Mosellas Erbe - Jette Stern - E-Book

Mosellas Erbe E-Book

Jette Stern

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Beschreibung

Im Moselstädtchen Cochem geht's wieder mörderisch zu! Der zweite Fall für Steffi Schmitz und Eva Engel Alljährlich wird im Gewölbekeller der Reichsburg einer verdienten Persönlichkeit die höchste Auszeichnung der Stadt verliehen – der Wappenteller. Doch in diesem Jahr wird die festliche Stimmung jäh gestört. Mitten während der Zeremonie bricht der aufstrebende Kommunalpolitiker Martin Lehmann tot zusammen. Scheinbar ein klassischer Managertod. Bei den Gästeführerinnen Steffi Schmitz und Eva Engel regen sich schnell Zweifel an einem natürlichen Ableben – ihr kriminalistisches Gespür ist geweckt. Zwar will zunächst niemand an Mord glauben, denn Lehmann war beliebt und galt als Traumschwiegersohn, doch als die Spurensuche zwischen den pittoresken Fachwerkfassaden gefährlich wird, ahnen die beiden, dass sie einem dunklen Geheimnis näher sind, als ihnen lieb ist.

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Seitenzahl: 203

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jette Stern

Mosellas Erbe

Bisher bei KBV erschienen:

Mosellas Rache

Hinter dem Pseudonym Jette Stern verbirgt sich das Autorinnenpaar Carolin Gilbaya und Ulrike Platten-Wirtz. Beide leben in Cochem an der Mosel.

Carolin Gilbaya, geboren 1978, hat deutsche und englische Literatur- und Sprachwissenschaften studiert und anschließend promoviert. Sie arbeitet als Dozentin. Zahlreiche ihrer Kurzgeschichten wurden in Anthologien veröffentlicht. 2015 war sie für den Deutschen Kurzkrimipreis nominiert.

Ulrike Platten-Wirtz, Jahrgang 1965, ist im Hunsrück aufgewachsen. Sie arbeitet als Journalistin für eine unabhängige Tageszeitung. Seit 2011 schreibt sie Kriminalgeschichten und hat seitdem einige Romane veröffentlicht.

Die Verbundenheit zur Region hat das Duo zu einem neuen Projekt inspiriert.

Jette Stern

Mosellas Erbe

Kriminalroman

Originalausgabe

© 2025 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH

Am Markt 7 · DE-54576 Hillesheim · Tel. +49 65 93 - 998 96-0

[email protected] · www.kbv-verlag.de

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an unsere

Herstellung: [email protected] · Tel. +49 65 93 - 998 96-0

Umschlaggestaltung: Ralf Kramp unter Verwendung von

© emicristea und © neliakott - stock.adobe.com

Lektorat: Doris Oetting, Minden

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-95441-726-1 (Taschenbuch)

ISBN 978-3-95441-733-9 (eBook)

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

Epilog

Nachwort

Wir sollten über Martin reden.

Martin Lehmann hatte nur noch wenige Stunden zu leben. Doch das wusste er zu dem Zeitpunkt noch nicht, als er vor seinem Badezimmerspiegel stand und seine Finger in den Tiegel mit dem teuren Haargel tauchte. Er strich sich damit die Locke aus dem Gesicht und formte mit geschickten Händen eine Tolle, auf die selbst Elvis Presley stolz gewesen wäre. Martin war zufrieden mit dem Ergebnis. Ja, so konnte er sich bei der Verleihung des Wappentellers sehen lassen.

Eines Tages werde ich derjenige sein, der die höchste Auszeichnung der Stadt Cochem erhält, dachte er. Es hatte Tradition, immer am Mittwoch nach dem legendären Weinfest der kleinen Kreisstadt an der Mosel einem verdienten Bürger diese Ehre zuteilwerden zu lassen. Und zwar auf der mittelalterlichen Reichsburg, die zwar im siebzehnten Jahrhundert zerstört, aber – zum großen Glück der Cochemer – zweihundert Jahre später von dem Berliner Eisenwarenhändler Louis Ravené wieder aufgebaut wurde und sich inzwischen zum Besuchermagneten der Stadt gemausert hatte. Martin war sich sicher, dass auch er bald als Preisträger an der Reihe war. Nicht nur deshalb wollte er bei der diesjährigen Verleihung besonders gut aussehen. Er nahm sein beiges Hugo-Boss-Sommersakko vom Kleiderhaken, steckte den Zeigefinger durch die Aufhängeschlaufe und warf es sich salopp über die Schulter. So verließ er, vor Selbstbewusstsein strotzend, das Haus, umgeben von einer Duftwolke. Auch bei seinem Parfüm griff er immer gerne großzügig zu den Kreationen seines Lieblingsdesigners.

Der aus heimischem Bruchstein ausgebildete Gewölbekeller der Cochemer Reichsburg war bereits vollbesetzt, als Martin, ein wenig außer Puste, endlich den Burgsattel erklommen hatte. Dass es nur der Bürgermeisterin und einigen anderen sogenannten Auserwählten gestattet war, ihre Fahrzeuge direkt im Burghof zu parken, ärgerte ihn. Er selbst hatte seinen nagelneuen Tesla nämlich am Schulzentrum, das am Fuß der Burg lag, abstellen müssen und war beim Aussteigen mit seinen neuen hellbraunen Budapestern in eine Pfütze getreten. Jetzt gaben die Schuhe bei jedem Schritt ein schmatzendes Geräusch von sich. Socken trug er selbstverständlich keine. Budapester waren die einzigen Schuhe der Welt, die man bequem auch ohne Strümpfe tragen konnte, fand er. Nicht umsonst kosteten die Dinger ein Vermögen. Sie waren handgemacht und maßangefertigt, das verstand sich von selbst. Auch sein Wagen war eine Spezialanfertigung. Wenn er da später auch nur einen winzigen Kratzer im Lack entdecken würde, dann wäre aber was los. Darauf konnte die Bürgermeisterin sich jetzt schon gefasst machen. Frau Sonnenschein höchstpersönlich würde er nämlich dafür zur Verantwortung ziehen.

Nur zu gerne hätte er etwas gegen sie in der Hand. Jetzt wünschte er sich den Kratzer schon fast. Aber nun war erst einmal Showtime. Martin setzte sein Ich-binein-guter-Mensch-Lächeln auf, als er durch den Saal schritt, nickte majestätisch mal nach rechts und mal nach links. Den Grüß-August zu geben, fiel ihm leicht. Es machte ihm sogar Spaß. Da konnte er schon mal üben, wie es war, wenn er selbst ans Ruder kam, um die Geschicke der Stadt zu lenken. Im Geiste sah er sich nämlich längst als zukünftigen Stadt-Chef.

In einer der hinteren Reihen fuchtelte seine Mitarbeiterin und Parteigenossin wild mit den Armen, um ihm zu demonstrieren, dass sie ihm einen Platz an ihrer Seite freigehalten hatte. Auch wenn ihm die hinteren Ränge eigentlich nicht genehm waren, drängelte sich Martin, ohne sich das anmerken zu lassen, mit einem Lächeln und weiterhin kopfnickend zu seinem Sitzplatz durch und sah sich im Saal um. Alles, was in und um Cochem Rang und Namen hatte, von der neu gewählten Landrätin über den Verbandsgemeindebürgermeister bis hin zur Direktorin des Cochemer Amtsgerichts, war vertreten. In dieser Gesellschaft fühlte er sich wohl. Da passte er dazu. Doch es gab auch unwürdige Gäste. Er entdeckte Eva und Steffi, die beiden Gästeführerinnen, die gerne ihre Nasen in fremde Angelegenheiten steckten. Das hatte in jüngster Zeit sogar schon zur Aufklärung eines Mordfalls geführt. Er wusste zwar nicht, was die beiden hier verloren hatten, denn bei der Wappenteller-Verleihung würde ja nun ganz sicher kein Mord passieren. Er war aber andererseits auch nicht sonderlich verwundert, sie hier zu sehen. Es gab praktisch keine Veranstaltung in Cochem, an der die beiden nicht teilnahmen. Allerdings machten sie diesmal einen wenig entspannten Eindruck. Kaum saßen sie auf ihren Plätzen, sprang die eine auch schon wieder auf.

»Eva, loss mich mol rous. Ich muss off dä Klo«, drängte Steffi Schmitz. Wie immer, wenn sie aufgeregt war, verfiel sie ins Moselfränkische. Eva Engel sah die Freundin fragend an. »Jetzt? Konntest du das nicht zu Hause erledigen?«

»Doch, da war ich auch schon.« Steffi schaute gequält drein.

»Was ist denn los?«

»Ach, der Erwin hat so was Komisches gekocht. Der macht doch demnächst bei so einer Kochsendung im Fernsehen mit, und jetzt probiert er die exotischsten Kreationen aus. Und ich bin das Versuchskaninchen.«

»Echt? Das ist ja cool. Was gab's denn?« Eva war neugierig geworden.

»Än Ungleck gibt's, wenn du mich jetzt nicht sofort hier rauslässt, Eva! Es ist wirklich dringend!«

Erschrocken ließ Eva die Freundin vorbei. Wie ein geölter Blitz schoss Steffi durch den Mittelgang. Im hinteren Teil des Raums führten ein paar Stufen nach oben zu einem Durchgang, der mit schwerem rotem Samt verhangen war. Dahinter befand sich der Zugang zu den Toiletten sowie zu einer kleinen Küche, in der die Speisen für das Rittermahl der Reichsburg zubereitet wurden. Diese Veranstaltung war vor allem bei Touristen sehr beliebt, denn es galt, zu essen wie im Mittelalter. Gäste aus aller Welt hatten ihre Freude daran, die Putenkeulen mit den Händen zum Mund zu führen und anschließend die fettigen Finger in eine Schüssel mit Zitronenwasser zu tauchen.

Steffi schaffte es gerade noch rechtzeitig in eine der beiden Kabinen. »Ui, das war knapp«, stellte sie erleichtert fest. Dass ihr Erwin auch so experimentierfreudig in der Küche sein musste. Einerseits war es ja schön, dass er in seiner Rente nicht wie andere Männer den ganzen Tag vor dem Fernseher saß, sondern lieber seine Frau bekochte. Andererseits stellte es ihren Magen vor immer neue Herausforderungen. Was Steffi allerdings nicht verstand, war, dass Erwins Magen seine Experimente bestens zu vertragen schien. Oder hatte sie einfach mal wieder zu sehr zugelangt? Sie war ja auch echt ein kleiner Nimmersatt.

Steffi betätigte schon mal die Klospülung, obwohl sie das Gefühl hatte, dass da noch was nachkäme. Aber der Geruch ihrer eigenen Absonderung war ihr, gelinde gesagt, jetzt schon unerträglich. Jetzt weiß ich, wo der Ausspruch Das stinkt ja zum Himmel herkommt, dachte sie naserümpfend. Hoffentlich kam hier von den anderen Gästen so schnell keiner rein. Steffi streckte sich, um an den Fenstergriff zu gelangen. Intuitiv hatte sie die Kabine mit Fenster gewählt, was ihr nun zupasskam. Die frische Luft tat ihr gut. Sie blieb noch eine Weile sitzen.

Hoffentlich verpasste sie jetzt nicht die ganze Zeremonie. Es war schließlich ihr Kollege Karl, der als langjähriger Gästeführer und verdienter Kommunalpolitiker geehrt wurde. Eva und Steffi waren sozusagen stellvertretend für alle Cochemer Gästeführer zu der feierlichen Wappenteller-Verleihung eingeladen. Darauf war Steffi schon ein bisschen stolz. Umso ärgerlicher war es, dass sie jetzt nicht vom Klo runterkam. Gerade bahnte sich nämlich schon die zweite Welle an. In diesem Moment hätte Steffi ihren Erwin killen können.

Im historischen Gewölbe des Burgkellers waren inzwischen alle geladenen Gäste eingetroffen. Cochems Stadtbürgermeisterin Carla Sonnenschein hatte bereits die Anwesenden begrüßt, um dann nach alter Tradition das vergangene Weinfest Revue passieren zu lassen, und das geschah mit dem in Cochem mittlerweile legendären Satz: »Es war das umsatzstärkste Weinfest aller Zeiten.« Die Gäste spendeten Applaus und lachten, denn das hatte Carla Sonnenschein in den letzten fünf Jahren auch schon gesagt. Kein Wunder, es kamen schließlich immer mehr feierfreudige Gäste zu dem Fest, das sich inzwischen zu einem der größten Weinfeste an der Mosel gemausert hatte. Wein war auch das zentrale Thema des diesjährigen Preisträgers Karl, der sich nicht nur in der Kommunalpolitik verdient gemacht hatte, sondern auch seit vielen Jahren als Festwirt für die Organisation des Weinfestes verantwortlich zeichnete. Außerdem hatte er immer wieder kreative Ideen, wie man den Gästen die Sehenswürdigkeiten der Stadt Cochem auf charmante Art und Weise näherbringen konnte. Da war es doch höchste Zeit, dass er dafür ausgezeichnet wurde.

Gerade als Carla Sonnenschein die Laudatio halten wollte, ertönte lautstark die Melodie von Abbas Money, Money, Money. Sofort ging ein Raunen durch die Menge. Dieser Klingelton war den Anwesenden im Saal hinreichend bekannt. Alle Augen richteten sich auf Martin Lehmann, der hektisch in der Tasche seines hellen Leinenjacketts nach seinem Smartphone tastete.

»Muss das jetzt sein?«, raunte er ins Mikro seines Handys. Ohne ein Wort der Entschuldigung, dass er die Feierlichkeit gestört hatte, sprang er von seinem Sitzplatz auf, zwängte sich an den Sitznachbarn vorbei und rauschte ab. Süffisant fuhr die Bürgermeisterin fort: »Manche verstehen es eben, sich immer in Szene zu setzen. Nun wollen wir aber mal nicht unsere ganze Aufmerksamkeit auf Herrn Lehmann richten. Es geht schließlich um unseren Karl, der es nicht nötig hat, sich lautstark in den Vordergrund zu drängen.«

Die Bürgermeisterin hatte sich die spitze Bemerkung als Seitenhieb auf Lehmann nicht verkneifen können, wusste sie doch genau, dass er es auf ihren Posten als Stadtoberhaupt abgesehen hatte. Dann aber konnte sie endlich in Ruhe ihre Laudatio ausführen. Karl strahlte wie ein Honigkuchenpferd, als die Bürgermeisterin ihm anschließend den holzgeschnitzten Teller überreichte. Tom Esser, Fotograf für alle regionalen Veranstaltungen, hatte bereits die Kamera gezückt, doch bevor er den Auslöser drücken konnte, wurde er unsanft zur Seite geschoben.

Dario Zander, rasender Reporter der ganzen Mittelmosel, war wieder mal schneller. Er hielt dem frischgebackenen Preisträger ein Mikro unter die Nase und fragte ihn: »Wie fühlen Sie sich jetzt?« Karl war zwar überrascht, sagte dann aber um keine Antwort verlegen: »Ne ächte Cochemer Jung' haut doch so schnell nix um! Ich freue mich sehr!«

Als Zander nach einer gefühlten Ewigkeit mit seinem Interview fertig war, gelang Tom Esser dann doch noch das gewünschte Bild.

»Bitte lächeln! Ja, so ist es gut. Ah, schönes Foto.« Er betrachtete stolz das Ergebnis. Sein zufriedenes Kopfnicken erteilte den anderen Gästen im Saal quasi unausgesprochen den Startschuss, sich von ihren Sitzen zu erheben und Karl nun persönlich per Handschlag oder Umarmung zu gratulieren – und ja, das ein oder andere Küsschen der Damenwelt war auch dabei. Der ganze Raum war erfüllt von Lachen, Gemurmel, Gläserklirren und dem hallenden Gescharre des Stühlerückens. Dieser Mix an Geräuschen drang bis zu Steffi durch.

Diese hockte noch immer auf dem Klo und ärgerte sich grün und blau und rot kariert. Die gleichen Farben hatte mittlerweile ihr Gesicht angenommen, vor Anstrengung, Peinlichkeit und Wut. »Su enn Schiss! Im wahrsten Sinne des Wortes! Ausgerechnet heute«, schimpfte sie. »Jetzt hab ich alles verpasst.«

An das gesellige Beisammensein bei leckerem Essen und Wein war auch nicht zu denken. Und ihr geliebtes blaues Leinenkleid war total verknittert, weil sie es in einem Knäuel auf ihrem Schoß zusammengerafft und vor lauter Anspannung am Rücken komplett vollgeschwitzt hatte. Das einzig Gute war, dass sich Montezuma anscheinend nun genug an ihr gerächt hatte. Dafür würde ihre Rache an Erwin aber nicht weniger deutlich ausfallen. Von wegen Rache ist süß. Rache ist Blutwurst an der Mosel. Erschöpft und mit wackeligen Beinen erhob sie sich langsam in ihrem gekachelten Refugium. Um den unangenehmen Geruch zu überdecken, kramte sie ihr Mückenspray aus der Tasche. Als Stinke-Steffi würde sie jetzt so oder so in die Geschichte des Wappentellers eingehen. Dann aber lieber so. Sie nebelte mit dem chemisch riechenden Spray die ganze Kabine ein. Hätte ich auch nicht gedacht, dass das Stinkezeug mal für was gut ist, dachte sie. Gestochen wurde sie nämlich trotz steter Anwendung ständig. Na ja, wenigstens die Mücken nehmen noch Notiz von mir. Aber das ist ein anderes Thema, dachte Steffi. Jetzt gilt es erst einmal, unbeschadet aus dieser Situation zu entkommen.

Doch da wurde ihre Hoffnung schon zunichte gemacht. Gerade als sie aus der Kabine in den schwarzweiß gefliesten Vorraum trat, um sich an einem der beiden Becken die Hände zu waschen, hörte sie Schritte. Sie konnte zwar nicht orten, aus welcher Richtung sie kamen, aber anhand zunehmender Lautstärke wurde es ihr blitzartig klar, dass die dazugehörige Person eindeutig auf die Toilettenräume zusteuerte. Steffi hielt die Luft an.

»Oh nein! Bitte, heiliger Michael, lass es keine Frau sein«, flehte sie. Automatisch fing sie an, mit dem Kleid zu wedeln, um den atemraubenden Geruchscocktail zu vertreiben. Dabei ließ sie die goldfarbene Türklinke des Vorraums keine Sekunde aus den Augen, doch die bewegte sich zum Glück nicht. Ihre Stoßgebete waren erhört worden.

Die Schritte verhalten, dann war eine aufgebrachte Männerstimme zu hören: »Das lasse ich mit mir nicht machen.« Oho, dachte Steffi, das klingt ja interessant. Das könnte spannend werden. Steffi spitzte die Ohren. Leider konnte sie die Fortsetzung dieses Gesprächs, offensichtlich ein Telefonat, nur noch bruchstückhaft mitbekommen. Zwischen den undeutlichen Wortfetzen konnte sie aber einen Satz ganz deutlich verstehen: »Mich kann man nicht erpressen!« Um was es hier ging, konnte Steffi sich so schnell nicht zusammenreimen, zumal in ihrer Situation. Aber bei der Stimme war sie sich hundertprozentig sicher. Die gehörte ganz klar zu Martin Lehmann.

Im Keller der Reichsburg standen die fröhlichen Gratulanten mittlerweile brav in einer langen Schlange an, um sich in das Goldene Buch einzutragen, das sich auf einem eigens dafür aufgestellten Pult auf der Bühne befand. Alle Augen waren nach vorne gerichtet. So sah niemand außer der Bürgermeisterin, dass Martin Lehmann den Saal vom hinteren Eingang aus wieder betreten wollte. Er teilte mit Mühe und Not den schweren roten Samtvorhang und trat zwei Schritte nach vorne. Carla Sonnenschein ahnte intuitiv, dass etwas nicht stimmte. Lehmann schien zu schwanken. Er hielt sich die Hände vor die Brust. Er taumelte. Dann kippte er vornüber. Mit einem dumpfen Knall fiel er die Stufen hinunter und blieb reglos auf dem Boden aus Naturschiefer liegen. Eine Sekunde lang verharrten alle im Raum in Schockstarre. Dann eilten sofort die anwesenden Notfallsanitäter Manni und Tilly zu Hilfe und begannen mit den Ersthilfemaßnahmen. Auch die Bürgermeisterin reagierte und ließ augenblicklich den Saal räumen. Alle kamen der Aufforderung unverzüglich nach, den Raum durch den vorderen Eingang zu verlassen. Sonnenschein folgte als Letzte. Sie sah sich nach Lehmann um. Manni schüttelte nur betreten mit dem Kopf. Betroffen ging Sonnenschein nach draußen.

Nachdem Steffi sich mit Duftseife die Hände gewaschen und das Gesicht gepudert hatte, fühlte sie sich wieder einigermaßen vorzeigbar und war nun endlich so weit, in den Festsaal zurückzukehren. Als sie vor die Toilettentür trat, fiel ihr aber prompt etwas ganz Merkwürdiges auf: Sie hörte nichts mehr, kein Stimmengewirr, kein Geklapper, kein Garnichts. Natürlich musste sie sofort nachschauen, was los war! Waren alle nach draußen gegangen, um das traditionelle Gruppenbild zu machen? Da könnte sie sich ja wenigstens noch dazumogeln.

So schnell sie konnte, lief sie los, wurschtelte sich durch den schweren Vorhang und fand sich urplötzlich in einem dramatischen Szenario wieder. Da lag eindeutig ein Toter. Dafür hatte sie ein untrügliches Gespür. Martin Lehmann, der Traum aller Schwiegermütter, lag vor ihr auf dem Steinboden. Aber seine Seele hatte diese Welt eindeutig schon verlassen. Steffi bekreuzigte sich. »Du liewer Jott! Bat is passiert?«, fragte sie ihre Freunde Manni und Tilly. Neben dem Toten kniend, schauten sie Steffi von unten herauf an. Manni sagte: »Typischer Managertod.«

»Hmm«, bestätigte Tilly. »Der hatte wahrscheinlich einfach zu viel Stress.« Doch Steffis Bauchgefühl sagte ihr etwas ganz anderes.

Mittwochs stand Rummy Cup auf dem Programm. Dieser Nachmittag wurde von Inge, Anni, Lisbeth und Gertrud immer heiß ersehnt. Die vier Freundinnen, die sich schon seit Kindheitstagen kannten, fest zusammenhielten und nun den harten Kern des betreuten Wohnens im Stadtteil Sehl bildeten, putzten sich sogar immer extra dafür heraus. Die vitalen Damen des Frauenstammtischs aus dem Pro Seniore, deren silbrige Föhnfrisuren in allen Abstufungen von rosa bis lila schimmerten, organisierten den wöchentlichen Spielenachmittag nur allzu gern. Das Spiel mit den Zahlenplättchen war bei Jung und Alt beliebt. Durch das Legen der Plättchen trug es zur Gedächtnis- und Koordinationsfähigkeit bei und erhöhte die gesellige Kommunikation unter den Seniorenstift-Bewohnern. Das war ein willkommener Nebeneffekt für die anderen, das muntere Damen-Kleeblatt, das sich auch im Heimbeirat engagierte, hatte solcherlei Maßnahmen aber nun wirklich nicht nötig – nichts davon, die Förderung der Kommunikationsfähigkeit am allerwenigsten.

Der Mittwoch war ein Highlight für sie, weil sie dann höchst eigenmächtig für alle Teilnehmenden in der Heimküche Kaffee und Kuchen bestellen konnten. Und, zur Feier des Wochengipfels quasi, eine Flasche Eierlikör als Nachtisch. »Schmeckt schon wieder, was?« Inge prostete ihrer Freundin Anni zu. »Jawoll!« Zunge schnalzend stimmte sie zu. Und auch Gertrud leckte sich genüsslich über die Lippen. »Ihr braucht aber nicht zu glauben, dass ich übersehe, wie ihr versucht zu schummeln. Anni, du hast schon wieder absichtlich die Neun als Sechs gelegt. Und du, Inge, das ist überhaupt nicht dein Joker!«

»Ach, Papperlapapp, du kannst einfach nicht verlieren, Gertrud«, schaltete sich jetzt schmunzelnd Lisbeth ein. »Das konntest du noch nie!« Dabei stupste sie die Freundin lachend in die Seite. Vor lauter Schwung stieß die Armlehne von Lisbeths Luxus-Rollstuhl gegen den Rollator von Gertrud. Da die immer vergaß, die Bremse festzustellen, hätte das beinahe für eine Dominoreaktion der unschönen Art gesorgt, wäre nicht Pfleger Hamza, der Liebling der Damenwelt, sofort zur Stelle gewesen, um dies zu verhindern. Aus einer der hinteren Ecken des Raumes stoppte er Gertrud unter vollem Körpereinsatz.

»Ladys, seid ihr wieder flott unterwegs heute, ihr haltet mich ganz schön auf Trab! Aber für meine Herzdamen tue ich doch alles.«

Die vier kicherten wie Teenager. Der hübsche, junge Mann mit den fröhlich funkelnden Augen weckte ihre Lebensgeister genauso wie der Eierlikör.

»Jungchen,« lachte Inge, »mach dir da aber mal keine allzu großen Hoffnungen. Du bist viel zu alt für uns!« Alle lachten.

Über ihre Scherze vergaßen sie fast die Zeit. Bis Inge auf einmal ihre Zimmernachbarin Lisbeth fragte: »Sag mal, kommt denn der Martin heute gar nicht?«

»Nee, der kommt ausnahmsweise mal nicht, der ist bei der Stadt eingeladen,« erklärte Lisbeth den Freundinnen nicht ohne hörbaren Stolz in der Stimme.

Um ihren Lieblingsneffen, das wusste sie genau, beneideten sie die Freundinnen. War ja auch kein Wunder. Der Martin war so ein Lieber. Nett, adrett, charmant, gut aussehend. Schwiegermuttermörder hätte man früher scherzhaft dazu gesagt.

Dabei konnte Martin natürlich keiner Fliege was zuleide tun. Und Frauen am allerwenigsten. Er war ein echter Womanizer, wie man heutzutage sagen würde. Martin kümmerte sich rührend um sie, seine Patentante. Er hatte ihr den neuen Rollstuhl mit allem Pipapo geschenkt, und dann auch noch in Bordeaux mit Glitzer. Darauf waren alle neidisch. Sicher, der pummelige Erwin, seines Zeichens Neffe von Inge, kam auch treu und brav mehrfach in der Woche angeschlappt, aber der war eben kein Martin.

Erwin hatte es sogar fertiggebracht, den Rollstuhl von Inge zu verzotteln. Er hatte behauptet, er wäre ihm gestohlen worden, aber das glaubte kein Mensch. Erwin war zwar ein gutmütiger Kerl, aber Martin war der Schmetterling unter den Motten der männlichen Besucher im Pro Seniore. Die anderen drei nickten beeindruckt. »Ach ja, es ist ja Wappenteller-Verleihung.« Jetzt war Inge an der Reihe aufzutrumpfen. »Da ist dem Erwin seine Steffi auch dabei.«

Lisbeth hob überrascht den Kopf. »Ach was?«

»Wer kriegt ihn denn, den Teller?«, wollte Anni nun wissen.

»Der Karl!«, antworteten Lisbeth und Inge unisono. »So viel dann zum bestgehüteten Geheimnis der Stadt Cochem«, sagte Gertrud spöttisch.

»Wenn dein Vorzeigeneffe heute nicht kommt, dann können wir ja noch 'ne Runde spielen bis zum Abendessen.«

»Haha, du willst ja nur unbedingt 'ne Revanche«, grinste Lisbeth. »Herausforderung angenommen!« Gertruds Wangen leuchteten vor Feuereifer. Und ein kleines bisschen auch vom Eierlikör. »Na, dann mal los!«

Im Brühl, einer an sich ruhigen Wohnstraße, herrschte eine ungewohnte Geschäftigkeit. »Watt ist dann heij loss?«, fragte sich Steffi Schmitz, die sich gerade nichts sehnlicher wünschte, als in Ruhe, ungestört und möglichst schnell nach Hause zu kommen. Vor ihrem geistigen Auge sah sie sich bereits in die weichen Kissen ihrer neuen Sofalandschaft plumpsen. Deshalb traf sie fast der Schlag, als sie erkannte, dass die Geschäftigkeit in ihrer Straße nichts anderem galt als ihrem eigenen Zuhause.

Vor ihrer Haustür stand ein Transporter mit Mainzer Kennzeichen. Steffi ahnte, was da los war. Als sie das Nummernschild MZ-TV … genauer anschaute, war offensichtlich, was hier vorging. Dass Erwin fürs Fernsehen kochen sollte, hatte ihr Mann natürlich mit ihr besprochen. Aber nicht, dass der Drehtermin ausgerechnet heute stattfand. Oder hatte Steffi es bloß mal wieder vergessen? Sie musste leider feststellen, dass das in letzter Zeit häufiger vorkam. Aber das war im Moment vollkommen egal. An der Sachlage, dass das Fernsehteam bei ihnen zu Hause war, war nun wohl nichts mehr zu ändern.

Steffi holte tief Luft, schloss die Haustür auf und stolperte schon gleich beim ersten Schritt über ein langes schwarzes Kabel, das quer über den Flur gespannt war. Ein fremder Mann, der eine Kamera auf der Schulter trug, die größer war als sein Kopf, blaffte sie sofort an: »Ruhe!« Ansonsten nahm er keine Notiz von ihr, denn er drehte sich noch im Sprechen um und rief: »Ton läuft! Kamera läuft! Erwin kocht! Uuuunnnnd Action!« Dabei ließ er eine Kunststoffklappe so laut zuschnappen, dass Steffi erschrocken zusammenfuhr. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie die fremden Menschen, die ihr Haus anscheinend in kürzester Zeit annektiert hatten, entgeistert an.

Sie wollte zu Erwin, ihrem Unmut Luft machen und ihm außerdem erzählen, was sich bei der Verleihung des Wappentellers zugetragen hatte. Doch eine kleine, sympathisch aussehende Frau mit flottem Kurzhaarschnitt hielt sie davon ab, die Küche zu entern. Sie fasste Steffi sanft am Arm und schob sie vorsichtig ins Wohnzimmer. »Entschuldigen Sie, Sie müssen die Hausherrin sein. Wir haben uns noch gar nicht bekannt gemacht. Ich bin Mareike, der Mann mit der Kamera heißt Dieter. Ist eigentlich ein ganz Netter. Nur heute ist er ein bisschen gereizt. Sie müssen wissen, wir hatten schon ein paar Probleme mit der Technik. Aber jetzt funktioniert alles. Tut mir leid, wenn wir Sie hier so überfallen haben.« Mareike lächelte und holte ganz kurz Luft, bevor sie weitersprach. »Eigentlich sollte der Dreh ja erst nächste Woche sein, aber bei uns ist ein anderer Termin geplatzt, und weil wir sowieso in der Nähe waren, sind wir einfach spontan vorbeigekommen. Ach, Ihr Mann ist ja so flexibel. Er macht das wirklich ganz hervorragend. Als ob er jeden Tag vor der Kamera stünde.«

Mareike strahlte Steffi weiter an. Sie hatte wirklich makellose Zähne. Ihr freundliches Lächeln sowie das nette Auftreten zeigten bei Steffi die gewünschte Wirkung. Steffi war im Nu besänftigt. In Anbetracht des großen Aufgebots an Kamera- und Tontechnikern und der ganzen Aufregung in ihrem Haus hatte sie sogar ihre Magenprobleme vergessen.

Neben Dieter und Mareike tummelten sich noch etliche andere Personen in ihrer Küche. In dieser Situation konnte sie Erwin natürlich nicht stören. Martin Lehmann musste erst einmal warten. Jetzt gab es Wichtigeres im Hause Schmitz. Und Lehmann war ohnehin nicht mehr zu helfen. Obwohl Steffi schon gern gewusst hätte, ob der gestresste Manager tatsächlich einen Herzinfarkt erlitten hatte oder vielleicht doch etwas anderes dahintersteckte. Steffi spürte, wie ihr detektivischer Instinkt langsam wieder Fahrt aufnahm.