Nekrophagus - Norman Nufer - E-Book

Nekrophagus E-Book

Norman Nufer

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Beschreibung

Zeduri Pace. Eine forensische Psychiatrie mitten in der verwunschenen Berglandschaft der Karpaten. Der siebenundzwanzigjährige Melvin Aronovski sitzt hier seine langjährige Freiheitsstrafe ab und steht kurz vor der Entlassung. Vor zwanzig Jahren wurde er Zeuge des brutalen Doppelmordes an seinen Eltern und konnte dem Killer damals entkommen. Dieses traumatische Erlebnis prägte sein selbstzerstörerisches Leben nachhaltig bis zum heutigen Tag. Erneut versetzt eine mordende Bestie die Gegend in Angst und hinterlässt eine Blutspur in den umliegenden finsteren Wäldern. Melvin ist sich sicher, dass dies nur einer sein kann: der damalige Mörder seiner Eltern. Entgegen aller Vernunft und Warnungen wird Melvin seit seiner Kindheit von diesem einen Wunsch angetrieben, den Killer seiner Eltern zu finden, denn hier geht es mehr als nur um Genugtuung und Rache. Schon sehr bald befindet er sich in dem Bann des Monsters. Die Jagd beginnt.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für Gerhard

Erzählen Sie weiter, Melvin«, fordert ihn Frau Doktor Tondra auf. Doch sein Blick geht durch das vergitterte Fenster, hinauf zum aschgrauen Himmel, der sich durch die Blätter und Äste unaufdringlich abzeichnet.

Frau Doktor Tondra, die ihm gegenübersitzt, spricht Melvin erneut an, wohl in der Hoffnung, er würde mit seiner Geschichte fortfahren. Seine Gedanken und Erinnerungen verlieren sich, lösen sich auf und finden sich wieder zusammen, während er die Baumzweige anstarrt, die im Wind wie Tentakeln um sich greifen.

Der tief vergrabene Sarg der Erinnerungen legt sich langsam frei und öffnet seinen Deckel, zeigt seine Innereien, die grausamer und dunkler sind als jeder Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Die Erinnerungen flackern auf.

Der August brannte rot an jenem Sommertag vor zwanzig Jahren. Die Kornfelder schimmerten in einem glänzenden Rostbraun, welches an getrocknetes Blut erinnerte. Die Schmeißfliegen kamen plötzlich in Scharen und saßen lauernd draußen auf der Fensterbank, als wollten sie ihn in den Wald locken und ihm das Grauen zeigen, welches er später dort draußen vorfinden würde.

»Möchten Sie nun weiter darüber reden?« Frau Dr. Tondra beugt sich nach vorne und löst Melvin aus seinen Gedanken.

Er bleibt mit dem Blick Richtung Fenster, die Vergangenheit spult sich im Kopf ab und hinterlässt Spuren wie geschliffener, rasiermesserscharfer Stacheldraht.

Melvin stößt einen tiefen Seufzer aus. Sein abgemagertes Gesicht verzerrt zu einer leidvollen Fassade, hinter der der alte Schmerz wie ein Höllenfeuer lodert.

Kurz treffen sich ihre Blicke. Dann schaut er wieder hinaus in die aufkommende Dunkelheit und fährt mit seiner Erzählung fort.

»Ich war sieben Jahre alt. Wir wohnten noch nicht lange dort. Es war der dritte Sommer in unserem neuen Zuhause.«

»Haben Sie sich dort wohlgefühlt?«

»Das weiß ich nicht mehr genau. Aber dieser Ort - und auch dieses Haus, hinter dem sich das weite Maisfeld mit einem angrenzenden Waldstück befand - hatte irgendwie etwas Bedrohliches.«

»Bedrohliches?«

»Das Haus mündete an die Friedhofsmauer und es war ein besonders altes Gemäuer. Mein Vater und meine Mutter waren angetan, da sie endlich aus der Stadt aufs Land konnten und diese Einsamkeit in dem Haus genießen konnten. Es lag weit abseits von Monastrea, dem nächsten Dorf, und war nur über einen schmalen asphaltierten Feldweg zu erreichen. Direkt daneben lag halt der alte Friedhof von Monastrea. Mein Vater ging oft mit mir ins Waldstück hinter unserem Haus, zum Holz- und zum Pilzesammeln oder zum Kräuterpflücken, die uns dann abends Mutter zubereitete.«

»Sie hatten ihren Vater bestimmt sehr lieb?«, unterbricht Dr. Tondra.

Melvin nimmt den Blick vom Fenster und schaut ihr streng entgegen. »Was ist das für eine Frage, Frau Doktor. Natürlich hatte ich das.« Ehe sich die Psychologin entschuldigen kann, fährt Melvin fort. »Oft spielte ich allein in dem Waldstück, was meinen Eltern weniger gefiel.«

»Sie waren ein kleiner Junge«, sagt Frau Dr. Tondra mit einem zurückhaltenden Lächeln, welches Melvin nicht erwidert.

»Nun, eines Tages entdeckte ich Fußspuren auf dem torfigen Waldboden. Spuren, die nicht von uns waren. Und andere Leute habe ich in diesem abgelegenen Waldstück hinter unserem Haus nie gesehen.«

»Haben Sie Ihre Eltern darauf angesprochen?«

»Kann mich nicht daran erinnern. Aber es waren eindeutig große Fußabdrücke von einem Stiefel, das weiß ich. Einen Tag bevor das Grauen passierte, entdeckte ich noch etwas.«

Dr. Tondra verzieht das Gesicht und lehnt sich nach vorne.

»An einigen Bäumen entdeckte ich eingeschnitzte Symbole, die ich vorher nie gesehen hatte.«

»Was für Symbole, Melvin?«

»Eine Art Pentagramm, dessen Schenkel aber unterschiedlich lang waren. In der Mitte war ein Zeichen, eine Art Symbol eingeschnitzt. Es war der siebenundzwanzigste August. Alles schien an diesem Tag gewöhnlich, bis auf mein Gefühl, das von Panik und Angst beherrscht war, und das schon, bevor ich die Spuren draußen im Wald entdeckte. Ich schaute mit meinen Eltern Fernsehen, bevor mein Vater mich zu Bett brachte. Meine Mutter war Krankenschwester und hatte ihren letzten Arbeitstag. Mein Vater hatte ein paar Ortschaften weiter einen neuen Job bekommen. Er hatte sich freigenommen und wollte am folgenden Tag wandern gehen und zum Mittagessen wieder zurück sein. Eigentlich sollte ich mitgehen, aber ich blieb zu Hause, was wohl auch das Beste war und mein Leben gerettet hat.«

Melvin sieht in Dr. Tondras Augen die Einkehr der Angst und des Bösen, welches von der alten Geschichte entfesselt wird und von ihr Besitz ergreifen will. Sie legt ihre feuchten Hände ineinander und versucht wohl damit vergebens, ihre aufkommende Nervosität zu verbergen.

Er hebt seinen Kopf in den Nacken und schaut zur Decke. »Es war ein ungewöhnlich heißer Tag. Die Augustsonne brannte blutrot und die Kornfelder schienen in Flammen zu stehen und knisterten vor Hitze. Der Mais hing leblos an der Pflanze. Die Luft war schwer. Tage zuvor hatte es unaufhörlich geregnet. Es war seltsam, dass zu diesem Zeitpunkt noch alle Felder in Ernte standen und das Korn und der Mais noch nicht abgeerntet worden waren. Aber das hatte einen Grund. Es war der erste Tag nach dem Regen. Wochenlang hatte es Sturzbäche geschüttet. Das Maisfeld hinter unserem Haus war bedrohlich hoch und der Weizen faulte vor sich hin. Wir warteten ungefähr eine Stunde bis zum Sonnenuntergang und wollten dann hinaus, um Vater zu suchen. Ich stand oben an meinem Fenster und schaute auf die Felder, auf das Grün des kleinen Waldgebietes. Dieser eine Tag, der meine Seele ermordete und mich mit in die Hölle nahm.«

»Ganz ruhig, Melvin, ich weiß, wie schwer das für Sie ist, darüber zu reden.«

Melvins neigt den Kopf und demonstriert damit, dass Frau Doktor nicht den Hauch einer Vorstellung hat, was in seinem Inneren vor sich geht.

»Mein Vater war in den frühen Morgenstunden rausgegangen und kam nicht mehr zurück. Ungewöhnlich für ihn, dass er zum Nachmittag nicht zurückgekommen war. Wahrscheinlich hatte er sich entschlossen, seinen Spaziergang zu verlängern, und würde pünktlich zum Abendessen da sein, dachten wir uns. Ich stand am Küchenfenster, während meine Mutter neben mir den Abwasch machte und sich damit wohl von den Sorgen ablenken wollte. Sie erhaschte hin und wieder einen Blick auf die Uhr über dem Küchenschrank und in mir stieg die Angst auf, wo Vater so lange blieb.«

Für einen Moment hält er inne. »Er wird sicher vor Sonnenuntergang zurück sein«, beruhigte mich Mutter, kam zu mir an die Fensterbank, hielt meine Hand und schaute hinaus Richtung Wald. Immer wieder wurde mein Blick von den metallenen Schmeißfliegen eingefangen, welche auf dem verblichenen Plastik der Fensterbank herumkrabbelten, auf der Suche nach Fleisch, und erweckten eine tiefe Angst in mir. An jenem Tag waren sie die Vorboten, dass das Böse seinen Weg zu uns und unserem Haus gefunden hatte.«

»Was geschah dann, Melvin?«

»Der Tag verging und der Abend näherte sich. Mutter stand mit mir hinter unserem Garten am Feldrand und schaute besorgt in die Ferne. Sie hoffte, mein Vater würde gleich aus dem Blätterdickicht der grünen Wand des Waldes kommen und die Sorgen könnten endlich verschwinden.«

»Sie waren bei Ihrer Mutter?«

»Ja, ich stand ganz nah bei ihr und hielt ihre zittrige Hand, denn ich wusste, dass dieser Tag alles Leid und Grauen dieser Erde in sich trug. Das abgrundtief Böse war unmittelbar zu uns gekommen, zu unserem verlassenen Häuschen in der Nähe der Friedhofsmauer.

Es war kurz vor Sonnenuntergang, als Mutter das Gartentor schloss und sich auf den Weg machte zu dem kleinen Birkenwald am Ende des Maisfeldes. Ich war dicht hinter ihr und ließ ihre Hand nicht los. Die blutrote Abendsonne lugte über die Baumkronen und tauchte die Felder in eine surreale Farbe und das Kornfeld wirkte wie eine rohe Fleischmasse im bizarren Licht der Abendsonne. Der Eingang in den inzwischen dunklen Wald, das schwarze Loch in der Blätterwand, hieß uns willkommen zum schlimmsten Albtraum. Grausamer, unmenschlicher als jeder hasserfüllte Vergeltungswunsch. Es war still - bis auf die Kornhalme am Waldesrand, die noch unter der Hitze knackten und knisterten, als würden Schwärme von Insekten durch die Felder streifen. Wir betraten den Wald und gingen den schmalen Pfad entlang. Die Stille wurde plötzlich abgelöst von dem rhythmischen Trommeln, welches immer näherkam, je weiter wir in den Wald gingen. Von diesem Geräusch, diesem Trommeln, werde ich heute noch aus den Träumen gerissen.«

Dr. Tondra fasst sich an den Hals und schaut fragend zu Melvin herüber, der weiter apathisch aus dem Fenster schaut.

»Das Flügelrascheln der großen Sarkophaga, welche sich an einem rohen Stück Fleisch labt.«

»Die große Sarkophaga?«

»Wir hörten das Brummen der unzähligen Fleischfliegen, je weiter und tiefer wir in das Waldstück eindrangen. Der schmale Fußpfad war von beiden Seiten von Schlingpflanzen und Brennnesseln eingenommen, die gegen meine nackten Beine peitschten. Aber ich spürte das Stechen und Brennen nicht, da ich schon längst von einer Todesangst eingenommen worden war und meine Mutter immer wieder anflehte: »Wir müssen umkehren, wir müssen umkehren.« Plötzlich hörte ich ihren grausamen Schrei, der mir durch Mark und Bein fuhr.«

»Ich verstehe nicht …« Dr. Tondra schaut irritiert zu ihm herüber.

»Sie sah meinen Vater, noch bevor ich ihn sah.«

»Verstehe.« Dr. Tondra ringt um Worte und fährt fort. »Warum … nahm Ihre Mutter Sie überhaupt mit? Obwohl sie spürte, dass etwas nicht in Ordnung war?«

»Sie hat damals wie ich gespürt, dass etwas unvorstellbar Böses in der Luft lag. Sie konnte mich nicht allein im Haus zurücklassen.«

»Warum hat sie nicht die Polizei gerufen?«

Melvin wirft Dr. Tondra einen finsteren Blick entgegen.

»Das weiß ich nicht. Und selbst wenn … Ihm ist niemand gewachsen.«

»Ihm?«

Melvins Blick verliert sich in der Dunkelheit hinter dem Fenster.

»Zudem war Vater nur einige Stunden weg, kein Grund, direkt die Polizei zu rufen.«

»Ist okay, Melvin«, beruhigt sie ihn, als er erregt die Stimme hebt.

»Nun, jedenfalls … Mutter zog mich hinter sich her, während mein Herz bis in den Kopf hämmerte und jede Zelle in meinem Körper schrie: Kehrt um.«

Melvin hört auf weiterzuerzählen und schaut zu Frau Dr. Tondra, die ihm gegenüber in der dunklen Ecke des Raumes sitzt, die Tischlampe anknipst, die den Raum in ein zartes Orange taucht.

Nervös pflückt er an seinem blutigen Nagelbett der linken Hand herum und spürt diesen eiskalten Deckmantel der Angst, der ihn umgibt, der sich wie eine toxische Wolke bis zu Dr. Tondras Ecke ausbreitet. »Melvin, bleiben Sie ganz ruhig. Erzählen Sie mir nur dann weiter, wenn Sie möchten.«

Er gibt ihr ein Handzeichen, dass er nur einen Moment braucht, und lässt apathisch seinen leeren Blick in der Dunkelheit haften.

»Der Pfad machte einen Bogen und führte leicht bergab. Als wir die Böschung umgingen, blieb meine Mutter plötzlich stehen und ich spürte ihre zuckende Hand. Ein tiefes Schluchzen, gefolgt von einem schrillen Schrei, der an ein gequältes Tier erinnerte. Sie drückte meine Hand, bis meine Knöchel knackten. Ich schaute hoch zu ihr, aber nicht nach vorne, und ich hörte das grässliche Flattern der Insekten und vernahm nun auch einen Geruch. Den Geruch von Eingeweiden und Blut. Ich sprach meine Mutter an und fing an zu weinen. Der Schock lähmte sie und sie erstarrte in einem Schrei, der so laut war, als sollte er uns beide aus diesem Albtraum aufwecken. Ich habe an diesen Moment nur noch schemenhafte Erinnerungen. Ja, manchmal glaube ich, ich hätte das alles tatsächlich nur geträumt. Ich stand hinter meiner Mutter und konnte nicht sehen, was vor uns lag, und damit auf den ersten Blick das Grauen nicht sehen.«

»Ihr Vater?«

»Er war mit den Armen über Kopf an eine Birke genagelt worden. Völlig entkleidet und in Blut getränkt. Sein Körper war eine Masse aus rohem Fleisch und hellen Knorpel- und Knochenteilen, die aus den Wunden hervortraten. Er lag mit dem Hinterkopf an den Baumstamm gelehnt. Sein Mund war offen und legte eine dunkle Höhle frei. Das ganze Gesicht war zertrümmert und faustdick angeschwollen. Ein Auge baumelte am Faden des Sehnervs an seinem Gesicht hinunter.«

Frau Dr. Tondra legt beide Hände gefaltet vor den Mund und hält den Atem an. Melvin schaut zu ihr hinüber und fährt fort. »Die Leiche war so schlimm zugerichtet, dass wir schwer erkennen konnten, ob es Vater war. Aber er war es. Dieser Mensch, der dort eines brutalen und gewaltsamen Todes gestorben war, war mein Vater. Mein Blick blieb an der blutüberströmten Leiche vor uns hängen. Es waren wohl nur wenige Sekunden, als wir dort vor Vaters Leiche standen. Wir waren in der Hölle angekommen, als wir ihn dort hängen sahen. Er muss Unvorstellbares mitgemacht haben.«

»Sie konnten wahrscheinlich nicht weglaufen, nicht fliehen bei dem schlimmen Schock.«

»Ein Schock ist untertrieben, Frau Doktor. Wir waren in dem Moment selbst zu Leichen geworden, als wir das sehen mussten. Ich wünschte mir damals sogar, mein kleines Herz sollte abrupt aufhören zu schlagen. Aber es blieb auch keine Zeit zur Flucht. Ich hörte plötzlich ein dumpfes Knirschen, das den anhaltenden Todesschrei meiner Mutter beendete. Einen kurzen Ruck spürte ich anschließend in ihrer Hand. Ich schaute hoch zu ihr und sah nur von der Seite, wie eine metallene Spitze aus ihrem Mund ragte. Ein Messer oder eine Schere. Sie sackte leblos zusammen, so als wäre eine Puppe umgestoßen worden. Und dann sah ich ihn …«

»Den Mörder?«

»Ich schaute hoch zu ihm, in diese leblosen kalten Augen, ein Abgrund, in dem ich nichts Menschliches sah. Jenseits des Vorstellbaren. Sein blasses, schmales Gesicht … Keine Regung, keine Emotion war darin zu erkennen. Diese Gleichgültigkeit in seinen blutunterlaufenen Augen spiegelte alle Grauen und Dämonen dieser Erde wider. Noch heute schaue ich in die Dunkelheit und sehe für einen kurzen Moment seine Augen aufleuchten - oder spüre, wie sein Blick mich sucht, um auch mich mit in die Hölle zu nehmen, in die er auch meine Eltern hingebracht hat.«

Weitere Worte, welche die dunklen Erinnerungen an jenen Tag vor zwanzig Jahren wiedergeben wollen, kommen nicht mehr über seine Lippen.

Hysterisches Geschrei hallt aus einem der gegenüberliegenden Zimmer in den Klinikflur und setzt auch den Schlusspunkt des Gesprächs zwischen der Psychiaterin und dem Patienten.

Melvin blickt flüchtig zu der Doktorin hinüber. »Jetzt lassen Sie mich bitte allein, Frau Doktor. Eine weitere Nacht der Angst wartet auf mich und ein weiterer Morgen, an dem ich aufwache und mich frage, ob das alles überhaupt noch Sinn macht … dieses eine Menschenleben.« Melvin lehnt sich nach vorne und knipst die Tischlampe aus und der Raum wird erfüllt von einer umgreifenden Dunkelheit.

Joan Ann Parker, spreche ich das richtig aus?« Die junge Frau lässt ihren Blick durch das geräumige Arbeitszimmer des Professors wandern, schaut über den großen Eichenholzschreibtisch zu ihrem Gegenüber und fängt seinen strengen Blick ein.

»Ganz genau, Professor Reczak«, antwortet die junge Frau, die dem Chefarzt und Klinikleiter gegenüber sitzt.

Prof. Dr. Samuel Aleksandr Reczak. Chefarzt und Leiter des Klinikums der forensischen Psychiatrie. Ein kleiner gedrungener Mann. Achtundsiebzig Jahre alt, weiße gescheitelte Haare, mit einem durchdringenden Blick hinter der fingerdicken Hornbrille. Reczak hat vom Rasieren gerötete Wangen und einen Gesichtsausdruck, als würde ihn ständig etwas beunruhigen. Er trägt Businessschuhe, die wahrscheinlich vor dreißig Jahren in Mode waren. Eine Hose mit großen Bügelfalten, dunkelblaues Hemd mit der passenden Krawatte, darüber ein Cord-Sakko und einen knielangen weißen Arztkittel.

»Sie sind Britin?«

»Ja, ich komme aus Manchester und habe dort viele Jahre als Pflegekraft und im sozialen Bereich gearbeitet.«

»Wie kommt es, dass Sie unsere Sprache so gut und akzentfrei sprechen?«

»Meine Mutter stammt aus Rumänien und so wurde ich zweisprachig erzogen. Aufgewachsen bin ich aber in England.«

Prof. Reczak nickt grummelnd mit dem Kopf und wechselt den Blick auf die Akte, die vor ihm auf dem Schreibtisch liegt.

»Okay, Sie haben ausreichende Erfahrungen mit straffälligen psychisch erkrankten Menschen, lese ich das hier richtig?« Prof. Reczak wirft Joan Ann Parker einen unmissverständlich ernsten Blick über den Rand seiner Hornbrille zu.

»Ansonsten wäre ich nicht den weiten Weg bis hierhin gekommen, Professor. Ich habe einschlägige Erfahrungen in Rehabilitationsprojekten in London als auch in den Staaten gemacht, wo ich Menschen begleitet und betreut habe, um ihnen einen guten Start in die Zivilisation zu ermöglichen.«

»Projekte nennen Sie das? Nun, ihr Menschen da drüben in der westlichen Welt habt immer solche lieblichen und modernen Ausdrücke für harte Arbeit, die einem den Schweiß ins Angesicht treibt. Bei diesen Projekten, wie Sie es nennen, da waren Sie erfolgreich?« Der Professor hebt eine seiner buschigen Augenbrauen in die Höhe.

»Es ist kein einfacher Job, das wissen wir beide, Herr Professor, aber ich habe Erfahrung und tue stets mein Bestes.«

»Wissen Sie, Frau Parker … wir sind hier nicht im gutorganisierten, strukturierten und reichen Westeuropa. Hier fehlt es an allem. Besonders aber an finanziellen Mitteln und auch an erfahrenen Mitarbeitern, deshalb haben wir eine Anfrage gestellt, um Unterstützung zu erhalten. Wir haben hier natürlich die gleichen Probleme mit Kriminalität und kranken Menschen wie alle anderen Nationen auf der Welt. Und auch wir sind daran interessiert, Menschen zu heilen und ihnen eine Sozialisierung zu ermöglichen.«

»Möchten Sie mir nun etwas zu der Person sagen, die ich betreuen soll?«

»Durchaus, aber vorweg wollte ich noch etwas zu dieser Klinik sagen.«

Verwirrt schaut Joan den Professor an. »›Klinik‹ sagten Sie?«

»Ich bevorzuge ganz bewusst den Ausdruck ›Klinik‹ und nicht ›Anstalt‹, da ich mich als Mediziner und fachkundigen Professor verstehe, der die Menschen heilen möchte. Und ich finde, das Wort ›Anstalt‹ klingt sehr … äh … verächtlich und respektlos. Ich bin kein Misanthrop, ich liebe den Menschen, und von daher bin ich bei der Wortwahl besonders pingelig.«

»Dieses Haus, diese Klinik ist wirklich ein beeindruckendes Gebäude«, sagt Joan und schaut an den eichenholzgetäfelten Wänden hoch zu den hohen Stuckdecken.

»Das ist es, Frau Parker. Das ist es. Ein uraltes Haus mit einer besonderen Geschichte. Zeduri Pace. Erbaut wurde das alte Gemäuer 1732 von einer traditionellen Adelsfamilie aus Siebenbürgen. Prachtvolle Herrenhäuser in diesem Stil findet man heute nur noch selten. Lange Zeit stand dieses Prachtstück leer, nachdem - Anfang des 19. Jahrhunderts - der letzte Nachkomme der Familie dort im hohen Alter gestorben war. Gegen Ende der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts fand das Haus eine neue Bestimmung und wurde zu einem Heim für verwaiste Kinder eingerichtet.«

»Kurz nach der Diktatur«, wirft Joan dazwischen und ein Aufflackern aus den Erzählungen ihrer Mutter lässt sie kurz erzittern.

»Ganz genau. Viele Waisenkinder, die nicht den Massenmorden zum Opfer fielen. Zahlreiche unter ihnen waren körperlich und geistig beeinträchtigt, wurden in diesem Haus untergebracht und die Heimmitarbeiter versuchten damals ihr Bestes.«

Der Professor nimmt die Brille ab und schaut für einen Augenblick über seine Schulter zu dem rauschenden Blattwerk der Kastanien vor dem Fenster. Eine bedrohliche Stille nimmt den Raum ein, und auch Joan weiß um den Schmerz, welchen die Menschen zur damaligen Zeit erleben mussten.

Der Professor setzt nach dieser kurzen Andacht wieder seine Brille auf und fährt fort. »Wissen Sie, manchmal, wenn ich hier ganz allein zur späten Stunde in meinem Arbeitszimmer sitze und es ganz still ist, bilde ich mir ein, die Schmerzensschreie der verwahrlosten und zum Teil verstümmelten Kinder des Zeduri Pace zu hören, so als würden die Kinder heute noch aus den alten Steinen des Gemäuers schreien. Es ist nun schon über dreißig Jahre her, aber die gequälten Seelen der Verstorbenen kennen keine Zeitrechnung, es ist ihnen gleichgültig, wenn sie ihre Höllenqualen nochmals zum Ausdruck bringen möchten. Damit wir Sterblichen es niemals vergessen.«

»Meine Mutter erzählte mir oft von dieser schlimmen Zeit, es muss furchtbar gewesen sein.«

»›Furchtbar‹ ist milde ausgedrückt, geehrte Frau Parker. Kinder wurden damals zum Sterben hierher gebracht. Ich war selber noch ein junger Arzt und tat in dem Haus mein Bestes, mit der Unterstützung von zwei weiteren tapferen Menschen, die alles versuchten, um diesen kleinen hilflosen Geschöpfen zu helfen. Viele schlimme Tragödien haben sich abgespielt und ich habe Furchtbares gesehen, glauben Sie mir das. Aber dennoch glaube ich, dass ein guter Geist in diesen Wänden steckt. Dies ist ein guter Ort, der nach wie vor Menschen helfen möchte.« Der ansonsten gefasste Professor reibt sich eine Träne aus seinen wässrigen Augen, räuspert sich und fährt fort. »Etwa zwanzig Jahre später habe ich dann diese forensische psychiatrische Klinik errichten lassen.«

»Ist Zeduri Pace vergleichbar mit einer Psychiatrie?«

»Wie ich bereits sagte, bin ich streng, was die Begrifflichkeit angeht. Nun, lassen Sie es mich einmal so definieren: Dies ist schon ein Maßregelvollzug, aber es ist eine alternative zum Gefängnis. Hier kommt niemand freiwillig hin, sondern es wird durch eine Zwangseinweisung eines Haftrichters angeordnet. Ich glaube, bei Ihnen im Westen nennt man das eine ›geschlossene Psychiatrie‹ - oder Irrenanstalt, so wie es viele Unbedarfte betiteln.«

»Wer kommt genau zu Ihnen, Professor?«

»Ganz einfach, Frau Parker, hier leben Männer und Frauen, die eine Straftat begangen haben und als psychisch krank gelten.«

»Und welchen Schwerpunkt haben die Menschen, die zu Ihnen kommen?«

»Es gibt keinen genauen Schwerpunkt, die Ursache kann unterschiedlicher Natur sein. Traumatisierungen verschiedenster Art, Depressionen, Bipolarität, Angststörungen, Schizophrenien oder eine Borderline Pathologie. Zu uns kommt keiner, der nur eine Bagatelle begangen hat. Viele Patienten sind wegen sexueller Übergriffe verurteilt worden, andere wegen Delikten der schweren Körperverletzung oder gar Patienten, die einen Mord begangen haben. Des Weiteren kommen Menschen zu uns, die aufgrund massiven Drogen- und Alkoholmissbrauchs straffällig geworden sind und auch massive Verwahrlosungstendenzen zeigen und sich und das Leben anderer gefährden. Aber da liegt die Ursache oft in den oben genannten Bereichen.«

»Die meisten Patienten, denen ich zur Seite stand, litten unter Schizophrenie«, antwortet Joan.

»Diese ist auch in unserem Haus die verbreitete Form der Geisteskrankheit bei den Patienten. Die meisten leiden unter diesem Krankheitsbild, bei etwa einem Drittel liegt eine sogenannte Persönlichkeitsstörung vor. Der geringere Teil der Männer und Frauen hat eine starke Intelligenzminderung, ist also geistig schwer beeinträchtigt.«

»Traumatisierung erwähnten Sie?«

Der Professor faltet die Hände ineinander, schaut konzentriert durch seine starken Brillengläser zu Joan und lässt sich etwas Zeit mit der Antwort.

»Diese sind nach meinen Forschungen und Studien die Wurzel aller menschlichen Unarten und Boshaftigkeiten. Jeder wird zu dem, was ihn geformt hat. Sogar pränatale Ereignisse können schon erheblichen Einfluss auf das bevorstehende Leben des noch nicht geborenen Menschen haben.«

»Haben alle Menschen, die hier leben, ein Recht auf Freiheit nach dem Verbüßen der Strafe?«

»Selbstverständlich. Sie werden es sehen, an dem Patienten, den Sie betreuen, auf den ich gleich noch komme. Allerdings sind wir besonders vorsichtig, da die Rückfallquote bei psychisch erkrankten Straftätern mehr als doppelt so hoch ist wie bei normalen Straftätern. Wenn es um die Entlassung geht, sind wir hier sehr vorsichtig. Gute therapeutische Arbeit muss geleistet werden. Diese leitet Frau Dr. Tondra bei uns im Haus. Sie ist eine exzellente Psychologin. Nach der Therapiephase wird ein psychiatrisches Gutachten erstellt, welches dem Richter vorgelegt wird. Er entscheidet dann über die Entlassung. Dieses Gutachten muss einwandfrei sein und dabei dürfen keine Fehldiagnosen erstellt werden. Die meisten Patienten in der Forensik werden als hochgefährlich eingestuft.«

Joan will gerade etwas sagen, als Professor Reczak sie mit einem Handzeichen stoppt.

»Noch mal zu Ihrer Frage: Straftäter, die gesundet sind, haben nach Verbüßung der Strafe ein Recht auf Freiheit und werden in einem begleiteten Programm in die Alltagswelt eingegliedert, in der sie zuerst eine Zeit in ein betreutes Wohnen untergebracht werden. Jede Klinik hat ihr eigenes Programm der Resozialisierung, unser Haus hat ein gutgegliedertes Konzept und einen Rückfall habe ich in meinen zwanzig Jahren als Klinikleiter noch nicht erfahren.«

»Die Eingliederung in das bürgerliche Leben da draußen ist ein extrem wichtiger Schritt im Heilungsprozess, das unterschätzen die meisten, Herr Professor Reczak.«

»Meine Kollegen und ich machen das nicht. Aus diesem Grund habe ich Sie den weiten Weg hergeholt, sehr geehrte Frau Parker.« Ein kurzes Lächeln zuckt über die gefassten Gesichtszüge des Klinikleiters, um sofort wieder in einen bitterernsten Ausdruck zurückzufallen. Joan würde dies auch gerne mit einem Lächeln erwidern, bleibt aber gefasst und gibt sich vor dem Professor weiterhin souverän.

Der Professor streift über seine Krawatte und richtet den Kragen seines Cordsakkos unter dem weißen Kittel. Schaut in Gedanken zu dem großen Bücherschrank zu seiner Rechten und zitiert, als würde er gerade aus einem der dicken Wälzer ablesen: »Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich bekanntlich nicht zuletzt daran, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht. Auch hier umgehe ich bewusst das Wort ›böse‹. Um der Stigmatisierung der Zwangseingewiesenen entgegenzuwirken und damit die Wiedereingliederung von Patienten zu vereinfachen, braucht es auch die Akzeptanz der Gesellschaft, psychische Störungen als das anzuerkennen, was sie sind: Krankheiten, die jeden befallen können.«

Joan beobachtet Reczak, der nun wieder seinen Blick zu ihr richtet, und sie fragt sich, ob er die gleiche Toleranz und das Verständnis hätte, wenn ein Straftäter einen Menschen aus seiner Familie bestialisch ermorden würde, so gerne sie ihm zustimmen möchte, da diese Ethik auch ein grundlegender Kern ihrer Arbeit ist.

»Melvin Aronovski heißt der junge Mann, den Sie begleiten werden.«

Joan legt eine Hand auf ihre Aktentasche, die am Stuhlbein angelehnt steht.

»Ich habe seine Akte gelesen. Siebenundzwanzig Jahre alt und seit sechs Jahren bei Ihnen untergebracht.«

»Genau. Die letzten Monate haben wir ihn auf die Entlassungsstation verlegt. Dort hat der Patient etwas mehr Freiheiten - weiterhin unter Beaufsichtigung, versteht sich. Dann wissen Sie ja alles über sein Störungsbild und sein Persönlichkeitsprofil und auch, warum er bei uns zu Gast ist.« Der Professor legt sein Kinn in die gefalteten Hände.

»Rezeptive Depressionen, paranoide Wahnvorstellungen, Drogenmissbrauch, Suizidalität und verurteilt wegen eines versuchten Totschlags vor ungefähr acht Jahren«, führt Joan kühl und sachlich aus. »Melvin Aronovski. Ein wirklich tragischer Fall, die Geschichte dieses jungen Mannes«, bekundet der Professor, wippt mit dem Kopf auf und ab und drückt sich aus dem Ledersessel nach oben. »Ich würde vorschlagen, wir gehen zu seinem Patientenzimmer und ich stelle Sie beide vor.«

Joan steht ebenfalls auf, nimmt den Parka von der Stuhllehne und hängt sich die Aktentasche über die Schulter. Beide gehen um den großen Eichenholztisch herum, während Reczak sich den Kittel zuknöpft.

Sie kommen an der langen Bücherwand vorbei, als plötzlich der Professor kurz vor der Tür stehen bleibt, den Knauf umfasst und Joan fest in ihre dunkelgrünen Augen schaut.

»Kennen Sie seine Geschichte? Ich meine, seine ganze Geschichte?« Reczak hält inne und sieht an Joans plötzlich auftauchenden fahlen Blässe, dass sie die Antwort kennt.

»Natürlich, Herr Professor«, erwidert sie etwas zögerlich.

»Kinderaugen, die so etwas sehen, erholen sich niemals so ganz von solch einem Trauma.«

Joan macht einen Schritt auf den Professor zu.

»Ein kleines Kind, das mitansehen musste, wie seine Eltern von einer Bestie ermordet wurden, ist in ein Geschehen verwickelt, welches man als Hölle bezeichnen könnte.«

»Ganz recht, Frau Parker. Vor zwanzig Jahren, als Melvin gerade einmal sieben Jahre alt war. Aber es war keine Bestie oder ein Monstrum. Nein. Es war ein kranker Mensch … Frau Parker … Es war ein Mensch.«

Mit einem Knarzen öffnet er die Tür und beide betreten den Flur des obersten Stockwerks.

Das Dorf Saramas Baletu liegt einen Steinwurf von Monastrea entfernt, in dem das Elternhaus der Aronovski-Familie stand. Ein von den Karpaten umgebenes Dorf im Süden der Region Siebenbürgen. Eingebettet in sanfte Hügellandschaften, dichte und dunkle Wälder, die zu jeder Jahreszeit bedrohlich und verwunschen erscheinen.

Am nördlichen Teil des Dorfes steht Zeduri Pace, ganz abgelegen entlang einer einsamen und schmalen Landstraße. Hinter einer sechs Meter hohen Mauer mit Stacheldraht ragt es wie ein Fels der Hoffnung in den trostlosen grauen Himmel. Tiefe vergitterte Fenster zeichnen sich in dem alten Klinker ab, die wie offene Münder von verstorbenen Seelen in die Kälte des Herbstes schreien wollen, umgeben von uralten verkrüppelten Kastanienbäumen und einer Trauerweide mit einer alten Holzbank davor.

Im unteren Stockwerk, durch eines der mit sieben Gitterstäben gesicherten Fenster - drei Stäbe vertikal, vier Stäbe horizontal - zeichnen sich die Umrisse eines traurigen farblosen Gesichts ab, dessen Augen ihren verlorenen Blick nach draußen verlieren.

Ein Stockwerk darüber sind zwei Besucher auf dem Weg und durchlaufen das Obergeschoß.

Die alten Holzdielen schlucken die Schritte des Professors Reczak und Joan Ann Parkers, als sie den weiten Flur entlangschreiten.

»Jetzt betreten wir die Sicherungsstation, auf der die Patienten untergebracht sind«, sagt Professor Reczak und sie passieren eine schwere Stahltür mit Plexiglasbeschichtung, die sie erneut in einen langen Korridor führt. Schwere Gittertüren, an denen sie vorbeikommen, trennen weiße Flure voneinander.

Von innen führen massive Stahltüren in die Einzel- und Doppelzimmer der Patienten. Antike Bilder, Vasen, Einrichtungsgegenstände oder sonstiges Dekor, welches zu dem ehemaligen Herrenhaus passen würde, findet sich aus Sicherheitsgründen nicht.

Joan schaut zu ihrer Rechten an den tiefen Fenstergittern vorbei, hinaus auf den großen Hof, der durch die Mauer abgetrennt ist. Die großen Stacheldrahtkugeln auf dem Mauerkamm ähneln dem wirren Geäst der umliegenden Bäume zur herbstlichen Jahreszeit.

»Übrigens, Herr Aronovski ist auf der unteren Etage untergebracht. Sein Zimmer liegt am Ende des Treppenhauses im Ostflügel. Er ist die meiste Zeit auf seinem Zimmer, während die anderen Insassen den Gemeinschaftsraum bevorzugen.«

»Sie sagten, er befindet sich auf der Entlassungsstation.«

»Ja, ganz recht. Patienten, die ihre letzten sechs bis zwölf Monate verbringen, kommen auf eine Entlassungsstation. Dort dürfen Patienten sogar das Klinikgelände in Begleitung des Pflegepersonals für ein paar Stunden verlassen.«

Joan lauscht dem Stöhnen und Wimmern, das aus einem der Zimmer dringt, welches sie passieren. »Sagen Sie, dürfen die Insassen der anderen Stationen ihre Zimmer selbstständig verlassen?«

»Ganz recht. Anders als in einer Justizvollzugsanstalt dürfen die Patienten selbstständig ihr Zimmer verlassen und den Gemeinschaftsraum aufsuchen, natürlich nicht unbegleitet. Dort haben sie unter anderem die Möglichkeit fernzusehen, was viele gerne machen.« Mit seiner Hand zeigt der Professor auf eines der vergitterten Fenster. »Draußen auf dem Hof ist der Ausgang auch gestattet, allerdings nur zu festgelegten Zeiten. Aber alles natürlich nur unter Aufsicht und in Begleitung des Sicherheits- und Pflegepersonals, versteht sich.«

Joan zuckt erschrocken zusammen und dreht sich um, als ein schriller Schrei ertönt und durch den langen Flur hallt. Genau kann sie die Richtung des Schreis nicht ausmachen.

Reczak schaut über seine Schulter und wirft Joan einen beruhigenden Blick zu.

»Wir sind gerade am Krisenraum vorbei, aus dem dieser Schrei zu hören war.«

»Ah okay, eine Art Isolationszimmer?«, fragt Joan nach, dreht sich nochmals um und schaut auf die grüne Stahltür.

»Ganz recht. Wenn Patienten psychisch dekompensiert sind, weil sie Drogen konsumiert haben, und als akut gewalttätig eingestuft werden. Sicherheitsstufe Nummer Eins für diesen Raum, in dem der Patient durch eine Luke mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt wird.« Der Professor spürt Joans fragenden Blick und fährt fort. »Wenn jemand sich auf irgendeinem Weg Drogen besorgt hat und wir erfahren davon, dann wird er auch in diesem Krisenraum isoliert. Eine Strafmaßnahme mit einer Aufenthaltsdauer von bis zu drei Tagen. Ein leeres kleines Zimmer mit einer Kloschüssel und einer Matratze kann zur Züchtigung Wunder wirken.«

»Ist dies kein massiver Eingriff in das Freiheitsrecht, Herr Professor?«

Reczak bleibt an der oberen Stufe des Treppenhauses stehen, umfasst den Geländerknauf und schaut kritisch zu Joan.

»Frau Parker, auch wir müssen hier Grenzen setzen. Ihre westliche Moralität in allen Ehren, aber ich bin achtundsiebzig Jahre alt und habe als Arzt und Psychologe schon ganz andere Maßnahmen erlebt und weiß diesen Fortschritt in der Behandlung von psychischen Krankheiten zu schätzen.«

»Sie reden von den großen Psychiatriereformen der Siebzigerjahre?« Joan stellt sich neben ihn.

»Genau davon rede ich. Als junger Arzt habe ich noch den Einsatz von Zwangsjacken, Deckelbädern, Lobotomien sowie die Verabreichung nicht zugelassener Medikamente erlebt.«

»Das war mehr als menschenverachtend«, merkt Joan an und schaut betroffen hinunter auf das Mosaikmuster der kobaltblauen Fliesen des Treppenhauses.

»Nun, dies fußte auf der falschen Annahme, dass es sich bei psychischen Krankheiten um Gehirnerkrankungen rein biologischen Ursprungs handle, die unter anderem medikamentös geheilt werden konnten. Mittlerweile wurde diese Ansicht etwas relativiert. Wie Sie auch wissen, geht die Medizin heute davon aus, dass auch Faktoren wie die Lebenserfahrung, gesellschaftliche Konventionen, soziale Bedingungen und persönliche Schicksalsschläge psychische Krankheiten verursachen, auslösen und aufrechterhalten können.«

Beide gehen das breite Treppenhaus hinunter in den untersten Stock, auf dem ihnen gelegentlich ein Therapeut oder ein Pfleger in grüner oder weißer Arbeitskleidung grüßend entgegenkommt.

Sie betreten wieder einen weiten Flur, an dessen Ende eine große Doppelglastür zu sehen ist mit der Aufschrift Entlassungsstation.

Leichte Nervosität macht sich bei Joan breit. Verlegen knetet sie die Hände, während Professor Reczak die Station betritt und sie ihm folgt.

Die Akte über Melvin Aronovski wurde von der jungen Sozialarbeiterin gründlich studiert, darin hat sie den alten Psychiater nicht angelogen, aber eine Angespanntheit und Aufregung wie jetzt hat sie bisher noch nie erlebt und sie versucht, sich Reczak weiterhin souverän und selbstbewusst zu präsentieren.

»Ich möchte noch etwas anmerken, Frau Parker, und bitte verstehen Sie dies nicht als Kritik, sondern als Hinweis. Bisher haben Sie Menschen in den Alltag begleitet und zurückgeführt, die leichte Störungsmuster hatten oder straffällig geworden sind durch kleine Delikte wie Diebstahl oder Alkoholsucht. Melvin Aronovski ist allerdings ein ganz anderes Kaliber. Ein garantiert schwerwiegender Fall. Wie Sie wissen, ein Mann mit einer schwerbelasteten Kindheitserfahrung und das schon im Alter von sieben Jahren, als er Augenzeuge geworden ist, wie seine Eltern ermordet wurden. Es folgten Aufenthalte in Heimen und Jugendanstalten bis Herr Aronovski floh, obdachlos und heroinabhängig wurde, bis sich alles zu einer Straftat zuspitzte, die laut Urteilsspruch von damals einem Mordanschlag gleichkam.«

Joan denkt unwillkürlich an den zertrümmerten Schädel von Melvins damaligem Opfer, dessen Gesicht nur noch aus einer rohen Fleischmasse und herausstehenden Knochen bestand. Sie hat Bericht und Fotos von der Tat in den Akten gesehen, in die sie durch Beziehungen Einsicht bekommen hat.

»Da wären wir.« Professor Reczak bleibt vor der weißen Tür mit dem Schild Raum 012 stehen und schaut hinüber zu Joan. Er hebt die Hand zum Anklopfen, hält inne.

»Sind Sie nervös Frau Parker?«, fragt er zögerlich. Ihre Körpersprache ist dem erfahrenen Psychiater nicht entgangen.

Joan zieht die Schultern hoch und lässt sie beim lauten Ausatmen erleichternd fallen.

»Ein wenig, Herr Professor, ein wenig. Aber es ist eher der Respekt vor der Aufgabe.«

»Den sollen Sie auch haben«, antwortet der Alte gefasst, mit ruhiger Stimme und schlägt die Faust zu einem Türklopfen zweimal an.

»Ja bitte«, ertönt es wenige Sekunden später, worauf Reczak die Türklinke drückt und die beiden einen etwa sechzehn Quadratmeter großen Raum betreten.

Ein breiter grüner Schrank steht seitlich an der Wand. Am Ende des Zimmers ein ansehnliches Bett, auf dem ein abgemagerter, blasser junger Mann in Trainingshose und einem weißen T-Shirt sitzt und dem Besuch wenig Aufmerksamkeit schenkt. Er versucht, an dem überklebten Sichtschutz vor dem Panzerglasfenster einen Blick nach draußen zu erhaschen, wo er wohl etwas zu beobachten scheint.

Der Professor nähert sich ihm, dicht gefolgt von Joan, die von der bedrückenden Atmosphäre in dem Zimmer eingenommen wird wie von einem Eisschauer.

»Hallo Melvin, ich möchte dir, wie angekündigt, jemanden vorstellen. Wie gehts dir heute?« Er folgt dem Blick des jungen Mannes. Der beobachtet eine Schmeißfliege, welche von außen an der Scheibe hängt, ihre Mundwerkzeuge auf- und abwetzt und von ihrer letzten Mahlzeit reinigt.

»Melvin?«, spricht Reczak ihn erneut an und tauscht einen flüchtigen Blick mit Joan aus.

Melvin lässt die Faszination des Insekts wohl nicht los, denkt Joan, denn er schaut ihr weiterhin geduldig bei ihrer Prozedur zu. Der Professor räuspert sich im Hintergrund. Joan beobachtet Melvin, wie er mit einem Augenzwinkern den kleinen Fleischfresser gebührend verabschiedet. Sicher hofft er auf ein baldiges Wiedersehen. Sie blickt auf die Fliege. In dem Bruchteil einer Sekunde verschwindet sie von der Fensterscheibe und schwirrt davon, wohl auf der Suche nach dem nächsten Kadaver, von dem sie fressen wird.

Langsam dreht Melvin den Kopf zur Seite und schaut aus desinteressierten Augen hoch zu Reczak.

»Wie geht es dir?«, fragt Reczak erneut.

»Besser als gestern. Aber bitte machen Sie es kurz, Herr Professor.«

Also, Melvin, darf ich vorstellen: Das ist Frau Joan Ann Parker, die dich ab sofort unterstützen wird bei der Entlassung und Wiedereingliederung. Sie wird mit dir alles besprechen und steht dir von nun an zur Seite.«

Melvins freudlose Augen bekommen ein wenig Glanz und einen Funken Faszination, als Professor Reczak zur Seite tritt und er Joan sieht, die sich einen Schritt nach vorn wagt. Stille breitet sich im Raum aus.

Joan Ann Parkers athletische Figur, die schlanken muskulösen Arme, die aus den ausgefransten Ärmeln des verwaschenen Shirts ragen, und ihre kantigen Gesichtszüge, auf denen er keine Spuren von Make-up oder Schminke entdeckt, haben etwas unübersehbar Maskulines. Ihre dunklen Haare trägt sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, der über ihre Schulter fällt. Lediglich glaubt er, dass sie Lidschatten aufgetragen hat, um ihre dunkelgrünen Augen hervorzuheben. Melvin ist sich allerdings nicht sicher, da er sich schwer daran erinnern kann, wann er das letzte Mal einer jungen Frau begegnet ist. Schon gar keiner weiblichen Person, die etwas derart Hartes und Männliches ausdrückt. Die fingerbreite Narbe, die eine Augenbraue teilt, ein verkrüppeltes Ohr und die platte krumme Nase verleihen ihr den Charme einer Amazone.

Verlegen blickt Melvin ihr entgegen und mustert sie weiterhin in der figurbetonten Jeans und dem kurzärmeligen Shirt, unter dem sich kleine spitze Pyramiden abzeichnen und keinen Büstenhalter vermuten lassen. Sie trägt auch keinen Nagellack an ihren kurz geschnittenen Fingernägeln und ihre stark geäderten Arme und Hände wecken einen Impuls, wobei Melvin längst dachte, dieser sei wie vieles andere in ihm abgestorben.

»Hallo Melvin, ich bin Joan, freut mich, dich kennenzulernen. Ich hoffe, das in Ordnung für dich?« Ihre Stimme, so sanft wie geträufelter Honig und wohlklingend wie ein Nebelhorn, welches einen von der gefährlichen See an ein sicheres Ufer führt.

Sie streckt ihm die Hand entgegen, worauf ihr Melvin langsam und schüchtern seine reicht. Natürlich hat Melvin ihren besorgten Blick gesehen und er hofft, darin keinen Ekel oder gar etwas Abstoßendes erkannt zu haben, als sie sein vernarbtes Handgelenk und seinen Unterarm wahrgenommen hat. Die Schnittverletzungen durch die Versuche, mit einer Glasflaschenscherbe sein Leben zu beenden, oder die zerstörten und vernarbten Venen, als er noch täglich eine Fixe brauchte, um den Tag zu überstehen. Diese alten Relikte, als er noch einen Kampf gegen sich selbst geführt hat.

Ihre Blicke treffen sich warm und freundlich, aber dennoch so unergründlich und besorgt. Melvin kann ihren Ausdruck nicht deuten. Seine schweren Gedanken, die zerstörerischen Gefühle und die Last der Vergangenheit lässt sich überall an ihm ablesen. Seine müden und traurigen Augen, die tief in den dunklen Höhlen sitzen, sprechen alles Leid und jeden Schmerz der vergangenen siebenundzwanzig Jahre aus.

Der Händedruck fühlt sich so vertraut an und vermittelt eine Energie der Wärme und Geborgenheit, aber gleichzeitig auch eine beschützende Kraft und Stärke.

Drei, vier Sekunden sind es, die er ihre Hand schüttelt, ihre Haut berühren darf. Und wie er diesen Augenblick genießt. Ihre starken und rauen Hände.

Würde Melvin noch, wie vor ein paar Jahren, den Wunsch haben, den Freitod wählen zu wollen, so sollten es die Hände dieses kraftvollen weiblichen Geschöpfes sein, die ihn lustvoll zu Tode drosseln und einen ehrwürdigen Abdruck ihrer Knöchel an seinem Kehlkopf hinterlassen.

»Hi«, erwidert Melvin eingeschüchtert, zieht die Hand zurück und starrt verlegen zur Seite.

Joan und Professor Reczak tauschen einen flüchtigen Blick aus, in dem er ihr mit seinem Kopf aufmunternd zunickt.

Joan geht einen Schritt zurück und betrachtet fast schon mitleidig Melvin, der wegschaut und verletzlich wirkt wie ein angeschossenes Tier.

Reczak räuspert sich und zieht Melvins Aufmerksamkeit damit auf sich, der den Blick hebt und aus unschuldigen Augen zu ihm aufschaut.

»Nun, Melvin, Frau Parker ist gleich wieder weg und würde am Freitag wieder vorbeischauen, um mit dir ein paar Dinge im Voraus zu besprechen. Ist das okay für dich?«

Melvin rauft über seinen kurz geschorenen Kopf und grübelt einen Augenblick, welcher Tag heute ist, bevor er sich äußert, denn Zeit hat für ihn keine Bedeutung mehr, trotz der terminlichen Abläufe in der Klinik.

»Das wäre übermorgen gegen dreizehn Uhr. In Ordnung, Melvin?«, antwortet Joan.

»Alles klar«, erwidert Melvin und rutscht von der Bettkante zurück in die Ecke am Fenster.

Beide verlassen Zimmer 012 und Melvin schaut zur Tür, als sie von außen geschlossen wird.

Draußen vor der Tür steckt der Professor seine Hände in die Taschen des Kittels, geht ein paar Schritte und bleibt stehen.

»Und? Wie ist Ihr erster Eindruck?«

»Nun, es ist natürlich schwierig, jetzt etwas zu sagen. Aber nachdem ich seine Akte gelesen habe, habe ich jemand anderen erwartet.«

»So, hatten Sie das?«, fragt Reczak neugierig und hebt seine buschigen Brauen in die Höhe.

»Ein fragiler, schüchterner junger Mann. Er wirkt so verletzlich.«

»In der Tat, er ist ein sehr introvertierter junger Mann, dieser Melvin.«

»Sagen Sie, hat er jemals mit jemandem über seine Vergangenheit geredet? Ich meine, wurde das in den Therapiestunden behandelt und aufgearbeitet?« Joan stemmt die Hände in ihre schmale Taille.

»Es bereitet ihm keine Schwierigkeiten, über die Straftat, die er begangen hat, zu reden. Oder gar über seine Heroinabhängigkeit, sein Straßenleben oder auch die Torturen und Hänseleien in den Kinderheimen.« Reczak rückt seine klobige Brille zurecht.

»Was ist mit dem Tod seiner Eltern? Mit dem Mord?«

»Nun, diese belastende und schwer traumatisierende Kindheitserfahrung ließ Melvin viele Jahre schweigen und er konnte erst vor Kurzem darüber sprechen. Er teilte sich unserer Frau Doktor Tondra mit, die ich Ihnen bald vorstellen werde.«

»Wahrscheinlich hat seine Psyche das als Schutzfunktion über die vielen Jahre verdrängt, da er es ansonsten nicht hätte verarbeiten können.«

»Das ist ein ganz natürlicher Mechanismus nach derartigen frühkindlichen Erlebnissen. Frau Dr. Tondra, unsere Psychologin, hat intensiv mit ihm gearbeitet. Ihr hat er erst vor wenigen Tagen seine grausame Kindheitserinnerung mitgeteilt. Als er die Leiche seines Vaters fand und Zeuge der Ermordung an seiner Mutter wurde. Er konnte dem Mörder damals mit viel Glück entkommen.«

»Mein Gott, wie furchtbar.« Joan fasst sich an den Mund und sackt leicht in sich zusammen.

Der Professor wirft einen Blick auf seine Uhr und streckt Joan die Hand entgegen.

»Ich will nicht unhöflich sein, Frau Parker, aber ich habe noch einen Termin.«

»Schon gut, ich muss auch weiter. Es sollte heute ja nur ein kurzes Kennenlernen sein.«

»Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag. Und sagen Sie mal, wo haben Sie Ihre Unterkunft?«

»Drüben in Pelistea.«

»Ah, direkt am Marktplatz neben der alten Mühle gibts ein unglaublich gutes Wirtshaus, ›Zur alten Eiche‹, das ich Ihnen empfehlen kann. Der Sauerbraten ist der beste in ganz Siebenbürgen.«

»Danke, Herr Professor, das werde ich in Anspruch nehmen, obwohl ich eher einen Salat bevorzuge.«

»Einen Salat, okay. Ich werde alt, Frau Parker. Diese jungen und modernen Menschen und ihr Rebellentum gegenüber den guten alten Traditionen.« Der Professor lächelt amüsant.

»Herr Professor, ich habe noch eine Frage.«

Er will gerade losgehen und hält inne.

»Der Mörder von Melvins Eltern wurde damals gefasst? Richtig?«

Der Professor zögert ein wenig mit der Antwort.

»Ja, allerdings. Soviel ich weiß, ist er tot. Es war ein bekannter Triebtäter hier aus der Gegend. Er wurde verhaftet und erhängte sich in der Zelle. Sonst noch etwas, Frau Parker?«

Er erhascht noch mal einen Blick über seine Schulter auf Joan.

»Dankeschön, Herr Professor. Einen schönen Tag noch.«

Joan tritt in Begleitung eines Pflegers durch die große schwere Eingangstür aus massivem dunkeln Holz mit Eisenbeschlag nach draußen und schaut hoch zu dem prunkvollen Torbogen, als die Tür laut ins Schloss kracht. Sie bewundert die prachtvolle Stuckateurkunst, die den Eingang ziert, zwei adonische Engel, umspielt von prachtvollen Blüten und Ornamenten, die eine Banderole halten, in deren Mitte der Name des Hauses eingraviert ist: Zeduri Pace, gegründet 1732.

»Herrliche Arbeit, was?«, merkt der junge Mann neben ihr an.

»Allerdings.«

»Haus des Friedens«, flüstert Joan vor sich hin und betrachtet die riesigen schmiedeeisernen Käfige, die sich um die großen Fenster legen wie gigantische Spinnen, die eine Beute ergriffen haben.

Eine Windböe fegt über den mit Rasen bewachsenen Innenhof und heult durch die kahlen Äste der mächtigen Kastanienbäume wie ein hungriger Wolf und lässt selbst die schweren Äste der großen Trauerweide aufwehen wie Vorhänge.

Der Pfleger begleitet Joan zum Ausgangstor, welches sich öffnet und einen Ambulanzwagen in den Hof einfahren lässt, gefolgt von einem Polizeifahrzeug mit flackerndem Blaulicht.

Joan bleibt kurz stehen und beobachtet, wie beide Fahrzeuge vor der Eingangstür zum Stehen kommen, zwei uniformierte Polizisten aussteigen und sich vor dem Krankenwagen positionieren.

Zwei Männer in weißer Kleidung steigen aus dem Transporter und öffnen die Heckklappe, ziehen eine Rampe heraus und befördern eine Trage nach draußen, auf der ein Mann festgeschnallt ist.