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Diese Insel hütet mehr als ein Geheimnis
Autor Grady Green ist überglücklich, als er die Nachricht erhält, dass es sein Roman auf die Bestsellerliste der New York Times geschafft hat. Ungeduldig wartet er auf die Rückkehr seiner Frau, um ihr davon zu erzählen. Doch sie kommt nie zu Hause an. Ihr verlassenes Auto wird auf einer Klippe gefunden. Ein Jahr später trauert Grady immer noch. Niemand weiß, was mit seiner Frau passiert ist. Um endlich auf andere Gedanken zu kommen und sein neues Buch zu schreiben, reist Grady auf eine abgelegene Insel vor der schottischen Küste. Dort sieht er eine Frau, die Abby zum Verwechseln ähnlich sieht ...
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Seitenzahl: 489
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das Buch
Grady Green ist überglücklich. Sein neuester Roman ist ein New York Times-Bestseller. Er ruft seine Frau Abby an, um ihr die guten Neuigkeiten zu erzählen. Sie sitzt im Auto, muss plötzlich bremsen und verlässt daraufhin den Wagen. Danach hört Grady nichts mehr. Er fährt ihr nach, findet ihr Auto auf einer Klippe. Aber keine Spur von Abby.
Ein Jahr später trauert Grady immer noch. Niemand weiß, was mit Abby passiert ist. Um endlich auf andere Gedanken zu kommen und sein neues Buch zu schreiben, reist Grady auf die Isle of Amberly vor der schottischen Küste. Auf der Überfahrt geschieht das Unglaubliche: Er glaubt Abby zu sehen. Die Insel erscheint Grady seltsam. Hier leben nur Frauen. Es gibt kein Telefon oder Internet. Dann werden Grady Zeitungsartikel zugespielt, die seine Frau geschrieben hat. Gibt es jemanden, der etwas über Abbys Verschwinden weiß?
Die Autorin
Alice Feeney war fünfzehn Jahre als Journalistin für die BBC tätig, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihre Bücher wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Mit ihrer Familie lebt sie in Devon, England.
Lieferbare Titel
Flutnacht
Nebelinsel
Alice FeeneY
Nebel
insel
Thriller
Aus dem Englischen von Anke Kreutzer
Wilhelm Heyne VerlagMünchen
Die Originalausgabe Beautiful Ugly erschien erstmals 2025 bei Macmillan, an imprint of Pan Macmillan, London.
Illustrierte Karte der Isle of Amberly © Rhys Davies.
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Deutsche Erstausgabe 01/2026
Copyright © 2025 by Diggi Books Ltd.
© 2026 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Christiane Wirtz
Umschlaggestaltung: Nele Schütz design unter Verwendung von Shutterstock: (Graphic Compressor; Olena Te)
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN: 978-3-641-32895-5V002
www.heyne.de
Für Christine, eine Lektorin, von der man nur träumen kann.»Wir sind abgabebereit.«
Glücklich verheiratet
Wenn die Liebe alles ist, was wir brauchen, warum wollen wir dann immer mehr?
Ich wähle ihre Nummer. Noch einmal. Endlich geht sie ran.
»Ich bin unterwegs, bin gleich da«, sagt meine Frau, ohne dass ich fragen muss. Ich höre zwar, dass sie fährt, also unterwegsist, aber gleichda scheint mir nicht der Wahrheit zu entsprechen. In letzter Zeit neigt sie dazu, die Dinge etwas schönzureden.
»Du hast gesagt, du wärst rechtzeitig hier«, antworte ich und höre selbst, dass ich wie ein quengeliges Kind und nicht wie ein erwachsener Mann klinge. »Das ist wichtig für mich.«
»Ich weiß, tut mir leid. Ich bin wirklich bald da, versprochen. Ich bring Fish and Chips mit.«
Mit Fish and Chips haben wir fast jeden unserer Meilensteine gefeiert. Unser erstes Date, unsere Verlobung, den Tag, an dem mich ein Agent unter Vertrag nahm, den Kauf unseres Traumhauses. Ich bin ein bisschen verliebt in dieses alte, reetgedeckte Cottage an der Südküste, nur eine Stunde von London und doch tausend Meilen von der Stadt entfernt. Unsere einzigen Nachbarn sind derzeit Schafe. Heute Abend nun wollte ich eigentlich mit Fish and Chips und einer Flasche Champagner, die ich seit fünf Jahren aufgespart hatte, meinen ersten New York Times-Bestseller feiern. Meine Lektorin in Amerika hat versprochen anzurufen, wenn es gute Neuigkeiten gäbe, aber es ist schon fast neun Uhr abends (vier Uhr nachmittags in New York), und sie hat sich noch nicht gemeldet. Niemand hat sich gemeldet.
»Schon was gehört?«, fragt Abby. Ich höre, wie sie die Scheibenwischer einschaltet, und stelle mir vor, wie der Regen in dicken Tropfen die Scheibe herunterläuft.
»Nein, noch nicht.«
»Dann halten wir besser die Leitung frei, damit sie dich erreichen kann«, sagt sie und legt auf.
Abby sollte bei mir sein, wenn ich den Anruf bekomme, aber sie verspätet sich. Mal wieder. Sie liebt ihren Beruf. Sie arbeitet als Enthüllungsjournalistin und gräbt gute Geschichten über schlechte Menschen aus. Meistens Männer. Das ganze Leben meiner Frau ist nach ihrem moralischen Kompass ausgerichtet und bestimmt von ihrem unstillbaren Wunsch, Missstände aufzudecken, und ich mache mir stets Sorgen, dass sie eines Tages dem Falschen auf die Füße tritt. Abby hat bereits anonyme Drohungen erhalten, die an die Adresse ihrer Zeitung geschickt wurden. Inzwischen ist sie schon so paranoid, dass sie alle eingehenden Anrufe aufzeichnet und archiviert. Doch sie denkt nicht im Traum daran aufzuhören.
Meine Frau schreibt Artikel, die wichtig sind und dabei helfen, die Welt vor sich selbst zu schützen.
Ich erzähle Geschichten, die für mich wichtig sind. Meine Bücher waren schon immer ein Rückzugsort für mich, wenn mir die reale Welt da draußen zu laut wurde.
Die Ehe besteht aus Tausenden schönen und unschönen Momenten, die sich zu einem bunten Teppich aus Erinnerungen verknüpfen, die jedoch für jeden der beiden Partner anders aussehen, ebenso wie ein und dasselbe Gemälde von zwei Personen aus verschiedenen Blickwinkeln nicht gleich aussieht. In jüngeren Jahren habe ich nicht an die Liebe geglaubt. In meinem Elternhaus war Liebe ein knappes Gut, sodass ich mich als Kind in Bücherwelten flüchtete und davon träumte, eines Tages selbst zu schreiben. Nach der Beziehung meiner Eltern zu urteilen, war glücklich verheiratet ein Widerspruch in sich, daher glaubte ich auch nicht an die Ehe. Bis ich Abby traf. Sie veränderte meine Weltsicht und meine Meinung über die Liebe. Sie weckte Gefühle in mir, von denen ich nicht geahnt hatte, dass ich dazu fähig war, und ich könnte nie einen anderen Menschen so lieben wie sie.
Als wir ganz frisch zusammen waren, konnten wir die Hände nicht voneinander lassen. Wenn ich die Augen schließe und mich konzentriere, kann ich mich immer noch daran erinnern, wie ich sie das erste Mal berühren durfte: ihr makelloses Gesicht, ihre seidige Haut, der Geschmack ihrer Lippen, die Art, wie sie stöhnte, als ich in sie eindrang. Es ist nicht einfach, den Funken am Leben zu erhalten, wenn man so lange verheiratet ist wie wir. Ich versuche es, aber mit dem Alter verändert sich auch, was einem wichtig ist. Glaube ich zumindest. Für mich ist es so. Was wir jetzt haben, ist alles, was ich mir immer gewünscht habe.
Columbo kommt ins Zimmer und wedelt mit dem Schwanz, als hätte er mich tagelang nicht gesehen. Dabei sind keine fünf Minuten vergangen, seit er in der Küche eingeschlafen ist. Er setzt sich neben mich und starrt auf das Handy in meiner Hand, als wartete auch er darauf, dass es endlich klingelt. Ich mag Hunde lieber als Menschen. Hunde sind loyal. Columbo war als Welpe ein Überraschungsgeschenk meiner Frau. Sie fand, ich bräuchte Gesellschaft, und seitdem sind wir unzertrennlich. Abby macht sich immer Sorgen darüber, dass ich so viel Zeit allein verbringe, und versteht offenbar nicht, dass ich die Einsamkeit genieße. Ich brauche Ruhe zum Schreiben, und wenn ich nicht schreiben kann, fehlt mir die Luft zum Atmen. Außerdem leisten mir meine Figuren Gesellschaft, und die sind mir ebenfalls lieber als echte Menschen. Meine Figuren belügen mich nicht, und vor Abby konnte ich niemandem vertrauen. Menschen aus Fleisch und Blut halten sich nur selten an ihre Versprechen oder an das, was gut und richtig wäre. Das Einzige, was ich am Alleinsein nicht mag, ist, dass ich wohl oder übel so viel Zeit mit mir selbst verbringen muss.
Mein Weg zum Bestsellerautor war, gelinde gesagt, holprig. Ich habe zehn Jahre Anlauf genommen, um über Nacht erfolgreich zu werden, und lange Zeit habe ich mich wie die Zweitbesetzung in meinem eigenen Leben gefühlt. Jahrelang habe ich vor mich hingedümpelt und mich mit Verrissen, enttäuschenden Verkaufszahlen und dem Problem herumgeschlagen, dass mich mehrere Verlage fallen ließen. Ich war kurz davor aufzugeben, als ich meine Frau kennenlernte und sie mich meiner fantastischen Agentin vorstellte. Danach wurde alles anders. Wenn ich also sage, dass ich ihr alles verdanke, ist das nicht übertrieben. Das Schreiben von Büchern ist das Einzige, was mich wirklich glücklich macht. Mir ist klar, wie wichtig Abbys Arbeit ist, während ich meinen Lebensunterhalt nur damit verdiene, mir Geschichten auszudenken, aber ich hatte mir so sehr gewünscht, dass sie heute Abend an meiner Seite ist. Wenn mein neuestes Buch wirklich ein New York Times-Bestseller wird, könnte sie wieder stolz auf mich sein. Vielleicht würde sie mich dann wieder so ansehen wie früher.
Mein Handy summt, und auf dem Display leuchtet der Name meiner Lektorin auf.
Mir zittern die Finger, als ich den Anruf entgegennehme.
»Grady, ich bin’s«, sagt Elizabeth in einem neutralen Ton, der mir nicht verrät, ob sie gute Nachrichten hat. »Wir sind alle hier, das gesamte Verlagsteam. Kitty ist auch in der Leitung.«
»Hi, Grady!« Der jubilierende Ton meiner Agentin erlöst mich von der bangen Ungewissheit, und ich kann es selbst kaum fassen, dass mir die Tränen kommen. Große, dicke, unmännliche Tränen kullern mir die Wangen herunter, und ich bin froh, dass mich – außer einem großen schwarzen Labrador – niemand so sehen kann. Der Hund blickt zu mir auf, als mache er sich echte Sorgen um mich.
Meine Lektorin fährt fort und kann ihre Aufregung nicht mehr verbergen. »Wie du weißt, hat es viel Wirbel um dieses Buch gegeben, und ich kann dir gar nicht sagen, wie froh wir alle sind, daran mitgearbeitet zu haben. Wir lieben dich, und wir lieben deine Bücher, und ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich es mich macht, dir mitteilen zu können, dass du einen New York Times-Bestseller gelandet hast.«
In der Leitung sind Jubelrufe aus dem Hintergrund zu hören. Meine Knie werden weich, und ich sinke langsam zu Boden gehe, bis ich schließlich im Schneidersitze dasitze – wie das Kind, das vor all den Jahren davon träumte, Schriftsteller zu werden.
Columbo wedelt mit dem Schwanz und leckt mir das Gesicht, und obwohl ich seine grenzenlose Zuneigung zu schätzen weiß, wünschte ich, meine Frau wäre jetzt hier. Ich weine und lache gleichzeitig und zittere am ganzen Leib. Ich kann mein Glück nicht fassen und frage mich für eine Sekunde, ob das hier wirklich mein Leben ist. Dieser Erfolg fühlt sich zu schön an, um wahr zu sein. Augenblicklich kommen mir Zweifel.
»Sag das noch mal! Ist das wahr?«, flüstere ich.
»Ja!«, schreit meine Agentin in den Hörer.
»Ich fass es nicht«, sage ich mit zittriger Stimme. »Danke, danke, danke! Ich kann gar nicht sagen, wie viel mir das bedeutet …«
Mir fehlen die Worte vor Dankbarkeit und ungläubigem Staunen.
»Bist du noch dran, Grady?«, fragt meine Agentin.
»Ja. Ich bin nur so …« Es dauert eine Weile, bis ich das richtige Wort dafür finde. »Glücklich«, sage ich schließlich und probiere dieses ungewohnte Gefühl aus, um zu sehen, ob es passt. Ich glaube, ich muss mich erst daran gewöhnen. »Ich danke euch. Euch allen. Ich bin völlig überwältigt und so dankbar.«
Dies ist vermutlich der beste Tag meines Lebens, und ich will diesen Moment mit ihr teilen.
Doch stattdessen bin ich allein zu Hause mit dem Hund, der schon wieder eingeschlafen ist.
Ich tue mein Bestes, um all den Menschen zu danken, die diesen schönsten Tag meines Lebens möglich gemacht haben: meine wunderbare Lektorin, die brillante Verlagsleiterin, das fantastische Vertriebsteam, das Marketingteam meiner Träume. Dann endet der Anruf, auf den ich ewig gewartet habe, und plötzlich ist alles still. Zu still. Ich bin wieder allein. Ich gieße mir ein Glas Whisky aus einer der guten Flaschen ein, dann sitze ich schweigend da und lasse die Nachricht auf mich wirken. Ich will diesen besonderen Moment voll auskosten und so lange wie möglich festhalten. Sobald ich mich beruhigt habe, rufe ich meine Frau an. Ich möchte sie überraschen. Ich stelle mir Abbys Handy am Armaturenbrett vor, im Geist sehe ich die Navigations-App auf dem Display vor mir, die ihr die Route vorgibt. Es klingelt kaum, da hebt sie schon ab.
»Und?«, fragt sie gespannt. Ich wünschte, ich könnte ihr Gesicht sehen.
»Du sprichst gerade mit dem Autor eines New York Times-Bestsellers.«
»O mein Gott!«, ruft sie, außer sich vor Freude. »Ich hab’s gewusst. Ich bin so stolz auf dich!« Ich höre ihrer Stimme an, wie bewegt sie ist, und es könnte sein, dass auch sie eine Freudenträne verdrückt, obwohl sie sonst nie weint. »Ich liebe dich«, sagt sie. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir uns das letzte Mal gesagt haben, dass wir uns lieben. Früher haben wir es uns jeden Tag gesagt. Es klingt schön und fühlt sich herrlich an, wie ein alter Song im Radio, den man seit Jahren nicht mehr gehört und früher einmal geliebt hat.
»Ich bin fast da!«, sagt sie und holt mich aus meinen nostalgischen Gedanken. »Hol schon mal den Champagner raus und …«
Ich höre das Geräusch quietschender Bremsen, dann Stille.
»Was ist passiert?«, frage ich atemlos. »Alles in Ordnung? Kannst du mich hören?«
Die Stille hält an, doch nach einer gefühlten Ewigkeit sagt sie endlich: »Mir fehlt nichts, aber … da liegt eine Frau auf der Straße.«
»Was? Hast du sie angefahren?«
»Nein! Natürlich nicht. Sie lag schon da, deshalb habe ich ja gebremst«, sagt sie.
»Wo bist du?«
»Ich bin auf der Klippenstraße. Ich steige aus und sehe nach, ob …«
»Nein!«, brülle ich.
»Was soll das heißen, Nein? Ich kann sie doch nicht einfach so auf der Fahrbahn liegen lassen, ohne nachzusehen, was mit ihr ist.«
»Ruf die Polizei. Du bist fast zu Hause. Steig nicht aus dem Wagen aus.«
»Falls du dir Sorgen machst, dass die Fish and Chips kalt werden …«
»Ich mache mir Sorgen um dich.«
Sie seufzt, und ich höre das leise Klicken, weil sie den Sicherheitsgurt löst. »Ich glaube, du hast zu viele Stephen-King-Romane gelesen …«
Ich denke nur, es ist nicht immer richtig, das Richtige zu tun.
»Bitte steig nicht aus!«, sage ich.
»Und wenn ich da vorne auf der Straße läge? Würdest du dir da nicht wünschen, dass jemand anhält und hilft?«
»Warte! Leg nicht auf!«
»Meinetwegen, wenn du dich dann besser fühlst.« Es war schon immer ein Ding der Unmöglichkeit, meine Frau umzustimmen, wenn sie eine Entscheidung gefällt hat. Je mehr man sie bedrängt, desto entschiedener vertritt sie ihre Meinung. Abby öffnet die Autotür. »Ich liebe dich«, sagt sie wieder. Als ich es erwidern will, ist es schon zu spät. Sie muss ihr Handy in der Halterung am Armaturenbrett zurückgelassen haben, denn ich höre nur noch, wie sich ihre Schritte entfernen.
Eine Minute vergeht. Zwei Minuten.
Ich höre nur den Blinker und die Scheibenwischer.
Fünf Minuten später ist die Leitung immer noch nicht getrennt, aber ich kann Abby nicht hören.
Mich überkommt das Gefühl, dass etwas Schreckliches passieren wird. Eine überwältigende, unerklärliche Angst, weil die Frau, die ich liebe, in Gefahr ist.
Mit dem Handy am Ohr laufe ich im Zimmer auf und ab.
»Kannst du mich hören?«, frage ich, aber sie antwortet nicht.
Dann höre ich wieder Schritte. Es klingt, als würde Abby endlich ins Auto einsteigen, aber sie antwortet immer noch nicht.
Stattdessen höre ich nur jemanden atmen.
Es hört sich nicht nach meiner Frau an.
Eben noch war ich so glücklich wie nie zuvor. Jetzt bin ich wie gelähmt vor Angst.
Dies ist der schlimmste beste Tag in meinem Leben.
Ich kenne den Teil der Straße, auf der sie unterwegs ist. Sie führt direkt zur Küste und ist nicht weit von unserem Haus entfernt. Der nächste Nachbar wohnt zwei Kilometer entfernt, sodass ich niemanden in der Nähe um Hilfe bitten kann. Also marschiere ich los. Irgendwann beginne ich zu rennen. Keuchend drücke ich das Handy immer noch ans Ohr und rufe ihren Namen. Sie antwortet nicht.
Die Nacht ist zu finster, zu kalt, zu nass. Hier auf dem Land gibt es keine Straßenlaternen, nur Dunkelheit. Über mir sehe ich den schiefergrauen Himmel voller Sterne, die Wiesen und Felder schemenhaft auf der einen Straßenseite und das mondbeschienene Meer auf der anderen. Alles, was ich höre, sind die Wellen, die an die Klippen schlagen, und meinen eigenen Atem. Als ich Abbys Auto am Straßenrand entdecke, werde ich langsamer und betrachte die Szenerie. Die Scheinwerfer sind noch an, die Blinker blinken, und die Fahrertür steht offen.
Von Abby keine Spur.
Es liegt auch niemand auf der Straße. Kein Lebenszeichen weit und breit.
Ich drehe mich um und lasse in der Dunkelheit den Blick über die leere Fahrbahn und die sanften Hügel schweifen. Ich rufe ihren Namen und höre mein Echo aus dem Handy an ihrem Armaturenbrett. Der Anruf ist noch nicht unterbrochen, aber Abby ist nicht da. Die Fish and Chips liegen auf dem Beifahrersitz, neben ihrer Handtasche. Ich schaue hinein, aber es scheint nichts gestohlen zu sein. Der einzige mir unbekannte Gegenstand im Auto ist eine quadratische weiße Schachtel. Ich öffne den Deckel und sehe eine gruselig aussehende antike Puppe mit glänzendem schwarzem Haar, die einen roten Mantel trägt. Ihre großen blauen Glasaugen starren mich an, und ihr Mund ist zugenäht.
Ich sehe mich noch einmal um, doch alles ist still und schwarz.
»Wo bist du?«, brülle ich.
Aber Abby antwortet nicht.
Meine Frau ist verschwunden.
Ein Jahr später …
Du liebe Güte!
»Du liebe Güte, du siehst ja schrecklich aus! Ich hätte dich fast nicht wiedererkannt!«, sagt meine Agentin, als ich ihr Büro betrete.
»Die Freude ist ganz meinerseits«, antworte ich.
»War nicht böse gemeint. Es ist nur eine Feststellung.«
Kitty Goldman nennt die Dinge beim Namen. Sie umarmt mich und setzt sich wieder hinter ihren Schreibtisch, wo sie immer in ihrem Element ist. Ihr Gesicht hat seit unserer letzten Begegnung ein paar Falten mehr bekommen, und es gefällt mir, dass sie nicht versucht, ihr Alter zu verschleiern. Man weiß stets genau, wo man bei ihr dran ist, aber nicht viele Menschen kommen ihr so nahe wie ich. Ich habe keine Ahnung, wie alt Kitty genau ist – die Frage habe ich nie zu stellen gewagt –, aber wenn ich raten müsste, würde ich sagen, Anfang siebzig. Sie trägt einen rosa Tweedrock und duftet nach Parfüm. Chanel, glaube ich.
Sie schaut mich über ihre Designerbrille hinweg an.
»Und wie ich sehe, hast du Columbo mitgebracht?«, sagt sie und betrachtet den schwarzen Labrador, der es sich auf ihrem teuren Teppich bequem gemacht hat.
»Ja. Entschuldige, ich hoffe, es macht dir nichts aus. Ich habe niemanden, der auf ihn aufpassen kann, und ich kann ihn tagsüber nicht allein im Hotel lassen.«
Und da ist es wieder – dieses Neigen des Kopfes, das Mitleid in ihrer Miene. Ich sehe weg. Seit dem Verschwinden meiner Frau ist ein Jahr vergangen. Jeder, der davon weiß, sieht mich jetzt so an, und ich ertrage es nicht mehr. Ich habe es satt, dass die Leute sagen: »Mein aufrichtiges Beileid.« Eine Zeit lang empfinden sie es auch so, aber schon bald ist es vergessen, und ihr Leben geht seinen gewohnten Gang. Wieso auch nicht? Sie haben ja nicht verloren, wofür es sich zu leben lohnt. Das bin nun mal ich.
Ich starre auf meine ungeputzten Schuhe mit den abgetretenen Absätzen. Über die Kurzwahltaste wählt Kitty ihre derzeitige Sekretärin im Vorzimmer an und bittet sie, uns Tee und Kekse zu bringen. Seit Abby verschwunden ist, vergesse ich oft zu essen. Ich kann auch nicht mehr schreiben, und ich schlafe schlecht. Wenn ich aus denselben, immer wiederkehrenden Albträumen aufwache, bekomme ich nicht richtig Luft. Ich habe nicht nur meine Frau verloren, sondern alles, was ich mir je erträumt habe.
Ich weiß immer noch nicht, was mit Abby passiert ist.
Ich weiß nicht einmal, ob sie noch am Leben ist.
Dieses Nichtwissen hält mich nachts wach.
Ich lasse den Blick durch Kittys schön eingerichtetes Büro schweifen, um Kittys Blicken und den Fragen auszuweichen, die mit Sicherheit kommen werden. Dieses Zimmer sieht nicht wie ein Büro aus, es ist viel stilvoller, wie eine Minibibliothek oder ein Raum in einem Boutiquehotel, entworfen von jemandem mit teurem Geschmack. Ich betrachte all die maßgefertigten hölzernen Bücherregale, die mit den Werken ihrer Autoren vollgestopft sind – einschließlich meiner. Eine Zeit lang war ich Kittys wichtigster Autor. Inzwischen betreut sie neuere, jüngere, hungrigere und – wenn ich ehrlich bin – bessere Autoren. Solche, die noch schreiben können.
Schließlich fällt mein Blick auf das gerahmte Bild von Abby auf Kittys Schreibtisch. Ich habe mich schon gefragt, ob es noch da ist oder ob sie es vielleicht in einer Schublade versteckt hat. Manche Menschen glauben, wenn sie ihre Trauer verbergen, würde sie irgendwann verschwinden, dabei macht es sie meiner Erfahrung nach nur noch schlimmer. Jeder trauert auf seine eigene Weise. Man kann Trauer nicht teilen, aber wenigstens gibt es jemanden, der genauso oft an Abby denkt wie ich. Kitty ist die Patentante meiner Frau, und manchmal denke ich, dass ich nur eine Agentin habe, weil Abby sie angefleht hat, mich zu vertreten.
Kitty Goldman ist eine der größten Literaturagentinnen des Landes. Vor zehn Jahren hat sie mich als Jungautor unter ihre Fittiche genommen. Meine Karriere steckte in einer Sackgasse, doch sie sah etwas in meinen Texten, das niemand sonst gesehen hatte, und gab mir eine Chance. Das Ergebnis waren fünf Bestseller im Vereinigten Königreich und mehrere Literaturpreise. Kitty verkaufte die Übersetzungsrechte an meinen Büchern in vierzig Länder, und letztes Jahr nun hatte ich meinen ersten New York Times-Bestseller in Amerika. Inzwischen kommt es mir so vor, als wäre das alles nur ein Traum gewesen. Da ich so lange nicht schreiben konnte und alle meine Sachen eingelagert habe, ist die Vorstellung, ein neues Buch mit dem Namen Grady Green auf dem Cover zu sehen, surreal. Ich frage mich, ob es jemals einen weiteren Titel von mir geben wird. Wenn man die Spitze erklommen hat, folgt unweigerlich der Abstieg.
»Wie geht es dir?«, fragt Kitty und reißt mich aus meiner selbstmitleidigen Gedankenschleife. Es ist eine einfache Frage, aber ich weiß nicht, wie ich antworten soll.
Die Polizei hat die Suche nach Abby ein paar Wochen, nachdem ihr Auto verlassen aufgefunden wurde, beendet, obwohl sie den roten Mantel gefunden hat, den sie an dem Abend trug. Ein Hundespaziergänger entdeckte ihn am Tag nach ihrem Verschwinden eine halbe Meile weiter die Küste runter. Er war klatschnass und zerfetzt. Meine Frau wird seit über einem Jahr »vermisst«, aber laut Gesetz kann sie erst nach sieben Jahren für tot erklärt werden. Wenn andere Menschen einen geliebten Menschen verlieren, gibt es eine Beerdigung oder eine Trauerfeier. Für Abby jedoch nicht. Verschwundene sind nicht dasselbe wie Tote. Alle reden mir gut zu, ich müsse weitermachen, aber wie? Ohne wirklich von ihr Abschied nehmen zu können, bin ich in einem einsamen Schwebezustand der Trauer gefangen, in dem ich verzweifelt nach der Wahrheit suche und gleichzeitig Angst davor habe.
Ich war noch nie gut im Umgang mit Finanzen – darum hat sich Abby immer gekümmert –, und als ich nach ihrem Verschwinden erstmals unser gemeinsames Konto überprüfte, fehlte ein großer Geldbetrag. Den Kontoauszügen zufolge hatte sie in den Monaten vor ihrem Verschwinden mehrere größere Summen abgehoben. Wir hatten uns mit dem Kauf des Hauses etwas übernommen, und ich allein konnte die Hypothek nicht mehr stemmen. Da ich keinen neuen Buchvertrag in Aussicht hatte, war ich gezwungen, das Haus weit unter Wert zu verkaufen, zu einer Zeit, als der Immobilienmarkt zusammenbrach. Das heißt, ich schuldete der Bank immer noch Geld. Um über die Runden zu kommen, verkaufte ich auch den größten Teil unserer Möbel und mietete dann für ein paar Monate eine Wohnung in London, zu einem Wucherpreis, da der Eigentümer von meiner Misere wusste. Ich hatte gehofft, ein Tapetenwechsel würde mir vielleicht helfen, aber dem war nicht so. Stattdessen gingen dabei meine letzten Ersparnisse drauf. Mittlerweile hause ich in einem heruntergekommenen Hotel, lebe von den Tantiemen meiner früheren Bücher und bin nicht in der Lage, ein weiteres zu schreiben. Ich bin unfähig, überhaupt irgendetwas anderes zu tun, als darüber nachzudenken, was in jener Nacht passiert ist. Seitdem gerät mein Leben immer mehr aus der Bahn.
»Mir geht’s gut«, lüge ich und setze ein gequältes Lächeln auf, um uns beiden die Wahrheit zu ersparen. Dabei kann ich mich an die lächelnde Version von mir, die ich dem Rest der Welt präsentierte, im Grunde gar nicht mehr erinnern. Mich zu verstellen, fällt mir immer schwerer. »Und dir?«, frage ich zurück.
Mit der gerunzelten Stirn und dem beredten Schweigen gibt mir Kitty zu verstehen, dass sie mich durchschaut. Sie hat mehr als einmal eine mütterliche Rolle in meinem Leben gespielt, vor allem in den Tagen nach jener tragischen Nacht. Ich hatte sonst niemanden, an den ich mich hätte wenden können, und als Patentante meiner Frau war Kitty ebenso am Boden zerstört. Ihr Beruf ist eigentümlich und weitaus komplexer, als die meisten Menschen glauben. Ein Agent oder eine Agentin muss dabei viele Rollen übernehmen: Erstleser, Lektor, Manager, Therapeut, Ersatzmutter oder -vater, Chef und Freund.
Meine Agentin ist die einzige Person, der ich noch vertraue.
»Du siehst nicht gut aus«, sagt sie.
Ich versuche, mich durch ihre Designerbrille zu sehen. Es ist kein schönes Bild.
Ich zucke mit den Schultern, teils entschuldigend, teils verzweifelt. »Ich schlafe schlecht, seit …«
»Das hinterlässt Spuren. Die dunklen Augenringe und der glasige Blick sprechen Bände. Und du hast abgenommen. Ich mache mir Sorgen um dich, Grady.«
Ich würde mir auch Sorgen um mich machen, wenn ich nicht zu müde wäre. Nach monatelanger Schlaflosigkeit bin ich nur noch ein Schatten meiner selbst, ich bewege mich wie in Zeitlupe durch einen zähen Nebel. Ich weiß kaum noch, wie es ist, nicht fahrig, erschöpft und orientierungslos zu sein. Ich müsste dringend mal wieder zum Friseur, und meine Klamotten gehören in die Altkleidertonne. Wie aufs Stichwort fällt der mittlere Knopf von meinem Jackett ab und landet mit einem traurigen Pling auf Kittys Schreibtisch. Offenbar kommuniziert meine Kleidung, wozu ich nicht in der Lage bin: Ich bin kaputt.
Kitty starrt auf den Knopf, und was sie nicht ausspricht, sagt ihr Gesicht. Dann klopft ihre Assistentin an die Glastür und bringt ein Tablett mit Tee herein.
»Ich hab dich eingeladen, weil wir reden müssen«, sagt Kitty, als wir wieder allein sind.
Wir müssen reden ist nie ein guter Gesprächseinstieg.
Ich fürchte, sie wird mich von ihrer Autorenliste streichen.
Ich kann es ihr nicht verübeln. Wenn sie an mich denkt, muss sie an ihre vermisste Patentochter denken, und das ist sicher nicht einfach. Und wenn ich kein Geld verdiene, dann verdient sie auch nichts. Fünfzehn Prozent von nichts ist nichts. An ihrer Stelle würde ich auch alle Verbindungen zu mir abbrechen wollen: Was kann es Traurigeres geben als einen Schriftsteller, der nicht schreiben kann?
Ich räuspere mich wie ein nervöser Schuljunge. »Ich weiß, dass ich schon lange nichts mehr geschrieben habe, was du verkaufen kannst, aber …«
»Dein Verleger will seinen Vorschuss zurück«, unterbricht mich Kitty. »Es war ein Vertrag über zwei Bücher, und da wir nie einen zweiten Roman abgeliefert haben …«
»Ich kann das nicht zurückzahlen. Ich bin pleite.«
»Das habe ich mir schon gedacht, deshalb habe ich ihnen auch gesagt, sie sollen sich verpissen, aber wir brauchen jetzt einen Plan«, sagt sie, und ich bin erleichtert zu hören, dass sie immer noch auf meiner Seite steht und für mich kämpft. Die Einzige, die das jemals getan hat.
»Es ist nicht einfach, im schäbigsten Hotel der Stadt zu schreiben. Nachts halten mich meist Betrunkene wach, die an meinem Fenster vorbeilaufen, und tagsüber höre ich nur den Verkehr und Baulärm. Die Wände sind hauchdünn, und die ständigen Geräusche lenken mich ab«, sage ich und fühle mich so erbärmlich, wie ich klinge. Ich habe nie verstanden, warum Schriftsteller in Cafés oder an anderen Orten mit anderen Menschen schreiben. Ich brauche Ruhe.
»Was ist mit der Wohnung passiert?«
Ich zucke wieder mit den Schultern. »Ich konnte die Miete nicht mehr bezahlen.«
Sie runzelt besorgt die Stirn. »Warum hast du mir das nicht erzählt? Ich traue mich kaum zu fragen, aber wie geht’s mit dem neuen Buch voran?«
Es gibt erst ein Kapitel, und das habe ich schon mindestens hundertmal umgeschrieben.
»Es … geht voran«, lüge ich.
»Gibt es schon was, das ich mir ansehen könnte?«
Ich habe erst eintausend Wörter.Laut meinem Vertrag fehlen noch neunundneunzigtausend.
Ich nicke. »Bald, denke ich.«
»Oder wenigstens einen Entwurf oder ein Exposé?«
Ich habe keine Ahnung, wie es nach dem ersten Kapitel weitergehen soll, daher werde ich es vermutlich streichen, um noch mal von vorne anzufangen.
»Klar«, sage ich.
Kittys Handy klingelt, und sie starrt es an, als ob es sie beleidigt hätte. »Tut mir leid, da muss ich rangehen.«
»Natürlich.«
Ihr Gesicht verfinstert sich, ihr Ton ist schroff. »Wenn das Ihr bestes Angebot ist, verschwenden Sie nicht weiter meine Zeit. Ich bin echt neidisch auf all die Leute, die nie das zweifelhafte Vergnügen mit Ihnen hatten. Sechsstellig, oder Sie können mich mal kreuzweise«, sagt sie und legt auf. Kitty sagt den Leuten gerne, sie könnten sie mal kreuzweise. Ich hatte immer Angst, dass sie das eines Tages auch zu mir sagen würde. »Wo waren wir stehen geblieben?«, fragt sie, die Sanftmut selbst. Sie tippt an den Rand ihrer Brille, als ob sie nicht gerade säße. Tut sie aber. »Ach, ja. Du wolltest mir weismachen, du kämst mit dem Roman voran, doch ich vermute, dass du seit unserem letzten Gespräch kein einziges Wort geschrieben hast.« Ich versuche, nicht zu lächeln. Oder zu weinen. Es ist mir immer noch unangenehm, dass mich jemand so gut kennt. »Ich glaube, wir brauchen heute etwas Stärkeres als Tee«, sagt Kitty, holt eine Flasche teuren Scotch heraus und schenkt zwei Gläser ein. »Wir arbeiten ja nun schon eine ganze Weile zusammen, und ich habe immer versucht zu tun, was meiner Meinung nach das Beste für dich, für deine Bücher und deine Karriere ist.«
Das war’s also. Jetzt kommt sie, die Abschiedsrede. Sie hat mich aufgegeben, und ich kann es ihr nicht verdenken. Schließlich habe ich mich selbst auch aufgegeben. Kitty steht in dem Ruf, rücksichtslos zu sein und Autoren fallen zu lassen, sobald sie nicht mehr erfolgreich sind, als fürchte sie, Misserfolg sei wie eine ansteckende Krankheit, die ihre übrigen Autoren infizieren könnte. Dabei war sie zu mir bisher immer ausgesprochen nett. Bis jetzt.
Kitty greift in ihre Schreibtischschublade, und ich frage mich, ob sie unseren Vertrag vor meinen Augen zerreißen wird.
»Ich habe in den letzten Wochen und Monaten viel darüber nachgedacht …«
»Ich weiß, dass ich einen neuen Roman schreiben kann«, platze ich heraus, und es klingt beinahe überzeugend.
»Das weiß ich auch«, sagt sie. »Und ich möchte dir dabei helfen.« Kitty legt ein Polaroidfoto auf den Schreibtisch. Darauf ist eine alte Blockhütte zwischen hohen Bäumen zu sehen. »Als einer meiner Autoren vor ein paar Jahren starb, hat er mir das hier in seinem Testament hinterlassen«, sagt sie und tippt mit einem manikürten Nagel auf das Bild – rosa, passend zum Tweedkostüm. »Das war seine Schreibhütte in den schottischen Highlands.«
Mir fällt auf Anhieb keine passende Antwort ein. »Wie schön für dich?«
»Bis jetzt hatte ich noch keine Gelegenheit, sie mir einmal persönlich anzusehen. Schottland ist nicht gerade nebenan, und ich habe seit fünf Jahren keinen Urlaub mehr gemacht, aber man soll von dort eine fabelhafte Aussicht haben, und Charlie war dort auf jeden Fall sehr produktiv.« Ich runzle die Stirn. »Charles Whittaker«, sagt sie, als ob ich nicht wüsste, wen sie meint. Charles Whittaker war früher einer der berühmtesten Bestsellerautoren, hatte dann aber jahrelang kein neues Buch mehr veröffentlicht. Ich habe mich oft gefragt, was damals mit ihm los war. »Charlie sagte immer, sein zehnter Roman würde sein bester werden, aber er starb, bevor er ihn schreiben konnte, und da er so ein Geheimniskrämer war, wollte er mir nicht einmal den Titel verraten. In dieser Hütte hat er jedoch auf dem Höhepunkt seiner Karriere mehrere Bestseller geschrieben, und jetzt steht sie einfach leer. Du würdest mir wirklich einen Gefallen tun.«
Ich starre sie an. »Du möchtest, dass ich nach Schottland gehe?«
»Es sei denn, du willst lieber in diesem Rattenloch von einem Hotel bleiben. Ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass dieser kleine Zufluchtsort nicht auf dem Festland liegt. Die Hütte befindet sich auf einer Insel, der Isle of Amberly.«
»Nie gehört.«
»Das ist einer der vielen Gründe, warum Charles diesen Ort so liebte – er liegt völlig abseits der ausgetretenen Pfade. Kein Lärm. Keine Störungen. Keine Ablenkungen. Er brauchte die Stille, um schreiben zu können, genau wie du. Er konnte kein einziges Wort schreiben, wenn das Leben da draußen zu laut war.«
»Ich … weiß nicht, was ich sagen soll.«
»Sag Ja.«
»Ich muss darüber nachdenken …«
»Ja, natürlich. Vielleicht ist es doch keine gute Idee.« Sie rückt sich wieder ihre perfekt sitzende Designerbrille zurecht, und so, wie sie mich ansieht, frage ich mich, ob ich sie gekränkt habe. »Die Hütte ist sehr ruhig und friedlich, aber wie gesagt eben auch ein bisschen abgelegen. Und das Landleben ist nicht jedermanns Sache. Es gibt nicht viele Menschen auf der Insel…«
»Klingt perfekt. Du weißt, dass ich zum Schreiben Ruhe brauche, und die habe ich nicht, bei all dem …«
»Ich weiß nicht. Vielleicht war es ein Fehler, es vorzuschlagen.« Sie legt das Foto zurück in die Schreibtischschublade, knallt sie zu und steckt sich eine Zigarette zwischen die Lippen. »Du hast doch nichts dagegen?«, fragt sie und zündet sie an, bevor ich antworten kann. Ich schüttle den Kopf, obwohl ich es hasse und das Rauchen in Büros seit Jahren verboten ist. »Ich möchte mich nicht einmischen und alles nur noch schlimmer machen«, sagt Kitty und bläst eine Rauchwolke aus. »Außerdem könnten meine anderen Autoren eifersüchtig werden, wenn sie davon erfahren. Ich habe das Haus noch nie jemandem angeboten, denn du kennst ja deine Zunft. Eifersüchtig. Paranoid. Verrückt.«
»Ich werde niemandem davon erzählen. Für mich klingt es perfekt.«
»Gut. Dann wäre das geklärt.« Sie klopft die Asche ihrer Zigarette an einer kleinen silbernen Agentin des Jahres-Trophäe auf ihrem Schreibtisch ab. »Nimm dir drei Monate Zeit. Nimm den Hund mit – dem wird es dort sicher gefallen. Ruh dich aus, geh spazieren, lies, schlaf, … und wer weiß, vielleicht kannst du ja sogar schreiben. Ich sage dem Verlag, er soll sich nicht so anstellen. Es gibt genug andere Verlage da draußen. Schreib mir ein neues Buch, und ich finde einen für dich. Ich weiß, dass du es kannst.«
»Ich weiß nicht, ob ich ohne sie schreiben kann.«
Kitty starrt mich an, dann das Bild von Abby auf ihrem Schreibtisch.
Wieder neigt sie den Kopf, und ihr Ton wird einfühlsam.
»Du hast lange genug getrauert, Grady. So sehr es mir das Herz bricht, dir das zu sagen, aber ich glaube nicht, dass Abby zurückkommt. Sie ist fort, und du musst versuchen, nach vorne zu schauen. Das muss ich auch.« Ihre Worte tun uns beiden weh. Ich sehe die Tränen in ihren Augen, bevor sie sie wegblinzelt.
Ich will ja etwas Neues schreiben, ich weiß nur nicht, ob ich es kann nach dem, was passiert ist. Die Trauer ist ein geduldiger Dieb und raubt einem viel mehr, als die Menschen ahnen, die so etwas nie erleben mussten. Meine Frau hat einmal gesagt, dass ich nur wirklich glücklich bin, wenn ich schreibe, und ich glaube inzwischen, sie hatte damit recht, denn ich habe mich noch nie so niedergeschlagen gefühlt wie jetzt. Schriftsteller zu sein, war der beste Job der Welt, bis er es plötzlich nicht mehr war. Vielleicht ist Kittys Angebot genau das Richtige für mich, um wieder schreiben zu können.
Mir fehlen die Worte, und so sage ich einfach nur: »Danke.«
Kitty nickt, öffnet wieder ihre Schreibtischschublade und holt diesmal ein Scheckbuch heraus. Ich wusste nicht, dass es so etwas noch gibt. »Was soll das werden?«, frage ich.
»Wonach sieht es denn aus? Ich stelle dir einen Scheck aus, damit du dir eine neue Jacke mit Knöpfen kaufen kannst, die nicht abfallen. In den Highlands kann es um diese Jahreszeit ziemlich frisch werden. Außerdem will ich sichergehen, dass du genug Geld hast, um dich und Columbo zu ernähren.« Sie unterschreibt den Scheck und schiebt ihn über den Schreibtisch. Es ist ein sehr großzügiger Betrag, aus eigener Tasche. »Du kannst es mir zurückzahlen, wenn wir das nächste Buch verkaufen. Ich schicke dir alle Details zu Amberly und eine Wegbeschreibung zur Hütte per E-Mail. Und jetzt verschwinde aus meinem Büro!«, sagt sie mit einem Augenzwinkern.
Ich bin vierzig Jahre alt, aber mir stehen die Tränen in den Augen. »Vielen, vielen Dank, wirklich!«
»Erfolg ist oft das Ergebnis einer Reihe von Misserfolgen. Vergiss das nicht! Erfolg lehrt einen nichts, Misserfolge lehren einen alles über einen Menschen, vor allem über einen selbst. Ich glaube an dich«, sagt Kitty.
Es macht mich glücklich, das aus ihrem Mund zu hören.
Es macht mich aber auch traurig, weil es nicht nötig sein sollte, dass sie es sagt.
Keine andere Wahl
Das Leben wirft für mich immer wieder eine Frage auf: Kann man es in irgendeiner Weise positiv sehen, wenn man alles verliert? Darüber denke ich oft nach. Wenn man zu viel Zeit hat, entwickeln Gedanken ihr Eigenleben. Man denkt zu viel über die Dinge nach, von denen man glaubt, dass man sich darüber Sorgen machen muss, und zu wenig über die Dinge, über die man sich wirklich Gedanken machen sollte. Das einzig Gute daran, alles zu verlieren, ist, dass man nichts mehr zu verlieren hat.
Ich checke aus dem schlimmsten Hotel der Welt aus und packe zwei Koffer mit Kleidung, Vorräten und Büchern. Ich packe alles ein, was ich für einen dreimonatigen Aufenthalt auf einer abgelegenen schottischen Insel brauchen könnte. Dann schnappe ich mir Columbo, und wir machen uns auf den Weg, um ein neues Kapitel in meinem Leben aufzuschlagen. Ich hoffe, dass es glücklicher wird als das letzte.
Von London nach Schottland sind es zehn Autostunden. Abgesehen von den notwendigen Boxenstopps fahre ich die meiste Zeit auf der Überholspur. Mein Mini ist alt und hat schon bessere Tage gesehen, aber er tut’s noch. Die meiste Zeit. So wie ich.
Kurz hinter Glasgow wird die Aussicht durch meine Windschutzscheibe plötzlich atemberaubend. Wälder in allen Grünschattierungen, so weit das Auge reicht, riesige glitzernde Seen und dann auch noch schneebedeckte Berge. Meine müden Augen sind auf einmal wach und kommen aus dem Staunen nicht heraus. Alles in meinem Blickfeld ist mit einem Mal so viel größer, weitläufiger. Es gibt unendlich viel unberührte Landschaft, die Welt dehnt sich aus, aber vielleicht fühle ich mich auch nur kleiner.
Ein paar Stunden später – ich habe Glencoe und Fort William hinter mir gelassen und sauge immer noch alles in mich auf – wird mir klar, dass ich schon seit Jahren nicht mehr viel von der Welt gesehen habe. Ich habe mich von der Realität abgeschottet und mich nur aufs Schreiben konzentriert, als ich noch schreiben konnte, aber ich habe nicht wirklich gelebt. Ich existierte nur in meinem eigenen Kopf. Und dann habe ich um alles getrauert, was ich verloren habe. Nicht nur um meine Frau. In den letzten zehn Jahren habe ich meine Beziehungen zu realen Menschen vernachlässigt, während ich wie besessen war von den fiktiven. Meine Arbeit wurde mein Ein und Alles. Ich ignorierte Einladungen und die meisten Anrufe, SMS und E-Mails, weil ich immer zu sehr damit beschäftigt war, die reale Welt wegzuschreiben. Und solange ich Abby hatte, brauchte ich niemanden sonst.
Die Erkenntnis versetzt mir einen ziemlichen Dämpfer, und die Liste in meinem Kopf mit Dingen, die ich bereue, wird noch länger. Während ich weiter ehrfürchtig die grenzenlose Schönheit draußen betrachte, lasse ich diesen reumütigen Moment passieren. Ich halte nicht an, auch wenn mir danach ist. Ich habe keine Zeit. Die Fähre zur Isle of Amberly verkehrt nur zweimal pro Woche, und ich möchte die nächste Überfahrt nicht verpassen. Nach allem, was ich im Internet gelesen habe, kann man Tickets nicht im Voraus buchen, sondern nur auf dem Schiff lösen. Auf den wenigen Bildern, die ich von der Insel gefunden habe, sieht sie noch atemberaubender aus als alles, was ich bis jetzt unterwegs gesehen habe, und so hoffe ich, dass sich dieser epische Roadtrip lohnt.
Als Columbo und ich schließlich spät in der Nacht am Ziel sind, spiegelt sich der tiefschwarze Himmel im mondbeschienenen Meer in einer mir unbekannten Bucht. Das Navi scheint zu glauben, dass es uns erfolgreich zum »Fährterminal« geführt hat, der eher wie ein Buswartehäuschen vor einem wackligen Anlegesteg aussieht. Hier gibt es buchstäblich nichts und niemanden sonst.
Als ich aussteige, schlägt mir die eisige Luft entgegen. Ich strecke die müden Glieder, mache nach dem stundenlangen Sitzen in derselben Position ein paar Lockerungsübungen und lasse den Hund raus, damit er das Gleiche tun kann. Das Einzige, was mir bestätigt, dass ich am richtigen Ort bin, ist ein handgeschriebenes Schild mit der Aufschrift AMBERLYFÄHRE und den Abfahrtszeiten darunter. Diese lauten jedoch ganz anders als der Fahrplan im Internet, und die nächste Fähre geht erst morgen früh. Ich checke mein Handy und stelle fest, dass ich hier keinen Empfang habe. Es gibt keine Menschenseele weit und breit, keine Häuser, nur einen endlosen, einsamen Küstenstreifen. Columbo schaut ungerührt zu mir auf.
»Tut mir leid, Kumpel. Wie’s aussieht, schlafen wir im Wagen.«
Am nächsten Morgen werden wir vom Kreischen der Möwen geweckt. Ich habe kaum geschlafen und fühle mich völlig erschlagen, aber als ich die Augen öffne, begrüßt mich ein spektakulärer Sonnenaufgang. Der Himmel hat die Farbe von Preiselbeersaft, hingegossen über eine weiße Sandbucht wie in einem wunderschönen Gemälde. Bei unserer Ankunft gestern Abend war es so dunkel, dass ich nicht ahnte, was mich erwartet, aber jetzt kann ich die raue Landschaft mit dem lilafarbenen Heidekraut auf der einen Straßenseite und die endlose, unberührte Küste auf der anderen sehen. In der Ferne zeichnen sich die Umrisse einer kleinen Insel am Horizont ab – mein erster Blick auf Amberly.
Außer uns warten noch zwei weitere Autos und ein schwarzer Lieferwagen mit einem eigenwilligen Highland-Rind-Logo an der Anlegestelle. Entgegen dem Fahrplan ist immer noch keine Fähre zu sehen, und erst jetzt stelle ich fest, dass es keine Angaben zur Rückfahrt gibt; alle angegebenen Zeiten gelten nur für die Hinfahrt. Da sich das Warten wohl noch hinziehen wird, mache ich mit Columbo einen kurzen Spaziergang am Strand. Der Rückenwind treibt mich sanft vorwärts und zerzaust mir das Haar. Ich atme die Meeresluft tief ein und schmecke das Salz auf meiner Zunge.
Die Sonne ist schneller wach als ich. Ihr goldgelber Schein tanzt auf der Wasseroberfläche wie ein schimmernder Weg vom Festland nach Amberly. Mit dem wolkenlosen blauen Himmel, dem ruhigen Wasser und dem perfekten weißen Sand sieht dieser Ort mehr nach Karibik als nach schottischen Highlands aus. Doch die Kälte, die mir unter die Kleidung kriecht, passt zu meinem tatsächlichen Aufenthaltsort, und die Luft ist frisch und klar im Vergleich zu London. Sie schmeckt unverschmutzt. Ich tanke meine Lungen voll, fühle mich wach und lebendig und bin aufgeregt, dass dies hier vielleicht eine zweite Chance für mich bedeuten könnte.
Das Meeresrauschen ist hypnotisierend und erinnert mich an unser früheres Zuhause. Unser altes »Nicht-für-immer-Zuhause«. Und ich denke wieder an jene Nacht, an das Geräusch des Regens und der Wellen, die an die Felsen unterhalb der Küstenstraße schlugen, an das letzte Mal, das ich ihre Stimme hörte. Meine Frau schleicht sich immer noch ständig in meine Gedanken. Auch jetzt.
Die Erinnerungen an unsere erste Begegnung spulen sich vor mir ab wie eine Szene aus einem Lieblingsfilm, und ich frage mich, ob sie im Lauf der Zeit in meinem Kopf bedeutungsvoller geworden ist, als sie es tatsächlich war. Natürlich denken manche, sie hätte mich einfach verlassen, als sie verschwand. Aber selbst wenn sie sich wirklich von mir trennen wollte, hätte sie niemals etwas so Dramatisches inszeniert. Abby ist nicht so.
Ich versuche, meine Gefühle wieder in den hintersten Winkel meines Kopfes zu verbannen, so wie ich es immer tue. Doch irgendwie schaffen sie es immer wieder, sich nach vorne zu drängen.
Auf unserem Spaziergang rennt Columbo hin und her, wirbelt Sand auf und verjagt die Möwen. Ich hebe einen glatten dunkelgrauen Stein auf und werfe ihn flach über die Meeresoberfläche. Er titscht dreimal auf, bevor er verschwindet, und der Hund rennt ihm ins seichte Wasser hinterher. Er jagt etwas, das er nie finden wird, aber dieses Problem haben viele Menschen.
Ich drehe mich um und sehe, wie sich in der Ferne ein alter Volvo mit einem Pferdeanhänger in die Fahrzeugschlange einreiht. Eine Klappe öffnet sich, und der Pferdeanhänger verwandelt sich in einen kleinen Imbisswagen. Als mir die Essensdüfte in die Nase steigen, knurrt mir unwillkürlich der Magen. In letzter Zeit hatte ich keinen großen Appetit, aber in diesem Moment habe ich plötzlich einen Bärenhunger.
»Komm, Columbo! Das Frühstück ist serviert.«
Zurück im Auto, einen Becher Kaffee und ein Schinkensandwich in der Hand, während sich der Hund über ein Würstchen hermacht, starre ich auf das Meer hinaus. Es ist nicht mehr so ruhig, und der eben noch makellos blaue Himmel ist nun grau. Die Fähre hätte vor einer halben Stunde da sein sollen, aber am Horizont erkenne ich nur etwas, das wie ein altes Fischerboot aussieht. Die anderen Fahrer lassen den Motor an, während es sich der Anlegestelle nähert, und mir wird ein wenig flau, als ich den Namen an der Seite lese: AMBERLYFÄHRE. Für eine Fähre ist dieses Boot winzig. Sie erinnert mich an eine Fisher-Price-Spielzeugfähre, die ich als Kind besaß und die nur Platz für zwei Plastikautos bot. Zugegeben, etwas größer ist die hier schon, aber so alt und rostig, wie sie außerdem ist, grenzt es schon an ein Wunder, dass sie überhaupt noch schwimmt.
Die anderen Fahrer – die das wohl nicht zum ersten Mal machen – fahren in einer geordneten Reihe an den alten Anlegesteg heran. Der Anblick erinnert mich an eine Szene aus Der weiße Hai. Noch bevor ich es geschafft habe, mich anzuschnallen und den Motor anzulassen, fahren die anderen schon auf das Boot. Vorne steht jemand und schaut in jedes Fahrzeug hinein, bevor er es auf das Schiff lässt, als suchte er nach blinden Passagieren. Der Statur und Kleidung nach zu urteilen – verblichene, ausgebeulte Jeans und eine riesige gelbe Jacke, die aussieht, als diente sie im Notfall als Rettungsboot – ist die Person ein Mann. Aber als sie auf meinen Mini zukommt, erkenne ich, dass es eine sehr große Frau ist. Sie ist gut zwanzig Jahre älter als ich und hat ihr glänzendes schwarzes Haar zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden.
Ich lasse mein Fenster herunter.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragt sie mit einem schweren schottischen Akzent.
»Das will ich hoffen. Ich möchte nach Amberly.«
Sie starrt mich lange an, als hätte ich mich entweder nicht verständlich ausgedrückt oder als wäre ich unverzeihlich dumm.
»Tut mir leid, da kann ich Ihnen nicht helfen. Es ist außerhalb der Saison.«
Ich erwidere ihren Blick. »Was soll das heißen?«
»Es bedeutet, dass die Insel dem Isle of Amberly Trust gehört. Sie ist das Zuhause von Tausenden von geschützten Bäumen und einer Gemeinde von gerade einmal fünfundzwanzig Seelen. Besucher sind nur von Mai bis Juli auf der Insel erlaubt. Selbst wenn ich Sie an Bord lassen könnte – was ich nicht kann –, gäbe es keine Unterkunft für Sie, und Sie hätten auch tagelang keine Möglichkeit, wieder zurückzukommen …«
»Aber ich wurde eingeladen«, beharre ich, »drei Monate hierzubleiben.«
Ihre ungeschminkten Augen verengen sich misstrauisch zu Schlitzen. »Von wem?«
»Kitty Goldman. Ihr gehört dort eine Hütte.«
Sie schüttelt den Kopf. »Den Namen höre ich zum ersten Mal, und ich habe mein ganzes Leben auf Amberly verbracht.«
»Kitty hat sie von Charles Whittaker geerbt.«
Die außergewöhnlich große Frau macht einen Schritt zurück. Sie blickt sich zu der Insel in der Ferne um, bevor sie mein Gesicht mustert, und ihre Miene ist schwer zu lesen. Dann lächelt sie.
»Charlys schöne alte Schreibhütte? Wie schön für Sie! Nun, dann packen Sie mal Ihre Sachen aus und gehen Sie an Bord. Ihr Auto ist hier zumindest für ein Weilchen sicher.«
»Kann ich nicht mit dem Wagen auf die Fähre? Es macht mir nichts aus, extra zu bezahlen. Platz gibt es ja offensichtlich noch.«
»Besucher dürfen keine Fahrzeuge mit auf die Insel nehmen.«
»Wie bitte? Aber ich habe doch meine ganzen Sachen …«
Sie runzelt missbilligend die Stirn. Ich sehe mich selbst mit ihren Augen und versuche es noch einmal. Ich bin auf die Hilfe dieser Frau angewiesen.
»Es tut mir leid. Ich habe eine lange Reise hinter mir …«
»Haben wir das nicht alle?«, unterbricht sie mich, als hätte ich schon zu viel von ihrer Zeit in Anspruch genommen. »Nehmen Sie so viel mit, wie Sie tragen können, oder bleiben Sie hier. Vorschriften sind Vorschriften, und ich befürchte, Sie haben keine andere Wahl.« Keine andere Wahl. »Wie ich schon sagte, Ihr Auto steht hier sicher. Es liegt ganz bei Ihnen. Sie haben so lange Zeit, sich zu entscheiden, bis ich mir vom Imbisswagen ein Schinkensandwich geholt habe«, sagt sie und lässt mich stehen.
Ich war schon immer eher schlecht darin, schnelle Entscheidungen zu treffen, aber die hier fällt mir leicht. Ich fahre das Auto zurück und parke es an der Stelle, an der wir geschlafen haben. Dann schnappe ich mir einen Rucksack mit Columbos Futter und anderem Kram, einen Koffer mit meinen Sachen und hänge mir die Tasche mit meinem Laptop und den Notizblöcken über die Schulter. Mehr kann ich nicht mitnehmen, auch nicht den Beutel mit den Lebensmitteln, die ich eingepackt habe. Ich stopfe lediglich eine Packung Schokoriegel in meine Jackentasche. Das muss erst einmal reichen. Ich schließe das Auto ab, eile zum Boot, und Columbo trottet neben mir her, als die Fährfrau mit ihrem Frühstück zurückkommt. Als sie herzhaft in ihr Sandwich beißt, quillt Ketchup heraus und landet auf ihrem Kinn. Sie flucht, wischt es sich mit einer Serviette ab, und der Fleck auf dem weißen Papier sieht aus wie Blut.
»Haben Sie sich entschieden?«, fragt sie, und ich nicke. »Dann willkommen an Bord«, sagt sie grinsend, bevor sie einen weiteren Bissen nimmt.
Die Möwen, die über der Fähre kreisen, schlagen mit den schmutzig weißen Flügeln und stoßen heisere Schreie aus, als hätten sie etwas dagegen, dass wir vom Steg ablegen. Ihre ausgebreiteten Flügel werfen ihre Schatten auf das Deck, und als ich zu ihnen aufblicke, sehe ich ihre blutroten Schnabelspitzen. Sie stoßen im Sturzflug herab, sodass ich mich unwillkürlich ducke, und ihre hässlichen Schreie klingen fast wie eine Warnung:
Hau ab! Hau ab! Hau ab!
Ich bin sicher, dass mir die Erschöpfung und meine Fantasie einen Streich spielen.
Die Vögel folgen uns nicht lange, sondern kehren bald wieder in Richtung Festland um, als die Fähre ablegt und langsam aus der Bucht tuckert.
Die Sonne ist inzwischen aufgegangen, und alles erstrahlt in Azurblau. Es ist schwer zu sagen, wo das Meer aufhört und der Himmel beginnt. Das Meer um die Hebriden ist rau, und die anderen Passagiere bleiben alle in ihren Fahrzeugen sitzen. Für Columbo und mich ist das keine Option. Wir machen uns auf den Weg zum Bug, wo ich mein Gepäck auf einer Metallbank auf dem offenen Deck ablade und mich daneben setze. Es ist kalt, und ab und zu werden wir von der Gischt geduscht, aber der Blick auf die Isle of Amberly entschädigt mich dafür. Mit dem weißen Sand und dem türkisfarbenen Meer erscheint die winzige Insel mir wie eine Fata Morgana, und ich fühle mich wie in einem Traum. Eine Gruppe Delfine springt aus den Wellen neben der Fähre, als begleiteten sie uns auf unserer Reise, und ein ungewohntes Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus.
Auch wenn der Start dieses Abenteuers holprig war, so schön ist dieser Moment, und zum ersten Mal seit langer Zeit verspüre ich einen Funken Hoffnung. Vielleicht hatte Kitty recht, und das hier ist der Neuanfang, den ich so dringend brauche, die zweite Chance, mein Leben und meine Karriere wieder auf Kurs zu bringen. Meine Agentin hat fast immer recht.
Ich blicke mich auf dem Deck um und frage mich, ob noch jemand die Delfine bemerkt hat, und da sehe ich sie. Sie trägt denselben leuchtend roten Mantel, den sie vor einem Jahr in der Nacht ihres Verschwindens trug. Sie steht am Heck des Bootes und starrt mich an. Ich zittere, nicht nur vor Kälte, und die Zeit steht für einen Moment still.
Columbo bellt, der Bann ist gebrochen. Ich senke den Blick, um zu sehen, was er anbellt, und es zeigt sich, dass er in dieselbe Richtung wie ich geschaut hat – zu ihr. Aber als ich mich umdrehe, ist sie weg. Es ging alles so schnell, dass es mir vorkommt, als hätte ich es mir nur eingebildet, doch die Frau, die ich eben gesehen habe, war das Ebenbild meiner vermissten Frau.
Unheimlich gut
Hier stehe ich nun und zweifle einmal mehr an mir selbst. Früher war ich gut darin, Menschen zu lesen, aber in letzter Zeit traue ich meinem eigenen Urteilsvermögen nicht mehr. Ich traue nicht einmal meinen eigenen Augen. Die Schlaflosigkeit führt manchmal dazu, dass meine Wirklichkeit verschwimmt, aber die Frau sah wirklich wie Abby aus.
Ich schnappe mir die Taschen und Columbos Leine und eile zwischen den geparkten Autos hindurch zum Bootsheck. Durch die schaukelnde Bewegung verliere ich das Gleichgewicht und halte mich an einem schmutzigen Geländer fest. Als ich aufschaue, ist die Frau, die ich eben gesehen habe, immer noch nicht wieder aufgetaucht. Falls sie überhaupt jemals da war. Wenn man jemanden verliert, den man liebt, sieht man die Person überall.
Sie wirkte so echt. Ich drehe mich um und laufe erneut zwischen den Autos hindurch, um in jedes Fenster zu blicken. Ich mustere jedes Gesicht, aber keins darunter ist ihres. In dem schwarzen Lieferwagen mit den getönten Scheiben ist kaum etwas zu erkennen, daher trete ich zurück und komme mir furchtbar dämlich vor.
Vor Erschöpfung, Trauer und Ratlosigkeit habe ich offenbar angefangen zu halluzinieren. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, die weite Strecke nach Schottland zu fahren und eine Nacht im Auto zu schlafen, wo ich schon vorher so übermüdet war. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie es ist, sich nicht völlig kaputt zu fühlen. Am Boden zerstört. Und allein. Ich rede mir ein, dass es eine Halluzination gewesen sein muss. Es ist nun mal eine menschliche Schwäche zu sehen, was wir sehen wollen, statt uns der Wirklichkeit zu stellen.
Meine Gedanken wandern zu einer Erinnerung an ein anderes Boot, auf dem wir einmal zusammen waren. Es muss fast zehn Jahre her sein, aber ich erinnere mich noch ganz genau an jenen Tag. Ich hatte eine Kreuzfahrt für drei Nächte an der dalmatinischen Küste als Überraschungsgeschenk zum Hochzeitstag gebucht. Wir gingen in Kroatien an Bord, und trotz eines Buchungsfehlers, der uns leider eine Kabine mit zwei Einzelbetten bescherte, sollte es ein romantischer Ausflug werden.
Kurz nach unserer Ankunft dort schickte mich Abby zur Bar, um Getränke für uns zu holen. Als ich mit ein paar überteuerten Cocktails in unsere winzige Kabine zurückkehrte, hörte ich von drinnen Musik, die vertrauten Klänge von Nina Simone. Ich öffnete die Tür und sah Abby zu »Feeling Good« tanzen, mit langsamen Bewegungen, die zugleich komisch und sexy waren. Sie hatte mir den Rücken zugewandt und mich vielleicht nicht kommen gehört. Während sie den Text mitsang, wiegte sie die Hüften im Takt der Musik. Sie trug nur sehr kurze weiße Shorts und ihren BH, und ich erinnere mich noch, wie die weiße Spitze auf ihrer gebräunten Haut leuchtete.
Schließlich drehte sie sich zu mir um und lächelte, und ich erinnere mich an ihre Augen. Ich sehe ständig ihre Augen vor mir. In meinem ganzen Leben ist mir niemand sonst mit so blauen Augen begegnet. Man hat bei ihnen das Gefühl, in einen Ozean zu blicken und darin zu ertrinken.
»Da bist du ja«, sagte sie, als ich die Drinks auf den Nachttisch stellte.
»Da bin ich.«
»Ich hoffe, du stirbst mal im Schlaf.«
Ich blickte auf und dachte, ich hätte mich vielleicht verhört. »Wie bitte?«
»Ich hoffe, du stirbst mal im Schlaf. Ich hab in letzter Zeit viel darüber nachgedacht – über den Tod –, und das ist sicher die beste Art zu gehen. Wenn du jemanden wirklich liebst, würdest du wollen, dass er so stirbt, und ich liebe dich mehr als alles auf der Welt. Also hoffe ich, dass du mal im Schlaf stirbst.«
Von da an sagten wir uns das jeden Abend beim Zubettgehen.
Ich hoffe, du stirbst mal im Schlaf – das war unsere Art, zueinander Ich liebe dich zu sagen.
»Und weil ich dich so sehr liebe, habe ich dir etwas für diese Reise mitgebracht.« Sie holte eine weiße Kapitänsmütze hervor und setzte sie mir auf den Kopf, bevor sie mir die Arme um den Hals schlang und sich an mich drückte. »Du bist mein Captain«, flüsterte sie und zog den Reißverschluss meiner Jeans auf. Ihre Hand sorgte schnell dafür, dass ich hart wurde, doch dann hielt sie inne und sah zu den Einzelbetten hinüber. »Möchtest du mich lieber backbord oder steuerbord nehmen, Captain?«
An diesem Nachmittag nutzten wir jede Fläche der Kabine aus, um uns darauf zu lieben. Ich ließ mir Zeit und gab ihr, was sie wollte. Es macht mich immer wahnsinnig an, sie zu befriedigen. Dann war ich an der Reihe. Das war der einzige gute Teil dieser Reise. Kaum fuhren wir los, sagte sie, dass sie seekrank sei, und verließ anschließend drei Tage lang die Kabine nicht mehr. Sie gab es nicht zu, aber es machte ihr offenbar Angst, auf offener See zu sein. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, die Kreuzfahrt überhaupt gebucht zu haben, auch wenn ich von ihren Problemen nichts geahnt hatte. Seit diesem Urlaub machten wir jedoch um Schiffe immer einen großen Bogen. Ich kenne meine Frau gut genug, um zu wissen, dass sie niemals einen Fuß auf eine rostige alte Fähre wie diese setzen würde, und so habe ich mir offensichtlich eingebildet, sie zu sehen. Es wäre nicht das erste Mal.
Ich bin beladen mit traurigen Erinnerungen, meinem ganzen Gepäck und einem wachsenden Unbehagen, doch es lohnt sich nicht, auf meinen Platz zurückzukehren. Die Fähre nähert sich zügig einem weiteren hölzernen Pier. Die Isle of Amberly, die eben noch nur ein Fleck am Horizont war, ist jetzt fast zum Greifen nah. Ich bin mir nicht sicher, was ich erwartet habe – das hier jedenfalls nicht.
Bevor ich meine Sachen packte und die Reise antrat, habe ich über die Insel im Internet recherchiert, aber nicht viel herausgefunden. Beim ersten Blick auf die Karte fiel mir auf, dass die Insel wie ein gebrochenes Herz geformt ist. Ein zerklüfteter Grat mit hoch aufragenden Granitspitzen scheint die eine Hälfte von der anderen zu trennen. Die Insel liegt gut fünfzehn Kilometer vor der schottischen Westküste und ist winzig klein, nur zehn Kilometer lang und acht breit. Im Internet habe ich zwar einige Bilder von einer urwüchsigen Landschaft mit felsigen Hügeln und dichten Wäldern mit unglaublich hohen Bäumen gesehen, aber keines davon wurde der Wirklichkeit dieses Ortes auch nur annähernd gerecht. Es ist spektakulärer als alles, was ich je gesehen habe.
Diese Seite der Insel ist bedeckt von einem Teppich aus saftig grünem Gras mit einem ungleichmäßigen Gitterwerk aus Steinmauern. In der Ferne schimmert ein Loch, ein schottischer See, inmitten sanft gewellter Hügel mit leuchtend violettem Heidekraut, eingerahmt von einsamen weißen Sandstränden. Ich sehe weder Häuser noch Menschen, sondern nur unberührte Schönheit.
