Mords-Feste Band 2 - Uwe Voehl - E-Book

Mords-Feste Band 2 E-Book

Uwe Voehl

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Beschreibung

Bei Mord fängt der Spaß an! Und wieder geht es mörderisch zu in der Eifel. Das schrägste Ermittlertrio aller Zeiten sorgt einmal mehr für Angst und Schrecken in Verbrecherkreisen und für Chaos und Verwirrung bei den ermittelnden Behörden. Wenn Omma Brock, Kaplan Florian Unkel und Kommissarin Carola Coltella auf Mörderjagd sind, gehen Alibis zu Bruch, Indizien in Rauch auf, und die Zeugen müssen um ihr Leben fürchten! Mords-Hochzeit: Ein rauschendes Fest in Weiß, Blutrot und Leichenwagenschwarz. Mords-Urlaub: Da wird die Fahrt ins Blaue rasch zur allerletzten Reise. Mords-Jubiläum: Kaum zu glauben, aber wahr, der Tod, der kommt im Jubeljahr. Mords-Advent: Vier Kerzchen brennen, und ein Lebenslicht wird ausgepustet. Mords-Weihnacht: Das Fest der Liebe, des Lamettas und der Leichen!

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Vom Autoren-Team bisher bei KBV erschienen:

Mords-Feste

Uwe Voehl lebt als Autor und Lektor in Bad Salzuflen. Seine Krimihelden Morgenstern und Dickens wurden von der Kritik als das »perfekteste Aufklärer-Team seit Sherlock und Holmes« gewürdigt. Außerdem ist Uwe Voehl als Dozent für Creative Writing tätig und Redakteur für die Reihe Cotton Reloaded, dem Remake der erfolgreichen Kultserie Jerry Cotton. Seine Erzählungen und Kurzgeschichten wurden mehrmals mit Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem UTOPIA-Literatur-Preis.

Ralf Kramp, geboren 1963 in Euskirchen, lebt in der Vulkaneifel. Er beschreibt in seinen Kriminalromanen aus der Eifel skurrile Typen und ihre haarsträubenden Erlebnisse. Seine schwarzhumorigen Kurzkrimis trugen ihm den Titel »lustigster Krimiautor Deutschlands« (Mord am Hellweg) ein. Zusammen mit seiner Frau leitet er das Kriminalhaus in Hillesheim.

Carsten Sebastian Henn: Der mehrfach ausgezeichnete Kölner Autor Carsten Sebastian Henn (* 1973) gilt als »Deutschlands König des kulinarischen Krimis« (WDR). Seine Reihe um den Ahrtaler Koch und Meisterdetektiv Julius Eichendorff hat mehr als 100.000 Exemplare verkauft. Sein Hörbuch Der letzte Whisky stellt eine Premiere dar: Zum ersten Mal hat Carsten Sebastian Henn das Mikrofon selbst ergriffen, um den zahlreichen Figuren des Kriminalromans eine Stimme zu geben.

Originalausgabe© 2017 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheimwww.kbv-verlag.deE-Mail: [email protected]: 0 65 93 - 998 96-0 · Fax: 0 65 93 - 998 96-20Illustrationen: Ralf KrampUmschlaggestaltung: Ralf Krampunter Verwendung von © senoldo - Fotolia.comPrint-ISBN 978-3-95441-379-9E-Book-ISBN 978-3-95441-380-5

Inhaltsverzeichnis

Mords-Hochzeit

Mords-Urlaub

Mords-Jubiläum

Mords-Advent

Mords-Weihnacht

1. Kapitel

von Ralf Kramp

Grelle Blitze zuckten durch das kleine Eifeldorf Welterscheid, ohne dass der entsprechende Donner folgte. Die Häuser, Kneipen, Lebensmittelgeschäfte, der Dorfplatz, die Menschen, Hunde, Katzen – alles wurde in gleißendes Blitzlicht getaucht, während eine seltsame Prozession durch die kleinen Gassen schritt. Den sechzig wie wild fotografierenden, japanischen Touristen blieb nichts verborgen, der unscheinbare Ort wurde tausendfach abgelichtet. Er bot eine reizende Kulisse, wie er so in der Maisonne vor sich hindöste. Aber was hatte eine so große Schar ostasiatischer Reisender hierher verschlagen?

Die rundliche, alte Frau, die mit einem knallbunten Plastikschirmchen voranmarschierte, erklärte es mit dumpfem Brummbass: »So, das hier ist jetzt Welterscheid City, die Hochzeitsmetropole der westlichen Welt. Hier wird rund um die Uhr geheiratet, dass die Schwarte kracht!«

»Nan desu ka?«, fragte der Anführer der Reisegruppe auf Japanisch. Er verstand nichts.

»Geheilatet, dass die Schwalte klacht!«, raunzte Omma Brock und starrte ihn durch ihre Glasbausteinbrille intensiv an. Diese kleinen, japanischen Wichte würde sie im Nullkommanix abfrühstücken. Sie hatte noch Wichtigeres zu tun. Beim Volkshochschulkurs in Prüm hatte sie jeweils zweieinhalb Stunden Englisch, Französisch, Italienisch und Japanisch gelernt, was für ihre Begriffe völlig ausreichend war, um die über Welterscheid hereinbrechende Touristenschwemme wenigstens ansatzweise zu verstehen.

»Geheilatet?«, fragte der Japaner immer noch unsicher.

»Ja, geheilatet! Märrijet! Heiraten, Schleier, Zylinder, Reis … Leis, kapito? Leis! Den baut ihr Knilche doch extra an für so was!«

Tatsächlich waren sie genau deshalb hier, mitten in der Eifel, denn Welterscheid war über Nacht zum Hochzeitsparadies geworden. Der geniale Geistesblitz eines einzelnen Dorfbewohners hatte bewirkt, dass Welterscheid Las Vegas und Gretna Green den Rang abgelaufen hatte, dass gewissermaßen von einem Tag auf den anderen aus aller Herren Länder hochzeitswillige Pärchen angereist kamen, um ausgerechnet hier, auf den Eifelhöhen, den Weg ins gemeinsame Glück anzutreten. Und wenn irgendwo auf der Welt ein neues touristisches Highlight auf den Plan trat, dann waren die Japaner nie weit.

Omma Brock, die die Reiseführungen übernommen hatte, hatte schon allerhand Wissenswertes über den Ort von sich gegeben, das man in der Dorfchronik vergeblich suchte. Und auf ihrer Tour hatte sie bisher keine Gelegenheit ausgelassen, die Gäste zünftig zu unterhalten. »Sind zwei Japaner auf Bergtour, fällt das Radio in eine Eisspalte. Sagt der eine Japaner: ›Holidiladio odel Holdudiladio?‹ Superwitz, oder?« Ihr garstiges Lachen schallte heiser und lärmend durch die Straßen Welterscheids, als sie um die Ecke bogen und die Kirche St. Blasius und das gleich nebenan liegende Pfarrhaus im sanften Sonnenschein vor sich liegen sahen. »Dat da is quasi unser Petersdom, versteht ihr?«

»Ah, Petelsdom!« Die Japaner gaben verzückt eine Blitzlichtsalve ab.

Über die niedrige Mauer des Pfarrgartens hinweg konnte sie eine Gestalt erkennen. Ein junger Mann mit straffem Scheitel, ganz in Schwarz gekleidet, saß mit einer Tasse unter einem Kirschbaum, der über und über mit weißen Blüten geschmückt war, und blätterte in einem Wust von Papier herum. Kaplan Florian Unkel ging offensichtlich seine übermorgige Sonntagspredigt durch. Aus dem offenen Küchenfenster drang köstlicher Kuchenduft, und die Vögel zwitscherten. Der junge Kaplan schien mit sich und der Welt zufrieden, nippte an seinem Heißgetränk und verschluckte sich, als sich sein Sonnentag mit einem Schlag verfinsterte.

»Juhu!«, schickte Omma Brock ihre dunkle Reibeisenstimme durch die frühlingshafte Luft.

»Hallihallöchen, Kaplan Unkel, alte Tabernakelwanze. Was ist gelb und kommt ganz unverhofft reingeschneit?«

»Äh, die Post?«, fragte der Kaplan verunsichert.

»Nä, falsch geraten, sechzig Japaner!« Sie stieß das metallene Gartentor auf und stapfte rücksichtslos in das Refugium des Geistlichen hinein. Ihr asiatischer Tross folgte ihr, aufgeregt tuschelnd.

Unkel sprang auf und wollte Einhalt gebieten, die Blätter seiner Predigt wirbelten durch die Luft.

»Dieser Mann hier, meine Damen und Herren Japanesen, das is ein ganz wichtiger Mann in der katholischen Kirche«, log Omma Brock.

»Ist Papst?«, fragte eine ältere Japanerin zaghaft.

Omma Brock klopfte ihr anerkennend auf die Schulter. »Nä, Papst nicht gerade, Frau Geisha, aber fast so was wie … na, also, eigentlich der Sohn vom Papst.«

Ein Blitzlichtgewitter prasselte auf Unkel herab.

»Der jüngste Sohn vom Papst. Also von den zwölf. Von den Jüngern, so sagt man zu denen. Habt ihr doch schon mal gehört, bei euch da hinterm Mond, oder?« Sie ließ sich jetzt zusammen mit Unkel fotografieren. »Der ist quasi heilig.«

Unkel, den das grelle Geblitze blendete, fragte wimmernd: »Frau Brock, was wollen Sie denn nur um Himmels willen von mir? Warum kommen Sie mit dieser Horde von …«

»Sie müssen für uns das Kruzifix schwingen.«

»Für uns?«

»Für die Wedding Chapel. Da ist heute ein reicher Ami angereist, der will nur heiraten, wenn er einen von euch Himmelskomikern dabei hat.«

»Ausgeschlossen, Frau Brock«, zeterte Unkel, der jetzt wieder vorsichtig die Augen öffnete.

»Muss aber sein.«

»Niemals im Leben werde ich einen Fuß in diese unheiligen Hallen setzen. Wenn hier in Welterscheid geheiratet wird, dann in St. Blasius! Alles andere ist schnödes Blendwerk!«

»Blendwerk … gutes Stichwort«, raunzte Omma Brock und wandte sich wieder an ihre asiatischen Gäste. »Macht noch mal ein paar Blitzerfotos von dem Paternoster hier, und dann gehen wir mal in der Kirche gucken, was da so gebacken ist.« Sie blähte die Nüstern. »Gebacken? Gebacken?« Ihr Blick fiel auf das Küchenfenster, aus dem jetzt schwarzer Rauch hervorkroch. »Ach, da is gerade ein neuer Papst gewählt worden. Die Katholen wählen den übrigens per Telefon. Sechs, sechs, sechs. Schreibt das mal schön mit, da habt ihr zu Hause was zu erzählen.«

»Ich werde keine Hochzeit in diesem …«

Omma Brock hob eine Seite der Predigt auf. »Schreibt gerade am nagelneuen Testament, der Mann. Is so ’ne Fortsetzungsgeschichte. Im dritten Teil kommt der ganze Schweinkram, stimmt doch, oder?« Sie legte ihren muskulösen Arm um den Priester. Es blitzte erneut wie tausendfaches Höllenfeuer, und der Qualm umwölkte den wehrlosen, jungen Mann. Die alte Frau schob den Kaplan sanft zur Seite und murmelte mit gefährlich schnarrender Stimme: »Na, Herr Kaplan, soll ich den Japanskis mal die Kirche von innen zeigen? Da erzähl ich denen was von der Marienerscheinung, die immer dann zu sehen ist, wenn man zu viel Messwein gepichelt hat. Und dann dürfen die sich jeder ein Andenken mit nach Japanistan nehmen, was haltense davon?«

Die ersten Japaner setzten sich in Bewegung, um die Kirche zu entern.

»Halt!«, japste Unkel. »Ich tu’s ja, ich tu’s ja! Aber nur dieses eine Mal.«

Omma Brock nickte zufrieden. »Geht doch. Wir sehen uns nachher im Wedding Heaven. Ich muss noch irgendwo ein Strumpfband auftreiben. Meins hab ich nämlich bei der Hochzeitsreise nach Bad Bertrich als Keilriemen genommen, damals, ’52.«

2. Kapitel

von Carsten Sebastian Henn

Unkel entsorgte den verkohlten Rosinenkranz und versuchte, den Gedanken von Omma Brocks Bein und einem Strumpfband aus dem Kopf zu bekommen. Doch er stampfte sich immer tiefer in seine Gedanken hinein wie Godzilla in die City von Tokio. Das arme Strumpfband! Davon hatte es sich wahrscheinlich niemals erholt. Am Bein dieser … Frau. Konnte es ein schlimmeres Schicksal für ein Stück Stoff geben? Wohl kaum. Es sei denn … oh, nein, daran durfte er jetzt keinesfalls denken! Nicht an die Unterwäsche. DA! Jetzt hatte er doch dran gedacht. An eine Unterhose so groß wie das Segel einer Fregatte. OH NEIN! Schon wieder dran gedacht!

Lalalala, ich denk an gaaaaanz was anderes. An Schwarzwälder Kirschtorte von der Größe eines … Omma-Brock-Hinterns. NEIN!

Er musste zur Wedding Chapel, die Sache hinter sich bringen, dann schnell zurück und den Messwein vernichten, der eigentlich längst um war. Er musste diese schrecklichen Gedanken aus seinem Hirn brennen. Mit Alkohol, mit Backwaren, und wenn nötig mit Feuer. Er war zu allem, wirklich zu allem bereit.

Seinen alten Opel Kadett, den mittlerweile nur noch Spucke und guter Wille zusammenhielten, parkte er direkt vor dem Gebäude mit der Adresse, die ihm Omma Brock gegeben hatte. Es sah nicht aus wie eine Wedding Chapel. Es sah nicht mal aus wie eine Chapel. Es sah aus wie ein Haus, um das ein Absperrband gehörte, weil es einzustürzen drohte, wenn jemand herzhaft davor rülpste.

Das Haus stammte aus den Fünfzigerjahren. Schmucklos war kein Ausdruck. Es war grau. Schmutzig-grau. Mit einem Hauch Dreck-Schwarz. Und Matsch-Braun unter den Fensterbänken. Es war weit und breit das hässlichste Haus. Würde Welterscheid an »Unser Dorf soll schöner werden« teilnehmen wollen, müssten sie es abfackeln.

Ein Banner war über den Fenstern des Erdgeschosses gespannt: WC - Wedding-Chapel. Die Eingangstür war aus Milchglas, in das jemand dem Aussehen nach mit einem Schlüssel ein Herz gekratzt hatte. Lange stand Unkel davor. Er wollte nicht klingeln. Er wollte zurück ins Pfarrhaus. Und backen. Oder beten. Oder beides. Er konnte ja den Gekreuzigten backen. Herrentorte sozusagen. Das war bestimmt ein Spaß.

Plötzlich öffnete sich die Tür und ein bärtiger Mann mit Bierplauze unter dem Blaumann stand vor ihm. Er trug keinen Dreitage-Bart, auch keinen Viertage-Bart, es mussten mindestens zwei Wochen gewesen sein, und zwischendurch hatte ein Marder darin gewütet. Eine Spitzen-Stickerei auf seinem Latz wies ihn als den Hochzeits-Klempner aus. Freiherr Manfred von Düppesbecker, genannt Manni. Verarmter Landadel. So arm, dass selbst Kirchenmäuse schon ein Spendenkonto für ihn einrichten wollten. Unkel hatte sich über die Touristenattraktion informiert. Mannis Vorvorurvorfahre erwarb einst für sich und seine Nachkommen das Recht, Hochzeiten durchzuführen, gegen einen Sack Winterkartoffeln, festkochend. Das geriet in Vergessenheit, bis Manni, so der Eifel-Bote, beim Aufräumen auf dem Speicher eine entsprechende Urkunde fand – und das »Hochzeitsparadies Eifel« ausrief.

»Kaplan! Eure Heiligkeit. Welche Ehre.« Er bekreuzigte und verbeugte sich, wobei seine Nasenspitze fast den Boden berührte.

Unkel hatte den Mann noch nie in der Kirche gesehen. Er war mit den Gepflogenheiten der heiligen römisch-katholischen Kirche wohl nicht vertraut.

»Die Opfer, äh, die Heiratswilligen, stehen bereit. Wenn Sie vorher mit ihnen sprechen möchten. Nur klopfen Sie bitte nicht an Zimmer 69, darin nächtigen sehr … besondere Gäste. Die sind rund um die Uhr … beschäftigt. Und bitte reden Sie nicht darüber. Mit niemandem, ja? Sie sind doch verschwiegen, oder? Wie ein Grab, nicht?« Er lachte ebenso nervös wie heiser.

»Zimmer 69? Wie viele Zimmer haben Sie denn in diesem Einfamilienhaus?«

»Sechs. Die Zimmer 7, 11, 69, 08/15 – das ist unser Sparangebot –, 2001 – unsere Science-Fiction-Suite – und 4711, inklusive Parfümflasche. Die Nummern sind aber nicht so wichtig wie die Namen der Suiten.«

»Suiten?« Unkel stutzte. Die sechs Zimmer konnten bei dem Haus nicht größer als ein Wohnklo sein.

»Die Honeymoon-Suite, die hab ich in meinen ehemaligen Eisenbahnkeller gebaut, also die Eisenbahnanlage vom Welterscheider Bahnhof ist jetzt in die Ecke gerückt. Wirkt ja auch als Möbel gut. ›Himmel voller Geigen‹ ist der Dachstuhl, auch bekannt als ›Turteltauben-Refugium‹, weil da noch ein paar Tauben leben. Die Drecksviecher krieg ich einfach nicht raus, dabei hab ich überall im Zimmer Gift ausliegen. Ist aber Gott sei Dank weniger schlimm als die Drecksmäuse in der Honeymoon-Suite, die fressen ja echt alles an, die Viecher. Sogar die Reizwäsche und die Peitschen.«

»Herr im Himmel!«

»Genau meine Worte. Dann haben wir noch die ›Cherie, Cherie Lady – Modern Talking Suite‹, die ›Ganz-in-Weiß-Suite‹ sowie die ›Hochzeit-von-Kanaan-Suite‹ für die Religiösen. Da hab ich ’ne Bibel reingelegt. Unter den Bettpfosten, damit es nicht so wackelt. Macht sich gut in der ehemaligen Waschküche. Messwein gibt es zwar keinen, aber Fusel ist immer genug vorhanden. Ich nehm da den roten Tütenwein vom untersten Regal. Dreht wie Sau, das Zeug. Zwei Schluck davon und sie sehen direkt den Lichttunnel. Hier, nehmen Sie einen Stapel Prospekte und verteilen sie die, wenn Sie das nächste Mal in Rom sind, oder im Vatikan, oder in Bethlehem. Die sollen alle hier heiraten. Wenn der Papst mal die Richtige findet: Welterscheid heißt ihn herzlich willkommen!«

Unkel besah sich den Prospekt. Sah wirklich toll aus, da wollte man sofort hin. Das Problem war nur, dass Schloss Neuschwanstein, der Kölner Dom und Helgoland nicht so wirklich in Welterscheid waren, wie es die Fotos suggerierten. Umso mehr stimmte der Satz darunter: Eine Hochzeit, die Sie nie vergessen werden! Und Hochzeitsklempner Manni war auf dem Foto auch geschätzte dreihundert Jahre jünger und dünner als … nein, halt, das war George Clooney auf dem Foto. Mit der Sprechblase:

Kommt zu Manni, denn ich trau’auch den Eber mit der Sau!

»Kommen Sie rein, Eure Hoheit. Ich bringe Sie in unsere Wedding Chapel, also die Garage. Dann können Sie die schon mal segnen und mit Hostien auslegen, also hostinieren, damit nachher alles geheiligt ist.«

Unkel hatte nicht übel Lust, den Hochzeitsklempner zu hostinieren, und zwar kreuzweise, aber das tat ein guter katholischer Kaplan nicht. Er dachte an die Horde Japaner und trat in das Hochzeitsparadies, das innen mit Pappherzen auf der schimmelnden Raufasertapete verziert war. Und Manni hatte aus Klempnerrohren einen Kussmund geschweißt, der aussah wie ein Transformers-Gebiss.

Apart.

Dann brach plötzlich die Hölle los.

Ein Mann stürmte mit Riesenschritten an Unkel vorbei, eine junge, blonde Frau im Schlepptau mit sich zerrend. In der Eile konnte niemand den Flüchtenden erkennen. Die beiden sprangen in ein Taxi, das plötzlich vor dem Haus vorgefahren war.

Gerade als sie im Begriff waren loszubrausen, drückte sich Omma Brock an Unkel vorbei – wobei dieser fast erstickt wäre. Die Alte war plötzlich sehr aufgeregt und fuchtelte mit den Händen. »Komm mit Kaplänschen, die Brautentführung stand nicht in der Omma ihrem Drehbuch! Da läuft was schief. Wir müssen hinterher!« Sie griff seine Hand und zog ihn mit sich zu der für die Hochzeit des Tages bereitstehenden Kutsche hin.

Der Kutscher rauchte gerade eine, lehnte an seinem Gefährt und suchte in seinem rechten Nasenloch nach einem Hochzeitsgeschenk.

Omma Brock reckte sich an der Kutsche empor. »Hilf mir mal hoch, Unkel-Furunkel. Nu mach schon, hilf der alten Frau mal hier rauf. Feste drücken, mit beiden Händen. Meinen Poppes darf nicht jeder anpacken.« Sie lachte rasselnd.

Den wollte auch nicht jeder anpacken. Und mit »jeder« meinte Unkel »keiner«. Doch er tat, wie ihm geheißen. Danach würde er sich die Hände unter kochendem Wasser abschrubben müssen. Oder vielleicht doch besser abhacken?

Wenige Augenblicke später thronte Omma Brock auf dem Kutschbock und schwang die Zügel. Das Pferd bäumte sich auf, das Gefährt schoss nach vorne, und der Kutscher sprang laut fluchend zur Seite.

»Wie kommt es, dass Sie Kutsche fahren können, Frau Brock?«

»Kann ich ja gar nicht.«

Unkel musste sich festhalten, so rasant ging es hinter dem Taxi her. »Warum rennen die Pferde dann so schnell?«

»Weil die Angst vor mir haben.« Omma Brock beugte sich angestrengt nach vorne und schnalzte mit den Zügeln.

Es ging raus aus Welterscheid und Unkel meinte den ranzig-öligen Angstschweiß des Taxifahrers im Auto vor ihnen riechen zu können, aber es war wohl eher Omma Brocks Atem. Er betrachtete ihr vor Wut verkniffenes Gesicht. Nie und nimmer würde sie dulden, dass diese Hochzeit platzte.

Menschen stoben auseinander, Autos schossen auf den Gehweg. Bis zum Ortsausgang von Welterscheid hielt die Kutsche gut mit, ja sie kamen sogar näher und näher, da das Taxi nicht so schnell durch die engen Gassen des hutzeligen Eifeldorfs manövrieren konnte, doch sobald die Straße gerade wurde, hatte die Kutsche keine Chance mehr, und das Taxi entschwand schneller als eine Pistolenkugel in den Weiten der Eifel.

Omma Brock grunzte missmutig, spuckte auf die Straße, wobei sie die Pferde netterweise teilhaben ließ, und wendete das Gefährt.

»Wer war das eigentlich?«, fragte Unkel.

»’ne Braut. Die einer klaut. Und der wird von mir verhaut!« Sie zeigte grimmig die Zähne.

»Selbst wenn, er ist ein Astronaut mit schönem Namen Edeltraud.« Jetzt grinste Unkel – so lange bis Omma Brock ihn böse anschaute. »Ich reime doch so gern«, sagte er entschuldigend.

»Auf dem Kutschbock reimt nur einer, Kleiner. Die Omma Brock.«

»Aber nicht im Minirock!« Der nächste böse Blick. »Ich hör ja schon auf …«

Kaum hatten sie die Kutsche vor dem Wedding Heaven eingeparkt und kaum war dem wütenden Kutscher von Omma Brock ordentlich einer eingeschenkt worden wegen angeblich defekter Bremsen und mangelhafter Federung, da stand auch schon Hochzeitsklempner Freiherr Manni von Düppes-becker in der Haustür, einen Klosettpömpel in der Hand und den Mund sperrangelweit offen. Welcher unaussprechliche Schrecken mochte das Klo verstopft haben?

»Da … da is … da is eine … da … da is … da is eine«, stotterte er aschfahl.

»Haben wir schon gehört, Manni«, sagte Omma. »Und wie weiter? Da is eine… Mörderwurst im Scheißhaus? Eine Ratte in Pony-Größe? Der Geist von Elvis?«

»Ganz-in-Weiß-Suite«, brachte Manni heraus. »Leiche. Tot.«

Das, dachte Unkel, war für Leichen nicht ungewöhnlich. »Und was haben Sie mit dem Pömpel vor? Wollen Sie ihn ins Leben zurückpömpeln?«

Manni guckte verdutzt. Erst auf Unkel, dann auf den Pömpel. Und dann fiel er einfach in Ohnmacht.

3. Kapitel

von Uwe Voehl

Wedding Heaven«, las Carola Coltella. Doch wenn der Hochzeitshimmel schon wie eine Bruchbude aussah, wie musste es dann erst in den Herzen jener aussehen, die ausgerechnet hier den Bund fürs Leben schlossen? Sie seufzte tief. Nein, der Mai war keine Jahreszeit für Singles. Von wegen Wonnemonat! Im schönen Monat Mai schossen nicht nur die Blumen in die Höhe, sondern auch die Selbstmordraten.

Sie konnte es nachfühlen. Jetzt, da es Pärchen und Verliebte nach draußen drängte, um händchenhaltend durch die Parks zu schlendern, danach im Biergarten im IL CORVO sich bei einem Glas Wein in die Augen zu schauen, um nachher …

Ein zweites Seufzen entrang sich ihrer vollen Brust. Sie hatte noch nicht mal jemanden, der ihr abends die Füße wärmte. Gut, es gab da einen Nachbarn, Oppa Heinrich, dreiundachtzig, und, wie er behauptete, im besten Mannesalter, der ihr immer die Wasserkästen hochschleppte und sie danach mit seinen wässrigen Triefaugen so lange anglotzte, bis sie sich endlich erbarmte und ihn bat, doch Platz zu nehmen. Er erzählte so gerne. Kriegsgeschichten. Aus den Ardennen.

Nein, dann trug sie die Wasserkästen schon lieber selbst hoch, legte eine CD ein und hörte Patrick Nuo. Seerosenteich. Wenn sie die Augen schloss, war sie sich ganz sicher, dass Patricks Stimme ihre Seele streichelte.

Der Anblick dieses Wedding Heaven jedenfalls war keinesfalls Balsam für ihre Seele. Er riss sie brutal in die Wirklichkeit zurück. Und die war kein Zuckerschlecken. Sie war hierhergekommen, um eine Leiche zu inspizieren. Wahrscheinlich ein weiterer Selbstmörder.

Sie straffte die Schultern und ging zielstrebig auf das verlotterte Gebäude zu. Dabei wirkte sie auf einen Außenstehenden athletisch und zielstrebig und durchaus auch etwas furchteinflößend. In solchen Momenten machte sie ihrem Nachnamen alle Ehre: Coltella, das Messer!

Sie sah eine Gestalt aus dem Haus laufen. Es war ihr Assistent Winfried zu Clairvaux, der ihr zuwinkte. Er litt nicht nur darunter, dass es in seinem Namen nicht zu einem »von«, sondern nur zu einem »zu« gereicht hatte. Viel schlimmer war – zumindest für seine Mitmenschen –, dass er entsetzlich lispelte. Im letzten Jahr hatte er mit einer Sprachtherapie begonnen, danach hatte er kurzfristig gestottert, sodass ihm alle geraten hatten, den Therapeuten zu wechseln. Bislang hatte er noch keinen neuen gefunden.

»Ah, meine Liebe, wie ich sehe, sind Sie auch schon da. Sieben Schwalben säuseln Ihre liebreizende Erscheinung vom First herunter!«

Sie bedachte ihn mit einem strengen Blick: »Clairvaux, sind Sie betrunken oder was?«

»Sie Schelmin. Nein, ich habe eine super Sprach-Therapeutin! Sie sagt, ich soll möglichst viele S-Laute sprechen, um das Übel mit der Wurzel auszureißen. Konfrontationstherapie sozusagen.«

Ah, deshalb strahlte er seit Tagen wie ein Maikäfer! »Ich wette, sie sieht gut aus«, sagte sie knapp, um dann dienstlich zu werden. »Wo ist die Leiche?«

»In der Ganz-in-Weiß-Suite. Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo’s langgeht.«

»Ach, das wäre ja das allererste Mal«, sagte sie spitz und stürmte an ihm vorbei. Es war kinderleicht, den Tatort zu finden. Sie musste nur dem Lärm folgen. Sie stieg die altersschwachen Stufen hinauf, die bei jedem Schritt knarrten wie das betagte Himmelbett eines alten Paares. Es roch nach abgestandenem Kohl. Irgendwie hatte sie sich den Weg in das Himmelreich anders vorgestellt.

Oder war sie gar in der Hölle gelandet? Das Bild, das sich ihr bot, war in der Tat fürchterlich: Omma Brock saß mitten im Flur breitbeinig auf der Brust eines Mannes und saugte ihm anscheinend das Leben aus.

»Halt! Was machen Sie denn da?«

Omma Brock, die sie in ganz Welterscheid hinter vorgehaltener Hand nur »Kotz Brock« nannten, löste schmatzend ihren Mund von den Lippen ihres Opfers. Es erinnerte an das »Plopp« eines Klosettpömpels. Merkwürdigerweise hielt der Mann einen solchen in der rechten Hand.

»Mund-zu-Mund-Beatmung«, erklärte Omma Brock.

»Er hatte die Augen schon wieder aufgemacht. Und dann ist er wieder ohnmächtig geworden«, erklärte jemand an ihrer Seite. Es war Kaplan Unkel. Dunkel erinnerte sich Coltella, dass es stets Ärger gegeben hatte, wenn dieses Pärchen ihr über den Weg gelaufen war. Sie hatte geglaubt, es erfolgreich verdrängt zu haben, aber nun knallten ihr die Erinnerungen wie die Schläge eines Schmiedehammers gegen die Stirn.

»Ich denke, der Mann ist tot?«, fragte sie, aber der Kaplan winkte ab. »Das da ist der Hausherr. Der Tote liegt im Zimmer.«

In knappen Worten erklärte Unkel, was sich ereignet hatte. Danach war Coltella nicht viel schlauer. Sie marschierte an ihm vorbei in die Ganz-in-Weiß-Suite: Zunächst sah sie das viele Blut. Dann das Bett mit dem ehemals weißen Laken, das mit roten Flecken verunziert war. Darauf lag ein Mensch. Ein Mann. Auf dem Rücken.

Langsam trat Coltella näher. Dabei speicherte sie jede Einzelheit: die schäbige Raufasertapete, die eher grau als weiß war; die uralten BRAVO-Poster von Roy Black an den Wänden; die Cordhose des Toten. Trug man zur Hochzeit Cordhosen? Das grässlich verzerrte Gesicht, so als hätte er etwas Schreckliches erblickt. Natürlich, er hatte seinen Mörder gesehen.

Nachdenklich betrachtete Coltella die Leiche. Personenbeschreibung: Vermutlich um die Vierzig, einssiebzig klein, gebrochenes Nasenbein, wahrscheinlich schon vor Jahren erfolgt aufgrund einer Auseinandersetzung, angewachsene Ohrläppchen, vorstehende Schneidezähne, Augen graublau, pausbackiges Gesicht, schwarze, strähnige Haare, wahrscheinlich gefärbt, pomadig zurückgekämmt …

Zumindest schien er nicht unglücklich verliebt gewesen zu sein. Oder sonst wie lebensmüde. Coltella schloss dies aus dem Umstand, dass weit und breit kein Tatwerkzeug zu sehen war. Er hatte sich also nicht selbst umgebracht. Gut, das war kein Beweis. Sie hatte schon Tote kotzen gesehen.

Sie bückte sich und schaute unter das Bett. Ein Schatten schob sich über sie.

»Da habe ich auch schon nachgeschaut«, sagte Clairvaux. »Die Waffe, die die Wunde verursacht hat, ist verschwunden.«

Coltella nickte. »Ich will der Spurensicherung nicht vorgreifen, aber ich schätze mal, er ist erstochen worden. Direkt ins Herz.«

»Er muss sofort tot gewesen sein.«

»Vielleicht hat er auch geschlafen. Jedenfalls hat er sich nicht gewehrt. Keinerlei Abwehrverletzungen an den Händen oder Unterarmen. Letztlich wird die Obduktion aufdecken, was hier wirklich passiert ist …«

Von draußen drangen Hilfeschreie und Gepolter zu ihnen. Im nächsten Moment kam jemand ins Zimmer geschossen.

»Helfen Sie mir!«, schrie Freiherr Manni von Düppes-becker. »Ich spüre noch immer einen rauen Waschlappen in meinem Hals!«

Bevor er die Tür zuschlagen konnte, hatte Omma Brock schon ihren klobigen Schuh dazwischengesetzt. »Waschlappen? Das war meine Zunge! Ich bin noch nicht fertich, Jungchen!«

Der Freiherr setzte sich mit dem Pömpel zur Wehr.

»Schluss mit dem Unfug!«, bellte Coltella. Ihre Stimme durchschnitt den Lärm wie ein Messer eine Sahnetorte.

Es herrschte augenblicklich Stille. Totenstille gewissermaßen. Selbst Omma Brock zog eingeschnappt ihren Fuß zurück.

»Wer sind Sie? Was machen Sie hier?«, fragte Coltella.

Der Freiherr stellte sich vor.

»Ach, Sie sind das.« Sie hatte natürlich in der Zeitung gelesen, was es mit dem Wedding Heaven auf sich hatte. Ganz Welterscheid wusste Bescheid.

In dürren Worten erzählte er, wie er den Toten gefunden hatte. »Es war alles voller Blut, und ich sah nur noch rot. Und dann schwarz … Und plötzlich saß dieses Monstrum auf mir … Der Schrecken stand ihm noch immer ins Gesicht geschrieben.

Clairvaux mischte sich ein: »Ich habe mich vorhin mit dem Kaplan unterhalten. Kurz bevor man die Leiche fand, hat sich eine Frau mit einer Kutsche aus dem Staub gemacht. Wahrscheinlich die Täterin. Typischer Eifersuchtsfall, schätze ich mal.«

»Gibt es irgendwelche Zeugen?«

»Ja, sogar sechzig. Zufällig stand draußen eine Reisegesellschaft mit Japanern. Die haben die Flucht geknipst.«

Von draußen drang Sirenengeheul herein. Der Krankenwagen oder weitere Kollegen. Clairvaux und sie waren die Ersten am Tatort gewesen.

»Halten Sie hier die Stellung. Lassen Sie niemanden herein. Und nachher befragen Sie die Japaner. Lassen Sie sich die Fotoapparate aushändigen. Vielleicht finden wir auf den Fotos weitere Hinweise.«

»Aber wieso? Es ist doch alles klar wie Kloßbrühe.« Clairvaux sah sie an wie ein Erstklässler einen Mathematikprofessor. Wir müssen nur eins und eins zusammenzählen …«

»Eins und eins ergibt in diesem Fall nicht zwei. Und klar ist gar nichts. Ihre Kloßbrühe ist so tief wie das Totenmaar.« Sie verabschiedete sich.

»Und wohin gehen Sie?«

»Die Kollegen instruieren.« Sie bahnte sich einen Weg durch die neugierige Menge. Ein Zimmer mit der Aufschrift 69 erregte ihre Aufmerksamkeit. »Und wer wohnt darin?«, fragte sie den Freiherrn, der ihr gefolgt war.

»Darin? Äh – niemand.«

»Aber ich habe doch eindeutige Geräusche gehört!«

»Geräusche? Sie müssen sich irren? Äh … vielleicht Ihre Fantasie?«

Sie wurde rot. Spielten ihre Gefühle ihr jetzt wirklich schon Streiche? Egal, sie würde sich später darum kümmern.

Als sie auf den Hof trat, traf sie ein Schock.

Ein attraktiver Südländer lächelte sie mit strahlend weißen Zähnen an und gurrte: »Carola, endlich wir uns sehen wieder! Madonna! Ich hätte nie gedacht!«

»Mau… Mauro?« Sie konnte nur noch stottern. Es schien, als hielte der Wonnemonat noch so manche Überraschung parat.

4. Kapitel

von Ralf Kramp

Der Leichenfund hatte Freiherr Manfred Harro Benedikt von Düppesbecker nicht so sehr mitgenommen wie die Mund-zu-Mund-Beatmung durch seine Angestellte. Er schob sich angeekelt acht Fisherman’s Friend in den Mund.

»Nix zu danken, Chef«, sagte Omma Brock und zurrte sich ihre Kleider auf dem drallen Leib zurecht. »Die Lebensrettung können wir mit drei Überstunden abrechnen, gebongt?«

Er wandte sich ab, als sie den Rock lupfte, um ihre Strümpfe hochzuziehen. »Blödes Strumpfband«, brummelte sie. »Immer is das Dingen weg. Wahrscheinlich zu ausgeleiert.«

Manni Düppesbecker war eindeutig überfordert. Der unerwartete Erfolg seiner Umfirmierung bescherte ihm mehr Arbeit, als er bewältigen konnte. Sein altes, schmuckloses Elternhaus platzte aus allen Nähten, internationale Gäste gaben sich die Klinke in die Hand, und jetzt gab es ein Mordopfer in der Ganz-in-Weiß-Suite, die doch schon ab morgen für ein amerikanisches Schwulenpaar reserviert war, das kurzerhand seine Hochzeit von L.A. in die Eifel verlegt hatte.

»Auweia, da kommen noch mehr Bullen«, raunzte Omma Brock hinter seinem Rücken. »Guck mal, Manni, die nehmen dir jetzt die Bude auseinander. Und die wollen sicher auch Zimmer 69 …«

»69 ist tabu!«, brüllte der Freiherr und schlug mit dem Klosettpömpel auf ein hässliches Sideboard aus den Achtzigern. Er wies mit dem Zeigefinger in die grobe Richtung der Leiche. »Der da, der war auch hinter Zimmer 69 her. Garantiert. Eugen Hillerich, der dämliche Pressefritze vom Eifel-Boten! Was ist, wenn der irgendwas spitzgekriegt hat? Wenn der Fotos gemacht hat?« Er rang verzweifelt die groben Hände. »Nirgendwo ist ein Fotoapparat zu sehen. Den hatte der doch sonst immer dabei!«

»Vielleicht hat der den zu Hause gelassen?«, sagte Omma Brock nachdenklich, legte den Kopf auf die Brust und verdoppelte somit ihr Doppelkinn. »Der wohnte noch bei seiner Mutter, bei Elfriede. Alte Klassenkameradin von mir.« In ihren Augen erschien der Glanz der Erinnerung.

»Klassenkameradin? Prima! Geh zu ihr. Sieh zu, dass du irgendwie in Hillerichs Büro kommst und dich umgucken kannst. Dir wird schon irgendwas einfallen.«

Omma Brocks Kinn sackte noch tiefer und hatte sich versechsfacht. »Verdammt lang her. Hat mir damals den Freund ausgespannt, die blöde Trulla. In der vierten Klasse. Da wollte ich schon immer mal ’n Wörtchen mit der drüber wechseln.« Sie nickte, und ihr stoppeliges Kinn faltete sich auf und zusammen wie eine Ziehharmonika. »Ja, genau, das mach ich!« Sie klang plötzlich sehr entschlossen. »Am besten direkt.«

Sie griff sich ihre Handtasche und wackelte davon. Als sie sich noch einmal umwandte, sah sie ihren Chef Manni, der nervös den Pömpel auf seiner großen Hand immer wieder festpfropfte und löste.

Während sie wenig später auf ihrem alten, schwarzen Fahrrad das Örtchen Welterscheid durchquerte, dachte sie unentwegt an Fränzchen Hillerich aus ihrer Schulklasse, der ihr den ersten Kuss gegeben hatte. Und dann hatte er sie wegen Elfriede sitzen lassen. Eigentlich hatte sie der blöden Kuh schon damals eine Abreibung verpassen wollen, aber dann war ihr fast siebzig Jahre lang was dazwischengekommen.

Das Knirschen ihrer Zähne übertönte das Quietschen des Drahtesels. »Na warte, Elfriede«, knurrte sie und überfuhr ein Huhn.

Elfriede Hillerich erschien im Türrahmen, nachdem Omma Brock an der Tür des alten Backsteinhauses geklingelt hatte, stemmte die Arme in die Seiten und kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. »Wat willste, Trude«, grummelte sie gallig. Sie überragte Omma Brock um einen Kopf, hatte stoppelkurzes, eisgraues Haar und eine Brille mit Gläsern so groß wie Autoscheinwerfer. Omma Brock zögerte einen Moment. Die war aber gewachsen seit damals. Elfriede reckte angriffslustig ihr Nussknackerkinn nach vorne. »Na los. Was haste?«

»Ich muss dich sprechen«, sagte Omma Brock zögernd. Vielleicht war es doch keine gute Idee, nach all den Jahren … Sie könnte ihr Gegenüber womöglich mit der einfachen Nachricht ausknocken, dass ihr missratener Sohn soeben tot im Hotelzimmer gefunden worden war. Aber das war nicht ihr Stil.

»Ich hab keine Zeit«, keifte Elfriede Hillerich. Sie wollte gerade die Tür zuwerfen, als Omma Brock unvermittelt den Namen »Fränzchen Klinkhammer« ausspuckte. Die Worte schallten unheilschwanger durch die laue Luft. Es war zwölf Uhr mittags.

»Aha! Endlich«, hauchte Elfriede Hillerich.

Die beiden Frauen machten je einen Schritt aufeinander zu und schwiegen. Es war ihnen so, als käme von irgendwoher leise Mundharmonikamusik. »Nach all den Jahren«, knurrte Elfriede Hillerich. »Dass du dich hertraust, du Miststück.«

Sporen klirrten, ein Kojote heulte.

»Du hast mir Fränzchen ausgespannt, du Schlampe.« Omma Brock spuckte neben den Plattenweg.

Elfriede beugte sich vor und grinste hässlich. »Ich konnte besser knutschen, hat Fränzchen gesagt. Viel besser.«

»Ach ja?«

»Oh ja. Technik, Geschmack, Saugwirkung. Alles dreimal so gut wie bei dir.«

Ein dürrer Strauch rollte vorbei.

»Gar nicht.«

»Wo-hol.«

Omma Brock ballte die Fäuste. »Ich schlag dich zum Handkoffer, Elfriede.«

»Du pfeifst doch aus dem letzten Loch, du Wrack.«

Omma Brocks Strümpfe rutschten genau in dem Moment, in dem Elfriede mit ihrem muskulösen rechten Arm ausholte. Sie bückte sich, um sie wieder hochzuziehen, und der Haken ging ins Leere. Dafür trat Omma Brock jetzt mit ihrem rechten Schnürstiefel so fest auf einen der Filzpantoffel vor sich, dass sich Elfriede Hillerich mit einem Aufschrei nach vorne krümmte. Im nächsten Augenblick holte Omma Brock weit mit ihrer riesigen Handtasche aus und schwang sie donnernd gegen das Kinn ihrer Gegnerin. Ein Gebiss flog hoch durch die Luft, und Elfriede Hillerich ging zu Boden.

»Acht, neun, zehn … K.O. in der ersten Runde«, triumphierte Omma Brock und kletterte über die am Boden liegende Seniorin. »Wer sich mit der Omma anlegt, kriegt die Fresse poliert«, murmelte sie, während sie ins Haus trampelte.

Sie musste sich beeilen. Es konnte nicht lange dauern, bis die Polizei auftauchte, um die schlechten Nachrichten zu überbringen.

Sie fand Eugen Hillerichs Büro in der ehemaligen Waschküche. Es war ein düsterer Raum voller windschiefer Regale, aus denen Papierstapel und Schuhkartons voller Fotografien hervorquollen. In einer Ecke des Zimmers gammelte ein altes Fotolabor vor sich hin, und auf dem Schreibtisch stapelten sich Berge von Zeitungen und Schreibutensilien. Hillerich hatte für den Eifel-Boten geschrieben, ein belangloses Wochenblättchen für Welterscheid und das Umland.

In einer alten Blechkiste, die verdächtig hoch auf einem Regal untergebracht war, machte sie einen interessanten Fund. Die Fotos, die zuoberst lagen, waren erschreckend schlecht gemachte Fotomontagen, die mehr oder weniger Prominente in unschicklichen Situationen darstellten. Ihre schwieligen Finger fächerten die Bilder auseinander. Die Ministerpräsidentin mit Rainer Brüderle … Schlagersänger Heino mit einem Schaf … Udo Lindenberg allein …

Und dann war da noch stapelweise Korrespondenz: Ihren Erpressungsversuch kann ich leider nicht akzeptieren, schrieb der Landrat. Und Iris Berben hatte geantwortet: Habe im Moment keine Zeit, mich erpressen zu lassen.

Sie fand auch einen kleinen Speicherstick, und schließlich stieß sie auf einen handgeschriebenen Brief und pfiff vor Begeisterung mehrstimmig durch ihre sieben Zahnlücken.

Du hast uns hintergangen. Unsere Geschäftsbeziehung ist beendet. Nähere dich nicht mehr dem Versuchsgelände, oder du musst mit Konsequenzen rechnen. Die Fotos sind ordentlich abgerechnet und unser Eigentum. Sie bleiben hier. Und wir entscheiden, wann wir sie der Öffentlichkeit preisgeben. Steve

Der Briefkopf trug ein Symbol mit dem Namen Area 51. Das hatte sie schon mal auf einem Schild gelesen. Das war auf dem alten Militärgelände, ein paar Kilometer vor den Toren Welterscheids, in Richtung Prüm.

Geschäftsbeziehung? Fotos? Öffentlichkeit? War man hier den Bewohnern von Zimmer 69 auf der Spur?

Plötzlich drangen von draußen Stimmen herein. Sie erkannte das feuchte Lispeln des Kommissars. Omma Brock maß mit den Augen das einzige Fenster des Raumes ab. Ja, könnte klappen.

5. Kapitel

von Carsten Sebastian Henn

Und morgen geht es zur Hostienbäckerei. Wer da popelt kommt zu Luther in die Hölle!« Kaplan Unkel machte ein ernstes Gesicht, und die frechen Früchtchen lachten. Es würde also wieder ein Debakel geben. Milky Way im Hostien teig, Capri-Sonne im Ofen, und die Popel von Ralf Jöttel-mann, genannt Rallef, auf den Türklinken, den Verpackungen, den Mehlsäcken, na ja, eigentlich überall. Vollgepopelte Hostien waren sogar in den Vatikan geliefert worden. Und jetzt hatte der Papst abgedankt. Kein Wunder! Und alles dank Rallef Jöttelmann aus Welterscheid.

Unkel verstand nicht, wie eine einzige Nase so viele Popel produzieren konnte. Sie musste noch Nebenkammern haben. Sowie einen Vorratsraum. Mit angeschlossenem Popelflöz.

»Und jetzt ab! Vergesst nicht schön Gottes Liebe ist wie ein Weizenkorn zu lernen. Und nein, Horst-Hubert, ich weiß, was du sagen willst, aber damit ist nicht der Schnaps gemeint.«

»Menno! Unkel-Furunkel, Unkel-Spelunkel!«

Die lieben Kleinen, immer lustig und zu Späßen aufgelegt. Er hatte sie so lieb. Wenn nur die Popel nicht wären. Mit langen Fingern schloss er die Tür des Pfarrhauses hinter ihnen.

Das heißt, er versuchte es.

Ein Fuß tauchte plötzlich in dem Spalt auf. Ein Fuß von der Größe eines kleinen Elefanten. Und dieser hatte miese Laune.

»Kaplänchen«, donnerte die Stimme von Omma Brock. Sie bezeichnete sich selber als die gute Seele Welterscheids. Dabei wäre sie selbst aus der Hölle wegen miserabler Manieren empört ausgewiesen worden. »Kaplänchen, du hast ja mitbekommen, dass es einen Toten gibt.«

»Ja. Ich werde die Messe für ihn lesen.«

»Schön, mach das, vielleicht wird er davon wieder lebendig. Falls nicht, suchen wir zwei den Mörder. Das heißt eigentlich ich – und du machst die Drecksarbeit. Das ist so bei berühmten Detektiven. Einer ist das Hirn, der andere … die Füße. Du bist meine Füße. Mein Harry. Harry Unkel, Dr. Harry Unkel.«

»Also bitte, ich bin ein Mann des Herrn.«

»Nä, du bist ein Mann der Frau. Der Frau Omma. Und jetzt, Harry Unkel, fahr schon mal den Wagen vor. Und dann ab zu diesem komischen Versuchsgelände, dieser Area 51, von der keiner weiß, was die da treiben. Unser Toter hat da gearbeitet – bis er gefeuert wurde.«

»Aber ich muss doch noch die Messwein-Bestellung aufgeben.«

»Und was die Omma erst alles muss. Wenn ich jetzt nicht schleunigst zurück ins Hotel gehe, bricht da das Chaos aus. Zimmer 69 muss immer prompt bedient werden, sonst laufen die Amok. Und wenn du dich jetzt weigerst, dann schicke ich dir ab jetzt täglich eine Ladung Japanskis auf den Hals. Du weißt ja, dass ich den Schlüssel zur Haustür habe. Die krabbeln dann überallhin. Und die sollen ja nicht so reinlich sein, was das Toilettieren angeht. Außerdem essen die Plätzchen und Kuchen wie die Heuschrecken, und wenn man sie nach Mitternacht fressen lässt …«

»Ist ja gut, ist ja gut. In Gottes Namen, ich werde mich dort umschauen. Aber dann sind wir quitt.«

Omma Brock streichelte Unkel mit einer Pranke über den Mittelscheitel. »Aber sicher doch, Kaplänchen. Kennst mich doch.«

Unkel spürte, wie ein Magengeschwür in seinem Bauch heranwuchs.

Wenn er Glück hatte, würde es ihn schnell und schmerzlos töten.

Das Versuchsgelände lag auf einer Anhöhe, über die der Wind wie ein zahnloser Greis hinwegpfiff. Obwohl die Sonne schien, wie sie es nur im Mai tat, wirkte das von einer mit Stacheldraht gekrönten Betonmauer umgebene Gelände düster. Wie die DDR bei Stromausfall. Es gab sogar vier Wachtürme rundherum, die jedoch nicht bemannt, dafür aber mit Überwachungskameras bestückt waren. Den Eingang bildete ein grau-metallenes Tor, groß genug, dass LKWs hindurchpassten. Area 51 war darauf gesprayt. Ursprünglich war dies eine Militärbasis der US-Amerikaner gewesen. Nach deren Abzug vor ein paar Jahren hatte ein unbekannter Käufer das Gelände erstanden. Und unbekannt zu sein, schien ihm auch weiterhin schwer am Herzen zu liegen.

Unkel parkte seinen alten Opel Kadett direkt davor. Wie sollte er da bloß hineinkommen? Er versuchte es mit Winken. »Hallo, hier spricht die Stimme des Herrn. Also im übertragenen Sinne, nicht wahr! Kaplan Florian Unkel, Seelsorger der Gemeinde Welterscheid. Ich komme, um …«

Ja, warum kam er eigentlich? Die Wahrheit auszusprechen, wäre jetzt keine so gute Idee.

»… um Ihr Gelände zu segnen, ja, das klingt glaubhaft, das nehmen sie mir ab. Ich will Ihr Gelände segnen!«

Ohauerha … Hatte er das gerade wirklich alles gesagt oder nur gedacht?

Das Tor öffnete sich surrend.

Und dahinter sah er … eine Kuh. Die gerade gemolken wurde. Und ziemlich zufrieden wiederkäute. Obwohl sie in Tarnfarben angestrichen war. Jemand stand mit einem Eimer an ihrem Hintern und wartete auf das Erscheinen von, nun ja, von richtig gutem Dünger. Vielleicht war auch etwas Schmutz in die Milch gekommen, und er wollte sie vorsichtshalber noch mal durchlaufen lassen. Nicht weit entfernt fuhr ein Traktor vor und zurück, vor und zurück, immer nur rund einen Meter.

Was ging hier bloß vor sich?

Christlich war das bestimmt nicht.

Ein Mann mit Gummistiefeln stapfte auf ihn zu. Hochgewachsen und schlank, mit Glatze und Designerbrille, doch lässig in Jeans und Hemd – wenn auch beides in so tadellosem Zustand und so passgenau, dass es teurer aussah als mancher Kaschmirmantel.

»Herr Kaplan, freu mich, Sie zu sehen! Ein bisschen Hilfe von oben kann nie schaden!«

Beim Näherkommen erkannte Unkel den Burschen, es war der Stiefvater von Rallef Jöttelmann, dem lebenden Popel-Silo. Leider hatte Florian Unkel keine Ahnung, wie sein Name lautete.

»Stefan Mops«, er streckte ihm die perfekt manikürte Hand entgegen. »Aber alle nennen mich nur Steve. Was führt sie zu uns?«

Unkel holte eine Tupperbox mit Weihwasser aus seiner Ledertasche sowie ein Aspergill, womit dieses versprengt werden konnte. »Segnen … was immer Sie hier … so … tun.«

»Jaha!« Steve Mops strahlte breit. »Das weiß keiner, wir sind Geheimniskrämer. Aber Ihnen kann ich es ja sagen. Wenn Sie nicht vertrauenswürdig sind, wer dann? Willkommen in Silicon Eifel, dem pochenden Herzen der Eifelaner Computerindustrie!«

»Und wer ist die Milz?«

»Bitte?«

»Ach, nichts.«

»Kommen Sie, ich zeige Ihnen, was wir hier machen. Und wir warten nicht, bis es aus Milka wieder herauskommt. Sie müssen nicht so schauen, Milka ist unsere Kuh, sie hat es gefressen. Alles rein wissenschaftlich natürlich.«

In diesem Moment klingelte die Kuh, was einen neben ihr stehenden Mann im Laborkittel dazu brachte, ein zufriedenes Kreuzchen in ein vorher unzufriedenes Kästchen zu machen.

Sie betraten eine der ehemaligen Militärbaracken, die innen komplett mattschwarz gestrichen war. An der Längsseite befand sich ein roter Samtvorhang, davor eine teure, weiße Ledergarnitur. Steve Mops legte einige Sicherungen in einem blechernen Kasten neben der Eingangstür um, und versteckte Spots gingen an, allesamt auf das Zentrum des Vorhangs gerichtet.

»Setzen Sie sich, die Show beginnt!«

Der Vorhang ging ruckelnd auf, die Spots fingen an zu flackern, Also sprach Zarathustra drang aus Boxen – und dann sah Unkel es. Scheinbar hing es in der Luft, ein riesiges Foto dahinter zeigte das Ganze noch einmal in Groß, dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, denn es war sowieso schon gigantisch.

Es war das klobigste, hässlichste, unfömigste Handy, das Unkel jemals gesehen hatte. Der Glöckner von Notre Dame unter den Handys. Seine Form tat den Augen weh, und einen italienischen Designer hätte auf der Stelle der Herztod ereilt. Gespielt wurde nun ein James-Brown-Song: I Feel Good. Doch eine zweitklassige, deutsche Spaßband hatte daraus »Eifel Good« gemacht. Der scheußliche Soundtrack zum Handy.

»Das iPhel5 – Das ultimative Bauernhandy. Unkaputtbar, noch verdreckt voll funktionstüchtig und selbst von den dümmsten Bauern mit den knubbeligsten Fingern zu bedienen. – Das ist natürlich nicht unser offizieller Werbeslogan. Ich gebe Ihnen gleich eins mit, wir sind immer auf der Suche nach vertrauenswürdigen, verschwiegenen Testpersonen. Da kann bei Ihnen ja nix schiefgehen. Wir übernehmen sämtliche Kosten, Sie müssen nur eine Erklärung unterschreiben. Wollen Sie es mal in die Hand nehmen?«

Unkel schüttelte den Kopf. Er wollte eigentlich nicht mal im selben Raum mit diesem Ding sein.

»Ist es nicht ein Prachtstück? Sieht es nicht aus, als wollte es dem Bauern in die Hand springen?«

Ja, aber nur, um diese abzubeißen, fand Unkel.

»Es ist komplett aus V2A-Stahl, damit kann man auch Nägel in die Wand schlagen. Das Display ist aus Panzerglas – übrigens stammen alle Materialien aus der Eifel. Bis auf die aus China. Aber die gemeinden wir einfach ein! Pekingscheidt, die sympathische Kleinstadt in der Osteifel.« Er lachte. Selbst sein Lachen klang gleichermaßen leger wie schick und teuer.

Unkel beschloss, zur Sache zu kommen. »Eben war ich bei einem Todesfall. Es handelt sich um jemanden, der wohl für Sie gearbeitet hat: Eugen Hillerich.«

»Er ist tot?«

»Zumindest hat er das Atmen eingestellt.«

»Oh, Mann.« Steve ließ sich zu Unkel auf das Sofa plumpsen.

»Sie standen sich nahe?«, fragte Unkel.

»Er ist unser Pressesprecher … gewesen. Also Teilzeit, neben seinem Job für den Eifel-Boten. Wir haben ihn entlassen müssen, wegen interner Umstrukturierungen. Aber das schien ihm seltsamerweise gar nicht viel auszumachen. Bei der Entlassung hat er damit geprahlt, dass er Fotos hat, mit denen er richtig Geld machen kann. Seine Zukunft wäre gesichert. Er schien sehr zuversichtlich. Und jetzt das.« Steve Mops schüttelte ungläubig den Kopf. »Na ja, was will man machen. Darauf brauch ich was Starkes. Einen Latte macchiato mit extra Schaum. Sie auch? Und keine Angst, Sie bekommen nicht das Handy, das Milka zu Testzwecken gefressen und verdaut hat. Sie bekommen das Exemplar, das den Jauchegrubentest überstanden hat. Völlig unbeschadet. Man riecht kaum noch was!«

6. Kapitel

von Uwe Voehl

In Gedanken versunken betrachtete Coltella das uralte Schwarzweiß-Foto. Es war fast quadratisch und hatte gezackte, weiße Ränder. War das wirklich schon so lange her? Es zeigte sie und Mauro im Kinderwagen. Ihre Mütter standen stolz daneben. Ihre Mamma und Mauros Mamma. Das musste daheim in Italien, in Perinaldo gewesen sein.

Ein nächstes Foto, immer noch schwarzweiß, zeigte sie und Mauro am Strand von Rimini. Wie alt waren sie da? Fünf oder sechs? Mauro haute ihr eine Plastikschippe über den Kopf. Sie streckte ihm die Zunge raus. Ihre und Mauros Eltern waren jedes Jahr zusammen in Urlaub gefahren. Und sie und Mauro waren immer dabei gewesen. San Remo, Gardasee, Venedig …

Sie schaute wieder auf die Fotos. Ein letztes zeigte sie und Mauro in einer Strandbar auf Capri. Vor ihnen standen große Cocktailgläser mit bunten Flüssigkeiten darin und kitschigen Sonnenschirmchen. Auch sonst wirkte das Foto irgendwie inszeniert. Die rötlichen Kodak-Farben verklärten die Szene wie ein zuckersüßer Hollywood-Traum. Mauro hatte den Arm um sie geschlungen, während sie sich offensichtlich zierte. Aber sie lachte auf dem Foto. Die Scheu war nur gespielt. Damals war sie sechzehn gewesen und sehr schüchtern. Heute überspielte sie die Schüchternheit mit Härte, Strenge und Disziplin. Auch sich selbst gegenüber.

Seufzend legte sie das Foto zu den anderen. Seit damals hatte sie Mauro nicht mehr gesehen. Dass er nun plötzlich wieder auftauchte und noch dazu immer noch so verdammt gut aussah, brachte ihre Gefühlswelt gehörig durcheinander. So als wäre durch ein penibel aufgeräumtes Zimmer plötzlich ein Wirbelsturm gerast. Oder als begänne ein Kühlschrank plötzlich zu tauen.

Ja, dachte sie, im Kühlschrank glüht plötzlich ein Lämp-chen. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.

Die Tür wurde aufgerissen. Clairvaux ohne von, dafür mit zu, knallte die Tür gegen die Wand, als gelte es, alle in ihr tobenden Glückshormone mit einem Mal zu zerschmettern. Leider gelang es ihr nicht, rechtzeitig das noch immer vorhandene Lächeln fortzuwischen.

Clairvaux sah sie erstaunt an.

»Klappe!«, befahl Coltella. »Egal, was Sie gerade sagen wollten, schlucken Sie’s einfach runter, Clairvaux!«

»Aber Sie haben gelächelt! Sie haben mich tatsächlich angelächelt!«

»Wie immer verwechseln Sie Ursache und Objekt, Sie Kretin! Was bringen Sie an schlechten Neuigkeiten? Hat Omma Brock etwa gesehen, wie einer der Japaner den Paparazzo erstochen hat? Und wir müssen jetzt herausfinden, wer von den sechzig es war! Nein, sagen Sie nichts, bitte! Ich weiß es, es ist viel besser: Sie wollen kündigen! Also habe ich doch einen Grund zu lachen!«

Natürlich, sie tat ihm unrecht, und sie wusste es. Aber sie musste einfach Dampf ablassen, um ihre Gefühlswelt zu regulieren.

Mit großen, verwirrten Dackelaugen schaute er sie an.

»Tut mir leid«, entschuldigte sie sich. »Der Tote von gestern ist mir einfach an die Nieren gegangen.« Das war gelogen. Sie konnte ganz gut den Anblick von Leichen ertragen. Es gehörte nun mal zu ihrem Job.

Clairvaux nickte verständnisvoll. »Wir sind alle tief betroffen. Ein Hochzeitsparadies, in das das Grauen einzieht, das ist wie ein Arschtritt aus dem Himmelreich – und das, noch bevor das Joch der Ehe zur Hölle auf Erden wird …« Er verschluckte sich. »Ich meine, mit dir, mit Ihnen würde, ganz im Gegenteil …«

»Fakten, Clairvaux!«, ermahnte sie ihn. Wenn er seine lyrische Phase hatte, half nur die knallharte, verbale Dachlatte.

Er zuckte zusammen. Dann nahm er ihr gegenüber am Schreibtisch Platz. »Von wegen Omma Brock und Japaner!« Er wedelte mit einem aktenordnerdicken Stapel großformatiger Fotos. »Ich habe die ganze Nacht sämtliche Filme der Japse – ich meine: unserer auswärtigen Gäste – ausgewertet. In dem Moment, als die Hochzeitskutsche mit der Braut davonfuhr, haben ja alle wie wild drauflos geknipst. Und jetzt halten Sie sich fest …«

»Ich bin froh, dass Sie nur lispeln und nicht stottern, sonst würde ich wahrscheinlich einschlafen. Soll ich jetzt raten oder was?«

»Der Tote ist …«

»Ja, ich weiß, wie er heißt: Eugen Hillerich.«

»Nein, nein, der Tote ist …«

In diesem Moment wurde abermals die Tür gegen die Wand gedonnert, und ein klapperdürres Gestell betrat das Büro. Ein schwarzer Anzug umflatterte seine hagere Figur. Er sah nicht nur aus wie der Tod, er hieß auch so: Doktor Thaddäus Todt. Und er roch sogar immer ein bisschen danach.

Coltella rümpfte die Nase. Todt war der neue Pathologe. Seit ein paar Wochen verrichtete er seinen Dienst. Manche munkelten, dass er den Toten allzu nahe kam. Auch er schwang einen Stapel Papiere. Etwas stimmte mit ihm heute nicht. Normalerweise war er cool wie ein Karpfen. Jetzt war er so aufgeregt, dass er gleich zur Sache kam, nachdem er auf einen zweiten Besucherstuhl gesackt war. »Das gibt es nicht!«, stöhnte er. »Der Tote ist …«

»Ja, das wollte ich auch sagen: Der Tote ist nämlich …«, fiel ihm Clairvaux verärgert ins Wort.

Coltella verdrehte die Augen. »Wie wär’s, wenn Sie beide Nummern ziehen? Oder einfach eine Nacht darüber schlafen?«

Clairvaux fasste sich und setzte sich kerzengerade: »Die flüchtende Braut kann nicht die Mörderin sein, denn der Tote …«

»Der Tote dürfte eigentlich noch gar nicht tot sein!«, überholte ihn der Pathologe blitzschnell. »Die Stichverletzungen im Rücken sehen übel aus, gewiss, aber sie waren mit Sicherheit nicht tödlich. Es sind keine inneren Organe verletzt worden. Ich habe gesucht und gesucht und nichts gefunden. Auch die relativ geringe Menge des ausgetretenen Blutes schließt aus, dass Hillerich infolge der Stichverletzungen verblutet sein könnte. Ich tippe übrigens auf eine kleine, zierliche Waffe. Vielleicht eine Art Nagelfeile oder so etwas. «

»Jetzt verstehe ich: Sie haben getrunken!« Coltella sah beide scharf an. Sie konnte sich ansonsten keinen Reim darauf machen: Ein Toter, der noch gar nicht tot sein dürfte, während die vermutliche Mörderin nicht die Mörderin war?

Todt sah auf seine Uhr. »Ich hab’s eilig. In der Kantine gibt’s heute mein Lieblingsgericht: Fischstäbchen. Um es kurz zu machen: Ich weiß noch nicht, woran der Mann gestorben ist. Das werde ich herausfinden. Die Stichverletzungen waren lebensgefährlich, keine Frage, tödlich waren sie aber nicht.«

Coltella schlug ganz undamenhaft mit der Faust auf den Tisch. »Maledetto! Ich habe mich selbst vor Ort davon überzeugen können, dass Hillerich tot war.«

»Ja, ich gebe zu, das ist ein Problem. Aber zunächst … wie gesagt, das Mittagessen …«

Und damit war er bereits wieder aus der Tür und hinterließ Coltella die härteste Nuss, die sie je zu knacken gehabt hatte. Sie brauchte jetzt Ruhe. Sie musste allein sein, um nachdenken zu können. Ihr Blick irrte zu Clairvaux. »Was ist mit Ihnen? Gab es noch was?«

»Die Fotos«, sagte er. »Ich habe die ganze Nacht damit zugebracht, sie auszuwerten.« Er klang etwas enttäuscht.

»Ja und?«

»Zum Zeitpunkt, als die Kutsche entführt wurde, lebte Hillerich noch. Er ist auf mehreren der Fotos als Zaungast zu erkennen!«

»Merde! Also scheidet die flüchtende Braut aus!«

»Sag ich doch.« Clairvaux erhob sich. Er gähnte.

Irgendwie tat er Coltella leid. Sie kam sich plötzlich sehr schofelig vor. Er hatte sich die ganze Nacht um die Ohren geschlagen und wahrscheinlich gehofft, ihr mit seiner Entdeckung zu imponieren. Und nun war ihm Todt mit einer anderen Entdeckung zuvorgekommen.