Nur ein Glück auf Zeit? - Patricia Vandenberg - E-Book

Nur ein Glück auf Zeit? E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Dr. Norden sah beziehungsvoll zur Uhr, als er an Wendys Schreibtisch vorüberging. »Das war wieder ein Tag«, sagte diese mitfühlend, »aber Herr Fritz ist der letzte Patient für heute.« Dr. Daniel Norden war eben ein sehr beliebter Arzt. Die Patienten dankten sein Engagement und seinen unermüdlichen Einsatz mit Treue, so daß seine Praxis stets voll war. Er war ja auch zufrieden, nur an manchen Tagen wurde es dann doch zuviel. Dazu hatte er drei Hausbesuche bei akuten Notfällen machen müssen. Auf Artur Fritz aber freute er sich. Er war ein alter Herr mit unermüdlichem Humor und Zuversicht trotz seiner schweren Arthritis, die ihm starke Beschwerden bereitete. Er konnte sich nur langsam mit Gehhilfen fortbewegen. »Erschöpft sehen Sie aus, Doktor«, sagte Herr Fritz. Das war typisch für ihn, er jammerte nicht, sondern hatte einen Blick für andere. »Es war ein harter Tag. Ich glaube, ich sollte auf meine Frau hören und einen jungen Kollegen mit in die Praxis nehmen.« »Das sollten Sie wirklich. Nur wird der es schwer haben, denn die meisten Patienten würden sicher nur von ›ihrem‹ Doktor behandelt werden wollen. Wie ich zum Beispiel«

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Seitenzahl: 136

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dr. Norden Extra – 39 –Nur ein Glück auf Zeit?

Patricia Vandenberg

Dr. Norden sah beziehungsvoll zur Uhr, als er an Wendys Schreibtisch vorüberging.

»Das war wieder ein Tag«, sagte diese mitfühlend, »aber Herr Fritz ist der letzte Patient für heute.«

Dr. Daniel Norden war eben ein sehr beliebter Arzt.

Die Patienten dankten sein Engagement und seinen unermüdlichen Einsatz mit Treue, so daß seine Praxis stets voll war. Er war ja auch zufrieden, nur an manchen Tagen wurde es dann doch zuviel. Dazu hatte er drei Hausbesuche bei akuten Notfällen machen müssen.

Auf Artur Fritz aber freute er sich. Er war ein alter Herr mit unermüdlichem Humor und Zuversicht trotz seiner schweren Arthritis, die ihm starke Beschwerden bereitete. Er konnte sich nur langsam mit Gehhilfen fortbewegen.

»Erschöpft sehen Sie aus, Doktor«, sagte Herr Fritz.

Das war typisch für ihn, er jammerte nicht, sondern hatte einen Blick für andere.

»Es war ein harter Tag. Ich glaube, ich sollte auf meine Frau hören und einen jungen Kollegen mit in die Praxis nehmen.«

»Das sollten Sie wirklich. Nur wird der es schwer haben, denn die meisten Patienten würden sicher nur von ›ihrem‹ Doktor behandelt werden wollen. Wie ich zum Beispiel«, schmunzelte er.

Dr. Norden lachte. »Dann muß ich mir das aber sehr genau überlegen.« Er gab dem alten Herrn die Spritze, die er regelmäßig bekam. »Wie geht es Ihnen denn? Sind die Schmerzen erträglich?« Dr. Norden hatte ihm zusätzlich ein homöopathisches Mittel verschrieben, das sehr gut angeschlagen hatte.

»Ich bin zufrieden, Doktor«, sagte er, »wenn ich so höre, wie viele Menschen in meinem Alter in Heimen leben und völlig auf fremde Hilfe angewiesen sind, geht es mir doch noch gut. Ich kann mich allein versorgen und freue mich an so vielen Dingen.«

»Das ist schön«, sagte Dr. Norden mit Wärme.

Von seiner Frau wußte er, daß er täglich zum Mittagessen in nette Restaurants »ausging« und durch seine sympathische Art immer Gesprächspartner fand, die ihn nicht selten auch besuchten.

»Dann bis morgen, Herr Doktor, und grüßen Sie mir Ihre bezaubernde Frau. Wir trafen uns neulich. Man sieht ihr nicht im entferntesten an, daß sie Mutter von fünf Kindern ist.«

»Das Kompliment gebe ich gern weiter, das hört wohl jede Frau gern«, meinte Dr. Norden lächelnd.

Nun konnten sie die Praxis endlich schließen, und Daniel freute sich, nach Hause zu kommen.

Er wurde auch freudig und stürmisch begrüßt. Die Zwillinge Christian und Désirée wollten knuddeln und taten dies auch ausgiebig.

Fee nahm ihm die beiden endlich ab.

»Ich möchte den Papi aber auch begrüßen«, und er bekam einen zärtlichen Kuß.

»Wo sind denn unsere Großen?« wollte Daniel wissen.

»Danny geht mit Fips Gassi«, meldete Anneka, die mit den Zwillingen gespielt hatte, »und Felix übt mit Peter Mathe, sie schreiben morgen eine Arbeit.«

Danny, der Älteste der Norden-Kinder, zeigte schon ein großes, soziales Engagement.

Ein paar Häuser weiter wohnte eine alte, ebenfalls gehbehinderte Dame, deren Dackel Danny täglich ausführte, weil Frau Eberle nicht so lange mit ihm gehen konnte. Größere Einkäufe und Botengänge besorgte er ebenfalls.

Frau Eberle übte dafür mit ihm Latein, ein Fach, das Danny nicht so liebte. Er hatte zwar keine schlechten Noten, aber da es für ihn feststand, daß er einmal in die Stapfen seiner Eltern treten würde, wollte er Einser schreiben.

»Was gibt’s Neues, Feelein?« fragte Daniel, als die Zwillinge zu Bett gebracht und die drei Großen in ihren Zimmern waren. »Wie war dein Tag?«

»Der Direktor der Schule hat angerufen. In zwei Wochen ist wieder Untersuchungstermin. Insgesamt zwei Tage.«

»Wird dir das nicht zuviel, Fee? Ich sehe das eigentlich nicht so gern. Du sollst ja auch noch ein bißchen Zeit für dich haben.«

»Es geht schon. Die Kinder sind ja recht selbständig, und die Zwillinge versorgt Lenni gern mal allein. Außerdem möchte ich nicht ganz aus dem Beruf kommen.«

Fee Norden war selbst Ärztin, übte ihren Beruf jedoch nicht aus, denn die Kinder sollten nicht zu kurz kommen.

»Gerade heute hat mir Herr Fritz vorgeschlagen, doch einen jungen Kollegen mit in die Praxis zu nehmen. Da könnte ja meine schöne Frau mit aushelfen, die würden die Patienten auch liebend gern akzeptieren.«

»Darüber werde ich nachdenken! Dann können dir die attraktiven Patientinnen auch keine schönen Augen machen!«

»Das ist nun wirklich das geringste Problem«, lachte er.

»Im Ernst, Schatz, der Gedanke ist gar nicht schlecht, wenn die Kinder erst etwas größer sind…«

»Genießen wir es, daß sie noch klein sind, Fee, die Zeit vergeht so schnell, und später werden wir weitersehen. Ich komme schon zurecht.«

Er blätterte die Zeitung durch. »Gibt’s was Neues?«

»Schau mal hier.« Fee wies auf einen Artikel.

Daniel las interessiert. »Das ist doch wirklich unerhört! Um Professor Zadek hat es schon einige Skandale gegeben. Das sieht ganz und gar nach einer Intrige gegen Kristin aus. Wir kennen Kristin gut genug, um zu wissen, daß sie sich keine Nachlässigkeit zuschulden kommen läßt. Sie ist übergewissenhaft. Das geht auf das Konto Zadeks«, sagte Daniel grimmig.

In diesem Augenblick läutete das Telefon.

Daniels Miene verdüsterte sich zusehends bei dem Gespräch, das er mehrere Minuten führte, ohne selbst dabei viel zu sagen. Der Anruf war aus Hamburg gekommen. Fee wußte, daß es sich bei dem Gespräch um Dr. Kristin Westhoff drehte…

»Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen«, sagte er plötzlich aggressiv. »In diesem Fall heißt es mal wieder: den letzten beißen die Hunde! Aber Kris hat Freunde, und ich hoffe, daß sie bald nach München kommen wird.«

Dann sagte er nur noch »Tschüs« und legte auf.

Fee Norden sah ihn erwartungsvoll an. »Stimmt es, was in der Zeitung steht?«

»Es stimmt, daß die bewußte Patientin an einer Lungenembolie gestorben ist und man Kris die Schuld in die Schuhe schieben will. Der Herr Professor muß natürlich seine weiße Weste wahren!«

Wenn Daniel wütend war, neigte er dazu, auch ohne Beweise Anklagen vorzubringen.

Diesmal gab es Beweise gegen Professor Zadek, wenn auch der Fall der Patientin Brod noch nicht ganz geklärt war. Immerhin war sie eine prominente Schauspielerin. Wenn sie auch nicht mehr die jüngste gewesen war, so hätte ihr Abschied von der Bühne des Lebens dramatischer nicht sein können.

»Was ist nun mit Kris?« fragte Fee.

»Man kann ihr keine Schuld beweisen. Aber sie geht.«

»Das sollte sie nicht tun. Es sieht wie ein Schuldeingeständnis aus.«

»Sie hatte eine gerichtliche Klärung verlangt, aber Zadek hat es verhindert. Scheinheilig hat er erklärt, daß er nicht interessiert sei, Kristin die berufliche Karriere zu verbauen. Horst ist außer sich. Er hat erst mal Urlaub eingereicht, um alles zu überdenken.«

»Jedenfalls bin ich froh, daß Kris ihn und Hanna als Rückhalt hat.«

»Aber Horst ist wütend, daß er nichts gegen Zadek erreichen kann. Dieser Mann hat Beziehungen, da schnallt man ab!«

»Zadek ist doch schon weit über siebzig, oder?«

»Schätzchen, die ist er gerade erst geworden, aber das ist nicht ausschlaggebend. Jeder muß seine Grenzen kennen und abtreten, wenn die Augen nicht mehr gut sind und die Hände zu zittern beginnen. Jedenfalls hat Kris Frau Brod nicht operiert, und ich werde hören, was unsere Freundin und Kollegin zu dieser üblen Geschichte zu sagen hat.«

»Und das gerade jetzt, wo ihr Vater gestorben ist und das Gut wahrscheinlich unter den Hammer kommt«, seufzte Fee. »Wahrscheinlich weiß sie davon noch gar nichts.«

»Ein Unglück kommt selten allein. Aber Kristin ist keine Träumerin. Sie wird sich anderswo zurechtfinden.«

»Aber solch ein Schock wirkt doch nach«, warf Fee ein. »Für sie ist es sicher sehr, sehr bitter.«

»Es ist empörend, und ich werde alle meine Verbindungen spielen lassen, damit nicht der leiseste Verdacht auf ihr sitzenbleibt.«

Fee Norden wußte, daß das nicht nur Worte waren. Daniel konnte Ungerechtigkeiten nicht ertragen, und er kämpfte mit allen Mitteln dagegen.

Die, um die es ging, saß mit Dr. Horst Hagedorn und seiner Frau Hanna beim Abendessen. Nach dem Gespräch mit Daniel Norden hatte sich Horst beruhigt. Und Hanna hatte Kristin zugeredet, etwas zu essen.

»Du kannst dich deswegen nicht kaputtmachen, Kris«, sagte sie zu der aparten Ärztin. »Du stehst doch erst am Beginn einer Karriere.«

»Die schon beendet ist«, murmelte Kristin tonlos. »Aber Zadek hat es nie ertragen, daß ich nicht anbetend zu ihm aufblickte. Ich möchte aber zu gern mal wissen, was die Frauen an diesem teuflischen Kerl finden! Ich hätte längst von dort weggehen sollen.«

»Aber du bist wegen Rudolf geblieben«, sagte Horst beiläufig.

»So blöd war ich«, sagte Kristin. »Dieser verdammte Feigling! Er will es nicht mit Zadek verderben. Aber auch das ist vorbei.«

Da widersprachen Horst und Hanna nicht, denn ihnen war diese Liebe nie geheuer gewesen, wenn sie auch Kristin nicht hatten dreinreden wollen.

»Jedenfalls erwartet dich Daniel Norden so bald wie möglich, Kris, und er hat allerbeste Beziehungen, um Professor Zadek auch mal ein Süppchen einzubrocken.«

»Es gäbe genügend Beweise gegen ihn, wenn sich nur mehr Patienten oder ihre Angehörigen trauen würden, Tatsachen offenzulegen«, sagte Kris. »Aber sie haben ja Angst vor ihm, weil er gleich mit einer Gegenklage droht.«

»Es ist schlimm, daß das Vertrauen zum Arzt so untergraben wird«, warf Hanna ein. »Letztlich wird doch jeder Mediziner mißtrauisch betrachtet, wenn solche Fälle erst publik werden.«

Kristin schwieg, aber sie war jetzt ruhiger geworden. »Ich fahre übermorgen«, erklärte sie. »Ich habe nur noch ein paar Dinge zu regeln. Schwierigkeiten wird man mir ja nicht machen, wenn ich gleich meinen Urlaub nehme und dann nicht mehr wiederkomme. Bei Zadek wird das Aufatmen groß sein.«

*

Aber ganz so war es doch nicht. Professor Zadek ließ Kristin zu sich bitten und erklärte sogleich, daß ihre Reaktion ihm unverständlich sei, da man sich doch ernsthaft bemühe, sie zu rehabilitieren.

»Das kenne ich schon«, entgegnete sie kühl. »Es wird alles auf die lange Bank geschoben, damit man später bei anderen Gedächtnislücken findet. Und ich habe es ja an der Reaktion der Kollegen erlebt, wie froh alle waren, daß ein Sündenbock gefunden wurde. Aber ich werde mich erst einmal mit meinem Anwalt unterhalten… und mit einigen Patienten, die sich bisher nicht getraut haben, den Mund aufzumachen. Und ich kenne auch ein paar Krankenschwestern, die hier fortgeekelt wurden.«

»Wollen Sie mir drohen?« fragte der Professor aggressiv.

»Wie kommen Sie denn darauf? Ich sage nur, was ich unternehmen werde…, abgesehen davon, daß ich nicht mehr zu praktizieren gedenke. Ich habe hier zuviel Gift geschluckt, aber das ist nicht wörtlich gemeint, es ist nur diese Atmosphäre.«

»Ich weiß gar nicht, worauf Sie hinauswollen. Ich war doch gerade zu Ihnen sehr entgegenkommend.«

»Aber ich habe Sie nicht angehimmelt wie manche andere, und das hat Ihnen nicht gepaßt. Worauf bilden Sie sich eigentlich etwas ein?« fragte Kristin verächtlich. »Sie sollten einmal richtig in den Spiegel gucken und auch in sich hineinlauschen. Den ewigen Frühling haben auch Sie wahrhaftig nicht gepachtet.«

»Jetzt vergreifen Sie sich aber sehr im Ton!« fauchte er.

»Ich mache nur meinem Herzen Luft, und das kann ich mir leisten, weil ich keine Angst habe, daß man mich in die Wüste schickt, weil ich wage, die Wahrheit zu sagen. Ich kann nur hoffen, daß künftig niemand mehr für Ihre Kunstfehler verantwortlich gemacht wird. Guten Tag, Herr Professor.«

»Sie können nicht so einfach gehen!« stieß er drohend hervor.

»O doch, das kann ich. Ich trete meinen Urlaub an, und meine Kündigung liegt bereits vor. Jetzt bin ich Ihnen doch einmal zuvorgekommen, und wenn Sie es auf einen Rechtsstreit ankommen lassen wollen, können Sie ihn haben.«

Gleich darauf fiel hinter ihr die Tür ins Schloß, so laut, daß zwei Schwestern stehenblieben und sich umdrehten.

Kristin nickte ihnen zu. »Adieu«, sagte sie und ging.

Professor Zadek kochte vor Wut, aber er wußte, daß er nichts gegen Kristin unternehmen konnte, sollte der Bumerang nicht auf ihn zurückfliegen.

Da war eine bange Ahnung, ein unbehagliches Gefühl in ihm, wenn er es auch nicht wahrhaben wollte. Aber sein überhebliches Lächeln, mit dem er herumstolzierte, wirkte an diesem Tag doch sehr gequält. Die Schwestern tuschelten, während die Ärzte auch nicht gerade zuversichtlich schauten.

Dr. Rudolf Becker mußte es sich gefallen lassen, daß über ihn gespottet wurde, weil er seine schöne Kris nicht hatte beeinflussen können.

»Paß bloß auf, daß sie dir aus Rache nicht einen Strick dreht«, sagte ein Kollege anzüglich, aber in ihm saß der Stachel, da Kris ihn so verächtlich zurückgewiesen hatte bei seinem Vermittlungsversuch. Feigling und Kriecher hatte sie ihn genannt. Und wahrscheinlich würde er auch mal ein so gewissenloser Arzt werden wie Professor Zadek.

*

Kristin hatte ihre Wohnung bereits gekündigt. Ihre Vermieterin bedauerte es sehr, daß sie Hamburg verlassen wollte. Aber auch sie hatte aus der Zeitung erfahren, was in der Klinik vorgefallen war.

»Warum gehen Sie nicht vor Gericht, Frau Doktor?« fragte sie. »Dieser Professor hat doch keinen besonderen Ruf.«

»Das darf man aber nicht laut sagen, sonst bekommt man Schwierigkeiten mit der Obrigkeit«, erwiderte Kristin. »Da müßten schon wenigstens ein Dutzend anklagen, daß Gehör geschenkt wird. Von den Kollegen wagt es keiner, meine Partei zu ergreifen.«

»Ärzte haben aber doch einen besonderen Ehrenkodex.«

»Es fragt sich nur, wie sie den selbst auslegen. Aber ich werfe nicht alle in einen Topf. Ich werde in meiner Heimat Ärzte treffen, die über jede Kritik erhaben sind. Und ich habe schon oft bedauert, daß ich nicht dort blieb, wo meine Heimat ist.«

Sie sagte nicht, daß sie aus persönlichen und schwerwiegenden Gründen fortgegangen war.

Dr. Norden und seine Frau kannten diese Gründe, und sie hatten es damals auch verstanden, daß Kristin wegging.

Carla Westhoff, die Mutter, war verstorben, als Kristin siebzehn gewesen war und ihr Bruder Joachim fünfzehn. Drei Jahre später verunglückte Joachim beim Skifahren so schwer, daß er an den Verletzungen sechs Monate später starb. So lange hatte er im Koma gelegen. Raimund Westhoff war zu einem Einsiedler auf seinem Gut geworden, das er ohnehin nur mit Mühe und Not über die Runden brachte, weil er seine Schwester Hortense hatte auszahlen müssen, die sich im Alter von vierzig Jahren doch noch zur Heirat entschlossen hatte… und das mit einem Mann, der wahrlich nicht der seriöseste war. Aber er war adlig, und Hortense hatte auf das »von« gewartet. Allerdings mußte man auch sagen, daß sie keine Vorzüge hatte, die ins Auge stachen, und es hatten sich nur wenige Bewerber für sie interessiert. Aber Hortense war nicht der Grund für Kristins Fortgang gewesen. Sie hatte ihre erste Enttäuschung erlebt. Der Mann, den sie heimlich liebte, hatte eine andere geheiratet… und das zu der Zeit, als sie ihren Doktor mit summa cum laude gemacht hatte.

Es gab viele Widerstände in Kristins Leben, denn ihr Vater war nicht damit einverstanden gewesen, daß sie Medizin studierte. Er zeigte noch weniger Verständnis, daß sie dann fortging vom elterlichen Gut, da er doch so vereinsamt war.

Aber Kristin wollte frei sein, Abstand gewinnen. Sie trauerte auch nicht mehr der unglücklichen Liebe nach, die wohl doch mehr eine Mädchenschwärmerei gewesen war. Sie hatte dann in Rudolf Becker einen Partner gefunden, mit dem sie sich verstand. Jedenfalls so lange, bis es eben zu der Bewährungsprobe kam. Nun hatte Kristin, wie man so sagte, die Nase voll. Aber sie war nicht resigniert, sie war zornig.

Sie war nicht nur zornig auf Professor Zadek, auf Becker und andere Kollegen, sondern auch auf sich selbst, während sie mit ihrem vollgepackten Wagen gen Süden fuhr. Sie war zornig auf sich, weil sie es unterlassen hatte, gegen Zadek vorzugehen, obgleich er der eigentlich Schuldige am Tode von Hella Brod war.

Bin ich nicht auch feige? fragte sie sich. Soll ich wirklich alles hinwerfen wegen dieser Geschichte? Werde ich nicht stets daran denken müssen, was Zadek noch alles verbockt, wenn er noch länger operiert? Darf man das eigentlich zulassen? Aber es gab ja keinen Kollegen, der ihr beigepflichtet hätte. Und die Patienten?

Dann sagte sie sich wieder, daß sie mit Daniel und Fee Norden sprechen wollte, bevor sie sich weiter in ihren Zorn verrannte.

Und je näher sie heimatlichen Gefilden kam, desto ruhiger wurde sie. Aber zu allererst wollte sie doch nach Gut Hohenbuchen fahren, und sich dort richtig ausschlafen.

Dann sah sie es vor sich. Eingebettet lag das Gutshaus, dieses wunderschöne Anwesen, in die hügelige Vorgebirgslandschaft. Hier war Kris geboren und aufgewachsen, und sie war ein glückliches Kind gewesen. Sie hatte ihren jüngeren Bruder über alles geliebt und auf ihn aufgepaßt.

Sie dachte an Joachim, als sie aus ihrem Wagen stieg, aber da kam schon Vroni, die Haushälterin, aus dem Haus gelaufen.

»Sie ist da, sie ist da!« schluchzte sie. Tränen rannen über ihr Gesicht, als Kristin sie umarmte.