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Ein prügelnder Weihnachtsmann, die Ehe von Georg Philipp Telemann, eine Madonna im Buchladen, Bob Dylans Musik und diverse Beziehungskisten - vierzehn Geschichten (und ein Gedicht) drehen sich um Hoffnung und Scheitern, um Lachen und Weinen.
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Seitenzahl: 95
Veröffentlichungsjahr: 2026
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„Die beste Sache kann ruiniert werden, wenn man routinierten Quatsch über sie redet.“
Jan Philipp Reemtsma (2024)
Abschied
André
Nichts weniger als das
ASLSP
Der neue Freund
Schuld und Schulden
Der Pokal
Glienicker Brücke
Draußen
Die Nieten-Hypothese
Durchbruch
Eine Madonna im Laden
Forever young
Hektor
Weihnachtsgeschichte
Anmerkungen
Zu Bahnhöfen habe ich ein zwiespältiges Verhältnis. Auf der einen Seite benutze ich gern die Bahn – ich liebe dieses Gefühl, Strecke zu machen, ohne dass ich mich groß anstrengen muss. Mir gefällt, dass man reisen kann, ohne vorher abgetastet und durchleuchtet zu werden. Beim Besteigen eines Waggons kann ich meinen Gürtel anbehalten und ein Getränk mitnehmen. Ich finde es auch schön, am Ende einer Reise wieder in vertrauter Umgebung anzukommen. Sonntags fahre ich manchmal zum Bahnhof, um etwas einzukaufen. Bahnhof ist Leben. Ein Stück Heimat.
Andererseits war da die Sache mit Paola.
Mein Verhältnis zu Paola war in keiner Weise zwiespältig, vielmehr eindeutig, innig. Wir waren über Monate das, was man „ein Paar“ nennt. Paola ist, trotz ihres südländischen Namens, eine nordische Göttin, hochgewachsen, schlank, mit langen blonden Haaren und wasserblauen Augen. Wir hatten nie darüber gesprochen, aber lange Zeit war ich selbstverständlich davon ausgegangen, dass wir auf ewig zusammenbleiben würden: sie, nach Abschluss ihres Studiums, als erfolgreiche Medizinerin, ich, in einigen Jahren, als promovierter Philosoph - Spezialgebiet Epikur - ohne festes Einkommen. Sie würde ja für zwei verdienen. Sorgen waren damals nie meine Sache.
Als sie mir mit fragend hochgezogenen Brauen sagte, dass sie für ein Praktikum einige Wochen nach München reisen müsse, machte ich mir keine Gedanken. So war ihr Studium eben aufgebaut. An den Wochenenden würden wir uns vielleicht wiedersehen, fügte ich wie automatisch hinzu, und möglicherweise könnte ich sogar einmal nach Bayern kommen, kein Ding. Sie begann, von etwas anderem zu reden.
Am Abfahrtstag, Wochen später, ließ ich es mir wie ein Gentleman alter Schule nicht nehmen, sie zum Hauptbahnhof zu begleiten und ihre Tasche zu tragen. Sie war leicht nervös, das merkte ich schon in der U-Bahn. Sie schaute wortlos aus dem Fenster und blickte im Dreiminutentakt auf die Uhr. Ich versuchte, sie mit munteren Reden aufzuheitern (ich glaube, Epikur kann darin mehr als einmal vor) und ihr die letzten Minuten bis zum Abschied so leicht wie möglich zu machen. „Jeden Abend 21.00 Uhr ist WhatsApp-Time“, schlug ich vor, „wo auch immer du dich gerade vergnügst. Außer bei Bayern München, da ist zu viel Lärm.“ Ich lachte lauter als erforderlich. Sie sagte nichts, saß mit verschlossenem Gesicht da und war sichtlich un-amüsiert. Die U-Bahn absolvierte eine Station nach der anderen, aber die Situation wurde trotz meines Geplappers nicht lockerer.
Am Hauptbahnhof herrschte der für Sonntagmittage typische Hochbetrieb. Paola hatte sich auf meine Anregung hin eine Sitzplatzreservierung besorgt, deshalb blieb ich trotz des Gedränges gelassen. Gelassener als sie. Sie entschuldigte sich für einen Moment, ließ mich bei ihrem Gepäck zurück und strebte dem Zeitschriftenladen zu.
Bereits das hätte mich stutzig machen müssen, sagte ich mir später. Sie hatte überhaupt nicht die Angewohnheit, sich laufend für Kleinigkeiten zu entschuldigen. Für ein hartes Wort ja, oder für eine überkritische Bemerkung zu einem meiner Texte. Aber für ein, zwei Minuten Abwesenheit, um sich eine Zeitung zu besorgen? Nie. Nicht, soweit ich mich erinnern konnte. Sie wüsste ja nicht einmal, warum sie sich hätte entschuldigen sollen.
Als sie durch die Menge zurückkam, trug sie Gedrucktes unter dem Arm und ihr Handy in der Hand. Sie griff nach ihrer Tasche, verstaute die Einkäufe und fragte mich ausdruckslos nach der Nummer des Bahnsteigs. „12“, sagte ich, und das kam mir plötzlich wie etwas Endgültiges vor: zwölf, die Zahl der Vollkommenheit, zwölf Monate, zwölf Stunden, die zwölf Stämme Israels, die zwölf Geschworenen, zwölf Sterne in der Europafahne …
„Gleis 12, ganz hinten“, wiederholte ich, jetzt mit gemischten Gefühlen. Paola nickte, hob ihre Tasche an, wehrte meinen Versuch ab, ihr zu helfen, und ging los. Da wegen des großen Andrangs ein Nebeneinanderherlaufen praktisch unmöglich war, blieb mir nichts anderes übrig, als ihr wie ein Dackel mit ein, zwei Schritten Abstand zu folgen. Für Außenstehende muss es so ausgesehen haben, als gehörten wir nicht zusammen.
Gut fünfzig Meter hatten wir so bis zum richtigen Gleis zurückzulegen. Ich erinnere mich, dass sich mein Gemütszustand auf diesem kurzen Weg zunehmend verdunkelte. Mir wurde jetzt klar, dass mich mehrere Wochen Einsamkeit, Trennung von meiner nordischen Göttin erwarteten. Umso schöner würde das Wiedersehen werden, redete ich mir ein, während wir uns mit einiger Mühe an dem Souvenirladen, einer Dönerbude und dem Floristen vorbeischoben.
„Halt mal“, rief ich Paolas Rücken zu, „jetzt muss ich etwas besorgen.“
Paola drehte sich um:
„Keine Blume. Bitte.“ Sie sah gequält aus.
„Dann Pralinen? Mohnkuchen für die Reise?“ erwiderte ich schnell, um irgendetwas zu sagen und so der Situation die Peinlichkeit zu nehmen. „Nicht, dass du auf der Fahrt nach München verhungerst!“
Es war mein Witz, der auf der geringen Distanz bis zu ihren Ohren jämmerlich verhungerte. Sie verzog keine Miene und wandte sich wieder zum Gehen.
Asia-Shop. Handy-Laden. Reisegepäck. Real American Burgers. Tabakwaren. Der Weg zum Gleis 12 nahm kein Ende.
Schließlich erreichten wir unser Ziel. Auf dem schmalen Bahnsteig für die Gleise 11 und 12 drängten sich die Reisenden. Viele schienen nervös, unsicher, ob sie im Zug noch einen Sitzplatz bekommen würden. Auch Paola war angespannt.
„Gleich kommt der Zug“, sagte ich überflüssigerweise. Wir hatten noch drei Minuten zu warten. Eine schwer verständliche Durchsage informierte darüber, dass der ICE nach München Einfahrt nach Gleis 12 erhalten habe. Paola schwieg und schaute in die Richtung, aus der der Zug kommen musste. Dann sagte sie:
„So.“ Es klang wie: das hätten wir geschafft, bis hierhin sind wir gekommen. Oder wie: jetzt zu etwas ganz anderem.
„Ja“, sagte ich, weil mir nichts Besseres einfiel.
„So“, sagte sie ein zweites Mal, „bevor ich abfahre will ich dir noch etwas sagen.“
Wozu die dramatische Einleitung, dachte ich unwillkürlich: sag’s einfach.
„Ich glaube, dies ist ein guter Zeitpunkt. Ich werde nicht zurückkommen.“
Die quäkende Stimme aus den Lautsprechern kündigte in diesem Moment den ICE auf Gleis 12 an: „Bitte Vorsicht bei Einfahrt des Zuges.“
„Ich bleibe in München“, sagte Paola, und trotz des Lärms um uns herum konnte ich ihre Worte gut verstehen. Als ob mein Gehör plötzlich auf extrascharf gestellt worden war. Sie. Bleibt. In. München.
Der lange weiße Doppelzug glitt leise in die Halle und bremste schnell ab. In die wartende Menge kam Bewegung. Nur ich konnte mich nicht rühren.
Paola bemerkte meine Betroffenheit. Während sie ihre Reisetasche anhob, sagte sie:
„Du wirst darüber hinwegkommen. Ich weiß es. Du bist stark.“
Tausend Fragen türmten sich in meinem Kopf auf. Drei davon waren: warum, weshalb, wieso. Ich brachte keinen Laut heraus.
„Manchmal muss man etwas ändern“, sagte sie und drängte sich an anderen Fahrgästen vorbei. „Vielleicht erkläre ich es dir mal. Aber jetzt erstmal tschüss. Hier ist mein Wagen.“ Dann verschwand sie in dessen Inneren.
Ein Kugelblitz, ein Taser oder eine Marienerscheinung hätten mich in dem Moment nicht bewegungsunfähiger machen können. Ich stand reglos auf dem Bahnsteig, mitten zwischen drängelnden Fahrgästen. Kein Abschiedsgruß, kein „Gute-Reise“-Wunsch, kein letztes Winken. Von ihr nicht und von mir nicht. Und natürlich keine Träne.
Und so nahm der ICE nach München Paola aus meinem Leben.
Monate später erhielt ich einen Brief, in dem sie um Verständnis für ihre „wohl ein wenig abrupte“ Entscheidung warb. Sie bat nicht, schon gar nicht um Verzeihung. Sie warb.
Mehr haben nordische Göttinnen nicht nötig.
Mit der nötigen philosophischen Haltung bin ich längst über diesen Schlag hinweggekommen. Bei bestimmten Gelegenheiten denke ich noch an Paola und rätsele über ihre Motive. Vor Augen stehen mir dabei nicht die Monate, in denen wir ein Paar waren. Sondern die Momente an Gleis 12.
Und das passiert mir jedes Mal, wenn ich einen Bahnhof betrete.
Ich war spät dran. Mein Zug hatte sich verspätet, deshalb lief ich eilig zum Taxenstand vor dem Hauptbahnhof.
Meine Dienstreise führte mich zum wiederholten Mal nach Hannover. In der Stadt saß ein wichtiger Kunde, der von Zeit zu Zeit aufgesucht werden wollte, einfach, um den Kontakt auch auf persönlicher Ebene aufrecht zu erhalten. Ein bisschen old school, fand man in der Zentrale. Aber den Aufwand hielt man für gering und sinnvoll, weil beständig Anschlussaufträge hereinkamen.
Ich setzte mich auf die Rückbank des ersten Wagens, froh, dem Nieselregen zu entkommen, und gab mein Fahrtziel im Stadtteil Linden an. Der Chauffeur brummelte etwas, vielleicht, weil er sich eine größere Tour erhoffte. Aber er startete sofort den Motor und fädelte sich gekonnt in den Verkehr ein. Ich griff zu meinem Telefon, um noch einmal die Notizen zu überprüfen, die ich mir im Büro zu dem bevorstehenden Gespräch gemacht hatte: Auftragshistorie, Sonderwünsche, Geburtstag, Name der Ehefrau, persönliche Vorlieben und Aversionen. Standardvorbereitung für ein gutes Kundengespräch.
Als ich bei einem Ampelhalt kurz aufblickte, bemerkte ich, dass der Fahrer mich im Innenspiegel musterte.
„Kennen wir uns nicht?“
Seine Stimme besaß einen irgendwie bekannten Klang.
„Ich bin André. Wir haben zusammen Abitur gemacht.“
Ich hatte ihn nicht erkannt, vielleicht weil es im Auto bei diesem morgendlichen Regenwetter etwas schummrig war. Vielleicht auch, weil er sich, wie ich jetzt bei genauerem Hinsehen feststellte, doch gegenüber unserer gemeinsamen Schulzeit sehr verändert hatte. Er sah feist aus, mit kränklicher Gesichtsfarbe, hingegossen in seinen bequemen Fahrersitz, den er vermutlich den ganzen Tag nur selten verlassen musste.
„André – ich glaub es nicht! Natürlich! Wie lange ist das jetzt her? Achtzehn Jahre? Long time no see!“ Ich klopfte ihm leicht auf die rechte Schulter. Er musste sich auf die Straße konzentrieren, denn der Verkehr rollte wieder an.
„Das ist ja unglaublich. Ich komme alle Jubeljahr mal nach Hannover, und dann treffe ich dich! Im Taxi zu meinem Kunden! Ich fasse es nicht.“
Vom Fahrersitz kam ein zustimmendes Knurren. Die Überraschung musste für ihn genau so groß sein wie für mich.
„Erzähl mal, wie es dir so ergangen ist,“ plauderte ich munter drauflos.
Im Abiturjahrgang hatte ich häufig neben André gesessen, weil wir die gleichen Leistungskurse belegten. Wir standen uns damals nicht sehr nahe. Er zählte nicht zu meinen Freunden, wobei ich nach so vielen Jahren den Grund dafür nicht mehr nennen konnte. Irgendwie fehlte es an Sympathie, vielleicht auf beiden Seiten. André war ein musikalischer Kopf, er spielte mehrere Blasinstrumente, das hätte uns sicher nahebringen können. Aber in punkto Musikgeschmack unterschieden wir uns damals diametral, das fiel mir jetzt im Taxi wieder ein.
„Machst du noch Musik?“, fragte ich, um zu zeigen, dass ich mich sehr wohl an ihn erinnerte. Damit konnte ich vielleicht den Fauxpas wiedergutmachen, dass ich ihn beim Einsteigen nicht erkannt hatte.
Nein, sagte André ohne den Blick von der Straße zu wenden, das habe er längst aufgegeben. In seinem Gewerbe seien die Tage lang und die Nächte kurz, da bleibe kaum Zeit für Hobbys. Schon Frau und Kinder bekämen ihn viel zu selten zu Gesicht. Er lachte betreten. Eigentlich habe er ja nach dem Abitur Lehrer werden wollen, fuhr er nach einer Pause fort, aber das Referendariat sei ihm doch arg schwergefallen, und so habe er eben umgesattelt.
„Stattdessen schon achtzehn Jahre auf dem Bock …“ André benutzte das angestaubte Wort, das ich von Taxifahrern kannte, wenn sie über sich selbst sprachen.
„Oh Mann, das ist ja etwas …“ Mir fiel nichts Besseres ein. Schnell setzte ich hinzu: „Und welche Fächer wolltest du unterrichten?“
„Musik und Kunst“, kam es – zögerlich, wie mir schien – vom Fahrersitz.
„Logisch“ sagte ich.
