Moscheen ohne Minarett - Jasmin El-Sonbati - E-Book

Moscheen ohne Minarett E-Book

Jasmin El-Sonbati

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Beschreibung

Kultur- und Islam-Reflexion Ausgangspunkt ist die Migration der Familie im Jahre 1971 von Ägypten nach Europa. Die Autorin blickt auf ihr Leben in der Schweiz jenseits von Kopftuch- und Minarettdiskussion zurück und lässt die Leserschaft daran teilnehmen, wie sie zu der Überzeugung gefunden hat, dass sich der Islam reformieren muss. Es ist eine Innen- und Aussenschau zugleich, in welcher der Islam in Europa und die Migrationserfahrung kritisch reflektiert werden. Obwohl in einem relativ offenen Elternhaus aufgewachsen, musste Jasmin El-Sonbati sich über traditionelles Denken hinwegsetzen. Ihr Lebensweg ist deshalb auch der Weg einer Emanzipation. Politische und gesellschaftliche Ereignisse kurz vor der arabischen Revolution umrahmen die persönlichen Erlebnisse der Autorin. Die Annahme der Minarettverbotsinitiative in der Schweiz im November 2009 gab den Anstoss zu diesem Lebensbericht.

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Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2017

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JASMIN EL-SONBATI

MOSCHEEN OHNE MINARETT

JASMIN EL-SONBATI

Moscheen

ohne 

Minarett

EINE MUSLIMIN IN DER SCHWEIZ

Alle Rechte vorbehalten

Copyright: Zytglogge Verlag, 2017

Lektorat: Hugo Ramseyer

Korrektorat: Monika Künzi, Jakob Salzmann

Umschlagfoto: Helen Aecherli

Gestaltung/Satz: Franziska Muster, Zytglogge Verlag

ISBN 978-3-7296-0816-0

ISBN (ePUB) 978-3-7296-2168-8

ISBN (mobi) 978-3-7296-2169-5

E-Book: Schwabe AG, www.schwabe.ch

www.zytglogge.ch

Inhalt

Prolog

I Lern dieses Volk der Hirten kennen …

Es ist kalt in Helvetien

Wie viel Schule braucht der Mensch?

Und in Helvetien wird es wärmer …

Ägyptisch-österreichische Lebenswelten in der Schweiz

II Gespaltene Jugend

Westöstlicher Diwan

Muslimische Adoleszenz

Drum prüfe, wer sich ewig bindet …

III Tradition und Moderne

Kopftücher und Badeanzüge

Moscheen und andere Gotteshäuser

Ist Allah eine Frau?

IV Reise ins Innere

Islam, wie ich ihn meine

Reflexionen zum Zeitgeschehen

Abschied und Aufbruch

Epilog

Glossar

Über das Buch

Über die Autorin

Prolog

Kairo, Sonntagabend, 18 Uhr. Zuversichtlich und guter Dinge lasse ich den Tag in Gedanken vorüberziehen.

Heute ist Idu l-adha, das islamische Opferfest. Wer sichs leisten kann, fährt an diesem Tag aufs Land oder in die Ferienwohnung an der Nordküste. Man schlachtet ein Schaf und verteilt das Fleisch an die Armen. Ungeniert werden die Opferschafe zwischen hupenden Bussen und Autos zur Schlachtbank getrieben. Die Kinder kriegen neue Kleider, die Angestellten eine Festgabe, der Hausmeister sein Bakschisch. Es ist kühl an diesem 29. Novemberabend 2009. Die Stadt ist leer gefegt, endlich ein wenig Ruhe. Ich bin zu Hause geblieben und wünsche mir Idu l-adha für immer.

Vom Minarett einer naheliegenden Moschee höre ich das Abendgebet ausrufen, per Mikrofon natürlich, raufsteigen tut niemand mehr. Und wie ich so die Abendbrise aufnehme, leuchtet eine SMS auf meinem Handy, zwei Worte piepsen mir entgegen: ‹Minarettverbotsinitiative angenommen›. Draussen ist es rabenschwarz. Die Nacht bricht ein.

Stunden danach. Die Neinsager, zu denen ich gehörte, mussten akzeptieren, was schwerfällt. So funktionieren Demokratien, die wir hoch schätzen und die es hierzulande, im Ägypten des Husni Mubarak, nicht gibt.

Langsam komme ich zu mir und entwickle frenetische Aktivität. Internetportale durchforsten, Al Jazeera und CNN, dann die arabischen und europäischen Tageszeitungen. Schweizer Expats rufen an: «Hast du schon gehört? Wer hätte das gedacht?» Eine Freundin aus Zürich smst verzweifelt: «Sag den Ägyptern, dass nicht alle Schweizer so denken!»

Tja, was sag ich den Ägyptern, morgen, am Tag danach? Ich, die säkulare Muslimin, die gegen religiöse Symbole und Fanatismus ist und die sehr wohl mit einer Moschee ohne Minarett leben kann?

57% der Schweizer Bevölkerung haben die Volksinitiative gegen den Bau von Minaretten angenommen. Und ich befand mich hier in Kairo, weil ich mich entschieden hatte, den regulierten Alltag, den Arbeitsplatz, die Freunde in der Schweiz, all dies ein Jahr hinter mir zu lassen und nach Ägypten zu ziehen. Ich wollte eintauchen in eine Gesellschaft, die ich als Jugendliche verlassen hatte, anknüpfen an Altes, Orte der Kindheit wieder entdecken, zu diesem Land einen neuen, eigenen Zugang finden, im Hier und Jetzt, sehen, wie es sich anfühlt, mit all den Widersprüchen zu leben.

Für mich war diese Reise eine Spurensuche. Ich habe Ägypten als Elfjährige verlassen und kehre als Endvierzigerin zurück, um länger zu bleiben als die üblichen zwei Wochen. Dies also meine persönliche Verortung zum Zeitpunkt der Minarettverbotsinitiative.

Vor meinem temporären Exodus aus der Schweiz, im Juli 2009, war diese Vorlage bereits ein Thema öffentlichen Interesses. Die Ägypter waren erstaunt darüber, warum die liberale Schweiz, Vorbild für Demokratie und Menschenrechte, überhaupt dazu kommt, Minarette zu verbieten. Interessanterweise waren koptische Ägypter, mit denen ich sprach, nicht mit ihren muslimischen Landsleuten einig. Fast mit ein wenig Genugtuung und Schadenfreude nahmen sie zur Kenntnis, dass ein europäisches Land den Islam, von dem sie sich in Ägypten zurückgedrängt fühlten, in seine Schranken wies.

Ich persönlich war davon überzeugt, dass die Initiative zwar knapp, aber mit Sicherheit abgelehnt würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der demagogisch geführte Wahlkampf, in dem alle negativen Islamvorstellungen bemüht wurden, sich durchsetzen würde.

«Der Bau von Minaretten ist in der Schweiz untersagt» soll in der Schweizer Bundesverfassung stehen? Klar – in der Schweiz bestehen Vorbehalte gegenüber dem Islam und den Muslimen. Religiöser Fundamentalismus, Stellung der Frau, Intoleranz lösen Verunsicherung und Ablehnung aus. Und das Unterwandern der Schweizer Rechtssprechung durch Shariagesetze herrscht wie ein Gespenst aus dem fernen Arabien in den Köpfen vieler. Dennoch, an jenem Abend des 29. Novembers 2009 war ich schockiert und enttäuscht, trotz meinem bedingungslosen Bekenntnis zur demokratischen Ordnung der Schweiz. Im Lichte dieser Debatte begann auch ich einen intensiven inneren Dialog zu führen. Es entstand in mir das Bedürfnis, meine eigenen Positionen einer Generalrevision zu unterziehen und auf mein Leben als Muslimin in der Schweiz zurückzublicken. Welchen Weg bin ich gegangen, und wie stehe ich heute in diesen sich zusehends auszuschliessen scheinenden Welten? Hier das Islamische, in das ich hineingeboren wurde, das ich praktizierte, zu dem ich mich immer noch bekenne, aber zu dem ich mittlerweile eine kritische Distanz gewonnen habe. Und dort das Westliche, mit dem ich durch die Migration in die Schweiz und durch meine österreichische Mutter ebenso vertraut war. Wo stand ich in all dem, nach einem halben Jahrhundert Lebenszeit? Nach der Initiative regte sich in mir ein gewisses Unbehagen. Ich gehe nicht so weit zu behaupten, ich fühlte mich in der Schweiz ‹unerwünscht›, aber der Moment des Einhaltens brachte dieses Buchprojekt zutage.

Punkto Beschaffenheit meines bikulturellen ägyptisch-österreichischen und muslimisch-katholischen Hintergrundes bin ich eine Wandlerin zwischen den Welten. Ich pendelte in meiner Kindheit und Jugend und auch noch als Erwachsene zwischen entgegengesetzten Ufern hin und her. Und dabei sehe ich eine verschüttete Brücke. Und ich sehe, dass es wichtig wäre, die verschüttete Brücke wieder aufzubauen, zwischen Hier und Dort, zwischen der islamischen und der nichtislamischen Welt, zwischen konträren Wertsystemen und Vorstellungen.

‹Moscheen ohne Minarett› ist demnach ein Brückenprojekt, ein Dialog. Mein Ziel ist es, als eine unter 400 000 Musliminnen und Muslimen hervorzutreten und darüber zu berichten, wie es war und ist, als Schweizer Muslimin zu leben. Ich kehre dabei bewusst die Metapher der minarettlosen Moschee ins Positive, im Gegensatz zum Intitiativeninhalt. Ich möchte Musliminnen und Muslime in der Schweiz dazu einladen, über unseren Glauben und über die religiösen Symbole kontrovers nachzudenken. Ich mache hiermit den ersten Schritt, indem ich aufzeige, welchen inneren Weg ich beschritten habe, welche Konflikte und Widerstände ich überwinden musste, von muslimischer und nichtmuslimischer Seite. Ich berichte über meine Migrationserfahrung und wie ich mich von der Schweiz aufgenommen gefühlt habe.

Mein Leben als Muslimin in der Schweiz ist keine traumatische Schicksalsgeschichte, in der jemand in die Fänge islamischer Fundamentalisten gerät, hinter Haremsgittern verschwindet, zur Ehe gezwungen oder unter den Tschador verbannt wird. Keine Sensationen also, gänzlich unspektakulär.

Wer bin ich? Ganz einfach: in Wien geboren, in Kairo aufgewachsen und in der Schweiz erwachsen geworden. Eine Schweizer Muslimin. Ich bin eine ‹Seconda›, eine Zweitgenerationsausländerin, eine Zweitgenerationsmuslimin. Als ich geboren wurde, war ich bereits zwei. Durch meinen muslimisch-ägyptischen Vater und meine österreichisch-katholische Mutter bin ich in zwei kontrastierende Welten hineingeboren worden.

An meinem Leben lässt sich keine Typologie ableiten; es verläuft so, wie Leben eben ist, manchmal linear langweilig eintönig, manchmal herausragend fulminant. Und doch vertrete ich eine Religionsgemeinschaft, die in den letzten Jahren immer mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten ist. Nicht immer positiv, nicht immer friedvoll. Umgeben von einem Hauch von Exotik, Schleier, Harem auf der einen Seite und von Ablehnung auf der anderen – Unterdrückung, Zwang, Unfreiheit, Terrorismus, Osama Ben Laden. In der Schweiz lebten Muslime längst vor dem 11. September 2001, wie unsere Familie. Als wir zu Beginn der Siebzigerjahre in die Schweiz kamen, waren Muslime unbekannte Grössen. Man lebte seinen Glauben im Privaten und vertrat in erster Linie einen Staat, eine Heimat. Wir waren Ägypter und Muslime. Heute wären wir wahrscheinlich Muslime und Ägypter. Muslime sind durch die Migrationsbewegungen in Zürich, Genf und Basel, in Wangen an der Aare und im Appenzell, im Wallis und im Baselbiet gelandet, mit dem Anspruch, den Glauben je nach persönlicher Ausrichtung zu leben. Und die Sichtbarkeit und die damit verbundenen Forderungen reiben sich manchmal an bestehendem Recht oder an den hiesigen Kulturtechniken und Gepflogenheiten.

Muslime der zweiten Generation tragen die besten Voraussetzungen dafür, als Übermittler und Brückenbauer aufzutreten; sie stehen in der Mitte, zwischen der Kultur und dem Glauben der Eltern und demjenigen ihrer Umwelt. Ihren Islam, ihr Verhältnis zum Glauben überhaupt, mussten sie in einer nichtmuslimischen Gesellschaft neu definieren. Denn die Übernahme elterlicher Konzepte genügt den Ansprüchen in der Schweiz normalerweise selten. Sie sind es, die sich aufreiben an Althergebrachtem und den Herausforderungen der westlichen Gesellschaft. Dabei sind sie oft einem doppelten Druck ausgesetzt: Die Familie fordert die Aufrechterhaltung der Traditionen, die Aufnahmegesellschaft bedingungslose Anpassung.

Die persönlichen Erfahrungen transparent machen bedeutet auch, Stellung zu beziehen und eigene Haltungen kritisch zu überdenken, um daraus eigenständige Entwürfe zu entwickeln. Den Muslim, die Muslimin gibt es nicht. Muslime vertreten eine Vielfalt von Strömungen, von streng praktizierend über säkular-liberal bis atheistisch.

Mein islamischer Referenzrahmen ist der Islam in Ägypten. Er hat mich geprägt; er ist mir vertraut; ich kann ihn anhand der eigenen Biografie und Familiengeschichte aufzeigen. Die ägyptische Zeitgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Absetzung König Faruks und die Umwandlung in eine Republik sozialistischer Prägung durch Gamal Abdel Nasser im Jahre 1954 habe ich seit meiner Geburt miterlebt und aus der Migration weiterverfolgt. Meine Perspektive als Auslandsägypterin kommt dazu. Profunde Lektüre und persönliche Begegnungen mit ägyptischen Persönlichkeiten haben meinen Horizont und mein Wissen über Ägypten erweitert. Ihr Geist ist in diesem Buch präsent. Ich bin ihnen zu tiefem Dank verpflichtet. Nawal Saadawi, Ärztin, Autorin, Regimekritikerin, Kämpferin für Frauenrechte; Elham Manea, Politologin, Autorin, Islamreformerin; Gamal al Banna, Islamreformer, Universalgelehrter; Nasr Hamid Abu Zaid, Literaturwissenschafter, der für eine wissenschaftliche Koranexegese plädiert; Ala’ al Aaswani, Zahnarzt, Buchautor, politischer Beobachter, Regimekritiker; Salama Ahmed Salama, Journalist staatsunabhängiger ägyptischer Zeitungen; Mustafa Fathi, Radiojournalist, Buchautor, der als Erster einen Roman über einen homosexuellen Ägypter schreibt.

Ich möchte Sie, liebe Leserin, lieber Leser mit meiner Vision in die Lektüre des vorliegenden Buches entlassen:

Wir haben eine neue Moschee gebaut, mit einem Lustgarten und einem prachtvollen Tor. In der Moschee beten Männer und Frauen gemeinsam, die Imamin zelebriert das Freitagsgebet. Und soeben hat eine Muslimin ihre Ehe mit einem Christen segnen lassen. Auch die homosexuellen Musliminnen und Muslime sind willkommen, samt Liebespartner. In der Bibliothek lesen Jugendliche die Schriften von Ibn Sina, Mohammed Abduh und Mohammed Arkoun. Unsere Moschee hat kein Minarett, denn unser Allah braucht keine Steine. Kürzlich hat eine Studentin ein Türmchen gezeichnet, die Namen Allahs in prachtvoller arabischer Kalligrafie als Zierde tragend. Wir sind von ihrer Arbeit begeistert. Und wenn die Baubehörde zustimmt und unsere Nachbarn einverstanden sind, werden wir das Türmchen bauen. Mit Allah hat das gar nichts zu tun, denn, wie gesagt, unser Gott braucht keine Steine.

 

I

Lern dieses Volk

der Hirten kennen …

Es ist kalt in Helvetien

Die Zugstrecke von Wien bis Zürich dauert 10 Stunden. Wien hinter sich lassend tuckert der Transalpin quer durch die österreichische Landschaft, vom flachen Niederösterreich in die Hügel des Salzburgerlandes, um sich schliesslich durch die imposante Bergwelt Tirols und Vorarlbergs seinen Weg in die Schweiz hineinzugraben.

Im Hauptbahnhof Zürich, am Abend eines kalten Novembertags des Jahres 1971, wurden wir abgesetzt. Eine Winterreise wars. Von Kairo aus hatten wir in Wien in der Ein-Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung, Erstwohnung meiner Eltern als junges Paar Ende Fünfzigerjahre, Zwischenstation gemacht. Diese Bleibe ist bis heute unser ‹pied à terre› in Wien. Mein Vater war bereits in die vorläufige ‹Wahlheimat› vorausgereist, um alles Nötige vorzubereiten: eine Wohnung in der Zürcher Agglomeration – Brüttisellen, heute ein Autobahnknotenpunkt – in einem kleinen schmucken Mehrfamilienhaus, wo Kinder zwar auf dem grünen Umschwung spielen konnten, jedoch leise, gesittet und lärmlos.

«Nur für ein paar Jahre, bis …», liess meine Mutter zu Beginn unseres Aufenthalts in der Schweiz verlauten, und es scheint mir rückblickend, als habe sie auf diese Weise versucht, den erlittenen Kulturschock zu überwinden. Es war kalt in Helvetien, und ein weiter Weg aus der ägyptischen Hauptstadt lag hinter uns. Ich war gerade elf Jahre alt und wusste eigenartigerweise bereits, dass die Schweiz ein mit Schokolade übergossenes Paradies war. Ein Abschnitt lag hinter uns und ein neuer sollte gerade erst beginnen.

Es darf ruhig vorweggenommen werden, dass aus den geplanten und von meinen Eltern noch Jahre später mit Hartnäckigkeit postulierten ‹paar Jahren› ein ganzes Leben wurde. Ein permanentes Provisorium. Jeder von uns hatte ein Stück eigenes Leben hinter sich gelassen, mein Vater, meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich.

Da war zunächst einmal unser bisheriges Heim in New Maadi, ein an das Old Maadi, den grünen Vorort im Süden Kairos, angrenzendes Quartier. Ein Haus mit drei Stockwerken à zwei Wohnungen. Wir, die Hausbesitzer, bewohnten eine geräumige, 120 m2 grosse Wohnung im Halbparterre. Von der Küche aus führte eine Treppe in einen kleinen Garten, der in der Megacity Kairo ein unheimlicher Luxus war. Früher, in den Sechzigerjahren, als das Haus von meinem Grossvater und seinem Bruder sozusagen als Familienprojekt erbaut wurde, lag es einsam, aber auch ein wenig prominent, inmitten der unbebauten Wüstenlandschaft. Heute ist es von gigantischen und imposanten Türmen umgeben. Die von meiner Mutter noch liebevoll ans Eingangstor in grüner Farbe lackierte Hausnummer ist längst abgebröckelt: Es ist unscheinbar geworden, das Haus Nummer 19 an der 257. Strasse.

Wie so vieles in Ägypten.

Doch weitaus gewichtiger als der Abschied von materiellen Dingen wie Haus und Herd und Garten wog der Abschied von den Menschen und von der gewohnten täglichen Umgebung. Mein Vater verliess seine Familie, seine Jugendfreunde und Arbeitskollegen; meine Mutter ihre österreichischen, deutschen, amerikanischen und englischen Freundinnen, allesamt mit Ägyptern verheiratet; ich die Deutsche Schule der Borromäerinnen, meine Lehrerinnen und die gleichaltrigen ‹Mischlingskinder›, wie ich eines bin; selbst mein Bruder, gerade erst vier Jahre alt geworden, hatte bereits einen festen Spielkameraden, den Sohn unserer Nachbarn. Wobei ihm wahrscheinlich die Trennung von seinem Dreirad, aus Österreich von meiner anreisenden Tante mitgebracht, am schwersten gefallen sein mag. Er besuchte den deutschen Kindergarten der Borromäerinnen in Maadi.

Meine Eltern waren zum Zeitpunkt unserer Abreise beide berufstätig: mein Vater Apotheker in einem verstaatlichten Pharmabetrieb, meine Mutter Englischlehrerin im Victoria College, einer Art ägyptisches Eton College, zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Eliteschmiede Ägyptens gegründet.

So. Und nun waren wir in der Schweiz.

Gemäss der heute üblichen Bezeichnung wären wir ‹Migranten›, mittlerweile sind wir ‹Schweizer mit Migrationshintergrund›, damals waren wir schlicht und einfach Ausländer. Ägyptische Staatsbürger, ausser meiner Mutter, sie war Österreicherin, deren Pass jährlich bei der Fremdenpolizei mit dem Vermerk ‹Aufenthaltsbewilligung B› gestempelt wurde.

Die österreichische Familie meiner Mutter begrüsste unsere örtliche Veränderung sehr. Schliesslich war die Distanz auf die eingangs erwähnte zehnstündige Zugfahrt geschrumpft. Zwar fuhren wir auch nur einmal im Jahr nach Alt Aussee, aber irgendwie waren wir näher gerückt und vor allem in Sicherheit vor weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen, die ‹dort unten›, wie meine Grossmutter Ägypten bezeichnete, immer auszubrechen drohten. Der Sechstagekrieg von 1967 lag noch nicht so lange hinter uns.

Dass der Kriegsschrecken meinen Grosseltern in den Knochen lag, war verständlich, hatten sie doch am eigenen Leib zwei Weltkriege erlebt. In der Fantasie meiner Grossmutter Resi steckte in allem Ägyptischen eine permanente potenzielle Gefahr; darin drückte sich nach all den Jahren immer noch die Zurückhaltung aus, die sie meinem Vater gegenüber hegte, der ihr doch ihr unschuldiges Mäderl einfach entrissen hatte. Mich haben die fremdenfeindlichen Äusserungen meiner Oma, sosehr ich sie mochte, traurig gestimmt. Es kam darin ein tiefes Misstrauen allem Fremden gegenüber zum Ausdruck, das ich gerade zu Beginn unseres Aufenthalts in der Schweiz sehr stark empfunden habe. Für mich indes war meine ägyptische Heimat sonnig, hell, schattenlos, ein Land, wo ich mich aufgehoben fühlte. Sicherlich hatte mich die nationale Gesinnung von der erhabenen ägyptischen Nation fest im Griff, aber ich war glücklich. Ich war Kind und wuchs in einer heilen Welt auf, aufgehoben zwischen meinen zahlreichen Tanten und Onkeln, Cousins und Cousinen, Freundinnen und Spielgefährten. Sogar die Ordensschwestern der Deutschen Schule der Borromäerinnen, oft Ursache lebenslanger Neurosen, liebte ich heiss. Und nun waren wir also in der Schweiz, wo alles ganz anders war. Sauber, geordnet, still. Im Grunde genommen perfekt; wenn man jedoch von Kairo kommt, dann können zu viel Sauberkeit, Ordnung und Stille schwer lasten.

Am Zürcher Bahnhof wurden wir von vertrauten Gesichtern empfangen, Freunde meiner Eltern, gleiche Konstellation: sie Österreicherin, er Ägypter und Apotheker. Sie waren schon länger in der Schweiz wohnhaft und hatten meinem Vater seine erste Stelle als Apotheker besorgt. Ich bin ihnen noch heute dankbar, dass sie uns damals abgeholt haben; durch ihre Anwesenheit an jenem kalten Novembertag in dieser unheimlichen Bahnhofshalle waren wir sofort irgendwie vernetzt. Als wir dann einige Zeit später in der Küche unserer neuen Vierzimmerwohnung sassen, stellte sich eine Vertrautheit ein. Wir waren angekommen. Doch sie gingen wieder fort an jenem Abend. Wir waren uns selber überlassen. Und es galt, sich gleich anderntags in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Im wahrsten Sinne des Wortes. Gerade erst hatten wir eine Reise hinter uns gebracht, und schon sollte die nächste beginnen.

Wie viel Schule braucht der Mensch?

Ich war elf Jahre alt, als wir in die Schweiz übersiedelten; was meine ‹Schulbiografie› anbelangt, hatte ich immerhin schon einiges hinter mir. Und zwar seit dem Kindergartenalter. Den ersten Kindergarten besuchte ich in Wien, im Alter von vier Jahren. Da ich durch die ständige erwachsene Umgebung Gefahr lief, nicht wirklich Kind zu sein – ich hatte offenbar schon altkluge Allüren entwickelt –, wurde ich in einen Kindergarten gesteckt, dem zwei ältere ‹Kindergartentanten›, wie es in Österreich hiess, vorstanden. Ich kann mich nur noch an ihre, selbst für die damalige Zeit, unmodisch langen Kleider erinnern.

Lange sollte ich dort nicht bleiben, denn bald verliessen wir Wien – mein Vater hatte sein Pharmaziestudium abgeschlossen – in Richtung Kairo. Dort wurde ich im Alter von sechs Jahren in der 1. Klasse des Victoria College in Maadi, die Schule, in der meine Mutter später unterrichten sollte, eingeschult. Ich blieb ganze sechs Monate in diesem College, bis meine Mutter mit Entsetzen feststellte, dass meine Deutschkenntnisse im Begriffe waren, von der Sprache Shakespeares gänzlich verdrängt zu werden. Dies konnte sie natürlich nicht mit ansehen. Sofort nahm sie mich von der Schule, und von einem Tag auf den anderen holte mich nicht der Bus der englischen, sondern derjenige der deutschen Schule der Borromäerinnen ab, wo ich das restliche Jahr noch im obligatorischen Kindergarten absitzen musste. Der Begriff ‹Kindergarten› war total falsch besetzt. Denn anstatt, wie heutzutage üblich, die Umwelt spielerisch zu entdecken, büffelten wir schon fleissig das Abc und übten uns in Rechnungsaufgaben. Während den Stunden sassen wir gehorsam rund um einen Tisch, den Anweisungen einer der ‹lieben Schwestern›, der unterrichtenden Nonne, folgend.

Mit einem ordentlich bepackten Rucksack an Disziplin und in der Entgegennahme von Anweisungen beflissen kam ich dann endlich in die erste Klasse der gleichnamigen Schule.

Nach vier Jahren erfolgte der nächste, diesmal interkontinentale Schulwechsel, und zwar in die Dorfschule nach Alt Aussee, in der nicht nur meine mütterliche Familie, sondern Generationen von Alt Ausseern die Volksschule absolviert hatten. Als sich nämlich der Ortswechsel in die Schweiz abzeichnete, verbrachten wir zunächst, wie jedes Jahr, unsere Sommerferien in Alt Aussee. Und im September, als meine Spielkameraden wieder in die Schule mussten, wir harrten immer noch in Aussee aus, schickte man mich für ein paar Wochen in die Dorfschule, ‹damit es mir nicht langweilig› wurde. Kaum hatte ich mich in die dörflichen Schulgepflogenheiten eingelebt, ging es ins ‹pied à terre› nach Wien, und selbst am Gymnasium in der Laudongasse im 8. Bezirk fand sich noch eine freie Schulbank für mich. Ich war mittlerweile zur echten Schulglobetrotterin mutiert. Bis zum Zeitpunkt meiner Ankunft in der Schweiz hatte ich also bereits ein bewegtes Schulleben hinter mir. Nunmehr in Brüttisellen, nahm mich meine Mutter kurz nach unserer Ankunft bei der Hand und begleitete mich in die örtliche Primarschule, wie die Grundschule in der Schweiz heisst. Wir platzten mitten in den Unterricht rein, meine Ankunft muss für die Lehrerin völlig unerwartet erfolgt sein, wahrscheinlich hatte es meine Mutter versäumt, mich ordnungsgemäss bei der Behörde anzumelden, und so stand ich also in meinem ersten Schweizer Klassenzimmer. Noch frisch aus der Fremde kommend, trug ich, wie in Österreich üblich, einen Kinderhut. Dieses Kleidungsstück wurde mir zum Verhängnis, denn niemand von uns wusste, dass in der Schweiz nicht Hut getragen wurde. Es trugen ihn nicht einmal die Erwachsenen, geschweige denn Kinder. Die Sensation konnte perfekter nicht sein, die Kinder hatten ihr Gaudi, und ich schämte mich masslos, weil ich auf diese unangenehme Weise aufgefallen war und eine gewisse Zeit mit dem ‹Hutstigma› leben musste. Aber sonst verlief alles reibungslos, ich wurde vom Fleck weg in der 5. Klasse der Primarschule eingeschult. Dass ich noch kein Schwyzerdütsch, wohl aber Hochdeutsch sprach, erschwerte mir ein wenig den ersten Kontakt mit den Mitschülerinnen und Mitschülern, nicht aber den thematischen Einstieg in die Fächer. Im Gegenteil. In Kairo waren wir fachlich viel weiter, ausserdem hatte ich bereits Unterricht in drei Sprachen, Deutsch, Arabisch und Englisch.

Überhaupt war die Schule eine erweiterte Wohnstube. Am Morgen begann der Unterricht um halb neun, meistens wurde er mit einem gemeinsamen Lied eröffnet. Es gab wohl Stühle und Bänke, aber die Atmosphäre war irgendwie wie zuhause: Zeichnungen und Landkarten an den Wänden, Topfpflanzen, sogar ein Aquarium mit echten Zierfischen und eine Truhe mit Spielsachen gabs. Diese Idylle und Häuslichkeit wurde durch das obligatorische Tragen der ‹Finken› unterstrichen. Wir hatten ausser in Handarbeit immer die gleiche Lehrerin. Betrat sie das Zimmer, dann blieben wir sitzen, sie grüsste, und wir antworteten. So einfach. Zur Mittagszeit, also um zwölf, wurden wir nach Hause entlassen, und nach einer zweistündigen Pause kamen wir ausgeruht und von unseren Müttern, wie es in den Siebzigerjahren noch üblich war, wohlgenährt, wieder in die Schule. Sogar die wenigen Hausaufgaben konnten oft schon in der Schule erledigt werden. Für mich war dies der Inbegriff von ‹Laisser-faire›, was mir natürlich ausserordentlich gefiel.

Wie anders war doch meine vorherige Schule gewesen! Ein Ort der Gelehrsamkeit, des Drills und der Ordnung. Schon in der Früh mit dem Fahnenappell – den es in den ägyptischen Schulen übrigens heute noch gibt – standen wir in akkuraten Zweierreihen Spalier, sangen die Nationalhymne und marschierten dann in unsere Klassenzimmer ab. Eine der älteren Schülerinnen assistierte der Direktorin, einer Ordensschwester, beim Hochziehen der Fahne – dies war übrigens eine Ehre –, und wir alle träumten davon, einmal da ‹oben› zu stehen. Die Schule umfasste die erste bis zur zwölften Klasse, wir waren zirka 300 Schülerinnen. Wenn der Lehrer oder die Lehrerin ins Schulzimmer trat, standen wir auf und warteten auf das Sitzsignal. Unsere Unterrichtsräume waren zwar gross, aber kahl und schmucklos. Dadurch, dass wir alle Uniformen trugen, weisse Blusen und blaue Faltenröcke, kam auch eine Anonymität auf, die sich wiederum in der Beziehung mit den Lehrern niederschlug. Ausserdem hatten wir wechselnde Lehrer, nicht nur in jedem Fach, sondern auch von einem Schuljahr zum anderen. Kein Wunder also, dass ich mich in der hiesigen, lockeren Atmosphäre sehr wohl fühlte.

Da ich weder fachlich noch sprachlich Probleme hatte – ausser in Mathematik, das blieb leider bis zur Matura so –, konnte meine schulische ‹Integration› als äusserst gelungen bezeichnet werden. Hätte ich kein Deutsch gekonnt, weiss ich gar nicht, ob ich in eine Fremdsprachenklasse gekommen wäre, ich glaube, so etwas gab es damals nicht. So weit, so gut. Und dennoch hatte der Schuleinstieg für mich einige völlig unerwartete Neuerungen parat, mit denen ich nicht so ohne Weiteres zurecht kam: So war ich das erste Mal in einer koeduzierten Schule; Mädchen und Jungen sassen tatsächlich im selben Schulzimmer, gingen zur gleichen Zeit in die Pause, spielten und sprachen miteinander und hatten womöglich noch den gleichen Schulweg. Nicht, dass es in Ägypten keine koeduzierten Schulen gab, ganz im Gegenteil, nur war ich eben in einer von Ordensschwestern geführten Mädchenschule. Und obwohl ich den Umgang mit Buben kannte – sowohl in meiner ägyptischen Familie als auch im Freundeskreis meiner Eltern, welcher übrigens ausschliesslich bikulturell war –, hatte ich nun Berührungsängste. Jetzt, im Alltag, mit ihnen konfrontiert zu sein, war zu viel. Die Schule war ja immerhin ein offizieller Aufenthaltsort, ein Arbeitsplatz, und da war mir die Unbefangenheit im Umgang mit gleichaltrigen Jungen unmöglich. Es dauerte lange, bis ich diese Scheu überwunden hatte und auf Knaben zuging bzw. ‹von selbst› mit einem Jungen aus der Klasse sprach. Auch noch als Teenager und junge Erwachsene legte ich diese Befangenheit nie ganz ab, wobei sie in dieser Zeit von der Angst meiner Eltern, namentlich meines Vaters, vor ‹zu viel› Kontakt mit dem männlichen Geschlecht geschürt wurde.

Als ich dann zu einem einigermassen unbefangeneren Verhältnis fand, verliebte ich mich auch prompt. Von einem Extrem ins andere, als ob sich die Beziehung zwischen Männern und Frauen nur durch Ausschliesslichkeit definieren würde. Dieses ‹Alles-oder-nichts-Prinzip› in Bezug auf das Verhältnis der Geschlechter hatte ich damals schon sehr verinnerlicht, ich schreibe es dem ägyptisch-islamischen Kulturgut zu, das ich in mir trage.

Mein ‹Auserwählter›, ein wunderschöner Knabe, war blond und hiess Hans. Natürlich wusste er nichts von meiner Schwärmerei, und obschon ersten Annäherunge zwischen Mädchen und Buben üblich waren, was sich in Pausenneckereien äusserte, blieb ich anderen Knaben gegenüber stoisch ungerührt.

Der bezaubernde Hans, der übrigens sinnigerweise eine österreichische Mutter hatte, war also meine erste grosse Liebe. Und wie es sich für eine erste grosse Liebe gehört, war sie unglücklich und unerwidert: Der holde Jüngling würdigte mich keines Blickes. Stattdessen hatte er es auf die Klassenbeauty abgesehen, eine von allen angeschwärmte, zarte, ebenso blonde und langhaarige Elfe, deren Familie – pikantes Detail am Rande – mit eigenem Geschäft und Eigenheim zur ‹Haute Volée› des Ortes zählte. Ich hatte keine Chance. In meiner Fantasie verdrängte ich jedoch meine Konkurrentin schamlos, in meinen Scheinwelten gab es nur Hans und mich. Schliesslich entwickelte sich dank schmachtender Liebeslieder, denen man in Ägypten selbst als Kind unweigerlich ausgesetzt ist, in meinem Unterbewusstsein eine Affinität zu Liebesschmerz. Es sollte nicht der letzte sein.

Ja, und das wohl augenscheinlichste Merkmal in der Schule war die freie Kleiderwahl; ich durfte tragen, was ich wollte. Dieses urplötzlich gewonnene Privileg war für mich so etwas wie die erste bewusste Berührung mit dem Begriff ‹Freiheit› überhaupt. Wenngleich ich das Tragen der Schuluniform nie als belastend empfunden habe, genoss ich es, jetzt selber zu entscheiden. Ich schied somit endgültig aus dem erlauchten Kreis der blauweissen Borromäer-Schülerinnen aus. Und da ich ohnehin die Schule als eine Art erweitertes Wohnzimmer empfand, fühlte ich mich nun durch die Kleidersache wie in der ‹Freizeit›, es war alles so formlos, so unkompliziert, so unbeschwert. Zumindest oberflächlich gesehen.

Tja, und die dritte und letzte von mir als bedeutend eingestufte Veränderung war die Tatsache, dass ich nun einen Schulweg zurückzulegen hatte. Nie zuvor war ich je zur Schule ‹gegangen›, immer nur ‹gefahren› bzw. gefahren worden, mit dem Schulbus, der uns abholte, oder mit dem roten – noch aus Österreich im Jahre 1965 importierten – Mercedes meines Vaters. Mit fast zwölf Jahren hatte ich das erste Mal einen ‹Schulweg›, den ich an drei Wochentagen viermal, an zwei Wochentagen zweimal täglich abschritt. Auch das ‹Sich-auf-den-Schulweg-Machen› bedeutete für mich – wie das Fehlen der Uniform – einen Hauch von Freiheit. Bis anhin hatte ich das Haus nie alleine verlassen, immer war ich in Begleitung einer erwachsenen Person. Lediglich in Alt Aussee, dem Heimatort meiner Mutter, durfte ich allein im Dorfkonsum einkaufen, wohl eher aus Verlegenheit; meine Grossmutter hatte die Angewohnheit, bei ihren Einkäufen jedes Mal etwas zu vergessen, so dass ihr nichts übrig blieb, als mich zu schicken: «Geh, Jasmin, geh ma schnell in Verein, i ho an Butan vergessen.» In Kairo wäre dies unvorstellbar gewesen, erstens weil es sich nicht gehörte, einfach so ‹auf die Strasse zu gehen›, und ausserdem weil man in Ägypten davon ausging, es könnte jederzeit etwas Furchtbares passieren. Einkäufe besorgte bei uns der Hausbesorger, ab und zu gingen wir mit unserer Mutter in die Lebensmittelgeschäfte. Ganz allgemein verliess man das Haus nur mit einem bestimmten Ziel, nicht einfach so. Grundsätzlich galt es, ‹die Strasse› zu meiden, den unsicheren, unstabilen Raum, in dem Unerwartetes, Unvorhergesehenes lauerte. Dass solche Betrachtungen im Grossstadtdschungel Kairo ihre Berechtigung haben, mag verständlich sein. Damals in den Sechzigerjahren war Kairo zwar noch relativ beschaulich und Maadi, unser Wohnort, ein ruhiges grünes Aussenquartier. Nichtsdestotrotz, die ‹Strasse› war negativ besetzt.

In der ägyptisch-arabischen Redewendung ist eine Person ‹von der Strasse› jemand, der beispielsweise unehrlich ist, einen unlauteren Lebenswandel oder ganz einfach schlechte Manieren hat. Natürlich bleiben so die Kinder unter ständiger Kontrolle der Erwachsenen und werden nicht angehalten, sich selbständig zu bewegen und eigene Schritte zu tun. Und dies soll nicht nur wörtlich verstanden werden. Selbständigkeit und Eigenverantwortung zählten nicht zu den obersten Prioritäten der Erziehungsvorstellungen meiner Eltern, zumindest wenn es um Aussenkontakte ging. Auch dort wollten sie die Oberhand behalten. Wie ich später erfahren sollte, erging es anderen Gleichaltrigen aus ägyptisch-europäischen Familien ähnlich, unentwegt wurde erwartet, vor allem von Mädchen, den Aufenthaltsort bekannt zu geben. Ausserdem hatte meine Mutter immer panische Angst, es könnte uns, wiederum mir, etwas passieren. Ich hatte nun also einen Schulweg, den ich ganz alleine zurücklegen durfte. Es war wunderbar, ich fühlte mich unheimlich erwachsen dabei, obwohl der Weg an und für sich nichts wirklich Spannendes zu bieten hatte. Unser Wohnhaus lag direkt an einer Hauptstrasse, und der Autobahnknotenpunkt, zu dem Brüttisellen später werden sollte, war irgendwie schon angelegt. Insgesamt ging ich, nein, schlenderte ich förmlich zirka zwanzig Minuten, entlang der adretten, ordentlichen Häuser, mit sauber aufgeräumten Vorgärten. Ich liebte diesen täglichen Gang zur Schule, eben weil er mich zum ersten Mal in meinem Leben frei machte. Zumindest schnupperte ich am Prinzip Freiheit.

Was den Schulweg ausserdem besonders anregend machte, war die Tatsache, dass ich ab und zu von einem sizilianischen Mädchen abgeholt wurde, das mit mir in die gleiche Klasse ging. Mit der dunkelhaarigen, grossgewachsenen Sizilianerin hatte ich einiges gemeinsam: Auch sie war wie ich keine Einheimische, schlimmer noch, sie war ein ‹Tschinggenkind›, wie Italiener damals genannt wurden. Der lässige Begriff ‹Secondo› kam erst später auf.

Ich vermute, dass ihr an dieser kleinen Freiheit ebenso viel gelegen war wie mir, denn dadurch, dass sie mich von zu Hause abholte, zog sie ihren Schulweg unnötig in die Länge. Während dieses ‹Schulspazierganges› tauchten wir in eine eigene Welt ein, die sich verpulverisierte, sobald wir in der Schule angekommen waren.

Da Annalisa um einiges reifer war als ich, insbesondere in Bezug auf Männer, deren Präsenz sie viel bewusster bemerkte als ich, kam ihr in gewisser Hinsicht die unfreiwillige Aufgabe zu, mich in Geheimnisse der Erwachsenen einzuführen. Es waren Dinge, von denen ich nie im Leben mit meiner Mutter, geschweige denn mit meinem Vater, zu sprechen gewagt hätte. Instinktiv verstand ich, dass es sich dabei um ‹Unanständiges› handelte, was das Ganze umso pikanter machte. So gesehen haftete dem Weg zur Schule auch etwas Klandestines an, das mich unheimlich faszinierte.

So erklärte sie mir eines Tages ziemlich unverblümt und ohne Vorwarnung, aber hinter vorgehaltener Hand, wie es sich so verhält mit der Fortpflanzung. Ich traute meinen Ohren nicht. Was ich da zu hören bekam, überstieg meine kühnsten Fantasien und versetzte mich in einen Angstzustand. Das Zusammensein von Mann und Frau beschrieb Annalisa als karnivore Verzückungen. Aus ihrer blumigen, kein Detail auslassende Schilderung entnahm ich eine Botschaft ganz klar, nämlich, dass ‹es› der Frau unheimlich wehtat.

Ein Psychologe würde aus dieser Aufklärungsstunde mit Sicherheit ein lebenslanges Trauma diagnostizieren. Ich muss jedoch gestehen, dass ich nicht mehr genau weiss, ob ich diese Erläuterungen von ihr erbeten hatte. Möglich ists, weil die ausweichende Antwort meiner Mutter auf die von mir zaghaft gestellte Frage, wie ein Kind auf die Welt käme, mich nicht befriedigt hatte. Als sie nicht mehr weiterwusste und sie mein Bohren sichtlich in Verlegenheit brachte, meinte sie in dem ihr so eigenen Ton: «Das sage ich dir, wenn du grösser bist.» Dass meine Neugierde auf solch traumatische Art befriedigt wurde, damit hatte ich nicht gerechnet. Hätte meine Mutter damals versucht, mir ein wenig entgegenzukommen, wäre mir einiges Unangenehme erspart geblieben. All dies geschah also während unseres täglichen Stelldicheins in Richtung Schule.

Eine andere Begebenheit, bei der ebenfalls Annalisas weibliche Instinkte stimuliert wurden, vollzog sich vor einem mehrstöckigen, für Schweizer Verhältnisse ziemlich heruntergekommenen Gebäude. Dieses wurde ausschliesslich von italienischen Gastarbeitern bewohnt, die allesamt wie auf Kommando, in Unterhemd oder gar mit nacktem Oberkörper, den Balkon stürmten, wenn es ruchbar wurde, dass Annalisa vorbeistolzierte. Und es wurde unweigerlich ruchbar, sei es frühmorgens, zu Mittag oder nachmittags. Von dieser interitalienischen Kommunikation war ich selbstredend ausgenommen, ja, ich empfand die Situation geradezu als peinlich. Denn die jungen Männer riefen Annalisa gewisse Wörter zu, die ich nicht verstand und die sie wiederum mit abweisendem Schulterzucken quittierte. Ehrlich gesagt glaubte ich ihr trotz meiner Unreife nicht; ich merkte, dass sie die Avancen genoss, und ihre vermeintliche Kälte animierte die Herren umso mehr.

Mir brachte dieses Balkongeplänkel den ersten Kontakt mit der Sprache Dantes. Ob damals der Grundstein zu meinem späteren Italienischstudium gelegt wurde? Mag sein. Jedenfalls begegnete ich dabei einem genuinen Stück Italianità.

Soviel also zum Schulweg.

In der Schule habe ich recht schnell Anschluss gefunden. Fachlich gesehen und auch unter den Kindern. Da ich ja Deutsch beherrschte, stand ich um einiges besser da als z. B. meine italienischen Klassenkameradinnen und -kameraden. Natürlich musste auch ich in den Schweizer Schulkanon hineinsozialisiert werden, was aus rein historischer Perspektive eine gewisse Verschiebung der Dimensionen beinhaltete: Noch hatte ich in Kairo gelernt, wie die alten Ägypter vor 6000 Jahren die Pyramiden erbaut hatten, und jetzt, hier in der Schweiz, stand die Gründung der Stadt Zürich mit der Regula-Legende auf dem Schulprogramm. In zeitlicher und inhaltlicher Hinsicht wurde das grandios daherkommende Ägyptische durch das bescheiden Helvetische abgelöst.

Ich besuchte alle Fächer, ausser Religion. Das verstand sich von selbst: Muslimischer Religionsunterricht war genauso eine Unbekannte wie die Muslime. Damals notabene. Meine Eltern waren jedoch durch das plötzlich entstandene Vakuum an Religionswissen nicht sonderlich besorgt. Ich hatte ja in Ägypten an der deutschen Schule der Borromäerinnen im islamischen Religionsunterricht – dieser wurde nach Konfession getrennt durchgeführt – das Elementarste mitbekommen: Ich kannte die fünf Grundsäulen des Islam, konnte die Gebete durchführen und einige kleine Suren des Korans auswendig. In Kairo hatte ich im Ramadan bereits gefastet, das führte ich auch in der Schweiz durch. Des Weiteren wusste ich Bescheid über die Entstehung des Islam, über den Propheten Mohammed, sein Leben und Wirken. Kurz, ich war im Grunde genommen für ein gottgefälliges Leben ausgestattet. Dazu muss ich bemerken, dass meine Eltern, weder meine katholisch erzogene Mutter noch mein muslimischer Vater, je mit sonderlicher Akribie irgendeine der vorgeschriebenen religiösen Pflichten ausführten. Zwar feierten wir Weihnachten und Ostern, das Ende des Fastenmonats Ramadan und das Opferfest Idu l-Adha, aber nicht aus besonderem religiösem Eifer; es handelte sich um Rituale, die sich ganz einfach aus unserer bikonfessionellen Familienstruktur ergaben, mit denen wir vertraut waren und diese mit Freude durchführten.

Jedoch immer klar war das unmissverständliche Bekenntnis zu Gott bzw. zum ‹lieben Gott›, wie er bei uns hiess. Er existierte in unserer Familie, und sein Vorhandensein stand nie zur Diskussion. Sogar mein Vater benützte selten den arabischen Begriff ‹Allah›, nein, auch er sprach vom ‹lieben Gott›, wenn – was selten genug vorkam – Gott zum Thema wurde. Wir redeten überhaupt fast nie über Glauben oder Religion. Wir als Menschen sollten ein anständiges Leben führen, das bestand darin, gut zu sein und Gutes zu tun. Damit war die Sache erledigt. Von einer detaillierten Ausführung oder Praxis von Geboten waren wir total entfernt. Eine anfängliche Nonchalance gegenüber den Dingen des Glaubens, die sich im Laufe der Zeit verändern sollte.

Dieser Prozess lässt sich aufs Erste folgendermassen zusammenfassen: Zu Beginn waren wir Ägypter, allmählich wurden wir zu Muslimen. Ich nehme dies ganz bewusst vorweg, da sich auch in unserer kleinen Familienwelt, zumal nicht im Geringsten religiös konnotiert, die Hinwendung zum Religiösen – in bescheidenem Masse zwar, aber immerhin – aufzeigen lässt.

Nicht nur bei Schweizer Muslimen, auch bei den Muslimen in den Kernländern überlagert die religiöse schrittweise die nationale Identität. Eine aus ihrem Schattendasein herausgetretene Religion hat sich in den Alltag katapultiert, was wiederum zu einem Aufleben oder zur allgemeinen Rückbesinnung, gemeinhin unter dem Begriff ‹Islamisierung› oder ‹Reislamisierung› subsumiert, geführt hat.

Selbst in der Diaspora war dies nun der Fall.

Bedingt durch einen Stellenwechsel meines Vaters, schnürten wir unser Bündel und zogen weiter westwärts. Mit den Schweizer Verhältnissen nun besser vertraut und dabei, uns den hiesigen gesellschaftlichen Gepflogenheiten stückchenweise anzupassen, siedelten wir ins vormals habsburgische Fricktal. Und alles wiederholte sich: Übersiedlung, Umschulung, neue Freunde finden, neuer Ort, neue Wohnung. Und in Helvetien wurde es allmählich wärmer …

Und in Helvetien wird es wärmer …

Unser Leben fügte sich langsam zusammen. Es hatte alles seine Ordnung. Wir waren angekommen: Der Vater arbeitete, die Mutter sorgte für die Familie, der Bruder und ich gingen in den Kindergarten bzw. in die Schule. Wir Kinder sprachen Schweizer Dialekt, unsere Eltern verstanden ihn. Zu Hause herrschten im Sprachgebrauch feste Regeln: Arabisch mit dem Vater; Hochdeutsch, in der österreichischen Färbung, mit der Mutter. Unsere sprachliche Integration in die Schweiz machte uns nie Schwierigkeiten. Uns Kindern gelang es sehr schnell, Mundart zu lernen, schliesslich beherrschten wir ja die Standardsprache. Ich hielt keine Sekunde am Hochdeutschen fest, ich wollte so schnell wie möglich Schwyzerdütsch lernen. Meine Eltern hingegen behielten Hochdeutsch bei. Meine Mutter machte sich oft lustig über einzelne Wörter, oder sie imitierte die berüchtigten ‹ch-Laute›, was mich sehr amüsierte. Für meine Mutter wäre es eine sprachliche Verwirrung gewesen, sich den Dialekt anzueignen. Zudem war sie stolz auf ihr Salonwienerisch – der Alt-Ausseer-Dialekt in einer recht veredelten Version war nur der Sommerfrische vorbehalten. Mein Vater war ebenso wenig begierig darauf, Schweizerisch zu lernen, sein Hochdeutsch war verständlich genug, er hatte ja an der Wiener Universität studiert. Nur ‹Grüezi› und ‹Adieu› sprach er mit einer gewissen Inbrunst aus.

Die Schweizer Eigenheiten und das Schweizer Umfeld taten sich uns nach und nach kund. Meine Eltern waren ja mit österreichischem Landes-Know-how vertraut; aber die Schweiz war gradliniger, exakter. Beispiel Steuererklärung: einmal im Jahr und dazu rückwirkend. Eine schwarze Wolke zog über den Familienhimmel, wenn das dicke A4-Couvert mit der Aufschrift ‹Steuerverwaltung Rheinfelden› seinen Weg in unseren Postkasten fand. «Jetzt kommt die Steuer, oje!» Meine Mutter, die aktive und praktische Frau, die mit beiden Händen anpackte und sich für keine Arbeit zu schade war, verfiel in einen Zustand der Lähmung. Nach anfänglichen Versuchen, sich in bürgerlicher Eigenverantwortung durch die Formulare durchzuarbeiten, gab sie sich geschlagen. Die Deklaration des jährlichen Familieneinkommens wurde ‹ausgelagert›. Und die sonst so sparsame Mutter investierte zwecks Erhaltung ihres Seelenfriedens in einen Steuerberater. Der Vater hatte mit Briefverkehr und Familienadministration nie etwas zu tun, das waren weibliche Ressorts.

Dann der Sonntag, der kein Waschtag sein durfte. In den Siebzigerjahren in der Zürcher Agglomeration, unserem ersten Domizil, schlug sich die Sonntagsruhe im ungeschriebenen Gesetz der Nichtverwendung der Waschküche nieder. Als meine Mutter, in völliger Unkenntnis dieser lokalen Gepflogenheit, an einem warmen Sommersonntag im Vorgarten des Mehrfamilienhauses unsere Wochenwäsche auf einem ‹Stewi› zum Trocknen aufhängte, entsandte ihr der Hausbesitzer auf einem ‹Fresszettel› eine etwas hölzern formulierte Depesche mit der unmissverständlichen Aufforderung: «Sonntags nie!» Nie Wäsche aufhängen. Diese Episode passte perfekt in die Anekdotensammlung, die meine Mutter immer zum Besten gab, um sich über die Kleinlichkeit der Schweizer zu erheitern.

«Dass du ja niemanden in der Schule fragst, was der Vater verdient!», war eine weitere ‹Todsünde›. Lohnfrage wie das Wäscheaufhängen am Sonntag, tabu! Ich weiss nicht, wie meine Mutter dies in Erfahrung brachte, vielleicht war sie selber einmal in ein Fettnäpfchen getreten und gab es in mütterlicher Sorge um meine Integrationskompetenz weiter. In Ägypten waren Geldfragen kein Geheimnis, im Gegenteil. Man brüstete sich damit und wurde bewundert, wenn man viel davon hatte. War man wenig oder gar nicht begütert, was im Ägypten unter Gamal Abdel Nasser eher der Fall war, wurde man bemitleidet. Aber Schweigen über Geld? Niemals. Auch in Österreich sah man das, wie so vieles im Vergleich zur Schweiz, lockerer.

In Sachen Sauberkeit aber waren wir absolut schweizkompatibel.

In der Pünktlichkeit weniger. Die akademische Viertelstunde gehörte zum guten Ton, aber nur im Privaten – nie bei offiziellen Verabredungen. Meine Eltern waren sehr verlässlich, auch ohne Schweizer Gene. Vielleicht ein wenig nachlässiger hie und da, aber das mit sehr viel Charme.

Obwohl wir eigentlich recht gut sozialisiert waren, lebten wir trotzdem nicht ganz hier. Ich weiss, dies ist für Aussenstehende schwierig nachzuvollziehen, aber genau so verhielt es sich. Die Schweizer und das Leben in der Schweiz, die hiesigen Sitten und Gebräuche, wurden von unseren Eltern immer irgendwie aus unserem Leben verdrängt, so als hätte das alles mit uns nicht wirklich etwas zu tun. Wir lebten wie Zuschauer einer Fernsehshow, welche ab und zu, nämlich dann, wenn ihnen der Moderator das Mikrofon reicht, Gelegenheit erhalten, sich mit einer kurzen Phrase zu dem gerade behandelten Thema zu äussern.

Die Schweizer waren grundsätzlich mit Glacéhandschuhen anzufassen, da man nie recht wusste, wie man ihnen begegnen sollte. Bei uns zu Hause kursierte das hartnäckige Gerücht vom ‹vorsichtigen und undurchsichtigen Schweizer›, wobei es nicht darum ging, ‹ihm› unlautere Absichten zu unterstellen, ganz im Gegenteil. «Die Schweizer sind korrekt», bemühte sich mein Vater bei jeder Gelegenheit zu betonen, also hatten wir nicht zu befürchten, von ihnen über den Tisch gezogen zu werden, aber im gleichen Atemzug kam auch die eher bewundernde, fast schon ein wenig kleingläubige Äusserung daher: «Die Schweizer sagen nie, was sie denken.» Und deswegen galt es im Umgang mit ihnen, stets auf der Hut zu sein. Die Schweizer Seele wurde von meinen Eltern so gezeichnet, als kenne sie keine Höhen und Tiefen, korrekt eben, neutral, undefinierbar, rätselhaft. Diese vermeintliche Zurückhaltung wiederum verlangte dem Nichtschweizer, eben unsereins, ungeheure empathische und intellektuelle Kapazitäten ab, musste er doch die wahre Schweizer Botschaft erkennen und diese dann zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen.