Beschreibung

Die Situation spitzt sich zu: Die NIGHT SCHOOL fordert ihre Opfer. Cimmeria befindet sich im Ausnahmezustand. Hilflos müssen Allie und ihre Freunde mit ansehen, wie die Machtkämpfe zwischen den rivalisierenden Gruppen das Internat zunehmend spalten. In der Gefahr wird Allies Liebe zu Sylvain immer inniger. Doch um sein Leben zu schützen, muss sie sich von ihm trennen. Verzweifelt konzentriert Allie sich nun ganz auf das Training für die NIGHT SCHOOL. Bis ein Attentat mit tödlichem Ausgang ihre Welt bis in ihre Grundfeste erschüttert ... Band 4 der großartigen Thrillerserie Allie und das Geheimnis der NIGHT SCHOOL - Liebe, Leidenschaft und Gefahr!

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Seitenzahl: 461


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»Wenn überall Gefahr lauert, macht einem nichts mehr wirklich Angst.«

 

 

Gertrude Stein

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Eins

»Entspann dich«, sagte Sylvain. »Wenn du verkrampfst, gehst du unter.«

Allie blitzte ihn an. Ihre Muskeln waren in höchster Alarmbereitschaft. »Ich bin ganz locker, okay?!«

Seite an Seite standen sie im kühlen, hüfthohen Wasser. Sanfte Wellen umspielten ihre Beine, der Sand unter den Füßen fühlte sich angenehm weich an. Allie schaute hinaus auf das kobaltblaue Meer und spürte die brennende Sonne auf ihrer Haut.

Spöttisch zog Sylvain die Brauen hoch. »Bist du nicht«, erwiderte er mit vielsagendem Blick auf ihre hochgezogenen Schultern und die geballten Fäuste. »Hey, das ist doch bloß das Mittelmeer, und der Strand ist gleich da vorn. Dir kann überhaupt nichts passieren.«

Allie zuckte die Schultern. Sie versuchte, lässig zu wirken, aber tatsächlich kam ihr alles total unwirklich vor: Südfrankreich. Am Meer. Allein mit Sylvain.

Cool bleiben, Allie. Er will dir ja nur das Schwimmen beibringen.

Sylvain schien immer noch auf eine Antwort zu warten. »Sind sogar schon Leute in der Badewanne ertrunken«, murmelte sie.

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Okay, probieren wir was anderes. Setz dich mal hin.«

Verwirrt blickte Allie sich um.

»Hinsetzen? Worauf denn?«

Sylvain machte es ihr vor: Als nähme er in einem unsichtbaren Liegestuhl Platz, ließ er sich zurück in die Wellen sinken. Dann streckte er sich aus und schwebte auf dem Wasser wie eine Feder. »Siehst du? Ist ganz leicht.«

Vorsichtig versuchte Allie, es ihm gleichzutun, doch sobald ihre Füße vom sandigen Grund abhoben, versank sie im Wasser wie ein Stein und musste sich prustend und wild mit den Armen rudernd wieder an die Oberfläche kämpfen.

»So eine bescheuerte Idee! Wie soll man denn bitte schön auf Wellen sitzen?«, giftete sie Sylvain an.

Der bemühte sich, verständnisvoll zu gucken, doch seine Augen funkelten amüsiert, und seine Lippen verzogen sich unwillkürlich zu einem Grinsen.

»Du hast dich nur ein bisschen ungeschickt angestellt.«

»Ungeschickt?« Das Salzwasser, das sie geschluckt hatte, musste ihr bis ins Hirn gelaufen sein, denn irgendwie wollte kein vollständiger Satz aus ihrem Mund kommen.

Sylvain trat einen Schritt auf sie zu. »Ich werde dich stützen. Wir probieren’s einfach noch mal.«

»Oh nein«, sagte Allie entschlossen und wich zurück. Fürs Erste hatte sie die Nase voll vom Schwimmen.

»Oh doch«, antwortete er lachend und kam ihr hinterher.

Allie versuchte, das rettende Ufer zu erreichen, doch auf dem weichen Untergrund und bei dieser Strömung konnte man nicht mal richtig rennen. Nach wenigen Schritten schlangen sich Sylvains Hände um ihre Hüften und zogen sie zurück, sosehr sie auch zappelte und quietschte.

»Sylvain, bitte!«, flehte sie. »Ich kann das nicht. Ich will das nicht. Warum muss ich denn unbedingt Schwimmen lernen? Das ist doof!«

»Ist es nicht«, sagte Sylvain gelassen. »Es ist super!«

Und plötzlich, ohne dass sie recht wusste, wie ihr geschah, hatten ihre Füße den Boden verlassen, und sie schwebte auf dem Rücken treibend durch die Wellen. Sylvain schwamm neben ihr und stützte sie an der Hüfte. Allie hielt ganz still und blickte hinauf in den unfassbar blauen Sommerhimmel.

»Siehst du, du kannst es«, sagte Sylvain nach einer Weile.

»Aber bloß, weil du mich festhältst.«

»Tu ich doch gar nicht.«

Tatsächlich! Offenbar hatte er irgendwann einfach losgelassen, und jetzt trieb sie ganz von allein schwerelos im Wasser.

»Irre«, flüsterte sie. »Einfach unglaublich.« Das Meer trug sie wie auf sanften Händen. Sie ging nicht unter. Sie fühlte sich sicher.

Einen Moment lang schloss sie die Augen und genoss das Gefühl der Leichtigkeit und die Ruhe um sie herum. Die einzigen Geräusche waren das stetige Branden der Wellen gegen den Strand und das leise Seufzen, mit dem sie wieder ins Meer zurückrollten. Es war einfach vollkommen …

Genau in diesem Augenblick fiel der erste Schuss.

 

Der Knall zerriss die Stille der kleinen Bucht. Panik legte sich wie ein eiserner Ring um Allies Brustkorb. Sie bekam plötzlich keine Luft mehr und drohte unterzugehen, doch Sylvain fing sie in seinen Armen auf und hielt sie fest, während seine Augen fieberhaft den Strand absuchten.

Sie folgte seinem Blick. Alles sah aus wie zuvor: weicher Sand, Felsen, blaues Meer. Doch jetzt wusste sie, dass der Anblick trog, dass sich hinter dieser Fassade eine unsichtbare Bedrohung verbarg.

Heiße Wut stieg in ihr hoch. Vor einem Monat schon hatte man sie hierhergebracht, in das Haus von Sylvains Eltern, aber erst heute hatten sie zum ersten Mal das Grundstück verlassen – jetzt würde es vermutlich auch das letzte Mal gewesen sein. Sollte das ihr ganzes Leben so weitergehen? Immer auf der Flucht? Immer in Angst?

Plötzlich musste sie an Rachel denken, die allein am Pool der Familienvilla zurückgeblieben war. Was, wenn auch sie unter Beschuss war?

Oh Gott, hoffentlich ist ihr nichts passiert!

In diesem Moment handelte Sylvain. Ohne den menschenleeren Strand eine Sekunde aus den Augen zu lassen, umfasste er ihre Hüften und begann, in Richtung der Mole aus Felsgeröll zu schwimmen, die ins Meer hineinragte und die Bucht seitlich begrenzte.

Allie versuchte, sich so klein und leicht wie möglich zu machen, um keine unnötige Last zu sein, doch Sylvain schien ihr Gewicht kaum zu spüren und trug sie mit kräftigen, gleichmäßigen Zügen durch die Wellen.

Ein zweiter Schuss hallte von den Felswänden wider. Sie wechselten einen erschrockenen Blick, dann bugsierte Sylvain Allie wortlos hinüber in den anderen Arm, sodass nun sein Körper zwischen ihr und dem todbringenden Ufer lag.

Allie kam das Wasser plötzlich viel kälter vor, sie begann zu zittern.

Schusswaffen. Daheim in England hatten sie schon viele Gefahren bestehen müssen, aber Schusswaffen waren dabei noch nie im Spiel gewesen. Dagegen hatten sie keine Chance. Vor einer Kugel kann man nicht davonlaufen – oder -schwimmen.

In den letzten drei Monaten hatte man sie und Rachel ständig von einem Versteck ins nächste verfrachtet, von einer vornehmen Villa in die andere, jede noch abgelegener und einsamer als die vorherige.

Als sie schließlich vor ein paar Wochen hierhergekommen und unverhofft auf Sylvain getroffen waren, hatte sich das angefühlt wie ein Stück Zuhause.

Richtig Spaß hatten sie gehabt … bis jetzt.

Zu schön, um wahr zu sein. Ich hätte es wissen müssen.

Kaum hatten sie die Felsmole erreicht, schwamm Sylvain zu einer kleinen Einbuchtung, wo die Geröllbrocken sie praktisch nach allen Seiten hin vor Blicken schützten, eine kleine, nach oben hin offene Höhle. Dort kauerten sie sich hinein und sahen einander an.

»Verdammt, was war das?«, flüsterte Allie.

Sylvains Miene war angespannt, seine Kiefermuskeln arbeiteten.

»Ich weiß es nicht, aber ich werde es herausfinden.«

In Allies Magen breitete sich beißende Angst aus. Sie musste ihr auch ins Gesicht geschrieben stehen, denn Sylvain legte seine Hände auf ihre Schultern und sah ihr fest in die Augen.

»Allie, bitte. Wir müssen wissen, was da los ist. Ich komme zurück, so schnell ich kann, versprochen.« Obwohl er ganz leise sprach, warfen die Felsen seine Worte als schwaches Echo zurück.

Allie hätte schreien können vor Frust. Es war nicht in Ordnung, dass er allein ging, schließlich hatte sie das gleiche Training absolviert wie er.

Nur leider kannst du nicht schwimmen, Allie.

Mit ihr im Schlepptau würde er wesentlich langsamer vorankommen, und das würde alles nur noch gefährlicher machen.

Tapfer erwiderte sie seinen Blick. »Okay, aber sei vorsichtig.«

Er zögerte einen Moment und schien noch etwas sagen zu wollen, zog sie dann aber einfach nur an sich und umarmte sie kurz. Seine Haut war noch feucht und kühl vom Wasser.

Dann kroch er vorsichtig aus dem Schutz der Felsen heraus und glitt lautlos zurück ins Meer.

Kaum war er weg, da wünschte Allie schon, er käme endlich wieder.

Bibbernd schlang sie die Arme um ihren Oberkörper.

Immer wieder wurden Menschen ihretwegen verletzt oder gar getötet. Erst Ruth, dann Jo, dann Rachel. Nicht auszudenken, wenn Nathaniel jetzt auch noch Sylvain etwas antat …

Drei Schüsse wurden kurz hintereinander abgefeuert. Allie hielt erschrocken den Atem an und duckte sich tiefer. Ein Querschläger pfiff schrill.

Allie krallte sich mit den Händen an die Felsen und grub ihre Finger in die kleinen Spalten. Etwas Spitzes, kleine Felsmuscheln oder Seepocken, ritzte ihre Fingerkuppen. Der Schmerz half ihr, nicht vor Angst den Verstand zu verlieren.

Die Minuten vergingen quälend langsam. Immer noch kein Lebenszeichen von Sylvain. Sie spürte, wie sich ihr Brustkorb immer mehr zuschnürte, und je länger sie wartete, desto unschlüssiger wurde sie. Zwar hatte sie es Sylvain versprochen, doch sie konnte ja nicht ewig hier hocken bleiben. Was, wenn er verletzt war und ihre Hilfe brauchte? Sie zwang sich, noch eine Weile stillzuhalten, und zählte ihre Atemzüge.

Dreiundfünfzig. Vierundfünfzig. Fünfundfünfzig.

Er hätte längst zurück sein müssen.

Schließlich hielt sie es nicht mehr aus.

Ich muss irgendwas tun.

Sie konnte zwar nicht schwimmen, aber vielleicht konnte sie ja ganz vorsichtig Richtung Strand waten oder über die Felsen klettern, ihr würde schon etwas einfallen.

Entschlossen sprang sie auf – und stand unvermittelt einem tropfnassen Sylvain gegenüber. So froh war sie, ihn zu sehen, dass sie fast geheult hätte.

»Allie!«, sagte er erleichtert und zog sie rasch zurück in den Schutz der Felsen. »Du hast wirklich auf mich gewartet!«

»Ich kann doch nicht schwimmen, schon vergessen?«, entgegnete sie ein bisschen zu heftig und zwang sich, ihre Stimme wieder in den Griff zu kriegen. »Was hast du gesehen?«, flüsterte sie.

Sein Gesicht wurde ernst.

»Es sind zwei. Bislang können unsere Leute sie in Schach halten, aber es ist gut möglich, dass noch Verstärkung auftaucht. Wir müssen so schnell wie möglich von hier weg.« Sorgenvoll sah er sie aus seinen blauen Augen an. »Bleib immer dicht bei mir, egal, was passiert. Okay?«

Allie, die sowieso nicht vorhatte, ihn so bald wieder fortzulassen, nickte energisch. »Versprochen.«

Er nahm ihre Hand, gemeinsam krochen sie aus ihrem Unterschlupf. Die Angst hatte Allies Sinne geschärft, und als sie in das kühle Wasser glitten, glaubte sie, darin allerlei Dinge zu spüren, die um sie herum schwammen und ihre Haut streiften.

Wie zuvor umfasste Sylvain sie und zog sie mit sich durch die Wellen, doch statt den Strand anzusteuern, arbeitete er sich gegen die Strömung langsam entlang der Felsmole voran, bis sie deren Spitze erreicht und umrundet hatten.

Hier gab es keine verträumte kleine Bucht wie auf der anderen Seite, sondern eine von Wind und Wellen gepeitschte Küste, die bis dicht ans Ufer mit Gestrüpp bewachsen war.

Irgendwo in der Ferne hörten sie laute Rufe. Sylvain biss grimmig die Zähne zusammen, packte sie fester und erhöhte noch einmal die Frequenz seines Beinschlags. Da er jetzt mit der Strömung schwamm, kamen sie rascher voran und erreichten bald das Ufer.

Sobald sie in seichterem Wasser waren und stehen konnten, nahm Sylvain Allie fest bei der Hand, und sie rannten los. Gemeinsam kämpften sie sich durch die Brandung, die so heftig an ihren Beinen zerrte, als wollte sie sie ins Meer zurückziehen.

Bei den ersten Felsen angekommen, hielten sie kurz inne, um Atem zu schöpfen, und spähten ins gleißend helle Sonnenlicht.

Hinter den Felsen parkten die Geländewagen ihrer Bewacher. Gleich daneben blitzte Sylvains knallrotes Motorrad.

Allie hörte Stimmen, die einander etwas auf Französisch zuriefen, doch sehen konnte sie niemanden. Die Leibwächter mussten sich irgendwo zwischen den Felsen versteckt haben.

»Pst!« Sylvain hob die Hand und lauschte angestrengt. Als er sich zu ihr umdrehte, sah sie die Anspannung in seinem Gesicht. »Sie kommen in unsere Richtung. Halt dich bereit.«

Dumpfe Schritte hasteten über den Strand, irgendjemand schrie, ein Schuss fiel.

»Jetzt!«

Sie sprinteten los. Dornige Zweige schlugen gegen Allies Schienbeine, und spitze Muschelsplitter bohrten sich in ihre nackten Sohlen, aber sie achtete nicht darauf und rannte, so schnell sie konnte.

Der grellweiße Sand blendete sie, ihre Kehle brannte wie Feuer. Sie kniff die Augen zusammen und lief weiter, immer auf das rote Motorrad zu, das ihr wie ein Signal entgegenleuchtete.

Rot. Stopp. Gefahr.

Und dann stand es plötzlich direkt vor ihnen. Sylvain schwang sich hinauf und griff hinter sich, um Allie beim Aufsteigen zu helfen. Irgendwo schrien plötzlich aufgeregte Stimmen wild durcheinander. Sylvain warf die Helme beiseite – dafür war jetzt keine Zeit mehr.

Der Zündschlüssel funkelte hell im Sonnenlicht. Beide wussten, was geschehen würde, sobald er ihn umdrehte. Alle würden wissen, wo sie waren, und man würde sie verfolgen – mit gezückten Knarren.

Sylvain drehte sich kurz um und warf Allie aus seinen stahlblauen Augen einen wild entschlossenen Blick zu. »Gut festhalten!«

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Zwei

Mit ohrenbetäubendem Dröhnen sprang der Motor an. Wenn jetzt jemand einen Schuss auf sie abfeuerte, sie hätten es nicht gehört.

Allie schlang ihre Arme fest um Sylvains Hüften und spürte die fast fiebrige Hitze seines Körpers.

Als er Gas gab, schoss das Bike los wie eine Rakete, wie ein wild gewordenes Tier, das versuchte, sie abzuwerfen. Allie presste die Lippen zusammen und klammerte sich mit aller Macht fest, um nicht hintenüberzufallen. Es war, als wollte die Fliehkraft sie von Sylvain fortreißen.

Mit hart gespannten Armmuskeln versuchte er, das Bike auf der holprigen Staubpiste gerade zu halten. Allie wurde heftig durchgerüttelt, ihre Zähne schlugen aufeinander.

Bald tauchte ein Stück voraus die asphaltierte Schnellstraße auf, über die sich dichter Feierabendverkehr quälte. Wenn er sich dort einfädeln wollte, musste Sylvain auf jeden Fall das Tempo drosseln.

Allie duckte sich hinter seinen Rücken und warf einen Blick zurück. In der Ferne erkannte sie ein dunkles Fahrzeug, das sich ihnen mit Höchstgeschwindigkeit näherte. Ihr Herz begann zu hämmern. Sobald Sylvain abbremsen musste, würde es sie einholen.

Immer näher kam die Straße, doch Sylvain machte keinerlei Anstalten, langsamer zu fahren. Plötzlich begriff Allie, dass er das auch gar nicht vorhatte. Offenbar wollte er mit vollem Speed – und vollem Risiko – weiterbrettern.

Sie kniff die Augen zusammen, krallte sich noch fester an ihn und vergrub ihr Gesicht in seinem Rücken.

Als sie auf die Schnellstraße hinausrasten, schnitten sie einen Kleinwagen, der eine Vollbremsung hinlegen musste, um nicht mit ihnen zu kollidieren. Sylvain riss den Lenker scharf nach links, und die Räder schlitterten quietschend über den Asphalt. Allie stieg der Gestank von verbranntem Gummi in die Nase, und dann sah sie plötzlich den Asphalt auf sich zukommen.

Sylvain hatte die Kontrolle über das Motorrad verloren.

Sie schrie, riss den Kopf herum und sah gerade noch, wie ein voll beladener Pick-up von der Straße abkam und auf dem unbefestigten Seitenstreifen hinter einer riesigen Staubwolke verschwand.

Allie hörte Sylvain auf Französisch fluchen, während er mit aller Kraft versuchte, das heftig schlingernde Bike wieder in die Spur zu bekommen. Bei dem Tempo, das sie draufhatten, und ohne Helm oder Schutzkleidung würden sie einen Sturz höchstwahrscheinlich nicht überleben, dachte Allie. Sie presste sich an Sylvain und spürte, wie ihr Herz panisch gegen ihre Rippen pochte.

Mit einem letzten Ruck gelang es Sylvain schließlich, das Bike wieder in die Balance zu bringen. Sofort gab er Gas, und sie brausten weiter.

Allie atmete erleichtert auf und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Ob es ihr eigenes Herz war, das so laut hämmerte, oder seines, konnte sie nicht sagen, doch die feinen Schweißperlen, die sich auf seinen bloßen Schultern gebildet hatten, entgingen ihr nicht.

Er drehte sich kurz um, damit sie ihn hören konnte.

»Alles klar bei dir?«, rief er.

Auch wenn sie sich da nicht so sicher war, nickte Allie stumm. Sylvain duckte sich tief über den Lenker und beschleunigte noch stärker. Undeutlich flog das Meer als großes, blaues Etwas an ihnen vorbei, auf der anderen Seite verschwammen die Felder zu einem Aquarell aus Gold-, Grün- und Lavendeltönen.

Sylvain hatte jetzt alles im Griff und überholte furchtlos ein Auto nach dem anderen.

Wie schnell sie fuhren, konnte Allie nicht sagen, aber es fühlte sich mindestens an wie Tempo 150. Wie kann Sylvain bloß irgendwas erkennen? Ihre eigenen Augen brannten wie Feuer vom heftigen Fahrtwind, der zudem ihr feuchtes Haar in tausend kleine Speerspitzen verwandelte, die ihr ins Gesicht und gegen die Schultern schlugen.

Doch je weiter sie fuhren, desto dichter wurde der Verkehr, und notgedrungen mussten sie die Geschwindigkeit drosseln. Immer wieder scherte Sylvain aus, konnte aber keine Lücke finden.

Trotzdem war Allie nicht beunruhigt. Sie hatten ihre Verfolger abgehängt, und bis zur Villa war es bestimmt nicht mehr weit. Sie hatten es geschafft.

Gerade als sie begann, sich zu entspannen, hörte sie direkt hinter sich das Dröhnen eines hochgepeitschten Motors und wirbelte erschrocken herum. Wie aus dem Nichts war ein schwarzer BMW aufgetaucht und fuhr so dicht auf, dass er beinahe ihr Hinterrad berührte. Durch die getönten Scheiben konnte Allie den Fahrer nicht erkennen. Mit dem glänzenden Lack und dem dunklen Glas wirkte der Wagen wie ein seelenloser Roboter, der Jagd auf sie machte.

Auch Sylvain hatte ihn bemerkt. Allie spürte, wie seine Muskeln sich anspannten, als er einen grimmigen Blick in den Rückspiegel warf.

»Ist das einer von uns?«, schrie sie gegen den Fahrtwind.

Er schüttelte den Kopf.

Allie rutschte das Herz in die Hose. Einer von den anderen also.

Auch ohne Vorwarnung wusste sie, was jetzt kommen würde. So fest sie nur konnte, schlang sie ihre Arme um Sylvain und machte sich auf das Schlimmste gefasst.

Sylvain scherte aus und preschte auf dem schmalen Streifen zwischen den beiden Autoschlangen voran. Wie panische Tiere wichen die Autos hektisch nach allen Seiten aus, wütendes Gehupe begleitete sie wie lang gezogenes Sirenengeheul. Sylvain raste unbeirrt weiter. Hinter ihnen jaulte der Motor ihrer Verfolger zornig auf.

Kreischende Bremsen, ein Knall, ein Scheppern. Fest an Sylvain gekrallt, warf Allie einen kurzen Blick zurück und sah, dass der BMW einen anderen Wagen von der Straße in das Gestrüpp neben der Fahrbahn befördert hatte. Unbeeindruckt gab der Fahrer sofort wieder Gas und heftete sich an ihre Fersen.

»Pass auf!«

Sylvain warf einen kurzen Blick zurück, fluchte, riss den Lenker nach rechts und schoss hinüber auf den schmalen Seitenstreifen. Wie Kugelhagel spritzte der Schotter unter ihnen auf, während sie ein paar Hundert Meter über den unbefestigten Untergrund preschten, so schnell, dass die Autos auf der Straße daneben sich gar nicht zu bewegen schienen. Dann plötzlich bog Sylvain mit einem rasanten Schlenker in eine schmale Allee ein.

Zum Glück war hier kaum Verkehr, denn er bretterte mit Höllentempo durch die vielen engen Kehren. Trotzdem hatte Allie keine Angst. Sylvain hatte bewiesen, dass er das Bike im Griff hatte, sie vertraute auf seine Fähigkeiten. Er würde sie heil hier rausbringen.

Immer wieder blickte sie kurz über die Schulter zurück, doch der schwarze Wagen war nirgends zu sehen.

Und dann tauchte vor ihnen ein mächtiges, schwarzes Metalltor auf. Wie Türhüter parkten links und rechts daneben zwei vertraute Geländewagen. Langsam begannen die Torflügel zur Seite zu schwingen, und durch den Spalt fiel so helles, freundliches Sonnenlicht, dass es Allie vorkam, als hätten sie die Pforte zum Paradies erreicht.

Doch noch stand sie nicht weit genug offen, um das Motorrad hindurchzulassen – fand zumindest Allie. Sylvain schien anderer Ansicht zu sein, denn er hielt ungebremst darauf zu.

Allie krallte ihre Hände in seine Seiten und sprach ein stummes Stoßgebet. Mit nur wenigen Millimetern Abstand zu den Torflügeln zischten sie durch die Lücke und schlitterten den Kies der gepflegten, von Blumenbeeten gesäumten Auffahrt hinauf.

Als Sylvain hart in die Eisen ging, um nicht frontal gegen die Hauswand zu donnern, wurde Allie heftig erst gegen seinen Rücken und dann wieder zurück auf den Sitz geschleudert.

Sylvain stellte den Motor ab. Die plötzliche Stille um sie herum war fast unheimlich.

Geübt sprang er vom Sitz und streckte Allie die Hand hin. »Das Tor steht noch offen. Hier draußen sind wir ungeschützt, wir müssen ins Haus.«

Allie wäre seiner Aufforderung gern gefolgt, doch sie konnte sich nicht rühren. Ihre Knie fühlten sich an wie Gummi, und ihr Magen war wie durchgewalkt.

Wow, war das knapp. Ich dachte echt, wir schaffen’s nicht.

»Ich bin nicht sicher, ob ich schon wieder laufen kann«, gestand sie.

Ein zufriedenes Lächeln erschien auf Sylvains Lippen, als er sich lässig an den Lenker lehnte.

»Ziemlich flottes Tempo, was? Ich hatte mal Unterricht bei einem Motocross-Champion – eine Bedingung meines Vaters, damit ich das Bike bekomme.«

Allie spürte ein irres Lachen in sich hochblubbern. Wie konnte er so entspannt sein, nachdem sie fast draufgegangen waren?

Mit einiger Mühe schwang sie ein Bein über den Sitz und glitt vom Motorrad herunter. Gemeinsam liefen sie die Stufen zur Eingangstür hinauf.

»Gute Idee von deinem Dad«, sagte sie, und ihre Stimme zitterte nur ein kleines bisschen. »Eigentlich lebe ich nämlich ganz gern.«

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Drei

Dabei hatte der Tag so vielversprechend begonnen – herrlicher Sonnenschein und ein Himmel wie aus blauem Glas.

Es war der Tag vor Allies Geburtstag, sie und Rachel hatten sich jede Menge Sonnenbaden vorgenommen – Rachel natürlich nicht ohne ihr Chemiebuch, weil Rachel nie etwas ohne ihre Schulbücher tat. Sie wollte nach Oxford und dort Medizin studieren, und nichts – nicht einmal Nathaniels Attacke, die die Schule ins Mark getroffen hatte und bei der sie beide verletzt worden waren – konnte sie davon abbringen.

Das Mädel hat eben ein Ziel.

Seit sie in einer kalten Märznacht Hals über Kopf aus der Cimmeria Academy aufgebrochen waren, bekamen sie Fernunterricht. Die Monate auf der Flucht hatten sie zu Expertinnen in Sachen Selbststudium gemacht.

Während sie nachmittags am Pool abhingen, hatte Allie versucht, für Geschichte zu lernen, sich aber einfach nicht konzentrieren können. Es war zwar erst Juni, aber schon heiß wie im Hochsommer, und sie suchte ständig nach Vorwänden, um ihr Buch beiseitezulegen.

Also echt, dachte sie und streckte sich auf ihrem Liegestuhl aus, muss man wirklich am Tag vor seinem Geburtstag büffeln? Ist das nicht so wie am Tag vor Weihnachten lernen?

Über ihrem Kopf segelte eine Möwe wie schwerelos dahin, ohne einen einzigen Flügelschlag. Kein Wölkchen war am Himmel.

Allie linste zu Rachel hinüber, die im Schatten eines großen Sonnenschirms saß und vollkommen in ihre Arbeit vertieft war. Zufrieden stellte sie fest, dass die Narben, die Gabes Misshandlungen auf Rachels Körper hinterlassen hatten, kaum noch zu sehen waren. Vielleicht würden sie irgendwann ganz verschwinden.

Es hatte Wochen gedauert, bis Rachels Albträume nachgelassen hatten. Und sie war beileibe nicht die Einzige, die schlecht träumte.

Allie tastete nach der langen, dünnen Narbe auf ihrer eigenen Schulter. Sie fühlte sich hart an und war immer noch empfindlich. Eine Erinnerung an das, was sie durchgemacht hatte. Und wovor sie davonlief.

Erst hier in Frankreich hatten sie sich wieder halbwegs sicher gefühlt.

Als sie im Anschluss an einen Flug im Privatjet mit einem Konvoi aus Geländewagen auf dem Anwesen eingetroffen waren, hatten sie keinen Schimmer gehabt, wem es gehören könnte. Das massive, schwarze Tor hatte sich geöffnet und den Blick auf eine prächtige Villa freigegeben, mit Mauern wie aus warmem, goldenem Sonnenlicht und einem Mantel aus üppigen, magentafarbenen Bougainvilleen.

Während sie noch in der Hitze gestanden und darauf gewartet hatten, dass der Fahrer ihr Gepäck auslud, war plötzlich die Tür aufgegangen, und Sylvain hatte dagestanden und sie angelächelt – wie ein Stück von Cimmeria, von zu Hause.

Ohne nachzudenken, war Allie die Stufen hinaufgehüpft und hatte sich ihm in die Arme geworfen.

Er hatte nur gelacht und sie an sich gezogen, als wäre es zwischen ihnen ganz alltäglich, sich zu umarmen.

»Mann«, hatte er in ihr Haar geflüstert, »hab ich dich vermisst.«

Später hatte er sie darüber aufgeklärt, dass es sich um den Sommersitz seiner Eltern handelte, und sie überall herumgeführt. Neben dem ausgedehnten Haupthaus beherbergte das Gelände weitere Gebäude mit genügend Platz für die Wachen und Angestellten. Hohe Mauern und die Hügellage schützten es gegen Angriffe von außen.

Es war das perfekte Versteck, und nach einer Woche waren Allie und Rachel sich einig, dass sie nichts dagegen gehabt hätten, hier für den Rest ihres Lebens zu bleiben. Im ungetrübten französischen Sonnenschein fiel es ihnen leicht, das Chaos, das hinter ihnen lag, zu vergessen und sich weder wegen Nathaniel zu sorgen noch darüber, weshalb dauernd irgendwelche Security-Leute um sie herumschwirrten. Weshalb sie das Gelände nie verließen.

Bis an diesem Tag plötzlich Sylvain am Pool erschienen war und den verlockenden Vorschlag gemacht hatte, zur Abwechslung ein bisschen Freiheit zu genießen.

»Ich dachte, ich fahr mal ’n bisschen an den Strand«, sagte er. »Habt ihr Lust mitzukommen?«

Allie zögerte keine Sekunde. »Ist das ein Witz?«, fragte sie. Als er nur grinsend den Kopf schüttelte, sprang sie sofort auf. »Komm schon, Rach. Du musst auch mit.«

Doch Rachel hatte sie nur fortgescheucht. »Fahrt ihr Kinderchen mal alleine«, hatte sie gesagt und sie über den Rand ihrer Sonnenbrille hinweg nachsichtig angesehen. »Ich muss lernen.«

Also waren Allie und Sylvain allein an den Strand gefahren.

Während sie auf Sylvains Motorrad über Land fuhren, hatte Allie mit hungrigen Augen die Schönheit dieser Gegend Frankreichs in sich aufgesogen.

Es ist so idyllisch hier.

Das Problem war nur, dass sie fast schon einen Monat in Frankreich waren, länger als irgendwo sonst, seit sie Cimmeria verlassen hatten. Jederzeit konnte der Befehl zur Weiterreise eintreffen. Und dann das Flugzeug.

Wann würden sie dann wieder hierher zurückkommen? Würde sie Sylvain je wiedersehen?

Doch bisher war der Befehl nicht gekommen, und Allie begann insgeheim, den Traum zuzulassen, sie könnten vielleicht bleiben. Dass Nathaniel sie vielleicht nicht finden würde. Dass er vielleicht einfach nicht wagen würde, sich mit Sylvains Vater anzulegen. Schließlich war Mr Cassel eine mächtige Figur in der französischen Regierung und einer der reichsten Männer Frankreichs.

Doch irgendwo wusste sie auch, dass das nur eine Phantasie bleiben würde. Nathaniel würde sie immer finden.

Immer.

Er hatte vor niemandem Angst.

 

Unter ihren nackten Füßen fühlte sich der Marmorboden eiskalt an. Nach der Hitze draußen kam ihr die Villa vor wie ein Kühlschrank. Gänsehaut lief ihr über Arme und Schultern.

Über ihren Köpfen erhoben sich die sieben Meter hohen Gewölbedecken, an denen sich Ventilatoren mit einem matten, mechanischen Sirren drehten.

»Ich muss zu Rachel«, sagte Allie und wollte sich Richtung Rückseite der Villa wenden, als zwei Wachleute in schwarzen T-Shirts und Shorts in den Raum stürmten. Sie blieben vor Sylvain stehen und sagten rasch etwas auf Französisch zu ihm.

Allie, deren Französisch so lala war, wartete ungeduldig darauf, dass er für sie übersetzte.

Im nächsten Augenblick waren die Männer wieder weitergelaufen. Mit Sorgenfalten im braun gebrannten Gesicht wandte Sylvain sich ihr zu.

»Wie’s aussieht, ist hier alles okay«, sagte er. »Das Haus ist nicht angegriffen worden. Rachel ist auf ihrem Zimmer. Sie sagen jetzt meinen Eltern Bescheid.«

Allie seufzte erleichtert auf. Wenigstens war Rachel okay. Wenigstens das.

Doch Sylvain wirkte keineswegs erleichtert. Immer noch runzelte er sorgenvoll die Stirn.

»Was ist?« Allie sah ihm fragend ins Gesicht. »Ist noch was passiert?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Die haben da was gesagt … Ich hab so ein ganz komisches Gefühl …«

Er musste den Satz nicht beenden. Allie kannte das Gefühl nur zu gut.

»Sie schicken uns fort.« Ihr Ton war sachlich, obwohl es ihr das Herz brach. »Ins nächste sichere Versteck.«

Sylvain nahm ihre Hände. »Das werde ich nicht zulassen«, sagte er entschlossen.

Allie sah ihm in die Augen, die die Farbe des französischen Himmels hatten, und wünschte, es könnte so sein. Doch es konnte nicht so sein. Sylvain fuhr vielleicht Motorrad wie ein Profi, doch selbst er konnte Lucinda Meldrum nicht vorschreiben, was sie mit ihrer Enkelin anstellen sollte.

Selbst er konnte sie nicht beschützen.

»Wir werden müssen«, sagte sie nur. Dann, weil es die Wahrheit war, fügte sie hinzu: »Ich werde dich vermissen.«

Er sah sie sehnsuchtsvoll an, als wollte er etwas sagen und könnte die Worte nicht finden. Sein Blick streifte ihre Lippen wie ein Kuss.

»Allie …«, begann er, doch ehe er den Gedanken aussprechen konnte, kam ein weiterer Wachmann hereingerauscht und rief etwas, das Allie nicht verstand.

Sylvain ließ ihre Hand fallen und sah sie mit einem hilflosen, entschuldigenden Blick an. »Mein Vater. Ich muss gehen.«

»Kein Problem«, sagte sie. »Wir reden später.«

Falls es ein Später gibt, dachte sie melancholisch, während sie ihm nachsah.

 

Nachdem Sylvain und der Wachmann verschwunden waren, lief Allie die elegant geschwungene Treppe mit dem weißen, schmiedeeisernen Geländer hinauf. Oben rannte sie über den luftigen Flur zu einer hohen Doppeltür, drückte sie auf und betrat ihr Schlafzimmer.

Durch die langen, hauchdünnen Vorhänge vor dem bodentiefen Fenster sickerte die Nachmittagssonne herein und tauchte den Raum in ein sahniges Apricot. Allie steuerte um das breite, mit pastellfarbenem Bettzeug bezogene Himmelbett herum schnurstracks auf die Kommode zu. Der weiche, cremefarbene Teppich schluckte ihre Schritte.

Sie zog einen kurzen Rock und ein Tanktop über den Bikini und schlüpfte in ihre Sandalen. Vor einer Holztür, die man leicht für einen Wandschrank hätte halten können, blieb sie stehen und zögerte kurz, dann klopfte sie leise.

»Herein«, ließ sich Rachels gedämpfte Stimme durch das dicke Holz vernehmen.

Allie öffnete die Tür und betrat das benachbarte Zimmer, das im Großen und Ganzen aussah wie ihr eigenes, nur, dass die Vorhänge nicht pfirsichfarben, sondern gelb waren.

Rachel lag auf dem Bett, eingekeilt von Bücherstapeln. Die Brille war ihr auf die Nasenspitze gerutscht, und sie blinzelte Allie darüber hinweg an.

Nur mit großem Widerwillen rückte Allie mit der Neuigkeit heraus. Rachel war so glücklich hier gewesen. So sicher.

Aber niemand ist je wirklich sicher, ermahnte sie sich. Sicherheit ist eine Lüge. Eine Illusion, an die wir uns klammern, damit es uns leichterfällt, uns den tödlichen Gefahren des Lebens zu stellen.

»Besser, du kommst mit runter«, sagte Allie leise. »Nathaniel hat uns gefunden.«

 

»Ihr müsst fort.« Sylvains Vater saß in einem eleganten, weißen Leinensessel. Ihm gegenüber, auf einem langen Sofa im gleichen Stil, hockten Allie, Sylvain und Rachel. »Das war ein ernst zu nehmender Angriff. Ihr hättet dabei getötet werden können.« Er sah seinem Sohn in die Augen. »Nathaniel hätte dich ohne Weiteres getötet, um Allie zu kriegen, das weißt du so gut wie ich. Er wird niemals aufgeben.«

Sylvain zuckte nicht mit der Wimper, doch Allie trafen Mr Cassels Worte, als hätte jemand den Deckel von einem dunklen, tiefen Brunnen geschoben und sie hinabgestoßen. Wie ein böses Echo hallten sie in ihrem Kopf wider.

Nathaniel wird niemals aufgeben. Nie …

»Und wohin sollen wir diesmal?« Rachels Stimme klang normal, doch ihr Blick verriet Allie, wie angefressen sie war. Sie hatten beide genug vom Davonlaufen.

Doch was Mr Cassel dann sagte, überraschte sie beide. »Zurück nach Cimmeria.«

Allies Herz machte einen Satz.

Rachel warf ihr einen ungläubigen Blick zu.

Ist das wahr? Wir können einfach so nach Hause fahren?

Ehe die Sache mit Nathaniel nicht geregelt war, könnten sie nicht in die Schule zurückkehren, hatte Lucinda stets betont. Und geregelt war sie ja nun eindeutig nicht. Was hatte sich also geändert?

»Ist das Ihr Ernst?«, fragte Allie. »Wir dürfen wirklich zurück?«

Etwas abseits, bei den großen Fenstern, die auf den Pool gingen, stand Sylvains Mutter und betrachtete scheinbar ganz gelassen die jungen Leute.

»Bisher hat er euch überall, wo ihr gewesen seid, irgendwann entdeckt«, sagte sie mit ihrer vollen, weichen Altstimme. »Ihr seid nirgendwo wirklich sicher.«

Mr Cassels Stirn verdüsterte sich. »Nicht ganz«, widersprach er und wandte sich an Allie. »Lucinda – deine Großmutter – hat entschieden, dass es für dich in England sicherer ist. Und wir …«, er zögerte, »… wir sind der gleichen Ansicht. Zumindest denken wir, dass du dort nicht in größerer Gefahr sein dürftest als hier. Und es hat den Vorteil, dass du wieder am Unterricht teilnehmen kannst.«

Allie konnte es nicht glauben. Ein Blick zu Rachel, die krampfhaft versuchte, ein freudiges Grinsen zu unterdrücken, sagte ihr, dass sie genauso empfand.

Nach Hause, ich fahr nach Hause!

Sie würde Zoe und Nicole wiedersehen und … Carter.

Allein der Gedanke an ihn machte sie nervös. Sie hatte nie die Gelegenheit gehabt, Auf Wiedersehen zu sagen, die Dinge zu klären.

Sie hatte nie die Gelegenheit gehabt, sich zu entscheiden.

»Wann fahren wir?« Sylvain sah seinem Vater fest in die Augen.

Mr Cassel öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, schloss ihn dann aber wieder, als hätte er’s sich anders überlegt.

Allie sah zwischen beiden hin und her. Sie spürte, dass sie eine Botschaft austauschten, wusste aber nicht, welche.

Schließlich sagte Mr Cassel: »Allie und Rachel fahren noch heute Abend. Falls du dich entschließen solltest, mit ihnen zu fahren … geht’s dann auch für dich los, würde ich sagen.«

»Selbstverständlich fahre ich mit ihnen zurück«, erwiderte Sylvain ungerührt. »Das wisst ihr doch.«

Vom Fenster ließ sich ein leiser Laut vernehmen. Sylvains Mutter sah immer noch nach draußen, die Lippen ganz schmal. Wie stets war sie äußerst elegant gekleidet – mit ihrer weißen Leinenbluse zu grauer Hose und dem blassblauen Paschminatuch um ihre Schultern hätte sie geradewegs einer Modezeitschrift entstiegen sein können.

Doch so traurig hatte Allie sie noch nie gesehen.

»Es wäre uns lieber, wenn du hierbliebest«, sagte Mr Cassel. »Wo wir dich beschützen können.«

Sylvain antwortete seinem Vater schnell und leise. Obwohl Allie in letzter Zeit viel Französisch gesprochen hatte, schnappte sie nur ein paar Wörter auf: »jamais« (»niemals«) und »comprends« (»versteh doch«).

Sein Vater sprang so abrupt aus seinem Sessel, dass Allie erschrocken zusammenzuckte. Er sagte etwas zu Sylvain, was sie nicht verstand, und eilte mit großen Schritten aus dem Zimmer.

»Was hat er gesagt?«, fragte sie und sah Sylvain an.

Mrs Cassel übernahm es, zu antworten, wobei sie ihren Sohn unverwandt ansah. »›Wie du meinst‹, hat er gesagt.«

»Maman …«, begann Sylvain, doch seine Mutter hob die Hand, um ihn zu unterbrechen; ihr weißer Ärmel fiel dabei hinab und entblößte ihr schmales Handgelenk. Ihre Haut hatte die gleiche zartbraune Farbe wie die ihres Sohnes.

»Du musst mir nichts erklären«, sagte sie ruhig, »ich verstehe dich. Aber wir lieben dich, und wir haben Angst um dich.« Ihr Blick wanderte zu Allie und Rachel. »Um euch alle.«

Eine unangenehme Stille trat ein.

»Tja.« Rachel räusperte sich. »Dann sollten wir wohl mal unsere Sachen packen. Und euch allein lassen, damit ihr reden könnt.« Sie stand auf und machte eine auffordernde Handbewegung Richtung Allie. »Komm schon, die T-Shirts packen sich nicht von alleine ein.«

»Stimmt«, pflichtete Allie ihr bei und schnellte vom Sofa hoch. »Und die Hosen, die muss ja auch jemand einpacken.«

Sylvain sah nicht mal auf, als die beiden die Treppe hinaufliefen und hinter sich eine bedrückte Stille zurückließen.

 

Allie hatte schon all ihre Klamotten in Taschen verstaut, als ein Wachmann ihr Bescheid sagen kam, dass sie erst nachts losfahren würden. Wenn sie das Cassel’sche Anwesen einmal verlassen hätten, erklärte der Mann, bräuchten sie freie Fahrt, und dazu war der Verkehr noch zu dicht.

Gegen elf Uhr wurden sie endlich gerufen. Vorm Haus wartete eine Kolonne schwarzer Geländewagen mit eingeschalteten Scheinwerfern und schnurrenden Motoren.

Wortlos küsste Mr Cassel Allie und Rachel auf die Wangen und sagte leise auf Französisch etwas zu Sylvain. Allie bemerkte, wie Sylvain den Kiefer anspannte, während er zuhörte. Dann verschwand sein Vater im Haus.

Mrs Cassel umarmte Rachel.

»Viel Erfolg mit deinen Plänen, Rachel«, sagte sie mit ihrem charmanten Akzent. »Wenn du erst Ärztin bist, käme ich gern mal in deine Praxis.«

»Danke für … einfach alles«, erwiderte Rachel. Sylvains Mutter schenkte ihr ein liebevolles Lächeln.

Rachel ging nach draußen zum Wagen, und Mrs Cassel wandte sich Allie zu.

»Auf Wiedersehen, Liebes.« Sie zog sie an sich. Allie atmete ihren Duft ein, ein betörender Mix aus exotischen Gewürzen und Blüten.

Mrs Cassel trat zurück, hielt Allie aber noch bei den Schultern und sah ihr prüfend ins Gesicht. Da war etwas in ihren warmen, haselnussfarbenen Augen, das Allie nicht deuten konnte. Eine Warnung, vielleicht. Oder Zweifel.

Doch dann ließ sie ihre Hände sinken und sagte nur: »Sei vorsichtig, chère Allie.«

»Das werde ich«, versprach Allie. Dann fiel ihr noch etwas ein. »Und was ist mit Ihnen? Nathaniel weiß, wo Sie sind. Er weiß, dass Sie mir geholfen haben.«

Ihre Sorge schien Mrs Cassel zu rühren. »Wir werden gut beschützt«, sagte sie sanft. »Außerdem ist er ja nicht hinter uns her, Allie.«

So ernüchternd ihre Aufrichtigkeit war, Allie war trotzdem dankbar dafür. Sie folgte Rachel zu den wartenden Wagen.

Jetzt stand nur noch Sylvain an der Eingangstreppe. Durch die geöffnete Wagentür sah Allie ihn leise mit der Mutter reden. Wie immer schmerzte es sie ein wenig, mitanzusehen, wenn jemand eine so enge Bindung zu seinen Eltern hatte. Mit ihren eigenen hatte sie seit Monaten nicht mehr gesprochen, auf der Flucht durfte sie nicht telefonieren. Sie wusste, dass Isabelle sie über die Geschicke ihrer Tochter auf dem Laufenden hielt. Dennoch war es nicht leicht zu akzeptieren, dass sie ihren Eltern nicht so wichtig war, dass sie darauf bestanden, mit ihr zu reden.

Wie das wohl ist, von den eigenen Eltern so geliebt zu werden?, grübelte Allie. Dann schob sie den Gedanken beiseite.

Mrs Cassel schloss Sylvain noch einmal fest in die Arme, ehe sie ihn schließlich gehen ließ. Während er die Stufen zum Wagen hinuntersprang, wischte seine Mutter sich rasch eine Träne von der Wange.

Als Sylvain im Wagen saß und sich noch einmal nach ihr umdrehte, schien sie schon wieder gefasst. Sie hob die Hand und winkte ihnen mit lässiger Eleganz. Als wären sie ganz normale Jugendliche auf dem Weg in eine ganz normale Schule.

Ein Wachmann schloss die Tür des Geländewagens, und Allie hörte, wie die Türen automatisch von innen verriegelt wurden.

Freudige Erregung durchfuhr sie wie ein Stromstoß. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Sie waren auf dem Weg nach Hause.

[zurück]

Vier

»Du musst dich endlich entscheiden, Allie.« Jo klang genervt.

Allie drehte sich zu ihr hin und sah sie überrascht an. Sie saßen auf dem ausladenden Geäst der alten Eibe auf dem Cimmeria-Friedhof. Die untergehende Sonne hatte den Himmel feuerrot gefärbt und verlieh Jos kurzem blondem Haar einen rosa Schimmer.

Es erinnerte Allie an etwas, aber sie konnte es nicht einordnen.

»In Bezug auf was?«, fragte Allie.

»Sylvain«, erwiderte Jo. Mit einem Seufzer lehnte sie sich nach hinten gegen den Baumstamm. »Ich habe so ein schlechtes Gewissen. Als wäre es meine Schuld, dass du da reingeraten bist.«

»Wo rein denn?« Allie war verdutzt. »Ich bin in nichts reingeraten.«

»Du sitzt im Schlamassel«, sagte Jo in ihrem vornehmen, glasklaren Englisch, bei dem Allie immer lächeln musste. »Du weißt nicht, was du willst.«

Allie zuckte zusammen. Genau das hatte Sylvain zu ihr gesagt, als sie damals Cimmeria verlassen hatte.

Aber Jo war noch nicht fertig. »Du musst dich für den entscheiden, den du wirklich liebst.«

»Das weiß ich doch selbst!«

Vor lauter Frust fiel Allies Antwort schärfer aus, als sie beabsichtigt hatte. Jo zog die Brauen hoch, und Allie hob beschwichtigend die Hand.

»Sorry, Jo. Es ist nur … Ich versuch’s dir zu erklären.«

Doch wie etwas erklären, das sie selbst nicht begriff? Dass sie auf zwei Jungs stand und keinen von beiden verletzen wollte. Dass die Beziehung zu beiden durch die Fehler der Vergangenheit eh schon ziemlich belastet war.

Dass es schwer war, überhaupt jemanden zu lieben, wenn man selbst das Gefühl hatte, nicht mal von der eigenen Familie geliebt zu werden.

Melancholisch fuhr sie fort: »Ich … Ich glaube, ich würde die wahre Liebe nicht mal erkennen, wenn sie direkt auf mich zukommt und mich gegens Schienbein tritt. Wie soll ich da sagen, dass ich in Sylvain verliebt bin? Oder in Carter? Ich mag sie beide sehr. Aber ich habe keine Ahnung, was ›Liebe‹ eigentlich bedeutet.«

Jo streckte den Arm aus und nahm Allies Hand. Jos Finger fühlten sich wie ein Nichts an. Ungreifbar wie eine Wolke.

»Ich kann dir nur sagen, was ich weiß«, sagte sie. »Mögen ist: ›Du bedeutest mir was. Ich vertraue dir. Ich verstehe dich. Ich möchte in deiner Nähe sein.‹ Liebe …« – Jo schaute wehmütig drein, ihr Blick war in weite Ferne gerichtet, dorthin, wo der rote Himmel begann – »Liebe ist: ›Ich würde alles aufgeben. Sogar mich selbst. Ich kann nicht ohne dich leben.‹« Ihre großen blauen Augen wandten sich wieder Allie zu, Tränen standen darin und funkelten wie Sterne. »Verstehst du?«

 

Mit lautem Getöse flog die Schlafzimmertür auf, grelles Licht flutete herein.

Aufgeschreckt robbte Allie, so weit es ging, nach hinten und hielt schützend die Arme vor ihren Körper. Panisch sah sie sich um.

Wo bin ich?

»Es stimmt also, du bist echt wieder da.« Zoes vertrauter sachlicher Tonfall beruhigte Allie.

Gegen das blendende Licht sah sie nur einen schlanken, schattigen Umriss im Türrahmen.

Sie schaute sich unsicher im Zimmer um.

Tisch, Bücherregal, weiß gestrichener Boden … Cimmeria. Mein Zimmer. Zu Hause.

Schlagartig war alles wieder da. Zoe war echt. Sie war wirklich hier.

»Hi, Zoe«, sagte Allie, heiser vor Erschöpfung. »Lange nicht gesehen.«

Im Morgengrauen waren sie nach rasanter Fahrt im Geländewagen zum Flughafen, kurzem Flug im Privatjet und nochmaliger Autofahrt endlich an der Schule angelangt. Allie war im Auto eingeschlafen, den Kopf an Rachels Schulter. Sylvain hatte sie beide geweckt, als der Wagen am Ende der Auffahrt hielt.

Es war wie im Traum gewesen: die feuchtkühle englische Nacht, die langsam dem Morgen wich, das viktorianische Schulgebäude, dessen gotische Mauern sich vor ihnen erhoben. Alles war dunkler, als sie es in Erinnerung hatte. Furcht einflößender.

Groggy hatte sie hinaufgeblinzelt und sich gewundert, dass nirgends Licht brannte. Kein Lehrer kam heraus, um sie zu begrüßen.

Sie waren die Stufen zur Eingangstür hinaufgewankt, doch ehe sie sie öffnen konnten, schloss ein Wachmann sie von innen auf.

Wo kommt der denn auf einmal her?, hatte Allie sich gefragt, während sie an dem schwarz gekleideten Mann vorübergingen.

An der Haupttreppe hatten sie sich getrennt. Sylvain wandte sich dem Jungstrakt zu, sie und Rachel dem Mädchentrakt. Es war so still, dass jeder Schritt widerhallte.

Auch wenn es noch fast Nacht war, hatte Allie nicht ihre Enttäuschung verhehlen können, dass Isabelle le Fanult, die Rektorin von Cimmeria, nicht gekommen war, um sie nach all der Zeit willkommen zu heißen. Immerhin, als sie ihr altes Zimmer betrat, stellte sie fest, dass ihr Bett mit schneeweißer, frischer Wäsche bezogen worden war. Die weiche Bettdecke war einladend zurückgeschlagen, und auf dem Kopfkissen lag ein Pyjama mit Cimmeria-Wappen. Die Schreibtischlampe warf einen warmen Schein.

So viel hatte sie noch aufnehmen können, dann hatte die Müdigkeit sie übermannt. Sie hatte die Reiseklamotten, die sich eher für eine warme Nacht in Südfrankreich als für den kühlen englischen Sommer eigneten, abgestreift und war ins Bett gefallen.

 

»Muss ja ganz schön spät gewesen sein heut Nacht«, sagte Zoe. »Isabelle meinte, ich soll euch schlafen lassen, aber ich musste einfach nachschauen, ob es stimmt.« Sie sah zur Seite, wie um sich an etwas zu erinnern, das sie hatte sagen wollen. Dann fiel es ihr wieder ein. »Tut mir leid.«

Zoes sonderbarer Tonfall und ihr Mangel an Einfühlungsvermögen waren so wunderbar vertraut, dass Allie spürte, wie eine warme Welle der Zuneigung sie durchströmte.

»Ich hab eh keine Lust mehr, zu schlafen«, sagte sie und strich sich das Haar aus den Augen. »Wie viel Uhr ist es?«

»Acht«, antwortete Zoe. »Es ist Samstag, heute ist kein Unterricht. Rachel ist auch schon auf. Komm runter, frühstücken.«

Acht Uhr! Dann hatte sie also nur vier Stunden geschlafen. Trotzdem war sie hellwach.

»Ich muss mich noch kurz duschen«, sagte sie. »Sagen wir, in zehn Minuten?«

»Beeil dich«, mahnte Zoe, ehe sie wie ein Vogel davonhuschte.

Allie streifte ihren Bademantel über, der an seinem üblichen Platz am Türhaken hing, und holte die Duschsachen aus einer der Reisetaschen, die sie in der Nacht einfach auf dem Boden abgestellt hatte.

Das Bad lag in der Mitte des Flurs, und sie nahm jeden Schritt bewusst wahr. Der Holzboden, die weißen Zimmertüren mit ihren schwarz glänzenden Nummern, die Reihe weißer Waschbecken im Bad – alles war so wahnsinnig vertraut.

Nach einer heißen Dusche im Zimmer zurück, zog Allie zum ersten Mal seit vielen Monaten wieder die Cimmeria-Schuluniform an: kurzer, dunkelblauer Faltenrock, schneeweiße Bluse und locker umgebundene, blau-weiße Krawatte.

Sie betrachtete sich im Spiegel – sie sah wieder aus wie sie selbst. Nie hatte es sie glücklicher gemacht, diese langweiligen Klamotten zu tragen.

Von der Garderobe schnappte sie sich einen dunkelblauen Blazer, warf ihn über, stürmte hinaus und schlug die Tür hinter sich zu.

Über den langen, stillen Flur eilte sie zur Treppe, wo sich normalerweise die Schülerinnen knubbelten. Doch alles lag verlassen da.

Sie lief hinunter zu dem Treppenabsatz mit den breiten Fenstern, durch die die Sonne auf eine Reihe von Marmorstatuen fiel und die Kristalllüster glitzern ließ. Und weiter hinunter über die ausladende Treppe mit dem geschnitzten Geländer, in den weitläufigen Hauptflur mit seinem glänzenden Parkettboden und den Reihen von Gemälden in schweren Rahmen, vorbei an der geschlossenen Bibliothekstür und der verborgenen, getäfelten Tür zu Isabelles Büro, vorbei am Gemeinschaftsraum. Auch hier niemand zu sehen.

Die Türen zum Speisesaal standen weit offen. Na, endlich!, dachte sie freudig und lief darauf zu. Auf der Schwelle blieb sie wie angewurzelt stehen.

Gedämpfte Stille schlug ihr entgegen, zu hören war nur das Klirren der Gabeln auf Porzellan. Nur ein paar Tische waren besetzt, und die wenigen Schüler, alle wie sie selbst gekleidet, aßen schweigend.

Zoe bemerkte sie und winkte sie mit dem üblichen Nachdruck zu sich.

»Das hat aber länger als zehn Minuten gedauert«, sagte sie mit vorwurfsvollem Unterton. »Jetzt müssen wir uns beeilen, damit wir noch rechtzeitig zum Meeting kommen.«

Allie kannte Zoes schroffe Art und nahm es nicht krumm. »Was für ein Meeting denn?«

»Das Übliche«, erwiderte Zoe. »Isabelle hat mich extra beauftragt, dafür zu sorgen, dass du auch da bist. Also, beeil dich.«

Allie, die es Isabelle mittlerweile richtig übel nahm, dass sie sich immer noch nicht hatte blicken lassen, zuckte nur die Schultern.

»Keine Sorge«, sagte sie. »Ich ess ganz schnell.«

Rührei und Toast – wie hatte sie das in Frankreich vermisst! Sie schaufelte sich den Teller voll und schnappte sich einen Becher Tee mit Milch.

Während sie aß, löcherte Zoe sie mit Fragen, wo sie und Rachel überall gewesen waren. Als ihre Neugier gestillt war, kam Allie endlich auch mal dazu, etwas zu fragen.

»Und wie ist es hier so gelaufen?«, fragte sie kauend.

»Na, so halt.« Zoe deutete auf den weitgehend leeren Speisesaal. »Sehr still. Sehr anders. Einfach strange.«

Sylvain hatte Allie schon erzählt, dass von den einst zweihundertfünfzig Schülern weniger als vierzig übrig geblieben waren. Nathaniel warb im Aufsichtsrat mittlerweile ganz offen um Unterstützung und traf sich regelmäßig mit Parlamentsabgeordneten. Er schickte sich an, endgültig die Macht zu übernehmen.

»Ich bin froh, dass du wieder da bist«, sagte Zoe, obwohl weder ihre Stimme noch ihre Augen irgendeine Regung verrieten. Allie wusste trotzdem, dass sie es ernst meinte.

»Ich bin auch froh, wieder hier zu sein.«

Kaum hatte sie das gesagt, schob Zoe geräuschvoll ihren Stuhl zurück und stand auf. »Wir müssen los.«

Allie folgte ihr durch den Hauptflur in die gespenstische Stille des Klassenzimmertrakts. Auch hier brannte kein Licht, doch im Treppenhaus fiel ausreichend Sonne durch die Fenster. Sie stiegen ins zweite Obergeschoss hinauf, wo rechts und links kleine Unterrichtsräume vom Flur abgingen.

Auf halber Strecke drückte Zoe, ohne anzuklopfen, eine Tür auf, und sie traten ein. Sofort erstarb die leise Unterhaltung im Zimmer. Die älteren Nightschooler und die leitenden Lehrkräfte waren dort versammelt. Alle Köpfe drehten sich zu ihnen um, und Allie, plötzlich scheu, stockte.

»Hier ist sie«, verkündete Zoe umstandslos.

Die anderen stürzten sich auf sie. Isabelle, die als Erste bei ihr war, schloss sie fest in die Arme.

Allie war so froh, Isabelle zu sehen, dass sie all ihre Verletztheit vergaß. Sie erwiderte die Umarmung und atmete den vertrauten Zitrusduft ihres Parfums ein.

Sie roch nach zu Hause.

»Schön, dass du wieder da bist, Allie.«

Das dunkelblonde Haar der Rektorin steckte ordentlich gebändigt in einer Spange – es hatte wohl noch keine Zeit gehabt, sich selbstständig zu machen, wie sonst immer. Isabelles sahnefarbene Strickjacke lag weich an Allies Wange.

Erst als sie Allie losließ, bemerkte diese die Ränder unter den bernsteinfarbenen Augen und die feinen, neuen Sorgenfältchen auf ihrer Stirn. Sie sah erschöpft aus.

»Ich muss dir unbedingt erzählen, was in Frankreich passiert ist«, sagte Allie. »Wie konnte Nathaniel …«

Doch dann umringten die anderen Lehrer sie, und Isabelle sagte:

»Lass uns später reden.«

Allie konnte nicht verstehen, warum sie nicht befragt worden war. Niemand hatte sich die Zeit genommen, sie erzählen zu lassen, was in Frankreich geschehen war und warum man sie nach Hause gebracht hatte.

Doch ihr blieb nicht die Zeit, darüber nachzudenken, denn Eloise, die Bibliothekarin, umarmte sie nervös und nur ganz kurz. Bevor man sie – zu Unrecht, wie Allie glaubte – bezichtigt hatte, Nathaniels Spionin zu sein, hatten sie sich sehr gut verstanden. Allie musterte sie und fragte sich, wie es ihr nach all dem gehen mochte, doch Eloise blockte ihren Blick ab und drehte sich weg.

Im nächsten Moment trat auch schon Jerry, der Biolehrer, zwischen sie und drückte ihr herzlich und kräftig die Hand. »Schön, dass du wieder da bist.«

Dann nahm er seine Brille ab, putzte sie mit einem Tuch und lächelte auf seine übliche, abwesende Art, während auch die restlichen Anwesenden sie willkommen hießen.

Während sie zurücklächelte und Small Talk machte, scannte Allie den Raum nach Carter ab, konnte ihn aber nirgends entdecken – es standen einfach zu viele Lehrer im Weg.

Als Nächste kämpfte sich ein elfenhaftes Mädchen mit riesigen braunen Augen und langem dunklem Haar einen Weg durch die Lehrer an ihre Seite.

»Allie!«, rief sie, zog sie mit ihren durchtrainierten Armen an sich und hätte sie fast erdrückt. »Willkommen zu Hause!«

»Hey, Nicole, schön, dich wiederzusehen.« Allie sah nach unten. »Wie geht’s deinem Bein?«

»Viel besser.« Nicole stellte sich auf das eine Bein und beugte das andere, um zu demonstrieren, dass alles wieder in Ordnung war.

Das letzte Mal hatte Allie Nicole an dem Abend gesehen, als Nathaniel die Schule angegriffen hatte. Gabe hätte ihr in dem Handgemenge fast das Bein gebrochen.

»Ich hab gehört, was in Frankreich passiert ist.« Nicole senkte die Stimme. »Gott sei Dank bist du okay. Sylvain kann super Moto fahren, was?«

Nicole war eine alte Freundin von Sylvain, und ganz egal, was sie sagte, mit ihrem französischen Akzent klang alles einfach hinreißend.

Im selben Augenblick kam Sylvain durch den Klassenraum auf sie zu. Wie Allie trug auch er wieder Schuluniform – vorbei die Zeiten der lässigen Hemden und Sommerhosen, die er in Frankreich getragen hatte. Aber irgendwie bekam er es auch so hin, sexy auszusehen.

»Oh, ja«, sagte Allie und lächelte ihn an. »Moto kann er.«

Sylvains Augen funkelten türkisfarben im Licht. Allie musste wieder an ihren Traum denken, und ihr Lächeln wäre beinahe erstorben. Jos Stimme: »Entscheide dich.«

Halt die Klappe, Traum-Jo, und kümmere dich gefälligst um deinen eigenen Kram!

In Frankreich waren sie und Sylvain richtig gute Freunde geworden, aber sonst war nichts passiert, sie waren ja fast nie allein gewesen. Ständig war eine Entourage aus Wachleuten, seinen Eltern, den Hausangestellten und Rachel um sie herum gewesen. Wie sollte man da über die wichtigen Dinge reden?

Gestern waren sie das erste Mal wirklich allein gewesen. Und prompt hatte Nathaniel alles kaputt gemacht.

»Ich hätte gedacht, Isabelle würde dich noch schlafen lassen«, sagte Sylvain, und so, wie er das sagte, wirkte es eigenartig intim – als hätte er irgendwie teilgehabt an ihrem Schlaf.

Allie wurde rot.

»Zoe …«, begann sie im Versuch, ihre Fassung wiederzufinden. »Sie war mein Wecker.«

An der amüsierten Art, mit der er die Braue hochzog, erkannte sie mit Schrecken, dass er vermutlich genau wusste, weshalb sie errötet war.

»Wenn dich schon jemand aufweckt«, sagte er und sah sie an, »wär lieber ich derjenige.«

Allies Gesichtsfarbe wurde noch dunkler. Krampfhaft suchte sie nach einer schlagfertigen Erwiderung, doch ihr Hirn spielte nicht mit.

»Alles hinsetzen, wenn ich bitten darf! Wir wollen anfangen.« Zelaznys Stimme hatte die Wirkung eines Glases Eiswasser. Der Geschichtslehrer stand vorne und blickte Allie über sein Klemmbrett hinweg finster an.

Es überraschte sie, dass sie fast glücklich war, ihn zu sehen. Sie erinnerte sich daran, wie er am Abend des Überfalls hilflos am Schuleingang gestanden und versucht hatte, die Ordnung aufrechtzuerhalten, während Nathaniels Leute einfach an ihm vorbeigestürmt waren und Schüler gegen ihren Willen mit sich fortgezerrt hatten. Bis zu jenem Augenblick hatte sie es für möglich gehalten, dass er Nathaniels Spion in der Schule war. Doch seine offensichtliche Angst – und sein Zorn – hatten sie davon abgebracht.

Auf Zelaznys energische Aufforderung hin nahm die kleine Schar nach und nach ihre Plätze ein, und Allie konnte endlich den Raum besser überblicken. Wieder hielt sie nach Carter Ausschau.

Er war nicht da.

Während sie noch versuchte, den Stich der Enttäuschung zu ignorieren, entdeckte sie einen glänzenden, feuerroten Haarschopf.

»Moment mal«, sagte sie und beugte sich vor, um besser sehen zu können. »Ist das etwa … Katie Gilmore?«

Nicole nickte. »Ja – sie hat uns sehr geholfen. Ihre Eltern sind mit Nathaniel befreundet, sie kennt ihn persönlich und weiß, wie er vorgeht. Das ist sehr hilfreich gewesen.«

Allie war verblüfft. Katie hatte nie an den Meetings der Leitungsgruppe teilgenommen. Ende vergangenen Jahres hatte sie ihnen geholfen, aber … aber so viel nun auch wieder nicht. Und hier war der innere Zirkel versammelt, die Elite der Schule, während Katie nicht mal in der Night School war.

Unterdessen war Ruhe eingekehrt. Immer noch verwirrt, ließ Allie sich zwischen Sylvain und Nicole auf einen Stuhl fallen, während Zelazny seinen Platz für Isabelle räumte.

Die Rektorin stellte sich ans Pult und blickte aus müden Augen auf die Versammlung.

»Wir haben dieses Meeting einberufen, um die Sicherheitslage zu erörtern. Jetzt, da Allie wieder hier ist«, sie deutete ein Lächeln in Allies Richtung an, »wird der Security-Plan geändert. Wir alle sind uns darüber im Klaren, dass Nathaniel nichts unversucht lassen wird, sobald er erfährt, dass sie hier ist. Deshalb werden die Patrouillen entlang des Zauns verstärkt und die Sicherheit im ganzen Gebäude aufgestockt. Und ab sofort werden wir nachts eine Wache im Mädchenschlaftrakt postieren.«

Niemand im Raum schien überrascht, deshalb versuchte Allie, ihr Erstaunen nicht zu zeigen. Sicherheitsmaßnahmen hatte es in Cimmeria schon immer gegeben, doch die Wachen hatten Distanz gewahrt. Die Vorstellung, dass jetzt einer von ihnen vor den Schlafzimmern patrouillierte, um die Mädchen die ganze Zeit im Auge zu behalten, fand sie doch etwas unheimlich.

Als könnte sie Allies Gedanken lesen, sah Isabelle zu ihr herüber. »Es hat sich als effektiv erwiesen, überall auf dem Gelände an den Schlüsselpositionen Wachen zu postieren, deshalb wollen wir das ausweiten. Auch das Kommunikationssystem ist verbessert worden …«

»Moment mal – das benutzt ihr wieder?« Allie war verdutzt. Nachdem Nathaniel vor Jahren das System gehackt hatte, hätte sie eigentlich erwartet, dass darauf verzichtet wurde.

»In deiner Abwesenheit hat sich hier vieles verändert, Allie«, sagte Isabelle. »Raj hat eine begabte, junge IT-Fachkraft mitgebracht, dank ihrer werden wir Nathaniel mit seinen eigenen Waffen schlagen. Ich komme später darauf zurück.« Sie wandte sich wieder ans Plenum. »Der neue Patrouillenplan wird natürlich nicht schriftlich festgehalten. Ihr werdet eure Zeiten mitgeteilt bekommen, und dann ist es eure …«

Ehe sie aussprechen konnte, flog plötzlich die Tür so heftig auf, dass alle zusammenschraken. Isabelle verstummte.

Allie drehte sich um – und ihr blieb fast das Herz stehen.

Im Eingang stand Carter und starrte sie mit einem Ausdruck völligen Unglaubens an.

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Fünf

»Du bist schon wieder zu spät, Carter. Ich dachte, wir hätten das besprochen«, sagte Isabelle mit resigniertem Seufzen. »Offenbar müssen wir es nach dem Meeting noch einmal besprechen. Und jetzt setz dich.«

Als hätte er die Rektorin gar nicht gehört, blieb Carter wie angewurzelt im Türrahmen stehen und fixierte Allie mit zornig funkelnden Augen.

»Carter, bitte.« Der scharfe Unterton in Isabelles Stimme riss ihn aus seiner Starre. Er wandte den Blick von Allie ab und trottete zu einem Stuhl am anderen Ende des Raums – so weit von ihr weg wie möglich.

Verwirrt sah Allie ihm nach, während er mechanisch Platz nahm und dann stur geradeaus blickte. Er war dünner, als sie ihn in Erinnerung hatte. Seine Wangenknochen stachen hervor, und die Schuluniform hing an ihm herunter, als wäre sie ihm zu groß geworden. Seine dunklen Haare reichten ihm fast bis auf die Schultern, eine Locke fiel ihm in die Stirn und verdeckte seine großen, tiefbraunen Augen. Er machte keine Anstalten, sie fortzuschieben.

Als Allie begriff, dass er sie nicht noch einmal ansehen würde, drehte sie sich nachdenklich wieder nach vorn.

Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht, dachte sie besorgt.

 

Die Sitzung hielt eine Flut verwirrender Informationen über Sicherheitsvorkehrungen und Patrouillen bereit. Ein oder zwei Mal fiel Nathaniels Name, doch die Vorfälle in Frankreich wurden mit keinem Wort erwähnt.

Allie war irritiert und frustriert.