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Balivasta. Ein verschlafenes Nest irgendwo in den Südkarpaten. Drei grausam zugerichtete Leichen lassen den Dorfbewohnern das Blut in den Adern gefrieren. Inspektor Khabid Zargov übernimmt den Fall und folgt der blutigen Fährte des Mörders in die finsteren Wälder der umliegenden Berge. Bei seinen Ermittlungen trifft er auf den sich seltsam verhaltenden Boro, einen verschlossenen Einzelgänger, der in seinen Traumvisionen die Morde sieht. Können Boros übersinnliche Fähigkeiten bei der Aufklärung helfen? Bereits nach kurzer Zeit spürt Inspektor Zargov, welchen Bezug seine eigene dunkle Vergangenheit zu der brutalen Mordserie hat. Er versteht, was einen Menschen zu einem Monster werden lässt. Eine Erkenntnis, die ihm eine Entscheidung abverlangt
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Seitenzahl: 320
Veröffentlichungsjahr: 2023
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»Zur späten Stund´ als der Sturm zum Leben erwacht Alte Kiefern wisperten in dunkler Nacht Blutige Tränen auf deinem zarten Antlitz geronnen Die kalte Erde uns Kinder wieder zu sich genommen ...«
aus »Der Winter in mir« Gedicht von Norman Nufer
Für June
Ich wache in den frühen Morgenstunden auf und hebe den Kopf aus dem Kissen, welches eingenässt ist von meinen Tränen.
Das strähnige Haar streiche ich aus der hohen Stirn, die vor Schmerzen zu bersten droht. Es liegt nicht an den hämmernden Kopfschmerzen, die mich aus dem Schlaf gerissen haben, sondern einem dieser Albträume, die mich seit Langem verfolgen.
Ganz leise steige ich aus dem Bett und schleiche durchs dunkle Zimmer, während der knarzige Holzboden unter den Füßen ächzt. Behutsam setze ich Schritt für Schritt, um meine Mutter im unteren Stockwerk nicht zu wecken. Der Mondschein wirft ein fahles Licht durchs Zimmerfenster auf den Bücherschrank, den Schreibtisch und den Stuhl am Ende des Raumes, auf den ich mich zubewege. Ich stehe vor dem großen Bücherschrank und trockne mir die Augen am Ärmel des Schlafanzuges. Meinen Blick lasse ich über die einzelnen Fächer wandern, welche mit meinen Tagebüchern und Notizblöcken gefüllt sind.
Jedes Mal verfalle ich in ein demütiges Staunen über meine Werke, die ich erschaffen habe. Alle meine Träume, Visionen und Bilder, die mir erscheinen, wenn ich schlafe, niedergeschrieben in all den Büchern vor mir. Eines nehme ich aus dem oberen Fach heraus und setze mich auf den Holzschemel, lege es auf dem Schreibtisch daneben ab und schlage eine leere Seite auf. Auf dem Tisch steht eine Kerze, daneben eine Packung Zündhölzer und ein Becher, in dem Bleistifte stecken. Ich zünde die Kerze an, schließe die Augen, gehe den Traum in Gedanken durch. Die Erinnerungen sind zurück und umschließen mich. Spüre die Kälte des Schnees unter den Füßen, im Gesicht den pfeifenden Wind und den Tod.
Öffne die Augen, nehme einen der Bleistifte und schreibe, so wie ich es zuvor schon gemacht habe, wenn ich von ihm träumte.
Ich verfolge ihre Fußspuren und umlaufe die Baumreihen. Die Schuhabdrücke sind frisch. Ich lege die Hand auf den Schnee und blicke den Hügel hinauf, wo sich deren Spuren entlangschlängeln. Sie sind zu dritt. Die beiden Polizisten und mein Bruder. Alles scheint nach Plan zu laufen. Ich eile den Berg hinauf und schlage mir die Äste aus dem Gesicht, während der pulvrige Schnee durch die Luft fliegt. Ich muss schnell sein, bevor die anderen Polizisten oben an der Kuppe ankommen und mich entdecken. Ich höre Stimmen und ich weiß, sie sind nicht mehr weit entfernt. Mein Herz fängt an zu beben und der Kiefer spannt sich krampfhaft zusammen. Trotz des ganzen Hasses, der rasenden Wut und des brennenden Wunsches nach Vergeltung muss ich weiterhin vorsichtig sein. Ihre Stimmen sind näher und ich höre die des Alten heraus. Aus meinem Gürtel ziehe ich das Messer, schleiche mich weiter heran und sehe sie hinter einer Baumreihe mit dem Rücken zu mir stehen. Plötzlich höre ich einen krachenden Schuss, der durch den Wald hallt. Krähenvögel flüchten aus den umliegenden Bäumen und lassen den Schnee herunterrieseln. Ich muss mich beeilen. Sie sind bewaffnet und ich muss den Alten überraschen, so wie ich es mit den anderen zuvor gemacht habe.
Einem Tier gleich ducke ich mich ab und krieche auf allen vieren durchs Dickicht auf sie zu. Ich komme gerade rechtzeitig, da alles nach einer bevorstehenden Hinrichtung aussieht. Mein Bruder liegt zusammengekrümmt im Schnee. Khabid kniet vor dem Alten und blickt in den Lauf seines Revolvers. Ich richte mich auf, gehe schnellen Schrittes auf die Gruppe zu, während mein Bruder mich längst gesehen hat. Sein Blick irgendwo zwischen Hoffnung und Todesangst. Aber er braucht sich nicht zu fürchten. Ich bin zurückgekommen, um uns alle zu erlösen.
»Bitte tu es nicht«, fleht Khabid den Alten an und hält mit schmerzverzerrtem Gesicht seinen Brustkorb.
Der Alte spannt den Hahn des Revolvers und findet abschließende Worte für seinen Partner. »Tut mir leid, aber ich kann nicht anders. Sehen uns in der Hölle.«
Noch bevor er den Abzug betätigen kann, komme ich ihm zuvor und ramme den kalten Stahl des Jagdmessers in seinen Rücken. Mit einem kräftigen Ruck spüre ich den zarten Widerstand seiner Wirbelsäule. Wie ein Stück Kuchen lassen sich die Bandscheiben durchtrennen unter dem entfesselten Zorn meiner seelischen Narben, die nie verheilt sind.
Der Todesschrei klingt wie eine Melodie der Erlösung in meinen Ohren. Des Alten warmes Blut läuft an meiner rechten Hand hinunter und färbt den Schnee unter uns ein. Wie einen Sack voller Lumpen lasse ich den alten Schlächter zu Boden fallen und genieße für einen Augenblick den Hauch des Todes, den er mir entgegenbläst. Zitternd und krampfend röchelt er mir seine letzten Laute entgegen. Ich beuge mich hinunter, versetze ihm den letzten Stoß in den verdorbenen Leib und lasse ihn an seinen Qualen ersticken.
Er war schuld daran, dass ich damals meinen Tod gefunden habe, nun beende ich sein Leben.
Khabid sackt zusammen, dann zieht er die Waffe und richtet sie auf mich. Ich lächle und durchdringe ihn mit der Wahrheit. In wenigen Augenblicken wird er verstehen, warum wir heute hier sind. Warum er hier ist und uns beide nichts trennt.
An mehr kann ich mich nicht erinnern. Klappe das Buch zu, stehe auf und stelle es zurück ins Regal. Dann gehe ich zum Fenster und schaue hinaus in die mondhelle Nacht. Er wird bald hier sein und uns finden. Nun habe ich die Gewissheit, dass er auf dem Weg zu uns ist.
Ich habe Angst vor seiner Ankunft und vor weiteren Träumen. Wenn er kommt, wird sich alles ändern. Er wird unsere Lügen begraben und uns auf den steinigen Weg zur Wahrheit führen. Sie haben es verdient, von ihm gerichtet zu werden. Geliebter Bruder, ich hoffe, du kannst wenigstens mir vergeben.
Ich verlasse mein Zimmer, schleiche mich durchs Haus, öffne die Tür und gehe hinaus in die eiskalte Nacht. In den Tiefen der Wälder möchte ich verschwinden, dort, wo ich zuhause bin.
Der Herbst ist da. Er ist dieses Jahr schneller als erwartet gekommen und nimmt dem Sommer dessen ganzen Stolz. Die Bäume wirken nackt und kahl. Wie große Gerippe ragen die dürren Baumkronen in den kalten Oktoberhimmel. Handgroße Ahornblätter bedecken den feuchten Waldboden, auf dem Inspektor Khabid Zargov sich mit bedächtigen Schritten dem Blaulicht nähert, welches durch die Waldlichtung schimmert. Er schlägt die Kapuze seines Parkas über den Kopf und spürt, wie die kalte Luft, einem Messer gleich, in den Lungen schneidet.
Khabid schaut durch die lichten Baumwindungen hindurch und erkennt seinen Vorgesetzten, der mit erstarrtem Blick zu seinen Füßen schaut. Er ist es, der ihn vor gut einer Stunde angerufen und ihm mitgeteilt hat, dass in einem Waldstück die entstellte Leiche einer jungen Frau vom Förster entdeckt worden sei. Mehr Details konnte er ihm nicht geben, außer dass es ein grausamer Anblick sei und er sich beeilen solle. In dem verschlafenen Nest Balivasta, wo es bisher nicht mal eine Anzeige wegen Ruhestörung oder ähnlichen Nichtigkeit gegeben hat, geschweige denn einen Mord, herrschte bis zu diesem Tag eine trostlose Ereignislosigkeit. Meistens wird Khabid in die nächstgrößere Stadt geschickt, in der ein Schnapsladen oder eine Tankstelle überfallen worden ist. Jedenfalls ist ein Mord oder eine ähnliche Gewalttat in diesem Kaff eine neue Erscheinung. Eine dunkle Erscheinung. Emil Maranov, sein Vorgesetzter, ist ein erfahrener Polizist, ein alter Hase, der auf vierzig Dienstjahre zurückblicken kann. Er ist viel in seiner Laufbahn rumgekommen und hat eine Menge Gräuel gesehen. Aber das, was dort auf dem modrigen, feuchten Waldboden liegt, lässt selbst ihn erstarren wie eine Leiche. Khabid stellt sich neben ihn und spart sich die Begrüßung. Aus leeren Augen schauen sie auf die menschlichen Überreste, die vor ihnen verstreut den Boden bedecken. In einem riesigen Mosaik aus bunten Waldblättern, Kleidungsstücken, Eingeweiden, Körperteilen, Blut und Knochensplittern zeigt sich ein Bild des Grauens. Die frische Waldluft ist geschwängert von dem unverkennbaren Geruch des Blutes und einer weiteren penetranten Marke: Motoröl!
Der nackte, kopflose Torso liegt auf dem Rücken. Dunkelrot in seinem eigenen Blut getränkt und mit einem tiefen diagonalen Einschnitt im Bauchbereich.
In einem Radius von wenigen Metern liegen die abgetrennten Gliedmaßen ringsherum, aus dessen zerfetzten Stümpfen noch Blut tropft. Der Kopf liegt mit dem Gesicht zum Boden gewandt und Khabid erkennt nur die langen, vom Blut getränkten schwarzen Haare. Nicht weit davon entfernt die Tatwaffe. Beide Ermittler ziehen die Schutzkleidung inklusive der Überschuhe an und schauen sich alles genau an, während die restlichen Kollegen um sie herum versammelt sind und schweigen wie bei einer Totenmesse. Wo vor wenigen Stunden das Schwert der Kettensäge Geräusche aus der Hölle durch den Wald hallen ließ, herrscht nun eine bedrohliche Stille.
Überall liegen wie kleine Sägespäne Knochensplitter und Fleischfetzen herum, die wahrscheinlich im hohen Bogen durch die Luft geflogen sind, als der Täter sein Werk vollbrachte.
Khabid schaut zu Emil hinüber und sieht zum ersten Mal so etwas wie Angst in dessen Augen. Diese alten trüben Augen, die sicher reichlich Blut und Gewalt gesehen haben in den vergangenen vierzig Dienstjahren.
»Grundgütiger …«, sagt der alte Polizist und stößt eine Atemwolke in den kalten Herbsthimmel.
»Überall Fußabdrücke und Schleifspuren«, bemerkt Khabid.
»Ja, ich sehe es, dazu direkt vor uns die Tatwaffe. Viel Mühe hat der Täter sich nicht gemacht. Entweder hat der Mörder es ziemlich eilig gehabt oder ihm fehlte die Lust, sich mit der großen Kettensäge abzuschleppen«, antwortet Emil.
»Wir sollten die Spurensicherung ihre Arbeit machen lassen, ich hab erst mal genug gesehen.« Emil fasst an Khabids Schulter.
Mit vorsichtigen Schritten, wie auf einem Drahtseil, entfernen sie sich vom Ort des Grauens, während ihnen ein junger Polizist mit zwei dampfenden Bechern Kaffee entgegenkommt.
»Habt ihr schon den Förster befragt?« Khabid nippt am Becher.
»Ja, das habe ich. Sein Hund hat die Leiche entdeckt. Er rief nach dem Hund, jedoch kam er nicht zurück. Als er dann den Waldweg hinunterging und durchs Dickicht kletterte, sah er den Hund, der gerade an einem abgetrennten Bein nagte.«
»Okay, und wie gehts dem Mann?«
Emil zuckt mit den Schultern und reibt sich mit den Fingern über die faltigen Augen.
»Er steht stark unter Schock und ist in psychologischer Betreuung bei uns in einem der Dienstwagen.«
»Der Hund! Das erklärt die Bissspuren, die ich an manchen Gliedmaßen gesehen habe.«
Emil räuspert sich. »Ja, die sind mir aufgefallen. Das müssen wir untersuchen und herausfinden, was von dem Hund oder anderen Waldtieren stammt.«
»Oder gar vom Täter selber«, ergänzt Khabid.
»Morgen wissen wir mehr.«
Emil schaut hoch zu den Baumwipfeln, hinter denen sich die Sonne absenkt und den Wald langsam abdunkelt. Das flackernde Blaulicht der Dienstwagen schimmert im finsteren Dickicht unter den Baumriesen und wirkt gespenstisch. Die Leute von der Spurensicherung bauen die großen Strahler auf und begeben sich an die Arbeit. Khabid geht zu seinen Kollegen und erkundigt sich nach dem Augenzeugen, dem Förster. Der sitzt in einem der Transporter, wirkt ziemlich verstört und es wäre unangebracht, ihn mit weiteren Fragen zu belästigen. Khabid wird ihn am nächsten Tag aufsuchen.
Bis in die späten Stunden steht er mit Emil dort draußen und es ist bitterkalt. Emil drückt Khabid eine Taschenlampe in die Hand und wünscht ihm eine gute Nacht.
»Wir sehen uns morgen auf der Wache.«
Khabid nickt ihm zu und verlässt den Tatort.
Er leuchtet den stockdunklen Waldweg ab und geht Richtung Waldparkplatz zu seinem Wagen. Die Taschenlampe in der einen Hand, die andere an der Dienstwaffe, die angenehm an seine Hüfte drückt. Er ist erleichtert, als er nach wenigen Metern das Auto erreicht, die Heizung hochdreht und auf dem holprigen Weg davonfahren kann.
Die Bilder verfolgen ihn. Khabid weiß, dass es davor keine Flucht gibt, egal was er tut. Sie werden sich in seinem Kopf und den Gliedern festsetzen und der eiskalte Schauer wird bleiben, der ihn im Nacken wie eine Kralle packt.
Es ist der erste Oktober. Ein Sonntag.
Die Nacht wird kurz. Nach den entsetzlichen Bildern des gestrigen Abends wälzt Khabid sich stundenlang im Bett umher und bekommt kein Auge zu. Er gehört nicht zu dieser Art von hart gesottenen Polizisten, die den Arbeitstag wie die Waffe einfach ablegen, relaxt den Feierabend ausleben, ein Bier aufmachen und vergnügt eine Talkshow gucken. Bei der Mordkommission ist er erst seit zwei Jahren. In den Dienstjahren zuvor, als Streifenpolizist, erlebte er einmal eine Situation, in der er Todesangst verspürte. Gestern war es wieder da, das gleiche Gefühl wie damals. An jenem Tag, als er mit seinem Kollegen Kasimir eine Wohnung stürmte und Zeuge wurde, zu welchen Abscheulichkeiten Menschen fähig sein können. Das ist ein paar Jahre her, aber diese Bilder tauchen ständig auf und spuken in seinem Kopf herum. Nun ist er Zeuge einer weiteren Dimension des Grauens geworden. Er dreht sich auf den Rücken und versucht, ein Auge zuzubekommen, ehe der Wecker ihn wach klingelt. Aber diesmal ist es das Läuten seines Mobiltelefons, welches ihn am Schlummern hindert. Er greift es sich von der Kommode, schaut aufs Display und nimmt das Gespräch entgegen.
»Hallo …«
»Hallo Khabid, gestern gut heimgekommen?«
»Hey Emil, hab die Nacht kein Auge zugemacht!«
»Frag mich mal. Ich war bis eben am Tatort und habe vielleicht eine halbe Stunde im Auto geschlafen, ehe ich ins Büro gefahren bin.«
»Wie spät ist es?«
»Halb sieben.«
»Okay, okay ... Ich mach mich jetzt fertig und komme dann vorbei.« Khabid reibt sich den Schlaf aus seinen Augen.
»Ja, keine Hektik, wollte mich nur kurz nach dir erkundigen, dann sehen wir uns gleich.«
»Äh, ja ... Sag mal, gibt es schon Neuigkeiten zu dem Mord? Hat die Spurensicherung bereits Ergebnisse?« Stöhnend richtet er sich auf und setzt sich auf die Bettkante.
»Ich denke, in den nächsten Stunden werden wir etwas erfahren. Allerdings wissen wir bereits, um wen es sich bei dem Opfer handelt. Bis gleich, Khabid.«
»Bis gleich, Emil.«
Einem alten Mann gleich, steigt er von der Bettkante hoch und watschelt ins Bad. Er fühlt sich unwohl und gerädert wie nach einer durchzechten Nacht mit zu viel Schnaps und Zigaretten. Er steht am Waschbecken, hält den Kopf unter den kalten Wasserstrahl und fühlt sich danach etwas lebendiger. Im Spiegel schaut er auf die dunklen Augenränder und beobachtet die Wassertropfen, die vom rasierten Schädel an den knochigen Wangen hinunterlaufen. Er greift den Morgenmantel vom Haken und geht rüber in die Küche. Das dreckige Geschirr stapelt sich turmweise auf der Spüle und es riecht streng nach Essensresten. Wenn man als Junggeselle alleine wohnt und zudem noch einen Rund-um-die-Uhr-Job ausübt, ist der Anspruch auf einen gepflegten Haushalt nebensächlich.
Khabid fischt eine schmuddelige Tasse aus dem Porzellanhaufen heraus und macht sich einen starken Kaffee, der ihm im Kampf gegen die Restmüdigkeit helfen soll. Er geht mit der Tasse ins Wohnzimmer und setzt sich aufs Sofa. Auf dem schmalen Tisch liegt die Dienstwaffe, die er jedes Mal vergisst, im Safe wegzuschließen, daneben seine Marke, die Brieftasche und ein Bild von ihr. Seiner Frau Flora. Das Bild stand bis vorgestern auf dem Wohnzimmerschrank, aber er hat es dort weggeholt und auf den Tisch gestellt, damit er es aus der Nähe sehen kann. Alle persönlichen Sachen von ihr befinden sich im Haus, es wirkt, als würde Flora hier noch wohnen. Vielleicht ist sie sogar da, ja, manchmal kann er sie sogar spüren.
Jetzt ist es fast ein Jahr her, seitdem sie von ihm gegangen ist. Letztes Jahr im November. Welch ein wunderbarer Mensch sie gewesen ist. Flora hat seinem Leben eine andere Farbe gegeben. In einem Alltag, der aus Gewalt, Verbrechen und Mördern besteht, war sie sein Anker für das Gute. Welch ein Geschenk, welch eine Belohnung hatte Gott ihm dort geschickt für die zahlreichen dunklen Stunden im Revier oder auf der Straße mit all den Mördern und Wahnsinnigen. Aber Gott gibt und Gott nimmt und Khabid hat längst den Glauben an ihn verloren. Er schaut ihr Foto an und spürt das Beben in ihm, fühlt, dass sein Hals enger wird, als würde er an einem Galgen hängen. Ihre sanften Augen lächeln ihn vom Bild aus an und zaubern die tolle Zeit in sein Bewusstsein, die sie gemeinsam verlebt haben. Er erinnert sich an alles. Wo sie sich das erste Mal gesehen, wo sie sich zum ersten Mal geküsst, sich Treue und Liebe versprochen haben, er ihr den Ring an den Finger gesteckt hat und damit der glücklichste Mensch auf der Welt war. Diesen wunderschönen Sommertag, als sie zusammen auf einer Wiese lagen und Flora ihm offenbarte, dass sie ein Baby von ihm haben möchte.
Er denkt oft an sie. Vor allem an ihren Abschiedsbrief.
Khabid steigt aus dem Wagen und geht über den Parkplatz zum Präsidium. Kurze Windwirbel lassen die gelben Blätter der großen Pappeln, die den Parkplatz umsäumen, umhertanzen wie zu einer melancholischen Herbstmelodie. Khabid vergräbt die Hände tief im Parka und schreitet über den löchrigen Asphalt auf den Eingang des grauen Betonkastens zu. Mit der Schulter stößt er die Drehtür auf, geht den schmalen Gang entlang, direkt aufs Büro von Emil Maranov zu. Der sitzt am Schreibtisch und schaut den jungen Kollegen erwartungsvoll aus geröteten Augen an.
Der alte Ermittler sieht tatsächlich aus wie jemand, der die Nacht durchgemacht und in seinen Klamotten auf dem Autositz gepennt hat. Die Furchen im faltigen Gesicht wirken tiefer als sonst. Aber Khabid weiß, dass er selber nicht frisch, wie der Frühling ist, und fühlt sich plötzlich in guter Gesellschaft bei seinem verwahrlosten Vorgesetzten.
»Setz dich doch.« Emil zeigt auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
Khabid nimmt Platz und schaut dem Alten in seine grauen, müden Augen. »Schieß los, was wissen wir.«
»Das Opfer heißt Maria Sabjev, achtundzwanzig Jahre, lehrte Sport und Kunst an der Uni in Bukarest. Sie war zu Besuch bei ihrem Freund und wollte joggen. Der Freund war der Letzte, der sie lebend gesehen hat.«
»Aha ... War sie zum ersten Mal in diesem Waldstück laufen?«
»Nein, das machte sie öfters, wenn sie bei ihrem Freund zu Besuch war. Ihre Eltern sind natürlich längst informiert, aber ich halte es für rücksichtsvoll, sie erst in den nächsten Tagen zu befragen. Übermorgen oder so ... Ich glaube, sie sind dazu gerade nicht in der Lage. Das Gleiche gilt für den Freund«, antwortet Emil mit gesenkter Stimme.
»Verstehe, okay.« Khabid knetet die Verspannung in seinem Nacken.
Emil rümpft die knollige Nase und schaut verträumt zum Fenster hinaus, wo die Spitzen der Pappeln im Wind weiterhin umhertanzen. Emils Blick regungslos und starr.
Khabid spricht ihn an, aber er reagiert nicht. Dann noch mal etwas lauter: »Emil!«
Er schwenkt den Kopf rüber zu Khabid. »Äh ... Ja? Verzeihung, ich war gerade kurz woanders.«
»Sag mal ... wirst du diesen Fall noch zu Ende machen?«
Der alte Polizist würgt sich ein Lächeln ab und meint: »Ich denke, dass wir beide den Fall vor meiner Pension lösen und diesen Irren hinter Gitter bringen werden.«
Khabid schaut ihn skeptisch an und denkt: ›Das könnte knapp werden innerhalb von drei Wochen.‹ Er hofft zugleich, dass der Wunsch des Alten aufgeht.
»Wann können wir zu Nicola?«, fragt Khabid.
Emil wendet den Blick wieder zu ihm. »Jetzt gleich.«
Nicola Kabanovic, Gerichtsmedizinerin. Eine kauzige, wortkarge Dame mit mächtiger Leibesfülle, einer viel zu großen Brille und grauen ungepflegten Haaren. Sie sieht eher aus wie eine Katzenoma, die in einem Camper lebt und den ganzen Tag häkelt, als wie eine kompetente Gerichtsmedizinerin, die ein weites Ansehen genießt. Sie kennen sich bereits viele Jahre. Sympathisch ist die Frau Inspektor Khabid Zargov nie gewesen, aber er schätzt ihre gute Arbeit und darüber hinaus ihre Intuition, was schon einigen Kollegen oft eine Hilfe gewesen ist. Eine akribische Erbsenzählerin, die sie auf dem Gebiet auch sein muss. Bei ihr hat tatsächlich jedes Komma einen Strich.
Emil wirft sich den Mantel über und sie fahren los.
Mit hallenden Schritten betreten Khabid und Emil den schmalen Korridor des Untergeschosses der Gerichtsmedizin. Es riecht stark nach Desinfektions- und Lösungsmitteln. Dabei sind sie noch nicht im Arbeitsraum von Dr. Nicola Kabanovic angekommen. Khabid hasst diesen Chemiegestank. Dieser widerliche Geruch, der ihn an Krankenhäuser erinnert, mit dieser üblen Zusatznote von Kot und Urin, der leicht Brechreiz auslösen kann. Aber das ist es nicht, was ihn an diesem Gestank stört. Es sind die letzten Erinnerungen an seine Frau Flora, als sie auf der Intensivstation im Sterben lag. Die Erinnerungen an ihren letzten Tag blitzen auf hinter Khabids breiter Stirn. Seine Augen fangen an zu brennen und wollen sich der Tränen entledigen, aber er beißt die Zähne zusammen. Diesen einen Schmerz verdrängen, um sich dann dem Grauen zu widmen hinter der schweren Stahltür, durch die sie gleich gehen werden. Wie zwei großer Scheinwerfer im Nebel schimmert grelles Neonlicht durch die Milchverglasung der zwei Bullaugen in der Tür.
»Hallo Frau Doktor«, sagt Emil, während die beiden Ermittler den hell gefliesten Sektionssaal betreten, in dem ein Klima herrscht wie in einem riesigen Kühlschrank.
Khabid bläst in die Hände und schüttelt sich vor Kälte. In der Mitte des Raums steht ein rechteckiger Edelstahltisch, an dessen Ende Nicola Kabanovic steht und Notizen auf einem Klemmbrett macht. Über den Tisch verstreut liegen einzelne ausgebeulte Plastikplanen in verschiedenen Größen. Die Überreste von Maria Sabjev, sorgfältig abgepackt.
»Hallo Emil, schön dich zusehen.«
Die beiden drücken sich zur Begrüßung. Khabid bekommt ein kurzes Handschütteln und ein knappes Hallo, was ihn nicht weiter stört.
»Und wie gehts euch beiden?«, fragt die Gerichtsmedizinerin fast schon vorsichtig.
Khabid zuckt mit den Schultern.
»Wir beide hatten eine ziemlich kurze Nacht«, antwortet Emil und lässt den Blick davonschweifen, weg von den Plastiktüten.
Nicola faltet die Hände wie zu einem Gebet ineinander, schaut kurz hinüber zu den Plastiksäcken auf dem Tisch.
»Ja, das glaube ich dir. Ich habe sofort heute in den frühen Morgenstunden mit der Arbeit begonnen.«
Der alte Ermittler zögert nicht lange. »Nicola, kommen wir zum Punkt. Was kannst du uns jetzt schon sagen?«
Die Medizinerin rückt die große Hornbrille zurecht.
»Ich gebe zu, ein solches Massaker habe ich selten auf dem Tisch gehabt. Ein Ausmaß von erschreckender Brutalität.«
›Was du nicht sagst‹, denkt Khabid.
»Über die Identität des Opfers seid ihr ja bereits informiert worden. Maria Sabjev, achtundzwanzig Jahre. Den Todeszeitpunkt datiere ich auf vorgestern Abend. Vermutlich zwischen siebzehn und achtzehn Uhr, zu Beginn der Dunkelheit. Die Todesursache ist allerdings unklar. Die Tat wurde willkürlich und ohne jegliche Präzision ausgeführt.«
Khabid hebt die Augenbrauen. »Das überrascht mich, ich hätte wetten können, dass es die Kettensäge war, die ihren Tod verursacht hat.«
»Stumpfe und rohe Gewalt«, ergänzt Emil so emotionslos, als würde er eine Pizza bestellen.
»Die Schnittmuster mit der Kettensäge lassen darauf schließen, dass der Täter nicht unbedingt vertraut mit dem Werkzeug war oder in Eile. Deshalb setzte er öfter an den Gliedmaßen an, um diese abzutrennen. Die Bauchdecke wurde aufgebrochen und teilweise wurde der Leichnam ausgeweidet. Am Tatort fehlte nichts, alle Körperteile und Innereien konnten wir sicherstellen, obwohl einige von Waldtieren angefressen worden sind in der kurzen Zeit.«
»Wahrscheinlich wollte der Täter das«, wirft Khabid dazwischen.
»Was meinst du?«, fragt Emil.
»Dass die Eingeweide von Tieren gefressen werden. Vielleicht eine Art Demütigung dem Opfer gegenüber.«
»Alles Spekulation, meine Herren. Nun, ich möchte mich nicht festlegen, da die Leiche, wie ihr wisst, in einem schlimmen Zustand ist und unzählige Verletzungen durch die Säge entstanden sind. Interessant ist, dass ich Bissspuren entdeckt habe.«
»Haben wir auch gesehen«, sagt Emil.
»Einige stammen von Waldtieren, Marder, Fuchs ... Aber vereinzelt fanden sich Bissspuren eines Menschen, unter anderem im Gesicht und am Halsbereich.«
»Irgendetwas Besonderes an den Bissspuren? Auffälliges?«, fragt Khabid.
»Auf den ersten Blick würde ich behaupten, dass der Person, die zugebissen hatte, Zähne fehlen. Um Genaueres auszusagen, müssen wir ein Modell des Abdrucks erstellen«, antwortet Nicola.
Khabid macht sich Notizen, während Nicola ihm weitere Details erklärt. Emil lässt den Blick über den Edelstahltisch gleiten und spürt einen Eisschauer, der ihm über den Rücken fährt, während die zerstückelte junge Frau vor seinem geistigen Auge erscheint. Er schaut rüber zu Nicola, räuspert sich laut.
»Hast du noch mal mit der Spurensicherung gesprochen?«
»Ja, dazu wollte ich jetzt kommen. Am Tatort wurden unzählige Fußabdrücke sichergestellt, leider keine Fingerabdrücke, der Mörder trug wohl Handschuhe. Aber wir können anhand der Bissspuren und Fußabdrücke darauf schließen, dass es sich um einen einzelnen Täter handelt. Des Weiteren …«
»Was ist mit der Kettensäge?«, fällt Khabid ihr ins Wort. »Fabrikat, Hersteller, wann und wo gekauft?«
Nicola schaut rüber zu Emil, der die Hand hebt.
»Ja, da wollte ich gerade etwas zu sagen. Eine Gerätenummer ist auf dem Gehäuse eingraviert.«
»Das heißt, wir wissen, wem oder welcher Firma diese Maschine gehört?«, fragt Khabid.
»Ganz genau. Ich habe herausgefunden das die Maschine einem kleinen Forstbetrieb gehört, der mit den Waldarbeitern Baumrodungen durchführt.«
»Bingo.« Khabid reibt sich die eiskalten Hände.
»Ganz genau. Unsere erste Spur«, platzt es aus Emil heraus.
Khabid macht sich weitere Notizen.
»Ich habe hier auch die Anschrift des Betriebs, er ist direkt in der Gegend.«
»Gute Arbeit, Emil«, erkennt Khabid an.
Emil und Nicola tauschen sich weiter aus, während Khabid kurz abschweift und im Kopf die Notizen durchspielt. ›Bissspuren, Fußabdrücke … Die DNA des Mörders haben wir so gut wie sicher. Die Tatwaffe hat er auch liegen lassen ... Alles da. Kinderspiel.‹
Die drei verlassen den kühlen Sektionssaal und gehen nach nebenan in Nicolas Büro, wo die beiden Ermittler die Adresse des Forstbetriebs und die Gerätenummer der Kettensäge erhalten.
»Halt uns bitte auf dem Laufenden mit deinen weiteren Untersuchungen, wir wollen keine Zeit verlieren«, bittet der Alte.
»Mach ich. Viel Glück euch beiden, wir hören uns«, verabschiedet sich Nicola, während Emil und Khabid den Raum verlassen.
Die beiden Polizisten fahren die einsame Landstraße entlang, die sich durch kleine Dörfer und Waldabschnitte zieht. Immer weiter Richtung Norden. Gelegentlich kommt ihnen ein Traktor oder ein Karrenwagen entgegen, vor den ein Gaul gespannt ist. Ansonsten wirkt die Straße wie ausgestorben.
»Ich weiß nicht, Emil, irgendwie ist das alles zu einfach.«
Der Alte wendet den Blick von der Straße und schaut kurz zu Khabid hinüber.
»Ja, ich weiß, was du meinst, ich glaube wir hatten eben im Sektionssaal den gleichen Gedanken.«
Khabid blickt verträumt zum Seitenfenster hinaus auf die vorbeiziehenden Bäume und schüttelt leicht den Kopf.
»Diesen Gedanken hatte ich bereits wenige Stunden, nachdem ich vom Tatort weg war und der Schock sich legte.«
»Schock?«
Der Alte versucht, ein Pokerface aufzusetzen. Khabid bekommt es aus den Augenwinkeln mit.
»Wir sind Polizisten und müssen mit so was umgehen können, Khabid.«
»Hmm ... Also, die Dirty-Harry-Nummer steht dir gar nicht.«
»War auch nicht so gemeint ... Ja ... Mir geht das Gesehene auch sehr nahe, so etwas bekommt man nicht alltäglich geboten. Einen Menschen, der derart zugerichtet ist.«
»Was glaubst du, warum hat der Täter sich keine Mühe gemacht, den Tatort sauber zu hinterlassen? Ich meine, die Leiche ... die Kettensäge entsorgen ... hinterlässt Fußabdrücke.«
Emil zuckt mit den Schultern. »Vielleicht wurde er überrascht und musste plötzlich fliehen. Oder er ist einfach nur wahnsinnig. Oder aber ...«
»Ja?« Khabid hebt die Augenbrauen und schaut ihn von der Seite an.
»... Oder er hatte eine unbändige Wut auf sein Opfer und wollte die Frau mit dieser Hinrichtung erniedrigen und damit seine ganze Überlegenheit zur Schau stellen ... und legt es darauf an, gefasst zu werden.«
»Hey, hier vorne links.« Khabid zeigt in die Richtung.
Emil reißt das Lenkrad herum und biegt scharf in den schmalen Feldweg ein, während eine Wolke von Laubblättern am Straßenrand durch die Luft wirbelt. Nach wenigen Metern erreichen sie auf holprigem Weg den Forstbetrieb. Ein kleines Haus, dahinter eine zerbeulte und mit Rostflecken bespickte Lagerhalle. Ringsherum stehen Traktoren, Tieflader und Lastwagen verstreut auf dem Grundstück.
Emil parkt am Feldrand, etwas abseits des Werksgeländes, da sie nicht direkt Aufsehen erregen möchten. Auf dem Vorhof kommen ihnen einige Arbeiter in grünen Latzhosen entgegen, die ihnen ein paar mürrische Blicke zuwerfen. Khabid mustert die bärtigen jungen Männer und fragt sich, ob vielleicht unter diesen verschlagenen Typen der Killer steckt.
»Verzeihung, können Sie mir sagen, wo das Büro der Betriebsleitung ist?«, spricht Emil einen der Männer an.
Der Typ hebt den Arm und zeigt auf den Vorbau der Halle. »Da drin, hinter der roten Tür sitzt der Chef.«
Adrian Chavalu Betriebsleitung - Firma Chavalu - Forstbetriebe steht auf dem Schild der roten Eingangstür. Die beiden Ermittler treten ein. Ein chaotisches winziges Büro. Vollgestellt mit Kartons, Kisten, Stapeln von Aktenordnern und Klarsichtmappen, die den Raum füllen. Es ist stickig und es riecht übel nach abgestandenem Kaffee und Schweiß. Das Radio dröhnt wie eine Sirene und es ist verwunderlich, dass der dicke Mann hinterm Schreibtisch bei dem Lärm überhaupt telefonieren kann. Er nickt den beiden Ermittlern zu, die vor seinem Schreibtisch stehen, und deutet mit einer Handbewegung an, dass er gleich fertig ist mit dem Telefonat.
Emil schaut den stämmigen Mann weiter an, während Khabid den Blick durchs Büro schweifen lässt und kurz zusammenzuckt, als er in der hinteren Ecke einige Waldwerkzeuge stehen sieht. Eine Axt, Seile, ein Rechen und zwei Motorsägen. Das gleiche Fabrikat, die gleiche Farbe wie die Mordwaffe.
»So, womit kann ich Ihnen helfen?«, fragt der Mann, nachdem er den Hörer aufgelegt hat.
»Guten Tag, Mordkommission.« Emil hält ihm seine Marke vor die Nase. »Mein Name ist Maranov und das ist mein Kollege Zargov. Sind Sie der Chef hier?«
»Ja, ganz recht. Mein Name ist Adrian Chavalu ... Äh, worum gehts? Mordkommission sagten Sie?«
»Bevor wir uns unterhalten: Könnten Sie vielleicht bitte das Radio ausstellen?« Khabid schaut genervt zu dem Dudelkasten hin.
»Ja, natürlich …« Der Betriebsleiter macht, wie ihm geheißen, und wirkt irgendwie nervös. Wahrscheinlich hat er Angst, die beiden Polizisten würden ihm den Laden auf den Kopf stellen. Schwarzarbeit, Steuerunterschlagung, Geldwäsche oder was sonst hier getrieben wird. Er dreht sich vom Radio weg, während Schweißflecken unter den Armen seines XXL-Hemdes im Sekundentakt größer werden. Khabid schnappt sich zwei Klappstühle aus der Raumecke, stellt diese vor dessen Schreibtisch, setzt sich und kommt direkt zur Sache.
»Herr Chavalu, Ihre Werkzeuge haben eine Art Gerätenummer, ist das richtig?«
»Jedenfalls die großen elektrischen Maschinen, ja, das stimmt. Warum wollen Sie das wissen?«
Khabid hebt die Hand, als wolle er signalisieren, dass die Auflösung folgt, und legt ihm eine Fotografie von der Gerätenummer der Tatwaffe vor die Nase.
»Könnten Sie diese mal bitte überprüfen, ob die Ihnen bekannt vorkommt?«
Der Mann hält sich das Foto vor sein glänzendes Gesicht und schaut missmutig aus seinen Knopfaugen darauf.
»Das brauche ich nicht überprüfen, das sehe ich auf den ersten Blick, dass dieser Zahlencode von uns ist. Aber verraten Sie mir doch bitte: Warum wollen Sie das wissen?«
Khabid erhebt erneut die Hand, dann die entscheidende Frage von Emil.
»Hat jeder Mitarbeiter seine eigenen Geräte?«
Adrian Chavalu nickt erst zögerlich, dann etwas energischer, während sein Kinn wie Pudding auf und ab schwabbelt.
»Jeder Mitarbeiter hat sein eigenes Werkzeug, deshalb die Einführung der Gerätenummer, die auf jeden Kollegen zugeschrieben ist.«
Khabid und Emil tauschen ernste Blicke aus, während der übergewichtige Betriebsleiter ungeduldiger wird, denn er zupft verlegen an seinem flaumigen Bart. Khabid löst den Blick von Emil und schaut Adrian Chavalu in sein schweißnasses Gesicht.
»Und wo ist der Mitarbeiter, dem diese Gerätenummer zugehörig ist? Ist der Mann hier oder draußen im Wald bei der Arbeit?«
»Warten Sie, das weiß ich nicht auswendig bei über vierzig Mitarbeitern, Moment.« Er schwenkt sich auf dem quietschenden Bürostuhl rüber zum Bildschirm, hackt im Zwei-Finger-Suchsystem auf die Tastatur ein und zögert mit der Antwort, während er wieder nervös am Kinnbart zupft. Emil lehnt sich über den Tisch und schaut zum Bildschirm.
»Bitte, Herr Chavalu, ich höre.«
»Nun, der Mitarbeiter, den sie suchen, ist ... mein Schwager. Jordan Petresku.«
»Wo finden wir den Mann?«, fragt Emil.
»Er ist in der Halle, hinten in der Sägerei.«
»Gut, dann gehen wir mal zu Ihrem Schwager«, sagt Emil. Zeitgleich drücken die beiden Ermittler ruckartig die Stühle nach hinten weg und stehen auf. Der Betriebsleiter wuchtet sich ebenfalls nach oben.
»Sie können hier warten, ich hole ihn dann in mein Büro.«
»Lieb gemeint, Herr Chavalu, aber führen Sie uns bitte zu ihm.« Khabid steht bereits an der Tür.
»Hier, bitte ziehen Sie diese auf.«
Chavalu reicht zwei Schutzbrillen rüber. Anschließend verlassen sie gemeinsam das Büro durch die Hintertür.
Sie gelangen über einen Vorhof, auf dem jede Menge Werkzeug und Krempel herumliegt, zum Eingang der Halle und treten durch die blecherne Tür ein. Ohrenbetäubender Lärm, Radiogekreische aus allen Ecken und von Werkbänken schrille Motorengeräusche. Das Summen der Kreissägen vibriert in Khabids Ohren. Am Ende der Halle steht eine Säge, an der sie auf das breite Kreuz eines kantigen Kerls schauen, der gerade das Magazin mit Holz belädt.
»Jordan«, schreit Chavalu gegen das Maschinengetöse an.
Der Mann reagiert nicht und erst beim zweiten Rufen dreht er sich um.
Ein circa einen Meter neunzig großer Hüne, aus dessen umgekrempeltem Holzfällerhemd kräftige Unterarme ragen. Vollbart, Pferdeschwanz, dichte buschige Augenbrauen, die einen finsteren Blick umrahmen, der die beiden Polizisten anvisiert. Chavalu winkt ihn herüber. Jordan nimmt die Ohrenschützer ab und wirft sie mitsamt den Handschuhen auf die Werkbank. Langsam kommt er zu den dreien, während er die schwieligen Hände knetet. Khabid ist auf alles gefasst, sollte dieser Typ ihr Mann sein, könnte die Situation jederzeit eskalieren. Er positioniert die Hand auf Hüfthöhe und spürt die Umrisse der Beretta an der Handfläche.
»Hallo, was gibts?«, fragt er mürrisch.
Chavalu, sein Chef und Schwager, will gerade antworten, als Emil ihm das Wort abschneidet und die Dienstmarke zeigt.
»Hallo, Herr Petresku, Inspektor Maranov von der Mordkommission, wir haben ein paar Fragen an Sie.«
Petreskus stechender Blick wandert irritiert zwischen Emil und Chavalu hin und her, während er um eine Antwort ringt. Khabids rechte Hand zittert. Nach einem kurzen Augenblick bricht der Mann das Schweigen.
»Mordkommission, aha, was wollen Sie von mir?«
»Haben wir Ihnen gerade schon gesagt, Herr Petresku. Sie können sich bestimmt hier kurz freinehmen, oder?«, fragt Khabid.
»Gehen wir in den Pausenraum, da können wir ungestört reden.«
»Nein, Sie kommen mit uns zur Wache«, fährt Emil dazwischen.
»Ja, aber ... Sie können doch nicht ... Sagen Sie mir, worum es geht, sonst geht mein Schwager nirgendwo hin!«
»Bleiben Sie entspannt, Herr Chavalu, wir bringen Herrn Petresku zurück. Ganz bestimmt. Gehen wir.«
Jordan Petresku sitzt am Tisch des Verhörraumes in der Polizeistation und knetet verlegen seine Pranken, während Emil und Khabid vor der geschlossenen Glastür stehen und sich kurz absprechen. Die beiden treten ein und setzen sich ihm gegenüber an den Tisch. Khabid stellt ihm einen dampfenden Becher Kaffee vor die Nase, worauf der hünenhafte Waldarbeiter nur mit einem Brummen antwortet. Er nippt kurz am Kaffee, wischt sich mit dem Handrücken über den Mund.
»Verdammt noch mal, jetzt sagen Sie mir endlich, was Sie von mir wollen!«
»Sagen Sie mal, Herr Petresku, vermissen Sie nicht eines Ihrer Werkzeuge?«, fragt Khabid.
»Nein.« Er schüttelt den Kopf.
»Vielleicht eine Kettensäge? Etwa diese hier?« Khabid schiebt ihm zwei Fotos über den Tisch.
Verwirrt betrachtet Jordan das eine Foto, auf dem die blutverschmierte Säge zu sehen ist, dann das andere, auf dem die Gerätenummer abgebildet ist. Er lässt die Bilder aus den Händen auf den Tisch gleiten und schaut Khabid an, als hätte er gerade einen Geist gesehen.
»Ja, doch, das ist meine.«
Emil klinkt sich kurz ins Verhör ein. »Also, was denn jetzt? Eben sagten Sie noch Nein. Sie müssen doch merken, ob Ihnen ein Werkzeug abhandengekommen ist, gerade wenn es so ein großes Teil ist wie diese Kettensäge.«
»Ja, es ist mein Werkzeug, und ja, ich vermisse die Säge.«
Er schaut noch mal auf das Foto, dann zu Khabid.
»Sagen Sie, ist das Blut?«
Khabid nickt kurz und fragt ihn, wo er sich zur Tatzeit aufgehalten hat.
»Grundgütiger ...« Er schaut ungläubig, während seine Augen weicher werden.
Khabid fragt ihn erneut.
»Wo waren Sie am dreißigsten September zwischen siebzehn und achtzehn Uhr?«
»Warum fragen Sie mich das?«
Khabid und Emil tauschen Blicke aus.
»Weil zu diesem Zeitpunkt mit Ihrem Werkzeug ein Mensch getötet wurde, in einem Waldgebiet nördlich von Braşov, nicht weit von Ihrer Arbeitsstelle entfernt. Also, beantworten Sie die Frage von Inspektor Zargov, wo waren Sie?«, fragt Emil etwas lauter.
»Oh Gott ... Da glauben Sie, ich hätte mit meinem Werkzeug einen Menschen umgebracht? Und zudem noch meine Säge dort liegen gelassen? Da hätte ich ja direkt meinen Ausweis dort lassen können«, giftet er zurück.
»Das haben Sie ja auch fast«, sagt Emil.
»Zum dritten Mal, Herr Petresku: Wo waren Sie am dreißigsten September nachmittags?«, erwidert Khabid.
Nach einer kurzen Überlegung beugt Jordan sich nach vorne und schaut Khabid tief in die Augen.
»Ich war zu Hause, Inspektor.«
»Kann das jemand bezeugen?«, fragt Khabid.
»Ja, meine Frau, meine beiden Söhne und meine Tochter, Herr Inspektor«, antwortet Petresku und lehnt sich im Stuhl zurück, verschränkt die Arme vor dem Bauch.
»Wir werden Ihre Familie befragen, des Weiteren werden wir an Ihnen ein paar Untersuchungen vornehmen.«
»Was soll die Scheiße? Welche Untersuchungen?«, herrscht Petresku den Ermittler an.
»Fasern von Ihren Kleidungsstücken, das Profil von Ihren Arbeitsschuhen und so weiter. Davon reden wir, Herr Petresku.«
Entrüstet schaut dieser zu Boden und atmet prustend aus.
»Ich habe vor ein paar Tagen schon bemerkt, dass die Kettensäge weg ist. Als ich mit dem Roden im Wald fertig war. Ich habe Sie nicht mehr gefunden und meinem Chef nichts davon gesagt.«
»Und warum nicht?«, will Khabid wissen.
»Weil der Typ ein Arschloch ist. Er hätte mir das Geld für eine neue Säge vom Gehalt abgezogen und mich zurechtgestutzt.«
Khabid hebt die Hand. »Ist gut, Herr Petresku, aber wann war das, als Sie die Säge verloren oder vermisst haben?«
Er hebt den Blick und schaut die beiden Polizisten an.
»Das war der besagte dreißigste September, zum Feierabend hin, gegen sechzehn Uhr.«
Die beiden Ermittler sitzen vor dem Dienstgebäude auf den Treppenstufen des Haupteingangs. Kurz vor Feierabend. Sie wirken beide erschöpft nach einem langen Tag mit wenig Schlaf.
»Glaubst du, Waldarbeiter Jordan ist der Mörder?«, fragt Khabid.
Emil schneidet eine Grimasse, so als würde er die Frage gerade abwägen.
»Hm, weiß nicht. Zuerst dachte ich, das ist unser Mann, aber inzwischen bin ich unsicher. Und du?«
»Mein Empfinden ist ähnlich. Warten wir die Laborergebnisse ab, schauen wir, was die Kollegen später für uns haben.«
»Sein Gebiss sah jedenfalls nicht deformiert aus, das ist mir aufgefallen«, meint Emil.
Khabid schaut rüber zu ihm und sieht seine zittrigen Hände. Er weiß, es liegt nicht am frischen Herbstwind, der über den leeren Parkplatz weht, der sie zittern lässt. Nein, es ist der Alkohol. Emil wird gleich nach Hause fahren und sich volllaufen lassen, während er anschließend den Verstand vor dem Fernsehapparat endgültig zu Grabe tragen wird. Emil meinte einige Tage zuvor, er hätte aufgehört mit dem Trinken und erträgt den Alltagstrott und die Trennung von seiner Ehefrau mit Fassung und bräuchte keine Betäubung mehr. Aber die Hände und seine Augen verraten den alten Polizisten. Khabid und Emil arbeiten erst seit kurzer Zeit zusammen, aber beide wissen
