Mumu - Iwan Turgenev - E-Book

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Iwan Turgenev

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Beschreibung

Eine bejahrte, verwitwete Gutsherrin hält in Moskau Hof. Aus ihrem Dorf hat sie den Fronbauern Garassim kommen lassen. Der Leibeigene, taubstumm von Geburt an, dient als Hausknecht sowie als zuverlässiger und starker Wächter. Nachdem sich der Hausknecht eingelebt hat, findet er an der Wäscherin Tatjana Gefallen. Die Herrin aber verheiratet Tatjana mit dem Schuster Kapiton Klimow, einem unverbesserlichen Trinker. Die Novelle des russischen Schriftstellers Iwan Turgenev ist eine Anklage gegen die Leibeigenschaft.

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Seitenzahl: 53

Veröffentlichungsjahr: 2021

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LUNATA

Mumu

Novelle

Iwan Turgenev

Mumu

© 1854 Iwan Turgenev

Originaltitel Муму

Aus dem Russischen von Herbert von Hoerner

Illustrationen Karl Mahr

Umschlagbild Édouard Manet

© Lunata Berlin 2021

Inhalt

Mumu

Mumu

In Moskau, an einer der abgelegeneren Straßen, in einem grauen Haus mit weißen Säulen und mit vor Alter schiefgewordenem Balkon, lebte, umgeben von ihrem zahlreichen Hausgesinde, eine alte Dame. Sie war Witwe. Ihre Söhne dienten in Petersburg. Die Töchter hatten geheiratet. Vereinsamt, geizig und gelangweilt lebte sie ihr Leben zu Ende, ein Leben, dessen freudloser Mittag längst vorüber und dessen Abend düster war.

Unter ihrer Dienerschaft fiel ein Mann auf durch seine Größe und herkulische Gestalt, Garassim, der Hausknecht. Er war von Geburt an taubstumm. Die Herrin hatte ihn vom Lande mitgenommen, wo er allein, getrennt von seinen Brüdern, ein einsames kleines Häuschen bewohnt hatte. Er galt für einen der ordentlichsten Fronbauern. Mit ungewöhnlicher Körperkraft begabt, arbeitete er für vier. Die Arbeit ging ihm flink von der Hand. Ein Vergnügen war es, ihm zuzusehen, wie er pflügte, die gewaltigen Hände am Werkzeug, so schob er den Pflug vor sich her, – das Pferd ging ohne Anstrengung voraus. – Oder wie er am Tag des Heiligen Peter die Sense schwang, vernichtend, als gälte es, einen jungen Birkenwald niederzumähen. Oder wie er das Getreide drosch mit seinem drei Ellen langen Flegel, unermüdlich und unablässig, im Auf- und Niederspiel seiner festen Muskeln. Das beständige Schweigen gab seiner Arbeit etwas Feierliches. Ein Bauer war er von der besten Art, und wäre sein Gebrechen, die Taubstummheit, nicht gewesen, jedes Mädchen des Dorfes hätte ihn gern geheiratet.

Aber da hatte man nun Garassim nach Moskau gebracht. Man kaufte ihm Stiefel, nähte ihm einen Kaftan für den Sommer und einen Schafspelz für den Winter, drückte ihm in seine großen Hände Schaufel und Besen. So war Garassim Hausknecht geworden.

Anfangs wollte ihm sein neues Leben gar nicht gefallen. Von Kindheit an war er an die Feldarbeit gewöhnt, an das ländliche Dasein. Durch sein Gebrechen von der Gemeinschaft der Menschen ausgeschlossen, war er aufgewachsen, stumm und mächtig, so wie ein Baum aufwächst auf fruchtbarer Erde. In die Stadt verpflanzt, begriff er nicht, was mit ihm geschah, fühlte sich fremd und unbehaglich und staunte, so wie ein junger gesunder Stier staunt, den man von der Weide nahm, wo das saftige Gras ihm bis an den Bauch stand, ihn forttrieb und in einen Viehwagen der Eisenbahn verlud, wo Dampf und Rauch und Funken um seinen Körper wehen, und den man nun fortschleppt, fährt, mit Gedröhn und Geheul, rasend schnell, Gott weiß wohin!

Die Arbeit, die Garassim in seinem neuen Amt zu leisten hatte, erschien ihm lächerlich leicht. In einer halben Stunde war er mit allem fertig. Dann stand er inmitten des Hofes und blickte mit offenem Munde umher, sah allen Vorübergehenden nach, als hoffte er von ihnen eine Erklärung seiner eignen rätselhaften Lage zu erhalten. Dann wieder plötzlich verkroch er sich in einen Winkel, schleuderte Besen und Schaufel weit von sich, warf sich zu Boden und lag stundenlang, das Gesicht an den Boden gedrückt, unbeweglich, wie ein gefangenes, großes, wildes Tier.

Aber der Mensch gewöhnt sich an alles, und so gewöhnte sich auch Garassim an die Stadt. Zu tun gab's für ihn nicht viel: den Hof rein zu halten, zweimal am Tage eine Tonne Wasser heranzuführen, Holz für Küche und Haus zu besorgen und klein zu machen, im übrigen keine Fremden hereinzulassen und nachts aufzupassen. Diese seine Obliegenheiten erfüllte er gewissenhaft. Auf dem Hof lag nie ein Spänchen oder Federchen umher. Blieb einmal bei Regenwetter das kleine magere Pferd, das seiner Obhut anvertraut war, mit der Wassertonne im aufgeweichten Wege stecken, so genügte ein Druck seiner breiten Schulter, um nicht nur das Gefährt, sondern auch das Pferd vorwärts zu schieben. Wenn er Holz hackte, erklang das Beil in seiner Hand wie Glas, und Scheite und Späne flogen umher. Und seit der Zeit, da er einmal nachts zwei Diebe erwischte und sie mit den Köpfen so gegeneinander stieß, daß ihre Abführung zur Polizei sich erübrigte, – seit dieser Zeit stand er beim ganzen Stadtviertel in hohem Ansehen. Wer ihn zum erstenmal erblickte, erschrak vor dem bedrohlichen Hausknecht. Manch einer der Vorübergehenden rief ihm etwas zu, was er jedoch nicht hörte. Zu dem übrigen Hausgesinde war sein Verhältnis, wenn auch kein freundschaftliches, – denn man fürchtete ihn, – so doch ein vertrauliches. Er behandelte die Leute alle als seinesgleichen. Sie verständigten sich mit ihm durch Zeichen und er begriff sie und führte alle Anweisungen genauestens aus. Doch wußte er auch sein Recht zu wahren, und niemand hätte es gewagt, sich auf seinen Platz am Leutetisch zu setzen. Überhaupt war Garassim ein Mann von ernstem und strengem Wesen und liebte in allem die Ordnung. Selbst die Hähne durften sich in seiner Gegenwart nicht prügeln, sonst – wehe ihnen! Er ergriff sie an den Beinen, schwang sie in Kreisen ein Dutzendmal durch die Luft und warf sie auseinander. Im Hühnerhof wurden auch Gänse gehalten. Die Gans ist, wie man weiß, ein würdiger und vernünftiger Vogel. Garassim behandelte die Gänse mit Achtung, sorgte für sie und fütterte sie gern.

Er selbst hatte etwas von einem ehrbaren Gänserich. Man hatte ihm über der Küche sein Kämmerlein angewiesen. Er richtete es sich selber ein nach seinem Geschmack, baute ein Bett aus eichenen Planken auf vier Klötzen, ein wahrhaft herkulisches Bett. Hundert Pud hätte man darauf legen können, es hätte sich nicht gebogen. Unter dem Bett befand sich ein schwerer Kasten. In der Ecke des Zimmers stand ein Tisch von ebenso kräftiger Bauart und neben dem Tisch ein dreibeiniger Stuhl, – ein Stuhl von solcher Festigkeit und Erdenschwere, daß selbst Garassim über ihn lächelte, wenn er ihn zum Scherz aufhob und niederfallen ließ. Vor der Tür hing ein Vorhängeschloß, das wie eine schwarze Bretzel aussah. Den Schlüssel zu diesem Schloß trug Garassim stets am Gürtel bei sich. Er liebte es nicht, daß man seine Stube betrat.

So war ein Jahr vergangen, da kam es in Garassims Leben fast zu einer entscheidenden Wendung.