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Das Ehepaar Dr. Daniel Norden und Fee sehen den Beruf nicht als Job, sondern als wirkliche Berufung an. Aber ihr wahres Glück finden sie in der Familie. Fünf Kinder erblicken das Licht der Welt. Die Familie bleibt für Daniel Norden der wichtige Hintergrund, aus dem er Kraft schöpft für seinen verantwortungsvollen Beruf und der ihm immer Halt gibt. So ist es ihm möglich, Nöte, Sorgen und Ängste der Patienten zu erkennen und darauf einfühlsam einzugehen. Familie Dr. Norden ist der Schlüssel dieser erfolgreichsten Arztserie Deutschlands und Europas.
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Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Die Sprechstunde war zu Ende. Frau Dreier war die letzte Patientin. Dr. Norden geleitete sie selbst zum Taxi, das für sie bestellt worden war.
»Vielen Dank, Herr Doktor, Sie haben mir sehr geholfen«, sagte die alte Dame, »ich weiß gar nicht, was ich gegen Spritzen hatte. Ich kann mich schon viel besser bewegen.«
»Das sollte auch der Sinn der Sache sein«, erwiderte er. »Passen Sie auf, daß Sie nicht wieder fallen. Ruhen Sie sich aus. Ich komme morgen bei Ihnen vorbei. Es ist besser, wenn Sie zu Hause bleiben.«
»Ich bin so froh, daß es Sie gibt. Nochmals tausend Dank.«
Dr. Norden hatte viele dankbare Patienten. Für ihn war es selbstverständlich, für jeden die bestmögliche Behandlung und Hilfe zu finden.
Wendy, die Unermüdliche, hatte schon aufgeräumt und wollte gerade den Anrufbeantworter in Betrieb setzen, als das Telefon läutete.
»Dr. Tenbrügge«, rief sie erstaunt aus. Gleich jedoch veränderte sich ihr Mienenspiel. »Ja, Sie haben Glück, Dr. Norden wollte gerade gehen.«
Daniel Norden blieb an der Tür stehen. »Es geht um Frau Rudolfi, sie hat einen Nervenzusammenbruch. Dr. Tenbrügge bittet Sie, möglichst bald zu kommen«, rief Wendy.
»Ich bin gleich dort«, erwiderte Daniel und entschwand.
Dr. Torsten Tenbrügge war ein junger Rechtsanwalt. Daniel Norden wußte zwar, daß dessen Vater Amelie Rudolfis Rechtsbeistand war, aber sie war so konservativ, daß er sie nicht in Einklang mit Torsten bringen konnte, für den Etikette ein spöttisch, belächelter Begriff war. Torsten war bei Frau Rudolfi, und er öffnete Dr. Norden sogar selbst die Tür. Amelie Rudolfi residierte in einer feudalen Villa, und es war Fee Norden, die festgestellt hatte, daß diese der richtige Rahmen für diese Lady war.
Jetzt allerdings war sie eine zusammengekauerte, schluchzende Frau, die einen mitleiderregenden Anblick bot. Wenn sie sonst auch unansprechbar sein mochte, Dr. Norden erkannte sie und streckte auch gleich beide Hände nach ihm aus.
»Ich habe sie gesehen! Sie müssen mir glauben, wenn mir auch sonst niemand glaubt! Es war Janet, ich habe nie daran gezweifelt, daß sie lebt.«
Daniel sah Torsten an, der zuckte die Schultern. Daraufhin wandte sich Daniel der zitternden Amelie Rudolfi zu. »Jetzt beruhigen Sie sich, und dann erzählen Sie mir, wo Sie Janet gesehen haben«, sagte er.
»Sie glauben mir, ich wußte es.« Sie klammerte sich förmlich an ihn. Es dauerte einige Zeit, bis er ihr Beruhigungstropfen geben konnte, auf Zucker, wie sie es am liebsten hatte. O ja, er kannte seine Patienten und ihre Besonderheiten. Amelie Rudolfi war eine recht schwierige Patientin, aber auch mit ihr kam er zurecht.
»Wo meinen Sie, Janet gesehen zu haben, Frau Rudolfi?« fragte er ruhig.
»Am Lenbachplatz«, murmelte sie. »Er war dabei.« Sie deutete auf Torsten, aber sie schien jetzt schon müde zu werden und wirkte erschöpft und kraftlos.
»Wir können später darüber reden«, sagte Dr. Norden. »Sie brauchen Ruhe.« Er hoffte auch, daß sie einschlafen würde, damit er erst von Torsten die Vorgeschichte hören konnte. Daß sie tatsächlich Janet gesehen hatte, konnte er nicht glauben, denn ihre Enkeltochter war vor acht Jahren mit ihrem Vater bei einem Segeltörn in der Karibik ums Leben gekommen. Das war amtlich festgestellt worden, wenngleich die Leiche von Janet nicht hatte geborgen werden können.
Immer wieder hatte Amelie Rudolfi behauptet, daß Janet leben würde. Niemand konnte es glauben, denn immerhin hätte sie ein reiches Erbe zu erwarten gehabt und sich schon deshalb bestimmt gemeldet.
Amelie Rudolfi war eingeschlafen. Dr. Norden deckte sie zu und sah dann Torsten Tenbrügge an, der sichtlich konsterniert am Fenster lehnte.
»Würden Sie mir aus Ihrer Sicht erzählen, was passiert ist?« fragte Daniel nachdenklich. »Frau Rudolfi scheint einen Schock erlitten zu haben.«
»Wir waren auf dem Gericht. Sie hat Ärger mit einem Miethaus in dem die Parteien streiten. Eins muß man ihr lassen, trotz ihres Reichtums ist sie eine sehr tolerante Frau und hätte es verdient, daß die Mieter dankbar sind, so preiswert wohnen zu können. Aber genug davon, es scheint zur Zufriedenheit geregelt zu werden.«
»Sie hat immer auf Ihren Vater geschworen, Torsten, wie kommen Sie mit ihr zurecht?«
»Ganz gut. Mein Vater ist vier Wochen abwesend. Er ist bei meiner Schwester in Schweden, und ich bin froh, daß er sich mal aufgerafft hat. Aber Sie wollen ja wissen, was mit Frau Rudolfi war. Also, wir gingen rüber zum Mövenpick, um etwas zu essen. Plötzlich blieb sie wie angenagelt stehen und starrte zu einem Taxi, in das gerade ein junges Mädchen einsteigen wollte.
Sie rief laut Janet, Janet, so warte doch. Ja, sie schrie es, aber das Mädchen war eingestiegen und das Taxi fuhr weiter. Frau Rudolfi wollte ihm doch tatsächlich folgen. Ich konnte sie nur mit aller Kraft zurückhalten, sonst wäre sie noch überfahren worden. Da begann sie zu schluchzen, daß es Janet gewesen sei, sie wisse es genau. Ich hatte meine Mühe, sie bis zu meinem Auto zu bringen und heimzufahren. Die ganze Zeit jammerte sie nur, warum ich Janet nicht festgehalten hätte. Ausgerechnet heute ist Burgl nicht da. Ihr Bruder hat Geburtstag, da ist sie nach Wasserburg gefahren. Ich wußte mir keinen Rat und habe Sie angerufen. Sie sind hoffentlich nicht böse.«
»Natürlich nicht, Frau Rudolfi ist schon lange meine Patientin. Ich kenne die traurige Geschichte um Janet.«
»Ich weiß leider nicht viel. Mein Vater hat darüber nicht gesprochen. Für ihn war der Fall wohl abgeschlossen. Ich weiß nur, daß Frau Rudolfis Sohn und dessen Tochter ums Leben gekommen sind, als sie mit einer Yacht in einen Sturm gerieten.«
»Ja, so ist es. Es waren sechs Menschen an Bord. Vier konnten tot geborgen werden, Janet und ein junger Mann wurden nicht gefunden. So hat sich Frau Rudolfi eingebildet, daß sie noch am Leben wären. Später brachte jemand das Gerücht auf, daß Janet gar nicht an Bord gewesen sei, weil ihr Vater eine fremde Frau mitgenommen hätte. Alle möglichen Geschichten wurden erzählt, aber wenn Janet tatsächlich leben würde, hätte sie sich längst gemeldet. Sie war ein sehr verwöhntes Mädchen, dem Geld und die Annehmlichkeiten des Lebens sehr wichtig waren. Sie hing an ihrer Großmama. Ich muß zugeben, daß ich sehr besorgt um Frau Rudolfis psychischen Zustand bin. Es ist schon zur Manie geworden, daß sie an Janets Rückkehr glaubt, obgleich schon sieben Jahre vergangen sind. Man kann es jetzt als paranoid bezeichnen, und auch ihre körperliche Verfassung ist derzeit nicht die beste. Ich werde sie in die Klinik bringen lassen.«
»Ohne sie zu fragen?«
»Ich kann und werde es verantworten. Sie können doch nicht bei ihr bleiben. Außerdem gehört sie unter ärztliche Beobachtung. Ich rufe in der Behnisch-Klinik an. Sie war schon einmal dort und kennt die Ärzte.«
Es war ein kurzes Gespräch. Daniel Norden war mit Jenny und Dieter Behnisch befreundet, da gab es keine Probleme.
Während sie auf den Krankenwagen warteten, fragte Daniel, ob Torsten das Mädchen gesehen hätte, das Frau Rudolfi für Janet hielt.
»Nur flüchtig, aber da ich Janet nicht kannte, könnte ich auch nicht sagen, ob sie ihr ähnlich war. Sie war mehr als mittelgroß und hatte dunkles, ziemlich langes Haar, zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trug einen Jeansanzug und hatte einen kleinen Rucksack, wie es heute Mode ist. Mehr kann ich nicht sagen. Ich wundere mich, daß ich das überhaupt behalten habe.«
Der Wagen kam. Zwei Sanitäter hoben Amelie Rudolfi auf eine Trage. Dr. Norden sagte, daß er nachkommen würde.
Torsten wollte das Haus ab-schließen, aber erst für Burgl eine Nachricht schreiben.
»Und wenn es nun tatsächlich Janet war und sie vielleicht an einer Amnesie leidet«, meinte er zögernd und sah den Arzt forschend an.
»Janet wäre jetzt fünfundzwanzig Jahre, und sie müßte inzwischen jemandem begegnet sein, wenn sie in München ist. Ich kann es nicht glauben, es war sicher nur eine Ähnlichkeit. Wir bleiben in Verbindung, Torsten. Wenn Frau Rudolfi ansprechbar ist, werde ich mich mit ihr unterhalten.«
»Ich möchte ihr gern helfen«, sagte Torsten mitfühlend. »Sie tut mir so leid. Sie hat doch niemanden mehr, außer Burgl.«
»Und was nützt alles Geld, wenn man so einsam ist«, sagte Daniel Norden.
*
Der Taxichauffeur mußte wohl gehört haben, daß jemand Janet gerufen hatte und sagte zu seinem jungen Fahrgast, ob sie gemeint wäre.
»Ich heiße nicht Janet«, erwiderte sie kühl mit einem fremdländischen Akzent. Dann sagte sie nur, daß sie nach Oberföhring gebracht werden wolle.
»Zu den Studios?« fragte der Fahrer.
»Ja, zu den Studios.« Danach herrschte Schweigen.
Alessa Jamani war erst den zweiten Tag in München, und auch das sollte nur eine Zwischenstation in ihrem ruhelosen Leben sein. Sie hatte auf dem Flug von Miami nach Frankfurt einen Kameramann kennengelernt, mit dem sie ins Gespräch gekommen war. Er hatte sie in seinem Wagen mitgenommen nach München, als sie ihm erzählt hatte, daß sie hier Verwandte suchen wolle. Sie sprach nicht mit jedem und erzählte auch ungern etwas über sich, aber bei Piet Eicken hatte sie das Gefühl gehabt, daß er ihr nützlich sein könnte. Sie hatte in einem Leben, in dem sie stets auf sich selbst angewiesen gewesen war, ein Gespür dafür entwickelt, von wem sie profitieren könnte.
Sie war es gewohnt, daß sie kämpfen mußte um jeden Schritt nach oben, aber sie hatte einen ungeheuren Ehrgeiz entwickelt, keinen Schritt zurückzugehen.
Piet Eicken hatte ein großes Interesse an ihr gezeigt, und warum sollte sie das nicht ausnützen?
Piet war ein humorvoller Mann, und allein dadurch gefiel er auch Frauen, denn mit seinem Äußeren zog er keine Blicke auf sich. Er war hager, hatte ein sehr schmales Gesicht und eine Stirnglatze. Über die große, stark gebogene Nase mußte er manche anzügliche Bemerkung einstecken. Er hatte sich daran gewöhnt, und weil er innerlich zurechtkam, errang er sich durch sein Wesen viel Sympathien, für seine beruflichen Qualitäten viel Anerkennung.
Als an diesem Tag eine sehr aparte junge Frau nach ihm fragte, ging gleich ein Tuscheln durch das Büro.
»Mein Name ist Alessa Jamadi, ich bin hier mit Herrn Eicken verabredet«, erklärte die Besucherin mit einem leicht spöttischen Lächeln.
Piet Eicken wurde verständigt, und er schien überrascht zu sein, daß Alessa tatsächlich gekommen war.
»Hallo, da sind Sie ja«, sagte er mit seiner angenehmen, tiefen Stimme.
»Komme ich ungelegen?« fragte sie.
»Nein, gar nicht.« Er war verlegen, weil ihn die Bürodamen anstarrten, als würden sie ihn zum ersten Mal sehen. »Bitte, kommen Sie mit, Miß Jamadi.«
Sie folgten ihm in ein Studio, in dem für eine Sendung geprobt wurde.
»Sie erzählten mir doch, daß Sie nach Verwandten suchen«, sagte Piet. »Wie wäre es, wenn Sie für eine aktuelle Reportage interviewt würden? Solche Sendungen haben oft Erfolg.«
»Ich kann doch gar keine genauen Angaben machen. Klingt das nicht unglaubwürdig, wenn man fast nichts über seine Herkunft weiß?«
»Sie ahnen nicht, wie oft das vorkommt, nur wird es selten publiziert. Wir hatten kürzlich ein Zwillingspaar, das sich nach fünfzig Jahren zum ersten Male begegnete. Als Babys waren sie von verschiedenen Eltern adoptiert worden, und ganz zufällig waren sie sich hier in München begegnet. Zwei Männer, die sich wie ein Ei dem anderen glichen und sich anstarrten, als kämen sie vom Mond. Der Kontakt war schnell hergestellt, und sie durchforschten ihre Vergangenheit. Sie hatten ja keine Ahnung, daß sie als Zwillinge auf die Welt gekommen waren. Dann endlich konnten sie feststellen, daß der Zufall sie zusammengeführt hatte.« Er sah Alessa forschend an. »Sie haben kein Dutzendgesicht. Vielleicht haben Sie auch mit jemanden Ähnlichkeit. Wenn Sie auf dem Bildschirm erscheinen, könnte das Erinnerungen wecken. Wollen wir mal einen Probelauf machen?«
»Was verstehen Sie darunter?«
»Sie erzählen vor laufender Kamera, was Sie über sich wissen. Falls Sie einverstanden sind, können wir es schon im Vorabendprogramm bringen.«
»Einfach so?« fragte Alessa.
Er lächelte. »Sie sind sehr telegen. Es kann doch möglich sein, daß man das sogar entdeckt und Ihnen eine Chance beim Fernsehen geboten wird.«
Sie lachte melodisch. »Es wäre nichts dagegen einzuwenden, aber mein Deutsch ist nicht perfekt.«
»Sie haben einen apparten Akzent. Ich hätte eigentlich gedacht, daß Sie schon vor der Kamera gestanden haben, als wir uns auf dem Flug kennenlernten.«
Sie lachte wieder. »Ich habe mich als Fotografin versucht. Hin und wieder wurde ich auch fotografiert, aber das ist alles.«
»Dann werden Sie gleich sehen, wie Sie im Fernsehen wirken. Wollen Sie?«
»Ich bin immer bereit, neues Terrain kennenzulernen«, erwiderte sie.
»Dann wird die Maskenbildnerin Sie ein bißchen herrichten.«
»Muß das sein?«
»Es wäre besser für eine eventuelle künftige Karriere.«
»Sie sind ein Spaßvogel! Das meinen Sie doch nicht ernst?«
Sie errötete flüchtig. »Sie sind ein sehr netter Mann, Piet«, fuhr sie fort.
Die Maskenbildnerin war nicht mehr ganz jung, aber sie schien einen besonderen Blick zu haben, der Alessa unsicher machte.
»Ich heiße Peggi«, stellte sie sich vor. »Wir brauchen bei dir nicht viel zu machen. Du sollst ja du selbst sein und keine Rolle spielen. Wo kommst du her?«
»Aus Miami.«
»Bist du dort aufgewachsen?«
»Nein, ich habe ein paar Monate dort bei einer deutschen Familie als Kindermädchen gearbeitet.«
»Bist du Studentin?«
»Nein, ich jobbe. Was sich so anbietet, mache ich. Ich bin flexibel.«
»Wie alt bist du?«
»Zweiundzwanzig. Ist das schon das Interview?«
Peggi lachte. »Siehst du eine Kamera? Schau jetzt mal in den Spiegel, wie gefällst du dir?«
Alessa riß die Augen auf. »Toll«, sagte sie staunend, »bin ich das wirklich?«
»Ich habe nicht viel tun müssen, du hast sehr schöne Haut.«
»Ich benutze nie Make-up.«
»Nie?« staunte Peggi.
»Bisher nie, das ist jetzt das erste Mal, aber es sieht gut aus. Ich würde dafür nur kein Geld ausgeben.«
Peggi konnte nichts mehr sagen, denn Piet holte Alessa. »Ist sie von einem anderen Stern?« raunte Peggi ihm zu.
Wäre gar nicht so abwegig, dachte er, denn er hatte sich in der kurzen Zeit, die er Alessa kannte, auch schon über manche Bemerkung gewundert. Er hatte sie während des Fluges gefragt, welche Schulen sie besucht hätte, da er sich über ihre ausgezeichnete Allgemeinbildung gewundert hatte.
