Farben der Vergänglichkeit - Norman Nufer - E-Book

Farben der Vergänglichkeit E-Book

Norman Nufer

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Beschreibung

Lennard Kosalla ist ein vereinsamter Rentner, der nach dem tragischen Tod von Tochter und Frau in einem Wohnblock verwahrlost. Sein Leben führt er zwischen Müll und Erinnerungen mit Kaffee und Zigaretten vor dem Fernseher. Bis er eines Tages auf seine alte Kamera stößt und beschließt, sein früheres Hobby aufleben zu lassen. Doch sein Ausflug in die Natur endet nicht nur mit Fotos. Ein Fund, der ihn Jahrzehnte zurückversetzt, die Begegnung mit dem kleinen Mädchen Mathilde und ein unerklärliches Phänomen reißen ihn aus seinem gewohnten Leben. Lenny erhält die Chance, Dämonen aus der Vergangenheit zu besiegen, und begibt sich auf eine aufregende Reise, auf der er nicht nur sein Leben, sondern auch das einiger anderer Menschen verändert.

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Seitenzahl: 385

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Für alle, die vergeben können

Mich interessieren nur noch die wirklich wichtigen Dinge im Leben … Zeitreisen, rückläufige Planeten und Transformationsprozesse von Geist und Materie.

Zitat Lennard Kosalla

Ich vernahm das monotone Knacken des Kühlers und die unzähligen Regentropfen, die wie ein Dauerfeuer auf das Blechdach meines alten Audis prasselten. Langsam erlangte ich das Bewusstsein und schaute durch die zersplitterte Windschutzscheibe. Erblickte die grobe Rinde des Baumes, die von einem der Scheinwerfer angeleuchtet wurde, und brauchte einen Moment, um zu realisieren, was geschehen war. Die Schulter und mein Gesicht donnerten vor Schmerz und ich spürte jeden einzelnen gebrochenen Knochen im Oberkörper, während ich den Kopf vom Lenkrad hob und mich langsam zurücklehnte. Ich fasste mir in mein pochendes Gesicht und schaute auf meine Hände, die feucht waren von meinem eigenen Blut. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, wie lange ich abwesend gewesen war. Meine letzte Erinnerung war, dass ich noch versucht hatte, den Wagen auf der rutschigen Fahrbahn in der Spur zu halten, während er wie ein Stück Seife auf einem Fliesenboden über die Fahrbahn glitt und auf den Laubbaum am Straßenrand zuraste. Bevor der Aufschlag kam und mit einem lauten Krachen der Wagen sich um den mächtigen Stamm wickelte, hörte ich meine Tochter schreien.

»Papa.«

Sie schrie nur »Papa«.

Schlagartig schaute ich auf den Beifahrersitz und sah, wie das Kinn auf der Brust lag und ihre Haare das liebliche Gesicht bedeckten. Verzweifelt sprach ich sie an. Meine Tochter Laura reagierte nicht.

Ich schrie sie an, obwohl sie direkt neben mir saß und ich um alles in der Welt hoffte, dass sie mir gleich antworten würde.

Ruckartig löste ich den Anschnallgurt und beugte mich zu ihr hinüber. Strich ihr die Haare aus dem Gesicht und öffnete mit den Fingern ihre Augenlider.

»Laura! Laura! Bitte sag doch was.« Ich sprach sie weiterhin verzweifelt an. Aber sie reagierte nicht. Der regungslose Ausdruck in ihren leeren Augen lähmte mich vor Angst.

»Schatz, bitte rede mit mir. Laura, um Gotteswillen.«

In der Verzweiflung versuchte ich, sie aus dem Sitz zu befreien, aber die Trümmerteile des Fußraumes und des Armaturenbrettes hatten sie brutal eingeklemmt. Erst da bemerkte ich, dass die komplette Beifahrerseite durch den Aufprall zusammengepresst worden war und meine Tochter mit den Beinen im Fußraum eingekeilt war wie in einen Schraubstock.

Ich versuchte alles Mögliche, um ihr zu helfen. Ich sprach sie immer wieder an, nahm ihr Gesicht in meine Hände und suchte vergeblich etwas in ihrem leeren Blick, was mir Hoffnung geben könnte.

Ein Moment, in dem Sekunden zu einer quälenden Ewigkeit wurden.

Mein Schlüsselbein ragte wie ein spitzer Speer aus dem Oberkörper und ich spürte einen bebenden Schmerz, der sich von den Füßen bis zum Kopf ausbreitete. Mein Gesicht war gefühlt eine Masse aus rohem Fleisch und ständig schoss neues Blut aus der klaffenden Wunde auf der Stirn. Aber einem Vater, der seine Tochter leblos neben sich sitzen sah, ist das egal.

Ich fühlte ihren Puls und schöpfte Hoffnung.

»Großer Gott, bitte bring mir mein Kind zurück. Hast du gehört? Bring mir meine Laura zurück.«

Ich schrie in dem Autowrack, bis meine Kraft versagte und ich heiser wurde.

Irgendwann kam ein anderes Fahrzeug zur späten Stunde auf der verlassenen Landstraße entlang. Ein Mann hielt an und versprach, zur nächsten Telefonzelle zu fahren und den Notdienst zu verständigen.

Die Feuerwehr rückte an und sie begaben sich sofort daran, Laura aus dem Autowrack zu befreien. Ich wollte ständig zu ihr, während die Rettungskräfte mich zurückhielten und versuchten, mich zu beruhigen. Ich wurde von einer Polizistin betreut, die auf mich einredete, aber ich glaube, ich habe nur dort gestanden und geschwiegen. Die Dame von der Polizei legte mir eine Decke über die Schulter und begleitete mich zu einem der Krankenwagen, in dem ich von der Ambulanz versorgt wurde. Ich hoffte, dies wäre alles nur ein böser Traum und ich würde gleich munter neben meiner Frau Agnes aufwachen, ins Kinderzimmer meiner Tochter gehen und sie zum Frühstück wecken, ihr einen Kakao und Cornflakes zubereiten.

Aber die Realität war ein endloser Horror, der mich mit auf eine Reise in die Welt der Abgründe in jener regnerischen Nacht nahm. Ich stand vor meinem zusammengepressten Wagen im strömenden Regen und schaute teilnahmslos zu, wie die Feuerwehrleute mit Hydraulikzangen mein Kind aus den Trümmern befreiten.

Das flackernde Blaulicht, dazu dieser unnachlässige Regen, diese Schmerzen und Qual und dieser eine Wunsch, dass dies alles nur ein Albtraum sei.

Nach einer gefühlten und quälenden Ewigkeit nahm einer der Männer Laura aus dem Wagen, während ihre Arme leblos wie die einer Puppe nach unten baumelten.

Aus dem Fenster des Krankenwagens sah ich, wie meine Tochter auf eine Bahre gelegt und abtransportiert wurde. Apathisch schaute ich auf die Rückleuchten des Krankenwagens, dem wir folgten, und ich nahm nichts wahr außer dem schlimmen Rauschen in meinen Ohren und dieser entsetzlichen Angst.

Im Krankenhaus wehrte ich mich dagegen, dass man mich versorgte, denn ich wollte nur eines wissen: Wie ging es meiner Tochter, die ein paar Zimmer weiter um ihr Leben kämpfte. Ich durfte im Krankenhaus telefonieren und rief meine Frau Agnes an. Sie weinte fürchterlich am Telefon, krampfartig schrie und brüllte sie. Ich versprach ihr, dass alles gut werden würde und unsere Tochter stark sei.

»Sie ist eine Kämpferin, sie schafft das.«

Es war auch gleichzeitig eine Bitte an Gott. An den ich bisher nicht mal einen Gedanken in meinem Leben verschwendet hatte. Jetzt sollte er aber gefälligst für mich zur Stelle sein, mein Kind retten und beweisen, dass es ihn gab.

Es war eine furchtbare regnerische Nacht. Ich hätte auf meine Frau Agnes hören sollen. »Komm, bleib daheim, du kannst morgen früh Laura abholen.«

Ich war ungehalten und wollte meine Tochter an diesem Abend noch bei ihrer Freundin abholen, auch wenn ich erschöpft und müde von der Arbeit im Kraftwerk war. Mit meinem alten Audi kämpfte ich mich durch den Regen und holte sie ein paar Ortschaften weiter bei der Freundin ab. Die beiden Mädchen hatten sich einen Film angesehen. Nichts für Erwachsene, eher etwas für zwölfjährige Kinder wie meine Tochter.

Ihr herzhaftes Lachen während der Rückfahrt hallte noch in meinen Ohren nach und heute ist mir klar, wie vergänglich auch dies sein kann und wie gerne ich sie noch mal lachen hören würde.

Auf der Rückfahrt redeten wir ausgelassen und ich schaute oft hinüber in ihr strahlendes Gesicht, während sie ganz aufgeregt von dem schönen Abend bei ihrer Freundin erzählte. Ich beugte mich über das Lenkrad und drosselte die Geschwindigkeit, denn der Regen hörte nicht auf. Riesige und tiefe Wasserpfützen bildeten sich am Rand der Landstraße. Ich versuchte mich zu konzentrieren und kämpfte gleichzeitig gegen meine Müdigkeit an. Laura redete von Minute zu Minute immer weniger und nickte bald auf dem Beifahrersitz ein. Es waren nur noch wenige Kilometer bis daheim und ich spürte mit jedem gefahrenen Meter eine Erleichterung und wollte nur noch nach Hause. Doch dann geschah es.

Die Polizei befragte mich später, wie es zu dem Unfall gekommen war, da ich auf gerader Strecke von der Fahrbahn abgekommen und gegen den Baum geprallt war. Ich gab zu Protokoll, dass ein entgegenkommendes Fahrzeug die Kontrolle verloren und auf meine Fahrbahn geraten sei. Die Scheinwerfer des Wagens hatten mich geblendet und ich verriss das Steuer, um einer Kollision zu entgehen. An das Kennzeichen oder gar an die Automarke konnte ich mich nicht mehr erinnern. Wie gesagt, ich schaute voll in die strahlenden Scheinwerfer und war geblendet. Die Polizei zweifelte ein wenig an meiner Aussage, da meine Erklärung etwas verspätet und stockend rüberkam. Dies war wahrscheinlich auf den Schock zurückzuführen, den ich erlitten hatte. Die Polizei stellte eine Fahndung aus und ermittelte nach dem fremden Unfallverursacher. Aber ohne Erfolg, was für mich nebensächlich war.

Diese eine Nacht vor fünfundzwanzig Jahren, in der ich mein Kind verlor, und seitdem weiß, wie viel Leid ein Mensch ertragen kann in diesem Leben, bis er sich letztendlich selber aufgibt.

Langsam erwache ich aus einer weiteren unruhigen Nacht und blinzele mir die Restmüdigkeit aus den Augen. Draußen ist es schon hell. Einige Lichtstrahlen fallen durch die Rollladenschlitze in mein zehn Quadratmeter Schlafzimmer und werfen winzige helle Punkte auf den abgetretenen Teppichboden. Ich beobachte die Staubpartikel, die in den Sonnenstrahlen schweben und tanzen wie kleine Kometen in einem endlos langweiligen Universum. Jeden Augenblick klingelt der Wecker und gibt den Startschuss für einen weiteren Tag voller Tristess und Einfältigkeit, an dem ich nutzlos in meinem kleinen Loch abhängen werde. Obwohl ich schon fast fünf Jahre in Pension bin, stelle ich mir trotzdem den Wecker zu der gleichen Zeit wie die fünfundvierzig Jahre davor, als ich mich noch jeden Morgen ins Kraftwerk schleppen musste. Eine Gewohnheit, die ich mir nicht erklären kann, wie so viele andere Eigenarten, die ich einfach mache, ohne nach dem Sinn zu fragen.

Der Wecker bimmelt los und bekommt sofort einen gezielten Hieb auf den Ausknopf. Ich schlage die Decke zur Seite und wuchte meinen dürren Oberkörper hoch. Mit einem dumpfen Knacken in den Kniegelenken lasse ich die Beine nach unten baumeln und bleibe auf der Bettkante sitzen. Meine Füße suchen den Weg in die Filzpantoffeln, nachdem sie sich durch die Kleidungsstücke gekämpft haben, die auf dem Boden verstreut liegen. Ich schaue gegenüber in den verschmierten Spiegel des Kleiderschranks. Erkenne den gleichen hageren alten Mann mit schütterem grauen Haar und faltigem Hals wie an jedem anderen Morgen auch, wenn ich mein Spiegelbild sehe und mich in dem billigen gestreiften Schlafanzug mustere. Mit einem erneuten Gelenkknacken richte ich mich auf und reiße die Rollos scheppernd nach oben und schaue aus müden Augen in den Wohnpark und auf die hässlichen Hochhäuser ringsherum.

Donnerstag, sieben Uhr fünfundvierzig.

Um diese Uhrzeit ist es in dem Park noch sehr ruhig bis auf ein paar junge Leute, die auf dem Spielplatz rumlungern. Mütter, die rauchend in Jogginghosen auf der Parkbank sitzen, während ihr Nachwuchs kreischend im Sandkasten zwischen Katzenscheiße und Zigarettenfiltern rumbuddelt.

In einem wohnbaren Albtraum wie diesem Plattenbau landet man entweder als Arbeitsloser, als Alleinerziehende oder, wie in meinem Fall, als Rentner mit einer Pension, die so gering ist, dass ich ernsthaft überlege, das Rauchen einzustellen. Das Geld reicht einfach hinten und vorne nicht aus, obwohl ich wenige Bedürfnisse und Ansprüche habe. Als meine geliebte Frau noch lebte, war das Leben irgendwie leichter. Wir führten ein bodenständiges, aber glückliches Leben und hatten draußen auf dem Land ein Häuschen mit einem Garten. Ich verdiente im Kraftwerk durchschnittlich und meine Frau Agnes arbeitete Vollzeit in der Bäckerei im Nachbardorf. Besonders liebte ich es, wenn ich heimkam und der Duft von frisch gebrühtem Kaffee und frischem Gebäck, welches sie immer aus dem Laden mitbrachte, mir im Hausflur in die Nase stieg. Entspannt saßen wir dann in der gemütlichen Küche zusammen und erzählten uns eigentlich immer denselben Kram über die Arbeit, den Ärger mit den Kollegen, das Wetter und solche Dinge halt. Aber es war egal, denn ich liebte diese Einfachheit, die Häuslichkeit, dieses Ankommen.

Heute vermisse ich diese Ordnung, diese Struktur und das Gefühl, ein Zuhause zu haben. Ich schaue auf meine runzeligen, leberbefleckten Hände und sehe in der Spiegelung des Fensters einen alten Mann, der alles verloren hat und eine zermürbende Einsamkeit ertragen muss, bevor auch sein letzter Tag kommen wird. Das Leben hat mir auf meine alten Tage sichtlich schlechte Karten in die Hand gegeben.

Ich wende mich vom Schlafzimmerfenster ab und schlurfe ins Badezimmer. Reiße den Duschvorhang zur Seite und betrachte die bräunlich stinkende Jauchegrube, die seit Wochen knietief in der Badewanne vor sich hinmodert. Einen Klempner für den verstopften Abfluss zu bestellen oder gar meinen Vermieter anzusprechen, ist mir zuwider. Ich ziehe den Vorhang zu und werde vielleicht nächste Woche noch mal schauen, ob der übel riechende Sumpf vielleicht doch abgeflossen ist. Demnach muss ich auch heute auf eine Dusche verzichten. Gehe zum Waschbecken und spüle mir eiskaltes Wasser ins Gesicht. Rasieren, Gebiss einsetzen, versuchen, die großen Geheimratsecken mit meinem Streifen Resthaar zu bedecken, und schließlich die Garderobe wechseln, vom Pyjama in den Trainingsanzug. Kurz checke ich mein faltiges Gesicht im Spiegel über dem Waschbecken und setze die Brille auf. Grimmig betrachte ich mein Spiegelbild und stelle fest, dass ich mit dem schmierigen Scheitel und der Hornbrille aussehe wie ein peinlicher Möchtegern-Ganove aus einem billigen Italo-Krimi aus den Siebzigern. Ich bleibe einige Augenblicke am Spiegelbild hängen und schaue tief in meine alten, mit Krähenfüßen verzierten grauen Augen.

›Lenny, alter Junge. Du bist alt geworden.‹ Meine Gedanken werden laut, während ich immer tiefer in meinem traurigen Blick versinke.

Die vielen Jahrzehnte harter Schichtarbeit im Kraftwerk hatte ich mir ganz locker aus der Kleidung geklopft, nicht aber das Leid und die quälende Einsamkeit der letzten Jahre.

Die Pension war mein rettendes Ufer, was sich anfühlte wie ein Wiedersehen mit einer längst verlorenen Freiheit. Agnes und ich hatten große Pläne. Nach dem tragischen Unfall und dem Tod unserer Tochter stand unsere Beziehung auf der Kippe. Ich glaube, nach so einem Schicksalsschlag zerbricht eine Beziehung - oder sie wird stärker. Der Verlust von unserem einzigen Kind schweißte Agnes und mich jedenfalls mehr zusammen. Wir wollten starke Menschen sein und dem mächtigen Gewicht des Schicksals trotzen. Heute habe ich manchmal das Gefühl, dass noch eine unglaubliche Last an Trauer auf mir lastet und ich das, was damals in dieser albtraumhaften Nacht geschah, als Laura gehen musste, nie so recht verarbeitet habe.

Ja, ich wollte und musste stark sein. Ich wollte meiner Frau eine Stütze sein in dieser schlimmen Zeit. Die Jahre vergingen und wir lernten, mit dem Schmerz und dem Verlust umzugehen. Irgendwann beschlossen wir, unseren Lebensabend woanders zu verbringen. Wir liebten zwar den Ort Holdenwalde, wo unser schönes Häuschen stand, aber wir wollten dennoch alles hinter uns lassen und unsere Sehnsucht nach der Sonne im Süden stillen und auswandern, wenn wir beide in Rente gingen. Alles kam anders.

Ich verlor nicht nur meine Tochter, sondern zuletzt auch Agnes, meine andere große Liebe. Woher sollte ich nun Mut und Ansporn gewinnen, um meinem Leben wieder einen Sinn zu geben? Die Spirale des Unheils setzt sich weiter fort, aber mit deutlich höherer Geschwindigkeit.

Ein weiterer Tiefpunkt traf mich, als ich die Tilgungsrate für unser Landhäuschen allein nicht mehr bezahlen konnte und mir nichts anderes übrig blieb, als in diesen Moloch, in diese hässliche Kleinstadt Dremmen zu ziehen. Die Träume und Visionen von einer harmonischen Zweisamkeit auf einer Trauminsel wurden eingetauscht gegen eine deprimierende Einsamkeit in einem Betonknast.

Wie soll das alles weitergehen, Lenny? In meinen alten, müden Augen konnte ich keine Antwort lesen.

Nachdem ich meine morgendliche Portion Selbstmitleid aufgebraucht habe, wende ich mich vom Badezimmerspiegel ab, latsche in die Küche und setze mir einen Kaffee auf. Bereite mir ein Müsli, einen Toast mit Marmelade und lege mir Teller und Besteck raus fürs Frühstück. Während die Kaffeemaschine vor sich hingluckert, gehe ich im Hausflur die Wendeltreppe nach unten und schaue routinemäßig und sorgfältig im Briefkasten nach, aber außer ein paar Werbeprospekten und der Zeitung ist nichts drin. Später, gegen Nachmittag, werde ich noch mal nachschauen, ob dann eventuell Post angekommen ist oder vielleicht sogar ein Brief oder eine Rechnung, die ich dann ungeöffnet zu den anderen legen werde. Mit der Zeitung unter dem Arm gehe ich zurück in meine Wohnung. Schenke mir einen Kaffee ein, setze mich an den vollgestellten Küchentisch und räume mir mit dem Ellbogen eine kleine Ecke auf der klebrigen Tischplatte frei. Den Toast tunke ich in den Kaffee und überfliege die Berichte auf der Hauptseite der Zeitung.

John Lennon ist vor ein paar Monaten gestorben. Er wurde vor seinem Appartement erschossen. Die Zeitungen berichten seitdem von nichts anderem mehr. Aber auch das ist mir egal. Ich blättere weiter durch die Zeitung. Nichts davon interessiert mich wirklich, aber die belanglosen Berichte über Lokalsport und Klatsch und Tratsch bieten mir eine angenehme Zerstreuung, um von meiner grässlichen Stimmung abzulenken.

Der Morgen plätschert so dahin.

Ich greife nach der Zigarettenschachtel auf dem Tisch und zünde mir eine Kippe an, inhaliere mit einem leichten Huster den ersten Zug und blase einen Qualmkringel zur vergilbten Decke. Nachdem ich alle Unwichtigkeiten der Tageszeitung studiert habe, falte ich sie zusammen und werfe sie auf den Küchentisch zu dem Haufen Altpapier. Ich nippe am Kaffee und lehne mich auf der Küchenbank zurück. Meine Hände vergrabe ich tief in den Taschen der Trainingsjacke, während der Zigarettenstummel im Mundwinkel steckt, und lausche dem Ticken des Sekundenzeigers der Küchenuhr über der Tür. Es ist kurz nach neun Uhr und ich überlege, was ich heute so machen könnte. Draußen scheint die Sonne und wirft einen breiten Lichtstrahl vom Schlafzimmerfenster aus in den schmalen Wohnungsflur. Ich drücke den Stummel in dem Blechaschenbecher aus und reibe mir grübelnd das frischrasierte Kinn. Dann stehe ich erst mal auf und räume das Geschirr vom Tisch ins Waschbecken, in dem sich Tassen und Teller turmweise stapeln. Mit einem Schmatzen öffne ich den Kühlschrank, räume die Marmelade ins Fach und fummele die Dichtung, die jedes Mal rausfällt, wieder in die Tür.

Plötzlich klingelt es an der Wohnungstür. Kurz zucke ich zusammen, da dieses Klingeln mir nicht sehr vertraut ist und Besuch oft nichts Gutes bedeutet. Ich öffne die Wohnungstür und werde in meinem schlechten Gefühl bestätigt. Mein Vermieter, Herr Trimbach, mit seiner Frau. Herr Dr. Wolfgang Trimbach ist ein richtiger reicher Vorzeigespießer. Gut situiert, bürgerlich hoch angesehen, als Tausendsassa im Immobiliengeschäft bekannt und nebenher betreibt er noch als Anwalt für irgendwas seine eigene Kanzlei. Also kurzum: ein Mann des Geldes und der Macht. Er baut sich in seiner autoritären Art als Großgrundbesitzer, erfolgreicher Jurist, toller Familienmensch und Vorzeigekotzbrocken vor mir auf. Dabei wirft er mir einen bitterernsten Blick entgegen. Seine Frau Gabriele schaut mich bestürzt an und zieht eine spitze Schnute mit ihrem rot angepinselten Faltenmund. Ich weiß ganz genau, warum diese beiden alten dekadenten Geldsäcke heute hier sind: aus dem gleichen Grund wie einen Monat zuvor.

»Guten Tag, Herr Kosalla«, entgegnen mir beide fast synchron. Er in einer fordernden und bestimmenden Art, sie in einer unechten Bestürztheit, als gäbe es etwas Dramatisches zu betrauern bei mir. Sofort legt er in einer herablassenden Weißer-Mann-Plantagenbesitzer-Art los und weist mich auf meine Mietzahlungsrückstände hin. Frau Trimbach schaut weiterhin ergriffen zu mir und legt den teuren Kaschmirschal um ihren runzeligen Hals zurecht, aber so, dass ich das goldene Collier noch sehen kann. Ich ringe um Worte und kann ihm nur wie beim letzten Mal eine Entschuldigung anbieten. Zumal ist Ordnung und Pflicht nicht gerade zu meiner Königsdisziplin geworden, seitdem ich mich für ein depressives Rentnerleben entschieden habe.

»Sie haben auf die Mahnung nicht reagiert, Herr Kosalla.«

»Ja, hatten Sie mir denn überhaupt eine Mahnung geschickt?« Ich versuche nun, ganz entrüstet zu gucken, und mache es Frau Trimbach mit ihrem Beerdigungsgesichtsausdruck gleich.

»Ja, das hatte ich, bereits nach der zweiten nicht geleisteten Zahlung.«

Ich streiche über meine Wangen, so als wenn ich einen langen Bart am Kinn glattstreifen würde. Dann erspare ich mir eine weitere Erklärung, unter anderem dass Mahnungen und Rechnungen bei mir ungeöffnet in einem Schrankfach verschwinden, welches ich als ›Schwarzes Loch der Bürokratie‹ oder auch die ›Leckmich-Schublade‹ bezeichne.

Sein Blick bleibt fordernd an mir hängen, während ich mich frage, ob es nicht unangenehm ist, das Hemd bis zum obersten Knopf zu schließen und Herr Trimbach sich aufgrund seines Narzissmus´ selbst strangulieren könnte. Während der Hausherr mir weiter eine Predigt über Anstand und Zahlungsmoral hält, schaut seine Frau an meiner Schulter vorbei in die Wohnung und versucht, noch mehr Theatralik und Bestürztheit in ihre geschminkte Visage zu legen.

»Nun, Herr Kosalla, ich bin heute eigentlich vorbeigekommen, um Ihnen das hier persönlich zu geben.« Er greift in die Innentasche des Sakkos und ich benötige keine außergewöhnlichen Fähigkeiten, um zu erraten, was in dem Brief wohl drinstehen mag, den er mir überreicht. Zaghaft nehme ich ihn entgegen und schaue derart betroffen auf den Umschlag, wie man eine Kündigung nur anschauen kann.

»Sie kündigen mir?«

»Es tut mir leid, Herr Kosalla, aber Ihre Zahlungsmoral und auch Ihre Ignoranz sind für mich nicht weiter tragbar.«

Zitternd halte ich den Brief in den Händen und kämpfe mit dem Magen, der von einem plötzlichen Krampfen eingenommen wird. Ich habe Schwierigkeiten, Worte zu finden, um meine Hilflosigkeit auszudrücken, um bei meinem Vermieter Herrn Trimbach so etwas wie Verständnis oder Einsicht zu wecken.

»Herr Trimbach, ich bitte Sie … Ich möchte es Ihnen erklären.« Ich versuche mich um einsichtige Worte, aber er schüttelt den Kopf.

»Nein, Herr Kosalla, ich will Ihre Erklärung nicht hören.«

Ich schaue ihn weiterhin hoffnungsvoll und glaubend an, vielleicht so etwas wie Mitgefühl oder Gnade in seinen Augen zu finden. Aber es sind die entschlossenen und kalten Augen eines bürokratischen Geldliebhabers und nicht die sanften eines empathischen Moralisten. Ich lasse meinen Blick zu Boden sinken und denke mir: ›Was soll ´s!‹ Mit ihm über meine psychischen Anliegen und Störungen zu sprechen, ist so erfolglos, wie eine Menschenrechtsreform in einer Diktatur anzusprechen.

»Herr Kosalla, ich bitte Sie, in spätestens drei Monaten die Wohnung besenrein bei der Schlüsselübergabe zu hinterlassen.«

Ein erneuter Schlag trifft meine Eingeweide mit der Wucht einer Kanonenkugel. Diese Auflage wird allerdings schwierig zu erfüllen sein, denke ich, und genau in diesem Moment meldet sich seine Frau zu Wort.

»Sag mal, Wolfgang, riechst du das auch?« Sie stupst ihren Mann an.

Ganz unschuldig schaue ich über meine Schulter in die Wohnung und gucke zu den Müllbergen, die im Wohnungsflur gelagert sind. Herr Trimbach rümpft die Nase und schärft seine Augen Richtung Hausflur.

»Herr Kosalla, großer Gott, was ist das denn?«

Ich betrachte die plattgetretene Schneise, die sich auf den Müllschichten im Hausflur gebildet hat. Ein schmaler Fußpfad zwischen Unrat, Krempel, Müll und irgendeinem Zeug, welches ich mal angeschleppt habe und dachte, ich würde es noch mal brauchen, der sich meterhoch zu beiden Seiten stapelt.

»Herr Kosalla, äh, dürfte ich mal?«

Ich schaue demütig zu Herrn Trimbach, trete einen Schritt zur Seite und gewähre ihm verzweifelt Zutritt zu meiner Krempelhölle. Er schiebt sich an mir vorbei und betritt die Wohnung. Vorsichtig folgt seine Frau, deren Mimik inzwischen von Mitleid und Betroffenheit zu Ekel und Entsetzen gewechselt ist.

»Herr Trimbach, ich habe aber wenig Zeit ...« Meine Bitte bleibt mir im Halse stecken und ich sehe, wie beide meine Wohnung durchschleichen wie zwei Kriminalbeamte, die eine Leiche suchen. Beide gehen den schmalen Pfad zwischen den Müllbergen, Plastiksäcken, Tüten, Leergut, Kleidungsstücken und Kartons in die Küche, in der Frau Trimbach einen Laut ausstößt, als würde dort Charles Manson sie mit einem Fleischermesser willkommen heißen.

»Mein Gott, sieht das hier aus.« Herr Trimbach wundert sich und mustert mein Chaos aus Unrat, dreckigem Geschirr, prall gefüllten Hausmüllsäcken und stapelweise Altpapier.

»Und dieser Gestank, Wolfgang …« Seine Gattin sucht Schutz an der Seite ihres Mannes vor dieser ihr unbekannten Welt der totalen Verwahrlosung. Sie presst sich den Kaschmirschal an die gepuderte Nase, während sie geschockt den schwarzen Fliegenfänger begutachtet, der von der Decke baumelt, um den herum große Brummfliegen kreisen. Herr Trimbach reckt den Kopf über die Spüle und zuckt wie von einem Stromschlag zurück. Wahrscheinlich hat er gerade die offene Raviolidose zwischen den dreckigen Geschirrbergen entdeckt, die schon seit einer Woche dort offen steht und deren Restinhalt von Maden zersetzt wird.

So ein Pech, dabei wollte ich die Dose gestern entsorgt haben. Schaue verlegen in seine Augen und versuche mich in Erklärungen wie ein kleiner Schuljunge.

»Äh, Herr Trimbach, ich weiß, dass ich ein leichtes Defizit in der Haushaltsführung habe, aber Sie können nicht unangemeldet einfach hier eindringen. Das ist mein Privatbereich.«

Ich versuche, mich krampfhaft in einem guten Sprachgebrauch auszudrücken, welcher vielleicht dieses Müllchaos übertünchen könnte.

»Leichtes Defizit? Sind Sie krank, Herr Kosalla? Das ist widerwärtig ... Das ist abstoßend ...«

»Das ist asozial.« Frau Trimbach ergänzt den Satz, zählt wohl dabei die zermatschten Fliegenleichen an der Tapete über dem vollgemüllten Esstisch, auf die ihr Augenmerk gelenkt ist. Wie ein getretener Hund schaue ich auf den klebrigen Boden und bitte beide in meiner Verzweiflung und dem Anflug von Scham, sie sollen nun gehen. Mein Vermieter lässt kopfschüttelnd seinen Blick durch die siffige Küche schweifen und weist mich des Weiteren darauf hin, dass dies sein Eigentum sei und ich hier unter anderem Sachbeschädigung betreibe.

»Sie tun mir echt leid, Herr Kosalla, aber das wird alles Konsequenzen haben. Das hier!« Er lässt seinen Finger durch die Küche gleiten. »Und auch Ihre Zahlungsmoral. Guten Tag, Herr Kosalla. Komm, Schatz.«

Er nimmt seine Frau an die Hand und verlässt die Küche.

»Wolfgang, das ist ekelhaft und grausam«, höre ich sie noch sagen, während die Wohnungstür zuschlägt.

Ich stehe allein in der Küche mit der Kündigung in meiner Hand und empfinde für diese beiden mindestens genauso viel Abneigung wie sie für mich und meine Haushaltsführung.

Schlendere zum Küchenfenster und sehe, wie der schwere Mercedes der Trimbachs davonfährt. Kann mir gut vorstellen, wie er gleich in seiner Stadtvilla den wohlerzogenen hochstudierten Kindern von einem seiner asozialen Vermieter erzählen wird. Während sich seine feine Frau von den traumatischen Eindrücken meiner messihaften Parallelwelt erholen muss und dies auch morgen ihren affektierten Freundinnen beim Branch vorträgt. Die Welt wird regiert von alten weißen Männern in teuren Lederschuhen. Ich hasse sie. Reiches Bonzenpack.

Aber sie haben recht.

Wäre wie auf einem Rummelplatz über meiner Haustür ein Leuchtschild angebracht mit der blinkenden Aufschrift Willkommen in Lennys Geisterbahn der totalen Verwahrlosung, könnte jeder ordentliche Normalmensch noch über meine krankhafte Neigung lachen und sich amüsieren. Aber alles, was sich in meiner Wohnung zeigt - und auch in mir zeigt -, ist eher zum Weinen als zum Lachen. Diese Unordnung, die zuerst in mir herrschte und sich dann im Außen zeigte, begann kurz nach Agnes´ Tod, nachdem ich mich komplett aufgegeben habe. Ich war damals ein durchaus disziplinierter Mensch mit einem Sinn für Sauberkeit und Ordnung, was mir extrem wichtig war. Alles hatte seinen Platz und ich hasste jegliche kleine Unordentlichkeit. Mit militärischer Präzision faltete ich meine Bügelwäsche und ordnete sie, nach Farben und Größe sortiert, in pingeliger Manier in meinen Kleiderschrank ein. Der Fliesenboden, Fenster und Möbel immer frisch geputzt und alle weiteren Dinge liebevoll und akkurat in den Schränken und Schubladen einsortiert. Als Agnes starb, verließ mich diese Eigenschaft und verwandelte sich in das absolute kranke Gegenteil. Die Notwendigkeit, mich von Dingen zu trennen oder Gegenstände und Kleidungsstücke zu entsorgen, wurde in einen Zwang des Aufbewahrens umgewandelt. Das Loslassen ist zu einer Unüberwindbarkeit geworden seit diesem tragischen Ereignis, als meine Frau gehen musste.

Ich stehe noch immer im Hausflur, schaue mich um und sehe überall aufgestapelte Berge von Zeugs, angesammelten Dingen, die ich wahrscheinlich nie wieder brauchen werde. Türme von Sinnlosigkeiten, Schrott und Müll umgeben mich und ich betrachte verbittert diese toten Gegenstände, als wenn sie an meiner gestörten Neigung schuld wären. Krampfhaft halte ich an diesen Dingen fest und schleppe ständig neue Sachen an, nachdem ich zwei geliebte Menschen in meinem Leben loslassen musste, die nie wieder zurückkommen werden.

Über so viel Selbstreflexion verfüge ich dennoch und kann es mir eingestehen, dass ich krank bin. Von meinem eigentlichen Ordnungssinn blieb nichts mehr übrig. Mein damaliges geliebtes Haus habe ich innerhalb weniger Jahre in eine Krempelhölle verwandelt. Bei meinem Auszug musste es durch ein Unternehmen fachgerecht entmüllt werden und auch der Kammerjäger hatte eine Menge mit der Maus- und Ungezieferplage zu tun.

Ich hinterließ ein unbewohnbares Schlachtfeld und habe innerhalb weniger Zeit hier in dem Betonbunker ein neues erzeugt. Aber es war mir egal. So wie vieles andere auch.

Ich verlasse die Küche und betrete den Raum, in dem ich die meiste Zeit des Tages verbringe: mein Wohnzimmer. Eine abgelatschte Schneise, zwischen Krempel und Abfall auf dem filzigen Teppichboden führt zum grünen Stoffsofa und dem dazugehörigen Fernsehsessel. Das Chaos zeigt sich in seiner ganzen Mannigfaltigkeit aus Tüten, Kisten, Kartons, Zeitungsstapeln und Getränkekisten, die in der ebenfalls vermüllten Küche keinen Platz mehr finden.

Mein Fernsehsessel wirkt wie ein Rettungsboot, das auf den Bergen von Müll und Unrat schwimmt und wohl noch eine der wenigen zugänglichen Sitzgelegenheiten in meiner Bude ist. Das Stoffsofa habe ich schon lange nicht mehr gesehen, da es auch vollständig von der Müllmetamorphose eingenommen worden ist und ich seine Position nur noch erahnen kann.

Mit einem ächzenden Quietschen der Sitzfedern schmeiße ich mich in den Sessel und greife nach der Fernbedienung, die neben dem großen lilafarbenen Glasaschenbecher auf dem kleinen Abstelltisch liegt. Flitsche ein paar verkrustete Essensreste von der Fernbedienung und schalte die Glotze an. Ich halte es für eine gute Idee, mir die morgendlichen Talkshows und Gewinnshows anzugucken, bevor ich noch weiter verzweifelt grübele, was ich heute machen könnte. Solange ich eine Schachtel Zigaretten und das Fernsehprogramm habe, hat der Tag Struktur. Ich versinke tiefer in den abgewetzten Sitzpolstern meines Sessels. Verwurzele dort für weitere Stunden und amüsiere mich über die ganzen Idioten, welche sich in den Talkshows anschreien und anblaffen.

Es ist inzwischen später Nachmittag und ich raffe mich auf, um mir in der Küche ein Mittagsessen zu machen. Das geht immer relativ schnell. Ein begabter Koch war ich noch nie, das Talent besaß eindeutig Agnes. Sie war ein wahrer Magier in der Kochkunst und ihre Speisen stets ein Gedicht. Ganz zu schweigen von dem zauberhaften Kuchen, der unvergleichlich war.

Ich öffne die Kühlschranktür, an der mir wieder die Dichtung entgegenspringt, und entnehme eines von den aufgestapelten Fertiggerichten aus dem klebrigen Kühlfach. Den säuerlichen Geruch, der mir aus dem Kühlfach entgegenschlägt, kann ich schwer definieren, wohingegen die muffige und stickige Luft in meiner Bude fast schon eine milde erfrischende Brise ist. Der Inhalt meines Kühlschrankes wäre wahrscheinlich für jeden Bakteriologen ein interessantes Forschungsobjekt,, um neue Mikrolebensformen zu entdecken. Die Innenverkleidung war, glaube ich, mal ein strahlendes Weiß, als ich eingezogen bin. Inzwischen wirkt mein Kühlschrank wie eine glänzend gelbbräunliche Bernsteinhöhle, an deren Wänden sich abstrakte Formen aus organischem Gewebe der verschimmelten Lebensmittel gebildet haben. Ich schließe rasch die Kühlschranktür, bevor mir noch der Appetit vergeht. Die Plastikschale lege ich in die Mikrowelle und lehne mich an den Küchentisch, bis ein lautes Ping verkündet: Essen ist fertig. Ich reiße den Deckel ab und setze mich mit dem dampfenden Nudelgericht vor die Glotze, wo gerade ein geschniegelter junger Mann mit einem breiten Showstarlächeln das Wetter ankündigt. Ich rühre in der Pampe umher und der scharfe Geruch von Zusatzstoffen steigt mir in die Nase.

Was auf der Verpackung tatsächlich nach einem leckeren asiatischen Nudelgericht ausgeschaut hat, sieht in Wirklichkeit eher aus wie ein überfahrenes Tier am Straßenrand. Und es schmeckt auch so. Meine Stirn wirft noch mehr Falten, als sie ohnehin schon hat, und ich würge den Fraß mit einigen Bissen hinunter. Beiläufig schaue ich, was der Schönling von den Wetternews mitzuteilen hat.

»Also, meine Damen und Herren, diese Woche wird der bisher mäßige lange Frühling durch einen regelrechten Kickstart des Sommers abgelöst. Angenehm warme Temperaturen um die zwanzig Grad bei vollem Sonnenschein versprechen gute Laune bei bestem Wetter ...«, verkündet der Wetterfrosch mit weißblitzenden Zähnen.

Der Gedanke schießt mir in den Kopf, bei der Wetterprognose mal vor die Tür zu kommen, meine Sachen zu packen und einen Ausflug ins Grüne zu unternehmen. Weg vom Fernseher, raus aus dieser einengenden Wohnung, hinaus aus dieser deprimierenden Stadt. Einen Ausflug wie ich ihn damals oft mit meiner Frau gemacht habe.

Diese Gedanken wecken die Erinnerung an vergangene Tage, als wir noch junge Leute waren und uns kennenlernten. In kurzen Hosen streiften wir durch die Wiesen und Wälder und tauschten verliebte Blicke aus. Ich war leidenschaftlicher Fotograf, überwiegend von Landschaften. Bekannte wie auch meine Frau sprachen mir eine Menge Talent zu und sahen darin für mich eine Berufung. Es blieb jedoch ein schönes Hobby, das mich viele Jahrzehnte begleitete.

Ich stelle den Teller beiseite, da, wo noch Platz auf dem Tisch ist. Erhebe mich aus dem Sofa, gehe zum Wandschrank, der neben dem Fernseher steht, öffne die Glastür und fahre mit dem Finger über den Rücken der einzelnen Bücher. Hier stehen nicht nur Sach- und Fachbücher, Romane und Krimis, sondern auch einige meiner alten Fotobände, die im Keller in den Kartons keinen Platz mehr gefunden haben. Die Bücher sind Relikte aus Agnes` Leben, welche ich nicht entsorgen kann, da viele Bücher handschriftliche Notizen von meiner verstorbenen Frau enthalten. Ich habe es nicht so mit dem Lesen. Meine Fotoalben habe ich seit dem Umzug in diese Mietbude nicht mehr angepackt. Vielleicht, weil ich mich dem Schmerz der Erinnerung nicht stellen will.

Ich schiebe die Brille mit dem Mittelfinger auf den Nasenrücken nach oben und grummele vor mich hin. ›Holland Sommer 1975‹, ›Norwegen 1974‹, ›Ostsee Pfingsten 1972‹, ›Schwarzwald‹, ›Mecklenburg 07/1970‹.

Ich nehme ein unbeschriftetes Album aus der Kiste. Ein welliges Polaroidbild fällt heraus und landet mit der Vorderseite auf dem filzigen Teppichboden. Ich lege das Album beiseite und hebe das Foto auf. ›Grundgütiger‹, denke ich und spüre sofort ein Stechen in den Augen.

Das Einschulungsfoto meiner Tochter.

Wie sie darauf strahlt mit ihren beiden süßen Zöpfen. Die große Tüte voller Süßigkeiten ist fast so groß wie Laura. Sie umklammert die üppig gefüllte Schultüte wie einen flauschigen Teddybären. Rechts von ihr stehe ich, in einem karierten Anzug mit einer braunen Krawatte. Diese Garnitur trug ich damals gerne zu besonderen Gelegenheiten und war immer froh, wenn es einen Anlass gab, für den ich mich mal schick machen konnte, da ich die meiste Zeit meines Lebens einen ölverschmierten Blaumann in der Fabrik tragen musste.

Mein dunkles und damals noch volles lockiges Haar lässig nach hinten gekämmt, blinzelte ich der hoch stehenden Augustsonne entgegen in die Kamera. Agnes hat damals das Foto geschossen. Die restlichen Bilder von der Einschulung werde ich wahrscheinlich in dem Ordner finden, sofern ich diese sehen möchte und ertragen kann.

Meine Laura. Unser geliebtes Kind.

An diesem Tag im August vor gut dreißig Jahren war unsere Welt noch in Ordnung und wir ahnten nicht, welch eine Katastrophe uns ein paar Jahre später unseren Sonnenschein für immer wegnehmen würde.

Meine Gedanken bleiben kurz bei meiner Laura und ich falle wieder weit in die Zeit zurück zu dem letzten Gespräch, das ich mit ihr geführt habe. Auf der Autofahrt in jener Nacht.

Ich schau das Foto in meinen Händen an, schließe die Augen und erinnere mich.

»Na, wie war ´s? Habt ihr beiden einen schönen Tag gehabt?«

Laura brummte etwas mürrisch auf, wahrscheinlich war sie ein wenig eingeschnappt, weil ich sie von ihrer Freundin abgeholt hatte und nicht wollte, dass sie dort über Nacht blieb. Für mich war sie noch ein Kind, trotz ihrer zwölf Jahre.

»Was habt ihr zwei so gemacht?« Ich schaute kurz zu ihr rüber und sah, wie sie gelangweilt aus dem Seitenfenster in die verregnete Dunkelheit schaute. Sanft gab ich ihr einen Stups ans Bein. »Na komm schon, Schätzchen, unterhalte dich doch ein wenig mit deinem alten Vater.«

Laura schaute zu mir herüber. »Mama meinte, es wäre okay, wenn ich bei Charlotte übernachte.«

»Ich weiß, Schatz. Aber ich hatte ... Ich hatte einfach kein gutes Gefühl und wollte dich abholen. Charlotte kann gerne bei uns übernachten, wenn sie möchte, und demnächst, wenn ihr euch besser kennt, darfst du auch mal bei ihr über Nacht bleiben. Okay?«

Ich schaute nochmals rüber und lächelte Laura an. Und irgendwie mochte ich es, wenn meine Tochter so vor sich hinschmollte und bald danach wieder in ein Lächeln verfiel - genau wie in diesem Moment.

Der Regen wurde zunehmend stärker und schien fast die Windschutzscheibe zu durchschlagen. Ich stellte den Scheibenwischer auf die höchste Stufe und wünschte in dem Moment, ich könnte ihn auf Lichtgeschwindigkeit umstellen. Ich gähnte lautstark und hielt meine Augen fortan auf den Lichtkegel der Scheinwerfer, die die spiegelnasse Fahrbahn beleuchteten. Den Anflug von Müdigkeit spürte ich, was mir aber nicht so tragisch erschien, und musste mich bei dem Mistwetter mächtig konzentrieren.

»Wir haben ein Buch gelesen.«

Erstaunt hebe ich die Augenbrauen. ›Was? So was machen zwölfjährige Mädchen?‹, dachte ich.

Laura redete weiter und ich hatte zunehmend Schwierigkeiten, ihr zuzuhören, da das Autofahren anstrengender und ich von Minute an erschöpfter wurde. Es war Freitagabend und die lange Arbeitswoche zeigte ihre Auswirkungen. Ich wollte einfach nur noch ankommen in diesem Moment.

»Das Buch handelt von einem Zauberer, der die Menschen verwandelt. Er reist in der Zeit umher und hilft Menschen, die in Not sind ...«

»So so … in der Zeit umher und verwandelt Menschen. Und wie macht er das?«

»Was?«

»Na, das Verwandeln.«

»Menschen, denen es ganz schlecht geht, denen hilft er.«

»Und wie?«

»Er nimmt sie in den Arm und sagt immer diesen einen Spruch.«

»Aha, und welchen Spruch?«

»Was du suchst, sucht auch dich. Dort wo Dunkelheit ist, ist auch bald wieder Licht.«

Das waren die letzten Worte, überhaupt das letzte, woran ich mich erinnern kann vor dem Unfall. Und diesen letzten Satz vergesse ich mein ganzes Leben nicht mehr.

Ich kneife mir in die Nasenwurzel und lege das Foto zurück. Dieses einfache und für mich gewöhnliche Familienleben mit Frau und Kind. Erst Jahre später habe ich bemerkt, was ich an diesem Leben hatte - als beide lieben Menschen weg waren. Damals war natürlich nicht alles rosig.

Wir hatten ein ansprechendes Haus, unsere geliebte Tochter, Freunde, die traumhaften Reisen … Aber das alles wollte finanziert werden. Das Problem des arbeitenden Durchschnittsmenschen war natürlich auch meines.

Das alles ist lange her. Ich kann nicht gerade behaupten, dass ich meinen Beruf in der Fabrik gemocht habe, aber es war ein notwendiges Übel, um unser Leben so zu gestalten, wie wir es mochten. Und es war in Ordnung für mich, mir jeden Tag dort, in dieser Giftküche, das Kreuz kaputtzumachen. Irgendwie mochte ich dieses kleinbürgerliche Dasein. Das klassische Leben einer kleinen Familie aus der grauen Arbeitermittelschicht. Ja, ich fand ´s schön, dieses Normaloleben eines ungebildeten Malochers, der für seine Familie da ist.

Jetzt bin ich ein einsamer alter Mann, der für niemanden mehr da sein kann. Heute blicke ich gerne in meinen damaligen Alltag zurück. Aufstehen, Auto fahren, acht Stunden in der Fabrik arbeiten, essen, schlafen. Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag. Immer derselbe Rhythmus. Es war das stets sich Wiederholende und Gleichmäßige, das Anstrengende und Ermüdende und nicht selten auch das Überfordernde. Der Alltag ist der Ort, an dem unsere Armseligkeit und Begrenztheit, die Gebrechlichkeit und unser Versagen, die Nutzlosigkeit und Erfolglosigkeit unübersehbar zum Vorschein kommen. Daher gibt es wohl im Leben eines jeden Durchschnittsmenschen den Traum, an die Stelle dieses grauen Alltags das Paradies auf Erden zu setzen.

Dieses Verlangen habe ich nicht verspürt.

Die Jahre vergingen wie im Sturzflug und plötzlich bin ich ein alter Mann geworden, dem Haare und Zähne ausgefallen sind und der von morgens bis abends mit der Vergänglichkeit kämpft.

Je älter ich werde, umso mehr erfahre ich die Trauer der leeren Hände. Vieles, was sie angesammelt haben, zerrann zuletzt und fiel in den Abgrund der klagenden Erinnerungen.

Eine liebenswerte Frau und ein bezauberndes Kind in unserem geschätzten Heim - alles nur noch Relikte. Jetzt im Alter, nachdem ich alles verloren habe, sehne ich mich so oft nach meiner Vergangenheit. Bis zu Lauras Tod führten wir eine harmonische Ehe.

Agnes und ich lernten uns schon früh kennen. Sie war meine Jugendliebe. Wahrscheinlich war es diese große Liebe, dieser Zusammenhalt und dieses Vertrauen, das uns nach Lauras Tod zusammenhielt. Eine unglaublich schwere Zeit. Agnes zu sehen, wie sie ihr Kind verloren hatte, schmerzte mich noch mehr, als die Wunde zu betrachten, die in mir klaffte. Ich glaube, wenn wir damals nicht zusammengehalten hätten und getrennte Wege gegangen wären, dann wären wir beide an dem Schmerz eingegangen. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass wir beide wie zwei Schiffbrüchige waren, die sich aneinanderklammerten, gemeinsam ertranken und vielleicht doch hätten hin und wieder loslassen müssen.

Aber dieses gemeinsame Ertrinken machte uns stark. Wir überlebten die mächtigste Krise in unserem Leben gemeinsam. Die Tage nach Lauras Tod waren mehr als ein Abgrund und mehr als die Hölle. In Worte nicht zu fassen. Die Polizei befragte mich Tage später und drangsalierte mich mit den gleichen Fragen wie in der Unfallnacht und wollte mehr Infos über das entgegenkommende Fahrzeug. Doch ich konnte ihnen keine Auskunft geben, da ich außer eines grellen Lichts der Scheinwerfer, die mich blendeten, nichts gesehen habe. Sie bohrten nach, suchten Zeugen, werteten Videomaterial von Verkehrsüberwachungskameras aus, jedoch ohne Erfolg. Wenn eine Person so etwas durchmacht, ist es schwierig, darüber zu sprechen, da jede Erinnerung sich wie eine emotionalen Hinrichtung anfühlt.

Laura verstarb in der gleichen Nacht im Krankenhaus. Durch den Aufprall gegen den mächtigen Baumstamm presste sich der Beifahrerfußraum wie eine Coladose in einer Schrottpresse zusammen und zertrümmerte ihre Beine und den Unterleib. Die Verletzungen waren zu schlimm und es hat viel zu lange gedauert, ehe Hilfe kam. Diese eine Entscheidung in dieser regnerischen Nacht, in der ich Laura unbedingt abholen wollte ... Agnes war damit nicht einverstanden, da es unaufhörlich aus Kübeln regnete. Aber mein Kind, gerade mal zwölf geworden und somit für mich noch das kleine Mädchen ... Ich wollte sie beschützen und nicht bei fremden Leuten schlafen lassen, die ich kaum kannte. Eine grausame Erkenntnis, dass ich in jener Nacht die falsche Entscheidung getroffen habe, zumal ich recht erschöpft war von meiner Schicht in der Fabrik. Aber ich wollte mein Kind holen, damit sie zu Hause schläft. Eine Entscheidung, die alles änderte. Auf der Arbeit meldete ich mich krank und Agnes konnte ihrer Beschäftigung in der Bäckerei nicht nachgehen. Sie fuhr eine Zeit lang zu ihrer Mutter und ich war wochenlang allein in unserem Häuschen. Agnes machte mir nie Vorwürfe, ich meine, sie sprach es nie aus. Aber es gab einmal eine Situation, da warf sie mir einen Blick zu, der mehr sagte als jedes gesprochene leidgetränkte Wort. ›Lenny, warum bist du nicht zu Hause geblieben?‹, sollte wohl der Blick rüberbringen.

Wenige Tage nach Lauras Beerdigung sprachen wir wieder miteinander. Sie kam nach Hause und betrat das Wohnzimmer, in dem ich seit Tagen und Wochen saß und manchmal dachte, ich würde den Verstand verlieren. Agnes sah fürchterlich aus. Tiefe Furchen hatten Trauer und Schmerz in ihr Gesicht gefressen. Sie nahm die breite Sonnenbrille ab, die ihre geröteten und geschwollenen Augen bedeckte. Ihr Blick sagte mir erneut: ›Lenny, warum, verdammt?‹ Ich stand auf und ging langsam auf sie zu. Ihr Kopf sank auf den Brustkorb und sie weinte unaufhörlich. Fest nahm ich sie in meine Arme und drückte sie an mich.

»Ich würde alles tun, um sie zurückzuholen, wenn ich könnte. Alles«, flüsterte ich in ihr Ohr, während auch bei mir alle Dämme brachen und wir gemeinsam hemmungslos weinten und nun Wochen später die Gelegenheit hatten, den Verlust unseres geliebten Kindes gemeinsam zu betrauern.

Ich erinnere mich noch gut, wie wir uns im Wohnzimmer in den Armen hielten. Es war eine Art gemeinsame Reinigung und wir konnten endlich diesen Schmerz zulassen und von nun an gemeinsam diese Trauer angehen.

Die erste Zeit war unglaublich schwierig und es waren oft Momente, in denen ich dachte, ich schaffe es nicht, mit dem Verlust von meinem Kind umzugehen. Musste, so oft es ging, aufkommende Schuldgefühle, warum und wieso ich an jenem Abend gefahren war und nicht auf Agnes gehört hatte, tief in mir begraben. Weit wegschieben, denn mir war klar, dass es mich zerstören könnte, wenn ich mir die Schuldfrage stellen würde.

Wochen später, als ich wieder arbeiten gehen konnte, hatte ich einmal eine Kostprobe davon bekommen, was es heißt diese Schuld zuzulassen. Von der Fabrikhalle zu den Spindräumen mussten die Angestellten durch einen dreistöckigen Flur gehen oder konnten den Aufzug benutzen. Ich stand oben am Geländer und hatte kurz den Gedanken, mich kopfüber hinunterzustürzen. Einem Parasiten gleich, hatte sich an jenem Tag die Schuld am Tod meiner Tochter in mir eingenistet und färbte die Gedanken pechschwarz. Ich konnte es irgendwie verhindern zu springen, denn ich durfte Agnes nicht alleinlassen. Ich glaube, wäre sie nicht gewesen, hätte ich an jenem Tag Schluss gemacht.

Agnes ging zu einem Therapeuten zur Trauerbewältigung und das hat ihr, denke ich, gutgetan. Ich machte alles mit mir selbst aus. Wurde Meister im Verdrängen und Nichtzulassen, da ich wusste, ich war in der Lage, die Lichter auszuknipsen, wenn wieder diese Stimme in meinem Kopf kam und mir die Hölle einredete.

Lauras Kinderzimmer im oberen Stock konnten wir beide lange Zeit nicht betreten. Das war tatsächlich schwer zu ertragen. Es hat ein Jahr gedauert, bis einer von uns beiden ihr Zimmer betreten konnte, und ein weiteres Jahr, bis wir langsam anfingen, ihre Sachen auf den Speicher zu räumen. Wenn das Leben mir eines vermitteln oder lehren wollte, dann war es der Umgang mit dem Verlust. Nicht daran zu zerbrechen, sondern mich anzupassen und ihn anzunehmen. Aber ich glaube nicht an irgendeinen Sinn. Nachdem zuletzt auch Agnes von mir ging, habe ich aufgegeben, an irgendetwas zu glauben.

Mein letzter Lebensabschnitt, nachdem mir alles genommen wurde und ich in dieser kleinen ranzigen Wohnung auf meinen Tod warte. Ich schaffe es nur noch selten, irgendwo heraus Kraft oder Hoffnung zu schöpfen.

Damals starb unser Sonnenschein Laura, dann Agnes und nun warte ich darauf, dass ich endlich gehen kann. Das Sterben unserer kleinen Familie wäre mir in umgekehrter Reihenfolge lieber gewesen. Daher pfeife ich auf dieses Gequatsche über Gott und das Schicksal. Das Leben ist hart und rücksichtlos. Wir sind nur Lebensformen, die den natürlichen Gesetzen der Umwelt unterliegen. Alles ist einer plausiblen Kausalität, dem Gesetz der Physik untergeordnet. Ich hasse dieses ganze spirituelle und übersinnliche Getue.

So etwas gibt es nicht. Und eine Art Lebens- oder Seelenplan schon gar nicht. Ich bin hier in diesem Betonbunker in meinen letzten Lebenstagen gelandet und habe keine Lust mehr, an das Gute zu glauben oder dass mein Leben gar irgendeinen Sinn verfolgt. Ich werde einsam verrotten und irgendwann wird die Polizei die Tür eintreten und meinen stinkenden Leichnam im Pyjama mit der verschimmelten Tüte Chips im Fernsehsessel finden, umringt von Müllbergen und Ungeziefer. Aus. Ende. Zerbrochen am Verlust seiner Familie und verreckt in der kargen Einsamkeit dieser asozialen Wohngegend, wo ich dann in diesem menschlichen Endlager - Am Krähenacker, so heißt diese verdammte Straße - gestorben bin. Einen Heldentod stelle ich mir anders vor. Doch genauso wird es kommen. Unser Häuschen, welches ich verkaufen musste, wollte ich nie wieder sehen. An dem Ort bin ich seit Jahren nicht mehr gewesen - und es ist auch gut so. Das würde mich nur verletzen.

Ich blättere noch ein wenig durch die Fotoalben, nehme einen Packen und lege ihn auf den Wohnzimmertisch. Den Rest des Tages verbringe ich mit viel Nikotin und reichlich Kaffee vor dem TV.

Es ist früh am Morgen. Ich bin wieder in dem Fernsehsessel eingeschlafen, da mittlerweile mein Bett im Schlafzimmer ebenfalls eine Funktion als Depotplatz für Klamotten und Krempel eingenommen hat.