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Der Zickenkampf um die Rolle der Buhlschaft im Theaterstück Jedermann bei den Salzburger Festspielen endet tödlich für Angelina, die Tochter des Chemieindustriellen Gotthard Samson. Ein unbekannter Täter schießt ihr in die Stirn. Kronlandt und Marx übernehmen den Fall im Auftrag des Vaters. Ihre Ermittlungen konzentrieren sich auf das Umfeld von Anna Lemberger, der neuen Buhlschaft. Sie verdächtigen zunächst den Darsteller des Jedermann und den Regisseur des Stückes, die junge Frau ermordet zu haben, täuschen sich jedoch. Der Täter scheint mit ihnen zu spielen und zieht die beiden Freunde in einen Mahlstrom der Ereignisse, in dem schließlich Marvin Kronlandt unterzugehen droht. Der junge Mann landet nach einem Schussattentat im Krankenhaus. Manuel Marx, sein Partner und Geliebter, steht ihm zur Seite, die Freundschaft und die körperliche Anziehung zwischen den beiden Männern steigert sich zu einem Höhepunkt. Doch können sie den gefährlichen Mörder, der alle Tricks des Theaters beherrscht, zu Fall bringen?
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Klaus Hindemith
MÖRDERSPIEL IN SALZBURG
Kronlandt & Marx: Der zweite FallGay Romantic Suspense
Von Klaus Hindemith bisher erschienen:
Mörderisches Glockenspiel, ISBN 978-3-86361-662-5
Auch als E-book
Himmelstürmer Verlag, part of Production House, Hamburg
www.himmelstuermer.de
E-Mail: [email protected]
Originalausgabe, April 2018
© Production House GmbH
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages.
Zuwiderhandeln wird strafrechtlich verfolgt
Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage
Coverfoto: fotolia.com, shutterstock.com
Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de
E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH
ISBN print 978-3-86361-699-1
ISBN e-pub 978-3-86361-700-4
ISBN pdf 978-3-86361-701-1
Geld ist nicht so wie andre War,
Ist ein verflucht und zaubrisch Wesen.
Wer seine Hand ausreckt darnach,
Nimmt an der Seele Schaden und Schmach,
Davon er nimmer wird genesen.
Des Satans Fangnetz in der Welt
Hat keinen andern Nam als Geld.
„Du bist dir sicher, dass deine Jedermann-Vertonung viel Geld einbringt“, stellte Marvin Kronlandt in leicht fragendem Ton fest.
„Leider nicht“, antwortete Manuel Marx. „Bisher hat sie nur Kosten verursacht. Ich muss überlegen, ob ich …“
„Nein. Das lässt du bleiben. Wenn du mit den Einbrüchen weitermachst, verlasse ich dich.“
Manuel Marx, der Ältere der beiden Freunde, nickte mehrmals stumm, dann sagte er: „Natürlich will ich dich nicht verlieren.“
„Das heißt?“, fragte Marvin Kronlandt mit einem Lächeln auf den blassen Lippen.
„Das heißt, dass ich mich natürlich nicht mehr am Eigentum anderer Leute vergreifen werde, dass ich …“
„Danke“, unterbrach ihn Marvin und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Wir werden das schaffen.“
„Es ist ein bisschen viel auf einmal.“
„Schritt für Schritt.“
„Das sagst du immer.“
„Und sind wir bisher schlecht damit gefahren?“
„Nein, im Gegenteil. Aber du musst bei mir bleiben.“
„Natürlich.“
„Wie kommst du voran?“
„Du meinst mit dem glasierten Kalbsbries?“
„Nein, das meine ich nicht. Das sehe ich ja“, zeigte sich Manuel, der mit seinem Freund am Küchenherd stand, störrisch.
„Es wird aber köstlich. Ich hol die Trüffel aus dem Kühlschrank.“
„Und den Wein. Bitte.“
„Welchen möchtest du?“
„Der Weinkenner bist du.“
„Ich empfehle den Neuburger. Er drängt sich nicht vor, will nicht mit den Speisen konkurrieren.“
„Und wie kommst du voran?“, wiederholte Manuel seine Frage von vorhin.
„Im Fall der Buhlschaft?“
„Nein, das meine ich auch nicht.“
„Ah, du denkst an den Wechsel zu einer anderen Zeitung.“
„Ich denke an deine Zukunft.“
„Klingt gut.“
„Wie wär’s mit einer Antwort auf meine Frage?“
„Nach dem Essen.“
„Oh je.“
Die beiden Männer genossen die Speisen und den Wein in der Küche von Manuels Wohnung, dann begaben sie sich auf die Dachterrasse mit dem Blick auf die Festung Hohensalzburg.
Es war noch hell an diesem Samstag Anfang Juli, aber etwas kühl.
Marvin Kronlandt, der dunkelhaarige 29-jährige Journalist, wandte sich an seinen blonden Freund: „Wir müssen Geduld haben. Das Leben lässt sich nicht von einem Tag auf den anderen verändern. Es kann Komplikationen geben. Wir kennen das Ziel.“
„So, kennen wir das?“
„Mein Ziel hat bisher gelautet, das Volksblatt zu verlassen, bei einer anderen Zeitung anzufangen.“
„Aber hier in Salzburg. Das hast du mir versprochen.“
„Oder in München. Das wäre nicht aus der Welt.“
„Oh doch. Zwei Stunden Fahrzeit. In einer Richtung.“
„Es wird ohnehin nicht dazu kommen“, erklärte Marvin in so ernstem Ton, dass Manuel erschrocken von seinem Weinglas aufblickte. „Vater zieht sich von der Zeitung zurück. Ich soll übernehmen.“
„Das klingt ja ganz und gar nicht schlecht.“
„Ist es aber. Er wird sterben, wenn er kein neues Herz bekommt. Und das will er sich teuer erkaufen. In einer Privatklinik und …“
„Sein gutes Recht.“
„Es geht an die Substanz der Zeitung. Einsparungen … die ich vornehmen soll.“
„Also lehnst du ab.“
„Ich weiß noch nicht. Und du?“
„Ich hab alles in dieses Projekt investiert. Wenn die CD nicht gekauft wird, bin ich auch die Wohnung los.“
„Sie wird ein Erfolg.“
„Ich weiß nicht.“
„Wir werden sehen.“
„Zur Not habe ich noch die Badehütte am Irrsee.“
„Ah ja.“
„Und was den Fall der Buhlschaft betrifft …“
„Den besprechen wir im Schlafzimmer, so lange wir es noch haben.“
„Ist dir schon aufgefallen, dass Hofmannsthal den Figuren keine Namen gibt?“, fragte Marvin und knöpfte Manuel, der auf dem Rand des Grand Lit Bettes saß, das Hemd vom Hals her auf.
„Natürlich. Ich hab mich ja intensiv mit dem Jedermann beschäftigt.“
„Ist Jedermann schwul?“, fragte Marvin und streichelte Manuels linke Brustwarze mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand.
„Wie kommst du darauf?“
„Ich habe gehört, Hofmannsthal war es.“
„Das vermute auch ich. Immerhin war er mit Stefan George befreundet.“
„Die beiden zerstritten sich.“
„Sie waren wie wir …“
„Du hast Angst, dass unsere Beziehung im Streit endet?“
„Zwischen ihnen bestand wie bei uns ein Altersunterschied von …“
„Ja, da hätten wir schon den Streit. Du machst mich auf mein fortgeschrittenes Alter aufmerksam.“
„Ich bin 29, du 34. Wir befinden uns beide in der Blüte unseres Lebens.“
„Das hast du schön gesagt.“
„Zurück zum Jedermann.“
„Hofmannsthal wollte Goethes Faust imitieren. Der wird ja auch am Ende erlöst“, erklärte Manuel, während er sich den Knöpfen an Marvins Hose zuwandte. „Du magst keine Reißverschlüsse?“, fragte er.
„Die schaff ich mir in höherem Alter an. Wenn’s schnell gehen muss. Mein Vater …“
„Ich denke, sein Leben hat Vorrang. Es ist wichtiger als die Zeitung, als … Er hat sie ja selbst geschaffen.“
„So einfach sehe ich es nicht. Bei Vater geht es nur um ihn, bei der Zeitung um das Schicksal vieler Mitarbeiter. Aber …“
„Zurück zum Jedermann. Hofmannsthals Vorlage war eine der mittelalterlichen Moralitäten. Religiös erbauliche Stücke, in denen abstrakte Begriffe wie Glaube, Liebe, Hass als Personen auf die Bühne treten.“
„Die personifizierte Liebe“ flüsterte Marvin, der Manuels Reißverschluss öffnete.
„Und der Jedermann, der für jeden Mann steht und die Buhlschaft …“
„… die in deiner Vertonung hoffentlich ein Mann ist.“
„Nein. Aber ein interessanter Gedanke.“
„Nicht wahr?“
„Darf ich dein Buhle sein?“
„Sie verlässt Jedermann im entscheidenden Moment.“
„Ich gelobe, das nicht zu tun. Außer du setzt deine Einbrüche fort.“
„Um Christi Willen, was ficht dich an,
Mein Buhle traut, mein lieber Mann,
Ich bin bei dir, sieh doch auf mich,
Dein bin ich heut und ewiglich“, zitierte Manuel Hofmannsthals Text, während sich Marvin Kronlandt an ihn schmiegte und die Augen schloss.
„Also, von einer Buhlschaft erwarte ich mir mehr als das“, beklagte sich Manuel. „Fehlt nicht mehr viel und du schläfst ein.“
„Keine Angst. Du legst dich hin und harrst der Dinge, die dein Buhle für dich bereithält.“
„Also, irgendwie ist mir das …“
„Pst. Soll ich für dich tanzen? Zu deiner Musik?“
„Von der CD gibt es erst eine Probepressung.“
„Und die befindet sich wo?“
„Auf dem Klavier.“
Marvin verschwand für einen kurzen Moment aus dem Schlafzimmer, wobei er sich übermütig in den Hüften wiegte. Kurze Zeit danach erklang die Ouvertüre zu der Vertonung des Jedermann durch die offene Tür, die Marvin auch nicht schloss, als er zu tanzen begann.
Zu Manuels Erleichterung verzichtete er auf weibliche Gesten und Bewegungen. Schließlich hatte er sich vor wenigen Monaten erst für Männer – was hieß Männer – für den einen Mann seines Lebens entschieden und bewunderte die athletische Gestalt seines Freundes, dessen kohlrabenschwarzes Schamhaar, aus dem ein beschnittener Penis ragte.
Ja, ragte. Marvin war erregt und steckte Manuel damit an.
„Seltsam“, scherzte er. „Was Männern nur an Frauen gefällt? Die süßen Parfüms, die Dessous? Alles ziemlich lächerlich.“
„Es geht um das andere, das Fremde“, stellte Marvin fest. „Wenn wir beisammen sind, bin ich zu Hause, ist mir alles vertraut, nichts fremd.“
Dabei streckte er im Takt zur Musik die Hände in die Höhe und sprang mit dem letzten Trommelschlag der Ouvertüre auf das breite Bett, kniete nieder und begann mit der Zungenspitze Manuels Bauch zu liebkosen, der nach dessen Honigseife roch und leicht süß schmeckte.
„So gefiele der Jedermann auch Frederick Ferner“, bemerkte er.
„Wie? Was?“, zeigte sich Marvin erstaunt.
„Du kennst doch …“
„Natürlich. Aber warum fällt er dir jetzt ein?“
„Er ist schwul.“
„Ich weiß.“
„Und er spricht die Rolle Gottes auf der CD.“
„Wie auch auf dem Domplatz.“
„Ja. Und jetzt vergessen wir ihn.“
„Gott?“
„Ferner und Gott. Oh“, rief Manuel, als Marvin sein Glied in den Mund nahm und mit Zunge und Lippen daran spielte, minutenlang.
Stundenlang, wie es Manuel schien, der sich schließlich dem Freund entzog, um das Spiel nicht zu früh enden zu lassen.
„Jedermann, jedermann“, flüsterte ihm nun Marvin ins Ohr. „Ich möchte dich in mir.“
„Aber …“
„Kein Aber.“
„Ich will das nicht, weil es nicht gegenseitig ist. Ich bin noch nicht so weit.“
„Das geht in Ordnung. Ich fick dich nicht.“
„Achte auf deine Sprache, Buhle!“, mahnte Manuel.
„Leg los!“, forderte Marvin den Freund auf und legte sich neben ihn.
„Warte einen Augenblick, ich …“
„Ein Kondom ist nicht mehr nötig. Du kennst die Bestätigung meines Arztes.“
„Ja, die kenne ich. Und auch ich war beim Spanring.“
„Spanring?“
„Mein Hausarzt. Er hat mich als frei von jeder Seuche und Krankheit erklärt. Schriftlich.“
„Ich muss das nicht sehen.“
„Mir ist es aber wichtig.“
„Gut. Und danke.“
„Das ist ja selbstverständlich.“
„Und jetzt bleiben wir einander treu.“
„Das ist ja …“
„Ich weiß. Natürlich.“
Nachdem Marvin Manuels Arztbrief studiert und mehrmals genickt hatte, forderte er den Freund auf, endlich … endlich weiterzumachen.
Manuel kniete vor seinem schönen Freund und schob sich zwischen die Beine des auf dem Rücken Liegenden, begann dessen empfindliche Haut unter den Hoden zu streicheln, strich über den Eingang zu Marvins Körper, umkreiste diesen mit seinen Fingerspitzen, bis Marvin laut aufstöhnte.
„Komm endlich!“, bat Marvin den Freund und genoss das kühle Gleitgel, das zart nach Zitronen und Limetten roch, an empfindlicher Stelle. „Das ist neu“, sagte er noch.
„Für dich gefunden. Es passt zu deinem Geruch.“
Nun bestrich Manuel auch sich mit der Flüssigkeit und schob sich zwei, drei Millimeter in den Freund, dessen graue Augen sich weiteten, dessen Mund sich leicht öffnete. Manuel beobachtete Marvins Gesicht, seine veränderte Atmung, dann küsste er ihn und zog sich zurück.
„Ich arbeite daran, dass auch du mich eines Tages nehmen kannst“, erklärte er dem Freund.
„Das ist nicht so wichtig“, erwiderte dieser. „Das kann warten.“
„Nicht zu lange. Du bekommst mich spätestens in der Hochzeitsnacht. Wenn du willst.“
„Das heißt, wir müssen uns beeilen …“
„Mit der Verpartnerung.“
„Heißt das, dass du jetzt nicht weitermachst, bevor ich …“
„Nein. So gemein bin ich nicht.“
„Also?“
„Wann?“
„Nach dem 26. Juli. Dem Tag, an dem meine CD vorgestellt wird.“
„Ein Freitag.“
„Am Montag danach.“
„Ja. Ich werde ein Gleitmittel mit Honigduft besorgen.“
„Wenn es das gibt.“
„Ich kenne einen schwulen Imker.“
„Danke“, sagte Manuel Marx, küsste Marvin auf den Mund und glitt tief in dessen Körper.
„Du tust mir gut. So wohl gefühlt habe ich mich lange nicht mehr“, schwärmte Marvin bei Wein und lactosefreiem Käse in der Küche von Manuels Wohnung, die sie nun teilten.
Lactosefrei, weil Manuel gegen Milch allergisch war.
„Ich bin glücklich“ schloss sich Manuel seinem Freund an. „Absolut glücklich. Und der Cheddar harmoniert perfekt mit dem Wein.“
„Von einem Genuss zum nächsten.“
„Bist du bereit, über die Buhlschaft zu reden?“
„Unser neuer Fall.“
„Vater hat mich gebeten, der Sache nachzugehen. Wir berichten noch nicht darüber.“
„Eine Morddrohung also gegen Angelina Samson, das reiche, schöne, dumme Mädchen.“
„Sie ist so dumm nicht. Ein raffiniertes, verwöhntes Geschöpf.“
„Was ist dran an der Sache?“
„Es handelt sich vermutlich um keinen Publicity-Gag, sonst hätte sie den Brief an die Medien weitergegeben.“
„Aber das Volksblatt weiß davon.“
„Papa. Er kennt den Vater Angelinas.“
„Eine eingeschworene Sippschaft, die Reichen in Salzburg.“
„Wir gehören dazu.“
„Hoffentlich noch lange.“
„Das wird schon werden. Und Papa meint, wir hätten den Fall um den Pfähler so grandios geklärt[1], also sollten wir uns der Buhlschaft annehmen.“
„Er hofft, dich mit ihr auf den so genannten richtigen Weg zurückzubringen.“
„Auf dem ich mich nie befunden habe“, konterte Marvin lächelnd.
„Hat sie keinen Freund?“
„Sie ist sehr umtriebig.“
„Oh.“
„Jedenfalls enthält der Brief eine massive Drohung. Ich kann dir ein Bild davon zeigen.“
Marvin schob sein Smartphone über die Tischplatte und Manuel betrachtete eingehend das Foto, das ein offenbar mit Schreibmaschine beschriebenes Blatt Papier zeigte.
„Nicht auf der Höhe der Technik“, bemerkte er.
„Schaut nur so aus. Eine Computerschrift, die Schreibmaschine vortäuschen soll.“
„Ah.“
„Ja. Ohne Fingerabdrücke, außer denen der Mutter und der Tochter. Sie drohen ihr mit Säure.“
„Gegen ihre hübsche, nichtssagende Larve.“
„Du magst sie auch nicht?“
„Ein Zitat aus dem Brief.“
„Entschuldige. Ich bin noch etwas abgehoben, nach unserem … unserem Beisammensein.“
„Alles klar.“
„Was schlägst du vor?“
„Gemeinsames Gespräch mit Angelina Samson. Termin morgen Vormittag in der Villa am Fuschlsee. Nachmittag hat sie Probe für den Jedermann.“
„Da hätte sie doch etwas früher nach Salzburg kommen können und wir hätten uns die Fahrt zum See erspart.“
„Es ist schön morgen, wir können schwimmen gehen. Und ich wollte die Damen in ihrem Haus kennenlernen.“
„Haben sie das nicht gemietet?“
„Gotthard Samson besitzt eine Villa am Fuschlsee.“
„Das ist doch …“
„Der uralte, widerwärtige, absolut …“
„Gotthard Samson. Inhaber des Chemiekonzerns gleichen Namens in der Schweiz.“
„Schweiz und Gotthard.“
„Chemiekonzern und Säureattentat.“
„Die Drohung könnte sich eigentlich gegen den Vater richten.“
„Das könnte für uns eine Nummer zu groß werden“, wandte Manuel ein.
„Wir werden mit Helge Amelung zusammenarbeiten. Inoffiziell.“
„Chefinspektor Helge Amelung. Nun Leiter der Mordkommission“, ließ sich Manuel die Worte auf der Zunge zergehen.
„Hast du etwas dagegen?“
„Ich werde euch im Auge behalten. Und jetzt?“
„Jetzt gehen wir in dein Musikzimmer und du spielst mir die Stelle aus deiner Vertonung vor, an der die Buhlschaft Jedermann küsst.“
Manuel Marx öffnete den Flügel, ließ seine Finger improvisierend über die Tasten gleiten, räusperte sich und sang:
„Das sind die lieben Arme dein,
In diese sehn ich mich hinein.“
„Das wird ein Erfolg. Ein großer Erfolg“, zeigte sich Marvin begeistert und massierte die Schultern und den Rücken seines Freundes, während dieser weiterspielte.
Schon um halb sieben am Morgen verließen Manuel und Marvin die Tiefgarage des Apartmentgebäudes an der Salzach in Manuels weißem Volvo S60 Cross Country. Sie wollten an diesem makellosen Sommertag in Schloss Fuschl frühstücken und den See erkunden, den sie schon lange nicht mehr besucht hatten.
Umso mehr freute es Manuel, vom Parkplatz des Schlosshotels auf die glitzernde Wasserfläche zu schauen, auf der sich der blaue Himmel spiegelte.
Für die Terrasse war es so früh am Morgen noch zu frisch, also nahmen sie im Frühstücksraum Platz, dessen große Fenster ebenfalls einen ungehinderten Blick auf den See boten.
Es roch nach frischem Gebäck, nach Kaffee und Gebratenem, nach dem Manuel verlangte, während Marvin sich mit allerlei Früchten und Schlagsahne begnügte.
Manuel genoss seine Würstchen, die lockere Eierspeise mit den krossen Speckstreifen und dem Hauch an gehobelten weißen Trüffeln, die das kulinarische Meisterstück krönten.
Manuel dachte einen Moment daran, seine Karriere als Meisterdieb wieder aufzunehmen, um die Fortsetzung seines Luxuslebens zu gewährleisten, dann schaute er dem Freund in die grauen Augen und schüttelte leicht den Kopf.
Einen Teufel würde er. Er wollte Marvin nicht verlieren. Auf alles andere konnte er verzichten.
Pünktlich um zehn standen sie vor der im Stil der Renaissance erbauten Villa der Samsons.
Die Tür zum Haus, das sie durch einen gepflegten, blühenden Garten erreichten, stand offen, von innen drangen aufgeregte weibliche Stimmen ins Freie.
Manuel suchte nach einem Klingelzug, fand dann jedoch eine optisch wenig überzeugende Gegensprechanlage und drückte deren Knopf, worauf ein verlegen lächelnder Mann im dunklen Anzug auf das offene Tor zueilte.
„Die Damen sind etwas aufgeregt“, entschuldigte er sich. „Herzlich willkommen am Fuschlsee. Ich bin Albert, der Mann für alles und werde mich um Ihr Wohlergehen kümmern.“
Manuel und Marvin stellten sich dem Mann ebenfalls vor und folgten ihm in das mit spiegelndem weißem Marmor ausgelegte Vestibül.
Wo das Geld zu Hause ist, überlegte Manuel, als ihn der kreischende Schrei einer Frau, der sich nach Wildkatze anhörte, aus seinen Gedanken riss.
„Ich kann so nicht spielen. Ich werde keine ruhige Minute haben in dieser schrecklichen Stadt“, tönte ihnen die aufgeregte Stimme einer Frau entgegen.
„Du beruhigst dich jetzt. Und zwar sofort. Ich mag keine hysterischen Weiber“, entgegnete eine ruhigere, etwas tiefere, ebenfalls weibliche Stimme. „Deswegen erwarten wir ja die Herren.“
„Man will meine Schönheit, man will mich zerstören.“
„Jaja. Und am Sonntag geht die Welt unter.“
„Du nimmst mich nicht ernst“, kreischte die jüngere Stimme, die aber verstummte, als der Butler Marvins und Manuels Ankunft meldete.
Kurz darauf kam ihnen eine elegante Frau entgegen, die Manuel auf Mitte vierzig schätzte.
Ihr schwarzes Kleid harmonierte mit dem glänzend dunklen Haar und der beinahe weißen Haut.
Schneewittchen, dachte Manuel und war auf die Tochter gespannt, die auf den Fotos in den Zeitungen so ganz anders als die Mutter ausgesehen hatte.
Das also war Martina Samson. So schön, so normal, so ruhig, trotz der Aufregung im Haus, die vermutlich von der Tochter kam. Der Buhlschaft, die ihre Rolle im Jedermann dem Reichtum ihres Vaters zu verdanken hatte. Angelina Samson, für die eine andere auf ihre Rolle verzichten musste, wie der Klatschpresse zu entnehmen war, mit der Manuel vierzehntägig bei seinen Friseurbesuchen konfrontiert wurde.
„Folgen Sie mir bitte in das Seezimmer!“, lud die Frau Manuel und Marvin ein. „Angel wird zu uns stoßen, wenn sie sich etwas gefasst hat. Sie hatte, kurz bevor Sie kamen, ein schreckliches Erlebnis. Schrecklich für sie. Ziemlich merkwürdig für mich.“
Manuel und Marvin nahmen Platz in den Lederstühlen, die vor einem Intarsientisch standen, auf den der Butler Kaffeetassen stellte.
„Sie trinken doch Kaffee?“, erkundigte sie sich noch.
Der Mann füllte die Tassen mit fast schwarzem Kaffee und servierte frische Petits fours.
Mein Gott, wie nobel, dachte Manuel und beschloss, anschließend in den See zu springen, um wieder richtig atmen zu können. Das Haus und seine Atmosphäre engten den freiheitsliebenden Mann ein.
Aber schon der Auftritt der jungen, blonden Furie mit dem zerzausten Haar und den vor Energie leuchtenden Augen brachten frische Luft in den Raum.
Angelina Samson. Eine Erscheinung, ein Ereignis. Also, wenn er sich nicht vor kurzem entschieden hätte, schwul zu sein, würde er nun reagieren.
Als Manuel dennoch reagierte und den Blick verwirrt senkte, musste sich Marvin, der dies bemerkte, sehr beherrschen, um nicht loszulachen.
Also, diese Buhlschaft war auch für ihn nicht ohne Reiz.
Ihr Oberkörper schien den Pulli zu sprengen, die Hüften erinnerten in ihrer Form an ein wohltönendes Musikinstrument, der Mund …
„Sie müssen mir helfen“, klang nun die Stimme der etwa Zwanzigjährigen nun schon viel ruhiger als vorhin. „Man hat mein Auto verätzt, irgendeine Säure auf das Dach geschüttet. Genau, wie man es mir – meinem Gesicht – angedroht hat.“
„Sie zeigen uns das“, schlug Marvin Kronlandt, scheinbar unbeirrt vom Auftritt der begabten Schauspielerin, vor.
„Ich lasse mir keine Befehle erteilen. Von Männern schon gar nicht.“
„Dann können wir Sie nicht beschützen“, kam Marvins kühle Antwort. „Der Auftrag Ihres Vaters hat sich somit erledigt.“
Manuel hoffte, dass dies nicht zutraf, denn sie hatten bereits einen großzügigen Vorschuss erhalten und wollten das Geld für die Feier der Verpartnerung verwenden. Dennoch nickte er zustimmend.
Die Mutter führte sie in die Garage.
„So jung und so energisch“, bewunderte Martina Samson Marvin.
„Ihre Tochter?“, fragte dieser.
„Sie, Herr Kronlandt. Und Angelina ist nur meine Stieftochter. Nicht zu ertragen, das Weibsstück. Wobei hinter dem Theater auch viel Nervosität steckt. Der Premierentermin rückt näher.“
„Jedermann“, sagte Manuel.
„Samstag, 20. Juli.“
„In fast zwei Wochen.“
Dann standen sie vor dem roten Jaguar F-Type Cabriolet, dessen Verdeck schwarze Flecken aufwies.
„Mehrlagiges Stoffverdeck aus schalldämmendem Verbundgewebe“, stellte Marvin fest.
„Konzentrierte Schwefelsäure“, fügte Manuel hinzu. „Die Verkohlungen stammen von der Schwefelsäure.“
„So schwierig es wird“, fuhr Marvin fort, „wir müssen mit der Tochter – der Stieftochter – über die früheren Drohungen reden.“
„Das übernehme ich“, erbot sich Manuel. „Ich denke, ich habe einen besseren Zugang zu ihr. Ich mag wilde Mädchen.“
„Viel Glück“, wünschte ihm Martina Samson, während Marvin seinem Freund, der in die Villa zurückkehrte, lange nachsah. Als ob er um Manuels Leben fürchtete.
„Toller Wagen“, sagte er, als er Angelina im Seezimmer aufstöberte, wo sie rasch einen Muffin in ihren leuchtend roten Mund schob.
„Ich sollte nicht“, entschuldigte sie sich. „Die Kostüme sind fertig und maßgeschneidert.“
„Essen beruhigt die Nerven“, meinte Manuel. „Außerdem sind Ihre Maße perfekt.“
„So, meinen Sie“, kam die Antwort und Angelina räkelte sich wie eine Katze im Sonnenschein.
Oder eine Anakonda, bevor sie die Beute verschlang.
„Der Wagen ist versichert und um Sie kümmern wir uns“, fuhr Manuel fort und versuchte seinerseits die junge Frau zu verunsichern, indem er sich vorstellte, wie sie unter dem Pulli und dem engen Rock aussah. Wieder war er erregt, denn die Bilder seiner Fantasie waren nicht ohne. Durchaus nicht ohne. In seinen Vorstellungen war Angelina, wie es sich für den Namen, die Engelhafte, gehörte, eine echte Blondine. Er mochte auch ihren Duft, der an blühende Orangenbäume erinnerte und ihn leicht benebelte.
Sie schien ähnlich über ihn zu denken, denn ihr Blick blieb immer wieder an einem Punkt seines Körpers hängen, von dem sie sich schwer lösen konnte.
Sobald er dieses Haus verlassen hatte, musste er sich abreagieren. Ob mit oder ohne Marvin war ihm im Moment egal.
Angelina Samson griff nach einem länglichen Stück Gebäck, an dem sie gedankenlos mit ihren Lippen spielte, schließlich gewahr wurde, was sie tat, gekonnt errötete und die Süßspeise in ihrem Mund verschwinden ließ.
Manuel Marx befeuchtete seine Oberlippe mit der Zunge und steckte die rechte Hand in seine Hosentasche.
„Haben Sie eine Ahnung, wer Sie bedrohen könnte?“, fragte er mit belegter Stimme.
„Eindeutig. Es kann nur sie dahinterstecken.“
„Eine Frau.“
„Ja. Eifersucht, Wut, Zorn, Hass“, zischte Angelina und ihre Augen blitzten.
Blaue Augen, stellte Manuel fest. Ein bisschen zu blau. Wahrscheinlich Kontaktlinsen, obwohl sonst alles echt war an ihr.
Wie schön musste ihre leibliche Mutter sein oder gewesen sein!
Beinahe hätte er die Anschuldigung Angelina Samsons gegen eine andere Schauspielerin überhört. Angelina verdächtigte Anna Lemberger, aus Rache gegen sie zu intrigieren.
„Aus Rache wofür?“, erkundigte sich Manuel und füllte eine Tasse mit dem kalt gewordenen Kaffee.
Nun spielte Manuel mit seiner Zunge am glatten Rand der Tasse, der leicht nach Zucker schmeckte, beobachtet von Angelina Samson, die ein sanftes Stöhnen von sich gab.
„Anna sollte die Buhlschaft spielen.“
„Und gab die Rolle an Sie ab?“
„Musste. Papa hätte sonst seine Zusage zurückgenommen.“
„Geld?“
„Er sponsert den Jedermann. Außerdem bin ich viel besser als sie.“
„Kann ich mir vorstellen.“
„Sie kommen doch zur Premiere?“
„Das wäre interessant. Wenn ich noch Karten …“
„Sie bekommen eine von mir.“
„Zwei?“, fragte Manuel. „Eine für meinen Kompagnon.“
„Muss das sein?“
„Es wäre schön.“
„Ich mag ihn nicht.“
„Und ich lade Sie zu meiner Premiere ein, zur Vorstellung meiner CD.“
„Oh, Sie sind Sänger?“
„Klavierspieler. Jedermann. Vertont. Mit Frederick Ferner als die Stimme Gottes.“
„Schade, dass ich nicht singen kann.“
„Wirklich schade. Ich hätte Sie ansonsten die Buhlschaft singen lassen.“
„Wann ist das?“
„Am Freitag danach.“
„Schade, da spielen wir.“
„Am Vormittag.“
„Wunderbar. Ich komme.“
„Und Sie haben eine Drohung erhalten“, kehrte Manuel zum eigentlichen Thema zurück.
„Einen gemeinen Brief.“
„Den Sie mir zeigen?“
„Nein, kann ich nicht. Dad hat ihn im Tresor und er enthält eine sehr peinliche Anschuldigung gegen mich.“
„Ah ja. Und die Drohung?“
„Man will mir das Gesicht verätzen“, sagte die makellos schöne junge Frau und berührte sanft mit den Fingerspitzen ihre Wangen und die Stirn.
„Wenn Sie was nicht tun?“
„Wieso? Was sollte ich nicht tun?“
„Drohbriefe“, zeigte sich Manuel unendlich geduldig, „drohen meist und sie fordern etwas. Ansonsten würde man den Anschlag sofort vornehmen.“
„Sie haben Recht, Herr Marx. Man will, dass ich die Buhlschaft nicht spiele, dass ich meinen Rücktritt von der Rolle bis nächsten Freitag bekanntgebe.“
„Wäre schade. Ich denke, Sie sind perfekt geeignet.“
„Ich werde keinen Millimeter weichen.“
„Nun, ich muss jetzt etwas gestehen. Ich kenne den an Sie gesandten Brief. Ihr Vater überließ ihn meinem Kollegen und …“
„Das will … das wollte ich nicht. So kommt das an die Öffentlichkeit … und ich …“
„Wir geben nichts an die Öffentlichkeit.“
„Ihr Kollege ist Journalist.“
„Er hat Charakter.“
„Das bezweifle ich.“
„Jedenfalls kenne ich den Brief“, zeigte sich Manuel nun leicht verärgert, als er das Dokument auf seinem Smartphone abrief.
„Sie verkünden öffentlich bis Freitag, 12. Juli, 12 Uhr Mittag, dass Sie nicht die Buhlschaft spielen werden, ansonsten verätzen wir Ihre hübsche, nichtssagende Larve und verbreiten den Film. Wir brauchen keine Hure auf dem Domplatz.
Jedermann“
Die Tränen Angelinas waren echt, gekünstelt wirkten ihre Bemühungen, sie mit einem Papiertaschentuch wegzutupfen, bevor sie das perfekte Make-up beeinträchtigen konnten.
Manuel streichelte Angelinas um das Tuch verkrampfte rechte Hand und stellte mit sanfter Stimme fest: „Wohl ein Film, den Sie in jugendlicher Leichtgläubigkeit gedreht haben.“
Angelina Samson nickte, während Tränen aus ihren Augen quollen.
„Ein Film, den niemand sehen darf“, fuhr Manuel fort.
„Das lässt sich nicht mehr verhindern“, schluchzte Angelina. „Aber keiner weiß, dass ich das bin. Bis jetzt. Mein Deckname ist Larissa Cut.“
„Deckname? Cut?“
„Mein Gott, ich rede mich um Kopf und Kragen“, lächelte nun die schöne Schauspielerin kokett. „Schauen Sie sich das ja nicht an!“, warnte sie noch Manuel.
Sie wollte, dachte Manuel, dass er sie in Aktion in einem Sexfilm sah, war eigentlich stolz auf ihre Arbeit als Pornodarstellerin, wollte aber zugleich ihre seriöse Karriere als Schauspielerin nicht zerstören.
Dabei gab es in den USA mehrere ehemalige Pornostars, die es trotzdem geschafft hatten. Frauen und heterosexuelle Männer. Schwule Pornos wurden nicht verziehen.
Dann fragte er sich, ob er den Film wirklich sehen wollte und beantwortete seine Frage mit einem uneingeschränkten Ja. Er musste ihn sehen, um im Fall voranzukommen. Und weil … weil ihn die Frau interessierte.
Und mit Marvin musste er das weitere Vorgehen diskutieren, noch bevor sie dieses Haus verließen.
Er entschuldigte sich daher bei der Schauspielerin, fand Marvin im Gespräch mit Angelinas Stiefmutter und zog sich mit ihm in die Bibliothek zurück, die der Industrielle wohl per Laufmeter gekauft hatte. Nach Größe und Farben der Rücken sortierte Bücher säumten drei der Wände.
Die beiden Männer stellten sich an die vierte Wand, von der aus sie durch das Fenster ins Freie blicken konnten.
Der See leuchtete und glitzerte verführerisch.
„Wir springen nachher hinein“, vertröstete ihn Marvin. „Was hast du herausgefunden?“
„Ich denke über den Inhalt des Erpresserbriefs nach.“
„Dafür hätten wir nicht hierherkommen müssen. Sie gefällt dir wohl sehr.“
„Du kannst dich ja überzeugen“, flüsterte Manuel und führte Marvins rechte Hand in seine linke Hosentasche.
„Da tut sich allerhand“, stellte dieser fest und wollte Manuel streicheln, doch dieser entfernte die Hand des Freundes.
„Zurück zum Thema“, mahnte er ihn.
„Der Schreiber des Erpresserbriefs ist mit ihr per Sie, kennt sich einigermaßen gut mit Computern aus, kennt den Jedermann, gibt sich einen Anstrich von Moral und will nicht, dass Angelina Samson die Buhlschaft spielt.“
„Du versuchst dich als Sherlock Holmes. Soll ich dein Watson sein?“
„Es wäre schön, würdest du fragen, wie ich auf all das gekommen bin.“
„Das meiste ist klar. Dass er sie gut kennt, leitest du von dem Umstand ab, dass er sie in einem Pornofilm erkannt hat. Dass er etwas vom Umgang mit Computern versteht, erkennst du an der nachgeahmten Schreibmaschinschrift.“
„Spielverderber.“
„Entschuldige.“
„Ich denke, wir müssen ihr und den Eltern vorschlagen, sie auf Schritt und Tritt überwachen zu lassen. Der Anschlag auf ihren Wagen beunruhigt mich.“
„Und das möchtest du übernehmen.“
„Eifersüchtig?“
„Ja.“
„Nein, das will und kann ich nicht machen.“
„Ich kenne jemanden, der das gerne übernimmt“, überlegte Marvin Kronlandt.
„Wer?“
„Du kennst ihn nicht.“
„Oh, oh, oh.“
„Ja. Ein früherer Freund. Ihn kann sie nicht verführen.“
„Dann bin ich ja beruhigt.“
„So sarkastisch?“
„Sie könnte ja ihre Rolle als Buhlschaft tatsächlich aufgeben, verbunden mit einer geschickten Publicity-Kampagne, bei der sie auch den Pornofilm benutzt, um ihre Bekanntheit zu steigern. Dolly könnte ihr dabei helfen.“
„Deine Agentin soll sich lieber auf deine Karriere konzentrieren.“
„Angelina glaubt, dass eine Widersacherin, beziehungsweise deren Umfeld, dahintersteckt.“
„Alles klar. Wir gehen jetzt schwimmen“, zeigte sich Marvin plötzlich ungeduldig. „Und am Abend …“
„Ich muss zu Ferner, bin aber spätestens um neun zu Hause.“
„Wenn der Mann nicht so alt wäre, wäre ich eifersüchtig“, erwiderte Marvin, blickte aber dennoch besorgt.
„Er steht über diesen Dingen. Ein wahrhaft weiser Mensch.“
„Ah, so definierst du Weisheit.“
„Ich bin froh, dass du so bist, wie du bist.“
„Ich mag ihn nicht“, brummte Marvin Kronlandt. „Er ist genau das, was ich nicht werden möchte. Ein lächerlicher alter Schwuler.“
Manuel Marx freute sich auf seinen Besuch in Frederick Ferners Villa am Rainberg, die von der vergangenen Größe des nun 69-jährigen Schauspielers kündete.
Von der vergangenen Größe und jetzigen Bedeutung. Ferner sprach immerhin die Stimme Gottes in der Jedermann-Aufführung auf dem Domplatz und auf Manuels CD.
Es freute ihn, dass er Ferner gefiel, dass Ferner bereit gewesen war, seine Stimme ohne Gage zur Verfügung zu stellen, dass …
Ganz besonders gefiel es Manuel Marx, sich mit dem Alten zu unterhalten. Buchstäblich über Gott und die Welt, die wachen braunen Augen Ferners zu beobachten, die bewegten Gesten des überschlanken Mannes, der kaum zu essen schien.
Er begnügte sich während der Treffen mit Manuel mit Kaffee und Mineralwasser. Auch auf Alkohol schien er zu verzichten. Ein Asket, der auf Manuel wie ein weiser Mönch aus irgendeinem Kloster wirkte.
Tibet. Ja. Tibet und Buddhismus würden zu ihm passen, fand Manuel, als er Frederick Ferner wieder einmal gegenübersaß, bei Kaffee und Wasser.
„Du weißt, was es für mich bedeutet, mich wieder in der Öffentlichkeit zu zeigen?“, fragte er Manuel mit seiner wohltönend tiefen Stimme.
„Ich weiß es sehr zu schätzen, dass du zur Präsentation der CD kommst. Du hast keinen Grund, dich zu verstecken. Ich finde, du bist jetzt viel schöner als damals …“
„Ja, damals.“
„Schöner und weiser als damals.“
„Weiser sicherlich. Aber ich habe mich dazu entschlossen und ziehe es durch.“
„Damit gibst du Gott nicht nur Stimme, sondern auch Gesicht.“
„Wir wollen nicht übertreiben, Manuel“, mahnte der Schauspieler, dessen sanftes Lächeln verriet, dass er sich geschmeichelt fühlte.
Dann begann er wie immer zu philosophieren, von seiner Sicht Gottes zu reden. Und Manuel lauschte den Worten, in der Illusion, neben seinem Vater zu sitzen, den er sein Leben lang vermisst hatte.
„Die Welt, die Entwicklung der Welt“, erklärte der Mann, „folgt einem Plan, sie entwickelt sich. Die Erde, das Universum. Nichts steht still. Wir sind aus Einzellern entstanden, entwickeln uns weiter und befinden uns immerhin auf einem Niveau, das Götter sich in Menschen verlieben, Gottes Sohn in Menschengestalt schlüpfen lässt, wenn wir den Mythen, den Religionen folgen. Aber wie wird es weitergehen? Nach der kurzen Episode, in der wir Teil der Entwicklung sein durften. Auch wenn ich keine Kinder gezeugt habe, hat mein Da-Sein einen Zweck. Und deines. Aber vielleicht bekommst du noch Kinder.“
„Glaube ich nicht. Mein Weg führt in eine andere Richtung.“
„Ich weiß. Wie geht es euch?“
