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"Im Herbst, in dem er sechzehn wurde, lernte Thomas einen Jungen kennen, der Hunde vergiftete ..." Der knapp sechzehnjährige Thomas hat den Unfalltod seines geliebten Vaters noch nicht überwunden, als er mit seiner Mutter in eine Großstadt zieht. Er idealisiert den Vater und sammelt in einem Heft die schönsten Filmszenen zwischen Vätern und Söhnen, andererseits macht er seine Mutter für den Unfall verantwortlich. Er trauert auch seinem bisherigen Leben in einer Kleinstadt nach, wo er in der gleichaltrigen Katharina eine beste Freundin hatte. Thomas fühlt sich in seinem neuen Leben und in seiner Haut nicht wohl. Immer wieder kommt es zu Mobbing in der neuen Schule und zu Streitigkeiten mit seiner Mutter. Besonders schockiert ist Thomas, als er eines Morgens einen unbekannten Mann in ihrem Schlafzimmer überrascht. Thomas schwänzt die Schule und bricht in einen leerstehenden Bungalow in einer Vorstadtsiedlung ein. Dort verbringt er die Tage, hauptsächlich im Garten und mit der Obsternte, die er früher immer mit seinem Vater erledigte. Was Thomas anfangs nicht weiß, ist, dass er dabei von Jakob beobachtet wird, der auf der Suche nach Hunden durch die Gegend streunt und diese dann vergiftet. Jakob verbirgt sein Gesicht unter einer Kapuze, denn seitdem er als Achtjähriger von einem Hund angefallen wurde, verunstaltet eine wurmförmige Narbe seine Wange. Damit kommt er nicht klar, er fühlt sich entstellt und hässlich und kann sich nicht vorstellen, dass sich jemand zu ihm hingezogen fühlt ... Peter Horn entwirft die Geschichte von zwei Jungen, die beide mit Narben fertig werden müssen - Thomas mit denen auf seiner Seele, Jakob mit der in seinem Gesicht. Für die Zuneigung, die sie füreinander empfinden, entwirft der Autor ehrliche Bilder von großer Zartheit. Indem die beiden Jungen den Mut finden, sich aufeinander vertrauensvoll einzulassen, erleben sie nicht nur Momente ungewohnter Nähe, es gelingt ihnen zudem ein Neuanfang, in dem Angst und Vorurteile keinen Platz mehr haben.
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Peter Horn, eigentlich Peter Schnaubelt, wurde 1964 in Krems/Donau in Niederösterreich geboren. Er studierte Geschichte und Anglistik an der Universität Wien. Neben seiner Arbeit als Lehrer und Bibliothekar schreibt er Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Von Peter Horn sind mehr als dreißig Bücher schienen, darunter die Reiseerzählungen Licht zwischen Schatten (Literaturedition NÖ), die zwölfbändige Kinderbuchreihe Florian und die Geisterwelt (Bastei Verlag) und der Jugendroman Feuernebel (Fischer Verlag). Seine Bilderbücher Weißt du, was ich werden will? und Wozu ist ein Papa da? (beide NordSüd Verlag) wurden in jeweils zwölf Sprachen übersetzt. Im Sommer 2024 erschien eine Neuauflage von Wozu ist ein Papa da? mit Illustrationen von Jessica Meserve im NordSüd Verlag, Zürich, und unter dem Titel The Best Daddy of All im Frühling darauf bei NorthSouth Books, New York. Unter dem Namen Peter Schnaubelt brachte der Autor die Erzählungen Licht zwischen Schatten (Literaturedition NÖ) und das Sachbuch Magische Momente heraus, eine Sammlung von Essays als Liebeserklärung an die stärksten Szenen des Kinos.
Mehr über Peter Horn und seine Arbeit unter:
www.peterhorn.at
www.magische-filmmomente.at
“All my life I was never there; Just a ghost, running scared.”
Thirty Seconds to Mars, “City of Angels”
Im Herbst, in dem er sechzehn wurde, lernte Thomas einen Jungen kennen, der Hunde vergiftete. Damals konnte Thomas noch immer an nichts anderes denken als an seinen Vater und die Umstände, die dazu geführt hatten, dass seine Mutter und er aus der kleinen Stadt wegziehen mussten, in der sie bis zu diesem Zeitpunkt gelebt hatten.
Seit dem Umzug in die Großstadt kam sich Thomas vor wie ein Insekt, das in eine feindliche Umwelt geraten war und dort verwirrt und ziellos umherirrte. Er fühlte sich nackt und hilflos.
Er hasste es, hier leben zu müssen, ohne dass ihn jemand gefragt hatte, ob er das überhaupt wollte, und in eine Schule gehen zu müssen, wo es niemanden gab, mit dem er ein vernünftiges Wort reden konnte. Er vermisste sein bisheriges Leben.
Sein bisheriges Leben, das war das Leben mit seinen Eltern und seiner besten Freundin Katharina gewesen. Das war das Leben in der kleinen Stadt, in der er geboren war und aufwuchs, in der er jede Ecke und jeden Winkel kannte. Wenn er jetzt darüber nachdachte, kam es ihm vor, dass er dieses bisherige Leben wie eine Hülle getragen hatte, wie eine zweite Haut. Das hatte ihm Sicherheit gegeben, das hatte ihn stark gemacht.
Und dann diese Nacht, dieser Streit. Die Türen, die zuschlugen, das Auto, das startete. Das Dröhnen der plötzlichen Stille, die das Haus und seine Bewohner wie eine tonnenschwere Last erdrückte. Undspäter, im Halbschlaf der frühen Morgenstunden, das Läuten von Mutters Handy.
Damals hatte Thomas’ zweite Haut Feuer gefangen, damals war sie verschmort. So überstürzt und unvermutet, dass er es lange Zeit gar nicht glauben konnte, hatten die Ereignisse dieser Nacht einen Schlussstrich unter sein bisheriges Leben gesetzt.
Was ihm blieb, waren Gefühle, die ihm Angst machten.
Da war diese Wut, die in jedem Muskel, in jeder Sehne, in jeder Faser seines Körpers tobte wie ein Sturm. Die er am liebsten mit seinen Lungen heraus-geschrien und seinen Fäusten herausgetrommelt hätte und trotzdem die meiste Zeit in sich behielt.
Diese Wut konzentrierte sich auf seine Mutter. Denn sie war es wohl, die an dem letzten Abend die Dinge ins Rollen gebracht hatte. Und immer, wenn er daran dachte, fühlte sich Thomas besonders verzweifelt und schrecklich hilflos: Weil ihm bewusst war, dass er das, was damals passiert war, um nichts in der Welt ungeschehen zu machen vermochte.
Und da war noch etwas, da war noch ein Gefühl in ihm, das er lange Zeit nicht genau benennen konnte, das ihn aber am bloßen Herzen gepackt hatte und den geschmolzenen Insektenpanzer, diese Reste seiner zweiten Haut, zu einem rußgeschwärzten Netz aus Erinnerungen, zu seinem Gefängnis machte.
In dem Herbst, in dem er zu verstehen begann, dass es seine Art von Trauer war, die ihm so zusetzte,war der Junge, der Hunde vergiftete, der einzige Mensch, der verstand, wie er empfand.
Die Mutter kommt ins Zimmer, ohne vorher anzuklopfen. Und natürlich hat Thomas gerade die Hand in der Hose. Das hat er meistens beim Youtuben. Zumindest wenn auf in einem Clip halbnackte Typen um die Sängerin herumtanzen. Seine Mutter aber macht das wahnsinnig. Das weiß Thomas. Trotzdem lässt er seine Hand, wo sie ist, als sie ins Zimmer kommt.
Wenn so etwas passiert, rauscht sie meistens kurzerhand ab und knallt hinter sich die Tür zu. Dann kann Thomas sehen, wie er zu einem Abendessen kommt. Aber heute reagiert sie anders. Das Blut schießt ihr ins Gesicht, das kann Thomas richtig beobachten. Mit ein paar Schritten ist sie bei ihm. Sie packt seinen Arm und reißt ihn in die Höhe. Dann lässt sie ihn fallen, als hätte sie sich daran verbrannt.
Die Mutter steht so, dass er schräg an ihr vorbei immer noch auf sein Smartphone sehen kann. Dort räkeln sich die Muskeltypen im Sound, der das Zimmer erfüllt. Wie geschmeidig sie sich bewegen, fährt es Thomas durch den Kopf. Im nächsten Augenblick spürt er einen scharfen Schmerz auf der Wange. Erstaunt blickt er zu seiner Mutter hoch: Geschlagen hat sie ihn noch nie. Offensichtlich ist auch ihr nicht ganz geheuer, was sie getan hat. Denn sie hält die rechte Hand mit der linken am Gelenk fest. Beide Hände hat sie so verkrampft, dass die Fingerknöchel weiß hervortreten. Die Haut ist rau und rissig wie ausgetrocknete Erde.
Die Mutter öffnet den Mund, aber sie sagt nichts. Ihre Lippen zittern, dann spreizt sie sie und presst sie gleich wieder aufeinander. So starrt sie auf ihren Sohn hinunter. Und er starrt zu ihr hoch. Für einen Moment rührt sich keiner von ihnen. Die geplatzten Äderchen auf Mutters Wangen verästeln sich in Thomas’ Vorstellung wie Kristalle, die unter dem Mikroskop wachsen. Sie werden zu roten Flecken, da muss er an blutende Wunden denken. Er schaut der Mutter in die Augen. Er versucht ihre Gefühle zu entschlüsseln und ihnen Namen zu geben. Doch noch bevor er sich sicher sein kann, wendet sich die Mutter ab.
Thomas hört etwas von ihr, bevor sie aus dem Zimmer ist. Aber ob sie nur so vor sich hin schimpft oder etwas zu ihm gesagt hat, hat er nicht verstanden. Er startet das Video erneut. Das Flimmern der Bilder spiegelt sich auf seinem Gesicht, das nimmt Thomas wahr, das spürt er in den Augen. An einem offenen Feuer wäre es genauso, denkt er. Schon sieht Thomas eine imaginäre Filmszene vor sich. Sein Held ist ein schöner junger Mann. Er streift zwischen den Felsen eines Canyons umher, die Landschaft ist von der untergehenden Sonne in blutendes Rot getränkt, ein ähnliches, flackerndes, lebendiges Rot ist das Lagerfeuer, an dem der Bursch dann sitzt, um ihn herum die Dunkelheit der Wüstennacht. Er sieht so aus, wie sich Thomas einen Freund wünschen würde.
Thomas steht auf und knöpft sich die Hose zu. Er öffnet die Tür und lauscht in den Gang. Ganz leisehört er Schlagermusik. Wie erwartet ist die Mutter im Schlafzimmer und hört Radio. Heute kommt sie nicht mehr heraus, das ist Thomas klar.
In der Küche steht das Geschirr noch herum. Das war es wohl, was Mutter so verärgert hat. Deshalb ist sie in sein Zimmer gestürmt. Weil er nicht abgewaschen hat. Am Abend kocht die Mutter immer für den nächsten Tag vor. Wenn Thomas von der Schule heimkommt, braucht er sich das Essen nur aufzuwärmen. Wenn er dann nicht abwäscht, kriegt seine Mutter jedes Mal einen Anfall. Weil sie sich doch für ihn abrackere, schimpft sie, und er nicht einmal imstande sei, die Küche sauber zu halten. Das ist ihr Standardsatz, Thomas hört ihn schon gar nicht mehr. Dabei wollte er die Arbeiten ohnehin erledigen. Er hat es nicht darauf angelegt, seine Mutter zu verärgern. In letzter Zeit ist sie ohnehin noch gereizter als sonst. Thomas vermutet, dass sie Stress in der Fabrik hat.
Doch daran kann er nichts ändern. Er war völlig geschafft nach der Schule. Mit nassen Handtüchern haben ihn die anderen Jungen durch den Duschraum gejagt. Und das nur, weil er beim Volleyball ein paar Bälle nicht gekriegt hat. Das gab ihnen den Grund, nach dem sie gesucht hatten. Es tat ganz schön weh, als die Handtücher auf seinen Hintern, die Oberschenkel und den Rücken klatschten.
Aber noch viel schlimmer als diese Schmerzen war das Gefühl der Erniedrigung, als alle johlend hinter ihm her waren. Er konnte sich ihrer nicht erwehren. Und als es ihm endlich gelang, in den Umkleideraum zu entkommen, musste er sich zusammenreißen, um nicht vor aller Augen loszuheulen.
So hat Thomas zu Hause das Essen verschlungen, heißhungrig wie immer. Und um auf andere Gedanken zu kommen, wollte er dann nur ein paar Videos schauen. Dabei hat er eben auf das Abwaschen vergessen.
Noch immer herrscht vorwurfsvolle Stille in der Wohnung. Der Ton des Radios aus Mutters Zimmer unterstreicht dieses Schweigen nur. Das hält Thomas nicht aus. Draußen scheint die Spätnachmittagssonne. Es ist schon September, doch der Sommer ist noch nicht zu Ende, die Tage sind noch lang. Nur raus aus der Wohnung, denkt Thomas, raus aus dem Haus, und fort von dem betonierten Platz zwischen den Wohnblöcken.
Fort von den Gedanken an seine Mutter, die ein Drama daraus macht, wenn ein Junge beim Video-schauen die Hand in seiner Hose hat.
Thomas läuft den Schulweg entlang. Doch anders als jeden Morgen bleibt er nicht an der Haltestelle stehen. Er möchte nicht auf die nächste Straßenbahn warten. Außerdem hält ihn das Laufen vom Nachdenken ab. Da ist nur der Wind in seinem Kopf, der braust darin herum. Als könnte er auf diese Weise Ordnung in das Chaos von Thomas’ Gedanken bringen.
Thomas hat längst Seitenstechen, als er zur Brücke kommt. Das Schulgebäude ragt auf der anderen Seite des Flusses auf. Aber dorthin geht Thomas nicht. Er beugt sich mit dem Oberkörper über das Metallgeländer der Brücke. Er verschnauft, die Augen hat er geschlossen. Als er sie wieder öffnet, blickt er geradewegs aufs Wasser. Während der Sommerferien und auch noch zu Schulanfang war es meist recht heiß. Aber vorige Woche hat es viel geregnet. Das Wasser des Flusses steht hoch, es rauscht wie das Blut in Thomas’ Ohren. Die Wellen sind schlammig, sie gurgeln und schäumen. Thomas ist es gewohnt, dass sich in seiner Vorstellung dazu gleich Filmszenen bilden: eine unglückliche Liebe, Tränen im Wind auf der Brücke, der Versuch, sich das Leben zu nehmen, schließlich eine dramatische Rettung.
Auf einmal spürt er eine Hand zwischen den Schulterblättern. Seine Gedanken prallen an der Wirklichkeit ab. Er fährt auf, mit einem Ruck dreht er sich um. Eine ältere Frau steht da, faltige Haut; graue Strähnen schauen unter einem dunkelgrünen Stirnband hervor. Der Wind auf der Brücke zerrt an dem Tuch und den Strähnen. Auch die Frau hat sich offenbar erschrocken, weil Thomas so jäh herumgefahren ist. Sie stolpert einen Schritt zurück.
„Was ist?“, fährt Thomas sie an.
Die Frau macht eine unbestimmte Handbewegung zum Brückengeländer hin.
„Ich wollt dich fragen, ob dir schlecht ist. Weil du ...“ Sie wedelt nochmals mit der Hand in der Luft herum, schließlich lässt sie sie sinken. Sie schaut Thomas fragend an.
„Mir geht’s gut“, sagt dieser knapp. Für einen Moment steht er abwartend da, er mustert sein Gegenüber. Schon will er gehen. Doch bevor er sich’s versieht, kommt ihm über die Lippen: „Zieh ab, du blöde Kuh!“
Die Frau starrt ihn entgeistert an. Thomas weiß nicht, was sie von ihm erwartet. Aber er hat sie nicht um ihre Hilfe gebeten, was geht sie ihn an? Wie seine Mutter. Die glaubt auch, sich in alles einmischen zu müssen. Wenn sich Thomas darüber aufregt, kommt sie ihm mit der alten Leier von wegen dem Problemkind, dem die starke Hand des Vaters fehle und so weiter. Wie das Amen im Gebet kommt das, darauf kann Thomas wetten. Das hasst er wie die Pest, wenn seine Mutter so anfängt, gehen in ihm die Schranken nieder.
Und jetzt diese Frau. Thomas wendet sich von ihr ab. Er rennt die Stufen hinunter, die zu dem Weg entlang des Flussufers führen. Ein paar Spaziergänger und Jogger sind dort unterwegs. Thomas läuft Slalomlinien zwischen ihnen. Er hält nicht an und schaut sich nicht um. Er rennt und rennt, er überholt die Jogger und die Spaziergänger sowieso. Wie ein Abwasserkanal schneidet der braune Fluss vor Thomas durch die Häuserreihen zu beiden Seiten. Die nächste Flussbiegung vor Augen, möchte er das Tempo, in dem er jetzt läuft, bis dorthin durchhalten; mit jedem Atemstoß aus seinem Mund kommt das Ziel näher.
Erst als er die Biegung hinter sich hat, bleibt Thomas stehen. Schwer atmend beugt er sich vornüber, die Hände hat er auf den Knien abgestützt. Eine Weile steht er so da, während sich sein Herzschlag beruhigt. Dann richtet er sich wieder auf und wirft einen Blick zurück über die Schulter. Die Brücke ist verschwunden, eine Häuserzeile hat sie verschluckt. Thomas kann sich aber gut vorstellen, dass die Frau immer noch am Geländer steht und ihm nachblickt. Vielleicht, denkt er, reißt sie der Wind in die Tiefe.
Als Manuel aufwachte, war die Nacht vor dem Fenster noch finster. Es war ganz still im Zimmer. Es war kein Lärm, der ihn geweckt hatte. Die Stille war der Herzschlag der Nacht. Aber da war etwas, das den Rhythmus dieses Herzschlags durcheinandergebracht hatte. Das fühlte Manuel, als er mit offenen Augen in seinem Bett lag und in die Dunkelheit horchte.
Manuel schlüpfte unter der Decke hervor. Der Holzboden unter seinen bloßen Füßen war kalt. Manuel ging durchs Zimmer und sah nur die Umrisse der Möbel. Sein Zimmer war klein wie alle Räume der Wohnung und vollgeräumt mit Manuels Sachen. Trotzdem stieß er nirgendwo an, er würde sich hier blind zurechtfinden.
Die Tür zu Jakobs Zimmer war nur angelehnt. Jakob war Manuels kleiner Bruder, er war erst sechs. Jakob wollte, dass die Verbindungstür zwischen ihren Zimmern nachts offenblieb. Manuel kannte den Grund dafür. Seit dem Vorfall mit dem Hund hatte Jakob oft Angst vor dem Einschlafen und während der Nacht. Auch jetzt lag der Bruder wach; obwohl Jakob nicht schrie oder weinte oder nach ihm rief, das tat er nie. Er lag einfach unter seiner Decke und zitterte vor Furcht.
Manuel konnte diese Angst spüren. Er stand an Jakobs Bett. Aus der Dunkelheit starrten ihn die Augen des Bruders an. Jakob rückte zur Seite und hob die Decke. Manuel legte sich neben ihn. Jakob warverschwitzt, als hätte er Fieber. Für einen Moment hielt er den Atem an, das fühlte Manuel. Als er den Arm um ihn legte, stieß Jakob hörbar die Luft aus. Manuel strich ihm die nassen Haare aus der Stirn; jetzt begann der Bruder wieder ruhiger zu atmen.
Jakob drückte sich an Manuels Brust, er blies ihm seinen warmen Atem auf den Hals.
„Alles ist gut“, flüsterte Manuel.
„Bleibst du bei mir?“
„Ich bleibe bei dir.“
„Die ganze Nacht?“
„Die ganze Nacht. Du kannst jetzt schlafen. Es kann dir nichts passieren.“
„Versprichst du mir das?“
„Ich verspreche es dir.“
Wie immer in einer Nacht, deren Herzschlag durcheinandergekommen war.
Thomas trabt durch das Villenviertel, aber er strengt sich nicht mehr so an wie vorhin. Hier war er noch nicht oft. Meistens bleibt er unten am Fluss. Dann setzt er sich auf eine der Bänke entlang des Ufers, mit dem Handy wird ihm nicht langweilig. Doch heute fühlt er sich zu zappelig zum Sitzen. So ist er weiter-gelaufen, vom Fluss weg und in dieses Viertel. Die Häuser hier sind prächtig. Es sind hauptsächlich mehrgeschoßige Villen aus der Zeit der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert. Fast ein bisschen verwunschen sehen sie aus. Und die Gärten! Thomas wohnte auch einmal in einem Haus mit Garten. Seine Mutter kümmerte sich um die Blumen, sein Vater um die Obstbäume. Als er noch klein war, riss er sich darum, ihm helfen zu dürfen. Sie lagerten Äpfel und Birnen im Keller ein, den halben Winter hatten sie eigenes Obst zu essen.
Thomas bleibt vor einem der Häuser stehen. Ein riesiges Grundstück. Als Sichtschutz sind am Zaun entlang hohe Büsche und Stauden gepflanzt. Thomas späht durch das dichte Blattwerk. Das Haus gefällt ihm nicht sonderlich. Es ist ganz anders als die anderen Häuser in dieser Gegend, eine Art Bungalow mit viel Beton und einem Flachdach mit Lichtkuppeln. Zumindest auf der Straßenseite sind die Fenster ziemlich klein. Drei davon sind rund; sie befinden sich gleich neben der Eingangstür. Die sieht aus wie die Tür eines Panzerschranks. Insgesamt macht das Haus auf Thomas einen U-Boot-artigen Eindruck.
Was Thomas viel besser gefällt, ist der Obstgarten. Auf einem Gutteil des Grundes seitlich des Hauses, den Thomas momentan überblicken kann, ist dieser angelegt. Bewundernd betrachtet Thomas die Bäume. Apfel- und Birnbäume wie zu Hause, dazu eine Reihe von Zwetschgenbäumen. Jetzt, im späten Sommer, sind die Zweige schwer von fast reifen Früchten. Nussbäume gibt es auch, aber die Nüsse sind noch nicht soweit. Thomas kann sich vorstellen, dass sein Vater von diesem Garten begeistert gewesen wäre.
Da dringt Lärm aus der Tiefe des Grundstücks. Das Kläffen eines Hundes, das sich rasch nähert. Und eine aufgeregte Stimme, beinahe ein Schreien. Thomas fühlt sich ertappt, unwillkürlich duckt er sich hinter die Stauden.
Ein Bursch wird von einem Hund verfolgt. Er rennt, so schnell er kann, das ist nicht zu übersehen. Aber der Hund holt auf. Der Junge prallt gegen das Gartentor, solch einen Schwung hat er drauf. Dann ist er draußen, das Tor fällt wieder ins Schloss. Drinnen kläfft der Hund, draußen steht der Junge und ist total außer Puste. Er fährt sich über die rotgeschwitzte Stirn und hat noch nicht einmal bemerkt, dass keine fünf Meter neben ihm auf dem Gehsteig jemand steht.
„Das war knapp“, stellt Thomas fest.
Der Junge zuckt zusammen. Als er Thomas entdeckt, schaut er ihn wortlos an.
„Das mit dem Hund“, sagt Thomas.
Er ist froh, den Zaun zwischen sich und dem Hund zu haben. Dieser ist ein wahres Ungetüm. Er ist so groß wie ein Kalb, er rast. Er könnte die Latten leicht überspringen. Ein Stück Schnauze steht unter dem schwarzen Zottelfell hervor, mehr ist vom Hundekopf nicht zu sehen. Thomas fällt auf, dass auch die Augen und die Ohren unter dem Fell verborgen sind. Beim Bellen zeigt der Hund seine Zähne und die dicke rote Zunge. Das sieht bedrohlich aus. Thomas kann gut verstehen, dass der Bursch vor dem Hund Reißaus genommen hat.
Inzwischen hat sich der Junge ein wenig gefangen. „Das kannst du laut sagen“, meint er und schließt für einen Moment die Augen. „Dass er mich um ein Haar gehabt hätte.“
Thomas fällt auf, dass die Augenbrauen des Jungen völlig gerade und über der Nase fast zusammengewachsen sind; dazu der Bartwuchs auf den Wangen, dem Kinn und über den Lippen: Das gibt ihm nach Thomas’ Eindruck ein wildes Aussehen, das nicht zu seiner Angst vor dem Hund passen will. Thomas und der Junge sind in etwa gleich groß und von ähnlicher Statur; aber er hat eine sehr männliche Stimme.
„Was wolltest du denn da drin?“, fragt Thomas und deutet mit dem Kinn in Richtung des Hauses.
Der Junge fährt sich mit Zeigefinger und Daumen die Nase entlang. Gerade will er Thomas antworten, da kommt ein seltsames Paar angetrabt: ein Mannund eine Frau, wie die Karikatur eines alten Ehepaares in einer Sitcom. Als der Hund im Kläffen eine Pause gemacht hat, hat Thomas ihr Rufen schon gehört, bevor sie um die Ecke des Hauses gebogen sind.
Im ersten Moment hat Thomas nur Augen für die Frau. Aus der Entfernung ähnelt sie für ihn einer Fata Morgana. Wie eine dieser Blondinen aus der Schokoladenwerbung sieht sie aus. Die, bekleidet nur mit fliegenden Schleiern, verführerisch in die Kamera blinzelt und dabei ihre roten Kusslippen schürzt. Aber aus der Nähe erkennt Thomas, dass sie anscheinend selbst viel zuviel von dieser Schokolade gegessen hat. Was er für Schleier gehalten hat, ist ein weites Gewand. Das trägt die Frau augenscheinlich, um überschüssige Kilos zu verbergen.
Der Mann an ihrer Seite hat auch Gewichtsprobleme, wenngleich ganz anderer Art. Er besteht fast nur aus Haut und Knochen. Dazu ist er geradezu tierartig behaart. Das sieht Thomas, weil der Mann kurze Jeans und dazu ein kurzärmeliges Anzugshemd an-hat. Seltsame Kombination, denkt Thomas. Wie eben noch von der Frau kann er jetzt den Blick von den skelettartigen Armen und Beinen des Mannes nicht wenden.
Am Gartentor bleiben die beiden stehen. Sie keuchend, obwohl sie ja, fährt Thomas durch den Kopf, wahrlich keinen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt haben.
„Sei still, Barlow!“, knurrt der Mann den Hund an.
Und die Frau setzt nach: „Gib schon Ruhe! Und geh weg vom Tor!“
