme. Die arme Alte.«
»Der Tod war eine Erlösung für sie.«
»Ja. Ja, das weiß ich. Und doch, wenn es dann soweit ist …«
»Wir gehen alle früher oder später denselben Weg.«
Es war ein schöner Morgen. Draußen auf der Straße nach London erklang der übliche Verkehrslärm, und über den Himmel, der im Moment aussah wie im Mai, jeden Augenblick jedoch wieder ganz ähnlich wie im März werden konnte, heulte eine Caravelle aus einer fernen Stadt dem Londoner Flughafen entgegen. Wenn das Fenster offen gewesen wäre, hätte Mrs Evans bereits den Duft der Blüten erahnen können, die sich noch nicht hervorgewagt hatten.
Hinter ihr rieb sich Josh die Augen, doch er steckte das Taschentuch verlegen weg, als seine Frau sich ihm zuwandte. »Ich gehe den Arzt holen, ja?«
»Wir haben keine Eile.« Sie sah auf die Uhr auf dem Kaminsims. »Er hat wahrscheinlich gerade Sprechstunde. Schließlich ist es sowieso eine reine Formalität.«
»Ist sie …? Soll ich dir helfen?«
»Ich spüle zuerst das Frühstücksgeschirr ab.«
Der Fernseher stand auf einem niedrigen Schränkchen, dem unteren Teil eines Sideboards, von dem sie die obere Hälfte abmontiert hatten, damit es besser in das helle Häuschen passte, in das sie vor drei Jahren gezogen waren. Mrs Evans ging zu diesem Schränkchen hinüber, bückte sich mit leisem Stöhnen und öffnete dessen Türen. In der Hälfte der Fächer lagen ordentlich übereinandergestapelt Frauenzeitschriften, Strickzeug und Stickmuster, und daneben zwei Bände mit den Titeln Die Frau als Arzt und Die Frau als Anwältin. Ansonsten waren in dem Schränkchen Mrs Evans’ Nähkorb, ihr Strickbeutel und ihr Stickrahmen mit einer halbfertigen Gartenszene, einem Cottage und einer krinolinenbekleideten Dame, ein Motiv, das einmal den Teekessel zieren würde. Außerdem fand sich noch ein abgegriffener Frisierkoffer aus Leder mit den Initialen F.B.B. darin.
Diesen Koffer hob Mrs Evans nun heraus und legte ihn auf den Tisch. Dann suchte sie unter ihrem Pullover herum und holte zwischen ihren üppigen Brüsten mehrere Schlüssel hervor, die an einer Kette hingen. Mit einem davon öffnete sie den Koffer und begann, seinen Inhalt durchzuschauen. Die Zeitung noch immer in Händen, rappelte sich Josh aus dem Sessel hoch und trat an ihre Seite.
Ein halbes Dutzend Schmuckstücke aus viktorianischer Zeit waren lose in gelbes Seidenpapier gewickelt, darunter lagen einige stark vergilbte Fotos. Mrs Evans schenkte ihnen keine Beachtung, sie widmete sich ganz den Dokumenten in dem Koffer – Geburtsurkunde, Versicherungspolice, Testament. Aufmerksam las sie jedes einzelne Schriftstück durch, ohne ein Wort zu sagen. Josh, der noch immer neben ihr stand, spielte mit einem Foto herum: Das Mädchen darauf war in Serge und Spitze gehüllt, tailliert wie ein weihnachtliches Knallbonbon. Die junge Frau hatte einen hübschen Busen, und ihr Haar fiel in breiten Locken um ihr einfaches, sehr junges Gesicht. Sehr jung.
Er legte das Foto schnell beiseite, als seine Frau eher im Ton einer Feststellung, weniger in dem einer Frage, meinte:
»Du hast ihre Rente am Freitag abgeholt?«
»Ja. Wie immer.«
»Dann gib mir das Heft.«
Er suchte in seiner Brusttasche herum, holte das Heft heraus und gab es ihr. Sie legte es zu den anderen Dokumenten, ließ nur die Schmucksachen neben dem Koffer und verschloss ihn.
Mrs Evans war gedrungen, ihr Mann groß. Plötzlich grinste sie ihn von unten herauf an und stieß ihn leicht gegen den Arm. »Kopf hoch, mein Junge! Du machst ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Vielleicht solltest du doch lieber ein bisschen raus an die Sonne.«
Sein rosafarbenes Gesicht hellte sich auf unter seinem silbernen Haar, das so dicht auf seinem Kopf wuchs wie der Pelz einer Katze. »Soll ich also jetzt den Arzt holen?«
»Warum nicht. Er kann ja selbst entscheiden, ob er kommt oder nicht. Wahrscheinlich hat er ohnehin damit gerechnet. Ich lege den Koffer in ihr Zimmer.«
Sie drehte sich um und ging, den Lederkoffer unter dem Arm, forschen Schrittes zur Tür, doch er stand immer noch beim Tisch. »Bist du dir sicher, dass sie …?«
»Sei doch nicht albern! Natürlich bin ich mir sicher. Zieh lieber den Regenmantel an, auf das Wetter ist kein Verlass.«
Er hörte sie in der Küche herumhantieren, wie sie Wasser in die Spüle laufen ließ und das Frühstücksgeschirr übereinanderstapelte. Im Schatten des zugezogenen Vorhanges stand verlockend der Sessel, die bestickten Kissen zusammengedrückt, wo er friedlich geruht hatte, ein Sonnenstrahl wärmte den Teppich, wo seine Füße gewesen waren. Jetzt hatte es keinen Sinn mehr, den Flur zur Toilette hinunterzugehen. Er hatte den richtigen Augenblick verpasst.
Er zog andere Schuhe an, schlich mit behutsamen Schritten an der geschlossenen Tür des Gästeschlafzimmers vorbei, zog seinen Regenmantel und Hut an, den er jedoch nach kurzem Überlegen wieder abnahm. Dann öffnete er die Küchentür.
»Ich geh jetzt.«
»Gut. Lass dir ruhig Zeit, es ist so ein schöner Morgen heute.«
»Soll ich irgendetwas mitbringen?«
»Nein, darum kümmere ich mich, wenn der Bestatter da gewesen ist. Der Arzt wird ihn herschicken. Sag ihm, dass sie heute Morgen so um die Frühstückszeit gestorben ist, ganz friedlich. Sag, ich habe sie gefunden. Er kann nach seinen Hausbesuchen hier vorbeischauen, wenn er möchte, oder er kann auch gleich die Sterbeurkunde ausstellen.«
»Ist gut.«
Er schloss die Küchentür, ging auf Zehenspitzen an der anderen Tür vorbei und trat aus dem Haus. Die Sonne schien warm, die Ligusterhecke war voller Knospen – ein wirklich schöner Morgen. Josh straffte die Schultern und ging mit fröhlich-gutmütigem Gesicht die Straße entlang.
Die Ebene erstreckte sich unterhalb der Häuserreihen bis zum Ufer des fernen Meeres. Die Luft war so klar, dass man sogar den Wolkenkratzer von Cesenatico weit oben im Norden sehen konnte. Der langgezogene Platz, der San Marinos Stadtzentrum bildet, schien in der lichten, lauen Luft zu hängen; immer wieder neue Touristen beugten sich über die Balustrade, lehnten sich gegen die Brunnen, versammelten sich in Grüppchen vor dem Rathaus mit den kleinen, grünen und toten Wachposten. Während die Touristen von den Ausflugsbussen die steilen Straßen hinaufkeuchten, machten sie sich Gedanken wegen ihres Herzens, sehnten sich nach einer Pause, um einen »Tee wie daheim bei Muttern« – so angepriesen auf einem Plakat – zu trinken, und deshalb hörten sie auch nicht alles, was der Führer an Daten und Informationen von sich gab. Der Aufenthalt auf dem Platz war nur so etwas wie eine Gnadenfrist. Sie trennten sich und eilten mit klickenden Kameras herum, ein wenig benommen von der klaren Luft, riefen einander kurze Sätze zu, die ihre Herkunft aus Manchester, Bermondsey oder Berlin verrieten. Sie streckten nackte Arme, Oberschenkel, ja manchmal sogar Taillen der warmen Sonne und den kühlen Blicken der Stadtbewohner entgegen, die, in nüchternes Grau oder Schwarz gekleidet, zwischen ihnen hindurchschritten oder mit scharfem Blick in den Höhlen ihrer Geschäfte lauerten.
An der stadtwärts gerichteten Seite des Platzes flatterten die Tischtücher der Cafés im Wind. In den Schatten der Markisen ärgerten weißgekleidete Kellner die Hunde, die zwischen den Tischen hin und her liefen, und unterhielten sich über das Geplätscher der Musik und die Werbespots aus dem Radio hinweg. Einige Touristen saßen in der Sonne, die Übrigen mühten sich entweder weiter zur Kathedrale hinauf und zu den Burgen, oder sie ließen sich von den Schaufenstern oder den verlockenden Erfrischungen und kleinen Mahlzeiten verführen (FISH & CHIPS, FRISCHER TEE). Doch Josh Evans saß auf dem sonnenbeschienenen Platz, die Knie ein wenig gespreizt, den italienischen Strandhut auf dem Stuhl neben sich, so dass er die Wärme auf seinem Kopf genießen konnte. Das kurzärmelige Hemd, das aus der Hose hing, um den Bauchansatz zu kaschieren, hatte er geöffnet, und man sah die sonnengerötete Haut nicht nur auf seiner Brust, sondern auch auf seinen Armen. Sein von Natur aus rosafarbenes Gesicht war bereits ein wenig gebräunt; durch seine Sonnenbrille beobachtete er die vorbeigehenden Leute, die alten, schwarzgekleideten Frauen, die züchtigen Mädchen mit ihren Jerseys, die jungen Männer mit den schwarzen Brillenfassungen, mit den Kragen und Krawatten; dazu die sonnenverbrannten Touristen. Er war rundum zufrieden.
So zufrieden, dass er die Stimme seiner Frau erst vernahm, als diese schon fast an seinem Tisch stand. Er zuckte zusammen und drehte sich lächelnd zu ihr um.
»Ach, hier steckt er also«, sagte sie, »er sitzt wie üblich in der Sonne. Wie ein Salamander, ein richtiger Salamander.«
»Ein Salamander? Was meinen Sie damit, ein Salamander?« fragte eine große Frau neben ihr.
»Mein Mann ist ein Salamander, ein richtiger Sonnenanbeter.« Ihr fröhliches Lachen klang ihm in den Ohren. »Rutsch mal ein bisschen, Josh. Die Damen setzen sich zu uns. Auf welchen Platz möchten Sie gerne, meine Liebe? Ich an Ihrer Stelle würde mich nach dem kleinen Rundgang in den Schatten setzen.«
Josh erhob sich, rückte ein paar Stühle, ordnete die verschiedenen Habseligkeiten, Maisie befand sich in Begleitung zweier Frauen, einer hochgewachsenen jungen – zumindest wirkte sie mit ihren wohl dreißig oder auch ein bisschen mehr Jahren auf den gut sechzigjährigen Josh so, mit streng irisiertem Haar und hübschem Busen, und einer älteren Dame, die sich bei Maisie untergehakt hatte und ein wenig O-beinig ging, wie alte Leute es oft tun. Sie hatte das weiße Haar locker unter einen Basthut geschoben, der mit einem Bändchen festgemacht war, ein Strandhut für eine junge Frau. Darunter hervor schaute ein kleines, faltiges Gesicht, eine knotige Hand presste sich gegen die Brust, die andere gegen eine handkofferähnliche Tasche.
»So ist’s recht, setzen Sie sich in den Schatten, und ruhen Sie sich aus. Hier herauf ist es ja ganz schön steil. Du hast schon gewusst, was du tust, als du dich hierhergesetzt hast, Josh – in dieser Hinsicht können Sie sich blind auf ihn verlassen, er hat da ein todsicheres Gespür. Aber ich muss schon sagen, wenn man es dann endlich geschafft hat, wird man durch diesen großartigen Ausblick belohnt, kilometerweit. Es heißt, an klaren Tagen sieht man bis nach Jugoslawien, stellen Sie sich das vor: Übers Meer! Josh, ruf doch bitte mal den Kellner.«
»Ja. Ja, natürlich. Camerary!«
»Josh und sein Italienisch. Er versucht’s immer wieder damit, auch wenn ich ihm sage, dass hier alle Englisch verstehen. Was trinkst du denn da – Kaffee? Ich glaube, ich nehme einen Tee.«
Die Damen schlossen sich ihr an, und Josh bestellte. Sie sahen sich um, beobachteten die Passanten, schauten hinüber zu den Fialen des Rathauses, musterten sich gegenseitig.
»Schön ist es hier«, sagte Mrs Evans. »Geht es Ihnen jetzt wieder besser?«
Die alte Dame antwortete entrüstet: »Mir fehlt nichts. Ich muss nur weder zu Atem kommen.«
»Sie hätte lieber gar nicht erst mitkommen sollen«, sagte die jüngere Frau. »Das habe ich ihr von vornherein gesagt.«
»Ich lasse mir von niemandem etwas vorschreiben.«
»Und wie wär’s, wenn du zur Abwechslung mal Rücksicht auf andere nehmen würdest? Ich habe dir doch gesagt, du würdest das nicht schaffen.«
»Man hätte uns warnen sollen«, erwiderte die alte Dame schmollend.
»Es liegt nun mal auf einem Hügel. Da kann man sich doch denken, dass es steil wird.« Sie nahm sich zusammen, öffnete die Handtasche und begann, wie wild mit einem Taschentuch an ihrem Gesicht und Hals herumzuwischen.
»Es ist schon wirklich sehr steil«, sagte Mrs Evans. »Als wir mit dem Bus hier heraufgefahren sind, habe ich in manchen Kurven richtig Angst bekommen. Aber eins muss man den Leuten hier lassen: Einen Bus lenken, das können sie.«
»Und die Mofas«, mischte Josh sich ein.
»Ja, die elenden Mofas! Sie rasen zu jeder Tages- und Nachtzeit damit in der Gegend herum wie die Wilden!«
»Mir gefallen sie«, meinte die alte Dame. »Sie sind so schön modern.«
»Mir sind Busse lieber«, erwiderte Mrs Evans. »Bei einem Bus weiß man, was man hat, und man kann sich während der Fahrt die Gegend ansehen. Wir hatten anfangs überlegt, ob wir die ganze Fahrt mit dem Bus buchen sollen, aber dann haben wir uns doch entschlossen, mit dem Flugzeug anzureisen und nur die Ausflüge mit dem Bus zu unternehmen. So haben wir mehr vom Urlaub, und außerdem sind wir, um ehrlich zu sein, zu ein bisschen Geld gekommen, deshalb können wir uns jetzt diesen kleinen Luxus erlauben. Sind Sie denn mit dem Bus unterwegs?«
»Wir haben ein Auto.«
Die Jüngere mischte sich ein: »Wir haben ein Taxi gemietet. Meine Tante muss das Gefühl haben, einfach anhalten zu können, wenn sie das möchte.«
»Wir sind mit Footloose Tours unterwegs«, fuhr Mrs Evans mit sanfter Stimme fort. »Wir sind sehr zufrieden. Die Leute von der Agentur kümmern sich um alles, aber sie lassen einem auch genügend Freiraum. Da ist so ein netter junger Mann, der kommt jeden Abend vorbei, um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung ist.«
»Wir reisen allein«, sagte die junge Frau, »was bedeutet, dass meine Wenigkeit alles organisieren muss.«
»Lassen Sie sich doch von meinem Mann ein wenig helfen. Er studiert gerne Landkarten und Fahrpläne, hab ich nicht recht, mein Lieber?«
Der Kellner brachte ihnen den Tee und dazu unaufgefordert einen Teller mit Schokoladenleckereien. Die alte Dame warf ihrer Begleiterin unter dem Bastrand ihres Hutes hervor einen argwöhnischen Blick zu, nahm zwei der Schokoladenstückchen und verschlang sie schnell.
Sie hieß Cynthia Fingal, und der Name ihrer Nichte lautete Lena Kemp. Sie logierten in Rimini, während die Evans’ etwa fünf Kilometer entfernt in Salvione untergebracht waren, einem jener zahlreichen Urlaubsorte, die sich in einer endlosen Kette aus Beton, Baustellen und blühenden Bäumen entlang der Adria erstreckten. Miss Kemp lebte in Reading, und seit dem Tod einer jüngeren Tante vor zwei Jahren wohnte Mrs Fingal bei ihr. Im letzten Jahr hatten sie ihren Urlaub in Devon verbracht, wo ihnen nur vier sonnige Tage vergönnt gewesen waren. Dieses Jahr hatte Mrs Fingal sich für die Sonne entschieden.
»Und wir haben die Sonne auch tatsächlich aufgespürt«, sagte sie mit einem Blick über die glitzernde Weite des hochgelegenen Platzes. »Ich hab’s dir doch gesagt, Lena. Ich war schon einmal hier, mit meinem Mann. Und die Sonne habe ich nicht vergessen. Damals nach dem Krieg war das – nach dem Weltkrieg. Seine Firma hat ihn hergeschickt, und ich bin mitgekommen. Wir waren nicht hier, sondern in Mailand, gleich nach dem Weltkrieg. Ich habe die Sonne nie vergessen und die wunderschönen Pfirsiche. Lena wollte es mir einfach nicht glauben.«
»Ich habe es dir schon geglaubt. Die Dinge stellen sich im Alter nur einfach ein bisschen anders dar.«
»Wir sind zum ersten Mal hier«, sagte Mrs Evans. »Wir sind vor ein paar Jahren einmal an die Costa Brava gefahren, aber, um Ihnen die Wahrheit zu sagen: Wir haben uns schon eine ganze Weile keinen Urlaub mehr erlauben können, stimmt’s, Josh? Wissen Sie, wir haben uns um eine alte Dame gekümmert, eine liebe alte Dame; wir haben immer Tante Flo zu ihr gesagt, obwohl sie nicht mit uns verwandt war, nur eine alte Dame ohne einen Menschen, also haben Josh und ich sie bei uns aufgenommen.«
»Und das haben wir gerne gemacht«, murmelte Josh.
»Ja, die arme Tante Flo, sie ist im März von uns gegangen, also haben Josh und ich beschlossen, uns einen kleinen Urlaub zu gönnen, uns ein bisschen von der Sonne verwöhnen zu lassen. Wir sind jetzt seit vier Tagen hier, und abgesehen von dem Gewitter am Dienstagabend haben wir wundervolles Wetter gehabt.«
»Das ist es: die Sonne. Ich habe mich noch genau daran erinnert aus der Zeit, in der ich zusammen mit meinem Mann in Mailand war. Gleich nach dem Weltkrieg, aber so sehr ändern sich die Dinge nicht, da können die Leute sagen, was sie wollen.«
Josh beugte sich nach vorn und tätschelte seiner Frau den Arm. »Vergiss nicht, auf die Uhr zu sehen, Mai.« Sie hoben beide den Blick zu der Uhr unter den drei Heiligen an der Fassade des Rathauses. »Wir verpassen noch den Bus, wenn wir uns jetzt nicht beeilen.«
»Meine Güte, du hast recht!« Sie begann, Jacke, Handtasche und Schal einzusammeln.
Miss Kemp sagte: »Wir könnten Sie nach Rimini mitnehmen, wenn Sie möchten.«
»Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, aber wir bleiben lieber beim Bus. Wir haben schließlich schon die Tickets, und außerdem bringt uns der Bus direkt zum Hotel zurück. Vielleicht begegnen wir uns ja wieder.«
»Das wäre schön. Es ist immer nett, mit jemandem reden zu können, den man kennt.«
»Wir wollten doch am Samstag nach Rimini fahren, stimmt’s, Josh?«
»Wir könnten bei Ihnen vorbeischauen.«
»Vielleicht auf eine Tasse Tee?«
»Es gibt genügend Cafés – wenn man diese kleinen Beutelchen überhaupt guten Gewissens Tee nennen kann.«
Die Evans’ standen auf. »Wir könnten Sie doch am Hotel abholen«, sagte Maisie mit strahlendem Lächeln, und die Sonne bildete so etwas wie einen Strahlenkranz um ihr festes Haar. »Sagen wir, um halb vier – dann haben Sie Ihr Mittagsschläfchen schon hinter sich.«
»Am Samstag. Wir wohnen im Miramare – das liegt gleich an der Hauptstraße, wenn Sie von Norden in den Ort kommen, die Busse fahren direkt daran vorbei. Was für einen entsetzlichen Lärm sie machen!«
»Das werden wir schon finden. Wir freuen uns. Aber jetzt müssen wir wirklich los!« Sie schickte sich an zu gehen, Josh lüftete den Hut. »Ciao!«, sagte er und verließ die beiden Damen mit einem Lächeln.
Man konnte das Albergo Garibaldi eigentlich nicht Hotel nennen, aber es war doch eine Spur besser als eine pensione. Es stand an der Ecke der Straße, die von der Hauptverkehrsader Salviones abbog und hinunter zum Strand führte. Erst vor zwei Jahren war es gebaut worden, und es ließ sich nicht sagen, ob die Risse und der abbröckelnde Putz nun darauf hinwiesen, dass es nie richtig fertig gestellt worden war, oder darauf, dass es bereits vor der Zeit wieder verfiel. Es wurde von ein paar niedrigen Bäumen mit Blättern, auf denen der weiße Staub der Seitenstraßen von Salvione lag, gesäumt; ihr Schatten machte die Veranda, die auf die Hauptstraße führte, zusammen mit den riesigen Topflilien und -geranien zu einem angenehmen Ort, wenn es zu heiß war, um an den Strand zu gehen. Maisie saß hier gerne in einem Korbsessel und strickte, und Josh brachte seinen Cappuccino nach dem Mittagessen und seinen Campari vor dem Abendessen heraus und sah den Passanten draußen auf dem Gehsteig zu. Alle Gäste, deren Hotel nicht direkt am Strand lag, mussten diese Straße entlanggehen, so dass Josh hier fast so viele halbnackte Körper und unterschiedliche Bademoden bewundern konnte, als sitze er unter seinem Sonnenschirm in Reihe D des Bagno Luigi, das Meer nur eine Ahnung von Ruhe vor dem Gewimmel von Sonnenstühlen. Der Strand erstreckte sich fast achtzig Kilometer lang, doch unmittelbar vor Salvione und den anderen Ferienorten konnte man kaum mehr sehen als den Fleck, auf dem man saß, vor lauter Stühlen, Handtüchern und halbnackten Körpern, über denen das Gemurmel von Transistorradios, die Rufe der Eisverkäufer, die Musik auf dem Boot, mit dem man bis zum Horizont segeln konnte, und das Kreischen englischer Mädchen hingen, die von italienischen Jungen geneckt wurden. Der menschliche Körper wurde in nicht enden wollender Vielfalt enthüllt – von Mädchen in Bikinis, geschmeidig wie Narzissen, bis zu alten Männern und Frauen, bei denen auch die Körperbehaarung bereits weiß geworden war. Und mit höchstens einem Hemd über diesem Körper flanierten die meisten von ihnen mindestens zweimal täglich auf den gesprenkelten Gehsteigen vor dem Albergo Garibaldi vorbei.
Die Gäste des Albergo nutzten die Veranda als Café, denn die meisten von ihnen waren schon ein wenig älter (die Agentur Footloose erfragte das Alter auf dem Anmeldeformular und vermittelte die jüngeren Gäste nach Cesenatico, wo ein reges Nachtleben herrschte) und machten sich nicht mehr allzu viel daraus, längere Fußmärsche zu unternehmen oder in der Sonne zu sitzen. Sie frühstückten hier – in den Zimmern war nicht genügend Platz – und nahmen auch hin und wieder mal einen Drink, der ihnen aus dem Speisesaal gebracht wurde. Dort konnte man bisweilen einen Blick auf die Inhaberin erhaschen, eine Frau, die das Geschäft mit eiserner Hand führte und, in eine Kittelschürze gekleidet, ihre Gäste beobachtete, so wie sie vor langen Jahren die Schweine und Hühner auf dem Bauernhof ihres Vaters am Fuße der Apenninen beobachtet hatte. Und durch die Türen zu diesem Speisesaal, von acht Uhr morgens bis zehn oder elf Uhr abends, eilten unermüdlich jeden Tag in der Saison, abgesehen von zwei Stunden Pause am Nachmittag, die Kellnerinnen Graziella und Francesca und der junge Alfredo.
Francesca war manchmal gereizt (auch wenn sie sich hütete, das zu zeigen, wenn die Signora in ihre Richtung schaute), denn ihr Mann hörte während der Saison auf zu arbeiten und trieb sich in den Cafés mit den Flipperautomaten oder am Strand herum. Er verließ sich auf die Einkünfte Francescas, bis das Albergo wieder schloss und sie beide an ihren Arbeitsplatz in der Keramikfabrik zurückkehrten, wo sie sich im Winter ihren Lebensunterhalt verdienten. Alfredo, der noch nicht einmal fünfzehn war, hatte letztes Jahr im Gasthaus Lorelei zu arbeiten begonnen, und obwohl er ausgesprochen höflich war, weigerte er sich doch, irgendeine andere Sprache als Deutsch zu verstehen. Graziella, deren Haut am Abend noch lockerer an ihren Knochen zu hängen schien als am Morgen, war immer ausgeglichen. Sie war zu allen freundlich, zu Männern und Frauen gleichermaßen, und sie brachte den Touristen genauso gerne italienische Worte bei, wie sie selbst ihr Englisch übte.
»Buon giorno«, lächelte sie, wenn sie morgens das Frühstück brachte. »Haben Sie gut geschlafen?«
»Ja danke«, lautete die Antwort dann oder: »Nicht allzu gut, da waren jede Menge junge Kerle auf ihren Mofas unterwegs heute Nacht.« Und sie sagte daraufhin: »Schönes Wetter heute. Machen Sie einen Ausflug mit dem Bus?« oder, leidenschaftlicher: »Schade. Aber italienische Männer machen gern viel Lärm.« Gleichgültig, was sie sagte – man bekam sofort bessere Laune.
Josh sah ihr gerne zu. Er schaute allen Mädchen gerne zu, von denen am Strand, deren Formen lediglich von zwei schmalen Streifen Stretchnylon verhüllt wurden, bis zu den Friseusen in dem Laden gegenüber, die in den Stunden der Siesta, die nackten Füße in Sandalen, träge vor der Tür herumstanden, die Haare hochfrisiert über den teigigen Gesichtern, die Körper jedoch gewiss nackt unter den Kitteln? Sie erinnerten Josh an Kätzchen mit dünnem, zartem Flaum; er spürte sie förmlich unter seinen Händen. Er schaute auch gerne Francesca zu, wenn ihre nackten Füße über die Fliesen patschten und die Schürzenbänder im Rhythmus mit ihrem Hinterteil schwangen, besonders, wenn sie ungehalten war. Eines Morgens war sie ausgesprochen ungehalten. Sie hatte einen Fleck am Hals, den die anderen Schützlinge von Footloose vermutlich gar nicht bemerken würden, aber so genau konnte man das dann doch wieder nicht wissen, dachte Josh.
Francesca sah er lieber zu, doch Graziella bereitete ihm größeres Vergnügen. Sie war jünger, erst neunzehn, zartknochig wie ein Vogel. Als er während eines Busausfluges nach Ravenna die Alabasterfenster in Galla Placidias Grab sah, musste er an Graziellas honigfarbenes, schimmerndes Gesicht denken. Als sie ihm an jenem Abend seinen Campari brachte, während Maisie sich oben umzog, versuchte er, ihr davon zu erzählen.
»La finestra – Galla Placidia – è come – voi.«
»Come …?«
»Wie Sie – die Fenster. Wenn das Licht hindurchscheint.«
Sie lächelte mit kleinen, schiefen Zähnen, ohne ihn zu verstehen. Er hob die Hand zu ihrem Gesicht und zeichnete ihre Wange nach. Sie trat einen kleinen Schritt zurück. »Ihr Gesicht – die gleiche Farbe – colore similare …«
Immer noch lächelnd, schüttelte sie den Kopf. Francescas Schritt stockte ein wenig, als sie vorbeihastete, und Graziella sagte etwas auf Italienisch zu ihr. Francesca sah ihn aus den Augenwinkeln an, erwiderte etwas in scharfem Tonfall und ging weiter. Joshs Blick folgte ihren Schürzenbändern. Auch ihr Busen war nicht zu verachten.
Er sprach mit Graziella, während er auf Maisie wartete, mit der er den Bus um halb drei nach Rimini nehmen wollte, wo sie sich mit Mrs Fingal und Miss Kemp verabredet hatten. Maisie trank gern eine Tasse Tee nach dem Mittagessen, verzichtete jedoch darauf, wenn sie noch etwas vorhatten, weil sie sich Sorgen machte, vielleicht keine Damentoilette oder nur eine in schlechtem Zustand zu finden. Josh liebte seinen Cappuccino, und Graziella hatte ihm eine Tasse gebracht. Er saß allein draußen auf der Terrasse. Die Signora nahm ihr Mittagessen in der Küche ein, während sie die Küchenhilfe beaufsichtigte. Die meisten Gäste hatten sich in ihre Zimmer zurückgezogen oder auf die Strände oder anderen Treffpunkte verteilt. Graziella stellte die Tasse vor ihm ab. »Ecco, Signore.«
Er schreckte aus dem leichten Schlaf auf, in den er nach einer Mahlzeit immer verfiel. »Ach, danke – grazie.«
»Prego.«
»Grazie – Graziella. Ihr Name.«
Sie lächelte. »Sì, mein Name. Aber, ich glaube, nicht ›danke‹ in Ihrer Sprache?«
»Fräulein Dankeschön, was?«
»Nein, im Englischen, glaube ich, ist – einfacher.«
»Grace, nicht wahr?«
»Ich glaube.«
»Gracie. Das klingt schön – bella.«
»Nein, nein.« Sie lachte, rückte Stühle zurecht, wischte mit ihrer Serviette über die Tische.
»Sì, sì. Graziella è bella.«
Sie zog sich an einen der weiter entfernten Tische zurück. »Trinken Sie. Wird kalt.«
»Ach, das ist schon in Ordnung. Machen Sie sich keine Gedanken.« Er nippte an dem köstlichen Getränk. »Molto bene.«
»Schmeckt?«
»Sì, sì molto. Mia piacere – cappuccino.«
»Sie sprechen Italienisch sehr gut. Bald perfekt.«
»Das würde ich gerne.«
»Und ich Englisch.«
»Sie sprechen wunderbar Englisch. Parlare Inglese bene.«
»Nein, nein! In der Schule lerne ich, hier lerne ich mehr, oder – mehrere?«
»Viel. Nicht mehrere.«
»Viel.«
»Sie kommen nach England, dann bringe ich Ihnen Englisch bei.«
»Ach!« seufzte sie. »Ich möchte sehr gern England fahren. Mein Vater drei Jahre England.«
»Was! Wo ist er denn, in London?«
»Nein, nein, mein Vater sechs Jahre gestorben.«
»Oh, das tut mir leid.«
»Mein Vater im Krieg – Gefangener.«
»Oh, im Krieg.«
»Sì. Er sehr gern mögen. Aylesbury. Sie kennen Aylesbury?«
»Tja, ich kenne es nicht, aber ich habe davon gehört.«
»Mein Vater drei Jahre Aylesbury in Kriegsgefangenenlager. Ich mag sehr gern – fahren Aylesbury.«
»Kommen Sie nach England, dann bringe ich Sie hin.
Andiamo – Aylesbury – subito.«
»Ah, magnifico! Sie sprechen sehr gut!« Sie klatschte in die Hände, und sie lachten einander an.
Während Maisie und Josh auf den Bus warteten, erzählte er ihr von Graziellas Vater, der Kriegsgefangener in England gewesen war. »Na, so was«, antwortete sie geistesabwesend. »Du hast doch die Rückfahrkarten, oder?« Ja, die hatte er. Er hatte sie bei der Agentur abgeholt, wo er immer die Reiseschecks einlöste. Sie standen schweigend da, einsame Angelsachsen neben drei oder vier schlicht gekleideten, italienischen Mädchen. Schon komisch, dass sie alle kleine, goldene Ohrringe trugen, sogar die Babys. Tat es wohl weh, wenn man durch dieses gummiartige Fleisch stach …? Es war heiß, aber die Hitze war trocken. Zu heiß, um an den Strand zu gehen, zu früh nach dem Mittagessen …
»Da kommt er ja«, sagte sie mit breitem Lächeln, und Josh folgte seiner Frau in den Bus.
Sie sprachen den größten Teil der Fahrt kein Wort, denn Josh döste vor sich hin, den Hut auf den Knien, und sein weißhaariger Kopf wackelte im Takt der Räder hin und her, und Maisie dachte nach. Allmählich wurden die Souvenirläden größer, was darauf hinwies, dass sie sich Rimini näherten. Maisie stieß ihren Mann leicht an, und er richtete sich auf, die gute Laune wieder auf sein Gesicht zaubernd.
»Ich kümmere mich um das Mädchen«, sagte sie, »und du bleibst bei der alten Dame.«
»Gut.«
Schon bald kamen sie vor dem Hotel Miramare an.
Das Miramare war feudaler als das Albergo Garibaldi. Man hatte sich bei seinem Bau ein paar Jahre mehr Zeit gelassen und sogar die Konstruktionsfehler behoben. Die Bäume im Garten waren inzwischen hoch genug, um das Haus ein wenig von dem Verkehr abzuschirmen, der nur wenige Meter entfernt vorbeibrauste, von Venedig nach Bari.
Auf der anderen Seite befand sich eine Terrasse mit Sonnenschirmen und Topfpflanzen, Bougainvillea und Glyzinien, die auf einen kiesbestreuten Hof, den Strand und das Meer führte. Ein Portier mit weißen Handschuhen und geflochtener Mütze, der kaum sechzehn Jahre alt war, war fast immer im Foyer anzutreffen. Der Fernseher stand in einem eigenen Raum. Netze, die an den Fensterwänden hingen, verliehen dem Raum eine gewisse luftige Eleganz. Die Damen saßen im Schatten auf der Terrasse, und Miss Kemp erhob sich, als Josh und Maisie sich näherten. Sie trug ein enges, rosafarbenes Kleid ohne Ärmel, das ihren Busen vorteilhaft zur Geltung brachte, und wenn sie ein bisschen mehr Puder aufgelegt und die Haare nicht ganz so streng zurückgebunden hätte, hätte man sie sogar attraktiv nennen können. Mrs Fingal saß mit gespreizten Knien, Turnschuhe an den Füßen, da. Sie trug eine einreihige bunte Perlenkette aus San Marino und immer noch denselben Basthut.
Man rückte die Stühle zurecht. Josh legte den Hut auf den Boden neben sich, in der Hoffnung, dass keine Ameisen hineinkrabbeln würden. Mrs Fingal schwieg, wie erstickt unter ihrem Glockenhut. Miss Kemp schob mit leicht gereizter Miene, die offenbar schon zu einem Teil ihres Wesens geworden war, einen Armreif an ihrem Handgelenk hin und her und unterhielt sich mit Maisie übers Wetter und die Speisenfolge beim Mittagessen. »So ein Durcheinander. Ich kann ein solches Durcheinander nicht leiden. Warum können die nicht hin und wieder einfach ein Kotelett servieren?«
»So gute Koteletts wie in England bekommt man hier einfach nicht.«
»Und dann ständig diese Spaghetti und das andere Zeug – wie sagen sie hier gleich noch mal dazu, Pasta? Das ist doch bloß Mehl und Wasser, wenn Sie mich fragen, Gift für die Figur.«
»Da brauchen Sie sich nun wirklich keine Gedanken machen.«
»Naja …« Sie schaute mit selbstgefälligem Blick an sich herunter, den Kopf halb widerwillig, halb kokett schräg gelegt. »Wenn ich wieder zu Hause im guten alten England bin, gibt’s Roastbeef, das sage ich Ihnen.«
»Es geht doch nichts über die englische Küche.«
»Sie sollten mal Maisies Apfelkuchen probieren.«
»Ach, da gehört nun wirklich nicht viel dazu.«
»Lena kann nicht kochen«, mischte Mrs Fingal sich plötzlich ein. »Bei ihr kommt alles aus der Dose oder aus dem Tiefkühlfach.«
Lena schob den Armreif an ihrem Handgelenk hin und her. »Ich verbringe doch nicht Stunden in der Küche, wenn ich von der Arbeit komme. Das mag schon recht sein für Frauen, die nichts Besseres zu tun haben.«
»Wir sind natürlich in Rente«, sagte Mrs Evans in besänftigendem Tonfall. »Wissen Sie, ich war früher Krankenschwester, aber das habe ich aufgegeben, sobald ich geheiratet habe. Nur noch ein paar Stunden die Woche habe ich ausgeholfen, mich nützlich gemacht, wenn Not am Mann war. Schließlich konnte ich doch nicht einfach ganz aufhören, da alle Welt über den Mangel an Schwestern jammerte. Aber als mein Mann dann in Rente ging, habe ich das auch aufgegeben – doch bei Freunden mache ich natürlich nach wie vor eine Ausnahme. Deshalb haben wir auch Tante Flo bei uns aufgenommen.«
»Ich kann kranke Menschen nicht ausstehen.« Miss Kemp richtete sich auf, so dass ihr Busen sich hob wie ein Rammbock.
»Das ist doch ganz natürlich für einen jungen Menschen.«
Während der nun eintretenden Gesprächspause sammelte Mrs Evans ihre Habseligkeiten zusammen. »Tja, ich glaube, wir sollten aufbrechen. Ich würde gerne noch einen Schaufensterbummel machen, und in Salvione gibt es nicht allzu viel Auswahl.«
Josh rückte seinen Stuhl etwas zurück, erhob sich jedoch nicht. »Ich habe gerade überlegt, Schatz – ich habe gerade überlegt, ob Sie mich wohl entschuldigen würden?«
»Entschuldigen?«
»Na ja, ich weiß doch, wie die Damen sind, wenn sie erst mal mit einem Schaufensterbummel anfangen. Und ich sitze so gern hier im Schatten und schaue aufs Meer hinaus.«
Sie drohte ihm spielerisch mit dem Finger. »Du bist schon ein schrecklicher Faulpelz, mein Lieber, wirklich!«
Er lächelte schüchtern wie ein kleiner Junge. »Ich weiß. Aber es ist so schön hier, einfach zu sitzen und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen. Meinen Sie –«, er lächelte geistesabwesend, »meinen Sie, ich könnte wohl Mrs Fingal dazu überreden, mir Gesellschaft zu leisten?«
»Tja«, Maisie warf der jüngeren Frau einen Blick zu, »du kannst ja wohl kaum allein hier herumsitzen, das ist nicht einmal unser eigenes Hotel. Was meinen Sie, Miss Kemp? Sollen wir Frauen allein losziehen und diese Faulpelze einfach hier sitzen lassen?«
Mrs Fingal richtete sich in ihrem Stuhl auf. »Gehen Sie ruhig. Gehen Sie. Ich will heute nicht mehr in irgendwelchen Geschäften herumlaufen.«
»Na schön. Dann setzt ihr zwei euch hierher und ruht euch ein bisschen aus. Wir kommen so gegen fünf Uhr wieder zurück, damit wir den Bus noch erwischen. Und bleibt schön brav!« Lächelnd wandte sie sich ab. Als die beiden Frauen hineingingen, meinte Miss Kemp: »Tante schafft das sowieso nicht mehr so gut.«
»Tja«, sagte Josh, »da wären wir also.« Er drehte den Stuhl ein wenig, um Mrs Fingal gegenüberzusitzen, entspannte sich und lehnte sich zurück.
Die Lippen der alten Dame zitterten. Sie nahm ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und hielt es sich vors Gesicht, dann rollte sie es zwischen ihren knotigen Fingern zu einem Ball. »Sie ist hart. Sie ist völlig auf sich selbst fixiert. Und sie weiß, dass ich alles mitbekomme. Aber sie ist hart. Sie hat nie jemanden außer sich selbst geliebt. Eigentlich ist sie gar nicht meine Nichte.«
»Nein?«
»Nein. Sie ist keine Blutsverwandte, sondern die Nichte meiner Schwägerin. Sie ist fast schon vierzig Jahre alt.«
»Ach nein!«
»Siebenunddreißig, um genau zu sein. Und was hat sie erreicht im Leben? Sie hat gerade mal einen Schreibtisch, eine Schreibmaschine und ein bisschen Geld bei der Bausparkasse, mehr hat sie nicht erreicht. Sie ist hart.«
»Sie dürfen sich deshalb nicht aus der Fassung bringen lassen.«
»Nein. Ich bin unabhängig, ich tue, was mir gefällt. Schließlich sind wir doch jetzt hier, oder? Sie wollte nicht hierherfahren. Sie mag keine Fremden, sieht nicht über die eigenen vier Wände hinaus, wissen Sie. Aber ich wollte hierher kommen, und ich habe ihr gesagt, sie kann entweder mitfahren oder bleiben, wo der Pfeffer wächst. Wissen Sie, ich bin nicht das erste Mal in Italien, ich war früher schon mal hier, zusammen mit meinem Mann. Das ist natürlich schon Jahre her, das war nach dem Weltkrieg. Wir sind damals nach Mailand gefahren, er musste für seine Firma dorthin. Wir haben uns ›Das letzte Abendmahl‹ zusammen angeschaut. Es war in einem fürchterlichen Zustand, die Farbe ist überall abgeblättert. Ich habe gehört, dass es inzwischen restauriert worden ist. Ich habe sie gezwungen, nach Ravenna zu fahren. Die Mosaiken, Sie wissen schon, Mr – äh …«
»Evans. Josh Evans.«
»Ja. Die kleinen Lämmer und die Tauben in der Luft und die kleinen Blumen. Das Leben hat ständig neue Überraschungen auf Lager. Ich hätte nie gedacht, dass man solche Sachen aus Stein machen kann. Hätten Sie das gedacht?«
»Nein, das könnte ich nicht behaupten.«
»Anderswohin wollte ich dann nicht mehr fahren. Mir war das genug. Die kleinen Lämmer, wie in Noahs Arche … Die werde ich nie vergessen, genauso wenig wie das Abendmahl. Manche Dinge vergisst man nicht, stimmt’s, Mr – äh …«
»Ja, da haben Sie recht.«
»Das reicht mir, habe ich ihr gesagt. Du fährst weiter, ich bleibe im Wagen. Wissen Sie, ich kann Menschenmassen nicht ausstehen. Sie glaubt, dass andere Gründe dahinter stecken, aber ich kann Menschenmassen wirklich nicht ausstehen.« Sie sah ihn mit listigem Blick an, doch er gab ihr keinen Augenblick das Gefühl, dass er ihr nicht zuhörte. »Jedenfalls bin ich im Wagen geblieben, habe sie allein die anderen Dinge anschauen lassen, weil sie doch gehofft hat, angesprochen zu werden. Sie kennen ja die Geschichten, die man sich so von Südländern erzählt.«
»Man muss nicht alles glauben, was man hört.«
»Nein, da haben Sie allerdings recht. Aber die Gerüchte stimmen eigentlich immer. Die kleinen Lämmer … Ich hatte schon von ihnen gehört, aber so etwas hatte ich nicht erwartet.«
»Sie haben etwas versäumt, weil Sie sich das Grab nicht angesehen haben. Das ist das Grab einer Kaiserin, gleich bei der Kathedrale.«
»Davon habe ich gehört, aber ich wollte es mir nicht anschauen.«
»Da ist Ihnen wirklich etwas entgangen. Die Mosaiken …«
Er zeichnete sie mit der Hand nach. »Man könnte glauben, sie sind echt. Da sitzen ein paar Tauben auf so einer Art Schüssel – alles aus Stein. Und das einzige Licht kommt aus dem Alabaster.«
»Aus dem Alabaster?«
»Alabaster. Natürlich gibt es Postkarten von den Tauben, aber den Alabaster muss man einfach selbst gesehen haben.«
Es entstand eine Gesprächspause, in der Josh über den Alabaster nachdachte und Mrs Fingal über ihn.
»Sie sind ja ein richtiger Künstler.«
»Ach was, so würde ich das nicht sagen.«
»Sie sind ein richtiger Künstler. Mein Mann hatte auch eine Ader für die Kunst. Als wir nach dem Weltkrieg in Mailand waren, sind wir immer in die Kathedrale gegangen, haben uns einfach auf eine der Bänke gesetzt und uns umgeschaut. Wir haben nichts sagen müssen. Er hat meine Hand genommen und sie gedrückt, und ich habe gewusst, was er denkt. Und danach haben wir Postkarten gekauft, wir haben immer die gleichen ausgesucht.«
»Sind Sie schon lange allein, Mrs Fingal?«
»Vierunddreißig Jahre. Lungenentzündung.« Josh schnalzte mit der Zunge. »Im Oktober werden es vierunddreißig Jahre. Wissen Sie, damals hat man noch nicht die richtigen Medikamente gehabt. Ich trauere immer noch, Mr – äh …« Sie drückte sich wieder das Taschentuch auf den Mund.
»Natürlich, natürlich. Und jetzt leben Sie bei Ihrer Nichte.«
