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Unverheiratete Frauen im 19. Jahrhundert mussten überall in der Familie einspringen, wo es nötig war, sei es als Ersatzmutter oder als Krankenpflegerin. Oft gerieten sie in Situationen, aus denen sie nicht mehr herauskamen. Sie waren zwar «versorgt» und «sinnvoll beschäftigt», doch viele fühlten sich um ihr eigenes Leben betrogen. Charlotte Kestner, Tochter von Goethes Lotte («Die Leiden des jungen Werther»), wurde in Hannover geboren, kam mit 20 Jahren nach Thann im Elsass zu ihrem verwitweten Bruder Carl, dem sie über 40 Jahre den Haushalt führte und dessen Kindern sie die Mutter ersetzte. Später lebte sie in Basel, wo sie noch während rund 30 Jahren im Haus zum Kirschgarten wohnte.
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2024
Helen Liebendörfer
Historischer Roman
Friedrich Reinhardt Verlag
Titelbild: Treppenhaus im Haus zum Kirschgarten, Historisches Museum Basel
Alle Rechte vorbehalten
© 2024 Friedrich Reinhardt Verlag, Basel
Projektleitung: Claudia Leuppi
Korrektorat: Daniel Lüthi
Cover: Célestine Schneider
Satz: Siri Dettwiler
eISBN: 978-3-7245-2745-9
ISBN der Printausgabe 978-3-7245-2726-8
Der Friedrich Reinhardt Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2025 unterstützt.
www.reinhardt.ch
Wir danken für die freundliche Abdruckgenehmigung der Fotos. In einzelnen Fällen konnten die Rechteinhaber nicht ermittelt werden. Wir bitten um Hinweise an den Verlag, allfällige Honoraransprüche werden gerne abgegolten.
Ich begnügte mich gern mit meinem
zweiten Platze, wie ich denn mich selten
vorgedrängt habe in meinem Leben,und merke, dass diejenigen, die mir lieb sind,
mir doch ein Ehrenplätzchen aufbewahren.
Charlotte Kestner
Vorwort
Basel, 1848
Hannover, 1800
Basel, 1848
Hannover, 1808
Basel, 1848
Thann, 1816
Basel, 1848
Thann, 1823
Basel, 1848
Thann, 1827
Basel, 1828
Wiesbaden und Thann, 1833
Thann, 1839
Rom, 1844
Thann und Hannover, 1846
Basel, 1848–1853
Basel, 1852–1853
Rom, 1853
Basel, 1854–1864
Basel, 1864/65
Basel, 1866–1877
Nachwort
Biografie
Bibliografie
Bildnachweis
Autorin
In diesem Roman wird am Beispiel der unverheirateten Charlotte Kestner, der Tochter von Goethes «Lotte» (Die Leiden des jungen Werther) ein Frauenschicksal aus der Zeit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschildert. Sie wurde in Hannover geboren, kam im Alter von zwanzig Jahren zu ihrem verwitweten Bruder Carl nach Thann im Elsass, führte ihm über vierzig Jahre den Haushalt und ersetzte dessen Kindern Charles und Caroline die Mutter. Als sie älter wurde, lebte sie in Basel, wo sie noch während rund dreissig Jahren im Haus zum Kirschgarten wohnte.
Das Leben von ledigen Frauen in früheren Jahrhunderten war meist unspektakulär, oft unerfüllt und von Verzicht geprägt. Auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte immer noch eine klare Trennung der Geschlechter: Das Haus war der Ort der Frauen, die Öffentlichkeit der Ort der Männer. Die Ausbildung der Söhne war das Wichtigste, dafür scheute man keine Ausgaben, auch wenn es die Mitgift der Töchter und damit ihre Heiratschancen reduzierte. Die jungen, gut ausgebildeten Frauen lernten keinen Beruf, sassen zu Hause, beschäftigten sich mit Sticken und Klavierspielen, und konnten deshalb überall in der Familie einspringen, wo es nötig war – als Ersatzmutter oder Krankenpflegerin. Oft rutschten sie in Situationen hinein, aus denen sie nicht mehr herausfanden, doch sie waren «versorgt» und «sinnvoll beschäftigt». Allerdings fühlten sich viele um ihr eigenes Leben betrogen. Ein Vormund, Vater oder Bruder, bestimmte über ihr Leben, und die Familie bot Schutz und Rückhalt sowie Anerkennung von aussen. Es gab kaum jemanden, der in der Verwandtschaft nicht eine gealterte Tante hatte.
Aus den Briefen von Charlotte Kestner an ihren Bruder August, welche diesem Roman hauptsächlich zugrunde liegen, kann man feststellen, dass nicht alle ledigen Frauen ihr Schicksal resigniert hinnahmen. Zwar findet man bei Charlotte Kestner alle Eigenschaften, die von einer Frau damals erwartet wurden: Bescheidenheit, Gelassenheit und Religiosität. Doch versuchte Charlotte Kestner mit bewundernswerter Energie ihre Tage positiv zu gestalten, trotz Verzicht auf Ausbildung und Heirat. Das gilt vor allem auch für ihre Zeit in Basel, denn hier besuchte sie Veranstaltungen über Kunst, Musik, Literatur und veranstaltete selbst Gesprächszirkel und Hauskonzerte. Ihr Leben, das sie hauptsächlich ihrem Bruder Carl und seinen beiden Kindern gewidmet hatte, war in Basel kein Thema. Man nahm ihre Persönlichkeit vor allem als «Charlotte Kestner, die Tochter von Goethes Lotte» zur Kenntnis. Sie selbst schreibt im hohen Alter in einem Brief:
«Es fehlte mir nicht an Empfänglichkeit für alles Grosse und Gute, aber was die Zeit bot, ward mir doch nur von Ferne gezeigt.»
Helen Liebendörfer
Das stattliche Haus zum Kirschgarten erstrahlte im Kerzenlicht. Die Besucherinnen, sorgfältig frisiert, mit Hut und in Krinolinen gekleidet, schritten die breite, schwungvoll gestaltete Treppe graziös empor, jeweils von ihren Herren am Arm geführt. Zwischen den mächtigen Säulen im ersten Stock standen Caroline und ihr Ehegatte Johann Bischoff, begrüssten die Gäste und reichten sie zu Tante Charlotte Kestner weiter, welche am Durchgang zum Blauen Salon stand, dem eigentlichen Empfangsraum. Charlotte stützte sich leicht auf ihren schwarzen Regenschirm, um die Rückenschmerzen etwas zu lindern, und lächelte ergeben, wenn ein unbekannter Gast auf sie zutrat. Sie kannte die Reaktion der Leute, wenn sie sich vorstellte.
«Charlotte Kestner? Doch nicht etwa Goethes Lotte?», entfuhr es den Spontanen. Am heutigen Empfang äusserten sich die Gäste jedoch zurückhaltender, denn es hatte sich längst in der Stadt herumgesprochen, wer Charlotte war. Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther war auch siebzig Jahre nach seinem Erscheinen überall bekannt, alle hatten ihn gelesen und man wusste in Basel, dass Charlotte Kestner im Kirschgarten die Tochter von Goethes «Lotte» war, in die er sich einst unglücklich verliebt hatte. Deshalb murmelten sie bei der Begrüssung freundlich: «Ihr Name erinnert mich an Goethe», manchmal auch «Sie tragen einen berühmten Namen» oder etwas in der Art. Charlotte wusste, es half nichts, sich dagegen aufzulehnen. Seit sie sich in der Gesellschaft bewegte, wurde sie darauf angesprochen, obwohl die Sätze eigentlich ihrer Mutter galten. Sie selbst bildete nur so etwas wie einen fernen Abglanz der berühmten Liebesgeschichte. Ihre ganze Persönlichkeit umwob ein Hauch einer vergangenen, grossen Zeit und eines der grössten Namen Deutschlands. Die Leute der weit verbreiteten Goethegemeinde nahten sich ihr mit wahrer Ehrfurcht, was ihr stets überaus peinlich war.
Äusserlich glich Charlotte ihrer Mutter. Ihre kleine, zierliche Gestalt, ihre träumerisch blickenden Augen und das weiche kastanienbraune Haar vermittelten einen Schimmer von Vornehmheit, ganz so, wie die Leute es erwarteten. Wie hätte sich der grosse Goethe sonst in «Lotte» verlieben können? Unterdessen war sie allerdings älter geworden, aber immer noch mit braunen Haaren und strahlend blickenden Augen. Während sie Konversation machte und Begrüssungsfloskeln austauschte, versuchte Charlotte, ihre Rückenschmerzen zu ignorieren. In ihrer Kindheit hatte sie sich bei einem Unfall eine Rückenverkrümmung zugezogen. Mit zunehmendem Alter machten sich nun Schmerzen bemerkbar. Ein Regenschirm war ihr ständiger Begleiter. Sie stützte sich mit ihrer linken Hand, an welchem ein Brillantring steckte, darauf. In Gedanken lächelte sie über sich. Eine verehrte Person der Goethegemeinde, die sich auf einen Regenschirm stützen musste, passte schlecht zusammen. Von aller Welt ihr Leben lang Tante genannt, war sie längst zur «Tante mit dem Regenschirm» avanciert.
Sie begrüsste höflich den nächsten Gast und bekräftigte einmal mehr, dass das Wetter in diesem Jahr besonders garstig sei, aber wenigstens scheine die Sonne hin und wieder mit wohltuender Wärme. Damit traten die Gäste über die Schwelle zum Blauen Salon, murmelten «I bi so frei» und mischten sich unter die Leute. Mit blauer Seide überzogene Sitzgelegenheiten standen den Wänden entlang, welche mit korinthischen Pilastern verziert waren, einige Ölgemälde von Landschaften und Vorfahren zierten die Wände, ein schlichter, weisser Kachelofen spendete wohltuende Wärme und an der Decke prangte ein Leuchter aus Murano. Die Vorhänge an den hohen Fenstern liessen nur wenig Licht herein, und zwischen den Fenstern waren Spiegel angebracht in Rahmen mit rankenartig vergoldeten Schnitzereien. Die unaufdringliche Eleganz des Raumes bildete den perfekten Rahmen für die Kleider der Damen, welche, wie es sich für Basel gehörte, schlicht, aber aus erlesenen Stoffen qualitätvoll angefertigt waren.
Als auch die letzten Gäste die Schwelle überschritten hatten, mischte sich Charlotte unter die Leute. Es war eine illustre Gesellschaft; die Herren waren Bankiers und Kaufleute, darunter waren aber auch Geisteswissenschaftler. Die Damen schienen ihr alle aus dem gleichen Holz geschnitzt, sie vermittelten einen charakterfesten und grundsoliden Eindruck und strömten etwas Ehrfurchtgebietendes aus in ihren dunklen Seidenroben. Charlotte lauschte hier und nickte da und trat schliesslich zum jungen Musikdirektor Ernst Reiter und seiner Frau, der Sängerin Josephine Bildstein. Sie kannte Josephine schon von früher her, weil sie einmal ihr Gast gewesen war. Reiters Anzug zeigte keinerlei Eleganz; er war sauber, aber durchaus nicht modern, doch Reiters Gesicht mit der hohen Stirn, der edlen Nase, dem schmalen Bart und dem leicht spöttischen Mund lenkte davon ab. Er musste etwas über dreissig Jahre alt sein. Vor ein paar Jahren aus dem Grossherzogtum Baden via Strassburg nach Basel gekommen, war er nun Konzertmeister der Basler Konzertgesellschaft und seit Kurzem Dirigent des Gesangvereins. Im Gespräch mit Professor Bachofen, in das er verwickelt war, wurde jedoch nicht über Musik geredet, wie Charlotte gleich feststellte, sondern über Rom, die Stadt, die Johann Jakob Bachofen vor allem am Herzen lag. Eifrig gesellte sie sich dazu. Rom war für sie eine Herzensangelegenheit, lebte doch ihr besonders geliebter Bruder August dort. Sie selbst hatte die Stadt unter seiner Führung kennen- und lieben gelernt.
Der blaue Salon, Empfangsraum im Haus zum Kirschgarten
«Schön, dass Sie zu uns stossen, Jungfer1 Kestner, ich erzähle Herrn Reiter und seiner Gemahlin gerade von der antiken Gräberwelt und deren Symbolik. Sie ist äusserst faszinierend», erklärte Bachofen begeistert und beschrieb sie in wortreichen Farben. Reiter nutzte eine Pause im Redefluss und meinte zu Charlotte gewandt erklärend:
«Sie müssen wissen, Herr Professor Bachofen gilt als einer der kenntnisreichsten Führer der Stadt Rom.» Charlotte hatte aufmerksam zugehört.
«Mein Bruder August lebt in Rom. Ich war schon bei ihm zu Besuch und er hat mir viel gezeigt von der grossartigen Stadt, aber an Gräber kann ich mich nicht erinnern.»
«Ja, die Gräber und ihre Symbolik werden leider viel zu wenig beachtet. Darf ich fragen, was Ihr Bruder in Rom macht?»
«Er ist Gesandter von Hannover beim Heiligen Stuhl.»
«Oh, das ist beeindruckend. Dann hat er sicher jede Möglichkeit, Rom und seine Schätze zu erkunden.»
«Ja, es war sein grösster Wunsch, in Rom zu leben. Schon als Kind hatte er hauptsächlich Interesse an der Antike. Er ist ein grosser Sammler.»
«Dann weiss ich, von wem Sie sprechen, natürlich, der Name Kestner wurde mir schon öfters genannt wegen seiner grossartigen Sammlung», rief Bachofen aus.
«Das kann gut sein, viele Romreisende besuchen ihn deswegen. Er ist elf Jahre älter als ich. Aber wir haben zu Hause in der Bodenkammer zusammen die antiken Autoren gelesen, auch sonst viel Literatur. Ich hatte das Glück, dass er mich miteinbezog, üblicherweise kommt ein Mädchen ja selten zu guter Lektüre. Nach Shakespeares Sturm haben wir uns gegenseitig die Namen Ariel und Prospero zugelegt.» Charlotte hielt erschrocken inne. Wie kam sie dazu, so etwas zu erzählen? Sie fühlte, wie sie rot wurde. Ihre Spontanität machte ihr immer wieder einen Strich durch das gute Benehmen. Bachofen schmunzelte und gab sich ganz ungezwungen.
«Ariel und Prospero – was man doch in jungen Jahren für köstliche Spielchen treibt!» Charlotte umklammerte den Knauf ihres Regenschirms und fuhr mit blitzenden Augen fort:
«Wir nennen uns jetzt noch hin und wieder bei diesen Namen. Es gibt uns eine besondere Art von Verbundenheit. Mein Bruder berichtet mir in seinen Briefen stets von Dingen, die er in Rom gesehen und entdeckt hat.» Sie wandte sich an Reiter. «Kürzlich schwärmte er mir von einem besonderen Musikstück, das er in der Sixtinischen Kapelle gehört habe, ein Miserere von Allegri, das jeweils in der Karwoche aufgeführt wird. Er habe danach kaum schlafen können, so sehr habe es ihn beeindruckt.»
«O ja, man erzählt sich, dass der vierzehnjährige Mozart das Stück bei einem Romaufenthalt gehört und später aus dem Gedächtnis korrekt aufgeschrieben habe», schmunzelte Reiter, «es wäre ein Stück für eines der Hauskränzchen, und Ihre Tochter Caroline könnte das Sopransolo singen, welches darin vorkommt.» Charlotte war einen Moment verwirrt. Schliesslich meinte sie mit leiser Stimme:
«Caroline ist nicht meine Tochter, sie ist das Kind meines Bruders Carl. Ich habe sie zusammen mit ihrem jüngeren Bruder aufgezogen, seit sie sechs Jahre alt war.» Reiter schwieg einen Moment und wusste nicht, was er darauf antworten sollte.
«Hätten Sie vielleicht Interesse daran, bei mir an der Augustinergasse meine Sammlung von antiken Vasen, Grablampen und Bronzen zu betrachten? Ich würde mich sehr über einen Besuch von Ihnen freuen», fragte Bachofen dazwischen. Charlotte nickte, sie war froh, das Thema nicht weiter ausführen zu müssen.
«Mit dem grössten Vergnügen.»
«Diese Einladung gilt natürlich auch Ihnen», wandte sich Bachofen an Ernst Reiter und seine Frau, «ich freue mich immer, wenn ich jemandem meine Sammlung zeigen kann.»
Charlotte genoss als Tochter von Goethes «Lotte» auch Vorteile, sie wurde in jeden illustren Kreis wohlwollend aufgenommen. Sie war erst vor Kurzem aus dem elsässischen Thann nach Basel gekommen und in den Kirschgarten gezogen, es war einer der ersten Empfänge, die sie mitmachte. Deshalb freute sie sich über diese Einladung. Trotzdem wünschte sie sich auch heute wieder, von den Leuten mit weniger Voreingenommenheit wahrgenommen zu werden. Sie wollte nicht die Tochter von Goethes Lotte sein, sondern sie selbst.
Es war anders gekommen, wie so vieles in ihrem Leben …
1Eine Altbasler Sitte, eine ledige Frau mit «Jumpfere» anzureden
Es war noch recht früh am Morgen. Die zwölfjährige Charlotte erwachte nach einer unruhigen Nacht und fragte sich, ob das, was um sie herum vorging, Wirklichkeit war oder immer noch verworrene Träume. Die Lichtstrahlen, welche durch die Fensterläden fielen, trugen dazu bei, sie tauchten den Raum in ein schales Licht. Es lastete eine unheimliche Stille im herrschaftlichen Haus, in welchem sonst fröhliches Kinderlachen vorherrschte. Sie erschien Charlotte beängstigend, genauso wie die Nachricht, die sie am Tag zuvor vernommen hatte. Die Erinnerung an die Worte ihrer Mutter überfiel sie mit Wucht.
«Dieser Brief ist heute von eurem grossen Bruder Georg gekommen, der Vater auf der Geschäftsreise nach Lüneburg begleitet», hatte die Mutter beim Mittagessen allen mit brüchiger Stimme eröffnet, während sie sichtlich mit den Tränen kämpfte und einen Brief in den zitternden Händen hielt. «Ihr wisst, dass Vater oft von Schmerzen geplagt wurde. Nun schreibt uns Georg, dass Vater – dass er auf seiner Reise plötzlich und ganz unerwartet gestorben ist, für immer eingeschlafen.» Während alle sprachlos und sichtlich schockiert dagesessen waren, hatte der kleine, erst fünfjährige Fritz verwirrt in die Runde geschaut.
«Kommt Vater jetzt nicht mehr zurück?»
«Nein, Fritzchen, er ist nun im Himmel. Euer Bruder Georg hat dafür gesorgt, dass Vater ein würdiges Begräbnis erhielt. Wir können nichts weiter tun, als zusammenhalten und um ihn trauern.» Die neunjährige Luise hatte laut zu weinen begonnen, worauf die siebenjährige Clara miteinstimmte. Die Mutter hatte sich rasch erhoben, um die Kleinen tröstend in die Arme zu nehmen, während der vierzehnjährige Hermann polternd aufgestanden und zusammen mit dem zwei Jahre älteren Eduard mit gesenktem Blick wortlos hinausgegangen war.
«Ich will aber, dass er wiederkommt!», hatte Fritzchen protestiert, worauf ihn Charlotte bei der Hand genommen und hinausgeführt hatte, besser hinauszerren musste. Sie war selbst erfüllt gewesen von finsterer Verzweiflung, hatte keinen klaren Gedanken fassen können, ihre Reaktion war eine zwangsläufige Handlung gewesen, als ob ausserhalb der Stube die Mitteilung keine Gültigkeit mehr hätte. Fieberhaft hatte sie überlegt, wie sie es dem Kleinen leichter machen könnte, aber es war ihr nichts eingefallen.
Und nun am hellen Morgen kam ihr immer noch alles unwirklich vor, fast gespenstisch. Charlotte starrte an die Decke. Wie würde es weitergehen, ganz ohne Vater? Es lag noch immer eine drückende Stille im ganzen Haus. Sie kleidete sich an und schlich hinunter zum Frühstück, wo sie alle schweigend um den Tisch sitzend vorfand. Niemand ass viel, und sobald jemand satt war, floh er aus dem Zimmer. Schliesslich sassen nur noch Fritzchen und Charlotte am Tisch. Die Mutter nahm den Buben auf den Schoss und ihre feingliedrigen Hände strichen über seine Haare. Gleichzeitig berichtete sie von ihren Plänen, die für ihn eine grosse Umstellung bedeuten würden. Mit zweiundvierzig Jahren hatte sie den kleinen Fritz noch bekommen, die Geburt dieses Kindes hatte sie viel Kraft gekostet, nun war sie mit siebenundvierzig Jahren Witwe geworden und hatte allein für ihre vielen Kinder zu sorgen. Die Verantwortung lastete schwer auf ihr. Doch es war ein vertrautes Gefühl, wie sie feststellte, denn nach dem frühen Tod ihrer Mutter hatte sie einst ihre jüngeren Geschwister liebevoll versorgt und den väterlichen Haushalt geführt. Es lag zwar weit zurück, aber es war eine nicht zu unterschätzende Erfahrung. Nun würde sie für ihre acht Söhne und drei Mädchen wiederum alles tun, um sie möglichst unbeschadet durch die schwere Zeit zu führen.
«Du darfst nun aufs Land, Fritzchen, das wird dir gefallen», murmelte sie und Tränen glitzerten in ihren blauen Augen, «es geht mir sehr nah, aber es ist zu deinem Besten. Ein gescheiter, munterer Knabe bei einer Mutter, die so viel zu tun hat wie ich, das geht nicht.» Die zwölfjährige Charlotte hörte zu und konnte es nicht fassen.
«Aber warum denn? Ich kann doch nach Fritzchen sehen, wie bis anhin auch», erwiderte sie mit verzweifeltem Ernst.
«Das ist lieb von dir. Aber es muss ein väterliches Vorbild her, um ihn zu einem wackeren Knaben und zuverlässigen jungen Mann heranwachsen zu lassen. Nur so wird er sich später in der Gesellschaft bewähren können.» Charlotte suchte fieberhaft nach einer Lösung, doch diesem Argument konnte sie nichts entgegensetzen. Die Mutter zögerte einen Moment, strich sich über das braune Haar und fuhr entschlossen fort: «Auch bei uns wird sich viel ändern, Lotte. Die Ausbildung deiner acht Brüder kostet viel und bereitet mir Sorgen. Zum Glück sind einige schon erwachsen. Georg als Ältester wird die Hauptlast tragen und wohl die Kosten für das Studium von August übernehmen müssen, ebenso den Unterhaltszuschuss für Wilhelm, der auch die Beamtenlaufbahn einschlagen wird. Carl in Strassburg muss sich für Eduard einsetzen, der eine kaufmännische Karriere anstrebt. Für Theodors Fortkommen im Medizinstudium könnte ich an Goethe schreiben und um Empfehlung bitten, wenn es nötig wird.»
«Warum an Goethe?», unterbrach sie Charlotte, «ich meine, Vater hätte ihn nicht sonderlich geschätzt.» Die Mutter schüttelte den Kopf. «Es ist etwas komplizierter. Als wir jung waren, hat sich Goethe bei einem Aufenthalt in unserem Ort in mich verliebt. Er war gerade dreiundzwanzig Jahre alt. Doch ich war schon mit Vater verlobt. Das führte dazu, dass Goethe seine vergebliche Liebe im Roman ‹Die Leiden des jungen Werther› verarbeitete. Das Werk wurde berühmt in ganz Europa, es brach ein regelrechtes Werther-Fieber aus. Werther wurde zur Kultfigur, sein blauer Frack mit Messingknöpfen, die gelbe Weste, die braunen Stulpenstiefel und der runde Filzhut wurden Mode. Und alle wollten mein weisses Kleid mit rosa Schleifen tragen, das Goethe im Buch beschrieben hat. Szenen aus ‹Werther› schmückten Tee- und Kaffeekannen, Keksschalen und Teedosen, es gab eine Werther-Tasse und sogar ein Eau de Werther.» Charlotte staunte.
«Eine Tasse?»
«Ja, von Meissen, auf der Tasse war ein junger Mann abgebildet, eben Werther, und auf der Untertasse Lotte, also eigentlich ich, aber sie sah mir nicht ähnlich. Vater fand es unmöglich und er ahnte, dass ich diese Rolle nie mehr loswerden würde.»
«Und alle wussten, dass du es warst?»
«Ja, und das war gar nicht angenehm. Der Name Charlotte Kestner hat seither einen besonderen Klang. Du wirst es auch noch merken, denn du heisst ja auch so. Vater war gar nicht froh darüber. Weisst du, er war von vornehmer Denkart, da passte das Ganze nicht dazu. Nur sein unverwüstlicher Frohsinn half über das Gerede hinweg, dem wir ausgesetzt waren. Vater pflegte manchmal tröstend zu sagen: ‹Goethe hats gewiss nicht übel gemeint.› Aber das ist ganz unwichtig. Ich muss jetzt sehen, wie wir über die Runden kommen. Hermann mit seinen vierzehn Jahren werde ich bei einem befreundeten Ehepaar unterbringen. Auch er braucht männliche Führung. Ihr drei Mädchen stellt kein Problem dar. Ich denke, wir werden Zimmer vermieten und sicher auch unser Personal reduzieren müssen. Nur unsere Magd und die tüchtige Frau für den Garten werden fortan bei uns bleiben. Es werden sicher viel weniger Besuche kommen, die vielen Gebildeten und auch der hannöversche Adel werden nun wohl kaum mehr ein- und ausgehen bei uns, wie wir es bis jetzt gepflegt haben.» Bei diesen Worten beschlich Charlotte ein Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins. Mit ihren zwölf Jahren kannte sie bereits die Spielregeln der Gesellschaft. Sie wusste, dass von den Frauen Verständnis und christliche Demut erwartet wurde und dass die gesellschaftlichen Regeln überaus wichtig waren. Betroffen bemühte sie sich, Klarheit über die neue Lage zu gewinnen. Es schien ihr, es würde sich mit diesem Tag alles ändern. Wie konnte sie, wie konnte die Familie nur ohne Vater leben?
Die Werther-Tasse von Meißen mit dem Porträt Werthers auf der Tasse und Lottes auf der Untertasse, um 1790
«Darf ich Ihnen etwas anbieten?», holte eine Stimme Charlotte in die Gegenwart zurück. Sie erschrak, sie war in Gedanken weit abgeschweift. Wie konnte sie nur! Sie brachte verlegen eine Haarsträhne in Ordnung und sah sich verstohlen um. Dann nahm sie das dargebotene Glas und versuchte, beim Gespräch wieder den Anschluss zu finden. Bachofen und Reiter diskutierten unterdessen über eine Theateraufführung, die Charlotte noch nicht gesehen hatte, so dass ihr Schweigen nicht aufgefallen war.
«Ich gehe nicht einig mit Ihnen, ganz verurteilen möchte ich diese Aufführung der Zauberflöte nicht», meinte Reiter, «Mozarts Musik wurde sehr gut gespielt, besonders die Ouvertüre. Das fand auch meine liebe Frau, nicht wahr, Josephine?» Bevor diese zustimmen konnte, ereiferte sich Bachofen erneut.
«Aber was auf der Bühne geboten wurde, war miserabel. In den wenigen Jahren, seit wir ein Theater haben, ist mir noch keine Aufführung so schlecht vorgekommen. Dafür hätte man kein Theater bauen müssen.» Reiter lächelte.
«Am besten man hält es wie Jacob Burckhardt. Er meinte, man habe die Zauberflöte verhunzt, da er sich aber die Sachen denken könne, wie sie eigentlich sein sollten, hätte er trotzdem grossen Genuss gehabt.» Alle blickten ihn überrascht an und lachten laut. Es fiel etwas unangenehm auf in diesem Rahmen, aber die Persönlichkeit von Professor Bachofen trug dazu bei, dass man es bei einem leicht empörten Blick beliess. Reiter wandte sich an Bachofen.
«Was soll eigentlich dieser Ratsbeschluss, dass keine Aufführung länger als bis einundzwanzig Uhr dauern darf? Bei Opern ist das schwer einzuhalten, denn vor achtzehn Uhr kann man nicht beginnen.»
«Da gehe ich ganz einig mit Ihnen. Und jetzt will man noch eine Busse von fünfzig Franken einführen, wenn eine Aufführung länger dauert.» Reiter riss entsetzt die Augen auf.
«Das zwingt den Dirigenten, alles in schnellem Tempo über die Bühne gehen zu lassen oder die Hälfte der Oper zu streichen. Das ist unzumutbar.»
Charlotte wäre gerne länger geblieben, aber sie musste sich unter die Gäste mischen.
Sie wollte auf keinen Fall einen Fehler machen, obwohl Caroline versucht hatte, ihr einige Dinge beizubringen, die man – in Basel hiess es «me» – so und nicht anders handhaben musste. Wer dazu gehörte, war selbstverständlich damit aufgewachsen, wusste, wie man sich zu benehmen hatte und was sich gehörte, kannte all die Tabus, die streng beachtet wurden, zum Beispiel, dass ein junges Mädchen weder Perlen noch Brillanten tragen durfte. Charlotte hatte auch bald gemerkt, dass den Leuten wenig daran lag, einer Fremden Einblick in ihr intimes Leben zu geben, Zurückhaltung war oberstes Gebot. Das Tragen von Trauer war eine Wissenschaft für sich, und über Geld redete man ganz sicher nicht. Caroline hatte ihr speziell eingeschärft, dass sie als ledige Frau bei einem nicht verwandten Herrn nie von einem Freund sprechen dürfe, wenn sie etwas erzähle, denn als unverheiratete Dame habe man keinen Freund.
Charlotte trat zu zwei Ehepaaren, deren Männer lauthals diskutierten, während die Frauen verlegen zu Boden blickten. Natürlich redeten die Herren über Politik. Charlotte hatte sich sagen lassen, dass die Trennung von Stadt und Land vor wenigen Jahren mit erbitterten Kämpfen vollzogen worden sei und viele Probleme mit sich brächte und noch längst nicht vergessen sei. Doch die beiden Herren sprachen nicht davon, sondern von einer neuen Bundesverfassung für die Schweiz.
«In so kurzer Zeit eine gute Verfassung auf die Beine zu stellen, erachte ich als Ding der Unmöglichkeit», meinte der eine Herr, der Charlotte mit dem Namen Sarasin vorgestellt worden war.
«Doch, ich finde, Ulrich Ochsenbein hat das geschafft. Die Verfassung von Amerika als Vorbild zu nehmen ist doch grossartig», entgegnete der andere Herr, dessen Namen ihr entfallen war – Miescher oder Miville oder? Auf jeden Fall ein Name mit M. Er war ein Herr in reiferen Jahren, gross gewachsen, trug einen Bart und hellblonde, glatte Haare und eine Brille. Die goldene Uhrenkette war gut sichtbar angebracht.
«Ich denke, wir in der Schweiz haben unsere eigenen Werte, die sich seit langer Zeit bewährt haben. Damit sind wir gut durchgekommen.»
«Aber die Welt verändert sich, das kann niemand bestreiten, denken Sie nur an die wirtschaftliche Entwicklung durch die Eisenbahn. Aber die Zeiten sind schlimm im Moment, niemand kauft etwas, der ganze Handel stockt, Falliten auf allen Seiten …»
Charlottes Auftauchen unterbrach die rege Diskussion, die Höflichkeit gebot, das Männergespräch zu unterbrechen. Die beiden Damen lächelten ihr unter ihren Hüten erleichtert zu. Charlotte hätte einiges zum Thema beizutragen gewusst, sie hatte in Thann die Verbindung mit der Eisenbahn schätzen gelernt, sie war mit ihr nach Basel gefahren, rasch und bequem wie nie zuvor hatte sie ihr Ziel erreicht. Doch es schien ihr unklug, als Dame Interesse an Politik zu zeigen. Niemand erwartete von den Frauen, dass sie etwas davon verstanden. Sie wollte nicht unangenehm auffallen.
«Herr Bachofen hat mir gerade sehr viel Interessantes von Rom erzählt», versuchte sie deshalb dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.
«Ja, es ist immer spannend, wenn er von der Ewigen Stadt berichtet. Wir waren erst kürzlich dort und haben die wichtigsten Sehenswürdigkeiten bewundert», kam ihr eine der Damen zu Hilfe, «mich hat die Piazza Navona mit dem Brunnen und den vier Flüssen sehr beeindruckt: die Donau mit dem Pferd, der Ganges mit dem Drachen, der Rio de la Plata mit … mit … mit …»
«Einem Gürteltier», ergänzte die andere Dame beflissen, «mir hat vor allem das turbulente Leben gefallen, das sich auf dem Platz abspielte, so ganz anders als bei uns auf dem Marktplatz, nicht wahr?»
«Mein Bruder, der in Rom lebt, hat mir berichtet, dass man im August die ganze Piazza Navona flutet, die Kutschen fahren dann durchs Wasser und man feiert ausgelassen.»
«Feiern können die Italiener, das muss man ihnen lassen», ergänzte der Herr und fuhr sich über seinen blonden Bart, «das schöne Wetter spielt natürlich mit, es regnet selten im August.»
«Dafür stinkt das Wasser des Tiber bestialisch, weil es kaum mehr fliesst», meinte Herr Sarasin mit einem schiefen Lächeln und leerte sein Glas. Er trug ein feines schwarzes Tuchkleid und eine breit gefaltete Seidenkrawatte, was seine edle Vornehmheit unterstrich.
«Da haben Sie recht, der Monat August ist furchtbar heiss. Mein Bruder nutzt die Gelegenheit, nach Möglichkeit einen Besuch bei uns im Norden zu machen. Aber es ist eine lange und aufwendige Reise, sodass er selten dazu kommt.»
«Die Städte nördlich der Alpen sind im Sommer ebenfalls unangenehm heiss. Auch wir fliehen aus Basel und fahren in unser Landhaus, unseren Sommersitz. Wie geht es übrigens auf dem Lauwilberg?», wandte sich die eine Dame der anderen zu.
«Wie du weisst, hat es reingeregnet. Es sah schlimm aus.»
