Konklave - Robert Harris - E-Book

Konklave E-Book

Robert Harris

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Beschreibung

Der Papst ist tot. Die um den Heiligen Stuhl buhlenden Gegner formieren sich: Traditionalisten, Modernisten, Schwarzafrikaner, Südamerikaner ... Kardinal Lomeli, den eine Glaubenskrise plagt, leitet das schwierige Konklave. Als sich die Pforten hinter den 117 Kardinälen schließen, trifft ein allen unbekannter Nachzügler ein. Der verstorbene Papst hatte den Bischof von Bagdad im Geheimen zum Kardinal ernannt. Ist der aufrechte Kirchenmann der neue Hoffnungsträger in Zeiten von Krieg und Terror – oder ein unerbittlicher Rivale mit ganz eigenen Plänen? Die Welt wartet, dass weißer Rauch aufsteigt ...

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Das Buch

Der Papst ist tot.

Er war alt, aber die Todesumstände sind mysteriös. Die um den Heiligen Stuhl buhlenden Gegner formieren sich: Traditionalisten, Modernisten, Schwarzafrikaner, Südamerikaner … Kardinal Lomeli, den eine Glaubenskrise plagt, leitet das schwierige Konklave. Als sich die Pforten der Sixtinischen Kapelle hinter den 117 Kardinälen schließen, trifft ein allen unbekannter Nachzügler ein. Der verstorbene Papst hatte den Bischof von Bagdad im Geheimen zum Kardinal ernannt. Ist der aufrechte Kirchenmann der neue Hoffnungsträger in Zeiten von Krieg und Terror – oder ein unerbittlicher Rivale mit ganz eigenen Plänen? Alle Kandidaten sind heilige Männer, doch ist jeder von irdischem Ehrgeiz getrieben. Die Gegner sind zahlreich. Aber es kann nur einen Heiligen Vater geben, unfehlbar und ausgestattet mit der Macht Gottes auf Erden.

Die Welt wartet, dass weißer Rauch aufsteigt …

Wie die Zeiten sich doch nicht ändern – nach der römischen Antike beleuchtet Robert Harris nun die dunklen Machenschaften im intriganten Rom der Gegenwart.

»Robert Harris gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Gegenwart – und zu den besten Thrillerautoren weltweit.«

dpa

Der Autor

Robert Harris wurde 1957 in Nottingham geboren und studierte in Cambridge. Seine Romane Vaterland, Enigma, Aurora, Pompeji, Imperium, Ghost, Titan, Angst, Intrige, Dictator und Konklave wurden allesamt internationale Bestseller. Seine Zusammenarbeit mit Roman Polański bei der Verfilmung von Ghost (Der Ghostwriter) brachte ihm den französischen »César« und den »Europäischen Filmpreis« für das beste Drehbuch ein. Robert Harris lebt mit seiner Familie in Berkshire. Zuletzt erschien im Heyne-Verlag sein historischer Politthriller München.

ROBERT HARRIS

KONKLAVE

ROMAN

Aus dem Englischen vonWolfgang Müller

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel

Conclave

bei Hutchinson, London

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Vollständige deutsche Taschenbuchausgabe 12/2017

Copyright © 2016 by Canal K Limited

Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe byWilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

Bibelstellen nach der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift,Copyright © 2016 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart

Umschlaggestaltung / Artwork © Eisele Grafik-Design, München,unter Verwendung einer Vorlage von © Colin Thomas und Fotos von© BlueHouseProjekt / plainpicture und © Sean Rayford / Getty Images

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN 978-3-641-18894-8V002

www.heyne.de

VORBEMERKUNG DES AUTORS

Obwohl ich um der Authentizität willen im ganzen Roman echte Titel benutzt habe (Erzbischof von Mailand, Dekan des Kardinalskollegiums etc.), habe ich sie in dem Sinne benutzt, wie man vielleicht über einen fiktiven amerikanischen Präsidenten oder einen britischen Premierminister schreiben würde. Ähnlichkeiten der von mir für diese Ämter erfundenen Figuren mit ihren gegenwärtigen Amtsträgern sind nicht beabsichtigt. Für etwaige Fehler und zufällige Parallelen entschuldige ich mich. Trotz gewisser vordergründiger Übereinstimmungen soll der verstorbene Heilige Vater in Konklave kein Porträt des gegenwärtigen Papstes sein.

Für Charlie

Ich hielt es für klüger, nicht mit den Kardinälen zu essen. Ich aß in meinem Zimmer. Im elften Wahlgang wurde ich zum Papst gewählt. O Jesus, auch ich kann sagen, was Pius XII. sagte, nachdem er gewählt worden war: »Gott, sei mir gnädig nach Deiner Huld.« Man möchte sagen, es ist wie ein Traum, und doch ist es, bis ich sterbe, die feierlichste Realität meines Lebens. So bin ich bereit, Herr, mit Dir zu leben und zu sterben. Ungefähr dreihunderttausend Menschen jubelten mir auf dem Balkon von St. Peter zu. Die Bogenlampen ließen mich nichts anderes als eine formlose, wogende Masse sehen.

Papst Johannes XXIII.,Tagebucheintrag, 28. Oktober 1958

Ich war schon früher einsam, aber nun wird meine Einsamkeit umfassend und Furcht einflößend. Deshalb die Schwindelgefühle, die Höhenangst. Ich lebe nun wie eine Statue auf einem Sockel.

Papst Paul VI.

1

SEDISVAKANZ

Kardinal Lomeli verließ seine Wohnung im Palast des Heiligen Offiziums kurz vor zwei Uhr morgens und eilte durch die dunklen Kreuzgänge des Vatikans zum Schlafzimmer des Papstes.

Er betete. Meine Arbeit in Deinen Diensten ist getan, o Herr, vor ihm jedoch liegen noch viele Aufgaben. Er wird geliebt, ich bin vergessen. Verschone ihn, o Herr. Verschone ihn. Nimm mich statt seiner.

Schwer atmend hastete er über das Kopfsteinpflaster zur Piazza Santa Marta hinauf. In die weiche, dunstige Luft Roms mischte sich unverkennbar die erste schwache Kühle des Herbstes. Ein leichter Regen fiel. Am Telefon hatte der Präfekt des Päpstlichen Hauses so panisch geklungen, dass er auf nichts weniger als höllisches Chaos gefasst war. Tatsächlich herrschte auf der Piazza jedoch eine ungewöhnliche Ruhe. Lediglich ein einsamer Krankenwagen, dessen Umrisse sich gegen die angestrahlte Südseite des Petersdoms abzeichneten, wartete in diskretem Abstand. Die Innenbeleuchtung war eingeschaltet, und die Scheibenwischer bewegten sich schnell hin und her, sodass er die Gesichter von Fahrer und Beifahrer erkennen konnte. Der Fahrer sprach in ein Handy. Wie ein Schlag traf Lomeli die Erkenntnis, dass sie nicht einen Kranken, sondern eine Leiche abholen wollten.

Neben der unpassend wirkenden Spiegelglastür, durch die man in die Casa Santa Marta gelangte, war ein Schweizergardist postiert. Er hob die in einem weißen Handschuh steckende Hand an den Helm mit dem roten Federschmuck und salutierte. »Eure Eminenz.«

Lomeli nickte zu dem Krankenwagen. »Würden Sie bitte sicherstellen, dass die nicht die Presse benachrichtigen?«, sagte er.

Das Gästehaus strahlte die nüchterne, antiseptische Atmosphäre einer Privatklinik aus. In der mit weißem Marmor gefliesten Eingangshalle hatten sich etwa ein Dutzend Priester versammelt, davon drei im Morgenmantel, die wie nach einem Feueralarm verunsichert herumstanden und über den korrekten Ablauf rätselten. Auf der Schwelle zögerte Lomeli einen Moment, weil er etwas in der linken Hand spürte. Er stellte fest, dass er sein rotes Scheitelkäppchen, den Pileolus, umklammerte. Er konnte sich nicht erinnern, ihn mitgenommen zu haben. Er faltete die Kappe auseinander und setzte sie auf. Seine Haare fühlten sich feucht an. Als er zum Fahrstuhl ging, wollte ein afrikanischer Bischof ihn ansprechen, aber Lomeli nickte ihm nur kurz zu und ging weiter.

Es dauerte ewig, bis der Lift kam. Er hätte die Treppe nehmen sollen. Aber dafür war er schon zu sehr außer Atem. Er spürte die Blicke der anderen im Rücken. Er sollte etwas sagen. Der Fahrstuhl kam, die Tür öffnete sich. Er wandte sich um und hob die Hand zum Segen.

»Betet«, sagte er.

Er drückte auf den Knopf für den zweiten Stock, die Tür schloss sich, die Kabine bewegte sich aufwärts.

Sollte es Dein Wille sein, ihn zu Dir zu rufen und mich zurückzulassen, so gewähre mir die Kraft, anderen ein Fels zu sein.

Unter dem gelben Licht sah sein ausgezehrtes Gesicht im Spiegel grau und fleckig aus. Er sehnte sich nach einem Zeichen, nach einer Eingabe von Stärke. Der Fahrstuhl kam ruckartig zum Stehen. Sein Magen schien weiter aufwärts zu streben, und er musste sich an dem metallenen Handlauf festhalten. Er erinnerte sich an die Begebenheit, wie er und der Heilige Vater einmal kurz nach dessen Amtsantritt mit genau diesem Lift gefahren und zwei ältere Monsignori zugestiegen waren. Sie waren sofort auf die Knie gesunken, sprachlos, den Stellvertreter Christi auf Erden leibhaftig vor sich zu sehen. Der Papst hatte nur gelacht und gesagt: »Schon gut, Sie können wieder aufstehen. Ich bin auch nur ein alter Sünder, nicht besser als Sie …«

Der Kardinal hob das Kinn. Seine Maske für die Öffentlichkeit. Die Lifttür ging auf. Ein dichter Vorhang aus dunklen Anzügen teilte sich und ließ ihn durch. Er hörte einen Leibwächter in seinen Ärmel flüstern: »Der Dekan ist da.«

Schräg gegenüber, im Flur vor der päpstlichen Wohnung, hielten sich drei Nonnen von den Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul an den Händen und weinten. Erzbischof Woźniak, der Präfekt des Päpstlichen Hauses, kam auf ihn zu und begrüßte ihn. Die wässrig grauen Augen hinter den Gläsern der Nickelbrille waren verquollen. Er hob die Hände und sagte hilflos: »Eminenz …«

Lomeli nahm die Wangen des Erzbischofs zwischen die Hände und drückte sie sanft. Er spürte die Bartstoppeln des jüngeren Mannes. »Janusz, Ihre Gegenwart hat ihn so glücklich gemacht.«

Ein weiterer Leibwächter öffnete die Tür zur Wohnung. Vielleicht war es auch ein Leichenbestatter, in beiden Berufsgruppen kleidete man sich ja sehr ähnlich. Jedenfalls war es eine Gestalt in Schwarz.

Das kleine Wohnzimmer und das noch kleinere Schlafzimmer im Hintergrund waren überfüllt. Später erstellte Lomeli eine Liste und kam auf mehr als ein Dutzend Personen, die Sicherheitsleute nicht eingerechnet – neben Woźniak zwei Ärzte, zwei Privatsekretäre, der Zeremonienmeister für die liturgischen Feiern des Papstes Erzbischof Mandorff, mindestens vier Priester der Apostolischen Kammer und natürlich die vier ranghöchsten Kardinäle der katholischen Kirche: Aldo Kardinal Bellini, der Staatssekretär Seiner Heiligkeit; der Camerlengo, also der Kardinalkämmerer der Heiligen Römischen Kirche Joseph Tremblay; der für das Gnaden- und Ablasswesen zuständige Kardinalgroßpönitentiar Joshua Adeyemi, also der »oberste Beichtvater«; und er selbst, der Dekan des Heiligen Kollegiums. In seiner Eitelkeit hatte er sich eingebildet, als Erster gerufen worden zu sein. In Wahrheit jedoch war er, wie er jetzt sah, der Letzte gewesen.

Er folgte Woźniak ins Schlafzimmer. Zum ersten Mal konnte er einen Blick hineinwerfen. Sonst waren die großen Flügeltüren immer verschlossen gewesen. Das päpstliche Renaissancebett, über dessen Kopfende ein Kruzifix hing, war dem Wohnzimmer zugewandt. Das wuchtige Rechteck aus polierter Eiche nahm fast den gesamten Raum ein. Es war viel zu groß für das Zimmer und musste ursprünglich woanders gestanden haben. Es war der einzige Gegenstand in der Wohnung, der einen Hauch von Erhabenheit verströmte. Bellini und Tremblay knieten mit gesenktem Kopf neben dem Bett. Er musste über ihre Beine steigen, um zu den Kissen zu gelangen, auf die man leicht erhöht den Kopf des Papstes gebettet hatte. Den Körper verbarg eine weiße Bettdecke, die Hände lagen gefaltet über dem schlichten eisernen Pektorale auf seiner Brust.

Es war ein ungewohnter Anblick für Lomeli, ihn ohne Brille zu sehen. Sie lag zusammengeklappt neben einem zerkratzten Reisewecker auf dem Nachttisch. Das Gestell hatte auf beiden Seiten der Nase rote Druckstellen hinterlassen. Nach Lomelis Erfahrung wirkte das Gesicht von Toten oft schlaff und dumm. Das hier erschien ihm jedoch aufmerksam, fast belustigt, als wäre der Papst mitten im Satz unterbrochen worden. Als er sich vorbeugte, um ihn auf die Stirn zu küssen, bemerkte er im linken Mundwinkel einen winzigen Rest weißer Zahnpasta und roch einen Hauch von Pfefferminz und Blütenshampoo. Bestimmt würde er gleich den Mund aufmachen und weitersprechen.

»Warum hat er dich zu sich gerufen?«, flüsterte er. »Du hattest doch noch so viel vor.«

»Subvenite sancti Dei …«

Adeyemi stimmte das Sterbegebet an. Lomeli erkannte, dass sie nur auf ihn gewartet hatten. Vorsichtig kniete er sich auf den glänzend polierten Parkettboden. Er führte die geöffneten Hände zum Gebet zusammen, legte sie auf die Bettdecke und verbarg dann das Gesicht in den Handflächen.

»… occurrite angeli Domini …«

»… Kommt herzu, ihr Heiligen Gottes, eilt ihm entgegen, ihr Engel des Herrn …«

Der Basso profondo des Kardinals aus Nigeria hallte in dem winzigen Raum nach.

»… suscipientes animam eius, offerentes eam in conspectu Altissimi …«

»… nehmt auf seine Seele, und führt sie hin vor das Antlitz des Allerhöchsten …«

Die Worte schwirrten Lomeli ohne Sinn im Kopf herum. Das passierte ihm immer öfter. Ich schreie zu dir, und du antwortest mir nicht. Im Lauf des letzten Jahres hatte wie ein krächzender Störsender eine Art spirituelle Schlafstörung von ihm Besitz ergriffen. Sie hatte ihn der Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist beraubt, die ihm einst vollkommen natürlich zugefallen war. Und wie mit dem Schlaf, so verhielt es sich auch mit dem sinnvollen Gebet. Je mehr man es ersehnte, desto flüchtiger wurde es. Bei ihrem letzten Zusammentreffen hatte er dem Papst seine Krise offenbart, hatte ihn um Erlaubnis gebeten, seine Pflichten als Dekan aufgeben und sich in einen religiösen Orden zurückziehen zu dürfen. Er war fünfundsiebzig, weit im Rentenalter. Aber der Heilige Vater war unerwartet hart mit ihm ins Gericht gegangen. »Manche sind zum Hirten auserwählt, andere werden gebraucht, dass sie den Hof führen. Deine Rolle ist gewiss nicht die des Seelsorgers. Du bist kein Hirte. Du bist ein Manager. Glaubst du etwa, ich habe es leicht? Ich brauche dich hier. Mach dir keine Sorgen. Gott wird zu dir zurückkehren. Das tut er immer.« Lomeli war gekränkt. Das sieht er also in mir, einen Manager. Sie hatten sich in kühler Atmosphäre voneinander verabschiedet. Das war das letzte Mal, dass er ihn gesehen hatte.

»… Requiem aeternam dona ei, Domine, et lux perpetua luceat ei …«

»… Herr, gib ihm die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihm …«

Nachdem das Responsorium gesprochen worden war, verharrten die vier Kardinäle in stummem Gebet am Totenbett. Nach ein paar Minuten wandte Lomeli den Kopf ein wenig zur Seite und öffnete einen Spalt weit die Augen. Hinter ihm im Wohnzimmer knieten alle und hielten den Kopf gesenkt. Er legte das Gesicht wieder in die Hände.

Es stimmte ihn traurig, dass ihre lange Verbindung mit einem Misston geendet hatte. Er versuchte sich zu erinnern, wann genau das gewesen war. Vor zwei Wochen? Nein, schon vor einem Monat, exakt am 17. September, nach der Messe zum Gedenken an die Einprägung der Wundmale des hl. Franziskus – seine längste Zeit ohne Privataudienz. Vielleicht hatte der Heilige Vater geahnt, dass der Tod nahte und seine Mission unvollendet bleiben würde. Vielleicht erklärte das die für ihn untypische Gereiztheit.

Im Raum herrschte vollkommene Stille. Er fragte sich, wer als Erster seine Andacht beenden würde. Er tippte auf Tremblay. Der Frankokanadier war immer in Eile, ein typischer Nordamerikaner. Und tatsächlich, wenige Augenblicke später seufzte Tremblay auf. Fast wollüstig stieß er lange und theatralisch die Luft aus. »Er ist bei Gott«, sagte er und streckte die Arme aus. Lomeli glaubte, er würde gleich einen Segen sprechen, aber die Geste war an seine beiden Assistenten aus der Apostolischen Kammer gerichtet, die gerade das Schlafzimmer betraten, um ihm beim Aufstehen zu helfen. Einer trug eine silberne Schatulle.

»Erzbischof Woźniak«, sagte Tremblay, während alle sich erhoben. »Würden Sie mir bitte den Ring des Heiligen Vaters geben?«

Nach sieben Jahrzehnten ständigen Niederkniens knirschten Lomelis Gelenke beim Aufstehen. Er drückte sich an die Wand, damit sich der Präfekt des Päpstlichen Hauses an ihm vorbeidrängen konnte. Der Ring sträubte sich. Dem armen Woźniak brach vor Verlegenheit der Schweiß aus, während er den Ring hin und her ruckelte, um ihn über den Knöchel ziehen zu können. Schließlich hatte er es geschafft. Er legte den Ring in seine offene Handfläche und ging mit ausgestrecktem Arm zu Tremblay, der eine Schere – ein Werkzeug, das auch zum Rosenschneiden taugen würde, dachte Lomeli – aus der silbernen Schatulle nahm und das Siegel des Rings zwischen die Klingen steckte. Er drückte fest zu und verzog dabei vor Anstrengung das Gesicht. Ein Knacken, dann war die metallene Ringplatte, die den Apostel Petrus beim Einholen eines Fischernetzes zeigte, abgetrennt.

»Sede vacante«, verkündete Tremblay. »Der Papststuhl ist unbesetzt.«

*

Lomeli nahm sich einige Minuten Zeit und schaute zum Abschied nachdenklich auf das Bett hinunter, dann half er Tremblay, den dünnen weißen Schleier über das Gesicht des Papstes zu ziehen. Die Totenwache zerstreute sich in flüsternde Grüppchen.

Er ging zurück ins Wohnzimmer. Er fragte sich, wie der Papst das hatte ertragen können. Nicht nur Jahr um Jahr von bewaffneten Wachen umgeben zu sein, sondern auch diese Wohnung. Fünfzig anonyme Quadratmeter, deren Einrichtung zum Einkommen und Geschmack eines mittelmäßigen Handelsvertreters passte. Nirgends etwas Persönliches. Wände in blassem Zitronengelb, ein leicht zu reinigender Parkettboden. Tisch, Schreibtisch, das Sofa und die zwei mit einem blauen, waschbaren Stoff bezogenen Armsessel mit muschelförmiger Rückenlehne – alles Massenware. Sogar das Betpult aus dunklem Holz war das gleiche wie die hundert anderen im Gästehaus. Der Heilige Vater hatte hier als Kardinal gewohnt, bevor ihn das Konklave zum Papst gewählt hatte, und war einfach geblieben. Ein Blick in die luxuriöse Wohnung samt Bibliothek und Privatkapelle, die ihm im Apostolischen Palast zugestanden hätte, hatte genügt, dass er auf dem Absatz kehrtmachte. Sein Krieg gegen die alte Garde des Vatikans hatte genau da begonnen, bei diesem Thema, an seinem ersten Tag. Als einige der führenden Köpfe der Kurie Einwände gegen die Entscheidung erhoben und sie als nicht angemessen für die Würde des Papstes bezeichnet hatten, da hatte er ihnen wie Schuljungen aus Jesu Weisung für seine Jünger zitiert: Nehmt nichts mit auf den Weg, keinen Wanderstab und keine Vorratstasche, kein Brot, kein Geld und kein zweites Hemd! Von da an hatten sie, Menschen, die sie waren, jedes Mal wenn sie heim in ihre pompösen offiziellen Wohnungen gingen, seinen tadelnden Blick gespürt und hatten es, Menschen, die sie waren, übel genommen.

Kardinalstaatssekretär Bellini stand mit dem Rücken zum Raum neben dem Schreibtisch. Mit dem Zerbrechen des Fischerrings war seine Amtszeit beendet. Der schmale, hochgewachsene Asket, der sich gewöhnlich so aufrecht hielt wie eine Pyramidenpappel, wirkte, als hätte man auch ihn zerbrochen.

»Mein lieber Aldo«, sagte Lomeli. »Es tut mir so leid.«

Er sah, dass Bellini das Reiseschachset betrachtete, das den Heiligen Vater immer in seiner Aktentasche begleitet hatte. Er fuhr mit seinem langen, blassen Zeigefinger über die winzigen roten und weißen Plastikfiguren. Ein kompliziertes Knäuel in der Mitte des Bretts, verwickelt in eine verworrene Schlacht, deren Schicksal es war, nie mehr entschieden zu werden. »Glauben Sie, es hätte jemand etwas dagegen, wenn ich das mitnehme … als Andenken?«, fragte Bellini.

»Sicher nicht.«

»Abends haben wir ziemlich oft gespielt. Er meinte, es würde ihn entspannen.«

»Wer hat gewonnen?«

»Er. Immer.«

»Nur zu, nehmen Sie es mit«, sagte Lomeli. »Er hat Sie mehr geliebt als jeden anderen. Er hätte es sicher so gewollt.«

Bellini schaute sich um. »Eigentlich sollte ich warten und um Erlaubnis fragen. Aber es scheint ganz so, dass unser dienstbeflissener Camerlengo die Wohnung gleich versiegelt.«

Er nickte zu Tremblay und seinen Assistenten hin, die um den Couchtisch herumstanden, auf dem die Dinge ausgebreitet lagen, die sie zur Versiegelung der Tür benötigten: rote Bänder, Wachs, Klebestreifen.

Plötzlich kamen Bellini die Tränen. Ihm, dem unnahbaren und blutleeren Intellektuellen, der für seine Gefühlskälte bekannt war. Lomeli hatte noch nie gesehen, dass er Emotionen gezeigt hätte. Er war erschüttert. Er legte ihm die Hand auf den Arm und sagte mitfühlend: »Wie ist es passiert?«

»Wahrscheinlich ein Herzinfarkt.«

»Und ich dachte immer, er hätte ein Herz wie ein Stier gehabt.«

»Nicht ganz, um ehrlich zu sein. Es gab Warnsignale …«

Lomeli blinzelte ihn überrascht an. »Das ist mir völlig neu.«

»Es sollte niemand wissen. In dem Augenblick, wo es bekannt würde, würden sie sofort anfangen, Rücktrittsgerüchte zu streuen, hat er einmal gesagt.«

Sie. Bellini brauchte nicht auszusprechen, wer sie waren. Er meinte die Kurie. Zum zweiten Mal in dieser Nacht fühlte sich Lomeli auf finstere Weise beleidigt. Wusste er deshalb nichts von diesem schon lange bestehenden gesundheitlichen Problem? Weil der Heilige Vater ihn nicht nur für einen Manager gehalten hatte, sondern für einen von ihnen?

»Ich glaube, wir sollten uns sehr sorgfältig überlegen, was wir der Presse über seinen Zustand erzählen«, sagte Lomeli. »Sie kennen die besser als ich. Die werden haarklein alles über irgendwelche Herzprobleme wissen wollen und was wir dagegen unternommen haben. Und wenn herauskommt, dass alles vertuscht wurde und wir nichts unternommen haben, dann werden sie wissen wollen, warum.« Der anfängliche Schock ließ nach, und er konnte sich allmählich eine ganze Reihe drängender Fragen vorstellen, deren Beantwortung die Welt einfordern würde – auf die er selbst gern eine Antwort hätte. »Als der Heilige Vater starb, war da jemand bei ihm? Hat er die Absolution erhalten?«

Bellini schüttelte den Kopf. »Nein. Er war leider schon tot, als man ihn gefunden hat.«

»Wer hat ihn gefunden? Und wann?« Lomeli machte Erzbischof Woźniak ein Zeichen, zu ihnen zu kommen. »Ich weiß, Janusz, das ist schlimm für Sie, aber wir brauchen jetzt eine detaillierte Stellungnahme. Wer hat die Leiche des Heiligen Vaters entdeckt?«

»Ich, Eure Eminenz.«

»Gott sei Dank, das ist wenigstens etwas.« Von allen Mitgliedern des päpstlichen Haushalts hatte Woźniak dem Papst am nächsten gestanden. Der Gedanke, dass er als Erster die Szene betreten hatte, war beruhigend. Rein vom PR-Standpunkt her. Besser er als ein Mann vom Sicherheitsdienst, bei Weitem besser er als eine Nonne. »Was haben Sie gemacht?«

»Den Arzt des Heiligen Vaters verständigt.«

»Wann war er da?«

»Sofort, Eure Eminenz. Er hat immer im Nebenzimmer geschlafen.«

»Und er konnte nichts mehr tun?«

»Leider nicht. Wir hatten alle Geräte zur Wiederbelebung da, aber es war zu spät.«

Lomeli dachte nach. »Als Sie ihn gefunden haben, lag er da im Bett?«

»Ja. Er sah friedlich aus, fast wie jetzt. Ich dachte, er schläft.«

»Wann genau war das?«

»Gegen halb zwölf, Eminenz.«

»Halb zwölf?« Das war vor mehr als zweieinhalb Stunden gewesen.

Lomeli musste die Überraschung im Gesicht gestanden haben, jedenfalls fügte Woźniak schnell hinzu: »Ich hätte Sie früher gerufen, aber Kardinal Tremblay hat sich schon um alles gekümmert.«

Als er seinen Namen hörte, schaute Tremblay sich um. Der Raum war sehr klein. Der Kardinal befand sich nur wenige Schritte entfernt. Im nächsten Augenblick stand er neben ihnen. Trotz der nächtlichen Stunde sah er frisch und ansehnlich aus, das dichte silberne Haar war makellos frisiert, der schlanke Körper machte einen fitten, agilen Eindruck. Er sah aus wie ein Athlet im Ruhestand, der den Sprung zum erfolgreichen TV-Sportmoderator geschafft hatte. Lomeli erinnerte sich schwach, dass er in der Jugend Eishockey gespielt hatte.

In seinem akkuraten Italienisch sagte der Frankokanadier: »Es tut mir sehr leid, Jacopo, wenn Sie sich durch die verspätete Benachrichtigung gekränkt fühlen sollten. Ich weiß, Seine Heiligkeit stand niemand näher als Ihnen und Aldo, aber als Camerlengo habe ich es als meine erste Pflicht erachtet, die Integrität der Kirche zu wahren. Ich habe Janusz angewiesen, Sie erst zu benachrichtigen, wenn wir in aller Ruhe die Fakten überprüft hätten.« Er legte wie zum Gebet die Hände zusammen.

Der Mann war unerträglich. »Mein lieber Joseph«, sagte Lomeli. »Meine einzige Sorge gilt der Seele des Heiligen Vaters und dem Wohlergehen der Kirche. Ob mich eine Nachricht um Mitternacht oder um zwei erreicht, ist, was mich anbelangt, völlig nebensächlich. Ich bin mir sicher, dass Sie zum Besten aller gehandelt haben.«

»Es geht einfach darum, dass im Fall eines unerwarteten Todes Fehler, die in der anfänglichen Erschütterung und Verwirrung passieren, später zu allen möglichen bösartigen Gerüchten führen können. Wir müssen uns nur an die Tragödie um Johannes Paul I. erinnern. Seit vierzig Jahren versuchen wir die Welt davon zu überzeugen, dass er nicht ermordet wurde. Nur weil niemand zugeben wollte, dass seine Leiche von einer Nonne gefunden wurde. Diesmal darf es im offiziellen Bericht keine Ungereimtheiten geben.«

Er zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier unter seiner Soutane hervor und gab es Lomeli. Es fühlte sich warm an. Frisch aus dem Drucker, dachte Lomeli. Die Überschrift auf dem sauber mit einem Textverarbeitungsprogramm erstellten Papier war in englisch gehalten: Timeline. Lomeli fuhr mit dem Finger den zeitlichen Ablauf hinunter. Um 19.30 Uhr hatte der Heilige Vater mit Woźniak in dem für ihn abgetrennten Bereich im Speisesaal der Casa Santa Marta gegessen. Um 20.30 Uhr hatte er sich in seine Wohnung zurückgezogen, hatte gelesen und über einen Abschnitt aus Nachfolge Christi (Erstes Buch, achtes Kapitel, »Umgang und Vertraulichkeit«) nachgedacht. Um 21.30 Uhr war er zu Bett gegangen. Um 23.30 Uhr hatte Erzbischof Woźniak noch einmal nach ihm geschaut, aber nicht die lebenswichtigen Funktionen überprüft. Um 23.34 Uhr hatte der vom vatikanischen Krankenhaus San Raffaele aus Mailand abgeordnete Dr. Giulio Baldinotti die Notfallbehandlung eingeleitet. Eine Kombination aus Herzdruckmassage und Defibrillation wurde angewandt, ohne Erfolg. Um 00.12 Uhr wurde der Heilige Vater für tot erklärt.

Hinter Lomeli tauchte Kardinal Adeyemi auf und lugte über seine Schulter hinweg auf die Liste mit den Zeiten. Der Nigerianer roch immer stark nach Kölnischwasser. Lomeli spürte den warmen Atem im Nacken. Die Kraft seiner physischen Präsenz war zu viel für Lomeli. Er gab ihm das Blatt und wandte sich ab, bekam von Tremblay aber gleich den nächsten Schwung Papiere in die Hand gedrückt.

»Was ist das?«

»Die letzten Krankenberichte vom Heiligen Vater. Ich habe sie herbringen lassen.« Tremblay hielt eine Röntgenaufnahme gegen das Licht der Deckenlampe. »Das ist eine Angiografie, die letzten Monat durchgeführt wurde. Darauf kann man Anzeichen einer Verstopfung erkennen.«

Auf dem schwarz-weißen Bild war verschlungenes, fibröses Gewebe zu sehen. Unheimlich. Lomeli verzog das Gesicht. Was in Gottes Namen sollte das bezwecken? Der Papst war über achtzig gewesen. An seinem Tod war nichts Verdächtiges. Wie lange hätte er denn leben sollen? Sie sollten sich jetzt auf seine Seele konzentrieren, nicht auf seine Arterien. »Veröffentlichen Sie die Daten, wenn Sie denn müssen«, sagte er knapp. »Aber nicht das Röntgenbild, das ist zu aufdringlich. Es erniedrigt ihn.«

»Ganz meine Meinung«, sagte Bellini.

Lomeli fuhr fort. »Und jetzt werden Sie uns wahrscheinlich noch mitteilen, dass er obduziert werden muss, oder?«

»Wenn nicht, kommen Gerüchte auf.«

»Wohl wahr«, sagte Bellini. »Früher hat Gott alle Mysterien erklärt. Heutzutage erledigen das die Verschwörungstheoretiker. Das sind die Ketzer unserer Zeit.«

Adeyemi hatte den Ablauf fertig gelesen. Er nahm seine goldgeränderte Brille ab und nuckelte an einem Bügel. »Was hat der Heilige Vater vor halb acht gemacht?«

»Er hat die Abendmesse gehalten, Eminenz«, sagte Woźniak. »Hier in der Casa Santa Marta.«

»Dann sollten wir das erwähnen. Zumal er keine Gelegenheit mehr hatte, die Sterbekommunion zu empfangen. Es war seine letzte Sakramentshandlung, sie setzt einen Zustand der Gnade voraus.«

»Guter Punkt«, sagte Tremblay. »Ich werde das hinzufügen.«

»Und davor, in der Zeit vor der Messe?«, sagte Adeyemi. »Was hat er da gemacht?«

»Routinebesprechungen, soweit ich weiß.« Tremblay klang leicht abwehrend. »Ich habe noch nicht alle Fakten. Ich habe mich zunächst nur auf die Stunden unmittelbar vor seinem Tod konzentriert.«

»Wer war der Letzte, der eine planmäßige Besprechung mit ihm hatte?«

»Ich glaube, das könnte ich gewesen sein«, sagte Tremblay. »Ich habe um vier mit ihm gesprochen. Stimmt das, Janusz? War ich der Letzte?«

»Das stimmt, Eminenz.«

»Und was hat er da für einen Eindruck gemacht? Irgendwelche Anzeichen, dass er krank sein könnte?«

»Nein, nichts, was mir aufgefallen wäre.«

»Und später? Wann haben Sie mit ihm zu Abend gegessen, Exzellenz?«

Woźniak schaute Tremblay an, als erbäte er dessen Erlaubnis zu antworten. »Er war müde. Sehr, sehr müde. Er hatte keinen Appetit. Seine Stimme war heiser. Ich hätte merken müssen …« Er verstummte.

»Sie haben sich nichts vorzuwerfen.« Adeyemi gab Tremblay das Blatt zurück und setzte die Brille wieder auf. Seine Bewegungen waren von einer bedächtigen Theatralik. Er war sich seiner Würde zu jeder Zeit bewusst. Ein wahrer Kirchenfürst. »Listen Sie alle Besprechungen, die er an dem Tag hatte, in dem Ablauf auf. Das zeigt, wie hart er bis zuletzt gearbeitet hat. Und beweist, dass niemand ahnen konnte, wie krank er gewesen ist.«

»Ich weiß nicht«, sagte Tremblay. »Provozieren wir mit der Veröffentlichung seines vollen Arbeitskalenders nicht den Vorwurf, wir hätten einem kranken Mann eine gewaltige Last aufgebürdet?«

»Das Papstamt ist eine gewaltige Last. Man muss die Leute mal wieder daran erinnern.«

Tremblay runzelte die Stirn und sagte nichts. Es war plötzlich eine leichte, aber deutlich wahrnehmbare Nervosität zu spüren. Es dauerte ein paar Sekunden, bis Lomeli begriff, was der Grund dafür war. Die Leute an die immense Last des Papstamtes zu erinnern beinhaltete den offensichtlichen Schluss, dass dieses Amt am besten einem Jüngeren zu übertragen sei. Und Adeyemi war mit gerade einmal sechzig Jahren fast ein Jahrzehnt jünger als die beiden anderen.

»Darf ich einen Vorschlag machen?«, sagte Lomeli schließlich. »Wir ergänzen das Dokument um die Tatsache, dass der Heilige Vater die Abendmesse gehalten hat, belassen aber sonst alles so, wie es ist. Vorsichtshalber bereiten wir ein zweites Dokument vor, das alle Termine des Heiligen Vaters für den gesamten Tag aufführt, und behalten das dann für alle Fälle in der Hinterhand.«

Adeyemi und Tremblay wechselten einen schnellen Blick und nickten dann. »Danken wir Gott für unseren Dekan«, sagte Bellini trocken. »Ich darf wohl sagen, dass wir sein diplomatisches Geschick in den vor uns liegenden Tagen noch benötigen werden.«

*

Später würde Lomeli sagen, dass in diesem Augenblick der Kampf um die Papstnachfolge begonnen hatte.

Es war bekannt, dass innerhalb des Wahlkollegiums alle drei Kardinäle ihre Unterstützergruppen hatten: Bellini, emeritierter Rektor der Päpstlichen Universität Gregoriana und Alterzbischof von Mailand, war, solange Lomeli zurückdenken konnte, die große intellektuelle Hoffnung der Liberalen; Tremblay, neben Camerlengo auch Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Völker und deshalb ein Kandidat mit Verbindungen in die Dritte Welt, hatte den Vorteil, wie ein Amerikaner zu wirken, ohne den Nachteil, tatsächlich einer zu sein; Adeyemi trug wie einen göttlichen Funken die revolutionäre und für die Medien unendlich faszinierende Möglichkeit in sich, eines Tages »der erste schwarze Papst« zu werden.

Während er Zeuge wurde, wie in der Casa Santa Marta das Taktieren begann, dämmerte Lomeli die Erkenntnis, dass es ihm als Ehrenvorsitzenden des Kardinalskollegiums zufallen würde, die Wahl zu leiten. Das war eine Aufgabe, mit der er nie gerechnet hatte. Ein paar Jahre zuvor war bei ihm Prostatakrebs diagnostiziert worden, und obwohl er sich als geheilt betrachtete, war er dennoch immer davon ausgegangen, vor dem Papst zu sterben. Er hatte sich immer nur als Übergangslösung betrachtet. Er hatte versucht zurückzutreten. Aber jetzt schien es, dass er unter höchst diffizilen Umständen die Verantwortung für die Organisation eines Konklaves übernehmen musste.

Er schloss die Augen. Wenn es Dein Wille ist, o Herr, dass ich dieser Pflicht nachkomme, dann erflehe ich von Dir die Weisheit, sie so zu erfüllen, dass sie unsere Mutter Kirche stärken möge.

Er müsste unparteiisch sein – das vor allem. Er öffnete die Augen. »Ist Kardinal Tedesco informiert worden?«, fragte er.

»Nein«, sagte Tremblay. »Ausgerechnet Tedesco! Warum? Glauben Sie, das wäre nötig?«

»Na ja, angesichts seiner Stellung in der Kirche wäre es nur höflich …«

»Höflich?«, sagte Bellini aufgebracht. »Womit hat Tedesco sich Höflichkeit verdient? Wenn man jemand vorwerfen kann, er habe den Heiligen Vater umgebracht, dann ihm.«

Lomeli hatte Verständnis für Bellinis Schmerz. Von allen Kritikern des verstorbenen Papstes war Tedesco der schonungsloseste gewesen. Manche glaubten sogar, er hätte seine Attacken auf den Heiligen Vater und Bellini bis an die Schwelle des Schismas getrieben. Sogar Exkommunikation war erörtert worden. Dennoch erfreute er sich unter den Traditionalisten einer treu ergebenen Gefolgschaft, die ihn unstrittig zu einem prominenten Kandidaten für die Nachfolge machen würde.

»Trotzdem sollte ich ihn anrufen«, sagte Lomeli. »Besser, er erfährt es von uns als von irgendeinem Reporter. Gott weiß, was er in der ersten Überraschung sagen könnte.«

Er nahm den Hörer vom Schreibtischtelefon und drückte die Null. Eine Telefonistin fragte ihn mit bewegter, zittriger Stimme, was sie für ihn tun könne.

»Stellen Sie mich zum Palast des Patriarchen von Venedig durch, zum Privatanschluss von Kardinal Tedesco.«

Er rechnete nicht damit, dass jemand antworten würde, schließlich war es bereits kurz vor drei Uhr. Aber schon beim ersten Freizeichen wurde abgehoben, und eine schroffe Stimme sagte: »Tedesco.«

Die anderen Kardinäle unterhielten sich leise über den Zeitplan für die Trauerfeierlichkeiten. Lomeli bat mit erhobener Hand um Ruhe und wandte allen den Rücken zu, um sich auf das Gespräch konzentrieren zu können.

»Goffredo? Hier ist Lomeli. Ich habe schreckliche Nachrichten. Gerade ist der Heilige Vater gestorben.« Es entstand eine lange Pause. Lomeli hörte Geräusche im Hintergrund. Schritte? Eine Tür? »Eminenz? Haben Sie verstanden, was ich gesagt habe?«

In der Weitläufigkeit seiner offiziellen Residenz klang Tedescos Stimme hohl. »Danke, Jacopo. Ich werde für seine Seele beten.«

Dann ein Knacken. Die Leitung war tot. »Goffredo?« Lomeli hielt den Hörer in der ausgestreckten Hand und schaute ihn mit gerunzelter Stirn an.

»Und?«, sagte Tremblay.

»Er wusste es schon.«

»Sind Sie sich sicher?« Tremblay zog unter der Soutane etwas hervor, was wie ein in schwarzes Leder gebundenes Gebetbuch aussah, das sich aber als Smartphone herausstellte.

»Natürlich wusste er es«, sagte Bellini. »Er hat seine Unterstützer überall. Wahrscheinlich wusste er es noch vor uns. Wenn wir nicht aufpassen, dann gibt er es noch selbst offiziell auf dem Markusplatz bekannt.«

»Es kam mir so vor, dass da noch jemand bei ihm war …«

Tremblay strich mit dem Daumen schnell über das Display und scrollte durch Webseiten. »Das ist durchaus möglich. In den sozialen Medien tauchen schon die ersten Gerüchte über den Tod des Heiligen Vaters auf. Wir müssen jetzt schnell handeln. Darf ich einen Vorschlag machen?«

Es folgte die zweite Meinungsverschiedenheit in dieser Nacht. Tremblay empfahl dringend, den Verstorbenen sofort und nicht erst am Morgen ins Leichenschauhaus bringen zu lassen. (»Wir dürfen nicht zulassen, dass wir im Nachrichtenzyklus ins Hintertreffen geraten. Das wäre eine Katastrophe.«) Er schlug vor, die offizielle Todesnachricht sofort zu veröffentlichen. Zwei Filmteams vom Vatikanischen Fernsehzentrum, drei Fotografen aus dem Medienpool und einem Zeitungsreporter solle der Zutritt zur Piazza Santa Marta erlaubt werden, wo sie den Transfer vom Gästehaus zum Krankenwagen dokumentieren könnten. Seine Begründung: Wenn sie schnell handelten und die Bilder live übertragen würden, dann könnte sich die Kirche der größtmöglichen Aufmerksamkeit sicher sein. In den großen Zentren des katholischen Glaubens in Asien wäre das am Morgen, in Latein- und Nordamerika am Abend. Nur die Europäer und Afrikaner müssten auf die Neuigkeit wohl bis nach dem Aufstehen warten.

Wieder hatte Adeyemi Einwände. Um der Würde des päpstlichen Amtes willen solle man bis zum Tagesanbruch warten, bis ein Leichenwagen und ein angemessener, mit der päpstlichen Flagge geschmückter Sarg bereitstehe.

Bellini hielt dagegen. »Der Heilige Vater hätte sich keinen Deut um seine Ehre geschert. Er hatte ein Leben in Demut gewählt, und er würde sich wünschen, auch im Tod als einer der Demütigen und Armen zu gelten.«

Lomeli stimmte zu. »Vergessen Sie nicht, wie er es immer abgelehnt hat, sich in einer großen Limousine chauffieren zu lassen. Ein Krankenwagen käme einem öffentlichen Transportmittel am nächsten.«

Trotzdem konnten sie Adeyemi nicht überzeugen. Am Ende mussten sie ihn mit drei zu eins überstimmen. Außerdem kamen sie überein, die Leiche einbalsamieren zu lassen.

»Aber wir müssen sicherstellen, dass das ordentlich gemacht wird«, sagte Lomeli, der nie vergessen würde, wie er 1978 im Petersdom an der Leiche von Papst Paul VI. mit vorbeidefiliert war. Das Gesicht hatte in der Augusthitze eine graugrüne Färbung angenommen, die Kinnlade war heruntergefallen, und eindeutig hatte ein Hauch von Fäulnis in der Luft gelegen. Und dennoch war diese makabre Peinlichkeit nicht so schlimm gewesen wie der Vorfall zwanzig Jahre zuvor, wo die in ihrem Sarg schon in den Zustand der Gärung übergegangene Leiche von Papst Pius XII. vor der Lateranbasilika wie ein Feuerwerkskörper explodiert war. »Und noch etwas«, sagte er. »Von der Leiche dürfen auf keinen Fall Fotos gemacht werden.« Auch diese Erniedrigung war Papst Pius XII. nicht erspart geblieben, von dessen Leiche in den Nachrichtenmagazinen überall auf der Welt Aufnahmen veröffentlicht worden waren.

Tremblay verließ die Casa Santa Marta, um mit dem Presseamt des Heiligen Stuhls die entsprechenden Vorkehrungen zu treffen.

Keine dreißig Minuten später trafen die Sanitäter ein – ihre Handys waren konfisziert worden – und schoben den Heiligen Vater in einem weißen Plastikleichensack auf einer Rolltrage aus der päpstlichen Wohnung. Sie warteten vor dem Lift im zweiten Stock. Die vier Kardinäle sollten vor ihnen nach unten fahren, damit sie die Trage dann in der Eingangshalle in Empfang nehmen und aus dem Gästehaus geleiten konnten. Die Demut des Körpers im Tod, seine Geringfügigkeit, die kleinen, gerundeten Füße, der kleine Kopf, fötusgleich, erschienen Lomeli wie eine tiefgründige Aussage. Josef kaufte ein Leinentuch, nahm Jesus vom Kreuz, wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab. Am Ende, dachte er, waren die Kinder des Menschensohns alle gleich. In ihrer Hoffnung auf Wiederauferstehung waren alle abhängig von der Gnade Gottes.

In der Eingangshalle und auf der unteren Treppe drängten sich Geistliche aller Ränge. Es war ihr Schweigen, das Lomeli unauslöschlich in Erinnerung bleiben sollte. Als die Lifttür sich öffnete und die Leiche in die Eingangshalle geschoben wurde, war zu Lomelis Verärgerung außer gelegentlichen Schluchzern nur das Klicken und Surren von Fotohandys zu hören. Tremblay und Adeyemi gingen der Trage voraus, Lomeli und Bellini folgten ihr vor den Prälaten der Apostolischen Kammer. Sie schritten hinaus in die kühle Oktoberluft. Das Nieseln hatte aufgehört. Es waren sogar einige Sterne zu sehen. Die kleine Prozession ging zwischen den beiden Schweizergardisten hindurch und beschritt einen Kreuzweg in vielfarbig blitzendem Licht – die Signalleuchten des wartenden Krankenwagens und seiner Polizeieskorte, die wie blaue Sonnenstrahlen über der regennassen Piazza kreisten, der weiße Stroboskopeffekt durch die Fotografen, das alles verschlingende grelle Gelb der TV-Scheinwerfer, und hinter alldem, aus der Dunkelheit aufragend, der gewaltige, leuchtende Petersdom.

Als sie den Krankenwagen erreichten, versuchte sich Lomeli vor Augen zu führen, was in diesem Moment in der Universalkirche mit ihren etwa eineinviertel Milliarden Gläubigen vorging – die zerlumpten Menschen, die sich um die Fernseher in den Slums von Manila und São Paulo drängten, die Massen der Pendler in Tokio und Schanghai, die wie hypnotisiert auf ihre Handys starrten, die Sportfans in den Bars von Boston und New York, deren Spielübertragungen unterbrochen wurden.

Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Mit dem Kopf voraus glitt die Leiche in den Krankenwagen. Die Hecktür wurde zugeworfen. In stummer Habtachtstellung standen die vier Kardinäle da, während sich der Leichenzug in Bewegung setzte – zwei Motorräder, dann ein Streifenwagen, dann der Krankenwagen, dann wieder ein Streifenwagen und schließlich weitere Motorräder. Sie beschrieben einen kleinen Bogen auf der Piazza, dann waren sie verschwunden. Sobald sie außer Sichtweite waren, heulten die Sirenen auf.

So viel zum Thema Demut, dachte Lomeli. So viel zu den Armen der Welt. Es hätte die Wagenkolonne eines Diktators sein können.

Das Heulen des Leichenzugs verhallte in der Nacht.

Hinter dem Absperrseil riefen die Reporter und Fotografen den Kardinälen Fragen zu, wie Touristen, die die Tiere im Zoo näher ans Gitter locken wollten. »Eure Eminenz! Eure Eminenz! Hier!«

»Einer von uns sollte etwas sagen«, verkündete Tremblay und machte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, auf den Weg über die Piazza. Die Lichter und Lampen schienen seiner Silhouette eine Art brennenden Heiligenschein zu verleihen. Adeyemi konnte sich noch einige Sekunden lang zurückhalten, dann eilte er ihm hinterher.

»Was für ein Zirkus«, sagte Bellini leise mit verächtlicher Stimme.

»Sollten Sie Ihnen nicht folgen?«, sagte Lomeli.

»Gott, nein! Mit dem Mob werde ich mich nicht ins Bett legen. Ich glaube, ein Gebet in der Kapelle würde ich jetzt vorziehen.« Er lächelte traurig und klapperte mit dem, was er in der Hand hielt. Lomeli schaute hinunter und sah, dass es das Reiseschachset war. »Kommen Sie«, sagte Bellini. »Wir lesen zusammen eine Messe für unseren Freund.« Als sie zurück in die Casa Santa Marta gingen, nahm er Lomelis Arm und flüsterte: »Der Heilige Vater hat mir von Ihren Schwierigkeiten mit dem Glauben erzählt. Vielleicht kann ich Ihnen helfen. Sie wissen, dass er am Ende selbst Zweifel hegte?«

»Der Papst zweifelte an Gott?«

»Nicht an Gott! An Gott niemals!« Und dann sagte er etwas, was Lomeli nie vergessen würde. »Was er verloren hatte, war der Glaube an die Kirche.«

2

CASA SANTA MARTA

Die Geschichte des Konklaves begann knapp drei Wochen später.

Der Heilige Vater war einen Tag nach dem Feiertag des Evangelisten Lukas gestorben, also am 19. Oktober. In der Zeit bis Ende Oktober und weit in den November hinein hatte seine Beisetzung stattgefunden, und die zur Wahl des Nachfolgers aus aller Welt nach Rom geeilten Kardinäle waren fast täglich zu ihren Generalkongregationen zusammengekommen. In den internen Aussprachen war über die Zukunft der Kirche diskutiert worden. Zu Lomelis Erleichterung hatte die übliche Kluft zwischen Progressiven und Traditionalisten zwar gelegentlich zu Reibereien geführt, aber die große Kontroverse war Gott sei Dank ausgeblieben.

Jetzt, am Feiertag des Herculanus von Perugia – Sonntag, 7. November –, stand er flankiert vom Sekretär des Kardinalskollegiums Monsignore Raymond O’Malley und vom Zeremonienmeister für die liturgischen Feiern des Papstes Erzbischof Wilhelm Mandorff auf der Schwelle der Sixtinischen Kapelle. Die wahlberechtigten Kardinäle würden noch am heutigen Abend im Vatikan eingeschlossen werden, und morgen würde die Wahl beginnen.

Es war kurz nach Mittag, und die drei Prälaten standen gleich innerhalb der Gitterwand aus Marmor und Schmiedeeisen, die den Hauptraum der Sixtinischen Kapelle vom Vorraum trennte. Zusammen begutachteten sie die Arbeiten. Der provisorische Holzboden war fast fertig. Es wurde gerade der beige Teppich darauf festgenagelt. Fernsehscheinwerfer wurden aufgestellt, Stühle hereingetragen, Tische zusammengeschraubt. Wohin man auch schaute, alles und alle waren in Bewegung. Plötzlich kam Lomeli der Gedanke, dass die wuselnde Geschäftigkeit auf Michelangelos Decke – das halb nackte, graurosa Fleisch, das sich reckte und krümmte, das gestikulierte und sich mühte – hier unten auf Erden ihre ungelenke Entsprechung fand. Am anderen Ende der Sixtinischen Kapelle schwebte im gewaltigen Fresko von Michelangelos Jüngstem Gericht zur hallenden Begleitmusik von Hämmern, Bohrmaschinen und Kreissägen die Menschheit in azurblauem Himmel um den himmlischen Thron herum.

»Tja, Eminenz, das ist der Anblick der Hölle«, sagte der Sekretär des Kollegiums O’Malley mit seinem breiten irischen Akzent.

»Ihre Blasphemie, Ray, können Sie sich für morgen aufsparen«, sagte Lomeli. »Dann lassen wir die Kardinäle rein.«

Erzbischof Mandorff lachte ein bisschen lauter als sonst. »Der ist gut. Exzellent, Eure Eminenz.«

Lomeli wandte sich an O’Malley. »Er glaubt, ich mache Witze.«

O’Malley, der ein Klemmbrett in der Hand hielt, war Ende vierzig, groß, neigte aber schon zum Fettansatz. Das zerklüftete, rote Gesicht ließ zwar auf ein Leben im Freien schließen, auf Fuchsjagd zu Pferde vielleicht, hatte damit aber nichts zu tun. Sein Aussehen verdankte er der Herkunft aus Kildare und der Vorliebe für Whiskey. Der Rheinländer Mandorff war älter, um die sechzig, ebenfalls groß, mit einem Kopf so glatt, gewölbt und haarlos wie ein Ei. Sein Renommee hatte er sich an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt mit einer Abhandlung über die Ursprünge und theologischen Grundlagen des klerikalen Zölibats erworben.

Getrennt durch einen langen Mittelgang, waren an beiden Seiten der Kapelle zwei Dutzend schlichte Holztische zu vier Reihen zusammengeschoben worden. Nur der Tisch, der der Trennwand am nächsten stand, war zur Begutachtung durch Lomeli schon hergerichtet worden. Er trat einen Schritt vor und fuhr mit der Hand über die zwei Lagen Stoff: einen weichen, purpurfarbenen Filz, der bis hinunter zum Boden reichte, und einen aus dickerem, glatterem Material – beige, passend zum Teppich –, der die Tischplatte bis zum Rand bedeckte und so fest war, dass man darauf schreiben konnte. Auf dem Tisch lagen eine Bibel, ein Gebetbuch, Füllfederhalter und Bleistifte, ein kleiner Abstimmzettel und ein langer Papierbogen, auf dem die Namen aller 117 wahlberechtigten Kardinäle aufgelistet waren.

Lomeli nahm das Namensschild in die Hand, das neben alledem stand: XALXO, SAVERIO. Wer war das? Ein Anflug von Panik erfasste ihn. In den Tagen seit der Beisetzung hatte er versucht, jeden einzelnen Kardinal zu sprechen und sich ein paar persönliche Merkmale einzuprägen. Aber es gab so viele neue Gesichter. Der verstorbene Papst hatte mehr als sechzig rote Hüte vergeben, allein fünfzehn im letzten Jahr. Die Aufgabe war Lomeli über den Kopf gewachsen.

»Wie um alles in der Welt spricht man das aus? Ksalkso?«

»Chalcho, Eminenz«, sagte Mandorff. »Er ist Inder.«

»Chalcho also. Sehr verbunden, Wilhelm. Danke.«

Lomeli setzte sich probehalber auf den Stuhl. Er war froh, dass er gepolstert war. Und dass ausreichend Platz vorhanden war, die Beine ausstrecken zu können. Er kippte die Lehne zurück. Ja, das war bequem. Angesichts der Zeit, die sie hier wahrscheinlich eingesperrt waren, war das auch nötig. Er hatte beim Frühstück die italienischen Zeitungen gelesen. Zum letzten Mal, bis die Wahl vorüber war. Die Vatikanbeobachter waren sich in ihrer Voraussage eines langen und kontroversen Konklaves einig. Er betete, dass es nicht so kommen, dass der Heilige Geist sich früh in der Sixtinischen Kapelle einfinden und ihnen einen Namen eingeben möge. Wenn der Heilige Geist jedoch ausbleiben sollte, dann könnten sie hier tagelang festsitzen. Bei den vierzehn Generalkongregationen war jedenfalls noch kein Hinweis auf seine Anwesenheit erkennbar gewesen.

Er schaute an den Tischen entlang in die Sixtinische Kapelle. Seltsam, wie eine nur um einen Meter über dem Mosaikboden erhöhte Sitzposition die Perspektive des Ortes veränderte. In dem Hohlraum unter ihren Füßen hatten die Sicherheitsexperten Störgeräte installiert, die jeden elektronischen Lauschangriff abwehren sollten. Eine konkurrierende Beraterfirma hatte allerdings behauptet, die Vorkehrungen seien unzureichend. Laserstrahlen, die auf die sechs Fenster in der oberen Galerie zielten, könnten die durch gesprochene Worte ausgelösten Vibrationen im Glas abtasten, die dann wieder in Sprache übertragen werden könnten. Sie hatten empfohlen, jedes Fenster zu verbarrikadieren, aber Lomeli hatte dagegen entschieden. Der Mangel an Sonnenlicht und die klaustrophobische Atmosphäre wären unerträglich geworden.

Mit einer höflichen Handbewegung lehnte er Mandorffs Angebot ab, ihm beim Aufstehen zu helfen. Er erhob sich und ging weiter in die Kapelle hinein. Der frisch verlegte Teppich roch wie Gerste auf einem Dreschboden. Die Arbeiter traten zur Seite, um ihn durchzulassen. Der Sekretär des Kollegiums und der Zeremonienmeister folgten ihm. Er konnte immer noch kaum glauben, was hier geschah und dass er der verantwortliche Mann war. Es war wie ein Traum.

»Achtundfünfzig«, sagte er und musste fast brüllen, um sich gegen den Lärm einer Bohrmaschine Gehör zu verschaffen. »Da war ich noch ein junger Bursche, im Priesterseminar in Genua, und dann wieder dreiundsechzig, noch vor der Priesterweihe, da habe ich mir gern die Bilder von den beiden Konklaven damals angeschaut. In allen Zeitungen waren künstlerische Zeichnungen abgedruckt. Ich erinnere mich, dass die Kardinäle die Wände entlang auf kleinen Thronsesseln mit Baldachinen saßen. Und nach der Wahl zog einer nach dem anderen an einem Hebel und klappte so seinen Baldachin nach unten, nur der gewählte Kardinal nicht. Können Sie sich das vorstellen? Der alte Kardinal Roncalli, der sich nie erträumt hatte, Kardinal geschweige denn Papst zu werden. Und Montini, der in der alten Garde so verhasst war, dass man sich während der Abstimmung in der Kapelle tatsächlich angebrüllt hatte. Stellen Sie sich das vor: Die auf ihren Sesseln thronenden Männer, die noch wenige Minuten zuvor alle gleichgestellt waren, standen dann Schlange, um sich vor einem zu verbeugen!«

Lomeli war sich bewusst, dass O’Malley und Mandorff artig zuhörten. Er machte sich Vorwürfe. Er redete wie ein alter Mann. Und dennoch rührten ihn die Erinnerungen. Die Thronsessel waren wie so vieles andere der alten Kirchentradition nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 abgeschafft worden. Man war der Meinung gewesen, das Kardinalskollegium sei zu groß und zu international geworden für solchen Renaissancefirlefanz. Trotzdem sehnte er sich irgendwie nach diesem Renaissancefirlefanz. Insgeheim dachte er, dass der verstorbene Papst mit seiner ewigen Leier von Einfachheit und Demut gelegentlich zu weit gegangen sei. Exzessive Einfachheit war schließlich auch nur eine Form von Pomp, und Stolz auf die eigene Demut Sünde.

Lomeli stieg über die Stromkabel und stand dann mit in die Hüften gestemmten Armen unter dem Jüngsten Gericht. Er betrachtete das Durcheinander. Hobelspäne, Sägemehl, Kisten, Kartons, Teppichstreifen. Der süße Geruch nach frisch gesägtem Holz und der nach Getreide riechende Teppichboden. In den Lichtstrahlen herumwirbelnde Holz- und Stoffpartikel. Hämmern. Sägen. Bohren.

Chaos. Gottloses Chaos. Wie auf einem Bauplatz. Und das in der Sixtinischen Kapelle!

Wieder musste er brüllen, um den Heidenlärm zu übertönen: »Wir sind doch in der Zeit, oder?«

»Wenn es sein muss, wird die Nacht durchgearbeitet«, sagte O’Malley. »Das klappt schon, Eminenz, wie immer.« Er zuckte die Achseln. »Italien eben.«

»Ach ja, Italien! Wohl wahr.« Er ging die Altarstufen hinunter und dann nach links zu der Tür, hinter der sich die kleine Sakristei befand, die Raum der Tränen genannt wurde. Dorthin würde der neue Papst sofort nach seiner Wahl gehen, um sich umkleiden zu lassen. Es handelte sich um eine merkwürdige kleine Kammer mit niedriger gewölbter Decke und schlichten weißen Wänden, fast wie ein Verlies, das mit Möbeln vollgestellt war – einem Tisch, drei Stühlen, einem Sofa und dem Thron, der nach der Wahl in die Kapelle getragen wurde und auf dem der neue Papst die Huldigung des Wahlkollegiums entgegennahm. In der Mitte stand ein Garderobenständer mit Kleiderstange, an der in Zellophanhüllen drei weiße Papstsoutanen hingen – klein, mittel, groß – sowie drei Rochetts und drei Mozzetten. In einem Dutzend Schachteln befanden sich rote Papstschuhe in verschiedenen Größen. Lomeli nahm ein Paar heraus. In beiden Schuhen steckte Seidenpapier. Er betrachtete sie von allen Seiten. Es waren schlichte Slipper aus rotem marokkanischem Leder. Er hob einen an die Nase und schnüffelte. »Auf jede Eventualität vorbereitet, trotzdem kann man nie wissen. Papst Johannes XXIII. beispielsweise war selbst für die größte Soutane zu groß. Sie haben sie vorn zugeknöpft und am Rücken die Naht aufgetrennt. Es heißt, er habe wie ein Chirurg in seinen OP-Kittel zuerst die Arme hineingesteckt, und dann habe ihn der päpstliche Schneider hinten wieder zugenäht.« Er legte die Schuhe zurück in die Schachtel und bekreuzigte sich. »Möge Gott den segnen, der sie tragen wird.«