Noch mehr Kriminalgeschichten - Matthias McDonnell Bodkin - E-Book

Noch mehr Kriminalgeschichten E-Book

Matthias McDonnell Bodkin

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Beschreibung

Spannende und originelle Kriminalgeschichten um verschwundene Diamanten, Falschgeld und alte Adelsfamilien. Alle mit dem Detektiv Paul Beck, dem "Irischen Sherlock Holmes". Null Papier Verlag

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Matthias McDonnell Bodkin

Noch mehr Kriminalgeschichten

Matthias McDonnell Bodkin

Noch mehr Kriminalgeschichten

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019Übersetzung: Margarete Jacobi 1. Auflage, ISBN 978-3-962810-41-2

null-papier.de/473

null-papier.de/katalog

Inhaltsverzeichnis

Ver­schwin­den­de Dia­man­ten.

Eine win­zi­ge Sch­lin­ge

Nur ein Haar.

Nicht mit ei­ge­ner Hand.

Der Hund und der Dok­tor

Dan­ke

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Verschwindende Diamanten.

Sie glich ei­nem bun­ten Schmet­ter­ling im Blu­men­gar­ten, und es krib­bel­te sie bis in die Fin­ger­spit­zen vor Un­ru­he und Auf­re­gung. In dem großen Zim­mer des großen Hau­ses der obe­ren Bel­gra­ve Street, das jetzt wirk­lich ei­nem Gar­ten vol­ler Blu­men­bee­te äh­nel­te, war nur ein klei­ner frei­er Raum ge­las­sen, wo sie auf ei­nem zwei­sit­zi­gen Sofa al­lein saß und un­ge­dul­dig mit den Füß­chen auf dem wei­chen Tep­pich trap­pel­te. Das gan­ze üb­ri­ge Zim­mer stand voll lan­ger, runder und ova­ler Ti­sche, die mit lau­ter hüb­schem Schmuck und Tand, wie ihn jun­ge Mäd­chen lie­ben, über und über be­deckt wa­ren. Min­des­tens ein hal­b­es Dut­zend der vor­nehms­ten Ju­we­lier- und Galan­te­ri­e­lä­den von Re­gent-Street schie­nen ihre Schau­fens­ter hier aus­ge­leert zu ha­ben. Die Ti­sche strahl­ten von Sil­ber, Gold und Edel­stei­nen; schwe­re, bun­te Sei­den­stof­fe, ge­mal­te Fä­cher, zier­li­che Va­sen und kost­ba­re Por­zel­lan­ser­vice sah man, wo­hin das Auge blick­te.

Li­li­an Ray und Syd­ney Har­court soll­ten näm­lich die nächs­te Wo­che Hoch­zeit hal­ten; in ganz Lon­don gab es kein in­ter­essan­te­res Braut­paar. Mit ih­rem hüb­schen Ge­sicht und ih­rem lie­bens­wür­di­gen We­sen hat­te sich Li­li­an die Her­zen im Sturm er­obert, und dass der gut­her­zi­ge, aber heiß­blü­ti­ge Har­court über Hals und Kopf in sein Ver­der­ben ge­rannt wäre, wenn sie ihn nicht noch recht­zei­tig fest­ge­hal­ten hät­te, wuss­te alle Welt. So fand denn die Ver­lo­bung je­der­manns Bei­fall, und wäh­rend der drei letz­ten Wo­chen wa­ren die Hoch­zeits­ge­schen­ke von al­len Sei­ten her­bei­ge­strömt und hat­ten das vor­de­re Wohn­zim­mer förm­lich über­flu­tet.

Dass Li­li­an sich in großer Auf­re­gung be­fand, war sehr be­greif­lich, denn sie er­war­te­te ih­ren Bräu­ti­gam, der ihr die be­rühm­ten Har­court­schen Dia­man­ten brin­gen soll­te, die seit ei­nem hal­b­en Jahr­hun­dert in der vor­neh­men Welt Lon­d­ons mit Ent­zücken und heim­li­chem Nei­de be­trach­tet wur­den. Aus ih­rem dun­keln, aber si­chern Ver­ließ in der Bank wa­ren die fun­keln­den Edel­stei­ne nach Herrn Ophirs Ju­we­lier­la­den in Bond-Street ge­schafft wor­den; denn ihre Fas­sung war zu alt­mo­disch, und es soll­te zu­gleich un­ter­sucht wer­den, ob die zier­li­chen sil­ber­nen Klam­mern, die die kost­ba­ren Stein­chen um­fass­ten, auch noch ihre Pf­licht und Schul­dig­keit tä­ten. Um die glän­zen­de Pracht in bes­tem Lich­te zu zei­gen, war oben­drein ein fun­kel­na­gel­neu­es Etui für den Schmuck be­stellt wor­den.

An der Stra­ßen­tür klin­gelt es und Li­li­an fliegt ans Fens­ter; doch gleich wen­det sie wie­der är­ger­lich den Kopf wie ein ver­wöhn­tes Kind. »Noch ein Rei­se­sack – das ist der sie­ben­te – bei zwei­en ist Schloss und Bü­gel von Gold. Dort ste­hen sie alle in Reih und Glied und sper­ren die gol­de­nen und sil­ber­nen Zäh­ne auf. Wie kön­nen nur die Leu­te den­ken – –«

Sie vollen­de­te den Satz nicht, denn eben kam eine Drosch­ke rasch um die Ecke ge­fah­ren und sie er­blick­te ein jun­ges strah­len­des Ge­sicht und ein fla­ches Päck­chen; dann sank sie wie­der aufs Sofa zu­rück und hol­te tief Atem. Es klin­gel­te wie­der; je­mand stürm­te die Trep­pe her­auf, im­mer vier Stu­fen auf ein­mal. Sie kann­te den Schritt, saß aber mäus­chen­still. Im nächs­ten Au­gen­blick stand er im Zim­mer. Ihre Au­gen hie­ßen ihn will­kom­men, aber ihre Lip­pen schmoll­ten: »Du kommst zehn Mi­nu­ten zu früh, Syd­ney, und ich habe so viel zu tun. Was bringst du mir denn da?«

»O du klei­ne Heuch­le­rin! Und da­bei sehnst du mich schon seit ei­ner Stun­de mit den Dia­man­ten her­bei. Ich habe nicht übel Lust, sie wie­der fort­zu­tra­gen.«

Er saß schon ne­ben ihr, hat­te den rech­ten Arm um sie ge­schlun­gen und hielt das Ju­we­len­käst­chen in sei­ner Lin­ken weit weg von ihr. Er­rö­tend und la­chend mach­te sie sich los, um die Dia­man­ten zu er­ha­schen. Doch er kam ihr zu­vor. Rasch sprang er auf und hielt das Etui acht Fuß hoch in die Luft. Li­li­an stell­te sich auf die Fuß­spit­zen; mit ei­ner Hand konn­te sie sei­nen Ell­bo­gen er­rei­chen, mit der an­dern griff sie ihm in die brau­nen Lo­cken und mach­te sich zum Sprung be­reit. Da­bei kam sie sei­nem Ge­sicht zu nah und konn­te sich nicht weh­ren. Die Fol­gen wa­ren un­ver­meid­lich.

»O, du bö­ser Mensch!« rief sie un­will­kür­lich in ih­rer Über­ra­schung.

»Vor­aus­be­zah­lung,« er­wi­der­te er la­chend und leg­te ihr das kost­ba­re Etui in die Hand. »Es stimmt nicht ganz, das ge­ste­he ich ein: doch bin ich be­reit, dir her­aus­zu­ge­ben, so­viel du willst.«

Li­li­an war mit ih­rem Schatz nach dem Sofa ent­flo­hen.

»Nun sei ein­mal einen Au­gen­blick ver­nünf­tig und rei­che mir die Sche­re, die dort in dem Ar­beits­körb­chen ne­ben der ein­ge­rahm­ten Fo­to­gra­fie auf dem Tisch liegt.«

Das Etui war in hell­brau­nes Pa­pier ge­wi­ckelt, mit Bind­fa­den ver­schnürt und fest zu­ge­sie­gelt. Has­tig zer­schnitt sie die Schnur, ohne die großen ro­ten Sie­gel zu ver­let­zen, und ließ die Pa­pier­hül­le auf den Tep­pich fal­len.

Aus dem wei­chen wei­ßen Sei­den­pa­pier kam das neue Etui von hell­brau­nem Saf­fi­an zum Vor­schein, auf dem ein ver­schlun­ge­nes L. H. in gol­de­nen Buch­sta­ben prang­te. Li­li­an stieß einen lei­sen Freu­den­schrei aus; die Dia­man­ten wa­ren nun wirk­lich ihr Ei­gen­tum. Der glück­li­che Bräu­ti­gam ne­ben ihr sah sie lie­be­voll an, wie man ein hüb­sches spie­len­des Kind be­trach­tet, und tat, als wol­le er ihr den Schmuck ent­rei­ßen. Doch sie hielt ihn fest, zö­ger­te noch einen Au­gen­blick, hol­te tief Atem, um sich auf den ent­zücken­den An­blick vor­zu­be­rei­ten, und öff­ne­te das Etui. – Es war leer!

Das Fut­ter von vio­let­tem Samt mit dem er­höh­ten Mit­tel­punkt sah nur et­was zer­knit­tert aus, wie ein Bett, in dem je­mand ge­le­gen hat. Das war al­les. Li­li­an schau­te ih­ren Bräu­ti­gam halb be­lus­tigt, halb vor­wurfs­voll an; sie dach­te, er habe ihr einen Streich ge­spielt. Doch er mach­te ein er­schreck­tes und über­rasch­tes Ge­sicht.

»Was soll das hei­ßen, Syd­ney? Treibst du Scherz mit mir?« frag­te sie.

»Ich be­grei­fe es nicht, Lily,« ver­setz­te er mit völ­lig ver­än­der­ter Stim­me. »Es ist mir un­fass­lich. Ich brin­ge dir das Etui, wie Herr Ophir es mir über­ge­ben hat. Er sag­te, er habe die Dia­man­ten hin­ein­ge­legt und das Pa­ket ei­gen­hän­dig ver­sie­gelt. Sieh nur,« sag­te er, das Pa­pier vom Bo­den auf­he­bend, »die Sie­gel sind noch un­ver­letzt. Seit­dem hat es kein Mensch be­rührt au­ßer dir und mir, aber die Dia­man­ten sind fort! Dem al­ten Ophir wür­de es auch nicht im Traum ein­fal­len, mir sol­chen Streich zu spie­len. Und doch weiß ich kei­ne and­re Er­klä­rung, als dass er … Nein, das wäre zu ab­ge­schmackt. Er ist ein un­ge­heu­er rei­cher Mann und so zu­ver­läs­sig wie die Bank von Eng­land. Noch als er mir das kost­ba­re Pa­ket ein­hän­dig­te, hat er mich zur Vor­sicht er­mahnt: ›Das Etui hat einen Wert von zwan­zig­tau­send Pfund, Herr Har­court,‹ sag­te er, ›ge­ben Sie es nicht aus der Hand, da­mit es nicht Scha­den lei­det.‹ Na­tür­lich folg­te ich sei­nem Rat, und trotz­dem sind die Dia­man­ten aus dem Etui und dem ver­sie­gel­ten Pa­pier spur­los ver­schwun­den.«

Er starr­te trüb­sin­nig auf das vio­let­te Samt­fut­ter: »Ich muss gleich mit Herrn Ophir spre­chen.«

»O Syd­ney, lass mich nicht al­lein!«

»Nun, dann will ich ihm schrei­ben. Die Sa­che wird wohl auf ei­nem lä­cher­li­chen Miss­ver­ständ­nis be­ru­hen. Vi­el­leicht hat er mir ein falsches Etui ge­ge­ben oder je­mand hat ein lee­res Etui un­ter­ge­scho­ben, wäh­rend Ophir einen Au­gen­blick weg­sah. Wir wer­den uns wohl an einen Ge­heim­po­li­zis­ten wen­den müs­sen. Das will ich ihm auf der Stel­le vor­schla­gen. Wo kann ich ein paar Zei­len schrei­ben?«

»Dort auf dem Tisch steht eine gan­ze Rei­he von Tin­ten­fäs­sern.«

Li­li­an schob ihm ein zier­li­ches Schreib­zeug aus Perl­mut­ter und Schild­krot hin. Die in Sil­ber ge­fass­ten Be­häl­ter wa­ren mit wohl­rie­chen­der Tin­te ge­füllt. »Schaff mir doch or­dent­li­che Tin­te, Lily«, sag­te Har­court in so ge­reiz­tem Ton, wie sie ihn noch nicht an ihm kann­te, und mit ei­ner Un­ge­duld, die zu sei­nem stets son­nig hei­te­ren We­sen durch­aus nicht pass­te, »mit die­sem Zeug kann ich un­mög­lich an den al­ten Ophir schrei­ben.«

Sie glitt ge­räusch­los zum Zim­mer hin­aus, und als sie gleich dar­auf wie­der ein­trat, saß Har­court auf dem Sofa und hat­te die Pa­pier­hül­le mit den Sie­geln und den Bind­fa­den in der Hand. »Un­be­greif­lich!« mur­mel­te er. »Es ist, als wä­ren sie in der Luft ver­schwun­den. Aber wenn uns ir­gend je­mand hel­fen kann, so ist es der alte Ophir.«

Har­court brumm­te erst ein we­nig dar­über, wie un­brauch­bar Tin­te und Pa­pier der Da­men sind, dann schrieb er:

»Geehr­ter Herr Ophir!

Ich habe Ih­nen et­was sehr Merk­wür­di­ges mit­zu­tei­len: Nach­dem Sie mir das Etui über­ge­ben hat­ten, bin ich da­mit ge­ra­des­wegs nach der Bel­gra­ve Street zu Fräu­lein Ray ge­fah­ren, die in mei­ner Ge­gen­wart die Schnur zer­schnit­ten hat, ohne die Sie­gel zu er­bre­chen. Zu uns­rer größ­ten Über­ra­schung fan­den wir in­des kei­ne Dia­man­ten dar­in. Es muss ir­gend ein Irr­tum vor­ge­fal­len sein. Vi­el­leicht sind Sie im­stan­de, das Rät­sel zu lö­sen. Falls Sie Un­red­lich­keit arg­wöh­nen, bit­te ich Sie herz­lich, einen Ge­heim­po­li­zis­ten an­zu­neh­men. Der Kut­scher soll auf Ant­wort war­ten.

In Eile Ihr er­ge­be­ner

Syd­ney Har­court.«

Er lief selbst die Trep­pe hin­un­ter und rief eine Drosch­ke an, die lang­sam die Stra­ße da­her­fuhr. Wie der Wind kam der Kut­scher vor­ge­fah­ren und warf fast einen Bett­ler um, der am Hau­se dicht ne­ben dem Prell­stein her­um­lun­ger­te.

»Hier, Kut­scher, brin­gen Sie dies Brief­chen zu Herrn Ophir in der Bond Street. Die Adres­se steht auf dem Um­schlag. War­ten Sie auf Ant­wort. Ich zah­le die dop­pel­te Taxe, wenn Sie rasch wie­der­kom­men.«

Der Kut­scher nahm den Brief in Empfang, leg­te die Hand an den Hut und jag­te fort wie der Pfeil vom Bo­gen.

Har­court warf dem schel­ten­den Bett­ler einen Schil­ling hin und schlug die Tür zu. Hät­te er noch eine Se­kun­de ver­weilt, so wür­de er ge­se­hen ha­ben, wie der Bett­ler in größ­ter Schnel­lig­keit da­von­lief und um die Ecke ver­schwand.

»O Syd­ney, mach doch kein so trost­lo­ses Ge­sicht,« fleh­te Li­li­an, de­ren necki­sche Lau­ne ver­flo­gen war. »Es wird sich ja al­les auf­klä­ren. Ge­schieht es aber nicht, so macht mir das auch kei­nen Kum­mer. Dein Va­ter liebt uns bei­de viel zu sehr, um ernst­lich böse zu wer­den. Du kannst ja auch über­haupt nichts da­für.«

»Ja, siehst du, Lily, die ver­teu­fel­ten Din­ger – ver­zeih, aber ich bin ganz au­ßer mir – sie sind nun doch ein­mal aus mei­nen Hän­den ver­schwun­den. Wer sie in sei­nen Be­sitz be­kom­men hat, kann hohe Sum­men dar­aus lö­sen. Ich habe frü­her et­was toll ge­wirt­schaf­tet, ehe ich dich ken­nen lern­te, lie­bes Herz, und vie­le glau­ben, ich hät­te über mei­ne Mit­tel ge­lebt. Na­tür­lich wer­de ich ins Ge­re­de kom­men, und mich soll’s nicht wun­dern, wenn böse Zun­gen sa­gen – nein, das will ich lie­ber nicht aus­spre­chen; mich küm­mer­t’s auch kei­nen Pfif­fer­ling. Du selbst wirst nur im­mer Gu­tes von mir den­ken und re­den, und ich möch­te um alle Dia­man­ten von Gol­kon­da kei­ne Wol­ke auf dei­ner schö­nen Stirn und kei­ne Trä­ne in dei­nen blau­en Au­gen se­hen. Mö­gen die kost­ba­ren Stei­ne zum Kuckuck fah­ren – hier ist ein stär­ke­rer Ma­gnet.«

Die Lie­be ist eine all­mäch­ti­ge Zau­be­rin. In fünf Mi­nu­ten hat­te das Braut­paar die Dia­man­ten so gänz­lich aus dem Sin­ne ge­las­sen, wie sie aus dem Etui ver­schwun­den wa­ren. Erst als eine Drosch­ke an­ge­ras­selt kam und vor der Tür hielt, wur­den sie wie­der in die All­tags­welt zu­rück­ver­setzt.

Ein Die­ner trat ein und brach­te auf ei­nem sil­ber­nen Tel­ler eine nicht sehr sau­be­re Vi­si­ten­kar­te. Har­court nahm sie in Empfang und Li­li­an, die ihm über die Schul­ter sah, las den Na­men

Paul Beck Pri­vat­de­tek­tiv.

»Wie sieht er aus, Tom­lin­son?«

»Ein star­ker Mann in grau­em An­zug. Kommt mir nicht sehr ge­scheit vor.«

»Lass ihn her­auf­kom­men.«

»Was soll das hei­ßen? Wer kann es sein?« mur­mel­te Har­court un­ru­hig, als der Die­ner fort war. »Der Mann kann un­mög­lich schon von Ophir zu­rück­kom­men, ge­schwei­ge dass die­ser in so kur­z­er Zeit hät­te einen Ge­heim­po­li­zis­ten auf­trei­ben kön­nen. Daraus wer­de ein and­rer klug.«

»Weißt du, er kam an­ge­fah­ren wie der Wind. Und wir wun­dern uns ja im­mer, wie schnell die Zeit ver­geht, wenn wir von un­se­rer Zu­kunft re­den.«

Jetzt mach­te der Die­ner die Türe weit auf, um Herrn Paul Beck an­zu­mel­den. Der De­tek­tiv schi­en al­les Auf­se­hen ver­mei­den zu wol­len. Er kam ganz lei­se ins Zim­mer ge­schli­chen und stell­te sich so viel wie mög­lich mit dem Rücken ge­gen das Licht, als sei ihm die Heim­lich­keit zur Ge­wohn­heit ge­wor­den. Der vier­schrö­ti­ge Mann im dun­kel­grau­en An­zug mach­te eher den Ein­druck ei­nes ehr­ba­ren Milch­händ­lers, der sich zur Ruhe ge­setzt hat, als ei­nes Ge­heim­po­li­zis­ten. Ein röt­li­cher Ba­cken­bart um­rahm­te sein blü­hen­des Ge­sicht, und das hell­brau­ne Haar kräu­sel­te sich wie die Lo­cken ei­nes Pu­dels. Sei­ne großen blau­en Au­gen schau­ten ver­wun­dert drein und er lä­chel­te so un­schul­dig wie ein Kind.

Li­li­an glaub­te zu be­mer­ken, dass er beim Ein­tre­ten einen ra­schen schar­fen Blick nach dem Tisch hin warf, wo das lee­re Schmucke­tui lag, und auf die Pa­pier­hül­le am Bo­den. Aber der leb­haf­te Aus­druck war gleich wie­der aus sei­nem Ge­sicht ver­schwun­den, wie der Schein ei­nes er­lö­schen­den Lichts.

Har­court kann­te den Mann sei­nem Rufe nach als einen der ge­schick­tes­ten Ge­heim­po­li­zis­ten Lon­d­ons, von dem man wuss­te, dass er schon Rät­sel ge­löst hat­te, an de­nen alle Küns­te der Po­li­zei ge­schei­tert wa­ren. Nach sei­nem Äu­ßern zu ur­tei­len, hät­te man das kaum für mög­lich ge­hal­ten.

»Bit­te, neh­men Sie Platz, Herr Beck«, sag­te er. »Ver­mut­lich kom­men Sie we­gen – – –«

»We­gen der Dia­man­ten,« fiel ihm je­ner rasch ins Wort. »Ich war glück­li­cher­wei­se ge­ra­de bei Herrn Ophir, als Ihr Zet­tel ein­traf, und er for­der­te mich auf, den Fall zu über­neh­men. Ihr Drosch­ken­kut­scher hat sich mög­lichst be­eilt, und hier bin ich.«

»Die Tat­sa­chen sind Ih­nen be­reits mit­ge­teilt.«

»In al­ler Kür­ze.«

»Und Sie glau­ben – – –«

»Ich glau­be nicht, ich weiß, wie und wo ich der Dia­man­ten hab­haft wer­den kann.«

Er sprach sehr zu­ver­sicht­lich, und es kam Li­li­an vor, als spie­le ein Lä­cheln um sei­nen un­schulds­vol­len Mund, wäh­rend er ein Auge halb zu­kniff.

»Das freut mich ja von gan­zem Her­zen«, sag­te Har­court. »Die Sa­che macht mir große Sor­ge. Hat Herr Ophir viel­leicht eine Ver­mu­tung ge­äu­ßert – – –«

»Nein; dar­an lag mir auch nichts,« fiel Beck wie­der ein. »Zum Re­den ist kei­ne Zeit. Es gilt der fri­schen Spur zu fol­gen. Ist dies hier das Dia­man­te­ne­tui?«

»Ja,« sag­te Har­court, wäh­rend er es in die Hand nahm und öff­ne­te, »ganz so leer, wie es her­kam.«

Beck schloss das Etui rasch wie­der und steck­te es in die Ta­sche. »Dort liegt wohl das Pa­pier und der Bind­fa­den der Ver­pa­ckung?«

Har­court nick­te und je­ner hob bei­des sorg­fäl­tig auf und steck­te es in sei­ne and­re Ta­sche.

»Wie Sie se­hen, sind die Sie­gel noch un­er­bro­chen,« be­merk­te Har­court. »Den Bind­fa­den hat Fräu­lein Ray ent­zwei­ge­schnit­ten, aber als sie –«

»Ich emp­feh­le mich Ih­nen, Herr Har­court,« un­ter­brach ihn der Ge­heim­po­li­zist ohne wei­te­re Förm­lich­keit. »Le­ben Sie wohl, gnä­di­ges Fräu­lein.«

»Ha­ben Sie denn alle nö­ti­gen Er­kun­di­gun­gen ein­ge­zo­gen?« frag­te Har­court er­staunt. »Un­mög­lich kön­nen sie doch schon den Schlüs­sel ge­fun­den ha­ben.«

»Ich habe al­les ge­fun­den, was ich such­te und woll­te. Wie ich den Dieb fan­gen kann, ist mir ganz klar. So­bald ich Ih­nen Neu­es zu be­rich­ten habe, wer­de ich schrei­ben. Einst­wei­len sage ich Ih­nen Le­be­wohl.«

Er hat­te au­gen­schein­lich große Eile, sein Werk in An­griff zu neh­men. Noch be­vor Har­court ein Wort er­wi­dern konn­te, war er zum Zim­mer hin­aus und die Trep­pe hin­un­ter. Die Haus­tür sel­ber öff­nend, sprang er in die Drosch­ke, die er hat­te war­ten las­sen, und der Kut­scher jag­te da­von, dass die Fun­ken sto­ben.

Noch war er nicht fünf Mi­nu­ten fort, als von der ent­ge­gen­ge­setz­ten Sei­te der Stra­ße her aber­mals eine Drosch­ke an­ge­ras­selt kam.

Li­li­an und Syd­ney hat­ten sich noch kaum von ih­rer Ver­wun­de­rung über den kur­z­en Ab­schied des Ge­heim­po­li­zis­ten er­holt, als Tom­lin­son wie­der mit ei­ner, dies­mal ma­kel­lo­sen, Vi­si­ten­kar­te er­schi­en, auf der

Paul Beck Pri­vat­de­tek­tiv

stand.

Har­court fuhr er­staunt in die Höhe und Li­li­an sah halb über­rascht halb be­lus­tigt aus.

»Ist es der­sel­be Mann, Tom­lin­son?«

»Ja­wohl. Aber er scheint mir ein sehr zer­streu­ter Herr zu sein. ›Ist in der letz­ten Vier­tel­stun­de je­mand hier ge­we­sen?‹ frag­te er wie atem­los, als ich ihm auf­mach­te. ›Sie selbst wa­ren doch vor kaum fünf Mi­nu­ten hier,‹ sag­te ich. ›Wirk­lich?‹ rief er und lach­te da­bei ganz son­der­bar. ›Sind Sie Ih­rer Sa­che auch ge­wiss – und bin ich jetzt hier?‹ Ich sah ihn scharf an, aber er schi­en ganz nüch­tern zu sein. ›Frei­lich sind Sie hier,‹ sag­te ich, ›Sie ste­hen ja in gan­zer Per­son vor mir.‹ – ›O, ich mei­ne nur, ob ich über­haupt fort­ge­gan­gen bin?‹ – ›Sie sind in ei­ner Drosch­ke weg­ge­fah­ren, was die Pfer­de lau­fen konn­ten,‹ ant­wor­te­te ich, um ihn nicht vor den Kopf zu sto­ßen, denn er mach­te ein ganz ernst­haf­tes Ge­sicht und sah or­dent­lich be­tre­ten aus, als ich die Drosch­ke er­wähn­te. ›Scha­de, scha­de,‹ mur­mel­te er, ›ich bin zehn Mi­nu­ten zu spät ge­kom­men. Doch das lässt sich eben nicht än­dern. Brin­gen Sie nur die Kar­te hin­ein, mein Lie­ber.‹ – Wol­len Sie ihn emp­fan­gen, Herr Har­court?«

»Na­tür­lich.«

»Wie merk­wür­dig!« rief Li­li­an. »Er kann doch die Dia­man­ten nicht in fünf Mi­nu­ten ge­fun­den ha­ben.«

»Vi­el­leicht hat er doch eine Spur ent­deckt. Dass er drau­ßen in der Vor­hal­le den bra­ven Tom­lin­son zum bes­ten ge­habt, be­weist, dass er über ir­gend et­was sehr gu­ter Lau­ne ist. Ich hät­te dem al­ten Bur­schen sol­che Spä­ße wahr­haf­tig nicht zu­ge­traut.«

»Herr Paul Beck,« mel­de­te der Die­ner.

In dem We­sen des Ge­heim­po­li­zis­ten war eine ge­wis­se un­be­schreib­li­che Ver­än­de­rung be­merk­bar. Sei­ne Be­we­gun­gen wa­ren we­ni­ger plötz­lich, sein Gang nicht so schlei­chend; auch stell­te er sich nicht im­mer ab­sicht­lich mit dem Rücken ge­gen das Licht.

»Sie kom­men rasch zu­rück, Herr Beck,« sag­te Har­court. »Ha­ben Sie eine Spur ge­fun­den?«

»Ich wäre gern fünf Mi­nu­ten frü­her ge­kom­men,« ver­setz­te der Ge­heim­po­li­zist mit völ­lig ver­än­der­ter Stim­me. »Lei­der habe ich die Fähr­te ver­lo­ren und muss mich erst zu­recht­fin­den. – Wo ist das Dia­man­te­ne­tui?«

»Das habe ich Ih­nen ja selbst vor fünf Mi­nu­ten ge­ge­ben.«

»Mir?« frag­te Beck, be­sann sich aber und ver­zog das Ge­sicht zu ei­nem Lä­cheln, das fast aus­sah wie eine Gri­mas­se. »Ja­wohl, Sie ha­ben es mir ge­ge­ben. Und was habe ich denn da­mit ge­tan?«

»Ich ver­ste­he Sie ganz und gar nicht.«

»Das ist auch un­nö­tig! Sie brau­chen mir nur zu ant­wor­ten.«

»Ent­schul­di­gen Sie, Herr Beck, dies ist nicht der Au­gen­blick für schlech­te Spä­ße, und ich bin auch durch­aus nicht dazu auf­ge­legt.«

»Sie wer­den spä­ter schon noch ein­se­hen, dass ich kei­nen Spaß mit Ih­nen ge­trie­ben habe, Herr Har­court. Dem Spaß­ma­cher aber hof­fe ich noch tüch­tig heim­zu­leuch­ten. Üb­ri­gens kom­me ich von Herrn Ophir.«

»Das ha­ben Sie mir schon ein­mal ge­sagt.«

»So, dann wie­der­ho­le ich es eben. Herr Ophir hat mich be­auf­tragt, die ver­lo­re­nen Dia­man­ten zu fin­den, und ich er­lau­be mir die höf­li­che Fra­ge, was aus dem Etui ge­wor­den ist.«

»Genau das, was Sie selbst da­mit ge­macht ha­ben.« Har­court wur­de rot vor Är­ger über die­se kalt­blü­ti­ge Frech­heit; aber Li­li­an schlug sich ins Mit­tel.

»Sie ha­ben es in die Ta­sche ge­steckt und mit fort­ge­nom­men, Herr Beck.«

»Hat­te ich große Eile?«

»Sie nah­men sich kei­nen Au­gen­blick Zeit.«

»War ich ge­nau so ge­klei­det wie jetzt?«

»Auf ein Haar.«

»Und auch mein gan­zes Äu­ße­res war eben­so?«

»Voll­kom­men.«

»So­wohl die Ge­stalt wie das Ge­sicht?«

»Mir scheint, Sie ha­ben jetzt we­ni­ger Kunst auf­ge­wendet.«

»Kunst? Was wol­len Sie da­mit sa­gen, Fräu­lein?«

»Nun, es kam mir so vor, als hät­ten Sie sich ver­schö­nern wol­len. Ihre Wan­gen sa­hen aus wie ge­schminkt.«

»Und stell­te ich mich im­mer mit dem Rücken ge­gen das Licht?«

»Wie gut Sie sich dar­an er­in­nern!«

Beck lach­te; Har­court aber brach zor­nig los: »Glau­ben Sie nicht, dass es jetzt ge­nug ist mit der Nar­re­tei?«

»Mehr als ge­nug,« gab Beck ru­hig zur Ant­wort. »Ich habe die Ehre, Ih­nen gu­ten Mor­gen zu wün­schen, Herr Har­court; auch Ih­nen, gnä­di­ges Fräu­lein!« Und als er sich an Li­li­an wand­te, lag of­fen­ba­re Be­wun­de­rung im Ton sei­ner Stim­me.

»O Syd­ney,« rief sie, so­bald die Türe sich hin­ter je­nem ge­schlos­sen hat­te, »ich bin noch durch und durch er­schüt­tert. Ein so ver­wor­re­nes Ge­heim­nis ist noch nie da ge­we­sen. Wel­cher von ih­nen mag nur der rich­ti­ge Herr Beck sein?«

»Wel­cher? Was in al­ler Welt meinst du denn? Mir ist schon so wie so ganz schwin­de­lig zu Mute. Bei­de sind je­den­falls der­sel­be Herr Beck – der rich­ti­ge oder falsche, wo­für du ihn nun hal­ten magst.«

Un­ter­des­sen fuhr Beck in schnells­tem Tra­be nach Herrn Ophirs Woh­nung in der Bond Street zu­rück. Er fand den an­ge­se­he­nen Ju­we­lier in sei­nem klei­nen Bu­reau hin­ter dem von Edel­stei­nen fun­keln­den La­den, doch schi­en ihn sei­ne ge­wöhn­lich so wür­de­vol­le Hal­tung ver­las­sen zu ha­ben.

»Nun, was brin­gen Sie?« frag­te er in großer Auf­re­gung, nach­dem der Ge­heim­po­li­zist die Tür sorg­fäl­tig hin­ter sich ge­schlos­sen hat­te.

»Ich glau­be, ich bin dem Die­be auf der Spur, we­nigs­tens kann ich mit ziem­li­cher Ge­wiss­heit sa­gen, in wes­sen Hän­den die Dia­man­ten sind.«

»Herr Har­court hat ein et­was aus­schwei­fen­des Le­ben ge­führt, ehe es zu die­ser Ver­lo­bung kam,« sag­te Ophir in un­si­che­rem Ton und mit ver­le­ge­nem Lä­cheln.

»Von wem ha­ben Sie das neue Etui ma­chen las­sen?« frag­te Beck, dem Ge­spräch ganz un­ver­mit­telt eine and­re Wen­dung ge­bend.

»Hm – ja so – von Smit­h­son, ei­nem sehr ge­schick­ten und zu­ver­läs­si­gen Meis­ter. Der schon seit zwan­zig Jah­ren für mich ar­bei­tet. Das Etui war ganz vor­züg­lich an­ge­fer­tigt.«

»Wer hat es Ih­nen über­bracht?«

»Ei­ner von Smit­h­sons Leu­ten.«

»Sag­ten Sie nicht, der Mann habe zu­ge­se­hen, wie Sie die Dia­man­ten in das Etui leg­ten und das Pa­ket zu­sie­gel­ten?«

»Ja, er stand nur ein paar Schrit­te ent­fernt. Auch zwei von mei­nen ei­ge­nen An­ge­stell­ten wa­ren zu­ge­gen. Wenn Sie die­se etwa be­fra­gen möch­ten, will ich Car­ton und Cui­son gleich ru­fen las­sen.«

»Nein, dar­an ist mir einst­wei­len nichts ge­le­gen. Aber um Smit­h­sons Adres­se möch­te ich Sie bit­ten, Herr Ophir. Ver­mut­lich wür­de es uns von Nut­zen sein, wenn wir sei­nes Bo­ten hab­haft wer­den könn­ten.«

»Das be­zweifle ich sehr, Herr Beck, denn es war ein ganz ge­wöhn­li­cher Ar­bei­ter. Mei­ne ei­ge­nen Leu­te wä­ren weit zu­ver­läs­si­ge­re Zeu­gen. Vi­el­leicht dürf­ten Sie auch Mühe ha­ben, ihn zu fin­den. Doch dar­über kann ich Ih­nen na­tür­lich kei­ne be­stimm­te Aus­kunft ge­ben.«

Der alte Herr sah ganz er­hitzt und auf­ge­regt aus, was den De­tek­tiv sicht­lich wun­der nahm. »Bes­ten Dank für Ihren Rat, Herr Ophir,« sag­te er. »Ich zie­he es je­doch vor, auf mei­ne Wei­se ans Werk zu ge­hen.«

Zwan­zig Mi­nu­ten spä­ter stand der un­er­müd­li­che Paul Beck schon in Smit­h­sons Werk­statt, um den Meis­ter aus­zu­fra­gen; al­lein es führ­te zu nichts. Der Mann, der Herrn Ophir das Etui über­bracht hat­te, war zu­gleich der Ver­fer­ti­ger. Ei­nen ge­schick­teren Ar­bei­ter hat­te Smit­h­son noch nie ge­habt: er hieß Mul­li­gan und war erst vor zehn Ta­gen bei ihm ein­ge­tre­ten. Ob er aus Ir­land oder Hol­land stamm­te, wuss­te der Meis­ter nicht; je­den­falls ver­stand er sein Ge­wer­be. Mul­li­gan moch­te sich wohl in be­dräng­ter Lage be­fin­den, denn er ver­lang­te kei­nen ho­hen Lohn. Doch war er kaum eine hal­be Stun­de in der Werk­statt ge­we­sen, da zeig­te er schon, was er leis­ten konn­te; des­halb hat­te ihn auch Smit­h­son das Etui zu den Har­court-Dia­man­ten an­fer­ti­gen las­sen, als die Be­stel­lung kam. Den gan­zen Tag über war er da­mit be­schäf­tigt ge­we­sen; abends nahm er dann das Etui mit nach Hau­se und brach­te es am an­dern Mor­gen fer­tig zu­rück. »So schnell und gut hat mir noch nie­mand eine Ar­beit ge­lie­fert,« schloss der Meis­ter sei­nen Be­richt.

»Aber wie hat er das an­ge­stellt? Sie ha­ben ihn doch die Dia­man­ten nicht nach Hau­se neh­men las­sen?«

»Wo den­ken Sie hin!« rief Smit­h­son eif­rig und warf einen ver­wun­der­ten Blick auf den großen De­tek­tiv, der mit dem un­schulds­vol­len Aus­druck vor ihm stand, ohne eine Mie­ne zu ver­zie­hen. »Die Dia­man­ten hat er nicht zu Ge­sicht be­kom­men; da­von war kei­ne Rede.«

»Wie hat er denn aber ein pas­sen­des Etui ma­chen kön­nen?«

»Nach un­serm Mo­dell – dem al­ten Etui.«

»Ha­ben Sie das noch hier?« Bei die­ser Fra­ge ver­riet Herr Beck zum ers­ten Mal ein leb­haf­tes In­ter­es­se.

»Ja, ich glau­be, es muss noch ir­gend­wo sein. Ich will gleich nach­se­hen.«

Gleich dar­auf kehr­te er mit ei­nem ab­ge­scheu­er­ten und ver­schos­se­nen Schmucke­tui aus vor­mals dun­kel­grü­nem Saf­fi­an­le­der zu­rück, des­sen in­wen­di­ger wei­ßer Samt­be­zug vor Al­ter gelb ge­wor­den war.

»Hier ist das Mo­dell, Herr Beck. Der er­höh­te Mit­tel­punkt war für den großen Stern be­stimmt und rings­um in die Ver­tie­fung kam das Hals­band zu lie­gen.«

»Ganz rich­tig!« ver­setz­te Beck. Er leg­te für sei­ne ge­wöhn­lich sehr ru­hi­ge Art merk­wür­dig viel Aus­druck in die­se Wor­te.

»Nicht wahr, Sie kön­nen mir das alte Etui über­las­sen?« frag­te er nach ei­ner Pau­se.

»Ge­wiss. Herr Ophir wird nichts da­ge­gen ha­ben.«

»Sa­gen Sie ein­mal, Smit­h­son,« be­gann Beck wie­der, »hat nicht je­ner Mul­li­gan – so hieß er ja wohl? – sich auf Herrn Ophir be­ru­fen?«

»Frei­lich; das fällt mir erst jetzt wie­der ein. Als er zu mir kam, er­kun­dig­te er sich, ob ich nicht für Herrn Ophir ar­bei­te: es schi­en ihm sehr dar­an ge­le­gen zu sein. Er wuss­te viel Gu­tes von Ophir zu sa­gen und mein­te, wenn ich woll­te, könn­te er sich wohl eine Emp­feh­lung von ihm ge­ben las­sen. Doch ich ver­lang­te es nicht; Mul­li­gans Ar­beit war mir Emp­feh­lung ge­nug. So hal­te ich es in mei­nem Ge­schäft.«

Der Ge­heim­po­li­zist steck­te das Etui in die Rock­ta­sche und nä­her­te sich der Türe. Auf der Schwel­le blieb er noch ein­mal ste­hen.