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Im Jahr 2125 haben sich die Reichen in überdachte Stadtzentren zurückgezogen, wo sie vor Umweltverschmutzung geschützt sind. Die Armen drängen sich in der überfluteten Water-Zone. Von dort stammt Isis. Sie hat es geschafft, einen Platz in der gemischten Schule zu bekommen, in die auch die Kinder der privilegierten Familien gehen – unter anderem Orion, der Sohn des Erfinders des New Earth Projects. Dieses ermöglicht es wöchentlich 1 Million Menschen aus der ganzen Welt, in einem gigantischen Weltraumschiff die Reise zur Neuen Erde anzutreten, wo fruchtbare Felder darauf warten, von den Neuankömmlingen bewirtschaftet zu werden. Trotz der sozialen Unterschiede freunden sich Isis und Orion an. Doch als Isis' Familie ein Ticket nach Neue Erde gewinnt, entdeckt Orion, dass Neue Erde nicht das ist, was es zu sein vorgibt ...
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Seitenzahl: 244
Veröffentlichungsjahr: 2020
New Earth Project
Tödliche Hoffnung
eISBN 978-3-96129-180-9
Edel Kids Books
Ein Verlag der Edel Germany GmbH
Copyright © Edel Germany GmbH, Neumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Die französische Originalausgabe erschien bei DidierJeunesse unter dem Titel »New Earth Project«
© Didier Jeunesse, 2017
Text: David Moitet
Übersetzung: Maren Illinger
Projektkoordination und Lektorat: Esther Kalb
Covergestaltung: formlabor, Hamburg
ePub-Konvertierung: Datagrafix GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Für Eléa, Inès und Pierre …
Arthur C. Parker war stolz und glücklich. Nach jahrelangen Vorbereitungen war das erste Weltenschiff endlich bereit zur Inbetriebnahme. Er nahm sich die Zeit, jeden Gast, der an Bord des kleinen Raumschiffs Platz genommen hatte, persönlich willkommen zu heißen. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika unterhielt sich leise mit der Präsidentin von Europa. Ein paar Meter weiter genossen der Vertreter der nordafrikanischen Emirate und seine chinesische Amtskollegin die Aussicht auf die Erde.
Von hier oben konnte man Tausende Sterne sehen, und doch hatten alle denselben Reflex: Sie drehten sich zur Erde zurück. Parker überraschte das nicht. Ihm selbst war es zunächst nicht anders gegangen. Auch wenn er einer der Ersten gewesen war, die ihren Blick darüber hinaus geöffnet hatten …
»Fantastisch, nicht wahr?«, sagte er und stellte sich ans Fenster.
»Beeindruckend«, staunte der russische Präsident.
»Das wirklich Beeindruckende ist, werter Präsident Youchov, dass wir alle dieses Projekt gemeinsam voranbringen.«
»Das stimmt. Dank Ihnen, Arthur, dank Ihnen. Das New Earth Project wird unseren schönen Planeten retten. Ihr Name wird in die Geschichte eingehen.«
»Es gibt noch viel zu tun, aber ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg. Sehen Sie, wir nähern uns nun dem Weltenschiff.«
Alle Blicke wandten sich zur gewaltigen Weltraumwerft der Firma Parker. Das kleine Raumschiff glitt zwischen die riesigen Maschinen, die für die Konstruktion der Weltenschiffe zuständig waren.
»Hier können Sie Weltenschiffe in verschiedenen Stadien der Fertigung sehen«, erklärte Parker. »Dieses hier zu unserer Linken wird erst in etwa einem Jahr fertig sein.«
Bewundernde Pfiffe ertönten.
»Die gesamte Produktion ist voll automatisiert, und wir haben den Einsatz von menschlichen Arbeitern so weit wie möglich reduziert. So vermeiden wir Fehler und schützen wertvolle Menschenleben.«
»Ist das da vorne das Weltenschiff?«, fragte die chinesische Präsidentin.
»Ganz genau. Das WS-001, das erste einer langen Serie. Wir werden darüber hinwegfliegen, damit Sie es sich ganz aus der Nähe anschauen können. Ausnahmsweise haben wir an diesem besonderen Tag auch Journalisten Zugang zur Werft ermöglicht. Deshalb ist hier heute so viel los.«
Das Raumschiff drosselte die Geschwindigkeit und glitt langsam über die gewaltige Konstruktion hinweg.
»Ein Wunder der Technik«, bemerkte Parker. »Das Weltenschiff ist eine regelrechte Stadt, die alles bietet, was nötig ist, um die lange Reise nach New Earth zu bewältigen.«
Die Oberhäupter der einflussreichsten Länder des Planeten drängten sich wie Kinder vor den runden Fenstern, um den langen Zylinder zu bestaunen, der schon bald die Reise zum Exoplaneten Epsilon 145B, auch New Earth genannt, antreten sollte. Seit über dreißig Jahren hatten sie alle durch großzügige Unterstützung viel dazu beigetragen, das NEP – New Earth Project – zu finanzieren, dessen Ziel es war, den Bewohnern der Erde die Auswanderung in ein anderes Planetensystem voller Verheißungen zu ermöglichen.
Die Erde hatte ihre Grenzen erreicht. Klimaerwärmung, Umweltverschmutzung und vor allem die Überbevölkerung bedrohten das empfindliche Gleichgewicht, das die Natur über Jahrmillionen hinweg geschaffen hatte. Natürlich gab es zahlreiche Umweltschutzbewegungen, die retten wollten, was noch zu retten war, aber keiner der anwesenden Machthaber bezweifelte, dass das NEP die Lösung war. Derzeit war vorgesehen, eine Million Personen pro Woche nach New Earth zu schicken. Dieser Planet, der zehnmal größer war als die Erde, konnte die Neuankömmlinge problemlos aufnehmen und bot ihnen die Möglichkeit, Grund und Boden zu bewirtschaften und so der Armut zu entgehen, unter der der Großteil der Erdbevölkerung litt.
Dieses verrückte Projekt, das der steinreiche Großindustrielle Arthur C. Parker ins Leben gerufen hatte, stand heute kurz vor dem Startschuss. Als Marktführer im Bereich der Robotik war es Parker gelungen, die Oberhäupter der wichtigsten Staaten der Erde um einen Tisch zu versammeln und von ihnen die Unterstützung zu erhalten, die es brauchte, um eine neue Welt zu kolonisieren. Schon in wenigen Stunden sollten die ersten hoffnungsvollen Siedler ihre Heimat für immer verlassen.
»Wie Sie sehen, hat das Schiff eine zylindrische Form. Es dreht sich permanent um sich selbst, um künstlich Schwerkraft zu erzeugen. Denn es ist unmöglich, mehrere Jahre in vollkommener Schwerelosigkeit zu verbringen.«
»Unglaublich. Das Ding ist wirklich riesig!«, rief der russische Präsident aus.
»Etwa fünf Kilometer lang, Präsident Youchov. Diese Größe ist nötig, um eine Million Siedler zu transportieren. Und sehen Sie das große Gewächshaus in der Mitte des Raumschiffs? Es dient dem Anbau von Pflanzen, soll den Reisenden aber zugleich ermöglichen, ihre Sehnsucht nach ein bisschen Grün zu stillen. Wir haben sogar ein paar hundertjährige Bäume gepflanzt. Selbstverständlich gibt es an Bord auch alles, was man zum Leben braucht: Krankenhäuser, Kinos, Einkaufszentren. Wir haben an alles gedacht, damit diese lange Reise so reibungslos und angenehm wie möglich vonstattengeht.«
»Und das Weltenschiff ist wiederverwendbar?«, erkundigte sich der Präsident der Vereinigten Staaten.
»Das hoffen wir«, erwiderte Parker. »Wir haben die Produktion mehrerer Hundert Exemplare geplant, damit jede Woche eins auf die Reise gehen kann. Nach ihrer Rückkehr zur Erde – was etwa zwölf Jahre dauern wird – sollen die Schiffe weitere Reisen machen.«
Kurz entfernte Parker sich von seinen Gästen, um sich seinem fünfjährigen Sohn Orion zuzuwenden. Der Kleine stand wie die Großen staunend am Fenster. Er hatte ein Stofftier im Arm, und neben ihm stand sein Kindermädchen.
»Na, Orion, gefällt es dir?«
Der Kleine nickte.
»Es ist sehr schön!«
»Eines Tages übernimmst du meinen Platz an der Spitze des NEP. Wir werden den Planeten retten, mein Sohn.«
»Ja, Papa«, erwiderte Orion schüchtern.
Er war ein hübscher Junge mit weizenblonden Haaren und tiefblauen intelligenten Augen.
»Was ist das für ein kleines Schiff, das sich vor das große drängelt?«, fragte er.
Arthur Parker runzelte die Stirn. Ein Raumschiff bewegte sich gefährlich nah an das Weltenschiff heran. Wieder einer dieser verflixten Journalisten, der bessere Aufnahmen machen will als die anderen, dachte er. Er drückte auf seinen Sender.
»Nita, da ist ein neugieriger Journalist, der dem Weltenschiff ein bisschen zu nahe kommt. Könnten Sie bitte dafür sorgen, dass er sich wieder auf die vorgesehene Flugbahn begibt?«
»Natürlich, Sir.«
Einige Sekunden später war die Stimme der Pressereferentin erneut zu hören. Sie klang beunruhigt.
»Wir haben Probleme, ihn zu erreichen, Sir. Möglicherweise hat er absichtlich die Funkverbindung unterbrochen. Soll ich die Armee kontaktieren?«
Parker zögerte.
»Sir?«
»Nein, Nita, lassen Sie ihn.«
»Aber Sir, vielleicht ist es ein Terrorist! Wir haben jede Menge Drohungen bekommen.«
»Ich sagte, lassen Sie ihn.«
Die versammelten Staatsoberhäupter warfen Parker fragende Blicke zu. Alle hatten das Gespräch verfolgt.
Parker begnügte sich damit, ihnen beruhigend zuzulächeln. Er lächelte sogar noch, als das Raumschiff kurz darauf am Weltenschiff explodierte.
»Mein Gott! Ein Selbstmordattentat!«, stieß die europäische Präsidentin aus.
»Entsetzlich!«, keuchte die chinesische Präsidentin.
Die Überreste des explodierten Raumschiffs verteilten sich in winzigen Splittern im Weltraum. Dabei war zur Überraschung der Anwesenden kein Laut zu vernehmen. Im interstellaren Vakuum werden keine Geräusche übertragen. Am Weltenschiff selbst war nur ein schwacher Abdruck zurückgeblieben, kaum mehr als ein dunkler Fleck, der dank der Arbeit einer Armee von Robotern bald wieder verschwunden sein würde.
»Das Raumschiff, das bumm gemacht hat, hat nicht mal ein Loch ins große Schiff gemacht«, stellte Orion fest.
Parker drehte sich triumphierend zu ihm um.
»Sehr richtig, mein Sohn! Sehen sie, meine Damen und Herren, so sicher ist unser Schiff. Es ist so stabil, dass es sogar einen Meteoriteneinschlag übersteht. Niemand kann verhindern, dass es noch heute auf die Reise geht. Nicht einmal die Extremisten, die unsere wunderbare Mission aufhalten wollen.«
»Schau mal«, sagte der Kleine. »Die Roboter haben das Raumschiff überstrichen, und jetzt sieht es so aus, als wäre da ein O, wie in Orion.«
Parker warf einen verärgerten Blick auf das Weltenschiff. Die Farbe, die von den Robotern aufgetragen worden war, war tatsächlich nicht dieselbe wie die Originalfarbe. Das missfiel ihm. Parker liebte die Perfektion. Er würde ein paar Worte mit den Verantwortlichen in der Logistik sprechen müssen. Aber alles zu seiner Zeit. Erst einmal würde er in wenigen Minuten eine Rede halten, die Milliarden Menschen auf der ganzen Welt verfolgen würden.
»Sophia, kümmern Sie sich bitte um Orion? Ich habe zu tun.«
»Ich heiße Sonia, Sir«, erwiderte das Kindermädchen.
»Egal, wie Sie heißen, ich verlasse mich auf Sie.«
Und damit kehrte Parker seinem Sohn den Rücken zu und wandte sich an die Journalisten.
Ich liege morgens gerne lange im Bett. Ich liebe diese dem Tag geklauten Minuten, in denen man den Moment hinauszögert, bis man die Wärme der Decke verlässt. Es macht mir Spaß, die Tatenlosigkeit der Nacht zu verlängern, während alle anderen aktiv sind. Nur leider komme ich höchst selten in diesen Genuss.
Ich heiße Isis. Wenn man mich so sieht, wie ich in Unterhose und BH bäuchlings auf dem Bett liege, würde man wohl nicht vermuten, dass ich die Hoffnung meiner Familie bin. Aber das bin ich. Und was meine Bekleidung betrifft, gibt es mildernde Umstände: Die sommerliche Hitze hier in New York ist einfach unerträglich. Vor der verdammten Klimaerwärmung herrschten hier angeblich mal angenehme Temperaturen. Aber jetzt sind es im Sommer vierzig Grad und mehr und im Winter nie weniger als fünfundzwanzig. Es ist nicht auszuhalten. Klar, die Bewohner der Kuppeln haben das Problem nicht. Ihre Häuser sind riesig und klimatisiert. Aber das ist eine andere Geschichte. Außerdem habe ich eine Regel: nie vor zehn Uhr von ihnen zu sprechen. Es macht nur schlechte Laune, an die Reichen zu denken. Wie spät es wohl ist? Ich versuche, ein Auge zu öffnen. Die gleißende Helligkeit scheint entschlossen, mir die Netzhaut zu verbrennen. Es ist also Tag. Ich strecke mich blinzelnd. Durch das Fenster fällt ein Rechteck aus Licht ins Zimmer. Aber der Smog ist so dicht, dass man die Tageszeit nicht anhand der Sonne bestimmen kann. Man weiß nur, dass sie da ist, weil man vor Hitze fast erstickt. Ich gähne. Gestern Abend habe ich bis spät in die Nacht gelernt. Heute habe ich einen Mathetest und keine Lust, ihn zu vermasseln.
Normalerweise haben die Kinder der Armen, zu denen auch ich gehöre, keinen Zugang zur Schule. Sie ist denjenigen vorbehalten, die in den Kuppeln leben: den Unantastbaren. Doch vor ein paar Jahren hat die Regierung, auf Bestreben der Justiz und um soziale Aufstiegsmöglichkeiten zu schaffen, beschlossen, eine kleine Zahl Kinder aus benachteiligten Vierteln zu den Schulen der Unantastbaren zuzulassen.
Alle drei Jahre durchlaufen alle Kinder von sechs bis neun Jahren eine Reihe an Tests, und die besten von ihnen bekommen die Ausnahmeerlaubnis, zur Schule zu gehen. In meinem Viertel war ich eine der zwei Auserwählten. Der andere ist mein Kumpel Flynn. Wer die Chance hat, zur Schule zu gehen, lässt sie nicht ungenutzt. Denn nur, wer sie mit einem guten Diplom abschließt, hat die Chance, seine Familie aus den Wasserquartieren herauszuholen.
»Isis kommt zu spät zur Schule!«
Der da gerade gebrüllt hat, ist mein kleiner Bruder Zach, sechs Jahre alt. Die reinste Nervensäge, auch wenn meine Eltern behaupten, er sei ganz harmlos. Ich taste nach einem zusammengerollten Sockenpaar und werfe es in seine Richtung.
»Verzieh dich, Gartenzwerg!«
Er weicht dem Geschoss mühelos aus. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich kaum die Augen geöffnet habe. Sonst hätte ich ihn nicht verfehlt. Ich drehe mich zum Wecker, um mich zu vergewissern, dass Zach mich nur ärgern wollte.
»Verdammter Tsunami!«, rutscht es mir raus.
Dazu muss ich wohl erklären, dass wir im schwimmenden Slum von New York leben, dem größten der Ostküste. Durch die Klimaerwärmung ist der Meeresspiegel mehr als zwanzig Meter angestiegen, und die Türme Manhattans stehen jetzt mit den Füßen im Wasser. Ich wohne genau unter einem, in der Water-Zone, einem der Elendsviertel New Yorks. Aus diesem Grund können wir Tsunamis nicht besonders gut leiden.
Wenn ich die Schule gut abschließe, kann ich vielleicht genug verdienen, um eine Wohnung in einem der Türme zu bezahlen oder, noch besser, auf dem Festland. Aber dafür muss ich mich jetzt erst mal mit Lichtgeschwindigkeit fertig machen, weil ich sonst durch den Mathetest falle, für den ich gestern so lange gebüffelt habe.
»Ich hab deinen Busen gesehen!«, kreischt mein idiotischer Bruder.
Wenn man wie wir in einer winzigen Hütte lebt, kann man Privatsphäre vergessen. Ich schneide eine Grimasse und ziehe mich schnell an. Meine Schuluniform ist ziemlich hässlich. Eine graue Bluse und ein Rock in derselben Farbe. Ich binde mir die vorgeschriebene Krawatte lose um den Hals und stopfe alles, was ich heute brauchen werde, in meinen Rucksack.
Etwa eine Sekunde später rausche ich durch unsere zehn Quadratmeter große Ess-Wohn-Küche, drücke meiner Mutter einen Kuss auf die Stirn und zische wie eine Rakete nach draußen.
»Trinkst du deinen Algentee nicht?«, ruft meine Mutter mir hinterher.
»Keine Zeit! Bin spät dran!«, rufe ich zurück.
Während ich im Slalom zwischen den improvisierten Häusern hindurchflitze, schalte ich meine geistige Stoppuhr ein. Es wird knapp werden … Bis zur Schule sind es gut zwei Kilometer, und ich habe nur noch zehn Minuten, bis sich die Tür schließt. Ich laufe schneller und ignoriere die Rufe derer, denen ich an den Kreuzungen vor die Füße laufe. Manche schimpfen, aber die meisten erkennen mich dank meiner Uniform und sagen nichts. Sie sind stolz darauf, dass eine Bewohnerin ihres Viertels zur Schule zugelassen wurde.
Ich renne gern. Es ist eins der wenigen Dinge, bei denen ich mich wirklich frei fühle. Am Ende der Water-Zonewerfe ich einen Blick zurück. Hinter dem Dschungel aus auf- und nebeneinandergebauten Bruchbuden erkennt man den Arm der Freiheitsstatue, der im 45-Grad-Winkel aus dem Wasser ragt. Sie ist vor etwa zwanzig Jahren nach vorne gekippt, hat man mir gesagt, aufgrund der Auswirkungen von Rost und Wellen. Ich kenne Fotos von der Statue aus der Zeit, als sie noch aufrecht stand. Natürlich weiß ich, dass es unmöglich ist, aber ich würde viel darum geben, sie einmal ganz zu sehen, nur ein einziges Mal. Vielleicht ja beim nächsten Tsunami, bevor die Riesenwelle uns alle verschlingt …
Ich erreiche den festen Boden. Meine Schritte sind hier sicherer als auf den schwimmenden Straßen, und ich kann noch etwas schneller laufen. Nach ein paar Minuten kommt endlich die Schule in Sicht. Das hypermoderne Gebäude passt nicht so recht ins Viertel, aber die Autoritäten wollten die »gemischten« Schulen, wie sie sie nennen, unbedingt außerhalb der Kuppeln einrichten, um der ganzen Welt zu beweisen, dass auch die Kinder der Armen ihren Platz im Bildungssystem haben. Dass ich nicht lache! Vor allem wollen sie nicht, dass wir zu ihnen in die Kuppeln kommen.
Trotz meiner Anstrengungen habe ich es nicht rechtzeitig geschafft. Ich halte mein Auge vor den Scanner am Eingang und erwarte das Urteil.
»SIESINDZUSPÄT, IMMACULÉE-SISSYMUKEBA!«, verkündet der Computer, bevor er die Tür entriegelt.
Tja, das also ist mein echter Name: Immaculée-Sissy. Meine Eltern hatten wohl zu viel Kartoffelschnaps intus, als sie ihn ausgesucht haben. Verständlich, warum ich mich lieber Isis nenne, oder?
Ich durchquere den Eingangsbereich, laufe zum Vaporisator und schließe die Augen. Das Desinfektionsmittel füllt die Kabine. Ich hasse den Geruch. Aber es steht außer Frage, die Unantastbaren mit Bakterien zu gefährden. Nach diesem Zwischenstopp komme ich endlich in den Hof. Mein Klassenzimmer befindet sich am anderen Ende des Gebäudes.
Ich hole tief Luft und renne weiter.
Orion trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Lehne des Autositzes, während er auf Miranda Bergson wartete. Er warf einen Blick auf die Uhr. Sie würden zu spät kommen! Warum hatte sein Vater nur auf den Vorschlag von Mirandas Mutter eingehen müssen? Ihre Familie war fast so reich wie seine – reicher war niemand – und konnte sich problemlos einen Fahrer leisten. Aber leider hatte Mrs. Bergson es geschafft, seinen Eltern einzureden, dass Orion sich wahnsinnig darüber freuen würde, morgens zusammen mit ihrer Tochter zur Schule zu fahren. Miranda gefiel die Regelung natürlich, und sie nutze sie, um sich an ihn zu hängen wie ein Blutegel. Jeder wusste, dass Miranda in ihn verknallt war. Sie war hübsch, sehr hübsch sogar. Mit ihren schwimmbeckenblauen Augen und ihren langen blonden Haaren hätte man sie fast für seine Schwester halten können. Aber sie hatte eine egozentrische Art, eine Angewohnheit, alles ausschließlich auf sich zu beziehen, vor der es Orion grauste. Was er ihr natürlich nie gesagt hatte. Denn das wäre unhöflich gewesen, und sein Vater hätte ihm Vorwürfe gemacht.
Während er auf sie wartete, ließ Orion den Blick über das gigantische Anwesen der Bergsons schweifen. Es war fast so weitläufig wie das seiner eigenen Familie und lag auf der Kuppe eines Hügels, mitten im Zentrum der Kuppel No 1, der begehrtesten des Landes. Der Garten war prachtvoll, der Pool riesig, und das Haus erinnerte ein bisschen an ein europäisches Schloss der Renaissance. Und alles lag in dem angenehmen künstlichen Licht, das vom Dach der Kuppel ausgestrahlt wurde und das natürliche Sonnenlicht nachahmte. Außerhalb der Sicherheitstüren der Kuppel fand man sich im ewigen Grau des Smogs wieder, der das Sonnenlicht verdeckte. Hier aber war alles schön, strahlend, sauber. Fast vergaß man das Chaos, das draußen herrschte. Fast.
Miranda erschien oben am Haus und schwebte wie eine ägyptische Prinzessin den Weg zur Auffahrt hinunter, ohne sich auch nur das kleinste bisschen zu beeilen. Orion seufzte.
»Hallo, Orion.«
»Hallo, Miranda. Wir sind zu spät.«
»Ach komm, die paar Minuten. Ich musste unbedingt diesen neuen Knoten ausprobieren«, sagte sie und bewunderte sich in den verspiegelten Fenstern des Wagens. »Irgendwie muss man sich ja von den anderen unterscheiden, wenn man schon diese minimalistische Uniform tragen muss. Ist gut geworden, oder?«
»Sehr hübsch«, erwiderte Orion höflich und gab ihr ein Zeichen, einzusteigen.
»Oskar holt die Verspätung schon wieder raus. Nicht wahr, Oskar?«
»Aber gewiss, junge Dame«, sagte der Chauffeur und beeilte sich, Miranda die hintere Wagentür zu öffnen.
In Anbetracht der Uhrzeit war die Mission allerdings so gut wie unmöglich, selbst bei Missachtung der Geschwindigkeitsbegrenzung.
Das Auto startete mit einem leisen Zischen, dann begann der Wasserstoffmotor zu schnurren. Oskar fädelte sich in den spärlichen Vormittagsverkehr ein und sie ließen die Kuppel in Rekordzeit hinter sich. Bald waren sie nur noch wenige Hundert Meter von der Schule entfernt. Orion drückte auf den Knopf, der die Scheiben verdunkelte.
»Warum machst du das eigentlich immer?«, fragte Miranda, die endlich aufgehört hatte, sich in ihrem nagelneuen Handy zu bewundern.
»Keine Lust, den Tag mit Schmutz und Elend zu beginnen«, brummte Orion.
Der Wagen wurde langsamer und blieb dann stehen. Orion runzelte die Stirn.
»Sind wir schon da, Oskar?«
»Nein, Sir. Es gibt ein kleines Problem. Eine Versammlung auf der Straße.«
»Das hat ja gerade noch gefehlt«, sagte Orion gereizt.
Er hellte die Scheiben wieder auf und schaute hinaus. Die Straße war tatsächlich blockiert. Ein Lastwagen der Lebensmittelausgabe vom NEP war der Grund. Etwa hundert Menschen hatten sich darum geschart und veranstalteten einen Tumult, der an ein Footballspiel erinnerte. Sie schienen bereit zu sein, einander für ein Kilo Energieriegel oder eine Packung getrockneter Insekten an die Gurgel zu gehen.
Orion betrachtete die altersschwachen Wolkenkratzer, den Müll in den Straßen und die Menschen, die in immer größere Aufregung gerieten. Über ihnen lief auf einem riesigen Bildschirm, der die ganze Breite eines Gebäudes einnahm, eine Reklame des NEP.
Nehmen Sie an der großen Glückslotterie teil! Seien Sie einer der 200 000 Amerikanerinnen und Amerikaner, die diese Woche ihr Ticket nach New Earth gewinnen.
Bedenken Sie: Die Gewinner können die Erde mit ihrer ganzen Familie verlassen und erhalten bei ihrer Ankunft zehn Hektar Land und ein eigenes Haus. Auf New Earth leiden Sie nie wieder Hunger!
Eine Fotoserie zeigte lächelnde Siedler inmitten einer üppigen Vegetation. Und auf jedem Bild waren deutlich die zwei Sonnen zu sehen. Auf New Earth gab es keine Luftverschmutzung … Der Kontrast zwischen den grellen Farben der Werbung und der grauen Misere um sie herum hatte etwas Abstoßendes. Orion verzog das Gesicht.
Miranda, die seinem Blick gefolgt war, startete einen Gesprächsversuch.
»Hast du dir den Start von Weltenschiff 522 gestern Abend angeschaut?«
»Es ging gar nicht anders«, murmelte Orion. »Mein Vater hatte eine Feier mit dem Präsidenten organisiert, um das zehnjährige Jubiläum des NEP zu feiern. Er war total aufgedreht. Er glaubt, er könnte mit seinem Kolonisierungsprogramm die Welt retten.«
»Glaubst du es denn nicht?«
»Doch, doch, klar.«
»Das NEP hat es immerhin mehr als fünfhundert Millionen Menschen ermöglicht, ein besseres Leben zu beginnen.«
»Ja, unter der Bedingung, die Erde zu verlassen und sechs Lebensjahre mit der Reise zu verlieren. Ich weiß nicht, ob ich das könnte«, sagte Orion nachdenklich.
»Für uns kommt das ja auch nicht infrage! Wir sind Unantastbare. Keine …« Mit einer lässigen Geste wies sie auf die Menge, die sich immer weiter erregte.
Die Mitarbeiter der Lebensmittelausgabe des NEP weigerten sich, den Laster zu öffnen, solange die Leute sich nicht beruhigt hatten, doch das schien sie nur noch wütender zu machen.
»Oskar«, sagte Miranda, »können wir uns nicht irgendwie da durchdrängen? Sonst kommen wir schon das zweite Mal diese Woche zu spät.«
»Das wird schwierig, Miss Miranda.«
»Gebt uns was zu essen!«, rief ein Mann.
»Macht den verdammten Laster auf!«, brüllte ein anderer.
»Die haben wirklich keine Manieren«, murmelte Miranda empört. »Kein bisschen Anstand.«
»Bei allem Respekt, Miss Miranda, aber ich glaube, sie sind kurz vorm Verhungern.«
»Tja, dann sollen sie eben arbeiten! Fahren Sie, Oskar, die werden schon Platz machen.«
Oskar zögerte. Er hatte nicht die geringste Lust zu tun, was die hochnäsige Rotznase verlangte, die er jeden Morgen ertragen musste. Erstens, weil es gefährlich war, vor allem aber, weil er die Leute verstehen konnte. Andererseits wollte er seinen Job nicht verlieren, der ihn vor dem Schicksal der Unglückseligen auf der Straße bewahrte, denen es so schlecht ging, dass sie sich um ein paar Energieriegel prügelten.
Endlich öffneten sich die Türen des Lastwagens, und die Verteilung begann. Besser gesagt, das Aus-den-Händen-Reißen. Es wurde geschubst und mit Ellbogen gestoßen. Diejenigen, denen es gelang, einen Nahrungskarton zu ergattern, rannten davon, bevor Stärkere ihnen die Beute abnehmen konnten. Mehrere Personen stürzten und wurden gnadenlos von den anderen überrannt. Das alles dauerte nur wenige Minuten, dann schlossen sich die Türen wieder. Die Ration war aufgebraucht. Wutschreie ertönten. Wer nichts abbekommen hatte, wollte nicht mit leeren Händen nach Hause gehen.
»Das war’s!«, rief der Lastwagenfahrer. »Wir haben nichts mehr.«
Aber die Hungrigen wollten ihm nicht glauben. Sie begannen, am Wagen zu rütteln, der gefährlich zu schwanken begann.
»Geben Sie Gas, Oskar!«, kreischte Miranda. »Wenn Sie einen dieser Wilden plattmachen, ist es auch egal!«
»Nicht nötig, Miss. Da ist schon die MP.«
Die motorisierte Polizei, bestehend aus Hightech-Robotern der Firma Parker, kam immer in Rekordzeit angebraust. Halb Motorrad, halb Humanoide, klappten die Roboter dann ihre Räder ein und bewegten sich auf zwei Beinen weiter. Sie waren schnell, stark und unerbittlich. Ihr Einsatz hatte die Arbeit der Polizei revolutioniert. Menschliche Einsatzkräfte waren nicht mehr nötig.
Fünf MPs versammelten sich um den Lastwagen. Einige Menschen schrien auf. Alle wussten, dass mit den Maschinen nicht zu spaßen war. Ihre Toleranz lag bei null, und ihre Neigung zur Überreaktion war allgemein bekannt.
»SIEWERDENAUFGEFORDERT, DIEVERSAMMLUNGAUFZULÖSEN. INEINERMINUTEBEGINNENWIRMITDENFESTNAHMEN.«
In den Augen der Leute verwandelte sich Wut in Angst, und nach weniger als dreißig Sekunden hatte sich die Menschenmenge aufgelöst. Nur ein etwa zehnjähriger Junge klaubte noch ein paar Krumen auf, die auf den Boden gefallen waren, und verschlang sie direkt an Ort und Stelle. Ein Stück weiter saß eine alte Frau auf dem Bürgersteig und weinte. Nicht laut und demonstrativ – es waren stille Tränen der Verzweiflung, die ihr über die faltigen Wangen liefen. Einen Augenblick lang meinte Orion, den Blick dieser Frau durch die Scheibe zu spüren. Er hatte den Eindruck, dass sie ihm genau in die Augen sah. Ihm, dem Unantastbaren, dem Privilegierten, der sich am Abend zuvor mit sündhaft teuren Häppchen den Bauch vollgeschlagen hatte, während sie buchstäblich am Verhungern war. Er wusste, dass das nicht möglich war. Sie konnte ihn durch die verspiegelten Scheiben nicht sehen. Und doch würde ihn ihr hoffnungsloser Blick noch nächtelang begleiten. Da war er sich sicher.
Oskar wartete, bis die MP weg war, dann fuhr er die wenigen Hundert Meter zur Schule. Sie waren zu spät.
Miranda und Orion steuerten auf den Eingang zu (für die Unantastbaren gab es keine Netzhautkontrolle, sie hatten ihren eigenen Eingang gegenüber den Klassenzimmern). Kurz vor der Tür blieb Orion unvermittelt stehen.
»Was ist los?«, fragte Miranda.
»Geh schon vor, ich komme gleich nach. Ich habe meinen Rucksack im Auto vergessen.«
Orion machte kehrt und konnte Oskar gerade noch abfangen. Seinen Rucksack vergessen, das sah ihm gar nicht ähnlich. Die Augen der alten Frau kamen ihm ins Gedächtnis, und er schauderte. Er warf seinen Rucksack über die Schulter und sprintete los, um Miranda einzuholen.
Gerade hatte er den Eingang passiert, da schoss ein Schatten um die Ecke des Gebäudes und stieß schwungvoll mit ihm zusammen. Er stieß einen Schrei aus und landete unsanft auf dem Hintern.
»Die Schule ist ein Schutzraum, in dem die soziale Herkunft in den Hintergrund tritt und jeder Einzelne das Feld seiner Möglichkeiten erweitern kann.« So lautet das Motto unserer Schule. Das Motto gefällt mir. Nur leider sieht die Wirklichkeit komplett anders aus.
Ich glaube, ich bin noch nie im Leben so schnell gerannt. Zu spät zu kommen ist schrecklich. Ich biege um die Ecke und schwenke scharf nach rechts.
Autsch! Was war denn das?
Eigentlich war ich immer gut darin, Wegstrecken zu berechnen. Aber diesmal habe ich das Hindernis in meiner Bahn nicht gesehen. Ich sitze am Boden, und mir gegenüber sitzt ein anderer Schüler, der ebenfalls auf dem Hinterteil gelandet ist. Nicht so schlimm, könnte man meinen?
Tja, leider ist der Schüler nicht irgendwer. Er ist ein Unantastbarer. Der es bestimmt nicht toll findet, dass seine schöne weiße Uniform jetzt schmutzig ist. Ich mustere ihn und verkneife mir einen Fluch (ich fluche ständig, aber nie in der Schule). Noch dazu ist es nicht irgendein Unantastbarer. Es ist Orion Parker, der Sohn von Arthur C. Parker, dem reichsten Mann der Welt.
Automatisch huscht mein Blick von Orion zu dem Schild an der Wand des Gebäudes.
Es erinnert alle Schüler der Wasserquartiere daran, dass es ausdrücklich verboten ist, Körperkontakt mit einem Unantastbaren zu haben. Ich lese die roten Wörter:
Wer diese Regel missachtet, wird von der Schule verwiesen.
Ich atme stockend ein. Im Bruchteil einer Sekunde lösen sich meine Träume in Luft auf. Leb wohl, Traum von einer Wohnung auf festem Boden, von einem guten Job, von genug zu essen … Stattdessen werde ich von der Schule fliegen, weil ich Orion Parker berührt habe. Ich stelle mir vor, wie meine Eltern reagieren werden. Wie soll ich ihnen beibringen, dass ich alles vermasselt habe, nur weil ich meinen Wecker nicht gehört habe? Weil ich so lange gelernt habe, um die beste Note zu bekommen, so wie immer? Ich kann schon unsere Nachbarin mit ihren dummen Sprüchen hören: Das Beste ist der Feind des Guten. Hättest du dich doch einfach mit einer guten Note zufriedengegeben! Ich habe ja schon immer gesagt, dass du auf der Schule der Reichen scheitern wirst. Aber so bin ich nun mal. Ich hasse Niederlagen. Ich bin gerne die Beste, und ich tue alles dafür. Ganz egal, was die Nachbarin sagt. Und meistens ist Ehrgeiz ja auch etwas Gutes. Ich will nicht, dass Orion mich für weinerlich hält, trotzdem schießen mir Tränen in die Augen.
»Alles okay? Hast du dir wehgetan?«
Mein Gehirn decodiert nur mühsam seine Worte. Träume ich, oder hat er mich gerade gefragt, ob es mir gut geht? Das muss der Schock sein.
»Äh, nein, alles in Ordnung. Tut mir wirklich leid.«
Was soll ich auch sonst sagen? Ich habe einen Fehler gemacht und werde teuer dafür bezahlen.
Schon kommt Miranda angerauscht, diese Plage. Stimmt ja, die beiden kommen jeden Morgen zusammen in einem Auto, das vermutlich so viel kostet wie zehn Wohnungen auf festem Boden. Ich hasse dieses Mädchen. Sie ist schön, reich und hat eine strahlende Zukunft vor sich. Trotzdem ist sie hinterhältig, missgünstig und nur mittelmäßig in der Schule.
»Bist du verrückt geworden?«, schreit sie mich an. »Was fällt dir ein? Alles okay, Orion? Hat die Lumpensammlerin dir was getan?«
»Wir sind vor der Tür zusammengestoßen. Es war meine Schuld«, erwidert Orion. »Ich habe nicht aufgepasst.«
»Deine Schuld? Blödsinn. Dafür kann sie von der Schule geworfen werden! Ich gehe sofort zum Direktor.«
»Nein!«
Ich verfolge verdattert diese surreale Diskussion. Hat Orion gerade Nein gesagt?
»Wie, nein? Du kannst doch nicht zulassen, dass diese Versagerin dich anfasst!?«, tobt Miranda. »Da hat sie schon das Glück, dieselbe Luft zu atmen wie wir, und dann …«
»Nein. Hast du nicht gehört? Es war meine Schuld. Sie wird nicht von der Schule geworfen, und der Direktor wird nicht informiert.«
»Aber …«
»Ich hasse es, wenn mir jemand vorschreiben will, was ich tun soll, Miranda. Du bist meine Freundin. Ich verlasse mich darauf, dass du meine Entscheidung respektierst. Gib mir dein Wort darauf.«
Miranda dreht sich zu mir und legt so viel Verachtung in ihren Blick, wie sie nur kann – und sie hat eine ganze Menge davon in ihrer schäbigen Seele auf Lager. Ich sehe ihr kurz in die Augen, dann senke ich den Blick.
