Notfallkontakte - Esther Becker - E-Book

Notfallkontakte E-Book

Esther Becker

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Beschreibung

Eine Frau trennt sich. Endlich. Eine andere pinkelt in den Schnee. Schwarze Löcher öffnen und vergrößern sich in Küchen, nehmen immer mehr Raum ein und machen den Alltag allmählich unmöglich. Rettungsringe verschwinden am Kanal. Zähne und Herzen brechen, Bonsais werden begraben. Auf Parkplätzen und in Bars, auf Brücken und in Parks, in Krankenhäusern und Gerichtssälen wird die Fassung verloren. "Notfallkontakte" erzählt von Menschen in Situationen größter Verletzlichkeit, von Kontrollverlust und dem Bedürfnis nach Zeug*innenschaft. Esther Beckers feministische Erzählungen bestechen durch eine präzise Beobachtungsgabe und ein hohes Maß an Empathie. Wie bereits in ihrem Debütroman "Wie die Gorillas" beleuchtet sie die verschiedensten emotionalen Notlagen ihrer Protagonist*innen poetisch und melancholisch, aber niemals ohne eine Portion ihres feinen Humors.

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Seitenzahl: 101

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Eine Frau trennt sich. Endlich. Eine andere pinkelt in den Schnee. Schwarze Löcher öffnen und vergrößern sich in Küchen, nehmen immer mehr Raum ein und machen den Alltag allmählich unmöglich. Rettungsringe verschwinden am Kanal. Zähne und Herzen brechen, Bonsais werden begraben. Auf Parkplätzen und in Bars, auf Brücken und in Parks, in Krankenhäusern und Gerichtssälen wird die Fassung verloren.

»Notfallkontakte« erzählt von Menschen in Situationen größter Verletzlichkeit, von Kontrollverlust und dem Bedürfnis nach Zeug*innenschaft. Esther Beckers feministische Erzählungen bestechen durch eine präzise Beobachtungsgabe und ein hohes Maß an Empathie. Wie bereits in ihrem Debütroman »Wie die Gorillas« beleuchtet sie die verschiedensten emotionalen Notlagen ihrer Protagonist*innen poetisch und melancholisch, aber niemals ohne eine Portion ihres feinen Humors.

Esther Becker, geboren 1980 in Erlangen, lebt als Dramatikerin, Schriftstellerin und Drehbuchautorin in Berlin. Sie studierte an der Hochschule der Künste Bern und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie veröffentlichte Texte in diversen Magazinen und Anthologien. Ihre Theatertexte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet und in Deutschland und der Schweiz aufgeführt. 2021 erschien ihr vieldiskutierter Debütroman »Wie die Gorillas«.

Esther Becker

Notfallkontakte

Erzählungen

VERBRECHER VERLAG

Die Autorin dankt dem Artist-in-Residence Programm des MuseumsQuartier Wien und dem BMEIA.

Erste Auflage

Verbrecher Verlag Berlin 2025

Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin

[email protected]

www.verbrecherei.de

© Verbrecher Verlag 2025

Coverbild: Julia Schwarz

Gestaltung und Satz: Christian Walter

Druck: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Print-ISBN: 978-3-95732-625-6

Printed in Germany

E-Book-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

E-Book-ISBN: 978-3-95732-636-2

Der Verlag dankt Charlotte Knauth und Julian Seibold.

INHALT

Ich war hier

Luftraum

Ast

Anleitung für den Abstieg

Notfallkontakte

Keine Angst

Das ist das Ende

Die Ausnahme

Man stelle sich vor

Rettung

Mund zu, treiben lassen

Der Prozess

Meine Wut ist ein Wirbelsturm.

Die Schlange

Editorische Notiz

I dress to kill my timeI take the long way homeI ask the traffic lights if it’ll be all rightThey say, »I don’t know«

Taylor Swift

ICH WAR HIER

Es liegt Schnee, als ich den Park durchquere. Ich bin ich nicht die Erste. Das trifft mich hart. Obwohl es früh am Morgen ist, war schon jemand vor mir hier. Hat mir die Chance genommen, mit knirschenden Schritten die frische Schneedecke zu entjungfern. Meine Eroberung zu besiegeln, der Stiefelabsatz die Flagge meiner Nation.

Vor einem hellen Hintergrund muss alles Dunkle klar umrissen hervorstechen. Der Schmerz wird so real wie die dürren Büsche, die den Park säumen. Die Äste sind zu mager, als dass darauf Schneeflocken Halt finden.

Der Wind zerrt an ihnen wie ein aufgebrachtes Kind am Jackenärmel seiner Eltern.

Sie hatte mir den Haustürschlüssel aus dem Fenster zugeworfen, ihr Summer sei kaputt. Damit er besser zu fangen war, hatte sie den Schlüsselbund in eine Socke gesteckt und diese zu einem Knäuel gestülpt. Mit großen Schritten stieg ich das Treppenhaus hinauf und trat durch die angelehnte Tür in ihre Wohnung.

Inmitten der Albernheiten hatte sie mich mit zusammengezogenen Brauen forschend angesehen und mir geraten, mich nicht in sie zu verlieben. Sie sei nicht zu haben.

Es war jemand vor mir hier. Und es wird jemanden nach mir geben.

Wer zum Erobern zu spät kommt, dem bleibt das Nachsehen. Das ist mir unmöglich, ich bin eine schlechte Verliererin.

Meine Schritte passen sich den Abständen der fremden Abdrücke an, quer über den verschneiten Rasen. Ich male nicht über den Rand.

Ich wollte mich wieder anziehen und gehen, als sei ich nie hier gewesen. Suchte im Dunkeln die Kleider zusammen, fand aber meine Socken nicht. Ich wusste nicht mehr, wo der Lichtschalter war, und konnte mich nicht durchringen, sie danach zu fragen, verharrte in Unsicherheit. Da hatte sie sich träge zu mir gedreht und gemurmelt, morgen sei auch noch ein Tag.

Später war ich in T-Shirt und Socken, die ich im Morgenlicht sofort gefunden hatte, in die Küche geschlichen, um Kaffee aufzusetzen. Die Knie unterm Shirt an die Brust gezogen, die Füße auf der Stuhlkante abgestützt, saß ich am Tisch und wartete. Meine volle Blase kniff, doch ich mochte mich nicht bewegen. Als sie mit wildem Haar in einem Frottee-Bademantel aus dem Schlafzimmer kam, hatte sie ausgesehen wie ein Geschenk. Die große Schleife auf Bauchnabelhöhe lud zum Auspacken ein. Sie erschrak, als sie mich bemerkte. Die Augenbrauen zerzaust, sah sie mich mit einem Ausdruck unverhohlener Irritation an, als habe sie mich bereits vergessen.

Die Wohnungstür klemmte, ich zog sie mit einem Ruck hinter mir zu. Das Licht im Treppenhaus flackerte tapfer. Sie wird mir nicht hinterherlaufen. Sich nicht einmal ans Fenster stellen, um mir nachzusehen.

In der Mitte bleibe ich stehen. Meine Stiefel sind undicht, die Socken haben sich vollgesogen. Ich drehe mich um. Kein Hinweis auf meine Existenz. Nur fremde Zeichen.

Die Kälte brennt auf der nackten Haut, tausend Nadelstiche am Hintern, den Schamlippen. Die heiße Pisse verdrängt den Schnee, ich versuche, den Strahl besser zu kontrollieren: ICH WAR HIER.

Nach dem ersten Wort ist meine Blase leer.

LUFTRAUM

Das beliebteste Mädchen der Klasse ist bei ihrer Geburtstagsparty mit einem Hubschrauber gelandet.

Mein Vater wollte es mir nicht glauben, das sei unmöglich, hat er gesagt, völlig ausgeschlossen, da an jenem Wochenende der Präsident in die Stadt käme und dementsprechend der Luftraum gesperrt sei.

Ich zeige ihm die Fotos auf meinem Telefon: Wir, wie wir auf dem Rasengrundstück hinterm Festsaal in flatternden Kleidern förmlich in Deckung gehen, da die Landung so viel Wind macht. Wir, wie wir mit im Gras versinkenden Absätzen, zerstörten Frisuren und zerlaufener Mascara dabei zusehen, wie das beliebteste Mädchen der Klasse ohne ein gekrümmtes Haar aus dem Helikopter steigt.

Meine Mutter gesellt sich zu uns und atmet beim Anblick unserer zerstörten Gesichter erschrocken ein. Sie war Model bevor sie meinen Vater geheiratet hat. Mein Vater ist Medienanwalt.

Seht ihr, sage ich meinen Eltern, seht ihr?

Luftraum hin oder her, sie haben es möglich gemacht.

Mein Vater nickt anerkennend, als sei bei ihm endlich der Groschen gefallen, dass man Luftraum, was auch immer das sein mag, kaufen kann, wie man alles kaufen kann, und dass sie für meine Party einen Gang höher schalten müssen und sagt: Was immer du willst! Wir machen es möglich!

Was immer sie will!, wiederholt meine Mutter vor der Verkäuferin in der Boutique und zeigt dabei, als wäre nicht ohnehin klar, wer gemeint ist, mit ihren frisch manikürten Fingern auf mich.

Wir haben im Nagelsalon den gleichen Farbton gewählt, und eine der vor uns knienden Frauen, die, die gerade dabei war, die Hornhaut von meinen Füßen zu entfernen, fragte, ob wir Freundinnen seien. Meine Mutter kam aus dem Kichern gar nicht mehr raus und gab ausnahmsweise Trinkgeld. Einen Hunderter, da das der kleinste Schein war, den sie im Portemonnaie hatte.

Die Verkäuferin präsentiert strahlend die Kleider, die sie für mich herausgesucht hat und die frisch gesteamt an dem Ständer baumeln, den sie in den Anprobebereich rollt.

Meine Mutter thront im Sessel vor der Kabine, ein Glas Champagner in der Hand, an dem sie ab und an mit geschürzten Lippen nippt. So winzige Schlückchen, dass sich der Pegelstand kaum verändert, doch es bleibt ein leichter Lippenstiftabdruck am Rand zurück.

Ich führe das erste Kleid vor, die Verkäuferin lächelt aufmunternd, als ich aus der Kabine trete, doch noch bevor ich mich richtig im Spiegel mustern kann, schüttelt meine Mutter energisch den Kopf. Das sei definitiv zu kurz. Sexy müsse es sein, klar, aber ein sechzehnter Geburtstag sei ja schließlich ein formeller Anlass, es solle nicht aussehen, als käme ich gerade vom Kinderstrich.

Meine Mutter lacht, die Verkäuferin reicht mir verunsichert etwas länger Geschnittenes zum Probieren. Ich verlasse darin die Kabine, die Verkäuferin schaut zuversichtlich, meine Mutter ist wieder unzufrieden. Zu konservativ, es solle auch nicht aussehen, als käme ich gerade aus der Klosterschule. Meine Mutter lacht wieder, während sie das sagt, aber die Verkäuferin merkt, dass es ernst wird, und gerät ins Schwitzen.

Das dritte Kleid, das die Verkäuferin in petto hat, gefällt meiner Mutter wieder nicht, absolut nicht. Sackartig, sagt sie, als ich mich vorm Spiegel drehe, sowas würde ich nicht mal zum Schlafen anziehen.

Ich verziehe mich wieder in die Kabine, winde mich aus dem Sackkleid und hänge es auf den Bügel zurück, während die Verkäuferin versucht, nicht in Panik zu verfallen. Ich höre sie fragen, ob meine Mutter ihre Vision vielleicht etwas weiter konkretisieren könne, damit es ihr möglich sei, noch besser darauf einzugehen.

Das sei doch wirklich nicht so schwer. Midilänge, A-Linie, Schulterfrei. Auf jeden Fall schulterfrei, ob die Verkäuferin wisse, was das sei?

Die Verkäuferin weiß es und setzt sich sofort in Bewegung, ich höre ihre klickenden Absätze übers Parkett der Verkaufsfläche flitzen und wiederkehren.

Nach wie vor in Unterwäsche stehe ich da und sehe durch den Vorhangspalt, wie meine Mutter sich aus ihrem Thron erhebt, um eigenhändig wie einhändig die neue Auswahl zu mustern, denn mit der anderen Hand umklammert sie nach wie vor den Stiel ihres immer noch ziemlich vollen Glases, wie ein Ziervogel seine Sitzstange.

Sie hält ein Kleid nach dem anderen hoch, dreht und wendet es. Das könne doch nicht zu viel verlangt sein, ein ärmelloses Kleid zu finden, das hinten hoch genug geschnitten sei, um die Akne auf meinem Rücken zu bedecken?

Die Verkäuferin versucht mit allen Mitteln, ein Lächeln aufrechtzuerhalten.

Ob ihr das denn nicht aufgefallen sei?

Die Verkäuferin verneint vorsichtig, und ich sehe meine Mutter das Champagnerglas so vehement auf einen Beistelltisch knallen, dass es umfällt und ausläuft, was sie nicht zu bemerken scheint oder nicht weiter beachtet, denn sie kommt auf mich zu, reißt den Vorhang auf und deutet mir, mich umzudrehen, um meine verpickelte Rückseite vorzuführen. Das ist Ihnen nicht aufgefallen?

Die Dermatologin meinte, es sei stressbedingt. Ob ich unter Stress stünde? Natürlich tue ich das, ich werde sechzehn, und alle sehen dabei zu.

Sie würde eine tiefe Ausreinigung vornehmen, Wunder könne sie allerdings nicht wirken, ich müsse den Stress irgendwie in den Griff bekommen, die Behandlung sei nur Symptombekämpfung, ich sei für die Bekämpfung der Ursachen zuständig. Dann hatte sie ihre Handschuhe angezogen und begonnen, jeden Pickel einzeln mit einem glänzenden Instrument aus Edelstahl auszudrücken. Ich konnte im Spiegel dabei zusehen, wie die Pusteln eine nach der andern aufplatzten, der Eiter herausschoss und blutige Krater zurückblieben. Diese Behandlung kostet etwa so viel wie eine kleine Designer-Handtasche. Leute, die sich das nicht leisten könnten, würden sie umsonst behandeln, erzählte die Ärztin, wenn sich jene im Gegenzug dabei für ihren Video-Kanal filmen ließen. Diese Clips seien extrem beliebt, es sei kaum zu glauben.

Dann hatte sie mir eine entzündungshemmende Maske verschrieben, erst zuhause stellte ich fest, dass ich sie selbst gar nicht auftragen kann, da die Akne an genau der Stelle zwischen den Schulterblättern blüht, wo man mit den eigenen Händen nicht drankommt. Ich werde die Haushälterin bitten müssen. Sie ist neu und hat eine Verschwiegenheitsklausel in ihrem Vertrag. Ihre Vorgängerin wurde entlassen, da meine Mutter der festen Überzeugung war, sie habe Bananen aus der Küche gestohlen und heimlich ihre Handcreme benutzt, ihren im ganzen Haus verteilten Finger weg!-Klebezettelchen zum Trotz.

Die Verkäuferin wagt ein letztes Manöver und bringt das Klosterkleid erneut ins Spiel, vielleicht sei das unter den Umständen doch eine Option? Ich will zu einem Nicken ansetzen, damit das alles endlich ein Ende hat, da legt meine Mutter los. Sie muss heiß aussehen, erklärt sie der Verkäuferin in meine Richtung fuchtelnd, heißer als alle anderen! Sonst muss sie gar nicht erst auftauchen!

Die Verkäuferin steht regungslos da, während meine Mutter mir zuzischt, mich endlich anzuziehen. Beim Verlassen der Boutique steigt sie in ihren Killerabsätzen flamingoartig über die von ihr verursachte Pfütze hinweg. Draußen sehe ich durchs Schaufenster die Verkäuferin, die auf dem Boden kniend versucht, mit Papiertüchern den kleinen Champagnersee auf dem Parkett trockenzulegen.