Nicht mache dir Fetische! - Arne Hilke - E-Book

Nicht mache dir Fetische! E-Book

Arne Hilke

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Beschreibung

In Band 7 der Schriftenreihe „Beiträge zur sozialökonomischen Handlungsforschung“ mit dem Titel „Nicht mache dir Fetische! Zu alttestamentlichem Bilderverbot und Marx'scher Wertkritik“ wird eine Annäherung von alttestamentlichem Bilderverbot (Ex 20) und Marx’scher Fetischkritik (vor allem im ersten Band des Kapitals) im Sinne einer vergleichenden Textinterpretation versucht. Ziel ist es, zum Zwecke eines besseren Verständnisses beider Texte Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Die Untersuchung konzentriert sich auf das Herausarbeiten einer beiden Texten gemeinsamen Denk- oder Kritikfigur. Es wird der Nachweis geleistet, dass sich beide Texte auf ein vergleichbares Phänomen beziehen, das in zwei völlig verschiedenen Gesellschaftsformen auftaucht, und dem sowohl durch die biblischen Autoren als auch durch Marx mit einer „Fetischkritik“ begegnet wird, die sich im Alten Testament in Form des Bilderverbotes zeigt. Diese gemeinsame Kritikfigur bezieht sich in beiden Fällen darauf, dass ein aus dem menschlichen Handeln entspringendes Produkt dem Menschen als eine fremde Macht entgegentritt. Es bekommt eine Wirkmächtigkeit, die den individuellen Eintrag des Handelnden übersteigt; sie wird gesellschaftlich / gesellschaftsformend. Dieser Band ist dem katholischen Theologen Kuno Füssel zum 75. Geburtstag gewidmet.

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Seitenzahl: 158

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Vorwort des Herausgebers

Seit 1999 hatte das SEARI1 in der Reihe Beiträge zur sozialökonomischen Handlungsforschung einige Texte herausgegeben, die entweder aus dem Diskussionszusammenhang innerhalb des Instituts entstanden waren oder zumindest vor ihrer Veröffentlichung in wesentlichen Teilen intensiv von uns diskutiert worden waren. Die Beiträge sind damit allesamt Resultate theoretischer und praxisnaher Forschungen, die sich – wie es der Titel der Reihe ausdrücken soll – im Schnittpunkt von Handeln und Theorie bewegen.

Das SEARI war damals ein Institut im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Universität Bremen. Das Interesse dieser Arbeitsgruppe galt der wissenschaftlich-kritischen Dokumentation und Analyse der gegenwärtigen Tendenz der Extensivierung und Intensivierung ökonomischer Verwertungsprozesse. Ein besonderes Anliegen bestand dabei darin, die Dynamik des Kapitalismus im Zusammenhang mit dem Wandel von Formen und Inhalten der Subjektivität der in diesen Prozess involvierten Individuen zu untersuchen. Der Forschungsrahmen war hierbei stets interdisziplinär angelegt und bezog neben politisch-ökonomischen vor allem soziologische und sozialpsychologische Aspekte wirtschaftlichen Handelns ein. Als mit meiner Pensionierung und damit mit dem Wegfall des Institutsleiters im Jahre 2004 das SEARI nicht mehr als universitäres Institut aufrechterhalten werden konnte, entschloss sich das SEARI-Kollektiv, das Institut als gemeinnützigen Verein weiterzuführen, um die Diskussion in einem verlässlichen Rahmen und in einer postakademischen Ausrichtung fortsetzen zu können.

In der Zeit nach 2004 haben wir – in der Hauptsache aus finanziellen und arbeitstechnischen Gründen – zunächst auf die Publizierung von Diskussionsergebnissen in unserer Reihe verzichtet. Großenteils sind sie in anderweitige Publikationen eingeflossen. Wir freuen uns, dass es uns gelungen ist, unsere Diskussionen über zwölf Jahre hinweg kontinuierlich fortzusetzen und lebendig zu halten. Sie sind im besten Wortsinn ein Diskurs.

Anlässlich der Diskussion über die außerordentlich spannende Bachelorarbeit von Arne Hilke mit dem Titel Nicht mache dir Fetische! haben wir uns nun entschlossen, diese in einer vom Verfasser ganz leicht überarbeiteten Form als Nr. 7 in der Schriftenreihe zu veröffentlichen und damit gleichzeitig einen Neustart der Reihe zu wagen.

Arne Hilke macht in seiner Arbeit den Versuch einer Annäherung zwischen so unvergleichlich erscheinenden Räumen wie dem Bilderverbot im Alten Testament und der Marx’schen Fetischkritik. Er arbeitet in seinem Text heraus, dass bei der bewussten Verwendung des Fetischbegriffs bei Marx ein vergleichbares „Denk- und Kritikmodell“ vorliegt wie im alttestamentarischen Bilderverbot. Im Kern geht es in beiden Fällen darum, dass ein Produkt menschlichen Handelns dem Menschen als fremde Macht gegenübertritt. Das wird in dem Text anspruchsvoll herausgearbeitet. Obwohl es sich bei diesen „Produkten“ um zunächst ganz unterschiedliche Dinge handelt – im Alten Testament geht es im Wesentlichen um die Abbildung von Göttern in Form von „Bildnissen“, d. h. Götterstatuen, in der Marx’schen Theorie um die durch die Arbeit reproduzierten gesellschaftlichen Verhältnisse und die Vorstellung von ihnen einschließlich aller dazu gehörigen Begriffe –, lassen sich doch große Ähnlichkeiten herausarbeiten.

Arne Hilke erweist sich sowohl als Kenner auf beiden Gebieten als auch als Meister in der Auswertung einer immensen Literatur dazu. Über den Fetischbegriff bei Marx gibt es eine recht breite Literatur, wenn man auch diejenigen Texte, die Marx vorrangig ökonomisch interpretieren und für die der Fetischbegriff daher ohnehin nur als Fremdkörper erscheint, aussortieren kann. Die Frage, ob Marx den Begriff bloß metaphorisch meint oder vielmehr als reale Kritik der Wirklichkeit der kapitalistischen Gesellschaft, muss jedenfalls beantwortet werden. Der Verfasser verfolgt die Quellen zurück bis in Marx’ Frühwerk. Ebenso akribisch setzt sich Arne Hilke mit der religionswissenschaftlichen Diskussion der Begrifflichkeit von Bild und Fetisch auseinander. Seine Arbeit wurde von Erstgutachter Prof. Dr. Dr. Christoph Auffarth, einem Religionswissenschaftler, als „herausragend“ beurteilt.

Hierzu kann eine kleine Anekdote angeführt werden: Arne Hilke ist ein ausgewiesener Kenner des Gelegenheitsphilosophen Günther Anders, den er als sein großes Vorbild bezeichnet und in dessen Tradition er sich sieht. Anders hatte bei Edmund Husserl, dem Begründer der Phänomenologie, mit einer Arbeit gegen Husserl promoviert.2 Auch Hilke erlangt hier nun einen Abschluss (auch wenn es sich vorerst lediglich um einen Bachelorabschluss handelt) mit einer Arbeit gegen eine These seines Erstgutachters: Hilkes Feststellung, dass Gott und Götterstatue gleichgesetzt werden, dass die Götterstatue selbst Gott wird, widerspricht der Aussage Auffarths: „Das Bild ist nicht gleich Gott“. Auffarth kann sich lediglich zu der Aussage durchringen, dass das „Götterbild [...] dann zum Kultbild und zur Präsenz Gottes im Bild [wird], wenn es kultisch verehrt wird“ – eine „Präsenz Gottes im Bild“ ist aber noch etwas anderes, als wenn das Bild selbst zum Gott wird.3

Überhaupt spürt man die Nähe Hilkes zu Günther Anders während der Lektüre des Aufsatzes deutlich. Vor allem im Bereich des sprachlichen Ausdrucks hat er offenbar viel von Anders (der für seinen herausragenden Sprachstil 1992 den „Sigmund-Freud-Preis“ der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen bekam) gelernt. So kann Christoph Auffarth in seinem Gutachten zurecht konstatieren: „Sprache und Begriffe sind außergewöhnlich präzise verwendet“.

Arne Hilke schließt seine Überlegungen zum Bilderverbot mit folgenden Worten: „Wer in dem System lebt, ist geprägt von der inneren Rationalität des Fetischs. Eine selbstgemachte Statue als Gott anzusehen ist innerhalb des entsprechenden Systems, der entsprechenden Gesellschaft sicherlich ähnlich ‚rational‘, wie heute das Gewinnmachen rational ist. Von außen wirkt es komisch, von innen nicht. Und mitmachen müssen auch jene, die den Fetischcharakter durchschauen.“

An diese Feststellung schließt sich notwendig die kritische Frage an, wie die Macht des Fetischs zu brechen ist. Ein lebendiger Diskurs kennt eben kein Schlusswort.

Holger Heide, Munkfors (Schweden)

1 Die Abkürzung SEARI steht für „Social Economic Action Research Institute“ (Institut für sozialökonomische Handlungsforschung) und wird – die den Deutschen nachgesagte Eigenschaft, das englische th nicht aussprechen zu können, auf die Schippe nehmend – in etwa wie das englische Wort „theory“ (Theorie) ausgesprochen.

2 vgl. hierzu „Brecht konnte mich nicht riechen“ – Interview mit Fritz J. Raddatz (1985). In: Elke Schubert (Hrsg.): Günther Anders antwortet. Interviews & Erklärungen. Berlin : Edition TIAMAT, Verlag Klaus Bittermann, 1987, S. 97–113; hier insbesondere S. 101.

3 Christoph Auffarth – „Das angemessene Bild Gottes. Der olympische Zeus, antike Bildkonventionen und die Christologie.“ In: Natascha Kreutz und Beat Schweizer (Hrsg.): Tekmeria. Archäologische Zeugnisse in ihrer kulturhistorischen und politischen Dimension. Beiträge für Werner Gauer. Münster : Scriptorium, 2006, S. 1–23; Zitate auf S. 8 f.

Über den Herausgeber

Holger Heide (*1939), emeritierter Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Universität Bremen. Forschungsfelder: Arbeitssucht, historische Entwicklung der Arbeitsgesellschaft, Herausbildung der Arbeitsgesellschaft in Ostasien. Von 1997–2004 Leiter des Social Economic Action Research Institute (Institut für sozialökonomische Handlungsforschung – SEARI), seitdem Vorsitzender des Nachfolgevereins Gesellschaft zur Förderung sozialökonomischer Handlungsforschung e.V. (SEARI). Für Aufsätze und weitere Informationen siehe https://bremen.academia.edu/HolgerHeide.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung und Vorbemerkungen

1.1 Motivation der Fragestellung

1.2 Eingrenzung der Fragestellung und Aufbau der Ausarbeitung

1.3 Quellenreflexion und methodisch-stilistische Besonderheiten

Der Begriff „Fetisch“

Die Marx’sche Fetischkritik

3.1 Biographische und theoretische Hinführung

3.2 Fetischkritik bei Marx

3.3 Marx’sche Fetischkritik als Gegenstand der Religionswissenschaft

3.4 Abschließende Bemerkungen

Das Bilderverbot im Alten Testament

4.1 Auslegung der Stelle Ex 20,4: Das Bilderverbot im Dekalog

4.2 Analyse weiterer exemplarischer Bibelstellen

4.2.1 Betrachtung der Stelle 2 Kön 22,1–23,30: Das Zerschlagen der Götterstatuen zerschlägt die Götter

4.2.2 Betrachtung der Stelle Jes 44,8b–21: Eine Spottrede auf die Bild-Schnitzer

4.2.3 Betrachtung der Stelle Gen 1,1–2,4: Tangiert die Gottebenbildlichkeit das Bilderverbot?

4.3 Abschließende Deutung des alttestamentlichen Bilderverbots

Zusammenführung von Fetischkritik und Bilderverbot

Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung und Vorbemerkungen

1.1 Motivation der Fragestellung

Wird in Texten, die sich mit den Marx’schen Werken beschäftigen, auf die zahlreichen theologischen und religiösen oder religionswissenschaftlichen Begrifflichkeiten, die Marx vor allem im Kapital verwendet, eingegangen, so werden diese vielfach als Metaphorik abgetan, es wird von einer „Verwendung im übertragenen Sinne“ gesprochen. Bezogen auf den Fetisch-Begriff, um den es in dieser Ausarbeitung gehen soll, finden sich für die Einordnung als Metapher Belege sowohl bei renommierten Wissenschaftlern wie dem Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme4 oder dem Ethnologen Karl-Heinz Kohl5 als auch in links-politischen Quellen6 . Es handle sich dabei, so offenbar die Einschätzung der Verfasser, lediglich um einen sprachlichen, um einen literarischen Kniff Marx’, um unter Verwendung einer Begrifflichkeit aus einem anderen Themenfeld (s)einen Sachverhalt zu erklären. Eine Bestätigung dieser Einschätzung durch eine ausführliche Untersuchung steht meiner Kenntnis nach aus; einen ersten Schritt in diese Richtung unternimmt das Buch Bibelzitate, Bibelanspielungen, Bibelparodien, theologische Vergleiche und Analogien bei Marx und Engels (Buchbinder 1976, es handelt sich hierbei um die 1974 an der Universität Bonn eingereichte Dissertation Buchbinders).7 Der Autor benennt in der Einleitung des Werkes die „Frage: gibt es bei Marx und Engels sachlich bedeutende Texte, in denen Zitate und Anspielungen aus der Bibel oder auch Vergleiche und Analogien, die aus der Theologie stammen, mehr als nur schmückendes Beiwerk sind und bestimmte gewichtige inhaltliche Funktionen ausüben?“ (Buchbinder 1976, S. 17). Im Abschlusskapitel des Buches kommt Buchbinder dann zu dem Ergebnis, „daß Marx, trotz aller Gegnerschaft gegenüber Religion und Theologie, theologische Vorstellungen sehr bewußt übernahm, um seine philosophischen und nationalökonomischen Ansichten anschaulich zu machen“ (Buchbinder 1976, S. 408).

In dieser Ausarbeitung soll nun exemplarisch der Versuch unternommen werden, für einen dieser Bezüge zu theologischen oder religionswissenschaftlichen Begrifflichkeiten, nämlich zur Verwendung des Fetisch-Begriffs, zu untersuchen, ob diese Verwendung nicht doch eine sachliche Begründung hat und mehr darstellt als bloße Metaphorik, ob sie nicht vielmehr das Ergebnis einer gründlichen Analyse ist. Ausformuliert: Es soll betrachtet werden, ob es einen Zusammenhang zwischen dem alttestamentlichen Bilderverbot und der Marx’schen Fetischkritik gibt, und zwar dergestalt, dass in beiden Fällen ein gleiches Denkmuster oder eine vergleichbare Kritikform verwendet wird. Mit Bloch gesprochen:

Es wäre zu untersuchen, ob es sich bei solch Gleichnishaftem nicht sogar um objektiv-reale Analogien handeln kann.

(Bloch 1985, S. 35)

Eine erste Anregung zu diesem Gedanken bekam ich durch einige Zeilen des Philosophen Günther Anders, mit dessen Leben und Werk ich mich in den letzten etwa 15 Jahren ausgiebig beschäftigt habe. Günther Anders, aus einer säkularen und assimilierten jüdischen Familie stammend (vgl. u. a. Anders 1982, S. 327, sowie Bahr 2010, S. 27), schreibt in einem Beitrag zum Sammelband Mein Judentum (herausgegeben von Hans Jürgen Schultz):

Etwas hat mich von früh auf ans Judentum gebunden, und zwar ein Gebot aus dem Dekalog: das Verbot der Götzenherstellung und Götzenanbetung. Ungeachtet der Tatsache, daß ich als Kind von früh bis spät gemalt hatte und in den zwanziger Jahren sogar vorübergehend Louvreführer gewesen bin, ist das Bildverbot für mich pausenlos gültig geblieben. Wer mir den mit diesem Verbot verbundenen Horror vor der Vergottung menschgemachter Dinge eingeflößt hat, ist mir unbekannt. [...]

Aber um zum Bildverbot zurückzukehren: Dieses nahm für mich, den Erwachsenden und Erwachsenen, eine sich immer mehr steigernde Bedeutung ein. Das gilt wohl besonders von dem Zeitpunkt an, da Marx in meinen Gesichtskreis eintrat. Dieser hatte nämlich – davon bin ich auch heute noch überzeugt –, ungeachtet seines Wechsels vom Monotheismus zum Atheismus, den bilderstürmerischen Furor des jüdischen Monotheismus ungeschwächt übernommen.

(Anders 1979, S. 71 f., Herv. w. dort)

Nun ist das Marx’sche Werk umfangreich, sodass es aufwändig wäre, den gesamten Textkorpus auf einen „bilderstürmerischen Furor“ hin zu untersuchen. Die Lektüre eines Werkes des studierten Theologen und promovierten Philosophen Christoph Türcke brachte mich dann auf eine Spur, an welcher Stelle eine nähere Betrachtung sinnvoll sein könnte (Türcke greift im folgenden Zitat auch den o. g. Befund auf, dass die Verwendung theologischer und religionswissenschaftlicher Begrifflichkeiten im Marx’schen Werk in der Sekundärliteratur oftmals mit dem Verweis auf eine reine Metapher abgetan wird):

Das Wort vom Fetischcharakter der Ware ist wesentlich mehr als eine belletristische Redensart. Es bedeutet, daß die Aufrechterhaltung der Kapitalzirkulation ein gigantischer Fetischdienst ist, ein gesamtgesellschaftlicher Gottesdienst, der nicht nur sonntags zwischen zehn und elf stattfindet, sondern rund um die Uhr, und auch die zur Teilnahme zwingt, die seinen Fetischcharakter durchschauen; denn auch die müssen leben. (Türcke 1992, S. 31, Herv. w. dort)

Angeregt von diesen Aussagen habe ich mich bereits vor einigen Jahren auf den Weg gemacht, eine Verbindung von Fetischkritik und Bilderverbot herzustellen. Zur damaligen Zeit war ich ehrenamtlich im Reformierten Bund aktiv. Der Reformierte Bund in Deutschland e.V., der seit 1884 existierende Dachverband für derzeit etwa zwei Millionen reformierte Gemeindeglieder in Deutschland, unterhielt viele Jahre lang sogenannte „Konvente“: kleine Arbeitsgruppen, nach den vier Himmelsrichtungen benannt und den entsprechenden Regionen Deutschlands zugeordnet. Nachdem drei dieser Konvente ihre Arbeit schnell wieder eingestellt hatten, blieb mit dem Konvent Nord eine Arbeitsgruppe übrig, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, gesellschaftspolitische Themen für die Gemeindearbeit aufzubereiten. Nachdem in den Jahren 2001 bis 2004 der Themenkomplex Gentechnik/Bioethik auf der Agenda gestanden hatte, machte sich die Gruppe ab 2004 unter meinem Vorsitz daran, sich mit der Wirtschaftsethik zu befassen. In der 2008 erschienenen und diesen Prozess abschließenden Veröffentlichung ... denn er hatte viele Güter. Arbeitshilfen zur Wirtschaftsethik für Gemeinden, Schulen und Erwachsenenbildung habe ich in einem kleinen Exkurs („Formkritik des Geldes“) innerhalb meines Beitrags „Accra und die Ökonomiekritik“ (Hilke 2008) versucht, erste Ansätze einer solchen Verbindung zwischen Bilderverbot und Ökonomiekritik vorzustellen. Diese waren damals noch sehr unausgegoren, sodass ich den dort publizierten Text heute so nicht mehr unterschreiben würde. Trotzdem sind Gedanken aus jenem Text in die vorliegende Ausarbeitung eingeflossen, vornehmlich in Unterabschnitt 4.2.1; da es sich um meine eigenen Gedanken handelt, sind sie jedoch nicht einzeln als indirekte Zitate kenntlich gemacht. Eine ausgeführte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Frage wurde von mir damals nicht geleistet und stand daher noch aus.

Der Titel dieser Ausarbeitung ist ebenfalls ein Zitat. Nachdem ich meinen Vater Manfred Hilke mit dem Gedanken, es könne einen Zusammenhang zwischen dem Fetisch-Begriff bei Marx und dem alttestamentlichen Bilderverbot geben, angesteckt hatte, schrieb dieser 2011 in einem Beitrag zu einer Festschrift für den katholischen Theologen Kuno Füssel einen Text über „Der Ware theologische Mucken“ (Hilke 2011). In diesem Text geht der Autor am Schluss auf eine Formulierung von Marx ein, nämlich auf die der „Religion des Alltagslebens“8 (Marx 1972a, S. 838), und schreibt dann dazu:

Der haben alle anzuhängen, wie immer auch ihre Religion des Sonntags aussehen mag, wollen sie nicht die Macht des stummen Zwangs der Verhältnisse, wie die staatliche Gewalt, nur erfahren indem sie davon wissen, sondern auch am eigenen Leib zu spüren bekommen. Aus der Erfahrung von Macht und Gewalt aber entsteht Religion. Dagegen bleibt nur die Kritik der Religion. Es bleibt das biblische Gebot: Nicht mache dir Fetische ...

(Hilke 2011, S. 139, Auslassungspunkte und Herv. w. dort)

Kurz nach dieser zitierten Stelle endet der Aufsatz. Es folgt keine ausführliche Analyse oder Begründung dafür, wieso „Nicht mache dir Fetische“ als Neuformulierung des biblischen Gebotes „Nicht mache dir Schnitzgebild“9 zulässig ist. Hilke selbst spricht davon, dies scheine „doch eine willkürliche Übertragung“ (Hilke 2011, S. 139) zu sein.

Nachzuweisen, dass diese Übertragung alles andere als willkürlich, sondern vielmehr inhaltlich berechtigt ist, ist das vorrangige Ziel dieser Ausarbeitung. Gewidmet ist sie dem gerade schon erwähnten katholischen Theologen Kuno Füssel, der in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiert. Er hat mir als einer meiner wichtigsten Lehrer die Sinne geschärft für eine marxistisch orientierte Bibelexegese ebenso wie für einen messianisch-biblisch orientierten Marxismus. Fünf Jahre nach der o. g. Festschrift zum 70. Geburtstag ist es mir nun eine Ehre, Kuno Füssel erneut eine Veröffentlichung widmen zu können.

1.2 Eingrenzung der Fragestellung und Aufbau der Ausarbeitung

Um einen sinnvollen Rahmen für eine solche Ausarbeitung nicht völlig zu sprengen, wird es nötig sein, sich anbietende Seitenpfade der Fragestellung unbeschritten zu hinterlassen. So wird die Frage nach Jesus Christus als Bild Gottes im Neuen Testament (vgl. hierzu Merklein 1998) ebenso wie alle weiteren möglichen neutestamentlichen Bezüge (wie bspw. Mt 6,24: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“) nicht behandelt. Ebenso wird im Rahmen dieser Ausarbeitung nicht geklärt werden, ob und aus welchen Gründen die Verwendung des Gottesnamens unter das Bilderverbot fällt. Auch die Wirkungsgeschichte des Bilderverbots im Christentum, namentlich der Bildersturm in der reformierten Reformation Zwinglis und Calvins, wird nicht Thema dieser Ausarbeitung sein. Einen äußerst umfangreichen Fundus an zeitgenössischen Texten der Reformation zu dieser Fragestellung bietet Berns 2013, eine zusammenfassende Darstellung der theologischen Debatte sowie eine historische Analyse des Bildersturms können neben Hinweisen auf weiterführende Literatur bspw. Schnitzler 1996 entnommen werden.

Ebenso werde ich über einige Detailfragen, die von den „Marx-Exegeten“ z. T. erbittert diskutiert werden, hinweggehen müssen, da sie im Rahmen dieser Ausarbeitung nicht zu klären sind. Ein Beispiel hierfür wäre die Frage, ob der Wert einer Ware bereits in ihrer konkreten Produktion entsteht, oder ob er erst im Tauschprozess in die Ware „springt“. Der Verzicht auf die ausgeführte Diskussion solcher Fragen bedeutet nicht, dass sie als nebensächlich anzusehen sind, vielmehr sind gerade diese Details vielfach die Knackpunkte der Theorie. Ich schließe mich in dem benannten Beispiel jedoch der Auffassung Godeliers an:

Der »Tauschwert« der Ware ist das Wertverhältnis, das sich mittels des Austauschs dieser Ware gegen andere Waren herstellt. Dieses Verhältnis schafft nicht den »Wert« dieser Ware, denn dieser Wert entsteht im Produktionsprozeß der Ware und nicht im Prozeß ihrer Zirkulation unter Produzenten. Die Zirkulation schafft keinen Wert. Dieser existiert bereits, bevor die Waren zirkulieren.

(Godelier 1972, S. 298, Herv. w. dort; ähnlich auch Grigat 2007, S. 4610 )

Unbehandelt wird in dieser Ausarbeitung zudem das „Bilderverbot der Utopie“ der Kritischen Theorie bleiben. Zwar läge es nahe, sich diese Thematik anzusehen, da hier von einer an Marx anschließenden Theorieschule der Ausdruck „Bilderverbot“ verwendet wird, jedoch würde ein solcher Exkurs den Rahmen der Ausarbeitung deutlich sprengen. Einen Einblick in die Thematik liefert eine Diskussion zwischen Theodor W. Adorno, dem Mitbegründer der Kritischen Theorie, und dem ebenfalls marxistischen Denker Ernst Bloch (vgl. Bloch und Adorno 1978).

Auch auf einen naheliegenden Ausblick auf Freuds Beschäftigung mit dem Bilderverbot in seinen Abhandlungen Der Mann Mose und die monotheistischen Religionen (Freud 2000b, s. dort vor allem S. 559 ff.) muss aus Platzgründen verzichtet werden. Die Ausarbeitung fühlt sich hier getragen von der Hoffnung, der Einschätzung Werner H. Schmidts folgen zu können:

[Freud hebt] die Besonderheit und Bedeutung des Bilderverbots mit Recht hervor, auch wenn er es als „Triumph der Geistigkeit über die Sinnlichkeit“ kaum sachgemäß interpretiert.

(Schmidt 1993, S. 60)

Im Zusammenhang mit Freud wäre es ebenfalls naheliegend, auf „sexuellen Fetischismus“ einzugehen, also auf jene Begrifflichkeit, die 1887 vom französischen Psychologen Alfred Binet eingeführt und die von Freud Anfang des 20. Jahrhunderts aufgegriffen und vor allem durch seinen Aufsatz „Fetischismus“ populär gemacht wurde (Freud 2000a). Auch auf jenes Themenfeld wird jedoch in der vorliegenden Ausarbeitung verzichtet, da Freud den Fetisch auf einer subjektiven Ebene ansiedelt, während es in dieser Ausarbeitung um gesellschaftliche Zusammenhänge gehen soll:

Beide Autoren haben den Fetischismusbegriff aus ähnlichen Quellen bezogen. Marx hat ihn der Lektüre von Charles de Brosses’ Abhandlung entnommen, von der wiederum eine direkte Linie über Comte und Binet zu Freud führt. Gleichwohl bewegen sich beide Autoren mit ihren Theorien auf Terrains, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Marx’ Fetischismusbegriff ist auf der kollektiven [müsste heißen: „gesellschaftlichen“; Anm. A.H.] Ebene, Freuds Fetischismusbegriff aber auf der individuellen Ebene angesiedelt. Der «Warenfetischismus» stellt ein Phänomen dar, das die kapitalistische Gesellschaft aus ihrem eigenen Schoß hervorgebracht hat. Der «sexuelle Fetischismus» ist dagegen eine individuelle Abweichung, der die unzureichende Bewältigung einer traumatischen Situation im frühen Kindesalter zugrunde liegt.

(Kohl 2003, S. 107)