Night School. Der den Zweifel sät - C. J. Daugherty - E-Book
Beschreibung

Allie in größter Gefahr: Liebe, Rätsel und Spannung pur. Nach einer atemlosen Verfolgungsjagd durch die düsteren Straßen Londons kehrt Allie zurück ins Internat. Hier warten neue Herausforderungen, denn von nun an ist sie vollwertiges Mitglied der geheimnisvollen "Night School". Doch ihre Gefühle für Carter und Sylvain spielen immer noch verrückt. Da erhält sie eines Nachts eine Nachricht von ihrem verschollen geglaubten Bruder. Und ihr wird zur Gewissheit, dass die "Night School" ein sehr dunkles Geheimnis hütet. Der zweite Band der spannenden Thriller- und Liebesgeschichte: Verfolgungsjagden und Schatten der Vergangenheit sorgen für ein atemberaubendes Leseabenteuer!

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Seitenzahl:514

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Eine fürs Leid Zwei für das Glück Drei für ein Mädchen Und vier fürs Gegenstück Fünf fürs Silber Sechs für das Gold Und sieben für mein Geheimnis Das keiner kennen sollt’.Alter englischer Kinderreim

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Eins

»Isabelle, ich brauche Hilfe!«

Allie Sheridan kauerte im Dunkeln und wisperte in ihr Telefon.

Sie lauschte auf das, was die Stimme am anderen Ende sagte. Ab und zu nickte sie, dann schwang ihr Haar im Takt. Als sie aufgelegt hatte, fummelte sie hektisch an ihrem Handy herum, um den Akku herauszunehmen, riss auch die SIM-Karte heraus und zertrampelte sie mit dem Absatz im Dreck.

Dann kletterte sie über die niedrige Steinmauer, die – typisch für London – den kleinen Park in der Mitte des Platzes begrenzte, in dem sie sich, beinahe unsichtbar in der mondlosen Nacht, versteckt hatte, und rannte die Straße hinunter. Unterwegs warf sie den Akku irgendwo über einen Gartenzaun.

Plötzlich hörte sie ein Geräusch, das ihre eigenen Schritte auf dem Asphalt übertönte. Sie duckte sich hinter einen weißen Lieferwagen, der am Straßenrand geparkt war, hielt den Atem an und lauschte.

Fremde Schritte.

Panisch suchte sie die ruhige Wohnstraße mit den Reihenhäusern nach einem Versteck ab, doch sie konnte keins entdecken. Die Schritte ihres Verfolgers kamen näher, ihr blieb nicht viel Zeit.

Ohne zu überlegen, warf sie sich flach auf den Boden und robbte unter den Lieferwagen. Ein Geruch von Teer und Benzin stieg ihr in die Nase, ihre Wange lag auf dem rauen Asphalt, der vom Regen kalt und feucht war.

Sie lauschte und versuchte, ihren Herzschlag zu beruhigen.

Die Schritte kamen näher und näher. Als sie auf Höhe des Lieferwagens waren, stockte Allie der Atem, doch die Person lief vorbei, ohne ihr Tempo zu verringern.

Allie schauderte erleichtert.

Plötzlich blieb ihr Verfolger stehen.

Einen Augenblick lang war es mucksmäuschenstill, als hätte die Luft jedes Geräusch verschluckt. Dann ein unterdrücktes Fluchen. Allie schreckte auf. Sie hörte eine Männerstimme flüstern: »Ich bin’s. Ich hab sie verloren.« Eine Pause, dann beschwichtigend: »Ich weiß, ich weiß … Sie kann verdammt schnell rennen, außerdem kennt sie sich hier aus, hast du selbst gesagt.« Wieder eine Pause. »Ich bin hier auf der …« Allie vernahm das Schlurfen seiner Schuhe, während er sich nach einem Straßenschild umsah, »Croxted Street … Okay, ich warte hier.«

Die Stille, die folgte, dehnte sich so lang, dass Allie sich langsam fragte, ob der Mann sich vielleicht unbemerkt auf Zehenspitzen davongeschlichen hatte. Sie hörte keinen Mucks von ihm.

Ihre Muskeln taten schon weh, so angespannt lag sie da – als sie plötzlich in der Ferne ein Geräusch hörte. Sie erschauerte.

Noch mehr Schritte.

Schritte, die in der kühlen Nachtluft deutlich nachhallten – und die immer näher kamen.

Die Haare an ihren Armen stellten sich auf, der Puls wummerte ihr in den Ohren, ihre Hände waren schweißnass.

Ruhe bewahren, dachte sie verzweifelt. Einfach Ruhe bewahren.

Sie erinnerte sich an die Atemtechniken, die Carter ihr im Sommer beigebracht hatte: Durch konzentriertes kurzes Ein- und Ausatmen, so hatte ihr Freund es ihr beigebracht, konnte sie die Panikattacken unter Kontrolle bringen, denen sie sonst hilflos ausgeliefert gewesen wäre.

Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen, sagte sie sich langsam vor.

»Wo hast du sie zuletzt gesehen?«, fragte eine leise, bedrohliche Stimme. Allie konzentrierte sich weiter auf ihre Atmung.

»Zwei Straßen weiter, da hinten«, antwortete die Stimme des ersten Mannes. Sie hörte sein Jackett knistern, als er den Arm hob und auf die Stelle deutete.

Einatmen. Ausatmen. Einatmen.

»Okay, wahrscheinlich ist sie irgendwo abgebogen und hat sich in einem Garten versteckt. Wir gehen zurück und sehen hinter den Mülltonnen nach – bei ihrer Körpergröße könnte sie sich dahinter verstecken.«

Er seufzte. »Nathaniel fände es gar nicht gut, wenn sie uns entwischt. Du hast gehört, was er gesagt hat. Also sollten wir sie lieber nicht verlieren, klar?«

»Sie ist verdammt schnell«, antwortete der Erste. Er klang nervös.

»Klar, aber das wussten wir schon vorher. Du übernimmst die andere Straßenseite, ich die hier.«

Ihre Schritte entfernten sich. Allie rührte sich nicht vom Fleck, bis sie ganz verklungen waren. Sie zählte bis fünfzig, dann kroch sie vorsichtig unter dem Lieferwagen hervor. Sie versteckte sich hinter den Autos und spähte in alle Richtungen, so weit sie sehen konnte.

Nichts von den beiden zu sehen.

Hoffentlich stimmt die Richtung … Sie rannte los, noch schneller als vorhin.

Normalerweise rannte sie gern, und auch jetzt fiel sie automatisch in einen weichen, lockeren Rhythmus. Ihr Atem ging wieder regelmäßig.

Nur dass die Umstände nicht normal waren. Allie kämpfte gegen den Drang, über die Schulter zu schauen, denn wenn sie dabei stolperte, hinfiel und sich verletzte, würden die Männer sie entdecken – und was dann?

Die Häuser flogen vorbei, als würden sie sich bewegen, und nicht Allie. Es war sehr spät, die Zeit, wenn die Letzten schlafen gehen, kurz bevor die Ersten wieder aufstehen. In den Fenstern ringsum brannte nirgendwo Licht.

Die Bewegungsmelder waren ihr Feind; wenn sie auf dem Gehweg an einem Haus vorbeirannte, schaltete sich die Lampe am Eingang ein, blendete sie und stellte sie zugleich bloß. Deshalb lief sie lieber in der Straßenmitte, obwohl sie dort vom grellen Licht der Straßenlaternen erfasst wurde.

An einer Kreuzung war die Straße plötzlich zu Ende. Allie bremste abrupt und sah keuchend zu den Straßenschildern hoch.

Foxborough Drive. Was hat Isabelle noch mal gesagt? Sie rieb sich über die Stirn und versuchte, sich zu erinnern.

Links in die Foxborough, hat sie gesagt, dann rechts auf die High Street. Doch sie war sich nicht sicher. Alles war so schnell gegangen.

Egal. Kaum war sie links abgebogen, sah sie schon die hellen Lichter der High Street. Sie lief darauf zu, auch wenn sie skeptisch war, ob die Anwesenheit der Taxis, Nachtbusse und großen Lastwagen wirklich größere Sicherheit bedeutete. Sie war jetzt ohne Deckung.

Ohne das Tempo zu verlangsamen, rannte sie die High Street hinunter und hielt nach dem Ort Ausschau, den Isabelle ihr genannt hatte.

Da! Bei dem knallbunten Sandwichladen an der nächsten Ecke, genau dort, wo die Rektorin gesagt hatte, befand sich eine kleine Gasse. Ohne zurückzuschauen, bog Allie in vollem Tempo hinein und verschanzte sich in der Dunkelheit zwischen zwei großen Müllcontainern.

Sie lehnte sich gegen die Mauer und schnappte nach Luft. Das Haar hing ihr in die Augen und klebte an ihrem nass geschwitzten Gesicht. Achtlos schob sie eine Strähne beiseite, während sie sich umsah und die Nase rümpfte.

Igitt. Wonach stinkt’s hier denn so?

Die Container rochen übel, doch da war noch ein anderer Gestank, dem sie lieber nicht auf den Grund gehen wollte. Sie konzentrierte sich aufs Entkommen und behielt den Eingang der Gasse im Auge. Isabelle hatte gesagt, sie werde nicht lang warten müssen.

Doch je mehr Zeit verging, desto ungeduldiger wurde sie. Selbst hier in der Dunkelheit fühlte sie sich zu exponiert, zu leicht auffindbar.

Wenn ich nach mir suchen würde, ich würde zuallererst an so Orten wie diesem nachsehen.

Gedankenverloren kaute sie an ihrem Fingernagel und wartete ab. Ein Geräusch am Boden zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie sah nach unten und entdeckte eine weggeworfene Sandwichbox, die sich bewegte. Erst begriff Allie nicht, wie das sein konnte, und als die Box auch noch auf sie zukam, klappte ihr erstaunt der Mund auf. Dann jedoch, als die Schachtel eine etwas hellere Stelle erreicht hatte, entdeckte Allie den dünnen Greifschwanz, den sie scheinbar hinter sich herzog.

Allie schlug die Hand vor den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken. O nein! Sie hockte mitten in einem Rattennest.

Verzweifelt sah sie sich um, doch sie konnte nirgendwohin. Während die Sandwichbox ruckelnd immer näher kam, spürte Allie, wie ihr Herz vor Angst schneller schlug und sie alle Willenskraft aufbringen musste, damit sie nicht davonlief. Sie musste unbedingt in ihrem Versteck bleiben.

Doch als die Rattenbox gegen ihren linken Fuß stieß, war es vorbei. Ohne zu überlegen rannte Allie fluchtartig aus der Gasse, hinaus auf die High Street, wo sie, geblendet von den Straßenlaternen, einfach stehen blieb, ohne Plan.

Was soll ich jetzt tun?

In diesem Moment bremste genau vor ihr ein eleganter schwarzer Wagen abrupt ab. Ehe Allie reagieren konnte, sprang ein großer Mann aus der Fahrertür, umrundete geschmeidig den Wagen und lief geradewegs auf sie zu.

»Schnell, Allie! Steig ein!«

Sie sah ihn verdutzt an.

Isabelle hatte gesagt, sie würde jemanden zu Hilfe schicken. Sie hatte nicht gesagt: »Ich schicke dir einen Typen in einem geilen Schlitten.« Der Mann sah ziemlich genau so aus wie der, der kurz zuvor hinter ihr her gewesen war – er trug einen teuer aussehenden Anzug, und sein dunkles Haar war kurz geschnitten.

Trotzig reckte sie das Kinn.

In diesen Wagen steig ich ganz bestimmt nicht ein!

Als sie gerade flüchten wollte, tauchten zwei Gestalten aus der Dunkelheit auf.

Sie kamen geradewegs auf sie zugerannt.

Allie saß in der Falle.

Sie schaute wieder zu dem Mann im teuren Anzug, der sie besorgt ansah.

Der Motor seines Wagens schnurrte wie ein Tiger, der Beute entdeckt hat. Als sie zögernd einen Schritt von ihm weg machte, streckte der Mann seinen rechten Arm aus, winkte sie mit der Hand in Richtung Auto und redete hastig auf sie ein.

»Allie, ich heiße Raj Patel, ich bin Rachels Vater. Isabelle hat mich geschickt, ich soll dich abholen. Bitte mach schnell, und steig in den Wagen.«

Allie erstarrte. Rachel war eine ihrer besten Freundinnen, Isabelle die Rektorin der Cimmeria Academy. Wenn er die Wahrheit sagte, war sie bei ihm in Sicherheit.

Ihr blieben nur Sekunden für die Entscheidung. Sie suchte nach einem Anhaltspunkt dafür, dass er wirklich der war, für den er sich ausgab.

Seine ausgestreckte Hand zitterte nicht. Und der Mann hatte Rachels Augen.

»Steig ein, Allie«, sagte er. »Oder willst du, dass sie dich schnappen? Bitte.« Als hätte er die Zauberworte ausgesprochen, die sie irgendwie zum Funktionieren brachten, rannte Allie los, kämpfte kurz mit dem ungewohnten Türgriff und schwang sich auf den Beifahrersitz. Sie hatte den Gurt noch nicht in der Hand, da schoss der Wagen schon los.

Als die Schnalle klickte, rasten sie mit neunzig Sachen die Straße runter.

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Zwei

Dabei hatte alles so gut angefangen.

Allie war zum ersten Mal seit Monaten mit ihren alten Freunden Mark und Harry unterwegs gewesen. Den zwei Jungs, mit denen sie immer abgehangen hatte, als sie noch ständig Ärger mit der Polizei gehabt hatte. Es war erst ein paar Monate her, dass Mark und sie gemeinsam festgenommen worden waren.

Allies Eltern hatten für keinen von beiden besonders viel übrig.

Daher hätte sie mit etwas mehr Widerspruch gerechnet, als sie ihre Ausgehpläne verkündete. Doch ihre Eltern wirkten überhaupt nicht verstimmt.

Allies Mutter sagte lediglich: »Aber um Mitternacht bist du zu Hause.«

Irgendwie komisch, so ganz ohne Streit aus dem Haus zu gehen.

Noch komischer war freilich, wieder zurück in den Park zu laufen, wo sie früher jeden Abend abgehangen hatten, und festzustellen, dass ihre Freunde immer noch im Dunkeln an den Reckstangen herumturnten wie zu groß geratene Kinder.

»Sucht euch endlich mal ’nen Job«, sagte sie zur Begrüßung, als sie den Spielplatz betrat.

»Allie!«, grölten die beiden wie aus einem Mund und stürmten auf sie zu.

Allie grinste wie ein Honigkuchenpferd, so sehr freute sie sich über das Wiedersehen. Und ihre Freunde schienen auch ganz aus dem Häuschen zu sein, klopften ihr immer wieder auf die Schulter und drückten ihr eine Dose lauwarmen Cider in die Hand. Aber kaum hatten sie sich niedergelassen – die Jungs auf den beiden Schaukeln, Allie oben auf der Rutsche –, geriet das Gespräch auch schon ins Stocken. Es ging nur ums Schuleschwänzen, heimlich in der S-Bahn Graffiti-Sprühen und bei Footlocker Klauengehen. Die gleichen Dinge, über die sie immer redeten.

Komisch, aber inzwischen langweilt mich das total.

Gerade zwei Monate waren vergangen, seit sie die beiden das letzte Mal gesehen hatte, doch Allie kam es vor, als wäre sie seitdem um Jahre gealtert. So viel war passiert während des Sommertrimesters an der Cimmeria Academy. Sie hatte die Leiche einer Mitschülerin gefunden. Sie hatte mit verhindert, dass die Schule niederbrannte, und wäre dabei beinahe selbst draufgegangen.

Beim Gedanken an Ruths Tod fröstelte sie.

Sie war sich beinahe sicher, dass Mark und Harry nicht verstehen würden, wie es auf Cimmeria zuging, wenn sie versuchen würde, es ihnen zu erklären. Als die beiden gleich darauf fragten, wie es an der Schule denn so sei, blieb Allie daher im Ungefähren. »Irgendwie total krass« sei es, sagte sie, aber ansonsten »ziemlich cool«.

»Und die Leute da, sind das alles so reiche Schnösel?«, fragte Harry, zerdrückte eine Ciderdose in der Hand und warf sie achtlos in den Park. Allie betrachtete die Dose, die ihr aus dem weichen, grünen Gras entgegenblinkte.

»Ja, schon irgendwie.«

Und trotzdem mag ich sie. Aber das sagte sie natürlich nicht laut.

»Bestimmt haben die dich die ganze Zeit wie ihre Dienstbotin behandelt, oder?«, fragte Mark mitfühlend. Er versuchte, ihren Gesichtsausdruck zu deuten. Allie wich seinem Blick aus.

»Manche schon«, gab sie zu und dachte dabei an Katie Gilmore und ihre Clique. Aber am Ende des Trimesters hatten Katie und sie gemeinsam die Schule vor dem Niederbrennen bewahrt und dabei eine Art widerwilligen Respekt für einander entwickelt. »Aber ganz so schlimm sind die auch nicht«, schloss sie.

»Also ich könnt mir nicht vorstellen, mit lauter so Schickimickis auf dieselbe Schule zu gehen«, sagte Harry. Er stellte sich auf den Sitz der Schaukel und schwang sich in die Dunkelheit. »Ich würde denen sagen, wo sie mich mal können – und dann wahrscheinlich fliegen.« Seine Stimme schwoll an und ab, während er an ihr vorbeischaukelte.

»Als ob die dich überhaupt reinlassen würden«, schnaubte Mark und rüttelte an der Kette von Harrys Schaukel, bis sie seitwärts ins Trudeln geriet.

»Und, gehst du zurück?«, fragte Mark, plötzlich ernst.

»Ja. Meine Eltern sagen, ich muss. Und irgendwie … will ich das auch.« Sie hielt seinem Blick stand und hoffte, er würde sie verstehen.

Mark kam aus etwas anderen Verhältnissen als sie – sein Vater hatte sich aus dem Staub gemacht, und Mark lebte in einem Hochhaus, zusammen mit seiner Mutter, die in Bars und Klubs ging und sich nicht so benahm, wie Eltern sich normalerweise benehmen. Seit Allies Bruder Christopher vor fast zwei Jahren abgehauen war, war Mark ihr der beste Bruder gewesen, den man sich vorstellen konnte. Sie wusste, dass er sie vermisst hatte, nachdem sie ins Internat gegangen war. Sie selbst, musste sie zugeben, hatte nach den ersten paar Wochen auf Cimmeria nicht mehr groß an ihn gedacht.

»Ich schreib dir auch«, beeilte sie sich zu versprechen. Der Eifer verriet ihr schlechtes Gewissen.

Marks sarkastisches Lächeln erinnerte sie flüchtig an Carter.

»Ach ja?« Er öffnete die nächste Dose Cider und sprang auf die Schaukel. »Und ich spray dir dann was in der U-Bahn.«

Er stieß sich mit den Füßen ab und schlingerte Richtung Harry, der vor sich hin schaukelte und dabei irgendeinen Blödsinn sang.

Allie saß auf ihrer Rutsche und beobachtete, wie die beiden herumalberten. Sie zerrten an ihren Schaukeln, als wollten sie sie aus ihrer stählernen Verankerung reißen. Nachdenklich sah Allie ihnen zu. Die Ciderdose stand unberührt neben ihr.

Es ging schon auf Mitternacht zu, als Harrys Handy klingelte. Nach einem kurzen Telefonat beriet er sich mit Mark. Dann wandte er sich Allie zu.

»Wir werden mal den Busbahnhof in Brixton auschecken. Mal sehen, was da so geht. Kommste mit?«

Allie zögerte kurz und schüttelte den Kopf.

»Ich hab meinen Eltern versprochen, dass ich früh zu Hause bin«, log sie. »Die behandeln mich immer noch wie ’ne Schwerverbrecherin.«

Harry hielt ihr seine Faust hin, und sie knuffte mit ihrer dagegen. Sein Rucksack schepperte, als er ihn aufhob.

»Bis dann, Sheridan«, verabschiedete er sich. »Lass dir von den Schickis bloß nix gefallen.«

Mark blieb noch einen Moment. Er schwieg lange. Dann sagte er: »Fänd ich echt cool, wenn du mir schreiben würdest.«

»Mach ich«, versprach sie, fest entschlossen, es auch zu tun. »Ganz bestimmt.«

Er wandte sich ab und rannte Harry hinterher. Eine Zeit lang hörte sie noch, wie die beiden sich im Weggehen lachend unterhielten. Als das Gelächter verklungen war, stieg sie von der Rutsche, hob die leeren Ciderdosen auf und warf sie in einen Mülleimer. Dann zog sie sich die dunkle Kapuze über den Kopf und machte sich auf den Weg nach Hause. Sie ging gemächlich, doch in ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken.

Kurz vor ihrem Ziel sah sie die Männer – zu viert standen sie vor ihrem Haus. Sie trugen maßgeschneiderte Anzüge und adrette Kurzhaarfrisuren. Einer von ihnen hatte eine Sonnenbrille auf. Bei seinem Anblick begann ihr Herz wie wild zu klopfen. Seine athletische Statur und die entschlossene Haltung erinnerten sie an … Gabe.

Allie blieb wie angewurzelt stehen. Aber das war ein Fehler – sie hätte einfach in Mrs Bursons Garten gehen und sich hinten wieder rausschleichen sollen.

Just als sie stehen blieb, drehte sich einer der Männer um. Er bemerkte sie und deutete in ihre Richtung.

»Hey«, sagte er leise und schnippte zweimal mit den Fingern.

Da drehten sich auch die anderen drei um.

»Allie Sheridan?«, fragte der Erste.

Sie wich einen Schritt zurück.

»Wir möchten uns nur mit Ihnen unterhalten«, sagte der Zweite.

Allie wirbelte herum und nahm Reißaus. Sie sprang über den niedrigen Zaun des Nachbargrundstücks und rannte zum rückwärtigen Gartentor, das immer offen stand. Hinter sich hörte sie die Männer fluchen, als sie im Dunkeln durch das Tor zu kommen versuchten. Allie raste zurück in den Park, quer über den rutschigen Rasen und auf der anderen Seite wieder hinaus.

Ständig Haken schlagend, rannte sie so lange durch ihr Viertel, bis sie ihre Verfolger abgeschüttelt hatte. Dann sprang sie über eine Gartenmauer und verkroch sich hinter einer Hecke.

Als sie eine gefühlte Stunde lang keine Schritte mehr gehört hatte, hatte sie zitternd ihr Handy aus der Tasche gezogen.

 

Nun saß sie auf dem weichen Ledersitz des schwarzen Audi neben Rachels Dad und sah zu, wie er ohne Rücksicht auf Geschwindigkeitsbegrenzungen durch den Verkehr auf dem South Circular manövrierte.

Rachel sieht ihm ähnlich, dachte sie. Aber er hatte etwas dunklere Haut und krauses Haar, während Rachels Locken glänzten.

Erst als sich die Bebauung links und rechts ausdünnte und von dunklem Weideland abgelöst wurde, richtete er das Wort an sie.

»Alles klar?« Die Frage kam etwas unvermittelt, doch Allie hörte die Sorge in seiner Stimme.

»Geht schon«, erwiderte sie und richtete sich auf. »Ich bin nur ein bisschen … durch ’n Wind.«

»Danke, dass du mir vertraut hast«, sagte er. »Ich hab schon fast nicht mehr damit gerechnet.«

»Sie sehen ihr ziemlich ähnlich«, sagte Allie. »Also Rachel, meine ich. Deshalb … hab ich Ihnen vertraut.«

Zum ersten Mal lächelte er, die Augen immer noch auf die Straße gerichtet. »Behalt das bloß für dich. Für Schönheit ist bei uns die Mama zuständig.«

Wenn er lächelt, sieht er viel netter aus. Allie entspannte sich merklich.

»Was ist denn passiert?«, fragte er. »Als wir vor zwei Stunden von eurem Haus weg sind, war noch alles okay.«

»Sie waren bei mir zu Hause?« Sofort kehrte ihre Nervosität zurück.

»Nicht drinnen.« Er schien Allies Anspannung zu bemerken. »Nur in der Nähe. Isabelle hat mich gebeten, ein Auge auf dich zu haben. Es war immer einer von meinen Leuten da – jeden Tag.«

Rachel hatte Allie erzählt, dass ihr Vater einen hoch angesehenen Wach- und Sicherheitsdienst leitete, der von Führungskräften aus Politik und Wirtschaft gebucht wurde. Sonst wusste sie nichts von ihm, außer dass er als Schüler auch auf Cimmeria gewesen war.

Allie war nicht das Geringste aufgefallen. Zu wissen, dass irgendwer da gewesen war, ohne dass sie etwas davon mitbekommen hatte, war irgendwie gruselig.

»Alles ganz normal«, sagte sie. »Auf dem Hinweg habe ich draußen niemanden gesehen. Aber als ich zurückgekommen bin, standen da plötzlich diese Typen vor der Tür. Und sie haben mich erkannt.«

»Haben sie versucht, dich festzuhalten?«, fragte er und sah sie von der Seite an.

»Sie meinten, sie würden gern mit mir reden. Aber ich hab ihnen nicht geglaubt«, erwiderte sie. »Ich bin einfach abgehauen. Sie haben mich nicht angefasst.«

»Braves Mädchen.«

Sie fühlte, wie sie rot wurde. Sein Lob machte sie stolz.

»Es überrascht mich allerdings, dass du ihnen entwischt bist«, sagte er. »Die verstehen nämlich was von ihrem Job.«

Allie zuckte bescheiden die Achseln. »Ich kann ziemlich schnell laufen, und ich kenne mich in der Gegend ganz gut aus. Ich bin dahin gerannt, wo ich dachte, da kriegen sie mich nicht so leicht.«

»Und du hattest was Schwarzes an«, sagte er.

»Isabelle hat mich gebeten, nachts vorsichtshalber nur schwarze Sachen zu tragen«, sagte sie.

Rachels Dad sah in den Seitenspiegel und fuhr auf die M25.

»Leider hat sie recht behalten«, sagte er.

»Ja, leider«, erwiderte Allie und rutschte tiefer in ihren Sitz. Mr Patel gab Gas, und die anderen Autos verschwanden langsam hinter ihnen. Nun, da sie sich warm und sicher fühlte, sank auch ihr Adrenalinspiegel. Ihre Lider wurden schwer.

»Was ist mit meinen Eltern?«, fragte sie.

»Isabelle wird sie anrufen und ihnen alles erklären«, sagte er. »Und sie wissen ja, dass du bei uns in Sicherheit bist.«

Allie lehnte den Kopf an die Nackenstütze.

»Gut«, murmelte sie. »Ich möchte nicht, dass sie sich Sorgen um mich machen.«

Im nächsten Moment war sie eingeschlafen.

 

Kurze Zeit später wurde sie von einem kalten Windstoß geweckt und schrak hoch. Der Wagen fuhr nicht mehr. Die Fahrertür stand offen – sie war allein.

Die nächtliche Stille hier draußen kam ihr unnatürlich vor – keinerlei Verkehrslärm, keine Sirenen. Sie hörte leise Stimmen in der Nähe: ein Mann und eine Frau, die sich gedämpft unterhielten.

Allie richtete sich auf und fuhr sich durch das zerzauste Haar.

»Und du bist sicher, dass dir niemand gefolgt ist?«, fragte die Frau.

»Absolut«, erwiderte Rachels Vater.

»Das arme Ding. Sie muss völlig erschöpft sein. Ich habe Rachel nicht geweckt; wir können es ihr morgen früh immer noch sagen.«

Als Allie die Wagentür öffnete, verstummte das Gespräch.

Die Frau, mit der sich Mr Patel unterhielt, war dunkelblond und hatte helle Haut. Sie trug Jeans und eine lange, blaue Strickjacke, die sie sich fest um den Körper gewickelt hatte.

»Äh … hi«, sagte Allie unsicher.

»Allie«, sagte Mr Patel. »Darf ich vorstellen: Linda, Rachels Mutter.«

Um sie herum war es so dunkel, dass Allie kaum etwas sah. Schemenhaft erkannte sie so die Umrisse eines Gebäudes. Im Erdgeschoss brannte ein einsames Licht, und eine Tür stand offen.

Sie versuchte immer noch, sich zu orientieren, als Mrs Patel den Arm um sie legte und sie ins Haus geleitete.

»Was du jetzt brauchst, ist eine heiße Schokolade und ein Bett. Ich hab dir ein paar von Rachels Sachen rausgelegt. Sie werden dir vielleicht ein bisschen zu groß sein, aber es wird schon gehen. Ist ja nicht für lange.«

Allie bekam einen dampfenden Becher in die müden Hände gedrückt, dann führte Mrs Patel sie eine Treppe hinauf in ein geräumiges Zimmer mit blassgelben Wänden, in dem ein flauschiger, cremefarbener Teppich lag. Eine Nachttischlampe tauchte den Raum in sanftes Licht, und die zitronenfarbene Decke auf dem gemachten Doppelbett war zurückgeschlagen.

»Das Badezimmer ist hier.« Mrs Patel deutete auf eine Tür. »Und die Kleider, die ich dir zurechtgelegt habe, sind in der Kommode. Fühl dich wie zu Hause. Rachel wird dich morgen früh zum Frühstück abholen.« Mit einem aufmunternden Lächeln schloss sie die Tür hinter sich. »Schlaf gut. Morgen können wir in Ruhe über alles sprechen.«

Allie blieb eine ganze Weile auf dem Bett sitzen. Sie wusste, dass sie aufstehen, sich das Gesicht waschen und einen Schlafanzug suchen sollte. Aber sie schleuderte nur die Schuhe von sich und ließ sich, wie sie war, in die Kissen fallen.

Dann drehte sie sich zur Seite, rollte sich zu einer kleinen Kugel und zählte ihre Atemzüge.

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Drei

»Schön, dass du wieder da bist!« Isabelle trat aus dem imposanten viktorianischen Klinkerbau, der die Cimmeria Academy beherbergte. Leichten Schrittes kam sie die alte Steintreppe hinunter und legte den Arm um Allies Schultern. »Ich bin so froh, dich heil wiederzusehen«, sagte die Rektorin.

»Ja, zum Glück ist noch alles dran«, erwiderte Allie mit einem Lächeln.

Nach der Londoner Rettungsaktion hatte Allie ein paar Tage Zuflucht bei Familie Patel genommen. Die meiste Zeit hatte sie am Swimmingpool herumgehangen. Und sie war das erste Mal geritten. Während Mrs Patel Allie ständig bemutterte und bekochte und stets um Allies Sicherheit besorgt war, folgte Rachels jüngere Schwester Minal den beiden auf Schritt und Tritt – sie wollte bei allem dabei sein, was die beiden taten. Die Patels waren genau die Art von Familie, nach der sich Allie immer gesehnt hatte. So, wie ihre Familie beinahe einmal gewesen war. Es war eine bittersüße Erinnerung.

Rachels Vater und Isabelle waren dann zu dem Schluss gekommen, dass Allie in Cimmeria sicherer aufgehoben war. Und so hatte Mr Patel die Mädchen ins Internat zurückgebracht, obwohl die Schule erst in zehn Tagen beginnen sollte.

Da war sie also nun.

Für Allie sah die Schule noch genauso aus wie im Sommer – massiv und furchteinflößend, mit ihrem Schieferdach, den unzähligen gotischen Türmchen und den Kreuzblumen, die sich wie schwarze Messer in den Himmel bohrten. Die symmetrisch angeordneten, überwölbten Fenster schienen zu beobachten, wie die beiden Mädchen ihre Taschen aus dem Auto wuchteten.

Die Rektorin hatte ihre hellbraunen Haare mit einer Haarspange straff nach hinten frisiert. Sie trug ein weißes Cimmeria-Poloshirt und Jeans. Allie konnte sich nicht erinnern, Isabelle je zuvor in Jeans gesehen zu haben.

»Danke, dass du mir Mr P zur Rettung geschickt hast«, sagte Allie zu Isabelle. »Ich weiß nicht, was ohne ihn passiert wäre.«

»Du hast meine Anweisungen perfekt befolgt«, erwiderte die Rektorin. Sogar an einem wolkigen Tag wie heute schienen ihre goldbraunen Augen zu leuchten. »Du warst sehr tapfer. Ich kann gar nicht sagen, wie stolz ich auf dich bin.«

Allie errötete und betrachtete verlegen ihre Füße.

Taktvoll lenkte Isabelle die Aufmerksamkeit auf Allies Begleiter. »Rachel, meine Vorzeigeschülerin, Gott sei Dank bist du wieder da! Eloise wird auch heilfroh sein. Die Bibliothek braucht dich. Hallo, Raj!« Sie schüttelte Rachels Vater die Hand und hob eine Braue. »Oder sollte ich Mr P sagen?«

»Tu dir keinen Zwang an.« Er lächelte schief. »Ich hab da ja wenig mitzureden.«

»Vielen, vielen Dank, dass du uns Allie wohlbehalten zurückgebracht hast.«

Mr Patels Lächeln erstarb. »Wir hatten Allie die ganze Zeit im Blick – und trotzdem hätten die sie beinahe geschnappt«, sagte er mit ernster Miene. »Ich habe ja am Telefon schon gesagt, wir untersuchen gerade, wie das passieren konnte.«

Ein Schatten huschte über Isabelles Gesicht. »Wo wir gerade dabei sind, ich müsste noch etwas mit dir besprechen«, sagte sie. »Kannst du kurz bei mir im Büro vorbeischauen, bevor du fährst?«

Dann wandte sie sich dem Gepäckhaufen neben dem Auto zu. »Da sind doch bestimmt hauptsächlich deine Bücher drin, oder?«, sagte sie zu Rachel. »Du kannst sie ruhig in den Ferien hierlassen. Wir schmeißen sie schon nicht weg.«

Grinsend warf sich Rachel eine von den Taschen über die Schulter. »Ach, du kennst mich doch, Isabelle …«

»Allerdings. Na, dann kommt mal rein. Wir haben immer noch alle Hände voll zu tun mit der Renovierung, da muss jeder mit anpacken, darum sind wir mehr auf uns gestellt als sonst.«

Isabelle schnappte sich ebenfalls eine Tasche und marschierte zur Tür. Die anderen luden sich das restliche Gepäck auf und folgten ihr durch das stattliche Eingangsportal. Das große Bleiglasfenster über ihren Köpfen blieb heute matt – die Sonne hatte sich hinter einer Wolkendecke versteckt. Allie fiel auf, dass der Wandteppich fehlte, der normalerweise neben der Tür hing, doch rasch musste sie feststellen, dass sich noch viel mehr verändert hatte, seit sie die Schule das letzte Mal gesehen hatte – an dem Abend, als sie beinahe abgebrannt wäre.

»Carter, Sylvain und Jo sind schon da«, hallte Isabelles Stimme durch den kühlen Raum. »Jules und Lucas werden im Laufe der nächsten Tage noch zu uns stoßen und ein paar von den jüngeren Schülern auch, aber ansonsten werden wir bis Schulanfang mehr oder weniger unter uns sein.«

Den Holzboden des breiten Hauptflurs bedeckte nun ein Teppich aus schmutzigen Stoffplanen. Die Ölgemälde, die sonst über der glänzenden Eichenvertäfelung hingen, waren alle verschwunden.

Bestürzt ließ Allie ihren Blick umherschweifen.

Mit einem Mal fiel ihr auf, wie schrill Isabelles Stimme klang. Sie merkte, welche Mühe es die Rektorin kostete, ihre Anspannung hinter einer Fassade aus fröhlichem Geplauder zu verbergen.

»Wegen der Brandschäden müssen wir einzelne Klassen- und Schlafräume verlagern«, sagte Isabelle. »In zehn Tagen, wenn die restlichen Schüler eintrudeln, müssen wir fertig sein. Da wird euch, fürchte ich, gar nichts anderes übrig bleiben, als euch freiwillig zum Arbeitseinsatz zu melden.«

Strammen Schrittes führte Isabelle sie die breite Treppe nach oben. Der Kristallkronleuchter über ihren Köpfen war in Schutzfolie gehüllt. Allie hatte Mühe, den Anschluss zu halten. Irgendwo im Hintergrund wurde gehämmert. Arbeiter riefen knappe Befehle, etwas wurde über den Boden geschleift.

Dass gewisse Reparaturarbeiten unvermeidlich waren, war Allie klar gewesen. Aber dass sie die Schule derart … nackt vorfinden würde, damit hatte sie nicht gerechnet. Ohne die Kunstgegenstände und die vielen kleinen Details, durch die sie wie ein Märchenschloss angemutet hatte, wirkte sie ziemlich angeschlagen. Behutsam ließ Allie ihre Finger über das glatt polierte Eichengeländer gleiten, wie um es zu trösten.

Oben angekommen, gelangten sie über eine weitere Treppe in einen Flur und von dort abermals zu einer Treppe. Der bis dahin eher schwache Rauchgeruch wurde nun regelrecht beißend. Allie zuckte zusammen. Sie erinnerte sich an den Moment, als sie ihren Bruder Christopher dabei erwischt hatte, wie er mit einer Fackel in der Hand versucht hatte, die Schule in Brand zu setzen.

Als hätte sie diese Reaktion erwartet, eilte sogleich Isabelle herbei, legte den Arm um Allies Schultern und geleitete sie den Flur entlang.

»Dein Zimmer hat einen Wasserschaden, und es wurde durch den Rauch stark beschädigt. Deswegen haben wir dich woandershin verlegt.« Sie bugsierte Allie an ihrem ehemaligen Zimmer vorbei zur Tür mit der Nummer 371. »Deine Sachen sind schon alle hier.«

»Hey, das ist ja direkt neben meinem!«, rief Rachel und stieß die Tür zu Zimmer 372 auf. »Hallo, mein lieber rechteckiger persönlicher Freiraum, wie hab ich dich vermisst«, hörte Allie sie sagen.

Isabelle öffnete die Tür zu Allies Zimmer. »Ich dachte, du fühlst dich vielleicht wohler, wenn du neben Rachel wohnst.«

Der schlicht eingerichtete Raum verströmte den klebrig-sauberen Chemiegeruch frischer Farbe. Allie blieb in der Tür stehen, während Isabelle sich an dem Bogenfenster zu schaffen machte und es aufstieß, um das wässrig-graue Licht hereinzulassen.

In den beiden hohen Regalen standen bereits Allies Bücher. Das Bett war mit einer flauschigen, weißen Daunendecke bezogen, und über dem Fußbrett hing ordentlich zusammengefaltet eine dunkelblaue Wolldecke – genau wie in ihrem früheren Zimmer. Alles sah aus wie vorher.

Isabelle war schon wieder auf dem Weg nach draußen, als sie an der Tür stehen blieb, die Hand auf der Klinke.

»Deine Eltern haben ein paar von deinen Sachen geschickt, sie sind in deinem Garderobenschrank.« Sie öffnete die Zimmertür. »Komm doch in mein Büro, wenn du dich eingerichtet hast. Wir sollten uns mal unterhalten.«

 

Als die Tür ins Schloss fiel, machte Allies Herz vor Freude einen Sprung. Sie war wieder da, wo sie hingehörte.

Wie anders war diese Rückkehr doch im Vergleich zu letztem Sommer, als sie zum ersten Mal hierhergekommen war. Damals hatte Cimmeria einschüchternd und abscheulich auf sie gewirkt. Die meisten Schüler hatten sie behandelt wie jemanden, der uneingeladen in eine exklusive Feierlichkeit platzt. Ihre Eltern waren damals so wütend auf sie gewesen – sie war kurz zuvor wegen Graffiti-Sprayens festgenommen worden –, dass sie ihr nichts über die Schule erzählt hatten. Sie hatten sie einfach hingefahren und dort abgesetzt. Als Jules, die makellose blonde Vertrauensschülerin, sie am ersten Tag herumgeführt hatte, war Allie sich wie ein Trottel vorgekommen. Erst da hatte sie von den seltsamen Regeln auf Cimmeria erfahren – elektronische Geräte waren verboten, niemand durfte das Schulgelände verlassen – und von der elitären Gruppe namens Night School, die sich abends, wenn alle anderen schon schliefen, heimlich traf und irgendwelche komischen Übungen abhielt, bei denen die anderen Schüler nicht einmal zusehen durften.

Doch jetzt, keine zwei Monate später, fühlte sie sich wie zu Hause hier.

Allie öffnete den Kleiderschrank, nahm den kleinen Koffer heraus, den ihre Eltern ihr geschickt hatten, und zog den Reißverschluss auf. Sie hatte ziemlich genaue Angaben gemacht, was in dem Koffer sein sollte: etliche Bücher, ihre sämtlichen Schulhefte, ein paar Wechselklamotten sowie …

Sie lächelte.

Da sind sie ja. Gleich obendrauf.

Ihre roten, knielangen Dr. Martens.

Mit einer Hand strich sie über das abgewetzte dunkelrote Leder, mit der anderen griff sie nach dem Brief, den ihre Mutter beigelegt hatte.

»Ich weiß zwar nicht, wozu du die brauchst …«, begann er.

»Ich weiß, dass du das nicht weißt, Mama«, gluckste Allie mehr amüsiert als verärgert und überflog den Rest des Briefs, der die nächtlichen Londoner Ereignisse mit keinem Wort erwähnte. Auch stand nichts über Isabelle oder Nathaniel darin. Nichts, das irgendwie von Belang war.

Manchmal kam es Allie so vor, als ob man sie rein zufällig aus ihrer 08/15-Welt herausgehoben und mitten in das Leben eines anderen verpflanzt hätte. Ein Leben, in dem es ständig »jeder gegen jeden« hieß. Im Augenblick stand sie in der Schusslinie, hatte aber keine Idee, wer sie im Visier hatte. Doch sie lernte allmählich, wem sie vertrauen konnte.

Rasch leerte sie den Koffer aus und stopfte die Kleider in die Schubladen. Doch selbst das dauerte ihr irgendwie zu lange, und so rannte sie aus dem Zimmer, obwohl der Koffer noch geöffnet auf dem Fußboden lag.

Ungeduldig klopfte sie an der Nachbartür und betrat, ohne eine Antwort abzuwarten, das Zimmer. Umgeben von Büchern, saß Rachel im Schneidersitz auf dem Fußboden, über einen Text gebeugt.

»Auspacken können wir später immer noch«, sagte Allie und hüpfte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. »Hast du Lust, in die Bibliothek zu gehen?«

»Du meinst, ob ich Lust habe nachzuschauen, wo Carter steckt?« Mit einem nachsichtigen Lächeln klappte Rachel ihr Buch zu und rappelte sich auf. »Na klar.«

 

Im Erdgeschoss war ordentlich was los. Aus dem Klassenzimmerflügel drang Gehämmere, und man sah Arbeiter den beschädigten Putz herausreißen. Rußgeschwärzte Holzpaneele lehnten an der Wand und warteten auf ihren Abtransport. Daneben wurde gerade ein angekokelter Schreibtisch entsorgt. Arbeiter kamen und gingen und verbreiteten emsige Betriebsamkeit. Baugerüste türmten sich vor den Wänden und bildeten ein silbernes Gitter.

Am anderen Ende des Gangs sah es besser aus. Der Speisesaal war unversehrt, und der Aufenthaltsraum sah aus wie vor dem Brand.

Der Rittersaal war zwar in gutem Zustand, aber so voller Möbel, dass sie sich nur mit Mühe hineinquetschen konnten. Offensichtlich wurden hier die Möbel aus den Räumen gelagert, die gerade renoviert wurden.

Rachel schlüpfte vorsichtig an den Beinen eines Stuhls vorbei, der umgekippt unter einem Schreibtisch lag. »Ich hab mich schon gefragt, wo sie die ganzen Möbel hingetan haben …«

Sie hatte den Satz noch nicht vollendet, da flog die Tür auf, und Sylvain stürzte herein. Er schleppte einen großen, schweren, zusammengerollten Orientteppich und war so darauf konzentriert, seine sperrige Fracht durch die Tür zu bugsieren, dass er die beiden zuerst gar nicht bemerkte. Doch dann sah er auf, und seine strahlend blauen Augen begegneten denen von Allie. Sylvain war so perplex, dass er das Gleichgewicht verlor, und der Teppich gefährlich ins Schlingern geriet. Allie und Rachel duckten sich weg, während Sylvain versuchte, die Kontrolle über den Teppich wiederzuerlangen, und ihn schließlich mit einem staubig-dumpfen Knall zu Boden plumpsen ließ.

In der anschließenden Stille bemerkte Allie, dass ihm die dunklen, welligen Haare in die Stirn fielen und seine sonnengebräunte Haut vor Anstrengung glänzte.

Wieso fällt mir das auf?

Sie zuckte beinahe zusammen, als Rachel sprach.

»Hi, Sylvain. Wir wollten dich nicht erschrecken.«

»Hallo, Rachel. Schön, dass du wieder da bist.«

Als sie seine vertraute Stimme mit dem eleganten französischen Akzent hörte, wurde Allie von Gefühlen übermannt, für die sie keinen Begriff hatte. Als hätte sie sich bewegt – und das hatte sie ganz bestimmt nicht –, drehte er sich zu ihr um.

»Hallo, Allie«, sagte er leise.

»Hey, Sylvain.« Sie schluckte nervös. »Ich … ich … äh … Wie geht’s dir?«

»Es geht mir gut.«

Sein merkwürdig förmlicher Tonfall ließ ihn kultivierter klingen, als man es bei einem Siebzehnjährigen vermutet hätte. Damals, als sie sich kennengelernt hatten, hatte ein Wort von ihm genügt, und Allie war dahingeschmolzen.

Aber das ist lange her.

»Und wie geht es dir?«, fragte er. Während sie sich verlegen weiterunterhielten, wich Rachel Richtung Tür zurück.

»Ich geh nur mal schnell …«, sagte sie vage und lief hinaus. Als sie weg war, versuchte Allie, Sylvains zurückhaltende Miene zu deuten.

»Mir geht’s … ganz gut«, sagte sie, doch es schnürte ihr die Kehle zu, und sie musste heftig schlucken. »Ich hatte einfach … nie die Gelegenheit. Dir zu danken, meine ich. Nach dem Brand.« Sie machte einen Schritt auf Sylvain zu und griff nach seinem Arm. »Du hast mir das Leben gerettet, Sylvain.«

Als sie ihn berührte, gab es einen elektrischen Funken, der ihnen beiden einen Schreck einjagte. Allie schrie auf und riss sich los. Dabei stolperte sie über den zusammengerollten Teppich. Sylvain packte ihren Arm, um sie vor einem Sturz zu bewahren, ließ dann aber schnell los und trat einen Schritt zurück.

So hatte sich Allie ihre Begegnung ganz bestimmt nicht vorgestellt. Cool wollte sie ihm entgegentreten – und nicht wie ein Tollpatsch über Teppiche stürzen und ihm einen elektrischen Schlag versetzen – mit ihrer Haut!

Ihre Wangen röteten sich. »Tut mir leid. Ich muss … dann mal los …« Sie ignorierte Sylvains enttäuschten Gesichtsausdruck und verließ fluchtartig den Raum.

Als sie um die Ecke gebogen war und sich in Sicherheit fühlte, blieb sie stehen, lehnte sich gegen die Wand und presste die Augen zu.

Das ging ja wohl voll in die Hose.

Während sie die Szene immer wieder vor ihrem geistigen Auge abspielte, schlug sie rhythmisch den Hinterkopf gegen die Wand.

»Hi, Sylvain«, murmelte sie dabei sarkastisch. »Ich bin ein Volltrottel. Und du?«

Seufzend richtete sie sich auf und trat wieder in den Flur, wo sie geradewegs Carter über den Weg lief.

Lachend schloss er sie in die Arme und hob sie hoch. »Hey, es ging das üble Gerücht um, du seist wieder da«, sagte er, als er sie wieder absetzte.

Sie lehnte sich zurück, um ihn anzuschauen. Sein Hemd war mit Farbspritzern übersät, und seine Frisur war im Eimer. Seine Stirn zierte ein weißer Farbstreifen. Süß, dachte sie. Er fasste sie fest an der Taille. Nach ihrem peinlichen Zusammentreffen mit Sylvain war allein die Tatsache, bei Carter zu sein, wie Balsam für Allies Seele.

»Schlechte Nachrichten verbreiten sich wie der Wind«, sagte sie und reckte ihm ihre Lippen entgegen.

Der Kuss löste eine wohlige Wärme in ihrem ganzen Körper aus. Sie öffnete die Lippen und umschlang seine Schultern noch fester, als er mit den Händen über ihren Rücken strich.

Nach einer Weile legte er seine Stirn an ihre und flüsterte: »Mein Gott, was hab ich dich vermisst.«

Sie lächelte ihn mit den Augen an. »Ich dich auch.«

»Du siehst gut aus«, sagte er und richtete sich auf. »Geht’s dir auch gut? Als Isabelle mir erzählt hat, was in London passiert ist, war ich …« Er vollendete den Satz nicht, doch in seinem Kiefer arbeitete es. »Na ja, als sie’s mir erzählt hat, wussten wir schon, dass du in Sicherheit warst, aber … Es geht dir doch wirklich gut, oder?«

»Ja, ja, alles okay«, sagte Allie. »Rachels Dad hat mich rausgehauen. Er ist der reinste … Rockstar.«

»Ja. Muss ein echter Kerl sein«, sagte Carter lächelnd. »Selbst Zelazny redet über ihn, als wäre er Batman.«

Bei der Erwähnung ihres verhassten Lehrers verzog Allie das Gesicht.

Carter wedelte scherzend mit dem Zeigefinger. »Ihr zwei müsst lernen, miteinander klarzukommen, Allie. Der Mann ist ziemlich wichtig.«

»Ich weiß ja, ich weiß«, murmelte sie. »Aber es liegt nicht an mir – er hat mich zuerst gehasst. Ich hasse ihn nur zurück.«

Carter lachte. »Das ist ja wohl die beknackteste Ausrede, die ich je gehört habe.«

Sie konnte es gar nicht glauben, dass sie endlich wieder hier war – und sich wie eh und je mit Carter zoffte. In einem plötzlichen Anfall von Glück quetschte sie seine Hand. »Ich hab dich echt vermisst, weißt du das?«

 

Carter zerrte sie in eine Nische hinter der Haupttreppe und küsste sie abermals, nur diesmal etwas leidenschaftlicher. Mit den Lippen beschrieb er eine Linie von ihrer Wange zum Nacken. Sie bekam eine Gänsehaut, und als sie ihre Finger in seine sehnigen Schultermuskeln bohrte, stöhnte er lustvoll auf und küsste sie.

 

»Ach, Carter, da bist du ja.«

Carter wirbelte herum, als er Isabelles Stimme hörte. Allie versuchte, ihre Haare zu glätten und eine Unschuldsmiene aufzusetzen, doch der abgebrühte Blick der Rektorin verriet ihr, dass man Isabelle nichts vormachen konnte.

»Eloise sucht schon nach dir. Und sie würde sich bestimmt freuen, wenn du, Allie, ihr auch zur Hand gehen würdest«, sagte die Rektorin. »Sofern du dafür Zeit hast, natürlich.«

Ihr schroffer Ton ließ Allie das Blut in die Wangen schießen. Carter hingegen konnte nur mühsam ein Lachen unterdrücken, das verrieten seine zuckenden Schultern.

»Ich weiß echt nicht, was daran so lustig ist«, erwiderte Allie steif. Worauf Carter erst recht lachen musste und sie sanft in Richtung Bibliothek zog.

»Jetzt hab dich nicht so, Al. Du weißt doch, Isabelle ist in Ordnung. Sie wird uns schon nicht wegen dem bisschen Geknutsche einen Arrest aufbrummen.« Als Allie weiterschmollte, kitzelte er sie, bis sie sich lachend entwand.

»Ist ja gut, ist ja gut«, kicherte sie und versuchte, seinen Händen zu entkommen.

Doch sobald sie sich der Tür zur Bibliothek näherten, verflog Allies gute Laune. Sie ließ Carters Hand los und verlangsamte ihre Schritte, bis sie schließlich stehen blieb.

Carter drehte sich zu ihr um und sah sie besorgt aus dunklen Augen an.

»Warst du seit dem Brand überhaupt schon mal wieder hier?«

Allie schüttelte stumm den Kopf, den Blick fest auf die Tür gerichtet.

»Und du willst jetzt da reingehen?«

Sie schüttelte abermals den Kopf. »Nein. Ganz und gar nicht.«

Er griff nach ihrer Hand.

»Das musst du auch nicht«, sagte er sanft. »Lass dir einfach noch ein bisschen Zeit.«

Sie nickte, ohne den Blick von der Tür zu wenden, die sich bedrohlich vor ihr aufzutun schien.

»Ich weiß«, sagte sie. »Aber je länger ich damit warte, desto schwerer wird es werden.« Ihre Augen flackerten unruhig und sahen immer wieder zur Tür.

»Ich muss da durch. Ich meine, ich kann doch nicht einfach nicht in die Bibliothek gehen, nur weil ich Angst habe. Schließlich wird hier das ganze … Wissen aufbewahrt.«

Carter ließ sich durch ihren müden Scherz nicht täuschen und hielt weiter fest ihre Hand.

»Tja, dann. Denk dran: immer weiteratmen, okay?«

Allie nickte, die Augen immer noch auf die schwere Eichentür gerichtet. Sie wusste ja, dass es nur eine ganz normale Tür war, mit einem ganz normalen Raum dahinter. Aber es war eben der Raum, in dem sie beinahe ums Leben gekommen wäre.

Während Carter nach der Türklinke griff, studierte er ihren Gesichtsausdruck.

»Bist du so weit?«

Ihr pochte das Herz in den Ohren. Sie nickte.

Die Tür schwang auf.

»Ach du Schreck«, flüsterte sie und schlug sich die Hand vor den Mund.

Der vordere Teil des einst wunderschönen Raums war beinahe komplett zerstört. Von dem hohen, alten Bibliothekarsschreibtisch, der vorne an der Tür gestanden hatte, war nur noch ein verkohltes Quadrat auf dem Boden übrig geblieben. Auch die hohen Bücherregale hatte es reihenweise erwischt, und ein Teil der Holzvertäfelung aus dem 18. Jahrhundert mit ihren aufwendigen Schnitzarbeiten war nur noch Asche. Beißender Rauchgeruch lag in der Luft.

»Sieht schlimm aus, ich weiß«, sagte Carter. »Aber glaub mir, es war noch schlimmer.«

Ein plötzlicher Anflug von Traurigkeit überraschte Allie. Vor dem Brand war dies einer ihrer Lieblingsorte in Cimmeria gewesen. Stets überfüllt mit Schülern, die in tiefen Ledersesseln saßen, die Füße auf dem weichen Orientteppich, und die im Schein der grün beschirmten Lampen ihre Bücher lasen. Alles futsch. Die Möbel waren entfernt worden, und der nackte, versengte Boden wirkte kalt und verlassen.

»Alles hin«, wisperte sie.

»Als ich es das erste Mal gesehen habe, hab ich genauso reagiert«, sagte Eloise Derleth mitfühlend. Sie hatte die langen, schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, und ihre Klamotten – weißes T-Shirt und Jeans – waren genauso mit Farbe bekleckert wie die von Carter. Sogar auf ihrem Brillengestell klebte Farbe.

»Hallo, Allie«, sagte sie. »Schön, dass du wieder da bist.«

»Eloise! Ich fasse es nicht!«, sagte Allie und wandte sich der jungen Bibliothekarin zu. Ihre Stimme bebte. »Deine schöne Bibliothek!«

Eloise blickte mit stoischer Miene umher. »Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht. In gewisser Weise hatten wir sogar Glück.«

Sie lief dorthin, wo früher ihr Schreibtisch gewesen war. »Die Aufzeichnungen, die wir hier aufbewahrt haben, sind alle verloren. Das ist insofern tragisch, als sie über ein Jahrhundert zurückreichten. Aber die etwas älteren Aufzeichnungen lagern im Speicher, denen ist nichts passiert.«

Eloise deutete auf eine Brandstelle, wo früher die Bücherregale bis unter die Decke gereicht hatten. »Hier standen die Neuerscheinungen, die hatten den geringsten Wert. Die alten griechischen, lateinischen und anderen antiquarischen Bücher standen auf der anderen Seite und haben fast alle den Brand überlebt. Ein paar von ihnen haben Wasser- oder Rauchschäden. Aber wir haben eine der besten Restauratorenfirmen weltweit engagiert, und die tun, was sie können, um die Bücher zu retten. Du siehst also«, fügte sie mit finster entschlossenem Lächeln hinzu, »es hätte schlimmer kommen können.«

Allie sah ringsum nur Zerstörung, aber sie hielt den Mund. Sie ahnte, dass der Brand Eloise das Herz gebrochen haben musste.

Sie rang sich ein Lächeln ab. »Das kriegen wir schon wieder hin. Wie kann ich dir helfen?«

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Vier

»Ich komm da nicht richtig ran.« Allie deutete auf eine rauchgeschwärzte Stelle der Bibliothekswand, die außerhalb der Reichweite ihrer Scheuerbürste lag. »Selbst wenn ich mich auf die Zehen stelle.«

Bob Ellison blickte über den Rand seiner Nickelbrille. »Mach einfach so hoch, wie du kannst. Den oberen Teil der Wand und die Decken erledigen später die Leute mit den Leitern.«

Mr Ellison war normalerweise für die Grünanlagen der Schule verantwortlich. Nun organisierte und beaufsichtigte er die Renovierungsarbeiten. Er hatte Allie dafür eingeteilt, die Wände in der Bibliothek zu schrubben, damit dort anschließend gestrichen werden konnte. Sie trug unförmige gelbe Gummihandschuhe, die ihr bis zum Ellbogen reichten, und tauchte immer wieder eine Bürste von der Größe eines Ziegelsteins in den Wassereimer vor ihr, bis eine schmutzige Brühe von der Wand auf die Abdeckplane rann.

»Mit iPod würde das mehr Spaß machen«, grummelte sie. Auf Cimmeria war sämtliche moderne Technologie verboten – man durfte weder Computer noch Handys haben, selbst Fernseher gab es im Internat nicht.

»Glaubst du wirklich?«

Allie fuhr herum, als sie die vertraute Stimme hörte. Vor ihr stand ein schlankes Mädchen mit kurzem Haar und lächelte sie schüchtern an, was eigentlich gar nicht ihre Art war.

»Jo!« Allie ließ die Bürste in ihren Wassereimer plumpsen, dass es nur so spritzte, und stürzte auf sie zu. »Bin ich froh, dich wiederzusehen.«

Vorsichtig abwartend, erwiderte Jo ihren Blick. »Ich war mir nicht sicher, ob du dich freust.«

Jos Zusammenbruch am Ende des Sommertrimesters hatte Allies ohnehin wackelige Welt vollends ins Wanken gebracht. Und es war Jos Freund Gabe gewesen, der Ruth umgebracht hatte, damals auf dem Sommerball. Jo hatte bei der ganzen Sache keine gute Figur abgegeben und Gabe selbst dann noch gedeckt, als sie wusste, dass weitere Menschenleben in Gefahr waren.

Doch Allie war selbst schon dreimal in Polizeigewahrsam gelandet. Sie kannte sich aus mit falschen Entscheidungen. »Natürlich freu ich mich.« Als sie Eimer und Bürste zu Jos Füßen bemerkte, wechselte sie rasch das Thema. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um die Ereignisse des letzten Trimesters aufzuarbeiten. »Bist du auch in der Eimer-Brigade?« Jo nickte.

»Dann bist jetzt du mein iPod. Mr Ellison«, Allie wandte sich an den Schulgärtner, der mit seinem Klemmbrett beschäftigt war, »darf Jo mit mir zusammenarbeiten?«

»Solange ihr genauso viel arbeitet, wie ihr quatscht, meinetwegen.« Der schroffe Ton wurde durch seinen amüsierten Blick relativiert. Allie strahlte bis über beide Ohren.

»Ist das eine Brühe. Krass.« Jo setzte ihren Eimer ein paar Meter entfernt von Allies ab. »Seit wann bist du hier?«

»Seit ’ner Stunde. Wir haben uns kurz umgeschaut und …« Allie wedelte mit ihrer Bürste.

Jo streifte sich die Gummihandschuhe über. »Du bist mit Rachel gekommen?«

»Ja – sie ist hinten bei Eloise und den Restauratoren und geht mit ihnen die Bücher durch.« Allie schrubbte in lockeren Kreisbewegungen über die Wand. »Ich glaub, sie hat den besseren Job.«

»Aber echt«, sagte Jo. »Hey – ich hab gehört, was in London passiert ist. Alles okay bei dir?«

»Klar. Da braucht es schon mehr als vier rasende Mucki-Macker mit Anzug, um mich fertigzumachen«, witzelte Allie.

»Genau so reden die Leute über dich.« Jo lächelte, doch gleich darauf war ihre Miene wieder ernst. Sie senkte die Stimme und fragte: »Aber Gabe war nicht dabei, oder?«

Entsetzt ließ Allie ihre Bürste fallen und sah Jo an.

»Bestimmt nicht, ehrlich! Diese Typen waren älter – vielleicht so in ihren Zwanzigern oder noch älter. Gabe war garantiert nicht dabei. Ich hab die noch nie vorher gesehen.«

»Gut.« Jo widmete sich wieder dem Schrubben und nickte beifällig, so als wäre das genau ihre Hoffnung gewesen. »Ich kann einfach den Gedanken nicht ertragen …« Ihre Stimme brach, und sie begann noch heftiger zu bürsten, mit abgewandtem Kopf, sodass Allie ihr Gesicht nicht sehen konnte.

Gedankenverloren schrubbte Allie an ihrem Teil der Wand. Sie überlegte, was sie sagen sollte. »Hast du … nach dieser Nacht je noch mal was von ihm gehört?«

Jo schüttelte heftig den Kopf.

Sie sah so traurig aus, dass es Allie fast das Herz zerriss.

Sie fragte: »Alles okay?«

Jo hörte auf zu bürsten, doch es dauerte einen Moment, ehe sie antwortete.

»Ich weiß nicht.« Sie sprach langsam. »Als ihr alle abgereist seid und wir hier nur noch ganz wenige waren und um mich herum alles abgefackelt war – das war schon übel. Ich hab mich einfach« – ihre Stimme war nun so leise, dass Allie sie kaum verstehen konnte – »verantwortlich gefühlt, weißt du? Als hätte ich das Ganze aufhalten können.«

Ehe Allie recht wusste, wie sie darauf antworten sollte, fuhr Jo auch schon fort – aber ihre Stimme hatte sich verändert. Sie sprach jetzt schneller, als würde sie etwas Auswendiggelerntes wiederholen.

»Aber Isabelle und Eloise waren total toll, und jetzt gehe ich zu dieser Therapeutin. Das hilft mir enorm. Die Leute sagen mir immer wieder, dass ich nicht der schlimmste Mensch aller Zeiten bin – trotzdem komme ich mir irgendwie … ich weiß auch nicht … na ja, eben wie der schlimmste Mensch aller Zeiten vor.«

Ihr Lachen war so brüchig wie dünnes Eis. In diesem Moment wollte Allie ihr vergeben. Schließlich war es nicht sie gewesen, die Ruth getötet hatte. Aber sie hatte auch keinen Alarm geschlagen, als sie herausfand, was Gabe getan hatte. Nicht mal, als er Allie nach dem Leben trachtete.

Und da wird’s dann schon ein bisschen komisch, dachte sie.

Doch wie Jo sie so mit ihren erwartungsvollen kristallblauen Augen anschaute … Bevor alles aus dem Ruder lief, war sie Allies beste Freundin gewesen. Und sie war ja auch kein schlechter Mensch – eigentlich. Sie war einfach nur … Wie hatte sich Rachel letzten Sommer ausgedrückt? Nicht die Allerstabilste.

Allie wägte ihre Worte sorgfältig. »Hör mal, Jo. Gabe war das, nicht du. Gabe ist der Mörder, nicht du. Gabe ist der schlimmste Mensch aller Zeiten, nicht du. Okay?«

Die Erleichterung in Jos Gesicht war Allies Lohn. Wäre sie sich bloß sicher gewesen, dass sie es auch so meinte.

 

»Hilfe«, stöhnte Jo. »Ich glaub, ich bin ins Koma gefallen.«

Es war sieben Uhr. Die Wände der Bibliothek waren sauber geschrubbt, und Allies Nacken und Schultern schmerzten allein schon bei dem Gedanken, einen Arm heben zu müssen. Sie saß auf der Abdeckplane neben Jo und nahm einen ordentlichen Schluck aus ihrer lauwarmen Wasserflasche.

»Tun dir auch die Arme so weh?«, fragte Allie und rieb sich die Schultern.

»Und wie.«

»Dann bist du nicht im Koma.« Vorsichtig streckte Allie ihre Beine aus. »Mein Gott, worauf hab ich mich da bloß eingelassen? Bei Rachel gibt es einen Swimmingpool und Pferde. Pferde, Jo! Wenn ich dageblieben wäre, könnte ich mich jetzt im Pool treiben lassen und weiche Pferdeschnauzen streicheln.«

»Hier.« Jo reckte ihr das Gesicht entgegen. »Meine Nase ist weich. Kannste streicheln.«

Müde streichelte Allie ihre Nase. »Wow. Das ist ja wie bei Rachel. Und wo ist der Pool?«

»Gibt’s nicht.«

»Ätzend.«

»Voll.«

»Wollt ihr hier nur am Boden liegen und rumjammern? Oder kommt ihr vielleicht mit zum Abendessen?« Allie sah auf. Vor ihnen stand Carter und sah skeptisch auf sie herab.

»Jo liegt im Koma«, klärte Allie ihn auf. »Die braucht nichts mehr zu essen.«

»Warte. Hast du essen gesagt? Ich glaub, ich bin doch wach.« Jo rappelte sich auf.

»Mein Gott«, sagte Allie. »Ein Wunder!«

»Du machst das doch erst einen Tag, Sheridan.« Carter zog sie hoch. »Du kannst unmöglich jetzt schon müde sein.«

»Alles tut weh«, sagte sie. »Schultern, Arme, Rücken.«

»Beine, Füße, Kopf«, sprang Jo ihr bei.

»Knöchel, Schienbein. Nenn mir irgendeinen Körperteil – er tut weh.«

Carter wirkte wenig beeindruckt.

»Etwas zu essen ist gut gegen den Schmerz.« Er lenkte ihre Schritte Richtung Speisesaal.

»Ein weiser Mann«, sagte Allie zu Jo.

»O ja«, erwiderte diese.

Die meisten Schüler waren noch nicht aus den Ferien zurück, weshalb nur ein paar Tische eingedeckt waren. An einem davon saß Eloise mit dem Biolehrer Jerry Cole und ein paar anderen. Am Tisch daneben saß Sylvain, allein.

Allie wurde flau im Magen. Daran hatte sie nicht gedacht: dass sie mit Carter und Sylvain an einem Tisch würde sitzen müssen.

Das wird bestimmt gruselig.

Doch Jo rettete die Situation, indem sie sich auf den Stuhl neben Sylvain fallen ließ. »Hilf mir, Sylvain«, sagte sie mitleidheischend. »Mir tut alles weh.«

»Was ist passiert?«, fragte Rachel, die gleich nach ihnen hereinkam und sich den Stuhl neben Allie nahm. »Wieso tut Jo alles weh?«

»Wir haben uns ins Koma gearbeitet«, erklärte Allie.

»Das brauchst du mir nicht zu erzählen. Ich war ja immer eine Leseratte, aber warum diese Schule derart viele Bücher hat …?« Rachel stöhnte und streckte sich. »Ich meine, wie viel von diesem Wissen werden wir wirklich brauchen?«

»Können wir nicht wieder zu euch nach Hause zurück?«, fragte Allie. »Da war’s irgendwie netter.«

»Mann, ihr seid vielleicht Heulsusen«, warf Carter entnervt ein. »Ich hab hier den ganzen Tag Möbel gerückt, während ihr bloß Wände abgewaschen und ’n paar Bücher aufgehoben habt.«

»Schon gut«, sagten die Mädchen im Chor.

Wie auf ein Stichwort öffneten sich die Türen am anderen Ende des Speisesaals, und die Bediensteten trugen das Essen auf. Jeder Tisch bekam eine dampfende Schüssel mit Pasta.

»Na toll«, murmelte Carter sarkastisch. »Schon wieder Nudeln.«

»Supi.« Jos Miene hellte sich auf. »Sind das die mit Käse?«

»Wieso schon wieder?«, fragte Allie.

»Das gab’s jetzt fast jeden Tag.« Carter senkte die Stimme, weil gerade eine Servierkraft vorbeikam. »Die Köche sind zu sehr mit Reparaturarbeiten beschäftigt, um groß was anderes zu kochen.«

»Habt ihr schon das Neueste von Lisa gehört?«, wechselte Jo das Thema. Die Schüsseln mit dem Essen wurden am Tisch herumgereicht, und ein leises Stimmengewirr erfüllte den Raum.

»Was ist mit der?«, fragte Allie und bediente sich.

»Sie kommt nicht wieder zurück.«

Mit einem Knall ließ Allie den Servierlöffel fallen.

»Was?«, fragte der ganze Tisch unisono. Dann redeten alle durcheinander. »Wieso denn nicht?«, »Was ist denn passiert?«, »Alles okay mit ihr?«

Jo hob die Hand, um Ruhe zu gebieten. »Haben ihre Eltern so entschieden, nach all dem, was im letzten Trimester passiert ist.« Sie zuckte die Achseln. »Sie würde gern zurückkommen, aber ihre Alten erlauben’s nicht. Sie muss auf irgendein Internat in der Schweiz.«

Fassungsloses Schweigen.

»Na ja, so ganz verdenken kann ich’s ihnen nicht«, stellte Rachel nüchtern fest. »Bestimmt ist sie nicht die Einzige, die nicht zurückkommt.«

»Vielleicht darf sie ja nächstes Jahr wieder nach Cimmeria – schließlich ist das dann unser letztes Jahr«, warf Jo ein.

»Du meinst, wenn dieses Trimester niemand umkommt?«, fragte Rachel ironisch.

»So ungefähr«, erwiderte Jo.

Allie hob ihr Wasserglas. »Auf Lisa. Und darauf, dass niemand umkommt.«

Die anderen hoben ebenfalls ihre Gläser.

»Auf Lisa«, sagten sie im Chor.

»Und dass keiner stirbt«, sagte Jo.

 

Gegen Ende der Mahlzeit, als gerade niemand hinschaute, versuchte Carter, Allie mit einer Kopfbewegung Richtung Tür ein Zeichen zu geben. Etwas in seinem Blick ließ die Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzen.

Aber sie hatten den Speisesaal noch nicht zur Hälfte durchquert, als Isabelle sie abfing. »Ach, Allie. Gut, dass ich dich treffe. Ich hab schon nach dir gesucht. Wollen wir unser Gespräch jetzt führen?«

Allie konnte gerade noch einen frustrierten Blick mit Carter tauschen, dann eilte sie Isabelle hinterher.

Isabelles Büro befand sich gleich hinter der Haupttreppe. Die Tür fügte sich so perfekt in die polierte Eichenvertäfelung, dass sie kaum zu entdecken war, wenn man nicht wusste, dass es sie gab. Allie ließ sich in einen der beiden Ledersessel fallen, die vor Isabelles Schreibtisch standen, und Isabelle stellte den Wasserkocher in der Ecke an. Während die Rektorin Tee machte, bemerkte Allie, dass es in dem sonst recht eleganten Büro ziemlich unaufgeräumt aussah. Überall stapelten sich die Papiere, die Schubladen des Aktenschranks standen zum Teil offen, und auf einer Tasche, die geöffnet auf einem Stuhl stand, lag ein achtlos hingeworfener Strickpullover.

Allie runzelte die Stirn und fragte sich, ob mit Isabelle alles in Ordnung war, doch ehe sie wusste, was sie sagen sollte, hatte ihr die Rektorin schon einen dampfenden Becher Tee in die Hand gedrückt und sich in den Sessel neben ihr gesetzt. Aus der Nähe sah Allie die dunklen Ringe unter ihren goldbraunen Augen – Isabelle wirkte schmaler als sonst. Doch ihr Auftreten hatte immer noch die gleiche beruhigende Wirkung. Wie sie die hochgeschobene Brille vom Kopf nahm und neben sich auf den Tisch legte …

Allie rechnete damit, dass sie zunächst auf die Ereignisse neulich Nacht in London zu sprechen kommen würde – sie hatten bereits kurz am Telefon darüber gesprochen, doch bestimmt würde Isabelle ihr noch mehr zu sagen haben. Insofern traf sie Isabelles Gesprächseröffnung völlig unerwartet.

»Ja, dann erzähl doch mal. Hattest du zu Hause Gelegenheit, mit deiner Mutter über Lucinda zu reden?«, fragte Isabelle. Es klang forsch, beinahe geschäftsmäßig.

»Ja«, erwiderte Allie und sah sie neugierig an. »Und jetzt weiß ich Bescheid.«

Sie versuchte, sich voll auf Isabelle zu konzentrieren, doch ihre Gedanken schweiften ab zu jenem Tag letzte Woche, als sie sich endlich mit ihrer Mutter zusammengesetzt und eine Erklärung verlangt hatte.

Für alles.

 

»Isabelle sagt, es wäre an der Zeit, dass du mir von Lucinda erzählst.« Während sie redete, studierte Allie nervös das Gesicht ihrer Mutter. Sie sah traurig aus. »Und ich finde, sie hat recht. Lucinda … Das ist meine Großmutter, oder?«

Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Allie, ihre Mutter würde sie anlügen – und das hätte sie ihr niemals verziehen. Doch die Schrecksekunde ging vorüber, und ihre Mutter ließ die Schultern hängen.

»Ich wusste, dass du es irgendwann herausfinden würdest«, sagte sie. »Ja, Lucinda ist meine Mutter – deine Großmutter.«

Da sie mit dieser Antwort gerechnet hatte, hätte Allie eigentlich darauf vorbereitet sein müssen. Trotzdem war ihr, als würde ihr die Luft abgeschnitten. Ihr Leben lang hatte sie gedacht, ihre Großeltern seien tot.

Dabei lebt meine Großmutter noch.

Sie lehnte sich zurück und starrte ihre Mutter an, als hätte sie sie noch nie gesehen. »Aber warum? Warum in aller Welt hast du mich angelogen? Ich hätte sie doch kennenlernen können …« Allie sprach nicht zu Ende.

»Ich weiß, dass du mir nicht glauben wirst«, sagte ihre Mutter sanft, »aber ich habe das alles nur getan, um dich zu schützen. Damit dir nichts passiert.«

»Aber du hast mich in dem Glauben gelassen, sie sei tot. Mein ganzes Leben lang.« Zutiefst gekränkt und ungläubig starrte Allie sie an. »Wie konntest du das tun?«

Ihre Mutter holte tief Luft. »Es ist … Es war furchtbar, das zu tun. Und es tut mir auch sehr leid. Aber ich wusste einfach nicht, was ich sonst hätte machen sollen. Vielleicht hätte ich dir einfach die Wahrheit erzählen sollen. Aber ich hatte Angst, dass du dann darauf bestehen würdest, sie kennenzulernen. Und das hätte alles kaputt gemacht.«

Allie war perplex. »Wieso hätte der Umstand, dass ich weiß, wer meine Großmutter ist, alles kaputt gemacht?«

»Weil sie dich dann gehabt hätte«, sagte ihre Mutter, ohne zu zögern. »Und ich hätte dich verloren.«

»Was?« Sarkasmus lag in ihrer Stimme. »Hätte sie mich entführt, oder was?«