Moretti e Peroni a Napoli (dt!) - Peter Gebhardt - E-Book

Moretti e Peroni a Napoli (dt!) E-Book

Peter Gebhardt

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Beschreibung

Moretti und Peroni in Neapel Ispettore Peroni wird von seinem Vorgesetzten, Questore Brolio, nach Amatrice geschickt. Ein schweres Erdbeben hatte kurz zuvor den beschaulichen Ort in den Bergen des Apennin heimgesucht. Dorthin soll er nun dem Bürgermeister Spendengeld überbringen. Zurück kommt er mit einem Dieb, Pasquale aus Neapel, der dort im Hotel Roma gearbeitet hatte. Brolio will den Mann aber nicht in seiner Stadt haben; so schickt er Peroni in Begleitung seines Partners, Commissario Moretti, nach Neapel, um ihn dort den Kollegen zu übergeben. Erst wollte Moretti so schnell wie möglich wieder zurück, nach Hause zu Lisa. Oder zu Anna oder … Doch das verrückte Leben dort, die Menschen, das Essen, der gute Vino und die hübsche Mariasole lassen ihn nicht los. Peroni unter Zigarettenschmuggler, Moretti und die Geldfälscher, ein aufregendes Wochenende a Napoli. Der Roman "Moretti e Peroni a Napoli" nimmt Sie mit auf eine Reise aus den Bergen in die Metropole Neapel. Unterschiedlicher kann Italien nicht sein. Aber lassen Sie sich überraschen von den Geschichten und den Schauplätzen der jeweiligen Regionen. Eine kurzweilige, weitere Episode der beiden Poliziotti aus Teramo in den Abruzzen, die sich diese Dienstfahrt sicher anders vorgestellt hatten. Die Schauplätze gibt es so natürlich auch in Wirklichkeit, genauso wie die Lokale, in denen die beiden die besonderen Köstlichkeiten der Gegend genießen. Und ob Commissario Mario Moretti dieses Mal seinen ersten Mordfall lösen kann ...

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Seitenzahl: 182

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Peter Gebhardt

Moretti e Peroni a Napoli

Morettis dritter Fall

Ein Abruzzenkrimi

 

 

 

BERG & TAL Verlag

Inhaltsverzeichnis

1. Auftrag für Ispettore Peroni
2. Die Gewalt des Bebens
3. Pasquale, il Ladro.
4. Rettung aus dem Paradies
5. Peroni erfüllt seine Pflicht
6. Peroni in froher Erwartung
7. Brolios Idee
8. Partenza per Napoli
9. Buon appetito
10. Questore Dante
11. Cena a Castellamare
12. Un posto di merda
13. Mariasole
14. Una passeggiata
15. Causa Zigaretten
16. Moretti im Glück
17. Treffpunkt Weihnachtsmarkt
18. Der Plan
19. Amici per sempre
20. Peronis Auftritt
21. Mergelinas Dolce
22. Piastrelle di Sorrent
23. Eine Kleinigkeit
24. Vorbereitungen
25. Tutti insieme

1. Auftrag für Ispettore Peroni

Einige Wochen sind vergangen seit dem schweren Erdbeben in Mittelitalien. Dort, wo die Regionen Umbria, Marche, Abruzzo und Lazio aneinandergrenzen. Das Epizentrum lag bei Amatrice, einst ein malerisches Bergdorf. Es wurde fast vollständig zerstört, genauso wie Arquata, Accumoli und zahlreiche andere kleine Ortschaften, die innerhalb von ein paar Sekunden der Urgewalt zum Opfer gefallen sind. Viele Einwohner und Urlaubsgäste verloren in dieser Nacht ihr Leben, die Überlebenden ihr ganzes Hab und Gut.

Questore Brolio, ranghöchster Beamter der Polizia in Teramo, sitzt an seinem Schreibtisch und sortiert die vor ihm liegenden Geldscheine. Spontan haben die Mitarbeiter der Questura bei ihrem Sommerfest für die Opfer des Erdbebens gesammelt. Eine stolze, vierstellige Summe ist zusammengekommen. Mit dem Geld in der Jackentasche läuft der Questore ein paar Minuten später hinunter in die Kantine. Auf den ersten Blick ist niemand zu sehen, aber aus der Küche hört er eine bekannte Stimme. Er versteht Worte wie „köstlich, hervorragend,“ dann ein langes „mmmmmh, wäre doch wirklich schade.“

Peroni, das kann nur Vielfraß Ispettore Enzo Peroni sein.

Brolio öffnet vorsichtig die Türe zur Küche, geht dabei ein wenig in die Knie und schielt mit einem Auge in Richtung Herd. Peroni sitzt auf dem großen Küchentisch vor dem Herd, umzingelt von Schüsseln und Töpfen. Anna, die Wirtin der Kantine, reicht ihm die Reste vom Vortag, es ist vieles übrig geblieben. Timballo, Lasagne, Parmigiana, Involtini di Melanzana, Grigliata di Verdure, Zucchini, Pomodori, Peperoni und und … Peronis Beine baumeln in der Luft, zu hoch ist der Tisch, oder besser gesagt, zu kurz seine Beine. In der einen Hand hält er ein Stück Kruste der noch reichlich vorhandenen Porchetta, in der anderen ein geröstetes Brot, gut getränkt in Olivenöl, großzügig belegt mit gegrillten Peperoni.

„Buon appetito Ispettore”, ruft der Questore in die Küche.

Peroni springt wie vom Blitz getroffen vom Tisch, salutiert dabei mit der rechten Hand und knallt sich die Schweinekruste an die Dienstmütze, die sich daraufhin zielsicher auf den Weg in einen der Töpfe macht. 

Anna und der Questore müssen bei dem Anblick lachen, Peroni versucht noch im Springen, mit der linken Hand seine Dienstmütze vor der Landung im Tomatensugo zu greifen, rutscht aber auf der Pannacotta aus, die er mit vom Tisch gerissen hat. Die Porchettakruste hält er weiter fest in seiner Hand.

„Presente Questore, aiiiiiiiia, porca miseria, va fanculo.“

Questore Brolio salutiert lachend zurück, nimmt dem Ispettore die Kruste aus der Hand und beißt ein Stück davon ab.

Anna hilft Enzo wieder auf die Beine, der sich nun mit der rechten Hand sein Hinterteil abtastet und dabei furchtbar jammert. Brolio legt das gespendete Geld auf den Küchentisch,

„Ispettore, wenn sie wieder so aussehen, dass man sich ihrer nicht schämen muss, fahren sie nach Amatrice und übergeben das Geld Bürgermeister Baretta mit einem schönen Gruß von mir. Haben sie verstanden, Peroni? Ich kann mich doch auf sie verlassen?“

„È certo, Questore, das Geld ist bei mir so sicher wie bei der Bank von, äh von …,“

„England meinen sie“, hilft Brolio.

„No, Teramo mein ich. Ich habe doch kein Geld in England, oder?“

Der Questore greift sich an die Stirn, fährt sich dann mit beiden Händen durch seine Haare, „England, das ist …, Ispettore, vergessen sie es.“

Peroni salutiert, stampft mit dem Fuß kräftig auf den Boden, die Pannacotta spritzt in alle Richtungen davon.

„Scusi Questore, ich äääh, meine Mütze …“

Peroni zieht seine Dienstmütze aus dem Tomatensugo, überlegt kurz sie aufzusetzen.

„Tun Sie es nicht, Peroni, verschwinden Sie.“

 

 

2. Die Gewalt des Bebens

Am frühen Nachmittag fährt Peroni mit seiner Vespa in der Questura vor. Dem Anlass entsprechend, so erklärte er es seiner Frau Luisa, holte er seine beste Uniform aus dem Schrank. Das letzte Mal als er sie trug, bei seiner Beförderung zum Ispettore, war sie schon sehr körperbetont. Heute ist seine Bewegungsfreiheit allerdings so sehr eingeschränkt, dass sich auf der Fahrt in die Questura bereits zwei Knöpfe mit hoher Geschwindigkeit von seiner Dienstjacke verabschieden.

Er will seine Dienstpistole, die im Safe der Questura liegt, unbedingt anlegen, allein schon der Optik wegen. 

Commissario Mario Moretti spaziert just in diesem Moment seinem Kollegen aus der Questura kommend entgegen. Mit beiden Händen gestikulierend bleibt er vor Peroni stehen, überlegt kurz, wie sein Kollege es wohl geschafft hat, in die Uniform zu kommen, und kann sich dabei ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.

„Was schaust du so blöd“, fährt der Ispettore seinen Kollegen an.

„Scusa Enzo, was hast du vor?“

Peroni rückt seine Krawatte zurecht, „dienstlich Mario, dienstlich. Ein Auftrag von Questore Brolio, persönlich von ihm, an mich, also ich meine …“

„Si si, Enzo, ich hab’s verstanden, ein Auftrag für dich.“

„Si si, für mich allein, so ohne dich, das ist doch persönlich, oder?“

„Enzo, nerv mich nicht.“

Moretti kann sich nur schwer mit dem Gedanken anfreunden, dass der Questore seinem Kollegen und nicht ihm einen Auftrag erteilt hat.

Obwohl, Moretti erinnert sich, einige Dienstanweisungen, die Brolio lieber Peroni erteilt hatte, wohl wissend, dass er die Befehle sicherlich nicht ohne Protest angenommen hätte. Da war vor einiger Zeit zum Beispiel die nächtelange Observierung der Opferstöcke im Dom von Teramo. Erst in der fünften Nacht konnten sie den Dieb beziehungsweise die Diebin stellen. Was allerdings auch nichts brachte, da es sich um eine arme Rentnerin handelte, die bei Peroni im Haus wohnt. Er gab ihr fünfzig Euro und schickte sie nach Hause. Oder die Jagd nach den Wilderern in Brolios Revier. Einer der beiden Wilderer entpuppte sich als Sohn von Morettis Freundin Lisa, auch diese Geschichte konnten sie „regeln“.

Moretti und Peroni sind übrigens in der Abteilung Mord und Gewaltverbrechen beschäftigt.

Mit was hat der Questore wohl Peroni beauftragt? Moretti ist zwar froh, an dieser Causa nicht beteiligt zu sein, aber doch neugierig.

„Wo geht’s denn hin, Enzo?“, will Moretti gespielt gelangweilt mit einer abwerteten Handbewegung wissen.

„Amalfi.“

„Amalfi?“, fragt der Commissario jetzt überrascht interessiert.

„Ja, wo das Erdbeben war, vor kurzem.“

„Ah, und du fährst mit deiner Vespa, na dann, viel Spaß.“

 

Peroni wird verlegen, seine Dienstwaffe will er nun nicht mehr holen, nur sofort weg. Er startet seine Vespa, schnell greift Moretti an den Zündschlüssel und schaltet den Roller wieder aus.

„Spinnst du Mario, ich bin in Eile.“

„Enzo, wir beide gehen jetzt in die Questura, ich zeige dir etwas.“

 

Leise vor sich hin fluchend schleicht Peroni hinter seinem Kollegen her, wischt dabei verlegen immer wieder über seine Uniformjacke, bemerkt jetzt den Verlust zweier Knöpfe und sieht fluchend und kopfschüttelnd Richtung Straße. In der Kantine angekommen bleiben sie vor einer großen Italienkarte, die neben der Türe zur Küche hängt, stehen. Anna kommt grinsend hinzu, Peroni zeigt ihr an, nichts von seinem Missgeschick vom Vormittag zu erzählen.

„Allora Enzo, noi siamo qui”, Moretti zeigt auf die Adriaseite.

Peroni nickt und deutet seinem Kollegen mit einer kreisenden Handbewegung an, was er eigentlich will.

„So und da drüben ist Amalfi.“

„Amalfi?“, fragt Anna und lacht: „Enzo, Amatrice hat Questore Brolio gesagt.“

„Amalfi, Amatrice, meint ihr ich bin …“

Moretti und Anna lachen, Enzo winkt genervt ab: „Ich muss los.“

Der Ispettore lässt die beiden grußlos stehen und holt sich nun doch seine Dienstwaffe aus dem Safe.

Natürlich erzählt Anna ihrem Freund Mario die Aktion seines Kollegen vom Vormittag in der Küche.

 

                                                                                                            Die SS80 führt Peroni hinaus in Richtung L`Aquila; vorbei an Montorio geht es hinein in den Parco Nazionale Gran Sasso e Monti della Laga. Er kennt hier jeden Baum, jeden Berg und jede Trattoria. Er denkt an seinen Freund Moretti, der jedes Mal schmunzeln muss, wenn er, Peroni, Ortsunkundigen einen Weg erklärt. Nicht Entfernungen, Ortsnamen oder Wegweiser sind seine Orientierungspunkte. Nein, Bars, Ristoranti, Trattorie, Osterie oder ein an der Straße liegendes Agriturismo dienen ihm stets als Richtungs- und Entfernungsangabe.

 

Commissario Moretti und Ispettore Peroni sind in ihrer Freizeit oft zusammen in den Bergen unterwegs, in Begleitung von Fila, Peronis Hund. Der Lagotto Romagnolo, ein ausgebildeter Trüffelhund, findet nicht selten das edle Pilzgewächs und gräbt es aus. Peroni, der bis heute bestreitet, dass Fila für die Suche nach der Köstlichkeit ausgebildet wurde, steckt den Trüffel dann anschließend in seine rein zufällig mitgebrachte Jutetasche. Dass sich in der Jutetasche außerdem auch noch ein kleiner Pinsel zum Säubern der Trüffel befindet, ist ebenfalls reiner Zufall. Der Ispettore bekam die damals zweijährige Hündin von einem langjährigen Freund geschenkt. Liberato war der ranghöchste Beamte der Polizia Forestale in L`Aquila. Kurz nach seiner Pensionierung erkrankte er schwer und in Vorahnung seines folgenden Schicksals wollte er seine Fila in guten Händen wissen. Peroni zögerte nicht eine Sekunde, als Liberato ihn fragte, ob er sich um Fila kümmern würde. Eine Woche später verstarb sein Freund.

Commissario Moretti widerspricht seinem Freund nicht, obwohl er selbst von Liberato früher des Öfteren Trüffel geschenkt bekommen hatte. Dabei lobte er seine Fila, noch nie zuvor hatte er eine so erfolgreiche Trüffelsucherin besessen. Liberato war allerdings erlaubterweise in den Wäldern der Abruzzen unterwegs, er besaß eine Lizenz. 

Moretti freut sich natürlich nach den Escursioni mit seinem Freund und Fila auf das Abendessen zu Hause bei den Peronis. Luisa, seine Frau, bereitet dann am selben Abend den Trüffel mit Tagliatelle zu, oder hobelt ihn reichlich über eine gegrillte Tagliata, meistens beides.

 

Der Ispettore greift während der Fahrt immer wieder an seine Jackentasche, vergewissert sich, ob das Kuvert mit dem Geld noch da ist.

Gut dreißig Minuten nach dem Ristorante La Locanda del Cervo geht es rechts ab, eine kurvenreiche Landstraße hinauf zum Lago di Campotosto. Gerade noch begeisterte das steinige Gelände und die weiten Weideflächen der Schafe den Ausblick Peronis, jetzt, kurz nachdem er die imposante Staumauer passiert hat, öffnet sich sein Blick auf das tiefe Blau des Lago di Campotosto. Er ist mit vierzehn Quadratkilometern der größte Stausee Italiens und speist einen großen Teil der Abruzzen mit Trinkwasser. Neugierig sucht Peroni einen Blick auf den gleichnamigen Ort gegenüber zu bekommen. Was wird das Beben hier angerichtet haben? Am Ortseingang steht ein Fahrzeug des Militärs quer auf der Straße, zwei Soldaten, die davor patrouillieren, verbieten ihm die Weiterfahrt. Peroni lässt seine Vespa ausrollen und salutiert auf den letzten Metern zu den Soldaten.

„Buona sera, sono io, Ispettore Peroni.“

Schmunzelnd geben die beiden Uniformierten den Weg frei. Langsam fährt Peroni durch den schwer beschädigten Ort. Mitarbeiter der Protezione Civile, die Vigili del Fuoco und Soldaten des Militärs sind damit beschäftigt, die Gebäude zu sichern. Einheimische sind nicht zu sehen, sie wurden in Sicherheit gebracht, in Hotels und Alberghi an der Küste. Die gute Laune des Ispettore wechselt nun in eine eher nachdenkliche, traurige Betroffenheit. In seinen Gedanken sieht er noch den ruhigen, beschaulichen Ort vor sich, am Ortsausgang grüßt er verhalten den dort stehenden Soldaten zu und fährt hinab nach Amatrice.

Seine Befürchtung bestätigt sich, die Bilder der Zerstörung gleichen sich, als Peroni kurz darauf Amatrice erreicht. Sicherlich, er hatte Bilder im Fernsehen gesehen, aber die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer, als er dachte. Eine unheimliche Stille ist zu spüren, ein Geruch von Bauschutt, Holz, Stein und Sand liegt in der Luft. Die Sicherheitsposten erkennen den heranfahrenden Beamten und lassen ihn passieren.

„Oh Dio“, stammelt Peroni, als er in Schrittgeschwindigkeit der Hauptstraße langsam Richtung Ortskern folgt. Rechts und links von ihm nur eingestürzte Gebäude. Er versucht sich zu erinnern, welche Häuser hier standen, aber seine Augen suchen vergebens nach bekannten Dingen. Ein leichter Wind wirbelt abwechselnd an verschiedenen Stellen Staub auf. Ein paar Männer in Zivil stehen zusammen mit uniformierten Helfern, reden miteinander und deuten dabei auf die Ruinen des einstigen Dorfes. Peroni stellt seine Vespa zehn, zwanzig Meter vor ihnen ab, wechselt den Helm mit seiner Dienstmütze und bringt seine Uniformjacke in eine korrekte Position. Mit schnellen Schritten geht er auf die Gruppe der Männer zu, salutiert.

„Buona sera, Signori.“

Mehr bringt er nicht über die Lippen. Jedes Wort scheint hier unangebracht zu sein, die Eindrücke überwältigen ihn. Er sieht die Straße hinunter, überall Schutt, eingestürzte Häuser, fehlende Hauswände, hinauf bis in den zweiten Stock. Mobiliar, das noch in den Häusern steht, ist zu sehen. Vorhänge, Gardinen, die zerfetzt im Wind flattern, und überall Berge von Ziegelsteinen und Holzbalken. Schwere Räumgeräte arbeiten an verschiedenen Stellen des Ortes. Um sie herum hantieren Helfer der Forestale, Männer der Protezione Civile und viele Mitglieder freiwilliger Feuerwehren aus dem ganzen Land. Mit bloßen Händen, manche auf allen Vieren, graben sie in dem Schutt herum. Sie ziehen alles heraus, was man vielleicht wiederverwenden kann. Es wird sortiert und an einen freigeräumten, überdachten Platz gebracht.

Der Ispettore erinnert sich, erst vor ein paar Wochen war er zusammen mit Moretti hier in den Wäldern auf der Suche nach Steinpilzen, anschließend standen sie hier in einer der Bars und unterhielten sich einige Zeit mit Enzo und Giuseppe. Peroni muss an die beiden Männer denken, was wird aus ihnen geworden sein? Enzo, der Barista, und sein Freund Giuseppe, der Bauer. 

„Salve Commissario, io sono Signor Baretta, il Sindaco. Questore Brolio hat sie angekündigt.“

„Ispettore, solo Ispettore Peroni”, stammelt Peroni.

Der Bürgermeister erkennt die Sprachlosigkeit seines Gegenübers, legt seine Hand auf Peronis Schulter und lächelt.

„Wir sind hier geboren und groß geworden. Und wir werden hierbleiben, mit Gottes Hilfe werden wir unseren Ort wieder aufbauen.“

Peronis Augen glänzen, er zieht das Kuvert aus seiner Uniform. Die Worte, die er sich zurecht gelegt hatte, sind weg. Wortlos übergibt er das Geld, nach ein paar Augenblicken fasst er sich doch ein Herz, „es ist ein Nichts. Wir haben gesammelt, unsere Weihnachtsfeier.“

„Weihnachtsfeier?“, der Bürgermeister schmunzelt.

„Äääh scusi, Sommerfest. Und ich soll sie grüßen, von Questore Brolio.“

„Grazie amico, jeder Cent ist für uns viel Geld. Kommen Sie mit, bleiben sie.“

 

Ein ranghoher Carabiniere, der sich salutierend den Beiden anschließt, erzählt Peroni von den dringlichsten Arbeiten am heutigen Tag. Langsam gehen sie entlang der einstigen Geschäftsstraße. Nur der Kirchturm ragt noch aus den Trümmern der eingestürzten Häuser. Am Ortsrand wurden Zelte des Militärs aufgestellt, hier werden die Einsätze koordiniert. Aus einem Zelt kommt ein appetitlicher Duft von gebratenen Zwiebeln und Speck herüber. Peroni atmet mit einer kreisenden Handbewegung tief ein.

„Griciana e Amatricana, Sie müssen bleiben, Ispettore.“ Der Bürgermeister zieht Peroni in ein weiteres Zelt, in mehreren Reihen sind ungefähr vierzig Feldbetten aufgestellt.

„Es ist nicht das Roma, aber gemütlich“, Sindaco Baretta zwinkert Peroni zu. Der Ispettore kann nicht anders, er will dem Wunsch des Bürgermeisters nicht widersprechen, sieht aber gleichzeitig auf seine Uniform.

„Aber Signore, ich habe nichts dabei.“

Bürgermeister Baretta winkt lachend ab, mit einer ordentlichen Portion Galgenhumor erwidert er dem Beamten, „wir haben alle nichts dabei, sehen Sie, Ispettore, Sie sind einer von uns.“

 

Ispettore Peroni wird sich oft an den Abend erinnern. Die Männer der Hilfsorganisationen, die Soldaten, die Carabinieri, alle sitzen nach Sonnenuntergang zusammen an den Biertischen und reden  über die Geschehnisse der letzten Tage. Jeder will Peroni seine Erlebnisse erzählen, sie wollen und müssen darüber reden. Die Zeltwände sind weit geöffnet, es ist ein warmer Spätsommerabend. Aus einem der Geländewagen erklingt Musik, Volksmusik aus der Gegend. Natürlich kommt das Kulinarische nicht zu kurz, es gibt verschiedene Pasta, gegrilltes Fleisch und Gemüse. Aus einem glänzenden Metallfass werden immer wieder große Keramikkaraffen mit Montepulciano gefüllt.

Der Ispettore erzählt von seinem Auftritt am Morgen in der Kantine der Questura, zur Freude der Anderen. Da Peroni doch regelmäßig irgendwelche Missgeschicke passieren, fährt er nun zur Höchstform auf, er erzählt eine Geschichte nach der anderen. Es wird viel gelacht, die Zeit verfliegt. Ein Mitarbeiter der Croce Rossa bringt einen Trainingsanzug und eine Stofftasche zu Peroni an den Tisch.

„Prego, Ispettore, für die Nacht. Ich habe ihnen Waschzeug und ein Handtuch in die Tasche getan.“

Peroni salutiert und bedankt sich. Ein Blick auf seine Uhr überrascht ihn.

„Oh Signori, so spät schon. Ich halte sie auf, es tut mir leid, aber ...“

„Es ist so schön, ihre Geschichten zu hören“, bedankt sich Sindaco Baretta bei seinem Gast, „lange haben wir nicht mehr so gelacht. Aber Morgen erwartet uns wieder ein arbeitsreicher Tag.“

Etwas wackelig auf den Beinen, der Montepulciano hat seine Arbeit getan, schlängelt sich Ispettore Peroni hinüber zu den Containern, in denen sich die Duschen und Toiletten befinden. Kurze Zeit später kommt er mit seiner Uniform in der Hand wieder heraus, ein paar Männer stehen noch zusammen, eine letzte Zigarette vor dem Schlafen. Das ist dann der Höhepunkt des Abends, der Trainingsanzug ist nun wirklich nicht im Entferntesten der Größe Peronis entsprechend. Er sieht aus wie ein Kugelfisch mit drei Streifen. Alle müssen lachen, einige klatschen Beifall, andere greifen schnell zu ihrem Handy, um Peroni zu fotografieren. Bei all den lustigen, ungeschickten und kuriosen Dingen, die Peroni in seiner Dienstzeit schon passierten, hat er sich eines zugelegt, eine große Portion Selbstironie. Er setzt seine Dienstmütze auf und salutiert.

„Ispettore Peroni, presente.“

 Ludovico, der Junge der Croce Rossa, zieht schmunzelnd seine Schultern nach oben und entschuldigt sich, „scusi Ispettore, ich dachte ...“

„Non preoccuparti, es heißt doch, es passt wie angegossen.“

Ludovico begleitet Peroni zu seiner Pritsche in eines der großen Zelte. Düsteres Licht markiert die Ein- und Ausgänge, im Inneren sind die Schlafstellen gerade noch zu erkennen. Seine Uniform legt Peroni an das Fußende, seine Dienstwaffe unter sein Kissen. Dass sich keine Munition in der Waffe befindet, hat er bis dato noch nicht bemerkt. Die Decke bis über beide Ohren gezogen, in embryonaler Stellung, so will er einschlafen. Müde genug ist er, der Tag war lang und die Fahrt anstrengend. Aber seine Eindrücke im Dorf lassen ihn nicht los. Die Betten sind nun fast alle belegt und so dauert es auch nicht lange, bis der imaginäre Dirigent das Konzert eröffnet. Peroni versucht anhand des Klanges und der Lautstärke des Schnarchens die dazu gehörigen Personen zu identifizieren. Er hebt seinen Kopf ein wenig, in dem düsteren Licht erscheinen die Umrisse der Schlafenden wie ein Gebirge, niedrige und höhere Berge, dazwischen viele rumorende Vulkane, die sich immer wieder mit lautem Grollen erheben und wieder niedersinken. Ah, das da hinten muss der Ätna sein, er überragt die anderen Vulkane eindeutig. Der Ätna, im bürgerlichen Namen Giuseppe Bufala, ist Maschinist einer der großen Bergungsfahrzeuge.

Luisa, porca miseria, wie vom Blitz getroffen fällt Peroni ein, dass er seiner Frau nichts von der Übernachtung hier gesagt hat. Hastig kramt er in seiner Uniformhose, sucht nach seinem Handy. Nun ist er wieder hellwach, steht leise auf und schleicht nach draußen. Eine angenehme, frische Brise kommt ihm entgegen. In Gedanken an seine Luisa, die sich sicher große Sorgen macht, geht er die Straße entlang, immer wieder sieht er auf das Display seines Handys, aber es zeigt ihm kein Netz an. Um auf andere Gedanken zu kommen, versucht er sich zu orientieren, wo war die Bar, wo der Alimentari?  Auf der linken Seite sieht er jetzt auf eine Ruine, hier müsste das Hotel Roma gewesen sein. Der Ispettore bleibt einige Momente regungslos stehen, sortiert seine Gedanken, die dann durch ein undefinierbares Geräusch aus den Trümmern kommend unterbrochen wird.

 „Strano“, denkt er sich und folgt dem Geräusch eine Treppe hinab. Er ärgert sich, die kleine Taschenlampe, die an seinem Schlüsselbund hängt, könnte er jetzt gut gebrauchen. Wieder bleibt er stehen und lauscht, zwischen den herabgestürzten Balken und Brettern, die den Eingang fast gänzlich versperren, hört er ein Kratzen, dann ein Geräusch, das ihn daran erinnert, wenn er zu Hause seine Werkstatt oder seine Garage aufräumt. Vorsichtig steigt er durch das Holz hindurch die wenigen Stufen hinab.

„Permesso, chi è?“, Peroni ist sich sicher, hier ist jemand.

Plötzlich baut sich ein anderes, dem Ispettore bekanntes Geräusch auf und kommt schnell näher und näher. Kein Zweifel, Peroni will zurück nach oben, aber schon bebt die Erde. Der Boden unter ihm zittert, er sucht vergebens Halt, fällt die letzte Stufe hinab. Hinter ihm stürzen Teile der restlichen Hauswand ein und verkeilen sich mit den Holzbalken. Staub, überall Staub, Sand rieselt durch die Deckenbalken herab, Peroni sieht im Reflex nach oben, bekommt den Sand und Staub in die Augen. Er flucht, hält sich die Hände vor das Gesicht. Von draußen ist nichts zu hören, anscheinend sind alle in den Zelten geblieben, ein solches Nachbeben ist nichts Unübliches. Der Staub legt sich, eine unheimliche Stille lässt Peroni für ein paar Sekunden erstarren. Langsam dreht er seinen Kopf von rechts nach links, hebt die Nase etwas an, wie seine Fila, wenn sie einen Trüffel wittert. Es riecht nach Salami, Prosciutto crudo, kein Zweifel, es ist der Vorratsraum im ehemaligen Hotel Roma. Seine Augen schmerzen, brennen, blinzelnd sucht er etwas zu erkennen. Um ihn herum ist jetzt ein leises Knirschen und Knarzen zu hören, Mauerstücke, Steine und Holzbalken sind wieder in Bewegung. Die Augen tränen, der Staub in der Nase brennt, tief atmet Peroni ein und setzt zum Nießen an, doch jemand anderes kommt im zuvor.

„Haaaaatschi.“

„Salute“, wünscht der Ispettore in den dunklen Raum hinein.

„Grazie“, kommt es leise zurück.

„Chi è? Ma chi è?“

„Sono io, Pasquale, e tu?“

 

 

3. Pasquale, il Ladro.

In der Ecke, unter einem Tisch, sitzt jemand, soviel kann der Beamte erkennen. Pasquale, er hält ein Feuerzeug hoch, der karge Lichtschein erhellt sein Gesicht. Peroni kennt den Blick, so schaut nur jemand, der etwas ausgefressen hat.

„Komm raus, du Pasquale, du, bevor ich dich unter dem Tisch herausziehe.“

Vielleicht ist es der ängstliche Blick seiner blauen Augen, seine kleine Gestalt, der Mann sieht eigentlich auf den ersten Blick sympathisch aus. Seine Hände umklammern einen Stoffbeutel, Peroni erinnert sich an seine Schulzeit, in einem solchen Beutel hatte er seine Turnschuhe aufbewahrt. Pasquale krabbelt unter dem Tisch hervor, er lächelt zu dem Beamten, dann erlischt das Feuerzeug.

„Gib her“, befiehlt Peroni. Ihre Hände suchen sich im dunklen, Pasquale trifft den Poliziotto mit dem Feuerzeug in der Hand am Kopf.

„Aiiiaa, idiota, mach Licht.“

„Scusi, hai ragione. Ich habe da hinten Kerzen gesehen, lass mich schauen.“ Pasquale findet ein paar kleine Kerzen auf dem Boden, hebt sie auf und zündet eine nach der anderen an. Der Staub legt sich, ein modriger Geruch vermischt sich mit dem Duft von eingelegtem Gemüse.

„Habe ich gefunden“, erklärt Pasquale seinem Gegenüber, der den Stoffbeutel fixiert. Er sieht Peroni nun vor sich, in seinem Trainingsanzug und muss lachen.

„Hör auf zu lachen oder ich knall dir eine“, raunzt Peroni den kleinen Mann an.

Er reißt ihm den Beutel aus der Hand, greift hinein. Metall und Papier spürt er zwischen den Fingern. Die Hand noch nicht ganz aus dem Beutel gezogen sieht Peroni im Licht der Kerzen eine teure Uhr, Goldketten und einige Euroscheine. Seine Miene verfinstert sich, Pasquale ist ein Plünderer, ein Dieb.

„Pasquale und noch?“

„Pasquale di Gennaro, nato a Napoli.“

Peroni nickt, mit den Händen gestikulierend schimpft er.

„Hör‘ zu, die armen Leute hier haben genug Sorgen, du solltest dich schämen.“

„Du redest ja wie ein Poliziotto.“

„Ispettore, Ispettore Peroni.“

Pasquales Lächeln wirkt erst frech, aber schnell verfinstert sich seine Miene, er kennt den Blick. Er hat Erfahrung mit der Polizia, aber das Outfit lässt ihn doch zweifeln, er will es wissen.

„Wir teilen“, schlägt er dem Beamten vor, „aber ehrlich, metà metà“, fügt er mit einem Zwinkern noch schnell an.

Nun hat Peroni genug, wütend schlägt er mit der rechten Faust Pasquale auf den Kopf. Den Schlag hat er sich gemerkt, von Bud Spencer, der so Dutzende von Angreifern verhaute. Pasquale greift sich mit den Händen an seine Ohren, als möchte er prüfen, ob sie noch dran sind.

„Die reiß ich dir gleich aus, Bandit, ich sperr dich ein.“

„Sind wir doch eh schon ...“, Pasquale grinst.