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Commissario Moretti und sein Partner, Ispettore Peroni, sind in Teramo bei der Polizia di Stato dem Questore Brolio unterstellt. Die Geschichte nimmt nach der alljährlichen Olivenernte, bei der Ispettore Peroni zu viel Vino Rosso und Amari trinkt – wie ebenso alljährlich –, seinen Lauf. Moretti, der seit seiner Stationierung in Teramo vor einigen Jahren noch immer darauf wartet, seinen ersten Mordfall zu lösen, sitzt am Samstag Morgen in der Bar "Grande Italia". Er genießt, wie jeden Tag, seinen Caffè und sieht entspannt den Markthändlern und deren Kunden zu. Peroni findet ihn dort und berichtet ihm, dass er erst vor einer halben Stunde eine Leiche im "Parco Comunale" gefunden hat. Laborix, die neueste Errungenschaft der italienischen Polizei, ein mobiles Laborfahrzeug, das bei den ersten Ermittlungen am Tatort sehr hilfreich sein soll, wird aus Rom herbeigeschafft und zum ersten Mal in Teramo eingesetzt. Ein berühmter Dirigent, eine verschwundene Madonna, Entführung und ein korrupter Staatssekretär bringen das so ruhige Arbeitsleben der beiden Poliziotti gehörig durcheinander. Sogar die Obrigkeiten aus Rom sehen daher mit Interesse auf die beschauliche Provinzhauptstadt Teramo, aus weltlichen und himmlischen Gründen. Eine heitere Geschichte von Tod und Auferstehung, gutem Essen und viel Wein.
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Peter Gebhardt
Ein Abruzzenkrimi
Morettis vierter Fall
BERG & TAL Verlag
„Oh, ich glaube, das wird schwierig“, lallt Peroni, seines Zeichen Ispettore Enzo Peroni, von der Polizia Teramo. Er stützt sich an einer Parkbank ab, schielt schwankend zum nächsten Halt, der fünf, sechs Meter entfernt ist. Enzo fixiert eine Marmorsäule, mit der Büste von Fedele Romani, uno Scrittore e Poeta. Der Ispettore grüßt den Selbigen, salutiert und ruft ihm zu, er solle ihn eventuell bei der Landung unterstützen.
Enzo hatte gestern seinem Freund Tomaso bei der Ernte geholfen, über zweihundert Olivenbäume haben sie geleert.
Die aufgehende Sonne erwärmt schnell den Samstagmorgen, noch ist niemand zu sehen. Während der Begutachtung der vor ihm zu überwindenden Strecke fällt dem Ispettore ein, dass er irgendetwas Wichtiges heute vorhat, aber was? In der Questura vielleicht, sein Partner Mario, nein da war doch nichts, oder? Der in Peronis Augen grinsende Bronzekopf ärgert ihn.
„Verdammt weit weg, der Typ.“
Die Glocken der Cattedrale di Santa Maria Assunta läuten zur Frühmesse, es muss kurz vor sieben Uhr sein, kombiniert der Kriminalbeamte. Luisa, seine Frau, wird sich in den nächsten Minuten auf den Weg machen, in die Kirche, also eine gute Zeit für ihn nach Hause zu gehen.
„Luisa, genau, sie hat mich gestern noch gewarnt, nicht viel zu trinken, weil ich heute irgendwann, irgendwo sein muss, porca miseria“, spricht Peroni zu sich selbst und fährt sich dabei mit beiden Händen durch die Haare.
Am gestrigen Freitagnachmittag waren sie mit der Olivenernte fertig geworden, die anschließende Pressung in der Ölmühle von Ricardo Benelli hatte dann aber gedauert. Es ist ein alljährliches Ritual, das immer den gleichen Ablauf und auch Ausgang nimmt. Tomaso Grillo steuert seinen Traktor, der den Anhänger mit den Oliven und seinen darauf sitzenden Freunden Bippo, Carlo und Enzo zur Ölmühle zieht. Nach einer halbstündigen Fahrt an der Mühle angekommen macht sich Peroni sofort an die Arbeit, den überdimensionalen Grill zu befeuern. Mitten auf dem Hof hat man ihn platziert, einige Holztische und Bänke daneben aufgestellt. Tomaso, Bippo und Carlo diskutieren mit den anderen Bauern, wieviel Öl sich in diesem Jahr wohl aus einhundert Kilogramm Oliven pressen lässt. Das Jahr war gut, ausreichend Wasser und viel Sonne haben die Früchte optimal gedeihen lassen. Keine Öl-Fliege und auch kein Hagelschlag haben dieses Jahr die Früchte beschädigt. Gaetano, der in dieser Woche bereits seine zweite Ladung pressen lässt, berichtet stolz, heuer fünfzehn Liter Öl aus einhundert Kilogramm Oliven zu pressen.
Es wird einige Zeit dauern, bis Tomasos Ernte an der Reihe ist, es geht der Reihenfolge nach, wie die Oliven die Mühle erreichen. Zufrieden mit dem Ertrag, den er im Vorbeigehen noch einmal stolz begutachtet, marschiert Tomaso zu seinem Traktor und holt den großen, reichlich mit Grillgut gefüllten Korb. Peroni hat den Novello, den diesjährigen Vino rosso, auf einem der Holztische positioniert und schenkt jedem, der will, also allen, bereitwillig ein. Sie prosten sich zu, genießen nach getaner Arbeit den ersten Schluck. Peroni schichtet nebenbei eine Handvoll Holzstücke auf die Glut.
„Tomaaa“, ruft er zu seinem Freund, „bring den Korb zu mir, ich werde uns gleich was auflegen.“
Eine Eigenart in den Abruzzen ist das Abkürzen der Vornamen. Da wird aus Tomaso Tomaaaa, aus Ricardo Ricaaa und auch aus dem kurzen Namen Enzo wird Eeeee.
Tomaso stellt den Korb, gefüllt mit Salsiccia, Carne di Pollo, Vitello und Suino, neben dem Grill ab.
„Unser Ispettore“, ruft Ricardo, der Besitzer der Ölmühle, „der wird uns bei der Polizia noch verhungern.“
Das weibliche Geschlecht findet man bei diesem Event eher selten, auch ein Grund, warum Commissario Mario Moretti, der Partner von Enzo Peroni, seit seiner ersten Ernte jeder weiteren fernblieb. Außerdem ist die körperliche Arbeit nach eigener Aussage nichts für den Beamten.
Die Zeit vergeht, erst kurz vor Mitternacht kommen die Oliven von Tomaso und seinen Freunden in große Stahlbehälter, in denen sie gewaschen und von den meisten Blättern und kleinen Ästen getrennt werden. Über ein Förderband gelangen sie unter langsam sich gegeneinander drehende, schwere Mühlsteine, die das Erntegut zu einem dunklen Brei zerquetschen. Ein wohlriechender, grasig herber Duft liegt in der Halle. In der Zentrifuge wird bei dem darauffolgenden Arbeitsgang das Wasser vom Öl getrennt und das Öl anschließend gefiltert. Kurz nach zwei Uhr morgens ist es dann so weit, dunkelgrün, dickflüssig strömt das frische Olivenöl in bereit gestellte Plastikbehälter. Tomaso und seine Freunde ziehen nacheinander schnell einen Finger unter dem Ölhahn durch. Sogleich folgen die ersten Bewertungen. Ein „Mmmmh“, ein langsames, fast ehrfürchtiges Kopfnicken sagt alles aus. Nur Peroni tut sich etwas schwer, das Öl über seinen Finger laufen zu lassen. Er hätte schwören können, dass vor ein paar Stunden nur aus einem Hahn das Öl der anderen Olivenpflücker gelaufen ist, jetzt waren es auf einmal zwei. Außerdem kommt es ihm komisch vor, auch wenn er sich sicher ist, nur einen Finger auszustrecken, es sind immer zwei Finger, die vergeblich das herabfließende Öl suchen. Bippo führt jetzt Enzos Zeigefinger durch das Olivenöl und steckt ihn in seinen Mund, Peroni bedankt sich für die freundliche Hilfe.
„Schmeckt gut, Montepulciano“, lallt er in die Runde.
Am Ende wird das Olivenöl in fünf und drei Liter fassende Blechkanister abgefüllt und auf der Ladefläche des Anhängers verstaut. Die letzte Arbeit war für Peroni allerdings nicht mehr möglich. Zuviel Vino rosso und Amaro, ein wohlschmeckender Kräuterschnaps, haben ihn arbeitsunfähig werden lassen. Die Frau von Tomaso, Erica, ist hinzugekommen, wie jedes Jahr. Sie packt die vier Helden, Enzo, Bippo, Carlo und ihren Mann in ihr Auto und fährt sie nach Hause. Ihr Mann wird erst am Nachmittag seinen Traktor von der Ölmühle holen. Peroni steigt wie immer als Erster am Eingang der Villa Comunale von Teramo aus, ein kleiner Spaziergang durch den Park wird ihm wie jedes Jahr guttun. Meistens legt er sich für eine halbe Stunde auf eine Parkbank.
Peroni will aber heute gleich nach Hause, denn etwas muss er vergessen haben, an das er sich nicht mehr erinnern kann.
Der Ispettore atmet tief durch, steuert wankenden Schrittes die Marmorsäule an, doch das Monument scheint sich gemeinerweise ein paar Schritte zu entfernen, immer just in dem Moment, wenn er es greifen will. Ein kleiner ansatzloser Sprung, dann hat er die Säule fest im Griff, scheinbar. Zu stark ist der Druck, den Peroni dabei ausübt; zusammen mit Fidele Romani schlägt er in die dahinterstehenden Büsche und die niedrigen Rosensträucher ein.
„Idiota“, schreit Peroni Fidele an, fluchend versucht er sich zu erheben, greift in die Dornen der Rosen.
„Verdammt, jetzt beißt der Trottel auch noch.“
Peroni sieht um sich, es ist niemand zu sehen. Er fixiert einen Kleiderhaufen an, keine zwei Meter von ihm entfernt. Es ist ein Anzug, schwarz glänzend, sieht irgendwie nass aus. Peroni sieht zum strahlend blauen Himmel hoch, es ist zwar noch früh am Tag, aber wie schon in den letzten Wochen wird es wieder ein heißer Spätsommertag. Auf allen Vieren krabbelt er auf den Anzug zu.
„Oh Dio“, murmelt er.
Zu sehen ist der Kopf eines Menschen, dann die Hände. Peroni reibt sich die Augen, die ganze Gestalt, nass glänzend, wie in Plastik eingeschweißt. Er greift dem leblosen Körper ins Gesicht. Kein Zweifel, gefroren. Noch einmal klopft er dem Toten auf die Stirn, dann auf den Anzug. Hart, hart gefroren, der ganze Mensch.
„Das glaubt mir keiner. Lieber Gott, das war meine letzte Olivenernte.“
Noch einmal klopft Peroni an den gefrorenen Anzug. Aufgeregt, schwer schnaufend, stützt er sich an dem Toten ab, um hochzukommen. Er rutscht aus, fällt über ihn. Fluchend robbt er auf die Rasenfläche. Sein Kollege Moretti, denkt er, der wird sich freuen, endlich sein erster Mordfall. Was wird Questore Brolio sagen, die Presse. Ein Toter, ein Mord im Park, seine Gedanken fahren Achterbahn. Er hat den Tatort versaut, das muss er sofort ändern. Nur mit großer Anstrengung schafft Enzo es, die Säule wieder an ihrem Platz aufzustellen. Fidele rollt er darunter, die Büste ist zu schwer, er muss sie liegenlassen.
In der nicht weit vom Park gelegenen Questura ist schon viel los. Anna, die Wirtin der Kantine, deckt einige Bistrotische unter einem großen Kastanienbaum ein, dabei sieht sie immer wieder auf ihre Uhr. Sie erwartet Lisa, die ihr dabei helfen will.
Lisa ist die Freundin von Commissario Moretti und betreibt in Umito, unweit von Ascoli Piceno, eine Trattoria. Sie hat Anna, auch die Freundin von Commissario Moretti, ein Zustand, den er schon lange ändern will, zugesagt, einige Vorspeisen vorzubereiten und ihr im Service zu helfen.
Peroni, dem der Schock noch in den Gliedern steckt, läuft aus dem Park hinaus in Richtung Questura. Von dort aus will er seinen Kollegen Moretti verständigen, aber wie er es auch dreht und wendet, er bekommt keinen ganzen Satz zusammen. Wie soll er Moretti sagen, was er im Park gefunden hat. Es wird besser sein, zu ihm nach Hause zu laufen. Peroni überlegt, seine Entscheidung steht aber sofort fest, als er durch die Oleanderbüsche hindurch auf dem Parkplatz der Questura das dortige Treiben sieht. Er sieht Stefano, den Gerichtsmediziner der Questura, dann Anna, die Lisa zuwinkt, die in dem Moment die Questura erreicht. Die vielen Tische, der Lieferwagen einer Getränkefirma, jetzt fällt es ihm wieder ein.
„Sono un idiota“, murmelt er. Noch vor zwei Tagen saßen sein Kollege Moretti und er zusammen mit Stefano bei Questore Brolio und besprachen den heutigen Samstag. Das Innenministerium hatte Brolio benachrichtigt, ihnen die neueste Errungenschaft der italienischen Polizia zu präsentieren: den Prototyp namens Laborix. Ein neun Meter langes, weißes Ungetüm. Auf der Basis eines Wohnmobils wurde ein fahrendes Labor geschaffen. Neueste Technik der Forensik, die es noch am Tatort ermöglicht, alle erdenklichen Untersuchungen durchzuführen. Sogar eine sofortige Obduktion des Opfers ist möglich. Die Besatzung besteht aus einem Fahrer und einem Pathologen oder einem mit der Materie vertrauten Mitarbeiter des Krankenhauses von Rom. Sie sind rund um die Uhr im Schichtdienst abrufbar. Zehn solcher Fahrzeuge sollen nach und nach in den Dienst der Polizia überstellt werden. Commissario Mario Moretti war sehr überrascht, als sein Vorgesetzter Questore Brolio ihn, Stefano, den Pathologen und seinen Kollegen Peroni darüber unterrichtete, dass ihre Questura als erste im Land dieses fahrende Wunderwerk in Augenschein nehmen darf. Der Commissario ist nun schon einige Jahre hier im Dienst und wartet immer noch auf seinen ersten Mordfall, und ausgerechnet in Teramo wird das fahrende Labor vorgestellt. Nicht dass er irgendjemandem wünscht, Opfer eines Verbrechens zu werden, aber manchmal kommt sich Moretti hier etwas deplatziert vor. Oft, nein eigentlich täglich, sitzt er in einer Bar oder bei sich zu Hause vor dem Fernseher und bewundert seine Kollegen in Napoli, Milano oder Palermo, wenn sie den Verbrechern und Mördern auf der Spur sind. Questore Brolio, der sehr gute Beziehungen zum Innenministerium in Rom hat, wollte Moretti nach seiner Ausbildung zum Kriminalbeamten unbedingt in seiner Stadt haben, schließlich legte Moretti seine Abschlussprüfung als Bester seines Jahrganges ab. Eine große Zukunft sagte ihm der damalige Innenminister bei der Vereidigung voraus.
Die Nähe von Mare e Monti hatte Moretti sofort gefallen, als er davon erfuhr, hier in Teramo seinen Dienst antreten zu dürfen. Er ist gerne hier, hat viele Freunde und Bekannte gefunden. Auch den Respekt, mit dem die Menschen ihm hier entgegenkommen, genießt er sehr. „Commissario!“
Er hört es gerne, wenn die Menschen ihn auf der Straße mit seinem Titel ansprechen, auch wenn dann meistens mit einem mitleidigen Lächeln die Frage kommt, wann ihm denn sein erster Mörder ins Netz gehe.
Meistens folgt dann seine Frage mit lachendem Gesicht: „Bald, wollen Sie das erste Opfer sein?“
Peroni will unerkannt schnell weiter zu seinem Kollegen, aber schon hat Lisa ihn gesehen,
„Enzo, wie siehst du denn aus, komm her.“
Peroni ist es sichtlich peinlich, langsam schleicht er zu Lisa.
„Wo warst du? Scusa, aber du siehst aus wie ein Penner und nach Alkohol stinkst du auch.“
„Buongiorno“, ruft Stefano ihm zu, „lass mich raten, Olivenernte?“
„Sì, sì, hat etwas länger gedauert. Aber sag, Lisa, ist Mario zu Hause …?“
Lisa fällt ihm ins Wort: „Wir haben zusammen sein Haus verlassen, er ist in die Bar Italia.“
Peroni dreht sich um und läuft davon. Lisa schüttelt sich, sie weiß zwar von dem Ritual der Olivenernte, Mario war schließlich auch einmal dabei, aber so abgestürzt sah ihr Mario nicht aus.
Peroni saust die Straße hinunter in die Fußgängerzone, völlig außer Atem setzt er sich auf eine Treppe, eine kurze Pause muss sein. Ein kleines Mädchen kommt auf ihn zu, vor dem Ispettore bleibt es stehen und streckt ihre Hand aus. Peroni lächelt und kommt ihr mit seiner Hand entgegen.
„Prego, du Penner“, sagt die Kleine und hält ihm eine Zwei-Euro-Münze hin.
Peroni sucht nach dem Vater der Signorina, der winkt den beiden zu.
Peroni nimmt das Geld, stützt sich an der Hauswand ab und zieht sich nach oben. Er geht hinüber zu dem edlen Spender, lächelt ihn an und macht ihm einen Vorschlag: „Dreh dich um, dann steck ich dir die zwei Euro in den Hintern.“
Der Vater der Kleinen wird feuerrot im Gesicht, nimmt seine Tochter an die Hand und läuft fluchend und schimpfend davon.
„Stronzo“, murmelt Peroni und geht weiter. Er findet seinen Kollegen draußen vor der Bar an einem Tisch sitzend, die Gazetta dello Sport lesend.
„Mario, Mario, komm mit, sofort.“
Moretti sieht zu Peroni, erschrickt und lacht gleichzeitig, „Olivenernte?“
„Mario, ich habe einen Toten getroffen.“
„Aaah, getroffen hast du ihn, wo denn, bei der Ernte?“
„No, no, im Park, komplett tot.“
„Enzo, nerv mich nicht.“
„Ich schwöre, ich habe ihn doch mit eigenen Augen angeschaut, ich meine mit meinen Augen in seine.“
„Allora, Enzo, erschossen, erstochen, erwürgt …?“
„Erfroren, Mario, erfroren.“
Jetzt reicht es dem Commissario, er springt hoch, packt seinen Kollegen und drückt ihn in den Stuhl.
„Maria, un caffè doppio e acqua liscia.“
Die letzten Arbeiten laufen an dem neuen Fahrzeug der Polizia. Es ist ein fahrbares Labor, das in den nächsten Tagen bei einer Rundfahrt in verschiedenen Städten Italiens vorgestellt wird.
Laborix, so der Name des fahrenden Labors, kostet den Steuerzahler stolze zwei Millionen Euro. Übermorgen soll das Fahrzeug in der Questura von Teramo der Presse, einiger Prominenz und der Öffentlichkeit vorgestellt werden.
Salvatore Cappelini, der Fahrer, und Franco Bambola sind die Mannschaft an Bord von Laborix.
Salva, so ruft man ihn, hat mit Medizin nichts zu tun. Er kommt aus der Werkstatt der Questura in Rom. Dort ist er ein Helfer, seine Intelligenz gleicht ungefähr einer Salsiccia, ohne Haut. Wie er den Führerschein jemals bekommen hat, darüber gibt es einige Thesen. Der Schwager besitzt eine Scuola guida, die Schwester ist mit einem Sachverständigen für Straßenverkehr verheiratet. Das sind die wahrscheinlichsten Gründe für den Besitz seines Führerscheins. Man munkelt aber auch, dass er den Führerschein von Franco bekommen hat, dem zweiten Mann im Team. Der arbeitet im Krankenhaus von Rom und bei ihm soll man Führerscheine von soeben verstorbenen Patienten erwerben können, die dann auf den neuen Besitzer umgearbeitet werden.
Franco ist eigentlich ein intelligenter Mann, er hat viele Kurse in Rechtsmedizin absolviert und wurde so für das Labormobil ausgesucht.
Nur manchmal bringt ihn seine Intelligenz auf die falsche Seite des Gesetzes. Die beiden werden gerade auf die letzten Feinheiten eingewiesen, Professor Toto Tolare verabschiedet die beiden Männer und wünscht ihnen eine gute Fahrt morgen, nach Teramo.
„Allora, denken Sie daran, Sie betreuen den ganzen Stolz unseres Hauses. Gehen Sie sorgsam mit Laborix um, wir sehen uns morgen in Teramo.“
Salva und Franco sind ebenfalls mächtig stolz darauf, dass sie Laborix fahren dürfen, außerdem ist die Bezahlung gut.
Sie sitzen in der Kantine, Franco ist am Studieren, er möchte aus der Vorstellung von Laborix etwas Besonderes machen.
„Salva, ich habe eine Idee, bevor wir losfahren, schauen wir bei Ludo vorbei, oder besser gesagt, bei seiner Kundschaft.“
Dottor Ludovico Prella ist der Pathologe im Krankenhaus, zuständig auch für Rechtsmedizin der Justiz.
Salva versteht nur Bahnhof, aber er lacht und ist einverstanden.
Um zwei Uhr in der Nacht treffen sich Salvatore und Franco am Parkplatz des Krankenhauses. Franco ist total verschwitzt und außer Atem.
„Franco, was ist los mit dir?“
„Salva, alles klar, ich habe alles im Griff, wir können fahren.“
Salva überlegt, keine Antwort, auch egal. Die Fahrt beginnt, es geht hinaus auf die Autobahn Richtung Adria. Es ist nichts los auf der Autostrada und so erreichen sie Teramo um halb fünf Uhr morgens. Der diensthabende Poliziotto der Questura begrüßt die beiden.
„Buongiorno, Jungs, das ist also das Monster, fahrt geradeaus vor, neben den Kastanienbaum.“
Im Radio sind die Morgennachrichten zu hören, sie beginnen mit einer kuriosen, makabren Nachricht. Franco und Salva sind gerade mit ihrem mitgebrachten Panino beschäftigt, verfolgen die Nachrichten.
„Wie wir soeben aus der Gemelli-Klinik erfahren haben, ist der Leichnam des gestern verstorbenen Stardirigenten Luis Carnavona gestohlen worden.“
Franco wechselt den Sender, aber auch hier sind die Nachrichten mit dem Diebstahl Carnavonas beschäftigt. Franco schaltet das Radio aus. Der Panino steckt in seinem Hals, er hustet und ringt nach Luft. Salva lacht und deutet auf das Werkzeug im Mobil.
„Skalpell oder Zange?“
Franco packt Salvo am Arm, „komm mit“, schreit er seinen Partner an. Franco zieht Salva an die Kühlanlage von Laborix, öffnet sie.
„Oh je, dem ist aber bestimmt zu kalt“, bemerkt Salva leicht kopfschüttelnd.
„Idiot, das ist der Dirigent.“
„Diri was?“
„Wir müssen ihn loswerden, komm hilf.“
Franco zieht das kleine Männlein, Carnavona wog zum Schluss noch fünfunddreißig Kilo, aus der Gefrierbox.
„Hol die Decke vom Sitz“, befiehlt er Salva.
Unbemerkt bringen die beiden den Leichnam aus der Questura hinaus in den Park und legen ihn hinter die Statue von Fidele Ramoni, dem Poeten.
„Wenn wir fertig sind, holen wir ihn wieder“, erklärt Franco dem immer noch ungläubig schauenden Salvatore.
„Allora, Franco, warum hast du den Musiker mitgenommen?“
„Dirigent, du Idiot. Ich wollte ein Anschauungsmaterial dabeihaben. Ich wusste doch nicht, dass der so berühmt ist. Egal jetzt, komm, wir laufen zurück.“
Roberto und Guido, zwei Obdachlose, haben ihre Schlafstelle hinter dem Materialhaus der Stadtgärtnerei verlassen. Sie amüsieren sich über die Meldung in den Nachrichten, dem Diebstahl des Dirigenten. Roberto trägt sein Radio auf der Schulter direkt am Ohr. Volle Lautstärke, Roberto ist schwerhörig. Sie schlendern, genießen die warme Morgensonne im Park, nahe der Questura. Ihre Habseligkeiten haben sie auf einem Leiterwagen verstaut.
„Buongiorno“, begrüßt Roberto den Dichter Fedele Romani, aber er ist nicht an seinem Platz.
„Guido, Fedele ist weg.“
Guido ist neben die Marmorsäule gegangen, um sich von dem Rotwein der Nacht zu befreien.
„Roberto, du Blinder, wo soll er denn sein? Schau mal, da liegt ein Anzug, leider nicht deine Größe.“
„Ja genau Guido, Fedele, er war der Größte.“
„Mach das Gedudel aus, du bist eh schon taub. Größe habe ich gesagt.“
Guido bückt sich, um das Kleidungsstück zu untersuchen. Minus dreißig Grad, dass hält eine ganze Weile. Guido sieht am Sakko eine Medaille: „Dem Größten aller Großen, Luis Carnavona.“
Guido kombiniert, schmunzelt.
Moretti hat seinen Kollegen Peroni nach Hause begleitet, der immer wieder die Geschichte vom gefrorenen Mann aufgreift. Der Commissario gibt seinem Kollegen einfachhalber Recht, vertröstet ihn aber auf später.
„Enzo, wenn dein Toter aufgetaut ist, holen wir ihn, versprochen. Aber jetzt geh bitte unter die Dusche, ich warte drüben in der Bar auf dich. Und beeile dich, die Prominenz wird bald in die Questura kommen und Questore Brolio will uns sicher dort sehen.“
Beleidigt, schmollend, wortlos, so schleicht Peroni hinauf in seine Wohnung. Moretti geht über die Straße in eine Bar. Die Gäste, einschließlich der Bedienung, stehen vor dem Fernseher. Das Bild Carnavonas ist zu sehen, dazu der Bericht einer Journalistin zu hören.
„Wie wir bisher wissen, ist der Leichnam des großen Meisters in den frühen Morgenstunden gestohlen worden. Es wird nicht ausgeschlossen, dass die Mafia hinter dem Diebstahl steckt. Die Staatsanwaltschaft und die Antimafia haben bereits alle Hebel in Bewegung gesetzt, den Leichnam zu finden. Eine Lösegeldforderung in Millionenhöhe wird erwartet, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft hier in Rom.“
Weiter wird berichtet, dass die angekündigte Beisetzung nicht verschoben werden soll, die Staatsanwaltschaft geht von einem schnellen Fahndungserfolg aus. Brisant dabei ist, dass viele ausländische Persönlichkeiten zu der Trauerfeier erwartet werden. Der Druck auf die Behörden ist dementsprechend groß.
Moretti schmunzelt ein wenig, jetzt werden schon die Opfer gesucht und nicht die Verbrecher, denkt er sich und schafft es dann auch endlich, einen Caffè zu bestellen.
Guido und Roberto sind unterwegs zu Ermano, auf ihrem Leiterwagen haben sie neben ihren Sachen eine auftauende, tropfende Fracht dabei.
Ermano hat ein Fischgeschäft im Centro von Teramo, sieht die beiden kommen und geht vor die Tür.
„Amici, seid ihr fischen gewesen, eure blöden Süßwasserfische mag doch niemand.“
„Ciao Ermano, glaub mir, den Süßwasserfisch mögen viele. Auch wenn er schon ein bisschen stinkt.“
Staatssekretär Giuseppe Gualdini kommt in einem Lancia Thesis in die Questura gefahren. Ihm folgt ein nagelneuer Alfa Romeo Giulia.
Der Fahrer Gualdinis steigt aus dem gepanzerten Thesis und öffnet dem ranghohen Beamten die Türe. Questore Brolio begrüßt ihn, Gualdini war einer der Befürworter, die Questura Teramo als ersten Auftrittsort von Laborix zu wählen, außerdem kennen sich die beiden schon viele Jahre.
„Buongiorno Guido, ich freue mich, hier bei dir in Teramo zu sein.“
Brolio gestikuliert, nach Worten sucht er noch. Er sieht den neuen Alfa, hebt den Daumen: „Ein toller Wagen, der neue Alfa Giulia, soll der für mich sein?“
„Guido, nicht so bescheiden. Nein, wir haben entschieden, dass deine Poliziotti, wie heißen die beiden Flaschen nochmal?“
Der Staatssekretär lacht, die Bezeichnung Flaschen bezieht sich auf zwei Biersorten.
„Moretti und Peroni meinst du. Aber du wirst doch nicht allen Ernstes wollen, dass meine beiden Untergebenen ein nagelneues Dienstfahrzeug bekommen sollen. Wenn Moretti und Peroni nicht wären, könnten wir die Werkstatt hier schließen, die Chaoten können nicht fahren.“
Brolio ist sichtlich aufgeregt, haben doch seine in Mord und Schwerverbrechen arbeitenden Beamte Peroni und Moretti in letzter Zeit erhebliche Schäden an ihrem in die Jahre gekommenen Punto produziert.
„Lass nur Guido, du hast eine so gute Bewertung für die beiden verfasst, da mussten und wollten wir reagieren.“
Brolio bereut den Bericht an das Innenministerium nach Morettis erfolgreicher Arbeit in dem Fall eines Mannes, der jahrelang Rentengeld für seinen bereits vor Jahren verstorbenen Vater bezog.
Die Gäste der Präsentation von Laborix treffen nacheinander in der Questura ein, eine lockere Atmosphäre gibt dem Ganzen einen angenehmen Rahmen.
Professor Tolare mit Gattin Penelope sind eingetroffen. Penelope zählt ungefähr ein Drittel der Lebensjahre ihres Mannes, ist modisch top gekleidet, körperlich auf einhundert Prozent und doof.
Gut zwanzig Mitarbeiter aus der Entwicklung von Laborix, Kriminalbeamte der Forensik und andere hochrangige Beamte des Staates Italien und einige Gäste aus dem Ausland sind nun ebenfalls eingetroffen. Moretti und Peroni kommen langsam die Straße herunter zum Tor der Questura. Anna und Lisa stehen neben dem Tor und beobachten ihr Personal bei deren Arbeit. Diese offerieren den Gästen auf Tabletts kleine Antipasti: Bruschette con pesce, Salsicce, Verdure, Olive e capperi und Getränke. Eine Band mit fünf Musikern begleitet das Ganze mit italienischer Musik aus den vergangenen Jahrzehnten.
Moretti stoppt, er will nicht auf Anna und Lisa treffen. Welche von beiden soll er küssen, Lisa zuerst, dann Anna, oder …?
„Enzo“, fleht Moretti. Der kontert sofort: „Wann wirst du endlich erwachsen, Mario? Entscheide dich endlich, ich sage dir, am Ende bist du allein.“
„Wäre wahrscheinlich das Beste, geh du vor und rede mit ihnen.“
Peroni schnauft tief ein, schüttelt den Kopf, Moretti wartet draußen.
„Ciao Anna, ciao Lisa, ihr habt ja wieder einmal ein tolles Fest organisiert.“
