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Denn niemand ist ohne Schuld. Der neue Fall für Ben Harper und Dani Cash.
An einem kalten Februarabend geht der Journalist Ben Harper auf die Geburtstagsfeier eines Kollegen. Während alle ausgelassen feiern, wirkt Bens Chefin Madeline Wilson seltsam angespannt. Als sie die Feier verlässt, beobachtet Ben, wie sie zu jemandem ins Auto steigt. Am nächsten Morgen ist sie spurlos verschwunden. Als Ben herausfindet, dass kurz vor ihrem Verschwinden genau der Mann aus dem Gefängnis entlassen wurde, dessen spektakuläre Verurteilung vor zehn Jahren Madelines Karriere begründet hat, weiß er, dass er schnell handeln muss: Denn der damalige Fall schien immer zu schnell gelöst, und Madelines Leben ist bald nicht mehr das einzige, das auf dem Spiel steht ...
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Seitenzahl: 425
Veröffentlichungsjahr: 2026
An einem kalten Februarabend geht der Journalist Ben Harper auf die Geburtstagsfeier eines Kollegen. Während alle ausgelassen feiern, wirkt Bens Chefin Madeline Wilson seltsam angespannt. Als sie die Feier verlässt, beobachtet Ben, wie sie zu jemandem ins Auto steigt. Am nächsten Morgen ist sie spurlos verschwunden. Als Ben herausfindet, dass kurz vor ihrem Verschwinden genau der Mann aus dem Gefängnis entlassen wurde, dessen spektakuläre Verurteilung vor zehn Jahren Madelines Karriere begründet hat, weiß er, dass er schnell handeln muss: Denn der damalige Fall schien immer zu schnell gelöst, und Madelines Leben ist bald nicht mehr das einzige, das auf dem Spiel steht …
Weitere Informationen zu Robert Gold
sowie zu lieferbaren Titeln des Autors
finden Sie am Ende des Buches.
ROBERT GOLD
THRILLER
Aus dem Englischen von Ivana Marinovic
Die englische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Ten Seconds« bei Sphere, Hachette UK, London. Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Taschenbuchausgabe Mai 2026
Copyright © der Originalausgabe 2024 by Robert Gold
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2023
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 Mü[email protected]
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotive: © Ysbrand Cosijn / Trevillion Images
Redaktion: Ralf Reiter
LK · Herstellung: ik
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-32224-3V001
www.goldmann-verlag.de
In Gedenken an meine Mum, Christine
»Es blieb keine Zeit nachzudenken, alles, was sie tun konnte, war kämpfen oder sterben.«
Reglos lag er im Bett, als ein Tropfen Regenwasser auf seiner Wange landete. Er drehte den Kopf und ließ den Tropfen zu seinen trockenen Lippen kullern, wo er vorsichtig das bisschen Feuchtigkeit mit der Zunge auffing. Über ihm prasselte der sintflutartige Regen auf das morsche Dachfenster. Dunkle Wolken wälzten sich über den nächtlichen Himmel, und er erhaschte einen kurzen Blick auf den Mond. Er schloss die Augen, träumte sich in eine andere Welt, malte sich aus, wie er zwischen den Sternen hindurchraste und dann die felsige Mondoberfläche betrat.
Durch den Riss in der Wolkendecke brach das Mondlicht und erhellte sein karges Zimmer. Sie hatte ihm gesagt, dass er sich glücklich schätzen könne, das große Zimmer ganz oben im Haus zu haben, und dann auch noch ganz für sich allein. Er fühlte sich aber nicht glücklich. In der Ecke stapelten sich drei mit alten Klamotten gefüllte Pappkartons. Sie stanken nach Essig. Sie hatte ihm versprochen, das Zeug zu einem Wohltätigkeitsladen zu bringen, sobald sie Zeit hätte, wisse aber nicht, wann genau das sein würde. Er hatte Mühe zu glauben, dass dieser Raum irgendwann einmal ein Schlafzimmer gewesen war. Sie hatte gesagt, er hätte darin so viel Platz zum Spielen, er könne sich sogar eine kleine Höhle darin bauen. Konnte er nicht. Er hatte nichts, um sich eine Höhle zu bauen. Verstand sie denn nicht?
Er spürte ein Jucken an den Beinen und schob die Daunendecke weg. Sie fühlte sich neu an, steif wie Karton, frisch ausgepackt. Er setzte sich auf die Bettkante und kratzte sich, dann zog er sich seine Jogginghose über die Pyjama-Shorts. Der Holzboden unter seinen Sohlen war hart. Sie hatte behauptet, sie hätte einen bunten Teppich mit Tieren drauf gekauft, um die nackten Dielen zu bedecken – dachte sie, er wäre fünf Jahre alt, nicht bald schon zehn? –, aber der Teppich war noch nicht da. Sie hatte ihm ein Paar alter Pantoffeln von seinem Dad gegeben, die er tragen könne, bis der Teppich ankam, aber die waren viel zu groß. Er hatte noch nie Pantoffeln getragen, und die hier würde er bestimmt nicht anziehen. Und er würde den Mann auch niemals Dad nennen.
Er griff nach seinem Fußball-Wecker – ein Geschenk von seinem Grandad, als er ihn zum Abschied umarmt hatte. Als er die Uhr ansah, spürte er, wie die Tränen ihm in die Augen krochen. Wütend schleuderte er den Wecker aufs Bett. Er wollte nicht, dass irgendwer ihn für eine Heulsuse hielt. Alles, was er mitgenommen hatte, war: sein Wecker, eine Einkaufstüte mit Klamotten, sein kleines Fotoalbum und sein geheimes Notizbuch, auf dem vorne in Großbuchstaben sein Name stand. Das Notizbuch hatte er unter seinem Bett versteckt und zog es nur hervor, wenn er sich arg traurig fühlte. Darin schrieb er über alle Orte, die er mit seinem Großvater besucht hatte. Er wollte sie niemals vergessen.
Er ging zur Tür, blieb stehen und schob sie einen Spalt auf. Aus dem Erdgeschoss stiegen Stimmen hoch. Als er sich ein wenig vorbeugte, konnte er einen Lichtfleck sehen, der vom Flurspiegel auf den Boden geworfen wurde. Die Treppenstufen, die nach unten führten, waren steil, und er musste sich am Geländer festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Als sie ihm das Zimmer zum ersten Mal gezeigt hatte, hatte er ihr gesagt, dass er Treppen nicht mochte. Von Treppen wurde ihm schwindlig. Sie hatte gesagt, dass er sich schon bald daran gewöhnen würde, und dabei gelächelt. Er hatte gemerkt, dass es kein echtes Lächeln war. Er sah bei Leuten nie auf den lächelnden Mund, sondern nur auf die Augen. Kein einziges Mal, wenn er sie getroffen hatte, hatten ihre Augen ihn angelächelt.
Die Tür zu ihrem Schlafzimmer stand offen. Er hatte noch nie so viele Kissen auf einem Bett gesehen. Als er mit den Fingern darüberstrich, fühlte sich der Stoff ganz samtig und weich an. Auf dem schmalen Tisch unter dem Fenster stand ein kleines silbernes Kästchen – in den gläsernen Deckel waren getrocknete Blumen hineingepresst. Er griff in das Kästchen und zog zwei Goldketten heraus. Langsam schlang er sie um seine Finger, ließ sie über seinen Handrücken fallen. Er warf noch einen Blick in das Kästchen und nahm vorsichtig einen Goldring mit einem grünen Stein heraus. Er hielt ihn vor sein Auge hoch und drehte den Kopf so, dass das Mondlicht, das durch den Vorhangspalt fiel, funkelnd hindurchschien. Als er die Augen zusammenkniff, konnte er in seinem Kopf immer noch das grüne Licht herumwirbeln sehen.
Er glaubte, ein Geräusch hinter sich aus dem Flur zu hören. Er drehte sich schnell um, aber da war niemand. Vielleicht kam das bloß von den Stimmen, die sich unten immer noch unterhielten. Er steckte den Ring zurück in das Kästchen, bevor er die Ketten darüberlegte – genau so, wie er sie vorgefunden hatte. Er klappte den Deckel zu, seine Finger verharrten sanft auf den im Glas eingeschlossenen Blüten.
Draußen im Flur musste er kurz warten, bis seine Augen sich an das Licht gewöhnten. Das kleine Kinderzimmer neben ihrem Schlafzimmer gehörte seinem Bruder. Drinnen war es dunkel, aber hinten in der Ecke konnte er die Umrisse seines Bruders erkennen, der eingerollt unter seiner Spiderman-Decke schlief. Das Zimmer roch frisch gestrichen, und auf dem Boden lag ein riesiger Spiderman-Teppich. Der Teppich ist also rechtzeitig angekommen, dachte er. Er sah ziemlich cool aus, aber nur für ein Kleinkind. Auf dem Teppich war eine Autorennbahn mit ein paar Spielzeugautos aufgebaut. Kinderkram, dachte er. Er brauchte kein Spielzeug.
Er kehrte zur Treppe zurück und hockte sich auf die oberste Stufe. Als er durch das Geländer spähte, konnte er die Wohnzimmertür unten sehen. Sie war geschlossen, aber er konnte sie beide sprechen hören, außerdem noch zwei andere Stimmen, die er nicht kannte. Wieder glaubte er, ein Geräusch zu hören, und drehte sich zum anderen Ende des Flurs um – zu dem Zimmer, wo ihr Junge schlief –, aber seine Tür war zu. Er beugte sich vor, um zu hören, was die Stimmen unten sagten. Sie lachten, aber er verstand nicht, warum. Er lehnte den Kopf gegen das Geländer und schloss die Augen. Einen Moment lang stellte er sich vor, wieder bei seinem Grandad zu sein. Zuerst an einem windigen Tag, an dem sie seinen knallroten Drachen steigen ließen, dann, wie sie am Kaminfeuer Toast aßen und im Fernsehen Mr. Bean schauten. Er fragte sich, was sein Grandad wohl gerade machte, aber als er wieder die Tränen kommen spürte, hörte er auf damit. Stattdessen lauschte er auf die Stimmen von unten, bis er das Klappern der Wohnzimmertür hörte.
Als er seine Augen öffnete, starrten ihre ihn unverwandt an.
Ich schiebe eine als Geschenk verpackte Flasche Talisker-Single-Malt-Whisky in meinen Rucksack, verlasse die Spirituosenhandlung und trete hinaus auf die Hauptstraße von St. Marnham. Passanten, die ihre abendlichen Einkäufe erledigen, vermengen sich mit dem Strom Pendler, die müde aus der Londoner Innenstadt nach Hause unterwegs sind. Am Ende der Straße befindet sich Freda’s Fish & Chips-Imbiss, und ich muss mich an der langen Schlange vorbeimanövrieren, die sich aus dem Laden hinauszieht. Leere Pommes-Schachteln liegen in der spärlich beleuchteten Seitengasse verstreut, die den Imbiss vom Hintereingang eines der vielen am Fluss gelegenen Pubs trennt. Ich erhasche einen Blick auf zwei Männer, die es nicht ganz schaffen, sich hinter einer großen Mülltonne zu verstecken. Beide vielleicht Mitte 30. Gehetzt schniefen sie Kokain von einer ausrangierten Fischverpackung. Das beschauliche St. Marnham und sein Nachbarort Haddley, wo ich zu Hause bin, bilden keine Ausnahme, was die Drogenkultur angeht, die mittlerweile ein scheinbar ganz normaler Teil des Alltagslebens ist.
Nach dem Ortskern macht die Hauptstraße eine Biegung und mündet in die Terrace Road, die entlang der Themse verläuft. Ein unangenehmer Nieselregen setzt ein, ich ziehe rasch meine Jacke zu und schiebe die Hände tief in die Taschen. Im stockenden Feierabendverkehr überquere ich die Straße, wobei ich einem Deliveroo-Fahrer ausweichen muss, der zu schnell unterwegs ist, und gehe dann zum Treidelpfad am Flussufer hinab. Unter der Eisenbahnbrücke ist es auf einmal still, doch schon rattert ein Zug über mich hinweg und fährt in den Bahnhof von St. Marnham ein. Ein Stück vor mir, Zuflucht suchend unter der viktorianischen Stahlkonstruktion, bereitet ein Obdachloser sein Pappkartonbett für die Nacht. Hinter mir höre ich Schritte näher kommen – erst gehen sie nur schnell, doch dann sprinten sie an mir vorbei auf den obdachlosen Mann zu. Es sind die zwei Kokser aus der Seitengasse. Sie brüllen den Obdachlosen an, dann schnappen sie sich den Pappbecher, den er vor sich auf dem Boden aufgestellt hat. Nachdem sie ihn des Wenigen beraubt haben, das er hat, verschwinden die Männer grölend und lachend in der Dunkelheit. Als ich auf den Obdachlosen zugehe, zuckt der nur müde mit den Schultern. Ich krame einen Zehn-Pfund-Schein aus meiner Hosentasche und drücke ihn ihm in die Hand.
Sobald der Pfad die Krümmung des Flusslaufs hinter sich gelassen hat, tauchen die Straßenlichter wieder auf, und ich komme am anderen Ende der Ortschaft wieder raus. Da der Regen zunimmt, freue ich mich umso mehr, die hell erleuchtete steinerne Fassade des Mailer’s-Restaurant vor mir zu sehen. Am Ufer der Themse gelegen, untergebracht in einer umgebauten ehemaligen Lagerhalle, ist das Mailer’s zu so einer Art Institution im Ort geworden. Unter der Leitung der beiden Besitzer, East Mailer und seinem Partner, Will Andrews, hat das Restaurant im Lauf des vergangenen Jahrzehnts nicht nur in der regionalen, sondern mittlerweile auch landesweiten Presse herausragende Kritiken eingeheimst. Letztes Weihnachten hat East sein erstes Kochbuch veröffentlicht und seinen Debüt-Auftritt in der BBC-Kochsendung Saturday Kitchen gegeben. Seine originellen Rezepte, in Kombination mit seinem eigenwilligen Charakter, sorgen dafür, dass er sich langsam von einer lokalen Berühmtheit zu einem nationalen Promi entwickelt.
Ich verlasse den Pfad und betrete den gepflasterten Hof vor dem Restaurant. Autos fahren durch einen riesigen steinernen Torbogen ein und aus, und selbst an diesem nasskalten Februarabend wird der Platz von einem hellen, warmen Licht geflutet. Kurz stelle ich mich unter dem verschnörkelten Vordach des Gebäudes unter. Ich werfe einen Blick auf mein Handy und sehe eine Nachricht von meiner Chefin, Madeline Wilson, in der sie mir mitteilt, dass sie keine zwei Minuten entfernt ist. Sie ist eine der prominentesten und einflussreichsten Persönlichkeiten in der britischen Medienlandschaft, und ich arbeite seit bald zehn Jahren mit ihr zusammen. Die ersten fünf als Journalist für eine nationale Tageszeitung, wo sie als Herausgeberin tätig war; in den fünf Jahren seither als Investigativreporter für eine der führenden Online-Nachrichten-Seiten Großbritanniens, die sie leitet. Jeden Tag, den ich mit ihr gearbeitet habe, habe ich etwas dazugelernt. Sie ist sowohl kreativ als auch einfallsreich, dabei aber immer schonungslos ehrlich. Obwohl das zuweilen bedeutet, dass sie unsere Redaktion mit gefühlt unmöglichen Ansprüchen führt, weigert sie sich, Abstriche zu machen, wenn es um die Genauigkeit dessen geht, was sie veröffentlicht. Ihre ganze Laufbahn über hat sie sich für Fairness und Gerechtigkeit eingesetzt, und das Gleiche erwartet sie von ihrem Team. Die Wahrheit bildet das Herzstück jeder einzelnen Geschichte, die sie erzählt – eine innere Verpflichtung, die sie von ihrem Vater Sam übernommen hat.
Sam ist ein Zeitungsschreiber der alten Schule, Eigentümer und Herausgeber der Richmond Times, bei der ich, genau wie Madeline, meine Karriere begonnen habe. Nach dem Tod meiner Mutter vor nunmehr bald elf Jahren nahm er mich unter seine Fittiche. Da ich mit meinem eigenen Dad seit meinem dritten Lebensjahr keine echte Beziehung mehr habe, ist Sam zu einer Art Vaterfigur für mich geworden.
»Ben!«, ruft Madeline, die gerade aus ihrem Wagen steigt.
Ich begrüße sie mit einer kurzen Umarmung, als auch schon ihr Handy klingelt. Sie wirft einen raschen Blick aufs Display, bevor sie den Anruf wegdrückt. »Zeitverschwender«, sagt sie, bevor sie sich noch mal in ihr Auto duckt, um ein großes, flaches Paket vom Rücksitz zu ziehen. »Dennis, ich schreibe Ihnen, wenn ich so weit bin«, erklärt sie an ihren Chauffeur gewandt. »Wahrscheinlich so gegen elf.«
Er nickt zur Bestätigung, und Madeline und ich spazieren zum Eingang des Restaurants rüber.
»Kein Sam?«, frage ich.
»Ich habe angeboten, bei ihm vorbeizufahren und ihn abzuholen, aber er wollte unbedingt auf eigene Faust herkommen.«
»Unabhängig aus Prinzip«, kommentiere ich und halte Madeline die Tür auf.
»Er wollte unbedingt den Bus nehmen. Ich meinte, ich bezahle ihm das verdammte Taxi, aber nein, auf keinen Fall. Du kennst ja Sam, er weiß es immer besser.«
Ich grinse und komme nicht umhin zu denken, wie viel von Sams Starrköpfigkeit seine Tochter geerbt hat.
»74«, schimpft sie weiter, »und immer noch gibt er Woche für Woche die Zeitung heraus. Ich habe keine Ahnung, wie er das macht, oder wie es sich für ihn rechnet.« Ich hebe die Augenbrauen, und Madeline fährt fort. »Ich habe angeboten, ihm zur Unterstützung einen stellvertretenden Redakteur zu besorgen und ihn aus meiner eigenen verdammten Tasche zu bezahlen. Weißt du, was er sagte?«
»Nein?«
»Meinte, er brauche keine Almosen. Das habe ich auch nie behauptet, aber ich kann doch sehen, dass es immer schwerer für ihn wird, und trotzdem weigert er sich, langsamer zu machen. Wer kauft denn heutzutage noch Anzeigenplätze in Lokalblättern? Jede Hilfe, die ich ihm anbiete, lehnt er rundweg ab – und nicht nur bei der Zeitung. Ich meinte, ich würde ihm eine Putzkraft für zu Hause besorgen, nur zweimal die Woche, aber er will nicht, dass irgendwer zu ihm in die Wohnung kommt und seine Sachen durcheinanderbringt. Eines Tages wird er sich noch wirklich einen Herzinfarkt einhandeln.« Madeline lächelt, während wir beide an ihre nächtliche Hetzfahrt zum Krankenhaus letzten Herbst zurückdenken, nachdem ihr Vater einen mutmaßlichen Herzinfarkt erlitten hatte. Glücklicherweise entpuppte sich Sams Herzinfarkt lediglich als eine Kombination aus zu viel Käse und noch mehr Portwein.
Erneut klingelt Madelines Handy.
»Ich weiß nicht, wo diese Leute meine verdammte Nummer herkriegen.« Wieder drückt sie den Anruf weg. »Ich werde Carolyn umbringen, falls sie sie irgendeinem Blindgänger rausgerückt hat, der behauptet, eine Exklusiv-Story zu haben.« Die Arbeit als Madelines persönliche Assistentin erfordert ein gewaltiges Ausmaß an Geduld. Sie nennt der Oberkellnerin ihren Namen, doch bevor die uns zu unserem Tisch führen kann, tritt East Mailer aus der offenen Küche.
»Madeline!«, ruft er und kommt mit ausgebreiteten Armen auf uns zu. Mit seinen zwei Metern und dem langen schwarzen, zu einem straffen Pferdeschwanz gebundenen Haar, das von einem überdimensionierten knallroten Kochbandana gesichert wird, ist er nicht leicht zu übersehen. »Warum hast du mir nicht gesagt, dass ihr heute Abend kommt? Ich hätte euch was Besonderes vorbereitet«, tadelt er sie gut gelaunt, während die Gäste im ganzen Restaurant sich umdrehen, um ihren Wirt zu begutachten.
Madeline begrüßt East mit einem Wangenküsschen und schlingt einen Arm um seine Taille. »Hier ist doch immer alles besonders«, erwidert sie lachend. Madeline und East haben in ihren letzten Schuljahren eine enge Freundschaft geschlossen und sind seither unzertrennlich geblieben. »Wir sind hier, um Sams Geburtstag zu feiern, falls er denn mal auftaucht«, erklärt sie, während er uns zu einem Tisch mit spektakulärem Blick auf den Fluss führt. »Dieses Jahr nur ein kleines, zwangloses Abendessen, aber vergiss nicht: Sam braucht keine Ausrede, um sich einen Nachschlag von deiner Fish-Pie zu gönnen.«
»Überlass das nur mir«, erwidert er. Er hebt die Hand und gibt dem Barkeeper hinter der voll besetzten Cocktailbar ein Zeichen. »Champagner aufs Haus. Mein Geschenk ans Geburtstagskind«, schiebt er hinterher, als er Sam erblickt, der gerade im Restaurant eingetroffen ist und von der Oberkellnerin in Empfang genommen wird. East begrüßt Sam, indem er seine schwere Pranke auf seine Schulter legt, wobei er ihn beinahe unter seinem Arm erdrückt. »Mr Hardy, ich höre, wir haben was zu feiern.«
»Ich bin nicht hier, damit man Trara um mich macht«, erwidert Sam und hebt in gespieltem Protest die Hände.
Unser Kellner gießt uns drei Gläser Champagner ein und zieht sich dann zurück. »Setz dich doch auf ein Gläschen zu uns«, sagt Madeline zu East.
»Ich wünschte, ich könnte, aber ich schmeiße heute Abend die Küche.«
Sams Augen strahlen auf, und er dreht sich zu East. »Fish-Pie?«
»Bin schon dabei«, erwidert er. Dann drückt er Madelines Hand. »Darf ich dich später fünf Minuten entführen, falls du wegkannst?« Er dämpft die Stimme. »Ich müsste da was unter vier Augen besprechen.«
»Alles in Ordnung?«, fragt sie.
»Absolut. Genießt euer Essen«, erwidert er und verschwindet in die Küche.
»Entschuldigt, falls ich zu spät bin«, sagt Sam und kippt die Hälfte seines Champagners, noch bevor er sich hinsetzt. »Connie ist auf einen verspäteten Mittagssnack vorbeigekommen, und wir haben die Zeit vergessen.«
»Jetzt sag mir nicht, du hast schon gegessen und keinen Appetit mehr?«
Sam schüttelt grinsend den Kopf. »Maddy, ich habe bestialischen Hunger. Ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen.« Er nimmt noch einen Schluck von seinem Champagner. »Wenn ich sage, Connie ist auf einen verspäteten Mittagssnack vorbeigekommen …«
Madeline hält beide Hände hoch. »Dad, wir wissen ganz genau, was du meinst, und wir benötigen keine weiteren Details.« Sie dreht sich zu mir und schüttelt den Kopf.
»Ich dachte, deine Nachbarin Mrs Wasnesky wäre deine ganz besondere Freundin?«, erkundige ich mich.
Sam grinst. »Ist sie, aber sie besucht gerade ihre Mutter in Polen. Morgen Abend ist sie zurück.«
»Ihre Mutter?«, entfährt es Madeline. »Wie alt ist denn Mrs Wasnesky?«
»So alt wie ich, knusprige 74. Ihre Mutter ist letzte Woche 101 geworden. Die sind robust wie Stahl da drüben in Warschau.« Er zeigt uns ein Foto von Mrs Wasneskys Mutter, wie sie ihren Geburtstag mit einem Gläschen Wodka begießt. »Ich war auch eingeladen, aber Polen im Februar ist selbst für mich zu viel.« Sam greift in den Eiskühler und schenkt sich sein Glas nach.
Madeline lächelt, dann bückt sie sich neben ihrem Stuhl. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Dad.« Sie reicht Sam das Paket, das sie aus dem Wagen mitgebracht hat.
»Was haben wir denn da?«, erwidert er und streckt sich über den Tisch hinweg nach dem Paket, das die Form eines großen Bilderrahmens hat. Während Sam das teure Geschenkpapier runterreißt, zieht ein Vierer-Grüppchen Frauen an der Cocktailbar meine Aufmerksamkeit auf sich. Zügig trinken sie sich durch einen Strom von Gin Martinis, und ich meine, eine von ihnen meinen Namen sagen zu hören. Madelines Blick begegnet ganz kurz meinem, aber sie sagt nichts.
Sam reißt den letzten Fetzen Papier weg und stützt das Geschenk vor sich auf dem Tisch ab. Der Rahmen verbirgt zwar sein Gesicht vor Madeline, aber mir entgeht nicht, wie er eine Hand an seine Wange hebt.
»Das ist deine allererste …«, beginnt Madeline.
»Ich weiß, was es ist«, erwidert er und wischt sich über die Augen. »Meine allererste Titelstory, 28. September 1973. Ich dachte nicht, dass ich sie je wiedersehen würde.« Sam reicht mir die gerahmte Ausgabe der Richmond Times von vor über 50 Jahren, bevor er aufsteht und seine Tochter umarmt. »Wo in Gottes Namen hast du die gefunden?«
»Du wirst es mir nicht glauben, aber ich habe den einen oder anderen Kontakt«, sagt sie, die Arme um ihren Vater geschlungen.
»Ich besitze jede Ausgabe seit Oktober 73 …«
»Ja, in deiner Garage gebunkert«, ergänzt Madeline lachend.
»Aber die hier habe ich verloren, als ich mit deiner Mutter zusammengezogen bin. Sie war immer am Aufräumen, hat ständig Dinge weggeworfen.«
»Ich bin sicher, du fehlst ihr auch«, sagt Madeline und pustet ihrem Dad ein Küsschen zu, während der wieder am Tisch Platz nimmt. Ich habe Madelines Mutter nie getroffen – ihre Eltern waren lange geschieden, als ich sie kennenlernte –, aber sie hat angedeutet, dass ihre Beziehung ziemlich turbulent war.
Wieder drehe ich den Kopf, als hinter mir ein kreischendes Lachen ertönt. Dieses Mal bin ich sicher, dass eine der Frauen meinen Namen gerufen hat.
»Ignorier sie«, sagt Madeline, die es offenbar ebenfalls mitbekommen hat. Sie greift über den Tisch hinweg nach meiner Hand. »Sie sind es nicht wert, Ben.«
Im Laufe meines Erwachsenenlebens habe ich mich allmählich an die Seitenblicke und den gelegentlichen ausgestreckten Zeigefinger, besonders in und um meinen Heimatort Haddley, gewöhnt. Vor über zwei Jahrzehnten schaffte es der gewaltsame Tod meines erst 14-jährigen Bruders Nick zu trauriger Berühmtheit, und das auf internationaler Ebene. Ein Jahr später wurden zwei Schulkameradinnen wegen des Mordes an Nick und seinem besten Freund Simon Woakes verurteilt. Zur Zeit der Morde war ich gerade mal acht Jahre alt, und obgleich Nicks Todestag sich bald zum 23. Mal jährt, birgt das Verbrechen für viele Leute heute noch eine morbide Faszination. Durch meine kürzliche Enthüllung der Wahrheit hinter der Ermordung meines Bruders ist das Interesse der Öffentlichkeit an meiner Familiengeschichte erneut aufgeflammt.
»Wohin schaut ihr beide denn?«, fragt Sam und dreht sich auf seinem Stuhl um.
»Nichts weswegen du dir einen Kopf machen musst«, erwidert seine Tochter.
Sam dreht sich wieder zum Tisch. »Wollen wir bestellen?«, fragt er und fängt den Blick des Kellners auf. »Es hat mir sehr leidgetan, als ich das mit deinem Großvater gehört habe«, sagt er an Madeline gewandt, nachdem er seine Fish-Pie-Bestellung sicher aufgegeben hat.
»Pops hatte ein tolles Leben. Und 96 ist ein ziemlich stattliches Alter.«
»Es wird dich freuen zu hören, dass ich deiner Mutter geschrieben habe«, erwidert er, lehnt sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkt die Arme. »Wohlgemerkt, nur eine kurze Nachricht.«
»Sie wird sich gefreut haben«, sagt Madeline. »Ihr Vater hat ihr immer viel bedeutet.«
»Er war ein mürrischer alter Saftsack, und das wissen wir alle. Selbst deine Mum würde das zugeben. Der einzige Grund, warum er so lange gelebt hat, war, um zu verhindern, dass jemand anderes sich sein Geld krallt.«
Madeline lacht. »Ich fand ihn ja immer sehr großzügig.«
»O bitte«, sagt Sam. »Wann war das letzte Mal, dass er dir irgendwas gegeben hat?«
»Ich habe sein Geld nie gebraucht«, entgegnet Madeline, deren stählerne Unabhängigkeit nie tief unter der Oberfläche schlummert.
»Deine Mum muss jetzt eine wohlhabende Frau sein – angenommen, alles ist an sie gegangen.«
Madeline nickt. »Sogar ein paar unserer Konkurrenten haben über das Ableben von Englands sogenanntem Warren Buffett berichtet. Ich wünschte ja, das entspräche der Wahrheit, aber ich hoffe zumindest, Mum genießt es und nutzt die Chance, um stilvoll die Welt zu bereisen.«
»Klingt nach dem perfekten Plan«, erwidert Sam. »Sie so weit wie möglich von London fernzuhalten.«
»Du hättest dich lieber an sie halten sollen«, werfe ich scherzhaft ein. »Dann könntest du jetzt dem Müßiggang frönen.«
»Kein Geld der Welt hätte mich dazu bringen können, mit Annabel zusammenzubleiben.«
»Oder sie mit dir«, ergänzt Madeline. »Ihr wart beide viel zu eigensinnig. Kompromissbereitschaft ist keine Tugend, die ich mit eurer Ehe in Verbindung bringen würde.«
»Noch etwas, das wir an dich weitergegeben haben.« Als Sam sein Glas hebt, hören wir wieder einen Schrei von der Cocktailbar.
Ich drehe den Kopf und sehe eine der Frauen wenig anmutig von einem Barhocker fallen. Zwei ihrer Freundinnen kraxeln runter, um ihr zu helfen, aber beide sind wackelig auf den Beinen. Beim Versuch, sie hochzuziehen, kippt eine nach hinten und wirft dabei krachend einen Barhocker um. Zwei Servicekräfte kommen rasch hinübergeeilt.
»Nur Nathan darf mir helfen«, heult die Frau auf dem Boden und klatscht die helfenden Hände weg. Langsam zieht sie sich in eine sitzende Position hoch und lehnt den Kopf seitlich gegen die Theke. »Nathans starke Hände, die mich festhalten«, lallt sie und kichert dann in sich hinein.
Ich schaue zu Madeline, die bloß den Kopf schüttelt. Sam ist ganz gebannt und greift nach seinem Handy, um die Szene aufzunehmen.
»Dad!«, tadelt Madeline und gibt ihm einen Klaps auf die Finger.
»Wie schnell du doch vergisst. In einem Lokalblatt ist eben alles eine Story.«
»Was – Frau fällt vom Hocker?«, gibt Madeline trocken zurück. »So schlimm wird es doch nicht stehen?«
»Saufgelage in Promikoch-Nobelrestaurant endet mit Prügelei«, gibt Sam grinsend zurück. »Das könnte ich sogar an die landesweite Presse verkaufen. Alles Auslegungssache.«
Die Hände um den Rand des Tresens geklammert, rappeln die beiden Frauen sich auf. Alle vier lachen sie hysterisch, als sie nach ihren Gläsern greifen, um weiterzutrinken. Ich sehe, wie der Barkeeper auf sie zugeht, doch bevor er etwas sagen kann, kommt die Frau, die als Erste hingefallen ist, in unsere Richtung gestakst.
»Sie sind das doch, oder? Sie sind Ben Harper?«, sagt sie, als sie an unserem Tisch ist. »Es tut mir so, so leid, was mit Ihrer Familie passiert ist. Sie scheinen so ein lieber Kerl.«
Schon steht eine der Freundinnen an ihrer Seite. »Kennen Sie Nathan?«, fragt sie kichernd. »Wissen Sie, dass er hier arbeitet? Er mag ja zwar der Spross einer kaltblütigen Killerin sein, aber er darf trotzdem jederzeit mit mir nach Hause kommen. Erst neulich hat jemand ein TikTok-Video von ihm oben ohne beim Joggen gepostet. Der Typ ist der Hammer.«
Die zwei Frauen lachen wieder, doch Madeline ist mit ihrer Geduld am Ende. Sie steht auf und geht um unseren Tisch herum. »Wir sind hier, um in Ruhe unser Abendessen zu genießen. Ich denke, Sie haben genug getrunken, es ist Zeit für Sie, nach Hause zu gehen.« Sie zückt ihr Handy. »Lassen Sie mich Ihnen ein Taxi rufen.«
»Wem bitte wollen Sie ein Taxi rufen? Die Party fängt gerade erst an.«
»Ich kann Ihnen versichern, Ihre Party heute Abend ist zu Ende.«
»Kümmern Sie sich gefälligst um Ihren eigenen Scheiß«, faucht die erste Frau und stürzt sich auf sie.
Madeline tritt rasch beiseite, und statt sie zu treffen, landet die Frau quer über unserem Tisch.
Sam schnappt sich sein Handy und schießt ein Foto von der Frau: bäuchlings, alle viere von sich gestreckt, mit dem Gesicht im Brotkorb.
»Alles Gute zum Geburtstag, Sam«, sagt Madeline, verdreht die Augen und schenkt ihrem Vater ein Grinsen, bevor sie einen leeren Stuhl von einem der Nachbartische heranzieht. Mit der Hilfe unseres Kellners hievt sie die Frau hoch und zwingt sie, sich zu setzen.
»Lassen Sie mich los«, schreit die Frau. Sie dreht und windet sich, um sich loszumachen.
Madeline bleibt ganz ruhig und geht neben ihr in die Hocke. »Es ist Zeit für Sie, nach Hause zu gehen«, erklärt sie erneut. »Ich bezahle Ihr Taxi, und ich hoffe stark, wenn Sie und Ihre drei Freundinnen morgen früh aufwachen, werden Sie vor Scham vergehen.«
»Ich möchte aber ein Selfie mit Ben«, quengelt die Frau wie ein Kind.
Ungerührt erwidert Madeline: »Ben will kein Selfie mit Ihnen.« Sie packt die Frau am Arm. »Lassen Sie uns rausgehen. Die frische Luft wird Ihren Kopf klären.«
»Nehmen Sie Ihre Finger von mir!«, brüllt die Frau Madeline mitten ins Gesicht. Madeline wendet den Kopf ab, und in dem Moment kriegt die Freundin der Frau ihren Arm zu fassen. Meine Chefin reißt sich los, aber da ist die erste Frau auch schon auf den Beinen und torkelt auf mich zu. Sie wirft ihren Arm um meinen Hals, um sich abzustützen, bevor sie mit zittriger Hand ihr Smartphone vor unsere Gesichter hebt. Sie schafft es nicht, das Display zu öffnen. An mich geklammert, dreht sie sich zu den zwei anderen Freundinnen um, die immer noch an der Bar sitzen. »Natasha, Kyla! Kommt und macht ein Foto von mir und Ben!«
Die beiden Frauen sitzen wie festgefroren auf ihren Hockern und starren mit hohlem Blick auf das Desaster, das sich vor ihren Augen abspielt.
»Ich helfe Ihnen!«, bietet Sam an und erhebt sich.
»Sam!«, sagt Madeline.
»Lasst uns ihr ein Foto geben, sie glücklich machen und dann hier rausschaffen«, beharrt er.
»Danke, alter Mann«, sagt die Frau mit einem Ausdruck von Triumph im Gesicht.
»Wie heißen Sie?«, fragt Sam, als die Frau ihm ihr Handy reicht.
»Abby«, antwortet sie, den Arm eng um meine Taille geschlungen.
»Lächeln, Abby«, sagt er.
»Moment noch!« Sie lacht in sich hinein, während sie ihr blaues Cocktailkleid glatt streicht und ein Stückchen Butter wegschnippt, das an ihrer Brust kleben geblieben ist. Ich muss lächeln, als Sam auf das Display tippt und den Moment einfängt.
»Noch eins«, verlangt Abby. »Ich war noch nicht ganz bereit.«
»Verschwinden Sie aus meinem Restaurant!«, ruft eine Stimme aus der Küche.
Madeline tritt vor und geht rasch zu East rüber. Sie legt eine Hand auf seine Brust. »Keine Szene, das wird alles nur noch schlimmer machen«, ermahnt sie ihn leise.
East schüttelt den Kopf und schiebt sich an ihr vorbei. Ich sehe Madeline kurz die Augen schließen, als seine hünenhafte Gestalt auf die beiden Frauen zueilt. »Haben Sie mich gehört?«, brüllt er, sodass das ganze Restaurant es hört. »Ich sagte, verschwinden Sie verdammt noch mal aus meinem Restaurant.« Er packt Abby am Arm, und bevor sie was erwidern kann, befördert er sie flugs zum Ausgang. Zwei Kellner kommen herbeigeeilt und geleiten die andere Frau hinaus.
»Und Sie beide«, fährt East fort, der seine Aufmerksamkeit nun den zwei Frauen an der Bar zuwendet. »Raus, sofort, bevor ich die Polizei rufe.«
»Chef, sie haben nicht gezahlt«, meldet sich der Barkeeper.
»Es kümmert mich einen Rattenfurz, ob sie gezahlt haben oder nicht.«
Perplex darüber, dass East Mailer höchstpersönlich sie aus seinem Restaurant wirft, klettern die beiden Frauen unbehaglich von ihren Barhockern. Eine der Frauen stolpert, als der Absatz ihres Pumps unter ihr wegknickt. Sie kippt auf East zu, der sie mit seinen riesenhaften Armen auffängt. Die anderen Gäste sehen verblüfft zu, als er sie kurzerhand hochhebt und aus dem Restaurant trägt.
Madeline dreht sich zu ihrem Vater um, der die Szene mit seinem Handy filmt.
»Ich glaube, das hier könnte sogar viral gehen«, sagt er.
Will Andrews legte das Buch nieder, von dem er gehofft hatte, es an diesem Abend zu beenden, und ließ den Blick aus dem deckenhohen Fenster über die Themse schweifen. Wenn er aufmerksam lauschte, konnte er die wütende Stimme seines Ehemannes aus dem Wortgefecht heraushören, das unten im Restaurant in Gange war.
»Was meinst du?«, sagte er zu seinem Sohn Nathan. »Ist East wieder mit einem Journalisten aneinandergeraten?«
Nathan, der auf einem überdimensionierten Sofa in dem Loft-Apartment fläzte, wo er seit gerade mal sechs Wochen wohnte, hielt beim Tippen inne. Er ließ sein Handy sinken. »Weiß der Himmel«, erwiderte er. »Ich dachte, nachdem ich meinen Dienst im Restaurant quittiert habe, würden sie nicht mehr kommen.«
Vor nicht einmal einem Jahr war Nathan Beavin in der Londoner Gemeinde Haddley eingetroffen, nachdem er in Erfahrung gebracht hatte, dass seine leibliche Mutter eine der zwei Schülerinnen war, die man des Mordes an Nick Harper schuldig gesprochen hatte. Nach der Verurteilung seiner Mutter war er zur Adoption freigegeben worden und in einer kleinen Familie in Cowbridge, einem Kaff in der Nähe von Cardiff, aufgewachsen. Während seines Jurastudiums an der Uni war es ihm gelungen, Einsicht in die unter Verschluss gehaltenen Adoptionsunterlagen zu erhalten, und kurz darauf, im Alter von nur 21 Jahren, war er, mit der Last seines neu gewonnen Wissens, nach Haddley gekommen, um seinen leiblichen Vater ausfindig zu machen.
Will wiederum hatte diese 21 Jahre in völliger Unkenntnis ob der Existenz seines Sohnes verbracht. Ein Vaterschaftstest hatte letztlich bestätigt, dass Nathan sein Kind war, obwohl der Anblick der beiden Männer nebeneinander nur bei wenigen Leuten Zweifel hinterlassen hätte, dass sie Vater und Sohn waren.
»East verfügt über null Fähigkeit – und manchmal auch sehr wenig Bereitschaft –, sein Temperament zu zügeln«, sagte Will. »Wenn er so austickt, ist er kein netter Mensch.«
»Ich habe mich gefragt, ob es die Lage vielleicht beruhigen würde, wenn ich mir eine kleine Auszeit von St. Marnham nehme.«
Will schüttelte den Kopf. »Das möchte ich nicht«, erwiderte er. »Ich will, dass du St. Marnham genauso als dein Zuhause betrachtest wie Cowbridge.«
»Das tue ich schon«, sagte Nathan, doch das Zögern in seiner Stimme weckte in Will die Sorge, dass er dabei war, den Sohn zu verlieren, den er doch gerade erst gefunden hatte. Die sozialen Medien hatten Nathans Geschichte ausgeschlachtet. Er war nie auf Aufmerksamkeit aus gewesen, aber die TikTok-Detektive kannten keine Grenzen. Als Produkt einer berüchtigten Teenie-Mörderin und ihres damals 14-jährigen Klassenkameraden war Nathan mit gerade mal 21 Jahren unwillentlich zum Objekt morbider Faszination geworden. Trotz ihrer kürzlichen Rückkehr ins Gefängnis kursierten unzählige Theorien darüber, wie Nathan die Identität seiner Mutter aufgedeckt hatte und dass die beiden gemeinsam ein neues schändliches Verbrechen planten. Obwohl die Gerüchte jeglicher Grundlage entbehrten, nahmen die hasserfüllten Beleidigungen, die sich online über Nathan ergossen, teilweise bizarre Züge an. Will könnte durchaus nachvollziehen, wenn sein Sohn es bereuen würde, sich jemals auf die Suche nach seinen leiblichen Eltern begeben zu haben, und befürchtete, dass, falls Nathan nach Wales zurückkehrte, ihn nichts und niemand mehr zurückbringen würde.
Er lehnte sich auf seinem Sessel vor. »Die Dinge werden sich bald beruhigen. Versprich mir, dass du dich nicht von East vergraulen lässt.«
»Ich möchte nicht zwischen euch beide kommen.«
Will sagte nichts.
Trotz des Schocks über Nathans unerwartetes Auftauchen in seinem Leben letztes Frühjahr hatte Will die Zeit mit seinem Sohn genossen. Zu entdecken, dass sie so viele alberne Dinge gemein hatten – ihre Vorliebe für Ben & Jerry’s Cookie-Dough-Eis, NBA-Basketball, Marathonlaufen (in sehr unterschiedlichem Tempo), die Musik von Paul Weller, die Fernsehserie The West Wing –, hatte ihnen dabei geholfen, eine unbefangene Beziehung zu entwickeln. Vaterschaft an sich war nichts, was Will sich je ausgemalt hatte, aber als er sich unvermittelt damit konfrontiert sah, liebte er jeden Moment davon. Da er erkannte, dass es für East schwieriger war, hatte er sich alle Mühe gegeben, seinen Ehemann in ihre Beziehung miteinzubinden. Es war East gewesen, der vorschlug, dass Nathan bei ihm im Restaurant mitarbeitete, und zuerst war Will glücklich gewesen über die wachsende Bindung zwischen den beiden. Dann jedoch, im Verlauf der letzten Wochen, war Easts Haltung gekippt. Nathans zweifelhafte Berühmtheit brachte dem Restaurant ungewollte Aufmerksamkeit, doch anstatt ihn zu unterstützen, hatte East vorgeschlagen, dass Nathan aufhörte. Er hatte ebenfalls vorgeschlagen, dass er aus ihrem gemeinsamen Art-déco-Haus im Ortskern von St. Marnham auszog, um stattdessen in dem kleinen Loft über dem Restaurant zu wohnen. Will konnte spüren, dass sein Mann Nathan aus ihrem Leben drängte.
Er lehnte sich wieder zurück und sah zu, während Nathan erneut eine Nachricht auf seinem Handy tippte. »Und das mit dir und Sarah ist definitiv vorbei?«
Nathan drehte sein Handy um. »Sosehr ich mich bemühe, ich glaube, ja.«
Der konstante Druck durch die Medien hatte sich als zu viel für Nathans aufkeimende Beziehung mit einer Frau aus dem Nachbarort Haddley erwiesen. Will wusste, dass sein Sohn seit seinem Auszug aus Sarah Wrights Haus mehrfach dort gewesen war, um sie und ihren sechsjährigen Sohn Max zu besuchen.
»Du schreibst ihr aber immer noch?«
»Ich dachte, ich schaue mal, ob sie dieses Wochenende da ist.« In seiner Stimme schwang Melancholie mit. »Nur um ein bisschen mit ihr und Max abzuhängen.«
»Gib der Sache Zeit«, riet Will.
Nathan nickte. »Wir werden Freunde bleiben.« Will schmunzelte, und sein Sohn lief rot an. »Nur Freunde«, protestierte er.
Da Sarah beinahe zehn Jahre älter war und ein kleines Kind hatte, war Will klar, dass die Chancen seines Sohnes auf eine langfristige Beziehung, selbst ohne den ganzen Druck von außen, begrenzt waren. Er lächelte einfach und sagte Ja.
»Trotzdem möchte ich gern vorbeischauen und Max sehen dürfen«, sagte Nathan. »Ich habe nie daran gedacht, mal Vater zu sein, aber der Kleine wird mir fehlen.«
»Eines Tages wirst du ein großartiger Vater sein«, erwiderte Will, »nur noch nicht jetzt. 37 ist viel zu jung für mich, um auch nur daran zu denken, Großvater zu werden.«
Nathan lachte. »Keine Sorge, ich habe nicht vor, so bald Familienpläne zu schmieden. Ich glaube, im Moment ist alles ein bisschen zu viel, um es einem Kind aufzubürden.«
»Wann immer es so weit ist, wird dein Kind Teil deiner Familie sein – nicht meiner, und ganz bestimmt nicht ihrer.«
Nathan setzte sich auf und griff nach seinen Laufschuhen. Während sein Sohn hineinschlüpfte, war Will bewusst, dass sowohl er als auch sein Sohn an Josie Fairchild dachten, jene Frau, die vor all den Jahren Nick Harper umgebracht hatte, und an den Schatten, den sie nach wie vor auf ihr Leben warf.
»Ich gehe ums Eck ein Bier trinken.«
»Gib mir fünf Minuten, und ich komme mit«, erwiderte Will.
»Nein, nein, ich drehe vielleicht erst noch eine kleine Runde durch den Ort, bisschen frische Luft schnappen.« Er griff nach seinem Handy. »Ich schreibe dir, falls ich ein ruhiges Plätzchen finde.«
Will konnte die Traurigkeit in den Augen seines Sohnes sehen. »Das alles wird vorbeigehen.«
»Ich wünschte, ich könnte daran glauben«, erwiderte er und tippte erneut etwas in sein Handy, bevor er hinausging.
Detective Constable Dani Cash saß ganz hinten in dem verwaisten Büro der Kriminalpolizei von Haddley, als es sie am Rücken fröstelte. Sie nahm die Jacke von der Lehne ihres Stuhls, und nachdem sie den Reißverschluss bis zum Hals hochgezogen hatte, beugte sie sich zu dem uralten eisernen Heizkörper hinter dem Schreibtisch vor. Kalt wie Stein. Energisch rieb sie sich über die Oberarme, um die durchdringende Kühle eines späten Februarabends zu vertreiben, und beschloss, dass eine Tasse heißen Tees helfen würde.
Sie schlenderte zu der winzigen Küche am vorderen Ende des Büros, knipste den Wasserkocher an und öffnete den kleinen Hängeschrank über der Spüle. Sie streckte sich nach der Golden-Jubilee-Teedose und ließ einen Teebeutel in ihren blau gestreiften Becher fallen. Als sie gerade nach dem Wasserkocher griff, ging hinter ihr die Tür auf. Sie erschrak und verschüttete kochendes Wasser auf der schmalen Arbeitsfläche.
»Ich beiß schon nicht«, meldete sich Chief Inspector Bridget Freeman, die Revierleiterin.
»Guten Abend, Ma’am«, erwiderte sie und riss rasch ein Stück Papier von der Küchenrolle.
»Ich nehme auch einen Tee, falls noch Wasser da ist.« Freeman ging zu dem kleinen Kühlschrank rüber und holte die beinahe leere Milchpackung heraus. »Ein kräftiges Tässchen wird guttun.«
Dani lächelte. Als sie Freeman beobachtete, fiel ihr auf, dass sie ihre Vorgesetzte sonst immer nur tadellos gekleidet gesehen hatte: die Uniformjacke zugeknöpft, die Schulterklappen hochglanzpoliert. Heute Abend jedoch trug sie ein Sweatshirt mit Metropolitan-Police-Aufdruck und dazu eine Jogginghose.
»War kurz im Fitnessstudio«, erklärte Freeman.
Dani wurde klar, dass sie sich ihre Überraschung hatte ansehen lassen. »Zucker, Ma’am?«
»Eigentlich sollte ich nicht, aber eine kleine Prise wird schon nicht schaden.«
»Langer Tag?«, erkundigte sich Dani und rührte ihren eigenen Tee um.
»Bei meinem Job fühlt sich jeder Tag lang an – endloser Papierkram, dringende Rücksprache mit dem Chief Superintendent, oder die oben von Scotland Yard kommen mit der nächsten Fragerunde zu den Aufklärungsquoten im Revier.«
Dani sah in CI Freeman eine überaus kompetente Vorgesetzte, und in der Zeit, die sie nun das Revier leitete, war ihr Respekt nur gewachsen. Sie bewunderte Freemans Fähigkeit, über jeden einzelnen Fall auf dem Laufenden zu bleiben, dabei jedoch ihren Leuten die Freiheit zu lassen, ihre eigenen Ermittlungen anzustellen. Aber die hohe Meinung, die Dani von ihrer Vorgesetzten hatte, machte ihre anhaltenden Zweifel, was Freemans Ehrlichkeit betraf, nur noch bedrückender.
»Das Leben war um einiges einfacher und, ich wage zu sagen, amüsanter«, fuhr ihre Vorgesetzte fort, »als meine ganze Arbeitszeit für das Aufklären von Verbrechen draufging.« Freeman griff nach ihrer Tasse und nahm einen Schluck. »Was machen Sie denn noch so spät hier, Constable?«
»Ich bin reingekommen, nachdem ich noch mal das Einbruchsopfer vom letzten Wochenende befragt habe.«
»Shannon Lancaster?«
»Genau die, Ma’am.«
»Wie geht es ihr?«
»Sie hält sich tapfer, aber man merkt ihr an, dass sie Angst hat.«
»Die Frau ist also mitten in der Nacht aufgewacht, und der Eindringling stand neben ihrem Bett?«
Dani nickte. »Ja, sie machte die Augen auf, und da war er, über sie gebeugt.«
»Wirklich beängstigend«, sagte Freeman. »Schicken Sie mir doch Ihren Bericht, wenn Sie fertig sind. Und Sie sind überzeugt, dass es sich um ein und denselben Mann handelt?«
In den vergangenen drei Jahren hatte eine Reihe ähnlicher Vorfälle zunehmend Angst und Schrecken in Haddley verbreitet. Was zunächst als scheinbar harmlose Einbruchserie begonnen hatte, nahm unheimliche Züge an, als Frauen davon berichteten, wie sie nachts aufgewacht waren, nur um einen maskierten Eindringling in ihrem Schlafzimmer vorzufinden.
»Alles am Vorfall letzten Samstag deutet darauf hin, dass wir es mit demselben Täter zu tun haben«, erwiderte Dani. »Der Mann war exakt gleich gekleidet – Skimaske, zugezogener Kapuzenpullover, Lederhandschuhe –, und er hat sich bis ans Bett der Frau angepirscht.«
»Gibt es irgendeine Verbindung zwischen den fünf Opfern?«
Dani schüttelte den Kopf. »Das Muster der Einbrüche bleibt nach wie vor unvorhersehbar, aber sie passieren nur, wenn die Frauen allein zu Hause sind.«
»Ein Gelegenheitstäter also?«, schlug Freeman vor.
Dani nickte. »Ja, in Shannon Lancasters Fall waren ihre zwei Töchter nicht da, weil sie bei ihrer Großmutter übernachtet haben.«
»Irgendwie muss er das in Erfahrung gebracht haben. Suchen Sie weiter nach einer Verbindung zwischen den Opfern. Sein Vorgehen deutet auf eine weitere Eskalation hin, das heißt, wir brauchen einen Durchbruch.«
»Jawohl, Ma’am. Heute Abend fange ich damit an, die Social-Media-Posts zu durchforsten.«
Freeman blieb in der Küchentür stehen. »Meinen Sie, Shannon Lancaster hatte bloß Glück?«
Nachdem sie aufgewacht war und den Mann über sich hatte stehen sehen, hatte Shannon Lancaster sich, ohne überhaupt nachzudenken, mit Gebrüll auf den Einbrecher gestürzt. Als sie ihre Finger in seine Skimütze gekrallt hatte, war er aus dem Zimmer gerannt. Bei seiner Flucht durch die Hintertür hatte der Eindringling ein Paar schwarze Militär-Handschellen aus Plastik verloren.
»Glück ja – zumindest in dem Sinn, dass sie noch in der Lage war, sich zu wehren.«
Gedämpftes Restaurantgeplauder kehrte wieder im Hauptspeiseraum des Mailer’s ein. Kellner liefen geschäftig umher, um die Bestellungen für die exquisitesten Meeresfrüchtegerichte Londons entgegenzunehmen, wobei sie gleichzeitig Champagner aufs Haus anboten, um etwaige aufgebrachte Gemüter zu besänftigen. Sam nahm dankend ein Glas, nur um sich gleich noch ein zweites zu schnappen und an Madeline weiterzureichen.
»Danke, Sam«, sagte sie, aber sie hatte bereits ihre Serviette auf dem Tisch abgelegt und war dabei, sich zu erheben.
»Wohin gehst du denn jetzt?«, wollte ihr Vater wissen, dessen vorrangige Sorge dem Abendessen galt. »So werden wir nie bedient.«
»Keine Sorge, ich bin sicher, dein Fish-Pie ist schon unterwegs.« Sie entfernte sich rasch vom Tisch, ging an der Cocktailbar vorbei und dann durch die industriell anmutende Tür, die auf die Restaurantterrasse am Fluss führte.
»Meine Güte, stinkt das«, bemerkte sie, als sie nach draußen trat, wo sich East offenbar einen äußerst kräftigen Joint angezündet hatte. »Falls du vorhast, das ganze Ding runterzurauchen, kann ich nur hoffen, dass du mein Essen schon gekocht hast.«
East saß unter der Markise, auf der sein Name prangte, und blickte auf den schnell dahinfließenden Fluss hinaus. Madeline zog einen schmiedeeisernen Stuhl zu seinem heran und betrachtete ihren besten Freund. Als sie sich, vor bald einem Vierteljahrhundert, in der Oberstufe begegnet waren, waren sie zwei Außenseiter an der Schule gewesen – eigensinnige Charaktere, wild entschlossen, es zu etwas zu bringen. In gewisser Weise hatte sich wenig daran geändert. Ihr Freund war heute ein erfolgreicher Koch mit einem eigenen Bestseller-Kochbuch, das zu schreiben sie ihn ermutigt hatte. Und jeder, der je Nachrichten gelesen hatte, kannte mit großer Sicherheit den Namen Madeline Wilson oder hatte, falls nicht, einen ihrer Artikel gelesen.
»Was ist los?«, fragte sie.
East nahm einen tiefen Zug von seiner Tüte, sagte aber nichts.
»Irgendwas stimmt nicht, denn du hast gerade eine Frau horizontal aus deinem Restaurant befördert. Außerdem ist es scheißkalt, aber du scheinst ganz versessen darauf, hier draußen herumzusitzen und dich abzuschießen. Du meintest vorhin, du willst mit mir reden?«
Er leckte Zeigefinger und Daumen ab und drückte das Ende seiner Tüte zusammen. »Ich habe Angst.«
»Will zu verlieren?«, riet sie, da sie wusste, dass ihre Ehe eine schwierige Phase durchmachte. »Du musst mit ihm reden. Und über das kleine bisschen Aufmerksamkeit, das mit Nathan einhergeht, musst du eben hinwegkommen.«
»Du nennst diese Eskapade von gerade eben ein kleines bisschen Aufmerksamkeit?«
»East, du hast die Sache damit tausendmal schlimmer gemacht. Du hast dich ins Zentrum des Geschehens katapultiert.«
Er wandte sich vom Fluss ab. »Du hast mir ein Versprechen gegeben. Alles, was ich tun müsste, sei ein Fernsehauftritt, und damit hätte es sich. Ich habe mich nie darum gerissen, ständig im Fokus zu stehen. Wärst du nicht gewesen, hätte ich dieses verdammte Buch niemals gemacht.«
»Moment mal«, hakte Madeline ein. »Ist es das, worüber du reden wolltest? Dieses Buch hat sich zigmal verkauft und deinem Restaurant zu einem Riesenerfolg verholfen.«
»Ich hab dir doch gesagt, dass ich mit Berühmtsein nicht klarkomme.«
»East, Schätzchen. Du bist alles andere als berühmt. Du bist ein B-Promi-Koch mit einem halbwegs passablen Lokal. Eine Nigella bist du jedenfalls nicht.«
Er lächelte nicht mal, sondern schüttelte nur den Kopf. »Erzähl mir nichts.« Er hielt inne. »Du hast ja keine Ahnung, wie es ist … Jeden Tag ein neuer Artikel, ein neuer Teil meines Lebens, der öffentlich zerpflückt wird. Ich kann kaum noch schlafen.«
Sie hörte die Panik in seiner Stimme. »Du musst dich beruhigen.«
»Was denkst du denn, wofür das ist?« Er hielt seine Tüte hoch.
»Ich bin nicht sicher, ob das hilft.«
»Du musst mir nicht sagen, was hilft oder nicht.«
»East, ich versichere dir, du reagierst gerade über. Das Video wird eine Eintagsfliege, maximal zwei. Danach stürzen sich alle auf die nächste Story. Das Tolle daran ist doch, dass die Hälfte der Leute, die den Clip sehen, denken werden, dass du das Richtige getan hast. Und weißt du was? Du wirst wahrscheinlich gleich noch mal einen ganzen Haufen Kochbücher mehr verkaufen.«
»Sag das nicht. Ich hätte mich nie von dir dazu überreden lassen sollen.«
»Jetzt wirst du albern.«
»Ach, echt? Jede noch so kleine Sache, und schon ist sie auf Twitter oder TikTok. Nichts bleibt privat. Ich fühle mich in der Falle.«
»Würde ich alles lesen, was in den sozialen Medien über mich verzapft wird, hätte ich mich schon vor Jahren von der St. Marnham Bridge gestürzt.«
East trat ans Geländer und richtete den Blick aufs Wasser.
»Tut mir leid, das hätte ich nicht sagen dürfen.« Madeline stellte sich neben ihren Freund und legte eine Hand auf seinen Rücken. »Die Wahrheit ist, du musst lernen, es zu ignorieren, und wenn du das nicht kannst, verabschiede dich von den sozialen Medien.«
»Es sind nicht die Medien, die mir Angst machen«, fuhr er sie an, »es sind diese ganzen Psychos, die sie anziehen. Mein Gesicht ist überall. Ich bin in einem nicht enden wollenden Strudel gefangen – einer, den du miterschaffen hast.«
»Das ist nicht fair. Ich habe dir lediglich ein bisschen Publicity verschafft, um dich beim Verkauf deines Buchs zu unterstützen. Genauso gut hätte ich jemand anders helfen können.«
»Lass uns ehrlich sein, Madeline, deine Karriere fußt darauf, dass du anderer Menschen Leben ausweidest.«
Sie wich einen Schritt zurück und sah ihrem Freund dabei zu, wie er seinen Joint wieder anzündete. Zuweilen konnte East furchtbar egozentrisch sein, und sie wusste, dass es in solchen Momenten wenig Sinn hatte, mit ihm zu diskutieren. Es war eine bloße Abwehrreaktion seinerseits, aber das machte es auch nicht angenehmer.
»Was du sagst, stimmt zwar nicht, aber ich bin nicht hier, um mit dir zu streiten. Ich bin hier, um zu helfen.«
East nahm einen tiefen Zug. »Helfen? So nennst du das? Blutrausch trifft es wohl eher.«
Da drehte sie sich um und ging davon.
»Nein, warte. Tut mir leid.«
»Ich habe keine Lust, mir noch mehr anzuhören«, erwiderte sie und schob die Tür zum Restaurant auf. »Ich werde jetzt mein Abendessen genießen, bevor du noch etwas sagst, das du wirklich bereuen könntest.«
Sam wischt sich mit der Serviette den Mund ab. »De-li-ziös«, kommentiert er, als er seine zweite Portion Fish-Pie beendet.
»Da dein Geburtstag ist, sollen wir noch eine Flasche bestellen?«, fragt Madeline. »Ich denke, ich könnte noch was vertragen.«
»So reizvoll das auch wäre, muss ich euch doch allein lassen«, erwidert er und schiebt seinen Stuhl zurück.
»Du gehst schon?«
»Ich gehe weiter«, korrigiert er lachend.
»Mit wem triffst du dich jetzt?«
»Ein paar von den Jungs haben versprochen, mir im Pub nebenan einen Absacker auszugeben.«
»Nein. Nein. Nein«, entgegnet Madeline entschieden. »Ich nehme an, das sind die gleichen guten alten Jungs, die die halbe Nacht mit dir Poker gespielt und dich so abgefüllt haben, dass du dachtest, du hättest einen Herzinfarkt. Auf keinen Fall, Dad. Nein.«
Sam kippt den Rest von seinem Wein, dann grinst er sie an. »Mein liebes Töchterlein, das hier war ein herrlicher Abend. Die Fish-Pie war köstlich, die Gesellschaft einmalig, und …«, Sam steht auf und tätschelt das Handy in seiner Jackentasche, »… die Richmond Times ist stolze Besitzerin eines Videoclips, der in diesem Augenblick viral geht.«
Ich beiße mir auf die Lippe.
»Ein Glas«, sagt Madeline streng und deutet mit dem Zeigefinger auf ihren Vater, »und dann auf direktem Weg nach Hause.«
»Zwei«, entgegnet er. »Aber dem Portwein habe ich abgeschworen. Und ich verspreche dir, ich sitze noch vor Mitternacht in einem Taxi nach Hause.« Dann drückt Sam meine Schulter und beugt sich runter, um seine Geschenke aufzuheben. »Ich darf nicht davon ausgehen«, beginnt er, legt die gerahmte Zeitung auf den Tisch und blickt seine Tochter an, »dass einer von euch lieben Menschen meine Geburtstagsgeschenke für mich nach Hause bringen könnte?«
»Nicht die Spur einer Chance«, erwidert sie.
»Einen Versuch war es wert.« Er wirft Madeline einen Luftkuss zu, den sie erwidert, bevor er leicht schwankend Richtung Ausgang schlurft.
»Ein echtes Unikat«, bemerke ich an Madeline gewandt, die angespannt ihrem Vater nachsieht, als er durch die Restauranttür verschwindet.
»Er würde es niemals zugeben, aber er wird älter. Ich mache mir Sorgen, dass er sich zu viel aufhalst.«
»Er wäre nicht Sam, würde er es nicht tun.«
Madeline bedeutet dem Kellner, uns noch ein Glas zu bringen, dann lehnt sie sich vor und stützt die Ellbogen auf dem Tisch ab. »Kann ich dich was fragen?«, beginnt sie. »Hast du dich damals unter Druck gefühlt, deinen Podcast aufzunehmen?«
