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Robert Harris

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Beschreibung

Die Romanvorlage zum neuen Netflix-Politthriller

September 1938. In München treffen sich Hitler, Chamberlain, Mussolini und Daladier zu einer kurzfristig einberufenen Konferenz. Der Weltfrieden hängt am seidenen Faden. Im Gefolge des britischen Premierministers Chamberlain befindet sich Hugh Legat aus dem Außenministerium, der ihm als Privatsekretär zugeordnet ist. Auf der deutschen Seite gehört Paul von Hartmann aus dem Auswärtigen Amt in Berlin zum Kreis der Anwesenden. Den Zugang zur Delegation hat er sich erschlichen. Insgeheim ist er Mitglied einer Widerstandszelle gegen Hitler. Legat und von Hartmann verbindet eine Freundschaft, seit sie in Oxford gemeinsam studiert haben. Nun kreuzen sich ihre Wege wieder. Wie weit müssen sie gehen, wenn sie den drohenden Krieg verhindern wollen? Können sie sich überhaupt gegenseitig trauen?

Ein Roman über Hochverrat und Unbestechlichkeit, über Loyalität und Vertrauensbruch. Und wie immer bei Robert Harris lassen sich über die historischen Figuren und Ereignisse erhellende Bezüge zur aktuellen Weltpolitik herstellen.

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Das Buch

September 1938 – in München treffen sich Hitler, Chamberlain, Mussolini und Daladier zu einer kurzfristig einberufenen Konferenz. Der Weltfrieden hängt am seidenen Faden. Im Gefolge des britischen Premierministers Chamberlain befindet sich Hugh Legat aus dem Außenministerium, der ihm als Privatsekretär zugeordnet ist. Auf der deutschen Seite gehört Paul von Hartmann aus dem Auswärtigen Amt in Berlin zum Kreis der Anwesenden. Den Zugang zur Delegation hat er sich erschlichen. Insgeheim ist er Mitglied einer Widerstandszelle gegen Hitler. Legat und von Hartmann verbindet eine Freundschaft, seit sie in Oxford gemeinsam studiert haben. Nun kreuzen sich ihre Wege wieder. Wie weit müssen sie gehen, wenn sie den drohenden Krieg verhindern wollen? Können sie sich überhaupt gegenseitig trauen?

Der Autor

Robert Harris wurde 1957 in Nottingham geboren und studierte in Cambridge. Seine Romane Vaterland, Enigma, Aurora, Pompeji, Imperium, Ghost, Titan, Angst, Intrige und Dictator wurden allesamt internationale Bestseller. Seine Zusammenarbeit mit Roman Polański bei der Verfilmung von Ghost (Der Ghostwriter) brachte ihm den französischen »César« und den »Europäischen Filmpreis« für das beste Drehbuch ein. Robert Harris lebt mit seiner Familie in Berkshire. Zuletzt erschien im Heyne-Verlag der Spiegel-Bestseller Konklave.

ROBERT HARRIS

MÜNCHEN

ROMAN

Aus dem Englischen vonWolfgang Müller

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
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Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel
Munich
bei Hutchinson, London
Copyright © 2017 by Canal K LimitedCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe byWilhelm Heyne Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenCovergestaltung: Nele Schütz DesignKarte © Gemma Fowlie 2017Satz: Schaber Datentechnik, Austria
ISBN 978-3-641-21372-5V006
www.heyne.de

Für Matilda

»Was heute Vergangenheit ist, dessen sollten wir uns immer bewusst sein, war einst Zukunft.«

F. W. Maitland, Historiker (1850–1906)

»Schon 1938 mussten wir losschlagen … September 1938, das war der günstigste Augenblick …«

Adolf Hitler, im Februar 1945

TAG EINS

1

Dienstagmittag, 27. September 1938, kurz vor eins. Im Restaurant des Londoner Ritz wurde Mr Hugh Legat, Beamter im diplomatischen Dienst Seiner Majestät, zu seinem Tisch an einem der raumhohen Fenster geleitet. Er bestellte eine halbe Flasche Dom Pérignon, Jahrgang 1921, die er sich eigentlich nicht leisten konnte, blätterte wieder zur Seite 17 der Times und las zum dritten Mal die Rede, die Adolf Hitler am Abend zuvor im Berliner Sportpalast gehalten hatte.

HITLERS REDE

        

LETZTES WORT AN PRAG

        

KRIEG ODER FRIEDEN?

Gelegentlich hob Legat den Kopf und warf einen Blick zum Eingang des Speisesaals. Vielleicht bildete er sich das ein, aber die Gäste und sogar die Kellner, die sich auf dem Teppich zwischen den altrosa bezogenen Stühlen hin und her bewegten, schienen ihm ungewöhnlich gedämpfter Stimmung zu sein. Niemand lachte. Jenseits der dicken Spiegelglasscheiben hoben vierzig oder fünfzig Arbeiter im Green Park Splittergräben aus. Manche schufteten wegen der schwülen Witterung mit nacktem Oberkörper.

Es darf nunmehr für die Welt kein Zweifel mehr übrig bleiben: Jetzt spricht nicht mehr ein Führer oder ein Mann, jetzt spricht das deutsche Volk. Wenn ich jetzt Sprecher des deutschen Volkes bin, das weiß ich: In dieser Sekunde stimmt Wort für Wort das ganze Millionenvolk in meine Worte ein. (Heil-Rufe.)

Er hatte die Rede in der Direktübertragung der BBC mitgehört. Eine blecherne, unerbittliche, überhebliche Rede voller Drohungen und Selbstmitleid, eine auf schreckliche Art eindrucksvolle Rede, deren Worte unterstrichen wurden vom zustimmenden Gebrüll von fünfzehntausend Menschen und von dem dumpfen Klopfgeräusch, wenn Hitler mit der Hand auf das Rednerpult schlug. Es war ein schauerlicher, unmenschlicher Lärm, der wie aus einem schwarzen unterirdischen Fluss aufstieg und aus dem Lautsprecher schwappte.

Ich bin Herrn Chamberlain dankbar für alle seine Bemühungen. Ich habe ihm versichert, dass das deutsche Volk nichts anderes will als Frieden. Ich habe ihm weiter versichert und wiederhole es hier, dass es – wenn dieses Problem gelöst ist – für Deutschland in Europa kein territoriales Problem mehr gibt.

Legat zog seinen Füllfederhalter heraus, markierte den Abschnitt und auch die zuvor gemachte Bemerkung Hitlers über das englisch-deutsche Flottenabkommen:

Ein solches Abkommen ist nur dann moralisch berechtigt, wenn beide Völker sich in die Hand versprechen, niemals wieder miteinander Krieg führen zu wollen. Deutschland hat diesen Willen! Wir wollen alle hoffen, dass im englischen Volk diejenigen die Überhand bekommen, die des gleichen Willens sind.

Er legte die Zeitung beiseite und schaute auf seine Taschenuhr. Es war bezeichnend für ihn, nicht wie die meisten Männer seines Alters eine Uhr am Handgelenk zu tragen, sondern an einer Kette. Er war achtundzwanzig, das blasse Gesicht, die gemessene Art und der dunkle Anzug ließen ihn aber älter erscheinen. Er hatte den Tisch schon vor zwei Wochen reserviert, noch bevor die Krise ausgebrochen war. Jetzt hatte er ein schlechtes Gewissen. Fünf Minuten könnte er noch auf sie warten, dann müsste er wieder gehen.

Es war Viertel nach, als er in der Spiegelwand mit den goldenen Sprossen flüchtig ihre Gestalt zwischen den Blumen sah. Sie stand am Eingang des Restaurants, praktisch auf Zehenspitzen, den langen, weißen Hals in die Höhe gereckt, und schaute sich mit vorgestrecktem Kinn und ausdruckslosem Blick um. Sie weigerte sich, eine Brille zu tragen. Er musterte sie einige Sekunden wie eine Fremde und fragte sich, was um alles in der Welt er wohl von ihr halten würde, wenn sie nicht seine Frau wäre. »Eine augenfällige Erscheinung« – etwas in der Art pflegten die Leute über sie zu sagen. »Nicht gerade eine Schönheit.« – »Nein, aber ansehnlich.« – »Und aus allerbestem Stall, wie man wohl sagen darf.« – »Jedenfalls ist Pamela ein ganz anderes Kaliber als unser armer Hugh …« (Letzteres hatte er auf ihrer Verlobungsfeier aufgeschnappt.) Er hob den Arm. Er stand auf. Schließlich bemerkte sie ihn, lächelte und winkte. In ihrem engen Rock und der maßgeschneiderten Seidenjacke schlängelte sie sich durch ein Spalier verrenkter Köpfe schnell zwischen den Tischen hindurch.

Sie küsste ihn fest auf den Mund. Sie war etwas außer Atem. »Sorry, sorry, sorry …«

»Macht doch nichts, ich bin gerade erst gekommen.« In den letzten zwölf Monaten hatte er sich angewöhnt, lieber nicht zu fragen, wo sie gerade herkam.

Außer ihrer Handtasche hatte sie noch eine kleine Pappschachtel dabei. Sie stellte sie auf den Tisch und zog die Handschuhe aus.

»Ich dachte, wir hätten uns auf keine Geschenke geeinigt?« Er hob den Deckel. Ein schwarzer Gummischädel mit der metallenen Schnauze und den leeren Glasaugenhöhlen einer Gasmaske starrte ihn an. Er zuckte unwillkürlich zurück.

»Ich war mit den Kindern zur Anprobe. Natürlich musste ich ihre zuerst anprobieren. Was doch mal ein Beweis für meine Mutterliebe ist, meinst du nicht auch?« Sie zündete sich eine Zigarette an. »Könnte ich auch einen Schluck haben? Ich verdurste.«

Er machte dem Kellner ein Zeichen.

»Nur eine halbe Flasche?«

»Ich muss heute Nachmittag noch arbeiten.«

»Natürlich! Hätte mich nicht gewundert, wenn du gar nicht erst aufgetaucht wärst.«

»Ehrlich gesagt, das wäre auch besser gewesen. Ich habe versucht, dich anzurufen, aber du warst nicht zu Hause.«

»Jetzt weißt du ja, wo ich war. Kein Grund für Argwohn.« Sie lächelte und beugte sich zu ihm vor. Sie stießen an. »Alles Gute zum Hochzeitstag, mein Liebling.«

Im Park schwangen die Arbeiter die Spitzhacken.

Ohne einen Blick in die Speisekarte zu werfen, bestellte sie: keine Vorspeise, Seezungenfilet, grüner Salat. Legat gab die Karte zurück und sagte, er nehme das Gleiche. Er konnte jetzt nicht an Essen denken. In seinem Kopf schwirrte immer noch das Bild seiner Kinder mit Gasmaske herum. John war drei, Diana zwei. Ständig die Belehrungen, nicht zu schnell zu laufen, sich immer warm anzuziehen, nicht am Spielzeug oder an den Buntstiften zu nuckeln, weil man ja nie wissen könne, wo sie vorher herumgelegen hätten. Er stellte die Schachtel unter den Tisch und schob sie mit dem Fuß aus dem Blickfeld.

»Hatten sie große Angst?«

»Ach was, überhaupt nicht. Sie haben das für ein Spiel gehalten.«

»Tja, manchmal geht es mir genauso. Selbst mit den Telegrammen in der Hand kann man kaum glauben, dass das alles kein schauerlicher Scherz ist. Noch vor einer Woche hat es so ausgesehen, als wäre alles in Ordnung. Bis Hitler seine Meinung geändert hat.«

»Was passiert jetzt?«

»Wer weiß? Vielleicht nichts.« Er bemühte sich, optimistisch zu klingen. »In Berlin reden sie noch. Jedenfalls, als ich das Büro verlassen habe.«

»Und wenn sie aufhören zu reden, wann geht es dann los?«

Er zeigte ihr die Schlagzeile aus der Times und zuckte mit den Achseln. »Schätze, morgen.«

»Tatsächlich? So schnell?«

»Er sagt, dass er am Samstag die tschechische Grenze überschreitet. Unsere Militärexperten glauben, dass er drei Tage braucht, um seine Panzer und Artillerie in Stellung zu bringen. Das heißt, er muss morgen mobilmachen.« Er warf die Zeitung auf den Tisch und trank einen Schluck Champagner. Er schmeckte sauer. »Weißt du was? Lass uns über was anderes reden.«

Er zog eine Ringschatulle aus der Jackentasche.

»O Hugh!«

»Er ist bestimmt zu groß«, sagte er.

»Ach, er ist entzückend!« Sie schob den Ring über den Finger, hielt die Hand hoch und drehte sie unter dem Kronleuchter hin und her, sodass der blaue Stein im Licht funkelte. »Ich bin sprachlos. Ich dachte, wir hätten kein Geld.«

»Haben wir auch nicht. Der ist von meiner Mutter.«

Er hatte befürchtet, sie könnte ihn für schäbig halten. Aber zu seiner Überraschung beugte sie sich über den Tisch und legte zärtlich ihre Hand auf seine. »Du bist süß.« Ihre Haut war kühl. Der schmale Zeigefinger strich über sein Handgelenk.

»Am liebsten würde ich uns ein Zimmer nehmen, wo wir den ganzen Nachmittag im Bett bleiben«, sagte er unvermittelt. »Und Hitler und die Kinder einfach vergessen.«

»Na, dann frag doch mal nach, ob sich das arrangieren lässt. Wir sind hier. Was hält uns auf?« Sie schaute ihn mit ihren großen, graublauen Augen fest an. Eine plötzliche Erkenntnis ließ ihn verstummen: Sie sagte das nur, weil sie davon überzeugt war, dass es nie geschehen würde.

Hinter ihm hüstelte diskret ein Mann. »Mr Legat?«

Pamela zog ihre Hand weg, und er drehte sich um. Hinter ihm stand der Oberkellner mit feierlich selbstgefälligem Gesichtsausdruck, die Hände wie zum Gebet gefaltet.

»Ja?«

»Sie werden am Telefon verlangt, Sir. Downing Street Nummer zehn.« Er achtete darauf, es gerade so laut auszusprechen, dass man ihn an den Nachbartischen verstehen konnte.

»Verdammt!« Legat warf die Serviette auf den Tisch und stand auf. »Entschuldige mich bitte. Das Gespräch muss ich annehmen.«

»Ich verstehe. Geh nur und rette die Welt.« Sie winkte ihm zum Abschied. »Wir können auch ein andermal zusammen essen.« Sie verstaute ihre Sachen in der Handtasche.

»Ich brauche nur eine Minute.« In seiner Stimme war ein flehentlicher Unterton. »Wir müssen unbedingt reden.«

»Geh nur.«

Er blieb einen Augenblick lang unschlüssig stehen. Er spürte die Blicke der Gäste an den Nachbartischen. »Warte hier«, sagte er und versuchte sich an einem neutralen Gesichtsausdruck. Dann folgte er dem Oberkellner aus dem Restaurant ins Foyer.

»Ich nehme an, Sir, Sie wollen ungestört sein.« Der Oberkellner öffnete die Tür zu einem kleinen Büro. Das Telefon stand auf dem Schreibtisch, der Hörer lag daneben.

»Danke.« Er nahm den Hörer und wartete, bis die Tür geschlossen war. »Legat.«

»Tut mir leid, Hugh.« Er erkannte die Stimme von Cecil Syers, einem seiner Kollegen aus dem Privatbüro des Premierministers. »Du musst leider sofort herkommen. Es wird langsam hektisch. Cleverly sucht dich.«

»Ist etwas vorgefallen?«

Zögerliches Schweigen am anderen Ende. Man hatte den Privatsekretären eingeschärft, immer davon auszugehen, dass die Telefonistin mithöre. »Sieht ganz so aus, dass Schluss mit reden ist. Unser Mann fliegt nach Hause.«

»Verstehe. Bin schon unterwegs.«

Er legte den Hörer auf die Gabel. Einen Augenblick lang stand er wie versteinert da. Fühlte sich so Geschichte an? Deutschland würde die Tschechoslowakei angreifen. Frankreich würde Deutschland den Krieg erklären. England würde Frankreich zur Seite stehen. Seine Kinder würden eine Gasmaske tragen. Die Restaurantgäste würden nicht mehr im Ritz von weißen Leinentischtüchern essen, sondern sich im Green Park in die Splittergräben kauern. Es war zu viel, das alles zu begreifen.

Er öffnete die Tür und ging durch das Foyer schnell ins Restaurant zurück. Das eilfertige Personal des Ritz hatte ihren Tisch schon abgeräumt.

Auf der Piccadilly war kein Taxi zu bekommen. Er tänzelte am Randstein hin und her und winkte mit seiner zusammengerollten Zeitung nach jedem vorbeifahrenden Wagen. Vergeblich. Schließlich gab er es auf, ging um die Ecke in die St James’s Street und machte sich auf den Weg den Hügel hinunter. Gelegentlich schaute er in der Hoffnung, seine Frau zu entdecken, zur anderen Straßenseite. Wohin nur war sie so eilig gegangen? Wenn sie unmittelbar nach Hause in Westminster wollte, dann hätte sie den Weg hier nehmen müssen. Lieber nicht daran denken, am besten nie daran denken. Er fing an zu schwitzen. Für die herbstliche Jahreszeit war es ungewöhnlich warm. Unter seinem altmodischen Dreiteiler klebte ihm schon das Hemd am Rücken. Der Himmel war zwar trübe, aber der drohende Regenguss kam irgendwie nicht. In der Pall Mall funkelten im feuchtwarmen Dunst die Kronleuchter hinter den hohen Fenstern der großen Londoner Clubs – dem Royal Automobile, dem Reform, dem Athenaeum.

Er ging erst etwas langsamer, als er die oberen Stufen der Treppe erreichte, die von der Carlton House Terrace hinunter zum St James’s Park führte. Hier versperrte ihm eine kleine Gruppe von etwa zwanzig Menschen den Weg. Sie schauten zu etwas hoch, was wie ein kleiner Zeppelin aussah und langsam hinter dem Westminsterpalast aufstieg. Weiter an Höhe gewinnend, glitt es am Big Ben vorbei, ein eigenartig schöner Anblick, majestätisch und surreal. In der Ferne, südlich der Themse, konnte er ein halbes Dutzend weitere ausmachen – winzige Silbertorpedos, von denen einige schon in großer Höhe schwebten.

»Schätze, jetzt ist die Bombe geplatzt«, murmelte der Mann neben ihm.

Legat sah ihn an. Er erinnerte sich, dass sein Vater genau die gleichen Worte gebraucht hatte, als er im großen Krieg auf Heimaturlaub gewesen war. Er müsse zurück nach Frankreich, weil die Bombe geplatzt sei. Für Hughs sechsjährige Ohren hatte das geklungen, als unternähme er eine Landpartie. Es war das letzte Mal, dass er ihn gesehen hatte.

Er drückte sich an den Zuschauern vorbei und marschierte die drei breiten Treppen hinunter, überquerte die Mall und bog in die Horse Guards Road ein. Und hier, in der Mitte der weiten Sandfläche des Paradeplatzes, hatte sich in der halben Stunde, seit er die Downing Street verlassen hatte, etwas getan. Zwei Flugabwehrgeschütze standen da, und von einem Pritschenwagen luden Soldaten Sandsäcke ab. Sie bildeten eine Menschenkette und reichten die Säcke so schnell von Hand zu Hand, als fürchteten sie, am Himmel könnte jeden Augenblick die deutsche Luftwaffe auftauchen. Ein halb aufgeschichteter Wall aus Sandsäcken umringte eine Batterie Suchscheinwerfer. Ein Artillerieschütze drehte heftig an einem Rad, und eines der Rohre schwang herum und richtete sich auf, bis es fast senkrecht nach oben zeigte.

Legat wischte sich mit seinem Taschentuch das Gesicht ab. Schwitzend und mit rotem Gesicht aufzukreuzen war nicht ratsam. Wenn es eine Sünde gab, die im Privatbüro des Premierministers mehr als jede andere verpönt war, dann die, Panik zu signalisieren.

Er stieg die Stufen zu dem engen, dunklen, rußgeschwärzten Durchgang zur Downing Street hinauf. Auf dem Gehweg gegenüber Nummer 10 wandten mehrere Reporter den Kopf zu ihm um. Ein Fotograf hob die Kamera, sah, dass er niemand von Bedeutung war, und nahm sie wieder herunter. Legat nickte dem Wache stehenden Polizisten zu. Der Mann schlug mit dem Klopfer einmal fest gegen die Tür, die sich daraufhin wie von selbst öffnete. Er ging hinein.

Es war jetzt vier Monate her, dass er vom Außenministerium in die Nummer 10 abgeordnet worden war. Dennoch hatte er jedes Mal bei seiner Ankunft das Gefühl, einen Herrenclub zu betreten, der schon lange außer Mode geraten war – die schwarz-weißen Fliesen in der Eingangsdiele, die Wände in Pompejanischrot, die Messinglaterne, die betulich vor sich hin tickende Standuhr, der gusseiserne Schirmständer mit dem einen schwarzen Schirm. Irgendwo in den Tiefen des Gebäudes klingelte ein Telefon. Der Pförtner wünschte Legat einen guten Tag, ging zu seinem ledernen Kutschbock zurück und widmete sich wieder dem Evening Standard.

In dem breiten Gang, der zum hinteren Teil des Gebäudes führte, blieb Legat kurz stehen und überprüfte sein Äußeres im Spiegel. Er zupfte die Krawatte gerade, strich mit beiden Händen das Haar glatt, drückte die Schultern durch und drehte sich dann wieder um. Vor ihm lag die holzgetäfelte Tür zum Kabinettsraum. Sie war wie die Tür zum Büro von Sir Horace Wilson links daneben geschlossen. Er ging rechts in den Gang zu den Büros der Privatsekretäre des Premierministers. Das georgianische Haus verströmte eine Aura unerschütterlicher Gelassenheit.

Miss Watson, mit der er sich das kleinste Büro teilte, saß hinter den Aktenstapeln, die sich auf ihrem Schreibtisch türmten – genau so, wie er sie verlassen hatte. Nur ihr grauer Schopf war zu sehen. Ihre Laufbahn hatte als Schreibkraft begonnen, da war Lloyd George noch Premierminister gewesen. Es hieß, er habe mit den jungen Dingern in der Downing Street um den Konferenztisch herum Hasch mich gespielt. Schwer vorstellbar, dass der Schwerenöter auch Miss Watson nachgesetzt haben sollte. Ihre Aufgabe bestand darin, Antworten auf parlamentarische Anfragen vorzubereiten. Sie lugte über den Papierberg zu Legat herüber. »Cleverly hat Sie gesucht.«

»Ist er beim PM?«

»Nein, in seinem Büro. Der PM ist mit den Großen Dreien im Kabinettsraum.«

Legat gab ein Geräusch von sich, das eine Mischung aus Seufzen und Stöhnen war. Auf halbem Weg durch den Gang steckte er den Kopf in Syers’ Büro. »Also, Cecil, auf wie viel Ärger muss ich mich gefasst machen?«

Syers schwang auf seinem Drehstuhl herum. Der kleine Mann war sieben Jahre älter als Legat und hatte ständig ein unbezähmbares, oft nervtötendes Grinsen im Gesicht. Er trug eine Krawatte mit den gleichen College-Streifen wie Legat. »Tja, für deinen romantischen Lunch hast du dir leider den falschen Tag ausgesucht, alter Knabe.« Mitfühlend sprach er leise weiter. »Hoffe, sie hat es dir nicht krummgenommen.«

In einem schwachen Augenblick hatte Legat ihm gegenüber einmal seine häuslichen Probleme angedeutet. Das bereute er immer noch. »Überhaupt nicht. Läuft alles bestens. Was war in Berlin los?«

»Anscheinend ist das Ganze in eine von Hitlers Tiraden ausgeartet.« Syers tat so, als schlüge er mit beiden Händen im Takt auf die Armlehnen, und sagte auf deutsch: »Ich werde die Tschechen zerschlagen!«

»O Gottogott.«

Ein militärisches Schnarren hallte durch den Gang. »Ah, Legat, da sind Sie ja endlich.«

Syers formte mit den Lippen viel Glück. Legat trat einen Schritt zurück, drehte sich zur Seite und blickte in das lange, schnurrbärtige Gesicht von Osmund Somers Cleverly, den aus unerfindlichen Gründen jedermann nur als Oscar kannte. Des Premierministers Erster Privatsekretär krümmte den Zeigefinger. Legat folgte ihm in dessen Büro.

»Ich muss schon sagen, Legat, ich bin von Ihnen enttäuscht und mehr als nur ein bisschen überrascht.« Cleverly, der Älteste von ihnen allen, war vor dem Krieg Berufssoldat gewesen. »Mitten in einer internationalen Krise zum Lunchen ins Ritz? Mag sein, dass das im Außenministerium so üblich ist, hier ist das nicht so.«

»Sir, ich entschuldige mich dafür. Es wird nicht wieder vorkommen.«

»Und? Keine Erklärung?«

»Heute ist mein Hochzeitstag. Ich konnte meine Frau nicht mehr rechtzeitig erreichen und absagen.«

Cleverly sah ihn noch ein paar Sekunden länger an. Er gab sich keine Mühe, sein Misstrauen gegenüber den hochmögenden jungen Männern aus dem Finanz- und Außenministerium zu verbergen, die nie gedient hatten. »Es gibt Zeiten, wo die Familie erst an zweiter Stelle kommt, und jetzt ist eine solche.«

Der Erste Privatsekretär setzte sich hinter seinen Schreibtisch und schaltete die Lampe ein. Von diesem Teil des Gebäudes aus hatte man einen Blick nach Norden in den Garten der Downing Street. Die ungeschnittenen Bäume schirmten ihn vom Horse-Guards-Paradeplatz ab und tauchten das Erdgeschoss in ein ständiges Halbdunkel.

»Hat Syers Sie ins Bild gesetzt?«

»Ja, Sir. Die Gespräche sind gescheitert.«

»Hitler hat die Absicht verlauten lassen, morgen Nachmittag um zwei Uhr mobilzumachen. Steht also zu befürchten, dass bald der Teufel los sein wird. Sir Horace wird um fünf zur Berichterstattung beim PM zurückerwartet. Und der wird um acht im Rundfunk eine Rede ans Volk halten. Ich möchte, dass Sie sich um die Leute von der BBC kümmern. Die sollen ihre Geräte im Kabinettsraum aufbauen.«

»Ja, Sir.«

»Es findet eine Sitzung mit allen Kabinettsmitgliedern statt, wahrscheinlich umittelbar nach der Rundfunkansprache. Die BBC-Leute müssen also schnell wieder verschwinden. Außerdem empfängt der PM die Hochkommissare der Dominions. Und jeden Augenblick treffen die Stabschefs ein. Wenn die alle da sind, führen Sie sie gleich zum PM. Protokollieren Sie den Inhalt der Unterhaltung, damit der PM das Kabinett unterrichten kann.«

»Ja, Sir.«

»Wie Sie ja wissen, wird das Parlament einberufen. Er beabsichtigt, morgen Nachmittag vor den Abgeordneten eine Erklärung abzugeben. Bereiten Sie für ihn alle wesentlichen Protokolle und Telegramme der vergangenen zwei Wochen in chronologischer Reihenfolge vor.«

»Ja, Sir.«

»Sie werden wohl leider über Nacht bleiben müssen.« Der Schatten eines Lächelns umspielte Cleverlys Schnurrbart. Er erinnerte Legat an einen muskulösen anständigen Sportlehrer an einer unbedeutenderen Privatschule. »Tut mir leid mit Ihrem Hochzeitstag, aber da ist nichts zu machen. Ihre Frau wird das sicherlich verstehen. Sie können in einem der Personalzimmer oben im dritten Stock schlafen.«

»Ist das alles?«

»Das ist alles. Fürs Erste.«

Cleverly setzte seine Brille auf und widmete sich einem Schriftstück. Legat ging in sein Büro zurück, setzte sich an seinen Schreibtisch und atmete tief durch. Er zog die Schublade auf, nahm das Tintenfass heraus und tauchte die Schreibfeder hinein. Er war es nicht gewohnt, dass man ihn maßregelte. Verdammter Cleverly, dachte er. Seine Hand zitterte leicht. Die Spitze der Feder klirrte am gläsernen Rand des Tintenfasses. Miss Watson seufzte, hob aber nicht den Kopf. Er griff in den Drahtkorb, der links auf seinem Schreibtisch stand, und nahm die Mappe mit den frisch eingegangenen Telegrammen aus dem Außenministerium heraus. Aber noch bevor er das rosafarbene Band lösen konnte, erschien Sergeant Wren in der Tür, der Bürobote der Downing Street. Wie üblich war er außer Atem. Er hatte im Krieg ein Bein verloren.

»Der Chef des Imperialen Generalstabes ist da, Sir.«

Legat folgte dem humpelnden Boten durch den Gang zur Eingangsdiele. Von Weitem konnte er sehen, dass Viscount Gort, der mit seinen polierten braunen Stiefeln breitbeinig unter der Messinglaterne stand, ein Telegramm las. Er war eine schillernde Persönlichkeit: Aristokrat, Kriegsheld, Träger des Victoria-Kreuzes. Die Schreiber, Sekretärinnen und Stenotypistinnen, denen plötzlich ein dringender Grund eingefallen war, die Diele zu durchqueren, um einen Blick auf ihn zu werfen, schien er gar nicht wahrzunehmen. Die Vordertür öffnete sich, und in einer Kaskade aus Blitzlichtern trat Luftmarschall Cyril Newall herein, nur Sekunden später gefolgt von der riesenhaften Gestalt des Ersten Seelords Admiral Roger Backhouse.

»Würden Sie mir bitte folgen, meine Herren«, sagte Legat.

Während er sie ins Innere führte, hörte er Gort sagen: »Kommt Duff auch?«, worauf Backhouse erwiderte: »Nein, der PM glaubt, dass er vertrauliche Informationen an Winston durchsteckt.«

»Würden Sie bitte kurz warten?«

Eine Doppeltür sorgte dafür, dass der Kabinettsraum schalldicht war. Er öffnete die äußere Tür und klopfte leise an die innere.

Der Premierminister saß mit dem Rücken zur Tür. Ihm gegenüber saßen in der Mitte des langen Tisches Außenminister Halifax, Schatzkanzler John Simon und Innenminister Samuel Hoare. Alle schauten zur Tür, als Legat hereinkam. Abgesehen vom Ticken der Uhr herrschte vollkommene Stille im Raum.

»Entschuldigen Sie, Herr Premierminister«, sagte er. »Die Stabschefs sind da.«

Chamberlain drehte sich nicht um. Seine Hände lagen weit ausgebreitet auf dem Tisch, als wollte er jeden Augenblick seinen Stuhl zurückschieben. Mit beiden Zeigefingern klopfte er langsam auf die polierte Tischplatte. Schließlich sagte er mit seiner präzisen, etwas altjüngferlichen Stimme: »Also gut. Wir treffen uns wieder, wenn Horace zurück ist. Mal sehen, was er noch zu berichten hat.«

Die Minister schoben ihre Papiere zusammen – etwas umständlich im Fall von Halifax, dessen verkrüppelter linker Arm nutzlos an der Seite hing. Dann standen sie ohne ein weiteres Wort auf. Die Großen Drei waren Männer in den Fünfzigern und Sechzigern, sie standen auf dem Gipfel ihrer Macht, ihre physische Größe wurde von ihrer Erhabenheit noch überragt. Legat trat zur Seite, um sie vorbeizulassen – »ein Trio aus Sargträgern auf der Suche nach ihrem Sarg«, wie Legat sich später gegenüber Syers ausdrückte. Er hörte, wie sie die wartenden Chefs der Streitkräfte mit gedämpfter, düsterer Stimme grüßten. Dann sagte er leise: »Soll ich jetzt die Chefs des Generalstabes hereinbitten, Herr Premierminister?«

Chamberlain drehte sich immer noch nicht zu ihm um. Er schaute auf die Wand gegenüber. Sein krähenartiges Profil sah hart, unbeugsam, ja kriegerisch aus. Schließlich sagte er zerstreut: »Ja, sicher. Sie sollen hereinkommen.«

Legat setzte sich neben die dorischen Säulen ans hintere Ende des Kabinettstisches. In den vollen Bücherschränken standen in braunes Leder gebundene Gesetzbücher und die silbrig blauen Hansard-Bände mit den offiziellen Protokollen der Parlamentssitzungen. Die Chefs des Generalstabes legten ihre Uniformmütze auf dem Beistelltisch neben der Tür ab und setzten sich auf die Stühle, auf denen eben noch die Minister gesessen hatten. Sie öffneten ihre Aktentasche und breiteten die Unterlagen aus. Alle drei zündeten sich eine Zigarette an.

Legat warf einen Blick auf die Kaminuhr hinter dem Premierminister. Dann tauchte er die Federspitze in das Tintenfass der Schreibgarnitur und schrieb auf ein Blatt Kanzleipapier: PM & ChdSTs, 14.05 Uhr.

Chamberlain räusperte sich. »Nun, meine Herren, die Lage hat sich leider verschlechtert. Wir hatten vorbehaltlich einer Volksabstimmung auf die geordnete Abtretung des Sudetenlands an Deutschland gehofft – wozu die tschechische Regierung ihre Zustimmung gegeben hatte. Unglücklicherweise hat Hitler gestern Abend erklärt, dass er nicht einmal eine Woche länger warten könne und am Samstag einmarschieren werde. Sir Horace Wilson hat ihn bei einem Treffen heute Morgen sehr nachdrücklich gewarnt, dass, sollte Frankreich zu seinen Bündnisverpflichtungen zur Tschechoslowakei stehen – woran zu zweifeln wir nicht den geringsten Anlass hätten –, wir verpflichtet seien, Frankreich beizustehen.« Der Premierminister setzte seine Brille auf und nahm ein Telegramm vom Tisch. »Nach seinen üblichen wüsten Tiraden antwortete Hitler laut unserem Botschafter in Berlin mit folgenden Worten: ›Wenn Frankreich und England losschlagen, so sollen sie es nur tun. Mir ist das völlig gleichgültig. Ich bin für jede Eventualität gerüstet. Ich kann die Situation nur zur Kenntnis nehmen. Heute ist Dienstag, und am nächsten Montag werden wir alle Krieg führen.‹«

Chamberlain legte das Telegramm zurück und nahm einen Schluck Wasser. Legats Feder glitt schnell über das schwere Papier: PM – letzte Nachricht aus Berlin – Gespräche gescheitert – heftige Reaktion von Hitler – »Nächste Woche werden wir Krieg führen« –

»Solange die Chance auf eine friedliche Lösung besteht, werde ich meine Bemühungen natürlich fortsetzen – auch wenn im Augenblick kaum ersichtlich ist, was wir noch tun können. In der Zwischenzeit müssen wir uns wohl auf das Schlimmste vorbereiten.«

Gort schaute nacheinander seine Kollegen an. »Wir haben ein Memorandum vorbereitet, Herr Premierminister. Es fasst unsere gemeinsame Sicht der militärischen Lage zusammen. Wenn Sie gestatten, trage ich Ihnen das Ergebnis vor.«

Chamberlain nickte.

»›Nach unserer Auffassung kann kein Druck, den Großbritannien und Frankreich ausüben können – weder zu Wasser noch zu Lande, noch in der Luft –, Deutschland davon abhalten, Böhmen zu überrennen und der Tschechoslowakei eine entscheidende Niederlage zuzufügen. Die Wiederherstellung der Einheit der Tschechoslowakei kann nur durch eine Niederlage Deutschlands als Folge eines langen Kampfes erreicht werden, der von Beginn an den Charakter eines unbegrenzten Krieges haben wird.‹«

Niemand sagte ein Wort. Legat war sich sehr bewusst, dass das einzige Geräusch im Raum das Kratzen seiner Schreibfeder war. Es hörte sich plötzlich grotesk laut an.

»Das ist der Albtraum, vor dem mir immer gegraut hat«, sagte Chamberlain schließlich. »Als hätten wir nichts aus dem letzten Krieg gelernt und würden noch einmal den August 1914 durchleben. Nach und nach werden die Länder der Welt mit hineingezogen, und wofür? Wir haben den Tschechen schon gesagt, dass ihre Nation nach unserem Sieg in ihrer jetzigen Form nicht weiterexistieren kann. Die dreieinhalb Millionen Sudetendeutschen haben das Recht auf Selbstbestimmung. Deshalb wird die Abtrennung des Sudetenlands von Deutschland unter keinen Umständen ein Kriegsziel der Alliierten sein. Wofür also kämpfen?«

»Für die Herrschaft des Rechts?«, sagte Gort.

»Für die Herrschaft des Rechts. Ja. Wenn es so weit kommt, dann werden wir dafür kämpfen. Aber ich würde mir bei Gott wünschen, wir könnten einen anderen Weg finden, sie aufrechtzuerhalten.« Der Premierminister fuhr sich kurz mit einem Finger über die Stirn. Der altmodische Kläppchenkragen lenkte den Blick auf seinen sehnigen Hals. Das Gesicht war grau vor Erschöpfung. Es kostete ihn einige Anstrengung, wieder in seinen geschäftsmäßigen Ton zu verfallen. »Welche praktischen Schritte sind jetzt erforderlich?«

»Wie schon vereinbart, entsenden wir sofort zwei Divisionen nach Frankreich, um unsere Solidarität zu bekunden«, sagte Gort. »Sie können in drei Wochen vor Ort und weitere achtzehn Tage später einsatzbereit sein. General Gamelin hat jedoch eindeutig zu verstehen gegeben, dass die Franzosen bis nächsten Sommer nicht die Absicht hegen, mehr als nur Scheinangriffe gegen Deutschland zu unternehmen. Offen gesagt, bezweifle ich sogar das. Sie werden die Maginot-Linie nicht überschreiten.«

»Sie warten, bis wir noch mehr Truppen schicken«, ergänzte Newall.

»Ist die Luftwaffe bereit?«

Newall richtete sich kerzengerade auf. Er war ein Mann mit hagerem, fast skelettartigem Gesicht und schmalem, grauem Schnurrbart. »Mit Verlaub, Herr Premierminister, der Zeitpunkt ist der schlimmstmögliche für uns. Auf dem Papier verfügen wir über sechsundzwanzig Staffeln zur Landesverteidigung, aber nur sechs davon bestehen aus modernen Flugzeugen. Eine aus Spitfires, die anderen fünf aus Hurricanes.«

»Aber die sind einsatzbereit?«

»Einige, ja.«

»Einige?«

»Es gibt da leider noch ein technisches Problem mit den Maschinengewehren der Hurricanes, Herr Premierminister. Bei einer Höhe von über fünfzehntausend Fuß frieren sie ein.«

»Was sagen Sie da?« Chamberlain beugte sich vor, als hätte er nicht richtig gehört.

»Wir arbeiten daran, aber das könnte noch einige Zeit dauern.«

»Nein, was Sie tatsächlich sagen, Herr Luftmarschall, ist Folgendes: Wir haben eineinhalb Milliarden Pfund für die Wiederaufrüstung ausgegeben, davon das meiste für die Luftwaffe, und wenn es darauf ankommt, haben wir keine Kampfflugzeuge, die fliegen.«

»Unsere Planung hat immer auf der Annahme gefußt, dass es frühestens 1939 zu einem Konflikt mit Deutschland kommen könnte.«

Der Premierminister wandte sich wieder dem Chef des Imperialen Generalstabes zu. »Lord Gort. Kann nicht das Heer vom Boden aus den Großteil der angreifenden Flugzeuge abschießen?«

»Da befinden wir uns leider in einer ähnlichen Lage wie der Luftmarschall, Herr Premierminister. Wir verfügen nur über etwa ein Drittel der Geschütze, die unserer Meinung nach zur Verteidigung Londons erforderlich wären. Und das sind meist veraltete Überreste aus dem letzten Krieg. Wir haben nicht genügend Suchscheinwerfer. Uns fehlt es an Ortungsgeräten und Funkausrüstung … Wir hatten bei unserer Planung ebenfalls ein weiteres Jahr einkalkuliert.«

Etwa ab der Mitte der Ausführungen schien Chamberlain nicht mehr zugehört zu haben. Er hatte die Brille wieder aufgesetzt und blätterte in seinen Unterlagen. Es herrschte inzwischen eine unangenehme Atmosphäre im Raum.

Legat schrieb ruhig weiter. Er verpackte die peinlichen Fakten in Bürokratenprosa – PM beunruhigt hinsichtlich angemessener Flugabwehr –, aber die geordnete Funktionsfähigkeit seines Gehirns war gestört. Wieder einmal ging ihm das Bild seiner Kinder mit Gasmaske durch den Kopf.

Chamberlain hatte gefunden, wonach er gesucht hatte. »Das gemeinsame Nachrichtendienstkomitee schätzt die Verluste in London für die erste Woche einer Bombardierung auf einhundertfünfzigtausend und für die ersten zwei Monate auf sechshunderttausend.«

»Es ist unwahrscheinlich, dass das sofort geschehen wird. Wir gehen davon aus, dass die Deutschen ihren Hauptbomberverband zunächst gegen die Tschechen richten werden.«

»Und wenn die Tschechen geschlagen sind, was dann?«

»Das wissen wir nicht. Wir sollten jedenfalls die verbleibende Zeit nutzen, Vorkehrungen zu treffen, und schon morgen mit der Evakuierung Londons beginnen.«

»Wie gut ist die Marine vorbereitet?«

Der Erste Seelord war eine eindrucksvolle Erscheinung. Er war gut einen Kopf größer als alle anderen im Raum, das tief zerfurchte Gesicht sah aus wie von Stürmen gegerbt, das Haar auf dem fast kahlen Schädel war schütter und grau. »Wir haben Engpässe bei Geleitschiffen und Minensuchbooten. Unsere Großkampfschiffe müssen betankt und bewaffnet werden, Teile der Besatzungen haben Urlaub. Wir müssen die Mobilmachung so schnell wie möglich verkünden.«

»Wann müsste das spätestens geschehen, damit wir am 1. Oktober einsatzfähig sind?«

»Heute.«

Chamberlain lehnte sich zurück. Er klopfte wieder mit den Zeigefingern auf die Tischplatte. »Das hieße, wir geben die Mobilmachung vor den Deutschen bekannt.«

»Teilmobilmachung, Herr Premierminister. Dafür würde noch etwas anderes sprechen: Sie würde Hitler zeigen, dass wir nicht bluffen und zu kämpfen bereit sind, wenn es darauf ankommt. Möglich, dass er es sich noch einmal überlegt.«

»Möglich. Aber ebenso möglich ist, dass ihn das in den Krieg treibt. Ich hatte jetzt bei zwei Begegnungen Gelegenheit, dem Mann in die Augen zu schauen, und meiner Auffassung nach kann er eines nicht ertragen, nämlich sein Gesicht zu verlieren.«

»Aber wenn es zum Kampf kommen sollte, dann ist es wichtig, dass er nicht im Zweifel darüber gelassen wird, wie ernst wir es meinen. Es wäre eine Tragödie, wenn er Ihre couragierten Besuche und ernsthaften Bemühungen um Frieden als Zeichen von Schwäche deuten würde. Das war doch der Fehler, den die Deutschen 1914 gemacht haben. Sie haben geglaubt, wir meinen es nicht ernst.«

Chamberlain verschränkte die Arme und schaute auf den Tisch. Legat konnte nicht erkennen, ob Chamberlain den Vorschlag ablehnte oder ihn in Erwägung zog. Schlau von Backhouse, ihm zu schmeicheln, dachte er. Der Premierminister hatte nur wenige offensichtliche Schwächen, aber für einen scheuen Mann wie ihn auch ein seltsames und schlimmes Laster: die Eitelkeit. Die Sekunden verstrichen. Schließlich hob er den Kopf, schaute Backhouse an und nickte. »Einverstanden. Geben Sie die Mobilmachung bekannt.«

Der Erste Seelord drückte seine Zigarette aus, steckte die Unterlagen zurück in die Aktentasche und stand auf. »Ich mache mich gleich auf den Weg zur Admiralität.«

Die anderen waren dankbar, sich ebenfalls erheben und verschwinden zu können.

»Halten Sie sich bitte bereit, Sie müssen später noch die entsprechenden Minister unterrichten«, sagte Chamberlain. »In der Zwischenzeit sollten wir nichts tun oder sagen, was einer Panik in der Öffentlichkeit Vorschub leisten oder Hitler in eine Lage zwängen könnte, aus der er ohne Gesichtsverlust nicht wieder herauskommt.«

Nachdem die Chefs des Generalstabes gegangen waren, stieß Chamberlain einen langen Seufzer aus und legte den Kopf in die Hände. Als er zur Seite schaute, schien er Legat zum ersten Mal wahrzunehmen. »Haben Sie alles mitgeschrieben?«

»Ja, Herr Premierminister.«

»Vernichten Sie es.«

2

Die Wilhelmstraße im Herzen des Regierungsviertels von Berlin. Paul von Hartmann saß an seinem Schreibtisch in dem weitläufigen, dreistöckigen Bau aus dem 19. Jahrhundert, der das deutsche Außenministerium beherbergte. Er dachte über das Telegramm nach, das in der Nacht aus London eingetroffen war.

Vertraulich

London, 26. September 1938

Im Namen unserer alten Freundschaft und unseres gemeinsamen Wunsches nach Frieden zwischen unseren Völkern bitte ich Eure Exzellenz dringend, allen Einfluss geltend zu machen, um eine Verschiebung des entscheidenden Vorrückens am 1. Oktober auf einen späteren Zeitpunkt zu erreichen, damit die hitzigen Gemüter sich abkühlen können und sich Gelegenheit findet, eine Regelung der Angelegenheit zu erzielen.

Rothermere, Fourteen Stratton House, Piccadilly, London

Von Hartmann zündete sich eine Zigarette an und grübelte über die passende Form der Antwort nach. In den sieben Monaten seit Joachim von Ribbentrops Amtsantritt als Reichsaußenminister war er oft damit betraut worden, eingehende Nachrichten vom Englischen ins Deutsche zu übersetzen und dann im Namen des Ministers eine Antwort zu entwerfen. Zunächst hatte er sich an den herkömmlichen formellen und neutralen Tonfall des Berufsdiplomaten gehalten. Viele dieser Entwürfe waren als unzureichend nationalsozialistisch zurückgewiesen worden – manche hatte ihm SS-Sturmbannführer Sauer aus von Ribbentrops Stab sogar persönlich überbracht –, durchgestrichen mit einem dicken schwarzen Stift. Da er auf der Karriereleiter weiter aufsteigen wollte, hatte er sich gezwungen gesehen, eine gewisse Anpassung seines Stils vorzunehmen. Nach und nach hatte er sich antrainiert, das bombastische Gehabe und die radikale Weltsicht des Ministers zu imitieren. Und in diesem Geiste machte er sich an die Arbeit, für Viscount Rothermere, den Besitzer der Daily Mail, eine Antwort zu formulieren. Er steigerte sich in eine Pseudoempörung hinein und hackte geradezu mit der Schreibfeder auf das Papier ein. Besonders der letzte Absatz erschien ihm meisterhaft gelungen:

Der Gedanke, dass wegen des Sudetenproblems, das für England völlig nebensächlicher Natur ist, zwischen unseren beiden Völkern der Frieden gebrochen werden könne, scheint mir Wahnsinn und ein Verbrechen an der Menschheit. Deutschland hat England gegenüber eine schnurgerade Politik der Verständigung verfolgt. Es wünscht den Frieden und die Freundschaft mit England, aber wenn fremde bolschewistische Einflüsse in der englischen Politik Oberwasser bekämen, ist Deutschland auf jede Eventualität vorbereitet. Die Verantwortung vor der Welt für ein solches Verbrechen würde aber niemals auf Deutschland fallen können, das wissen Sie, mein lieber Lord Rothermere, am besten von allen.

Er blies auf die Tinte. Bei von Ribbentrop konnte man wirklich nie zu dick auftragen.

Von Hartmann zündete sich eine neue Zigarette an. Er begann noch einmal von vorn, blinzelte durch den Rauch auf das Papier und änderte hier und da eine Kleinigkeit. Seine Augen hatten eine auffallend violette Färbung, sein Blick war leicht verschleiert. Er besaß eine hohe Stirn, der Haaransatz hatte sich trotz seinen erst neunundzwanzig Jahren schon fast bis zur Schädelmitte zurückgezogen. Der Mund war breit und sinnlich, die Nase kräftig – es war ein lebhaftes und ausdrucksstarkes Gesicht: einnehmend, ungewöhnlich, fast hässlich. Und doch war es ihm gegeben, dass sowohl Männer als auch Frauen ihn mochten.

Er wollte gerade den Entwurf in den Korb für die Schreibkräfte legen, als er ein Geräusch hörte. Vielleicht war es präziser zu sagen, dass er das Geräusch spürte. Es schien durch die Schuhsohlen zu dringen und an den Stuhlbeinen emporzukriechen. Die Blätter in seiner Hand zitterten. Das Grollen wurde stärker, steigerte sich zu einem Dröhnen, und einen Augenblick lang fragte er sich, ob wohl ein Erdbeben die Stadt heimsuche. Aber dann hörte er die unverkennbaren Geräusche von schweren, hoch drehenden Motoren und klirrenden Metallketten heraus. Seine beiden Bürokollegen, von Nostitz und von Rantzau, schauten sich an und runzelten die Stirn. Sie standen auf und gingen zum Fenster. Von Hartmann folgte ihnen.

Eine Kolonne olivgrüner gepanzerter Fahrzeuge rollte von Unter den Linden kommend in südlicher Richtung durch die Wilhelmstraße – Halbkettenfahrzeuge, Panzer auf Schwerlasttransportern, schwere, von Lastwagen oder Pferdegespannen gezogene Geschütze. Von Hartmann verrenkte den Hals. Er konnte kein Ende erkennen. Nach der Länge zu urteilen, musste es sich um eine vollständige motorisierte Division handeln.

»Mein Gott, geht es schon los?«, sagte von Nostitz, der älter als von Hartmann war und einen Dienstgrad über ihm stand.

Von Hartmann ging zu seinem Schreibtisch zurück, hob den Telefonhörer ab und wählte einen Nebenanschluss im Haus. Er musste sich das linke Ohr zuhalten, um den Lärm auszuschalten. »Kordt«, sagte eine blecherne Stimme am anderen Ende.

»Hier ist Paul. Was geht da vor?«

»Wir treffen uns unten.« Kordt legte auf.

Von Hartmann nahm seinen Hut vom Haken.

»Wollen Sie auch gleich einrücken?«, fragte von Nostitz spöttisch.

»Natürlich nicht, ich will nur unserer heldenhaften Wehrmacht zujubeln.«

Er eilte durch den düsteren hohen Gang, dann die Haupttreppe hinunter und schließlich durch die Flügeltür. Eine kurze, von zwei Steinsphingen gesäumte Treppe, auf der in der Mitte ein blauer Läufer lag, führte in die Eingangshalle. Obwohl die Luft vom hereindringenden Lärm geradezu vibrierte, lag die Halle zu von Hartmanns Überraschung verlassen da. Kordt stieß eine Minute später zu ihm. Seine Aktentasche hatte er unter den Arm geklemmt. Er nahm die Brille ab, hauchte auf die Gläser und polierte sie mit dem Krawattenzipfel. Zusammen traten sie hinaus auf die Straße.

Auf dem Gehweg hatte sich nur eine Handvoll Angestellter des Außenministeriums eingefunden. Gegenüber sah das natürlich anders aus. Im Propagandaministerium lagen sie in allen Fenstern. Der Himmel war wolkenverhangen und lechzte danach, sich ausregnen zu können. Von Hartmann spürte einen Tropfen auf der Wange. Kordt nahm von Hartmanns Arm, und zusammen gingen sie in die gleiche Richtung wie die Militärkolonne. Die zahlreichen rot-weiß-schwarzen Hakenkreuzfahnen hingen regungslos über ihnen. Sie verliehen der grauen Steinfassade des Ministeriums ein festliches Aussehen. Dennoch waren auf der Straße auffallend wenige Menschen unterwegs. Niemand winkte oder jubelte, die meisten hielten den Kopf gesenkt oder blickten starr geradeaus. Von Hartmann wunderte sich. Normalerweise wurden solche Auftritte von der Partei besser organisiert.

Erich Kordt hatte noch kein Wort gesagt. Der Rheinländer schritt nervös aus. Nachdem sie etwa zwei Drittel der Gebäudefront hinter sich hatten, schob er von Hartmann unter den Mauervorsprung eines unbenutzten Eingangs. Die schwere Holztür war verriegelt, das Vordach schützte sie vor neugierigen Blicken. Nicht dass es da viel zu sehen gab: nur den wie ein harmloser bebrillter Beamter aussehenden Büroleiter des Reichsaußenministers und einen großen, jungen Legationssekretär, die eine Stegreifbesprechung abhielten.

Kordt drückte die Aktentasche an die Brust, öffnete den Schnappverschluss und zog ein maschinengeschriebenes Schriftstück heraus. Er reichte es von Hartmann. Sechs Seiten in besonders großen Buchstaben, so wie es der Führer mochte, um seine weitsichtigen Augen zu schonen, wann immer er sich mit banalem Bürokratenkram abzugeben hatte. Es handelte sich um den Bericht seines morgendlichen Treffens mit Sir Horace Wilson, geschrieben von Dr. Paul Schmidt, dem Chefdolmetscher im Außenministerium. Obwohl das Geschilderte in ödester Amtssprache abgefasst war, konnte von Hartmann es sich dennoch so lebhaft vorstellen wie eine Episode aus einem Roman.

Der servile Wilson hatte dem Führer zur freundlichen Aufnahme seiner Sportpalastrede vom Abend zuvor gratuliert (als ob etwas anderes möglich wäre!), hatte ihm für die freundliche Erwähnung von Premierminister Chamberlain gedankt und zwischendurch die weiteren Anwesenden gebeten – von Ribbentrop und Botschafter Nevile Henderson sowie dessen Kanzleichef Ivone Kirkpatrick von der britischen Botschaft –, ihn kurz mit dem Führer allein zu lassen. Von Mann zu Mann versicherte er ihm persönlich, dass London weiter Druck auf die Tschechen ausüben werde (Schmidt hatte seine Worte sogar im englischen Original festgehalten: I will still try to make those Czechos sensible). Aber den Kern der Begegnung konnte nichts verschleiern: Wilson hatte die Verwegenheit besessen, eine vorbereitete Erklärung des Inhalts zu verlesen, dass im Falle von Kampfhandlungen die Briten den Franzosen beistehen würden, und hatte dann den Führer gebeten, das Gesagte zu wiederholen, um jedes Missverständnis auszuschließen! Kein Wunder, dass Hitler die Beherrschung verloren und Wilson angeschnauzt hatte, es sei ihm einerlei, was Franzosen oder Briten täten, er habe Milliarden für die Kriegsvorbereitung ausgegeben, und wenn sie Krieg wollten, dann würden sie Krieg bekommen.

Von Hartmann sah das Bild eines unbewaffneten Passanten vor sich, der einen Geistesgestörten zu überreden versuchte, ihm seine Waffe auszuhändigen.

»Also doch Krieg.«

Er gab Kordt das Schriftstück zurück, der es wieder in die Aktentasche steckte.

»Sieht ganz so aus. Eine halbe Stunde nach Ende der Besprechung hat er den Befehl zu dem da gegeben.« Er nickte zu der Panzerkolonne hin. »Es ist kein Zufall, dass die an der britischen Botschaft vorbeimarschieren.«

Der Lärm der Motoren zerriss die warme Luft. Von Hartmann konnte den Staub und das süßliche Benzin schmecken. Um den Krach zu übertönen, musste er brüllen. »Wer sind die? Woher kommen die?«

»Witzlebens Männer aus der Berliner Kaserne. Auf dem Weg zur tschechischen Grenze.«

Hinter seinem Rücken ballte von Hartmann die Faust. Also doch! Er ahnte, was das hieß. »Dann haben wir keine Wahl mehr, oder? Wir müssen jetzt handeln.«

Kordt nickte langsam. »Ich könnte kotzen.«

Plötzlich legte er warnend die Hand auf von Hartmanns Arm. Mit gezogenem Schlagstock kam ein Polizist auf sie zu.

»Guten Tag, meine Herren. Der Führer ist auf dem Balkon.« Er zeigte mit dem Schlagstock die Straße hinunter. Eine respektvolle Aufforderung. Er befahl ihnen nicht, was sie zu tun hätten, sondern machte sie lediglich auf die historische Gelegenheit aufmerksam.

»Danke, Wachtmeister«, sagte Kordt.

Die beiden Diplomaten traten wieder auf die Straße.

Die Reichskanzlei befand sich neben dem Reichsaußenministerium. Gegenüber, auf der weiten Fläche des Wilhelmplatzes, hatte sich eine kleine Menschenmenge versammelt. Dabei handelte es sich zweifellos um Parteiclaqueure, einige trugen sogar die Hakenkreuzarmbinde. Immer wieder rief jemand »Heil!«, und Arme schossen in die Höhe. Die Männer in der Panzerkolonne wandten den Kopf nach rechts und salutierten. Meist junge Männer, weit jünger als von Hartmann. Sie fuhren so dicht an ihm vorbei, dass er ihren Gesichtsausdruck sehen konnte: Staunen, Verwunderung, Stolz. Hinter dem hohen, schwarzen Eisenzaun der Reichskanzlei befand sich der Innenhof, über dem Haupteingang des Gebäudes ein Balkon und auf dem Balkon die unverwechselbare einzelne Gestalt: braune Jacke, braune Mütze, die linke Hand die Schnalle des schwarzen Koppels umklammernd, der rechte Arm gelegentlich noch vorn schießend, die Hand flach, die Finger ausgestreckt, roboterhaft in seiner absoluten Gleichmäßigkeit. Er war nicht mehr als fünfzig Meter entfernt.

Kordt salutierte und flüsterte: »Heil Hitler!«

Von Hartmann tat es ihm gleich.

Sobald Kolonnenteile die Reichskanzlei hinter sich hatten, beschleunigten sie und rollten weiter in Richtung Blücherplatz.

»Was meinst du?«, sagte von Hartmann. »Wie viele Leute haben sich das angeschaut?«

Kordt betrachtete die spärlichen Grüppchen. »Nicht mehr als zweihundert, würde ich sagen.«

»Das wird ihm nicht gefallen.«

»Bestimmt nicht. Ausnahmsweise bin ich der Meinung, dass die Regierung einen Fehler gemacht hat. Der Führer war so geschmeichelt von Chamberlains Besuchen, dass er der Presse durch Goebbels hat sagen lassen, sie sollten richtig auf den Putz hauen. Das deutsche Volk dachte, es würde Frieden geben. Und jetzt erzählt man ihnen, dass es doch zum Krieg kommt, und das gefällt ihnen nicht.«

»Also, wann handeln wir? Wir dürfen jetzt keine Zeit verlieren.«

»Oster will sich heute Abend mit uns bereden. An einem neuen Treffpunkt: Goethestraße 9 in Lichterfelde.«

»Lichterfelde? Warum so weit draußen?«

»Wer weiß. Möglichst pünktlich um zehn. Es gibt viel zu tun.«

Kordt drückte kurz von Hartmanns Schulter und ging. Von Hartmann blieb noch eine Zeit lang stehen und richtete den Blick zu der Gestalt auf dem Balkon. Es waren erstaunlich wenige Sicherheitsleute zu sehen – einige Polizisten am Tor zum Innenhof, zwei SS-Männer an der Eingangstür. Im Innern des Gebäudes waren sicherlich noch mehr, aber trotzdem … Natürlich würde sich das nach der Kriegserklärung ändern. Dann würden sie nicht mehr an ihn herankommen.

Nach einigen Minuten hatte es die Gestalt auf dem Balkon anscheinend satt. Sie ließ den Arm sinken, schaute wie ein enttäuschter Theaterleiter, der einen Blick in den spärlich besetzten Zuschauerraum warf, in beide Richtungen die Wilhelmstraße entlang, drehte sich um und verschwand zwischen den Vorhängen ins Innere der Reichskanzlei. Die Tür schloss sich.

Von Hartmann nahm den Hut ab, strich sich das schüttere Haar glatt, zog den Hut wieder ins Gesicht und ging dann in Gedanken versunken zu seinem Büro zurück.

3

Um exakt 18 Uhr drang das Läuten von Big Ben durch die offenen Fenster von Downing Street Nummer 10.

Wie auf Kommando stand Miss Watson auf, nahm Hut und Mantel, wünschte Legat knapp einen angenehmen Abend und verließ das Büro. Sie nahm einen der offiziellen roten Aktenkoffer mit, der für den Premierminister bestimmt war und bis zum Rand sorgfältig kommentierte Schriftstücke enthielt. Die Einberufung des Parlaments für eine Dringlichkeitsdebatte zur tschechischen Krise hatte dem geruhsamen Sommer ein Ende bereitet. Legat wusste, dass sie wie üblich mit dem Rad durch Whitehall zum Westminsterpalast fahren, ihr altertümliches Gefährt im New Palace Yard abstellen und die Privattreppe zum Büro des Premierministers hinaufgehen würde, das sich auf der anderen Gangseite hinter dem Stuhl des Speakers befand. Dort würde sie Chamberlains Parlamentarischen Privatsekretär Lord Dunglass treffen – für den sie unübersehbar, aber unerwidert schwärmte –, um mit ihm die Antworten auf die schriftlichen Fragen des Premierministers zu besprechen.

Das war Legats Chance.

Er schloss die Tür, setzte sich an den Schreibtisch, hob den Hörer ab und wählte die Telefonzentrale. Er bemühte sich, einen beiläufigen Ton anzuschlagen. »Guten Abend, Legat am Apparat. Würden Sie mich bitte mit Victoria 7472 verbinden?«

Seit dem Ende der Besprechung der Generalstabschefs bis zu diesem Augenblick hatte Legat alle Hände voll zu tun gehabt. Jetzt konnte er endlich seine Notizen auf dem Schreibtisch ausbreiten. Von Kindesbeinen an auf den Gladiatorenkampf im Prüfungsraum gedrillt – Schule, Stipendium, Oxford-Abschlussprüfung, Aufnahme ins Außenministerium –, hatte er nur eine Seite des Papiers beschrieben, damit die Tinte nicht verschmierte. PM beunruhigt hinsichtlich angemessener Flugabwehr … Schnell drehte er die Blätter um, sodass die leere Seite oben lag. Er würde sie wie angeordnet vernichten. Aber nicht sofort. Etwas hielt ihn davon ab. Was, konnte er nicht genau sagen – vielleicht ein merkwürdiges Gespür für Korrektheit. Den ganzen Nachmittag hatte er einen Besucher nach dem anderen zum Premierminister geführt und die Schriftstücke zusammengestellt, die er für seine Parlamentsrede benötigen würde. Und dabei hatte er sich gefühlt wie ein in die reine Wahrheit Eingeweihter. Das waren die Informationen, anhand deren Regierungspolitik gemacht wurde: Fast könnte man sagen, verglichen damit habe nichts anderes eine solche Bedeutung. Diplomatie, Moral, Recht, Pflicht – was vermochten diese Dinge schon gegen militärische Stärke ausrichten. Eine Staffel der Royal Air Force umfasste zwanzig Maschinen, wenn er sich recht erinnerte. Zur Verteidigung des ganzen Landes standen also nur zwanzig moderne Kampfflugzeuge mit funktionierenden Bordgeschützen zur Verfügung, die in großer Höhe operieren konnten.

»Ich verbinde, Sir.«

Mit einem Klicken wurde die Verbindung hergestellt, dann das doppelte Brummen, während der Anschluss klingelte. Sie hob schneller als erwartet ab und sagte munter: »Victoria 7472?«

»Ich bin’s, Pamela.«

»Oh, Hugh, hallo.« Sie klang überrascht und vielleicht sogar ein bisschen enttäuscht.

»Hör zu«, sagte er. »Ich kann nicht lange sprechen, also pass auf, was ich jetzt sage. Pack für dich und die Kinder Sachen für eine Woche ein, und lasst euch dann von jemand aus der Autowerkstatt zu deinen Eltern bringen. Und zwar sofort.«

»Aber es ist schon sechs.«

»Die hat noch offen.«

»Warum so eilig? Was ist passiert?«

»Nichts. Jedenfalls noch nicht. Ich möchte euch nur an einem sicheren Ort wissen.«

»Das hört sich ziemlich nach Panik an. Ich mag’s gar nicht, wenn die Leute panisch werden.«

Er umfasste den Hörer fester. »Das befürchte ich eben, Liebling, dass die Leute panisch werden.« Er schaute zur Tür. Jemand ging draußen vorbei, dann verstummten die Schritte. Er senkte die Stimme und sprach in drängenderem Ton weiter. »Es könnte schwierig werden, spätabends noch aus London rauszukommen. Ihr müsst jetzt fahren, solange die Straßen noch frei sind.« Sie wollte widersprechen. »Fang jetzt nicht an, mit mir zu streiten, Pamela. Würdest du einfach ausnahmsweise mal das tun, um was ich dich verdammt noch mal bitte?«

Kurz herrschte Schweigen. Dann sagte sie leise: »Und was ist mit dir?«

»Ich muss über Nacht hierbleiben. Ich versuche später noch mal, dich zu erreichen. Jetzt muss ich Schluss machen. Tu bitte, worum ich dich bitte. Versprich es!«

»Ja, einverstanden, wenn du darauf bestehst.« Er konnte im Hintergrund eines der Kinder hören. Pamela zischte. »Seid still, ich rede mit eurem Vater.« Sie wandte sich wieder ihm zu. »Soll ich dir ein paar Sachen für die Nacht vorbeibringen?«

»Nein, mach dir keine Sorgen. Ich hoffe, dass ich mich irgendwann verdrücken kann. Und du konzentrierst dich darauf, dass ihr aus London rauskommt, in Ordnung?«

»Ich liebe dich … Das weißt du.«

»Ja, ich weiß.«

Sie wartete. Ihm war klar, dass er jetzt etwas sagen sollte, aber ihm fielen keine passenden Worte ein. Er hörte das Klacken, mit dem sie auflegte, und dann nur noch das Freizeichen.

Jemand klopfte an der Tür.

»Einen Augenblick.« Er faltete die Notizen vom Treffen der Stabschefs einmal, zweimal und noch einmal zusammen und steckte sie in die Innentasche seiner Jacke.

Im Gang stand Wren, der Bote. Legat fragte sich, ob er wohl gelauscht hatte. Aber er sagte nur: »Die Leute von der BBC sind da.«

Zum ersten Mal seit Beginn der Krise hatte sich in der Downing Street eine größere Menschenmenge versammelt. Die Leute hatten sich gegenüber Nummer 10 schweigend zu den Fotografen gesellt. Ihre Aufmerksamkeit hatte vor allem der große, dunkelgrüne Übertragungswagen erregt, an dessen Seiten das BBC-Wappen prangte. Er parkte links neben der Eingangstür. Hinten aus dem Laderaum rollten Techniker Kabel ab und führten sie über den Gehweg durch eines der geöffneten Schiebefenster ins Innere.

Legat stand auf der Türschwelle und stritt sich mit einem jungen Toningenieur namens Wood herum. »Tut mir leid, aber das lässt sich leider nicht machen.«

»Warum nicht?« Unter seinem braunen Cordanzug trug Wood einen Pullover mit V-Ausschnitt.

»Weil der Premierminister im Kabinettsraum bis um halb acht Besprechungen hat.«

»Kann er die nicht woanders abhalten?«

»Machen Sie sich nicht lächerlich.«

»Tja, wenn das so ist, könnten wir die Rede dann nicht aus einem anderen Raum übertragen?«

»Nein, er wünscht die Ansprache ans britische Volk an dem Ort zu halten, wo das Herz der Regierung schlägt, und das ist nun mal der Kabinettsraum.«

»Gut, aber ich muss meine Bedenken äußern. Wir sind um acht auf Sendung, und jetzt ist es schon nach sechs. Was, wenn eine Panne passiert, weil wir die Ausrüstung nicht anständig testen konnten?«

»Sie haben dafür mindestens eine halbe Stunde, und wenn ich Ihnen noch mehr Zeit verschaffen kann, dann werde ich …«

Er verstummte. Hinter Wood bog aus der Whitehall ein schwarzer Austin 10 in die Downing Street. Der Fahrer hatte im frühabendlichen Dämmer schon die Scheinwerfer eingeschaltet. Er fuhr Schritttempo, um keinen der Schaulustigen anzufahren, die es vom Gehweg auf die Straße gedrängt hatte. Die Kameramänner der Wochenschau erkannten den Insassen noch vor Legat. Das grelle Licht ihrer Bogenlampen blendete ihn kurz. Er hob die Hand vor die Augen, brummte eine Entschuldigung, ließ Wood stehen und trat auf den Gehweg. Kaum hatte der Wagen gehalten, öffnete er den hinteren Schlag.

Auf dem Rücksitz saß mit eingezogenen Schultern Sir Horace Wilson. Zwischen den Knien hielt er einen Regenschirm, auf seinem Schoß lag eine Aktentasche. Er bedachte Legat mit einem schwachen Lächeln und stieg aus. Auf der Schwelle zur Nummer 10 drehte er sich kurz um. Sein Gesicht drückte verhaltenen Kummer aus. Die Blitzlichter leuchteten auf. Ohne auf seinen Begleiter zu warten, der auf der anderen Wagenseite ausstieg, trippelte er ins Haus wie ein gegen Helligkeit allergisches Nachttier. Der andere Mann trat mit ausgestreckter Hand auf Legat zu. »Colonel Mason-MacFarlane. Militärattaché, Berlin.«

Der Polizist salutierte.

In der Eingangsdiele legte Wilson gerade seinen Mantel und Hut ab. Der Sonderberater des Premierministers war von schmaler, fast abgemagerter Gestalt und hatte eine lange Nase und Schlappohren. Legat hatte ihn immer als ausgesprochen höflich empfunden, gelegentlich sogar auf eine verschlagene Art liebenswürdig. Er war einer jener reservierten älteren Kollegen, die einem eines Tages Geheimnisse anvertrauen könnten, von denen man lieber nichts erfahren hätte. Seinen Ruf hatte er sich als Verhandlungsführer gegen die Gewerkschaftsbosse erworben. Der Gedanke, dass er gerade von einer Mission zurückkehrte, bei der er Adolf Hitler ein Ultimatum gestellt hatte, war bizarr. Dennoch hielt ihn der Premierminister für unentbehrlich. Wilson stellte seinen zusammengerollten Schirm neben den seines Herrn in den Ständer und drehte sich zu Legat um. »Wo ist der PM?«

»In seinem Arbeitszimmer, Sir Horace. Er arbeitet an seiner Rundfunkrede für heute Abend. Alle anderen sind im Kabinettsraum.«

Wilson steuerte selbstbewusst den hinteren Teil des Gebäudes an und bedeutete Mason-MacFarlane, ihm zu folgen. »Ich möchte, dass Sie den PM so schnell wie möglich unterrichten«, sagte er und fügte über die Schulter gewandt an Legat hinzu: »Wären Sie so freundlich, dem PM Bescheid zu geben, dass ich zurück bin?«

Er warf die beiden Türen zum Kabinettsraum mit Schwung auf und marschierte hinein. Legat sah flüchtig dunkle Anzüge und Goldtressen, angespannte Gesichter und blaue Tabakrauchschwaden in dämmerigem Licht, dann schlossen sich die Türen wieder.

Legat ging an Cleverlys, Syers’ und dem eigenen Büro vorbei durch den Gang zur Haupttreppe. Vorbei an Radierungen und Fotografien von jedem Premierminister seit Walpole ging er die Stufen hinauf. Als er oben ankam, hatte sich das Haus von einem Herrenclub in einen herrschaftlichen Landsitz mit Sofas, Ölgemälden und hohen georgianischen Schiebefenstern verwandelt, den man rätselhafterweise im Zentrum Londons errichtet hatte. Die Empfangsräume lagen verlassen da, unter dem dicken Teppich knarzten die Bodendielen. Er kam sich wie ein Eindringling vor. Er klopfte leise an die Arbeitszimmertür. Die vertraute Stimme des Premierministers: »Herein.«

Der Raum war groß und hell. Der Premierminister saß über den Schreibtisch gebeugt mit dem Rücken zum Fenster. Mit der rechten Hand schrieb er, in der linken hielt er eine brennende Zigarre. Vor ihm auf dem Schreibtisch befanden sich eine kleine Ablage mit einem Sammelsurium aus Federn, Stiften und Tintenfässchen, außerdem eine Pfeife, eine Tabaksdose, ein Aschenbecher und ein Tintenlöscher aus Leder. Sonst war der große Schreibtisch leer. Noch nie hatte jemand auf Legat so einsam gewirkt.

»Sir Horace Wilson ist zurück, Herr Premierminister. Er wartet unten auf Sie.«

Wie üblich hob Chamberlain nicht den Kopf. »Danke. Würden Sie noch kurz warten?« Er zog an der Zigarre, dann schrieb er weiter. Rauchringe umgaben seinen grauen Kopf. Legat trat über die Türschwelle. In vier Monaten war es zu keiner einzigen richtigen Unterhaltung zwischen ihm und dem Premierminister gekommen. Gelegentlich waren von ihm über Nacht angefertigte Memoranden am nächsten Morgen mit Dankesbezeigungen zurückgekommen, am Rand in roter Tinte verzeichnet – erstklassige Analyse; präzise ausgearbeitet und gut formuliert, danke, NC. Solch schulmeisterliches Lob hatte ihn mehr berührt als die überbordende Jovialität, der Politiker sich üblicherweise befleißigten. Aber er war nie mit Namen angesprochen worden, nicht mit dem Nachnamen wie Syers, geschweige denn mit dem Vornamen, eine Auszeichnung, die allein Cleverly vorbehalten war.

Die Minuten verstrichen. Legat zog verstohlen seine Uhr aus der Tasche. Schließlich hörte der Premierminister auf zu schreiben. Er legte die Schreibfeder in die Ablage, die Zigarre auf den Rand des Aschenbechers und schob die Blätter zusammen. Er klopfte sie gerade und hielt sie hoch. »Würden Sie das bitte abtippen lassen?«

»Selbstverständlich.« Legat trat vor und nahm den dünnen Stapel vom Schreibtisch. Es waren etwa ein Dutzend Blätter.

»Waren Sie in Oxford?«

»Ja, Herr Premierminister.«

»Sie haben diese gewisse Ausdrucksweise. Vielleicht könnten Sie alles noch einmal durchlesen? Wenn Sie Passagen finden, die man noch ausschmücken sollte, nur zu, machen Sie Vorschläge. Mir gehen tausend Dinge im Kopf herum, da fließt es nicht richtig.«

Er schob den Stuhl zurück, nahm die Zigarre aus dem Aschenbecher und stand auf. Anscheinend wurde ihm von der plötzlichen Bewegung schwindelig, jedenfalls stützte er sich kurz am Schreibtisch ab. Dann ging er zur Tür.

Im Flur wartete bereits Mrs Chamberlain. In dem samtenen Kleid sah sie aus wie fürs Abendessen hergerichtet. Sie war zehn Jahre jünger als der Premierminister: freundlich, unbestimmt, vollbusig, von weicher Fülle. Sie erinnerte Legat an seine Schwiegermutter, noch so ein angloirisches Mädchen vom Lande, von dem es hieß, es sei einst in der Jugend eine Schönheit gewesen. Legat folgte mit etwas Abstand. Sie sagte leise etwas zu ihrem Mann, und zu seinem Erstaunen sah er, wie der Premierminister kurz ihre Hand nahm und sie auf den Mund küsste. »Es geht jetzt nicht, Annie. Wir reden später darüber.« Als Legat an ihr vorbeiging, hatte er den Eindruck, dass sie geweint hatte.

Er ging hinter Chamberlain die Treppe hinunter. Ihm fielen seine schmalen, hängenden Schultern auf, das silberne Haar, das sich am Hinterkopf, wo es kurz geschnitten war, leicht kringelte, die erstaunlich kräftige Hand mit der halb gerauchten Zigarre zwischen Zeige- und Mittelfinger, die über das Geländer strich. Er war eine viktorianische Gestalt. Sein Porträt an der Treppenwand sollte etwa in der Mitte hängen, nicht ganz oben. Als sie den Flur mit den Privatbüros erreichten, sagte der Premierminister: »Bitte bringen Sie mir die Rede, so schnell Sie können.« Er ging an Legats Büro vorbei und klopfte dabei seine Taschen ab, bis er die Streichholzschachtel fand. Vor dem Kabinettsraum blieb er stehen und zündete die Zigarre wieder an. Dann öffnete er die Türen und ging hinein.

Legat setzte sich an seinen Schreibtisch. Der Stil des Premierministers war überraschend blumig, ja theatralisch. Er verwies auf einen leidenschaftlicheren Charakter unter dem Schutzpanzer der Korrektheit. Für seinen Geschmack kam zu oft die erste Person Singular vor: Ich bin kreuz und quer durch Europa gereist … Ich habe alles getan, was ein Mensch tun kann … Ich werde die Hoffnung auf eine friedliche Lösung nicht aufgeben … Ich bin tief in meinem Innern ein Mann des Friedens … Mit seiner demonstrativ bescheidenen Art, dachte Legat, war Chamberlain genauso egozentrisch wie Hitler. Er verschmolz das nationale Interesse immer mit der eigenen Person.