Mörderisches Glockenspiel - Klaus Hindemith - E-Book

Mörderisches Glockenspiel E-Book

Klaus Hindemith

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Beschreibung

Salzburg im Mai. Die Idylle der Mozartstadt wird durch einen irren Männermörder zerstört, der seine Opfer tötet, indem er ihnen Holzpfähle in den Leib rammt. Der schwule Pianist Manuel Marx, der seinen aufwändigen Lebensstil mit Einbrüchen finanziert, wird bei seinem nächtlichen Eindringen in ein Haus überrascht. Marvin Kronlandt, ein attraktiver Aufdeckungsjournalist, findet Gefallen an dem Einbrecher. Obwohl anfangs jeder in dem anderen den Pfähler vermutet, verlieben sie sich ineinander. Kronlandt und Marx begeben sich schließlich auf die Jagd nach dem Pfähler, gemeinsam mit einem jungen Polizisten, der sich ebenfalls in Manuel Marx verliebt hat. Zu den Verdächtigen zählen ein Psychotherapeut, ein ultrakonservativer Priester und der Besitzer der Schwulenbar Dark Falcon, in der alle Opfer verkehrt haben. Die Beziehung zwischen Kronlandt und Marx wird auch körperlich so intensiv, dass sie beschließen, beisammen zu bleiben und sich verpartnern. Als einer der beiden dem Pfähler in die Hände fällt, stellt sich die Frage, ob die Liebe des anderen so stark ist, sein Leben zu riskieren, um den Freund zu retten.

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Seitenzahl: 250

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Klaus Hindemith

Mörderisches Glockenspiel

Kronlandt & MarxDer erste Fall

 

Himmelstürmer Verlag, part of Production House, Hamburg

www.himmelstuermer.de

E-Mail: [email protected]

Originalausgabe, August 2017

© Production House GmbH

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages.

Zuwiderhandeln wird strafrechtlich verfolgt

Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage

 

Coverfoto: 123rf.com jakobradlgruber, fotolia.com

 

 

Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de

E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

 

ISBN print 978-3-86361-662-5

ISBN e-pub 978-3-86361-663-2

ISBN pdf 978-3-86361-664-9

 

 

Alle hier beschriebenen Personen und alle Begebenheiten sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist nicht beabsichtigt.

O lieb, solang du lieben kannst!

O lieb, solang du lieben magst!

Die Stunde kommt, die Stunde kommt,

Wo du an Gräbern stehst und klagst.

 

Und sorge, dass dein Herze glüht

Und Liebe hegt und Liebe trägt,

Solang ihm noch ein ander Herz

In Liebe warm entgegenschlägt!

 

Und wer dir seine Brust erschließt,

Oh tu ihm, was du kannst, zulieb!

Und mach ihm jede Stunde froh,

Und mach ihm keine Stunde trüb!

 

Und hüte deine Zunge wohl,

Bald ist ein böses Wort gesagt!

O Gott, es war nicht bös gemeint,

Der andre aber geht und klagt.

 

O lieb, solang du lieben kannst!

O lieb, solang du lieben magst!

Die Stunde kommt, die Stunde kommt,

Wo du an Gräbern stehst und klagst.

 

Ferdinand Freiligrath

KAPITEL 1

O lieb, solang du lieben kannst!

Manuel Marx saß am Flügel, der seltsamerweise nicht schwarz war, sondern die Farbe veränderte, wie der Fluss, an dem er gerne saß, um zur Ruhe zu finden, wie Getreide im Frühsommerwind, wie … wie das Haar Marvin Kronlandts, der an seiner linken Seite saß und mit ihm in die Tasten griff. Kräftig, viel zu kräftig für Liszts Liebestraum Nr. 3.

Während er sich um den einschmeichelnden Ton, um den leichten Anschlag bemühte, für den er berühmt war, hieb Kronlandt auf die Tasten, als ob es sich um einen Amboss handelte, nicht um einen Flügel.

Flügel, wollte er sagen, kam vom Fliegen, nicht vom …

Flügelschlag, sagte Kronlandt und lächelte. Auf schweren Schwingen, wie die Liebe.

Auf leichten Schwingen, dachte Manuel Marx und schloss die Augen, um sich auf sein eigenes Spiel zu konzentrieren. Liebestraum Nr. 3.

Das Schließen der Augen half. Seine Finger schwebten über den Tasten, streichelten diese, und auch Kronlandts Spiel wurde sanfter, leiser, glich sich dem seinen an, Kronlandts Finger näherten sich, erst flüchtig, dann drängend, bedrängend, dann verdrängend. Bis er seine Hände vom Elfenbein und dem Ebenholz der Tasten nahm und Kronlandt gewähren ließ.

Kronlandt, der ganz anders als er spielte, dessen Vorstellungen von einem Liebestraum sich so sehr von seinen unterschieden.

Und sorge, dass dein Herze glüht

Und Liebe hegt und Liebe trägt,

Solang ihm noch ein ander Herz

In Liebe warm entgegenschlägt!

Kronlandt hatte Recht. Im Gedicht Ferdinand Freiligraths, das Liszt zur Grundlage seines dritten Liebestraums genommen hatte, war von einem glühenden Herzen die Rede.

Manuels Herz stolperte, schlug unregelmäßig und schmerzte. Er griff mit der rechten Hand auf die Stelle, unter der sein Herz brannte. Doch er fühlte nicht das Herz, spürte nicht den Schlag seines Herzens, sondern eine Hand, die schon auf seiner linken Brust ruhte. Eine warme, weiche Hand.

Kronlandt spielte offenbar einhändig weiter, denn die Musik war nicht verstummt.

Sie war lauter geworden, drängender, hatte sich in unzählige Hände verwandelt, die den Körper von Manuel Marx bedeckten, ihn streichelten, an ihm rieben, die über sein Haar glitten, über die geschlossenen Augenlider, die den Nasenrücken massierten, den Schwung seiner Lippen nachformten, die Lippen sanft öffneten, die Schneidezähne berührten, in die Mundhöhle drangen.

Obwohl es nicht seine Absicht war, spitzte Manuel Marx die Lippen und begann an dem Daumen, der in seinem Mund hin- und hergeschoben wurde, zu saugen.

Der zu der Hand gehörende Zeigefinger streichelte indes seine Nase, die den Duft von Zitronen und Limetten wahrnahm, der von den Fingern ausging.

Manuel Marx griff nach der Hand, löste Zeigefinger und Daumen von seinem Gesicht und begann den Handrücken mit seinen Lippen, seiner Zunge zu liebkosen. Er spürte die Knöchel und die Täler dazwischen und schmeckte das Salz der Haut. Fleur de Sel. Salzblüte, Salzblume.

Die fremde und doch vertraute Hand wollte sich der seinen entziehen, doch er wollte sie halten, behalten, also folgte seine Rechte der Bewegung nach unten, auf den Bereich seines Bauchnabels hin, den das hellblaue Hemd bedeckte, das er zum Konzert trug.

Ein Finger – es musste sich um den mittleren Finger der rechten Hand handeln – umkreiste die Vertiefung des Nabels, versuchte Halt zu finden und glitt, als das nicht gelang, weiter nach unten, in den Bereich, der bei Manuel Marx von einem Strich dunkelblonder Haare bedeckt war. Weichem blondem Haar, das die forschenden Finger nur erahnen, aber nicht wirklich spüren konnten, denn der Baumwollstoff dämpfte den Kontakt, behinderte ihn, also machten sich die kundigen Finger an den Knöpfen zu schaffen, die wie die Untertasten des Klaviers aus Elfenbein bestanden.

Elfenbein? Tatsächlich Elfenbein?, fragte sich Manuel Marx, doch verflüchtigte sich sein Denken in dem Gefühl der an seinem Bauch krabbelnden Finger, die sich nun weiter unten in den trapezförmigen Haaren verfingen.

Gleichzeitig legten sich nun Lippen auf die seinen. Lippen, die nicht nach Zitronen, sondern nach Pfefferminz schmeckten. Nach Schokolade und Pfefferminz.

Wie die Bonbons, die sein Vater ihm gegeben hatte, wenn sie gemeinsam ins Kino gegangen waren.

Vaters Pfefferminzbonbons, die die beiden in so manches Filmabenteuer begleitet hatten, das sie an Freitagabenden im Kino am Giselakai erlebten.

Als nun Manuels Penis zum Zentrum seines Fühlens wurde, sich sein Herzschlag mit den Bewegungen des Blutes synchronisierte, an Dynamik gewann, fester und drängender wurde, wollte er die Hand von seinem Unterleib lösen, die Finger, die sich um den Schaft seines Glieds klammerten, von denen nun eine Wärme ausging, die in Hitze überzugehen drohte. Er ergriff mit seiner Rechten das Gelenk der Hand, die ihn umfasste, doch es half nicht. Der Mann, den er erkannt hatte, den er kannte, hielt ihn fest und bewegte die Faust auf und ab. Auf und ab. Unbarmherzig.

Doch er durfte das nicht zulassen. Marvin Kronlandt war ein Mann. Ein Mann wie Manuel Marx. Und Manuel war kein Schwuler. Er war eindeutig heterosexuell. Was er spürte, gehörte nicht zu ihm. Ein Irrtum. Ein Fehler.

Die Hand pumpte weiter. Manuel wehrte sich nicht mehr. Es hatte keinen Sinn. Er musste sich von seinem Gefühl lossagen, so tun, als ob er nichts spüre. Normal atmen, ganz entspannt. Die Hand an seinem Glied sollte machen, was sie wollte. Sie hatte nichts mit ihm zu tun. Er dachte an einen der Filme, die er mit seinem Vater gesehen hatte, im Jahr 1994, als er zwölf gewesen war. Sie hatten Disneys König der Löwen gesehen. Simba und Scar, die beiden rivalisierenden Brüder. Und jetzt streichelte ihn Scar an einer Stelle, die …

Es tat gut, war so süß und … überwältigend. Eine Welle erfasste Manuel, die von seinem Herzen durch seinen gesamten Körper schwappte und so voll Energie war, dass sie einen Auslass finden musste. Ansonsten hätte sie sein Blut, sein Leben mitgerissen.

 

Die Wärme, die sich auf seinem Unterleib ausbreitete, war angenehm, aber so verstörend, dass Manuel Marx erwachte.

Er ließ das Gefühl des Traums nachwirken und spürte Feuchtigkeit auf seinem Bauch. Warme Flüssigkeit. Und einen Augenblick befürchtete er, sich eingenässt zu haben. Doch die Flüssigkeit war klebrig und hell, wie er erkannte, als er die Nachttischlampe einschaltete.

Manuel lacht laut auf. Wie seinerzeit, in der Pubertät, hatte er einen so genannten unwillkürlichen nächtlichen Samenabgang gehabt, und das mit 34 Jahren!

Ein feuchter Traum. Wobei ihn weniger die Feuchtigkeit störte als der Traum.

Er war heterosexuell. Eindeutig hetero. Warum aber träumte er von den Berührungen eines anderen Mannes, die ihn zum Orgasmus brachten? Warum träumte er von Marvin Kronlandt?

Zugegeben, der Mann beschäftigte ihn mehr, als ihm lieb war. Er hatte ihn bedroht. Hatte gedroht, ihn auffliegen zu lassen und ihn dabei so unendlich liebevoll betrachtet mit seinen grauen Augen.

Manuel ließ sich ins Bett, aus dem er sich erheben wollte, zurücksinken, noch immer unter dem Einfluss des Traums.

Er hatte zu lange mit keiner Frau mehr geschlafen.

Nun blickte Manuel auf den Flecken milchiger Flüssigkeit auf seinem Bauch, die langsam trocknete. Eine Ursuppe des Lebens sozusagen, in der sich Millionen von kleinen Lebewesen tummelten, die darauf warteten, neues Leben zu schaffen. Nur war das nicht möglich, wenn die Frau die Pille nahm, die … Ja, was machte die Pille mit den Spermien?

Oder wenn man, wie er, einen Orgasmus ohne Partnerin hatte. Oder …

Oder wenn zwei Männer miteinander schliefen.

Die Spermien waren zum Sterben verurteilt.

Auch bei einer Frau kam höchstens eines dieser kleinen Lebewesen ans Ziel, die anderen hatten an die zwei Monate in seinem Körper gelebt und starben. Wie alles auf dieser Welt starb.

Marvin Kronlandt hatte ihn zum Orgasmus gebracht. Im Traum. Und Träume waren Schäume.

Manuel schämte sich dieser Phrase. Nicht einmal denken durfte man etwas derart Plattes, Unkünstlerisches.

Träume waren wichtig. Sie regulierten das Seelenleben. Und ließen tief blicken.

Egal. Der Mensch war nicht nur Tier, das seinen Trieben nachging. Der Mensch wurde Mensch durch die Beherrschung seiner Triebe, durch ihre Verfeinerung im Künstlerischen. Wie der Nahrungstrieb durch besonders feine Speisen veredelt werden konnte, konnte auch der Geschlechtstrieb …

Nun, das wahre Problem mit Marvin Kronlandt war nicht die erotische Anziehung, sondern die Drohung, die er ausgesprochen hatte.

Er hatte ihn nach seinem Konzert im Goldenen Saal der Festung Hohensalzburg beiseite genommen und ihm etwas zugeflüstert, das Manuel zunächst nicht verstanden hatte. Er hatte es für Lob gehalten, noch berauscht vom Applaus des Publikums, vom Duft von Zitronen und Limetten, der von dem Mann ausgegangen war, der ihn an etwas erinnerte, das … das weit zurückliegen musste. Jedenfalls war es etwas Angenehmes gewesen.

Umso mehr schockierte es ihn, als er mit einem Mal verstand, was Marvin Kronlandt ihm mitteilte.

„Sind Sie vorsichtig, Marx!“, hatte er gesagt. „Sie gehen zu weit mit Ihren Abenteuern. Ich weiß davon.“

Kronlandt war Journalist im Zeitungsimperium seines Vaters. Aufdeckungsjournalist. Ein Robin Hood unter den Zeitungsleuten. Er hatte Macht und konnte Marx vernichten. Seine Karriere wäre zu Ende, wenn er im Gefängnis landete.

Oder war es gar keine Drohung gewesen, sondern nur ein guter Rat?

Marvin Kronlandt hatte, während er ihn warnte, seine rechte Hand auf Manuels Schulter gelegt und dort einen Augenblick ruhen lassen. Durchaus nicht unfreundlich.

Marx musste etwas unternehmen. Auf seine Abenteuer konnte und wollte er nicht verzichten. Sie finanzierten sein kultiviertes Leben. Vom Klavierspielen allein könnte er sich nichts leisten. Gar nichts. Und vor allem müsste er auf die Unterstützung anderer verzichten. Der Manuel-Marx-Award, mit dem er aufstrebende Künstler auf dem Gebiet der Musik unterstützte, wäre dann Vergangenheit.

Er musste Marvin Kronlandt unschädlich machen. Nein, nicht durch Mord. Manuel Marx war kein Mörder. Seine Verbrechen beschränkten sich auf Eigentumsdelikte. Aber wie konnte er Kronlandt davon abhalten, ihn mit seinem Wissen zu erpressen – oder schlimmer noch – zu vernichten?

Er musste versuchen, etwas über den jungen Mann herauszufinden. Auch sein Leben musste dunkle Seiten haben. Abgesehen davon, dass der 29-jährige offen homosexuell lebte. Das war kein Geheimnis in Salzburg. Und auch nicht wirklich eine dunkle Seite.

Höchstens für ihn. Manuel Marx wollte mit Homosexualität nichts zu schaffen haben. Deswegen griff er nach einem Papiertaschentuch, entfernte damit die Samenpfütze auf seinem Bauch und begab sich ins Badezimmer, wo er sich unter die Dusche stellte.

Dabei versuchte er jeden Gedanken an den Traum, der ihm das beschert hatte, zu vermeiden.

Disziplin. Es ging um Disziplin im Leben. So wie er jeden Tag zwei Stunden lang übte, wie er sich zwang, nicht zu viel zu essen und zu trinken, so musste er auch diesen Trieb zügeln, wenngleich sein Glied, das sich unter dem warmen Wasser erneut zu regen begann, anderer Meinung war.

Also gab er dem Impuls nach und begann an seinem Penis zu reiben, um endlich Ruhe zu haben.

Und morgen würde er das Problem offensiv angehen. Er würde Marvin – was hieß Marvin – er würde Kronlandt um ein Gespräch bitten, bei dem er …

Ah, das Gefühl, als er wieder zum Orgasmus kam, war so stark, dass er stöhnte und in die Knie ging.

*

Hietzinger muss sterben. Was er mit seiner menschlichen Umgebung und der Welt macht, ist unverzeihlich. Die Versuche, ihn auf den rechten Weg zurückzubringen, sind gescheitert. Wie erwartet, hat sich der Mann als beratungsresistent erwiesen.

Hietzinger breitet sich als alles verschlingendes Krebsgeschwür über Stadt und Land, und dem muss Einhalt geboten werden.

Nach dem Selbstmord des weiblichen Bimbos an seiner Seite bewohnt er das KZ in Glas allein, auf der Suche nach einer weiteren Tussi, die er vernichten kann.

Er hasst Frauen, liebt in Wirklichkeit Männer und gesteht sich das nicht einmal selbst ein, macht Frau um Frau unglücklich, anstatt … anstatt sich endlich zu outen.

Er hat diesen kulturlosen Protzbau zwischen die Parks der alten Villen setzen lassen, in einen baum- und strauchlosen Garten, in dem zwei Kampfhunde patrouillieren und alles vollscheißen. Hinter einem Maschendrahtzaun, mit einer grünen Plastikfolie als Sichtschutz.

Der Mann ist das Allerallerletzte.

Und nun hat er begonnen, meine Kreise zu stören. Ein Fehler, auf den ich ihn aufmerksam gemacht habe. Mit einem sanften Hinweis, mit einer Drohung, einer letzten Warnung.

Der Mann will nicht hören, also muss er spüren. Und das intensiv.

Der Herr Vermögensberater, der davon lebt zu erben, sich reichen Witwen anzudienen, gewissermaßen als Callboy, um dann zu erben.

Der Weiberheld, der heimlich die Schwulenbars aufsucht.

Wie ich sein fuchsartiges Gesicht hasse, die gepflegten Zähnchen, die er hin und wieder entblößt, um ein betörendes Lächeln aufblitzen zu lassen.

Betörend?

Ja. So pervers es ist. Der Mann ist auch auf mich nicht ohne Wirkung. Und diese Wirkung wird er heute spüren. Zum ersten und letzten Mal. Ein Erlebnis der Sonderklasse.

Und deshalb schleppe ich dieses Holzstück mit mir.

Zuerst aber widme ich mich den Hunden. Zwei Stück Fleisch. Mit Rattengift versetzt.

Punkt. Schluss.

Unangenehm, aber nötig.

Das Haus hat keine Alarmanlage, weil er glaubt, die Hunde genügen.

Die gekippte Terrassentür lässt sich leicht entriegeln.

Das Haus ist kühl und dunkel. Aber nicht ruhig. Irgendwo …

Ein Fernseher.

Den Pfahl deponiere ich im Flur. Jetzt muss ich mich um Hietzinger kümmern.

Ich folge dem Ton des Fernsehgeräts. Irgendein Kriminalfilm. Musik und Worte wechseln einander ab.

„Bleiben Sie stehen, oder Sie werden es bereuen!“

„Einen Teufel werde ich.“

„Mein Gott, Liam! Tu, was er dir sagt! Du gefährdest mein Leben und das der Kinder.“

„Und was ist mit mir?“

Musik, die wie das Geräusch einer Spülmaschine klingt. Massenware aus den USA.

Das Öffnen der Tür verstärkt den Ton.

Hietzinger liegt im Bett, die Decke zum Hals hochgezogen, sodass nur sein Kopf herausschaut.

Ein Kinderkopf. Dunkles, zerrauftes Haar.

Ein groß und sehr böse gewordenes Kind. Das bestraft werden muss.

Fentanyl, über das Bett gesprüht und eingeatmet, beruhigt so sehr, dass er sich das Suppositorium gefallen lässt. Tramadol, rektal verabreicht, wird ihm und mir helfen. Wenn er sich helfen lässt. Wehrt er sich, bekommt er eine Spritze.

Er wehrt sich nicht. Lächelt. Die Augen fest geschlossen. Er hat lange Wimpern. Lächelt, als ich den Seidenpyjama nach unten schiebe, ihm das Zäpfchen verabreiche. Es gefällt ihm. Endlich das, was er eigentlich will. Na dann.

Der Pfahl im Flur wird ihm ein Erlebnis ermöglichen, das nicht viele haben. Außer den beiden Herren, die vor ihm dran waren.

Sie haben verschieden reagiert. Aber ich habe dazugelernt, weiß jetzt, wie man das Ding handhabt.

Den Eichenholzstab mit dem Umfang eines kräftigen Penis und der Länge eines ausgewachsenen Mannes, mit der gerundeten Spitze, die, wenn man sie einführt, durch den Körper nach oben gleitet, vorbei an allen lebenswichtigen Organen, diese verschont, sodass der Gepfählte möglichst etwas davon hat.

Doch soll ich das diesem großen Kind vor mir wirklich antun? Soll ich ihm noch eine Chance geben?

Nein. Das sind Illusionen. Er wird sich nicht ändern. Hietzinger soll sterben. Soll leidend sterben.

*

Für die Hunde hatte Manuel Marx frisches Faschiertes mitgebracht, das er mit Codein versetzt hatte, das aus dem Einbruch in einer Arztpraxis stammte. Ein ideales Betäubungsmittel für die Hunde.

Geld und Wertsachen bewahrte Hietzinger in einem Safe auf, den er hoffentlich knacken konnte. Und wenn nicht, war es auch egal, dann nahm er eben, was offen umherlag.

Und es lag viel umher in dieser hässlichen Villa, wie Marx von der Einladung her wusste, auf der er gespielt hatte. Auf einem verstimmten, geliehenen Flügel.

Aber es hatte sich gelohnt. Das Honorar war üppig, und er konnte sich im Haus umsehen.

Die Hunde waren nirgendwo zu sehen. Eventuell hatte Hietzinger sie ins Haus gelassen, um nicht so einsam zu sein, nachdem sich die letzte Freundin im Fuschlsee versenkt hatte, mit zwei Säcken mit Steinen, die sie mit Handschellen an ihren Händen befestigt hatte. Wie Marvin Kronlandt geschrieben hatte.

Marvin Kronlandt, Marvin Kronlandt, den er morgen treffen würde.

Und jetzt volle Konzentration auf Bertram Hietzinger und seine Schätze.

Der Safe lag im Schlafzimmer im ersten Stock, von wo er den Ton des Fernsehgeräts hörte. Ja, auch das wusste er. Hietzinger schlief bei laufendem Fernsehgerät.

Stille vertrug er nicht. Ruhe war ihm fremd. Die Leere in seinem Leben musste gefüllt werden. Mit Aktivitäten und Dingen. Und diese Dinge würden in dieser Nacht den Besitzer wechseln.

Wobei Hietzinger kein wirklicher Schaden entstehen würde. Er war bestimmt versichert. Wie sie alle.

Komisch. Die Hunde waren auch nicht im Schlafzimmer, dessen Tür einen Spalt weit offenstand.

Ja, der Fernseher lief. Ein amerikanischer Kriminalfilm. Mit den üblichen belanglosen Dialogen, einer Musikuntermalung, die nach Klospülung klang.

Marx schob seinen Kopf in das Zimmer, um auf das breite Bett zu blicken. Dieses war zerwühlt, aber leer. Jetzt hieß es vorsichtig sein. Wäre es möglich, dass Hietzinger, durch die Hunde alarmiert, sein Eindringen bemerkt hatte und ihm jetzt auflauerte, ihn vom Flur aus attackieren wollte?

Nein. Bertram Hietzinger hielt sich in seinem Schlafzimmer auf. Er stand reglos an der Wand, in der sich der Safe befand. Nein. Er stand nicht. Er saß, an die Wand gelehnt, während eine Art Stock aus seinem Mund ragte.

Um Gottes Himmels Willen! Was war das? Das war doch nicht möglich. Manuel Marx wandte seinen Blick ab. Zu furchtbar war das, was er im Zimmer vor sich sah.

KAPITEL 2

Bertram Hietzingers Beine waren nackt, der Unterleib war entblößt. Er hatte sich seiner Pyjamahose entledigt, während die Jacke seinen trainierten Oberkörper bedeckte. Er saß auf dem cremefarbenen Teppichboden, der sich unter ihm verfärbt hatte.

Manuel Marx wusste, was mit dem Mann geschehen war, versuchte jedoch den Gedanken von sich fernzuhalten, um … um mit der Situation fertig zu werden. Um nicht aufzuschreien.

Jemand hatte Bertram Hietzinger gepfählt, ihm einen langen Stab von hinten in den Körper getrieben, so heftig, dass er beim Mund herausschaute.

Eine Art Besenstiel, abgerundet, mit Blut beschmiert. Mit frischem Blut. Auch das Blut, das in den Teppichboden gesickert war, war hell. Das Verbrechen konnte nicht allzu weit zurückliegen.

Oder handelte es sich um kein Verbrechen? Wäre es möglich, dass sich Hietzinger das selbst zugefügt hatte?

Undenkbar. Es wäre ihm nicht gelungen, seinen Körper zu durchstechen, er hätte früher das Bewusstsein verloren.

Manuel Marx entledigte sich seiner Schuhe, um keine Spuren zu hinterlassen, bevor er sich in den Raum bewegte und sich umsah. Außer ihm und Hietzinger befand sich niemand in dem Raum. Kein Mörder, kein Hund.

Und dann sah er, was ihm so schrecklich, so unglaublich schien, dass er sich setzen musste. Die Entdeckung zog ihm buchstäblich den Boden unter den Füßen weg.

Hietzingers Augen standen offen. Sie waren nicht gebrochen. Tränen liefen in die Mundwinkel. Der Oberkörper bewegte sich zitternd.

Der gepfählte Mann lebte noch, er atmete.

Marx musste etwas unternehmen.

Konnte er Hietzinger helfen? Den Pfahl entfernen? Nein. Das mussten Menschen mit Medizinkenntnissen machen. Und diese musste er verständigen. Und zwar sofort.

Sein Handy konnte er nicht verwenden. Damit würde er sich verraten. Immerhin war er in ein fremdes Haus eingedrungen.

Es blieb nichts anderes übrig, als das Telefon zu benutzen, und dieses befand sich im Arbeitszimmer im Erdgeschoss.

Und dann musste er möglichst rasch das Weite suchen.

Nein, zu riskant.

Er musste so schnell wie möglich aus dem Haus, weit weg und den Notarzt von einer Telefonzelle anrufen.

 

Als Manuel Marx in sein Penthouse am Ignaz-Rieder-Kai an der Salzach zurückkehrte, schwitzte er vor Anstrengung. Er entledigte sich seines schwarzen Sweaters und der Hose und setzte sich nackt auf die Couch aus weichem Nubukleder.

Vor Aufregung hatte er beinahe vergessen, seine Stimme zu verstellen, als er die Rettungskräfte verständigt hatte. Ansonsten glaubte er, keine Fehler begangen zu haben. Außer dem größten Fehler überhaupt: in Hietzingers Haus eingedrungen zu sein.

Der Pfähler hatte ein weiteres Opfer gefunden. Nach Oberstleutnant Robert Tichy, dem Stadtpolizeikommandanten von Salzburg, der reiche Bürger verschont hatte, danach den Journalisten Gerald Untersperg, der die Reichen und die Schönen der Stadt bejubelt hatte und … und Philipp Haveland, den Besitzer der Schwulenbar Dark Falcon.

Sie alle waren tot. Und auch Hietzinger würde diesen Angriff nicht überleben. Unmöglich.

Aber er hatte gelebt, als er ihn entdeckt hatte, hatte geweint.

Hatte er ihn gesehen? Könnte er ihn verraten?

Manuel Marx schüttelte den Kopf.

Er musste zur Ruhe kommen.

Marx schloss die Fenster, die Richtung Hohensalzburg blickten. Es war kurz nach drei Uhr früh.

Dann setzte er sich an den Bösendorfer, den schon seine Mutter benutzt hatte und begann zu spielen. Das Penthouse im achten Stock eines Gebäudes aus der so genannten Gründerzeit war bei geschlossenen Fenstern schalldicht, dank eines kostspieligen Umbaus, den er wie vieles in seinem Leben aus den nächtlichen Abenteuern finanziert hatte.

Obwohl sich seine Karriere positiv entwickelte, könnte er all das nicht mit seinen Konzerten finanzieren.

Marx entschied sich für Bruckners Klavierstück in Es-Dur, das er nicht auswendig konnte, also suchte er nach den Noten.

Als er sie nicht fand, begann er, aus der Erinnerung zu spielen, die Noten zu variieren, bis er weder dachte noch fühlte, bis die Musik ihn durchdrang.

Er sah Hietzingers dunkle Kinderaugen vor sich, aus denen Tränen liefen. Der Mann war in seinem tiefen Leiden wieder Kind, wieder Mensch, geworden.

Und er selbst?

Was war Manuel Marx selbst?

*

Was bin ich? Was ist aus mir geworden? Wie verändern mich die Hinrichtungen? Sollte ich? Soll ich auf das Pfählen verzichten?

Der Pfahl hat wieder einen Menschen aus ihm gemacht, der sich in seiner Rolle als gewiefter Geschäftsmann verloren hatte.

Die Augen, die Tränen. Kaum auszuhalten.

Soll ich beichten gehen, auf den Rat des Beichtvaters hoffen, der eindeutig ausfallen würde? Aufhören. Aufhören mit dem Töten.

Die Rache ist mein. Doch das gilt ausschließlich für Gott und nicht für mich.

Ich werde beichten gehen. Und ich weiß auch zu wem.

*

Das Klavierspiel hatte nur vorübergehend gewirkt. Kaum hatte sich Manuel Marx vom Schemel erhoben, sah er wieder Hietzingers Augen vor sich.

Er musste ein Schlafmittel nehmen und zwar eines von den stärkeren, am besten das Rohypnol, das ihm zuweilen seine Mutter abtrat, die es regelmäßig nahm.

In ihrem Alter, meinte der Arzt, sei das egal.

Nun. So alt war Anita auch wieder nicht. Mit ihren 61 Jahren stand sie noch ihre Frau im Geschäft in der Getreidegasse. Die tapfere Witwe, die den Souvenirladen des Mannes gerettet und weitergeführt hatte, die …

Sollte er mit Mama über seine Probleme reden?

Undenkbar. Sie durfte nichts von seinen Abwegen erfahren.

Aber er wollte … musste sich mit jemandem austauschen. Die Tabletten waren Stütze für diese eine Nacht. Einen Menschen konnten sie nicht ersetzen.

Mal sehen. Die Tablette begann zu wirken. Ein sanfter wärmender Hauch, der sich über seinen Körper legte.

 

Das Medikament wirkte noch, als Manuel Marx sich am Morgen von seinem Bett erhob, vor sich hin summend, die Welt angenehm findend. Nichts und niemand konnte ihm etwas anhaben.

Er verstand seine Mutter, die auf diese Hilfe nicht verzichten wollte, schüttelte aber den Kopf. Nichts für ihn. Keine weitere Sucht neben der Musik und den Einbrüchen, entschied er.

Wie aber sollte er mit dem furchtbaren Geschehen fertig werden? Ganz einfach. Er musste den Fall lösen, herausfinden, wer hinter den drei – nein, mit Hietzinger – vier Pfählungen stand.

Er musste sich mit den bisherigen Opfern auseinandersetzen und überlegen …

Was hieß überlegen? Natürlich hatte er einen Verdacht.

Manuel Marx drückte auf den Latte-Knopf seines Kaffeevollautomaten. Latte mit Sojamilch. Bei Kuhmilch rebellierte sein Magen.

Und was dazu? Toast mit Margarine und Orangenmarmelade waren ideal. Keine Butter.

Schließlich begnügte er sich mit dünn bestrichenem Toastbrot, auf das er Kümmel und etwas Salz streute.

Der Kaffee, der aus der Rösterei in der Chiemseegasse stammte, war köstlich.

Verdächtigte er Marvin Kronlandt, weil er von ihm geträumt hatte? Diesen peinlichen Traum, der ihn gestern geweckt hatte. Oder war mehr dahinter?

Kronlandt hatte sich journalistisch mit Hietzinger auseinandergesetzt. Als Aufdeckungsjournalist für das Salzburger Volksblatt.

Eigentlich hätte Hietzinger Kronlandt töten müssen nach den peinlichen Enthüllungen, die ihn als Toyboy für reiche Witwen entlarvten. Obwohl sein Name nicht genannt worden war, wusste jeder, dass es sich um Hietzinger handeln musste.

Auch der Freitod seiner tschechischen Freundin war erwähnt worden.

Ohne jede weitere Konsequenz. Hietzinger war weiterhin seinen zwielichtigen Geschäften nachgegangen, und Kronlandt … Kronlandt hatte das nicht ertragen können. Er schlug zu. Wie er schon dreimal zuvor zugeschlagen hatte. Er hatte den Mann gepfählt. Eine Todesart, die gut zu einem schwulen Mann passte. Wer sonst kam auf die Idee, jemanden vom After her …

Manuel Marx schüttelte erneut den Kopf. Der Gedanke erregte ihn. Das mussten die Auswirkungen des Rohypnol sein, auf das er künftig verzichten würde.

Welche Wirkungen mochte dieses Zeug auf Mama haben?

Also Marvin Kronlandt, der Rächer, dem das Schreiben als Waffe nicht genügte.

Die Konsequenz dieser Überlegung: Er würde sich in Kronlandts Haus oder Wohnung umsehen, nach Beweisen suchen.

Und das in nicht allzu ferner Zukunft.

Nach dem Besuch des Fitnesscenters in der Sterneckstraße.

 

Wie immer am Vormittag trainierten ausschließlich Frauen an den Geräten, mit federleichten Gewichten, einem Laufband in Mindestgeschwindigkeit, eingehüllt in Wogen schweren Parfüms.

Er versuchte die Urheberinnen dieses Geruchs zu ignorieren, soweit das ging, doch manche ihrer Stimmen trugen so sehr, dass er mitbekam, wer wen betrog, wer sich einer Chemotherapie unterziehen musste und wer …

Nein. Das ging so nicht. Manuel Marx erhob sich von der Latzugmaschine, suchte nach Rudi, dem Trainer und Masseur, fand diesen hinter einem Vorhang, eine Frau massierend und bat ihn, Musik einzuschalten. Und zwar etwas Aufmunterndes.

„Oh, unser Herr Musiker. Mach ich gerne“, lautete die Antwort.

Und tatsächlich: Minuten später klang Walzermusik aus den Lautsprechern. Walzermusik, die sich in ihrer Süßlichkeit mit den Parfüms der Anwesenden und der Schicht an Gerüchen, die eine Stufe darunter lag, zu einem derart unheilschwangeren Gemenge verdichtete, dass Manuel Marx kaum mehr atmen konnte.

Also unterbrach er sein Training und stellte sich an eines der Fenster, öffnete es einen Spalt breit und sog tief die Maienluft in seine Lungen.

Der Duft, der von draußen in das Zimmer strömte, stammte von den Fliedersträuchern vor dem Fitnesscenter und von den vorbeifahrenden Autos. Sogar der Benzingeruch war ihm lieber als die brisante Mischung in der Halle.

Für den Winter war das Center in Ordnung. Was aber veranlasste ihn, hier einen strahlend schönen Frühlingstag zu verbringen? Darauf gab es keine Antwort, also hieß es, die entsprechende Konsequenz zu ziehen und Fitnesscenter Fitnesscenter sein zu lassen.

Er wollte sich im Freien bewegen, aber nicht spazieren gehen, dafür war er zu jung. Joggen wäre das Richtige. Obwohl er nicht die entsprechende Ausrüstung dabei hatte.

Ja, die richtige Kleidung in allen Lebenslagen war ihm wichtig. Markenartikel, die seinen Wert unterstrichen.

Wert, Wert. Worin lag sein Wert?

Als Pianist war er auf dem Weg, eine Marke zu werden.

Es ging nicht darum, nur gut zu sein. Es ging darum, wie man sich präsentierte, wie man sich verkaufte.

Hatte ihm Dolly Weingartner, seine Konzertagentin, klargemacht und ihn zu einem professionellen Fotoshooting geschickt.

Und damit er eine Marke werden konnte, brauchte er ausreichend Geld. Punkt.

Und jetzt würde er ohne die entsprechende Ausrüstung laufen gehen. Schließlich war er angezogen und hatte Schuhe an.

Sein Ziel war der Kapuzinerberg.

 

So durchlüftet, so entspannt hatte sich Manuel Marx schon lange nicht mehr gefühlt, fand er, als er in seinem Badezimmer duschte.

Den Nachmittag wollte er ruhen, sich auf der Terrasse seines Penthouses sonnen. Lesen.

Er hatte sich schon lange nicht mehr gesonnt. Dolly Weingartner fand, dass er weniger auf Naturbursche denn auf Rilke machen sollte. Feinsinnig, intelligent, blass.

Rilke, den dessen Mutter bis zum fünften Lebensjahr in Mädchenkleider gesteckt hatte.

Nein, einen schwulen Manuel Marx würde es nicht geben. Auch, wenn das seinem Künstlerimage den letzten Touch geben würde, wie Dolly hatte anklingen lassen.

Nicht mit ihm.

Und jetzt genoss er die Sonne. Ohne Kleidung, ohne Lektüre.

 

Seine Haut spannte, als er sich, um den Schweiß abzuwaschen, erneut unter die Dusche stellte, in Gedanken schon bei seinem nächsten Projekt, bei der Planung seines Einbruchs in Marvin Kronlandts Haus. Haus, nicht Wohnung, wie er bei der Überprüfung der Adresse herausgefunden hatte. Und dieses Haus, von dem er sich einen Eindruck verschaffen wollte, stand im Villenviertel Aigen im Südosten der Stadt.

 

Von seinem weißen Volvo S60 Cross Country aus beobachtete Marx das moderne Wohnhaus hinter der Villa in dem parkähnlichen Garten.

Kronlandt hatte im Garten seiner Eltern gebaut und …

Ja und bewegte sich soeben durch den Park zum Elternhaus. Vermutlich zum Abendessen.

Eine gute Gelegenheit, sich einen Eindruck zu verschaffen, sich in dem gesichtslosen Neubau umzusehen. Herauszufinden, ob Marvin Kronlandt der Serientäter war, der Menschen pfählte.

In dem Moment, als Marx das dachte, kam ihm der Verdacht lächerlich vor. Warum sollte Kronlandt das tun?

Andererseits … Er gab sich journalistisch als Rächer. Und er hatte ihm gedroht. Hatte gedroht, sein Geheimnis zu verraten.

Kurzum. Er musste etwas suchen, mit dem er seinerseits Kronlandt in der Hand hatte.

Kein Hund, keine Alarmanlage, ein simples Zylinderschloss, das er in nicht einmal einer Minute öffnete.

Die Vorhalle, ein Treppenhaus, das bis in die Mansarden im zweiten Geschoss des Hauses reichte, das von innen weitaus geräumiger wirkte.

Durchaus nicht unsympathisch, in sanften Cremetönen gestrichen, mit großflächigen Acrylbildern, die männliche Akte zeigten.

Kronlandt machte kein Hehl aus seinen Vorlieben.